Der erste baskische Staat
Die Vaskonen waren ein vor-römisches Volk (oder ein Stamm), das in den heutigen Gebieten von Nafarroa, Gipuzkoa, Rioja und Aragon lebte. Vor genau 1.200 Jahren begannen diese Baskonen in Nafarroa eine unabhängige Staatstätigkeit, die acht Jahrhunderte währen sollte – der erste und bisher einzige baskische Staat: das Königreich Iruñea (Pamplona), später Königreich Navarra genannt. Die Unabhängigkeits-Bewegung des 21. Jahrhunderts hat diese Geschichte nicht vergessen. Nafarroa, die baskische Wiege.
Im Jahr 824 gelang es den Vaskonen, das Königreich Iruñea zu gründen, das später Nafarroa genannt wurde Es sollte acht Jahrhunderte lang als Staat bestehen. Die Geschichte dieser 800 Jahre ist die Geschichte eines ständigen Kampfes um Unabhängigkeit.
Vor 1200 Jahren (824 / 2024), gelang es den Vaskonen, die Herrschaft ihrer fränkischen Nachbarn und des muslimischen Emirats von Córdoba abzuschütteln und das Königreich Iruñea zu gründen, später Nafarroa genannt. Seine Existenz über acht Jahrhunderte endete im 16. Jahrhundert mit der Eroberung durch das aufkommende Königreich Kastilien. Der verbleibende nördliche Teil wurde 1620 der frankisch-französischen Krone einverleibt. (1)
In den vergangenen Jahren wurde der fünfhundertste Jahrestag der kastilischen (spanischen) Eroberung des Königreichs Nafarroa (1512 / 1524) begangen. Und obwohl dieses bewaffnete Ereignis fünf Jahrhunderte der kastilisch-spanischer Herrschaft bedeutete, hatte das alte Königreich in Wahrheit eine viel längere Geschichte als unabhängiger Staat: insgesamt 800 Jahre.
Es wird davon ausgegangen, dass diese acht Jahrhunderte mit der zweiten Schlacht von Orreaga begannen, die 824, erneut gegen die Franken (gegen einen Nachkommen von Karl dem Großen) stattfand und mit der es den Vaskonen gelang, sich endgültig von der Herrschaft ihrer mächtigen Nachbarn zu befreien. So entstand das Königreich Iruñea (Pamplona), an dessen Spitze die Dynastie der Aritza stand, die von Eneko ins Leben gerufen wurde, dem sein Sohn García Iñiguez und sein Enkel Fortún auf den Thron folgten.
Dieser neue unabhängige Staat begann mit Gebieten, die sich ungefähr vom heutigen Elizondo bis Altsasu über Tafalla und Zangoza bis zu den heutigen aragonischen Gebieten erstreckten, mit Iruñea als Hauptstadt. Nachdem es gelungen war, dieses im Entstehen begriffene Königreich Iruñea fast ein Jahrhundert lang am Leben zu erhalten, kam es im Jahr 905 zu einem abrupten Wechsel auf dem Thron. Es ist nicht klar, ob es sich um eine Entscheidung Fortuns handelte oder um eine Art Staatsstreich, aber in diesem Jahr übernahm Sancho Garcés I. die Herrschaft über das Reich und begründete damit die Jimena-Dynastie.
Sancho Garcés I. begann eine Expansion des Königreichs auf Kosten der muslimischen Herrscher von Córdoba, die das Königreich zwar mehrmals angriffen und 924 sogar Iruñea (Pamplona) dem Erdboden gleichmachten. Doch die Ausweitung des Einflussgebietes konnte nicht aufgehalten werden. Hundert Jahre später, unter der Herrschaft von Sancho el Mayor, erreichte das Königreich Iruñea die größte territoriale Ausdehnung seiner Geschichte. Als er im Jahr 1004 den Thron bestieg, erstreckte sich sein Staat von den Pyrenäen bis in die Nähe von Lizarra, einschließlich der Provinzen Gipuzkoa, Bizkaia und Araba, der Grafschaft Aragon und der Region La Rioja. Naiara (heute La Rioja) war die Hauptstadt des Königreichs.
Aufgrund seiner Politik der Verheiratungen war Sancho der Große am Ende seiner Herrschaft im Jahr 1032 Monarch “in Pamplona und Aragon, in Sobrarbe und Ribagorza, in der ganzen Gascogne und in Kastilien (damals deutlich kleiner, der Süden der Halbinsel war musulmanisch), außerdem regierte er in León und Astorga von Gottes Gnaden“, wie es in einer Schenkung an das damalige Kloster von Leire heißt.
Vereinigung mit Aragon
Nach seinem Tod wurden diese Ländereien unter seinen Söhnen aufgeteilt, wobei der Älteste, García von Nájera, der Herrscher über alle Ländereien war. Einige Brüder von García akzeptierten diese Situation jedoch nicht, so dass aus diesem gemeinsamen Gebiet schließlich vier Königreiche hervorgingen. Kastilien wurde zum Hauptfeind des Königreichs Iruñea, die dortigen Herrscher waren mehr oder weniger am gewaltsamen Tod von García de Nájera und seinem Nachfolger Sancho el de Peñalén beteiligt, was zum Verlust der Gebiete von La Rioja bzw. zur Vereinigung Navarras mit dem Königreich Aragonien im Jahr 1076 durch Sancho Ramírez führte.
Die Union mit Aragonien dauerte bis 1134, als der Adel von Iruñea und Aragonien den letzten Willen von Alfonso el Batallador (Alfons der Kämpfer) nicht akzeptierte, den christlichen Militärorden Königreiche zuzusprechen, die er durch die Rückgewinnung von Gebieten aus Kastilien und auf Kosten der muslimischen Taifa-Königreiche gewonnen hatte.
Dank dieser Aktion der Adligen hatte Iruñea mit García Ramírez dem Restaurator und dessen Nachfolgern Sancho VI. dem Weisen und Sancho VII. dem Starken (el Fuerte) wieder einen eigenen Herrscher. Trotz seines Ruhmes als großer Krieger verlor einer der bekanntesten Könige Navarras in der Geschichte im Jahr 1200 das “maritime Nafarroa“ (gemeint sind die an der Küste liegenden navarrischen Provinzen Bizkaia und Gipuzkoa) an das unersättliche Kastilien, trotz der Kriegs-Anstrengungen seines Vaters, Sancho VI. des Weisen, der während seiner Herrschaft Vitoria, an der Stelle von Gasteiz, und Donostia gegründet hatte. Der letztgenannte Herrscher änderte den Namen des Königreichs Iruñea in Nafarroa und kompensierte seine territorialen Verluste an Kastilien, indem er sein Einflussgebiet nördlich der Pyrenäen ausdehnte.
Unter französischer Herrschaft
Der Tod des kinderlosen Sancho dem Starken im Jahr 1234 bedeutete das Ende der Jimena-Dynastie und den Beginn der Herrschaft des Hauses Champagne, mit dem die Monarchie von Navarra verwandt war. Mit den beiden Theobald(en) und Heinrich I. kamen Herrscher auf den Thron „“aus einem fremden Ort, mit einer fremden Sprache“.
Heinrichs Tochter Johanna heiratete schließlich den gallischen (fränkischen) König Philipp den Schönen, was dazu führte, dass Nafarroa zwischen 1274 und 1328 unter französischer Herrschaft stand, konkret unter der Herrschaft von Johannas Söhnen: Ludwig el Hutin (dem Eigenwilligen), Philipp dem Langen und Karl dem Kahlen. Die beiden letztgenannten erklärten sich selbst zu Königen von Navarra, obwohl der eigentliche Erbe Ludwigs dessen Tochter Johanna war, die sie auf den Thron verdrängten.
Der Tod Karls des Kahlen ohne männliche Nachkommen und ohne Brüder erleichterte die Trennung der navarrischen von der französischen Krone, wobei auch der Wille der Navarrer, eine eigene Königin zu haben, eine Rolle spielte. Die Tochter Ludwigs I. wurde schließlich als Juana II. in der Kathedrale von Iruñea gekrönt und begründete die Dynastie der Evreux, die unter Karl II. eine besonders turbulente und unter Karl III. dem Edlen eine weitaus friedlichere Herrschaft erleben sollte. Unter ihrer Herrschaft wuchs Navarra, wie auch das Haus Champagne, mit den Herrschafts-Gebieten seiner Herrscher im heutigen französischen Staat, auch wenn es einige davon wieder an die fränkische Krone verlor.
Ein zerbrochenes Königreich
Gleichzeitig wurden auch die Grundlagen für eine für die Zukunft des Königreichs verhängnisvolle Spaltung gelegt. Karl III. stattete die verschiedenen unehelichen Kinder (bastardos) der Familie von Evreux mit Privilegien aus, aus denen zwei rivalisierende Adels-Familien hervorgingen: die Beaumontes und die Agramontes.
Juan II., Ehemann von Königin Blanche und Nachfolger von Karl III., nutzte diese Spaltung, um seinen Sohn Karl, Prinz von Viana und Erbe seiner Mutter, an der Thronbesteigung zu hindern, indem er ein umstrittenes Testament seiner Gemahlin als Vorwand benutzte. Auf diese Weise eignete er sich einen Thron an, der ihm nicht gehörte.
Dieser Schachzug führte 1451 zum Ausbruch eines Bürgerkriegs zwischen Vater und Sohn, der das Königreich zerriss und an dessen Ende sich Juan II. mit Unterstützung der Agramontes durchsetzte. Im Jahr 1461 starb der Prinz von Viana unter dem Verdacht einer Vergiftung, wie später auch seine Schwester Blanca.
Nachdem er Navarra zur Durchsetzung seiner persönlichen Interessen in Kastilien und Aragonien benutzt und zerschlagen hatte, starb Juan II. am 19. Januar 1479 nach 52 Jahren Herrschaft. Nachfolgerin wurde seine Tochter Leonor, die nur fünfzehn Tage regierte, nämlich vom 28. Januar bis zum 12. Februar 1479.
Das Königreich erbte Juans Enkel Francisco Febo, der im Alter von 11 Jahren den Thron von Navarra bestieg und nur vier Jahre später in der Burg von Pau, der Domäne seines Großvaters Gaston de Foix, vermutlich vergiftet wurde. Alle Augen richteten sich damals auf Ferdinand von Aragon, den Halbbruder der Großmutter Eleonore, der noch machthungriger war als sein Vater Juan und der es bereits auf Nafarroa abgesehen hatte.
Nachfolgerin von Franz (Francisco) wurde seine Schwester Katharina von Foix (Catalina), die Johannes von Albret (Juan) heiratete und damit die navarrischen Herrschaftsgebiete im heutigen Frankreich weiter ausbaute. Der Graf von Lerín wurde mit Unterstützung der Katholischen Könige Kastiliens zu ihrem Alptraum, bis der Tod von Isabella von Kastilien 1504 der Vormundschaft der Katholischen Könige über die Navarresen ein Ende setzte und es ihnen gelang, das Königreich durch die Vertreibung des aufständischen Luis de Beaumont zu befrieden.
Doch nach dem Tod seines Schwiegersohns Philipp des Schönen (Felipe el Hermoso), der wahrscheinlich ebenfalls vergiftet wurde, übernahm Fernando, König von Aragonien, erneut die Herrschaft über Kastilien. Seine Tochter Johanna wurde für verrückt erklärt und von der Krone entfernt. Zu diesem Zeitpunkt beschloss Ferdinand der Katholik, in das befriedete Navarra einzufallen.
Ende der Unabhängigkeit
Aufgrund des Widerstands der Navarrer zog sich diese militärische Eroberung Kastiliens zwischen 1512 und 1524 in die Länge. Die Navarrer waren Katharina und später ihrem Sohn Enrique II el Sangüesino treu (Heinrich II. aus Sangüesa). Das unabhängige Königreich blieb in Nieder-Navarra (heute Iparralde) und der benachbarten Bearne-Region erhalten, Das Rest-Reich wurde weiterhin bedroht durch die kastilischen Herrscher Karl V. und Philipp II. Carlos V und Felipe II), es wurde regiert von Juana III (Johanna III.) und ihrem Sohn Heinrich III. (Enrique III), der schließlich 1589 als Enrique IV (Heinrich IV.) König von Frankreich wurde.
Enrique IV hielt die Kronen Navarras und Frankreichs getrennt. Doch nachdem er 1610 in Paris von einem Ultra-Katholiken namens Ravaillac erstochen worden war, erzwang sein Nachfolger Louis XIII (Ludwig XIII.) zehn Jahre später die Eingliederung des bis dahin unabhängigen Königreichs Nafarroa ins Franken-Reich.
Mit dieser Entscheidung des fränkischen Monarchen und der kastilischen Eroberung im vorangegangenen Jahrhundert endete die acht Jahrhunderte währende Geschichte Nafarroas als unabhängiges Königreich. Eine Geschichte, die in der heutigen baskischen Gesellschaft noch überaus präsent ist, verbunden mit einem Blick in die Zukunft. Dabei wird an die wechselvolle Vergangenheit erinnert, die vor 1 200 Jahren in Orreaga begann.
Die Orreaga Schlachten
Die Geschichte der beiden Schlachten, die die Vaskonen in Orreaga erst 778 gegen Karl den Großen und 46 Jahre später gegen einen Nachfahren des Kaisers für sich entschieden, sind in einem weiteren Beitrag bei Baskultur.info ausgeführt. Die zweite Schlacht von 824 war die Vorgeschichte zur Gründung des ersten baskischen Staates, dem Königreich Iruñea. Der Artikel trägt den Titel "Schlachten von Orreaga. Basken gegen Karl den Großen". (LINK)
ANMERKUNGEN:
(1) ”Los vascones iniciaban hace 1.200 años en Nafarroa ocho siglos de Estado independiente” (Vor 1.200 Jahren begannen die Vaskonen in Navarra eine acht Jahrhunderte währende unabhängige Staatstätigkeit). Tageszeitung Gara, 2024-08-15 (LINK)
(2) “Schlachten von Orreaga – Basken gegen Karl den Großen“, Baskultur.info, 2024-08-15 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Aritza Krönung (naiz)
(2) Burg Amaiur (trip navarra)
(3) Navarra Karte (diario navarra)
(4) Snacho Mayor (naiz)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-08-17)
