NS-Elitesoldaten und Verbrechen
Entgegen anderen Darstellungen in der deutschen Militär-Geschichts-Schreibung war die Legion Condor für sämtliche Angriffe an der spanischen Nordfront (Baskenland, Asturien) verantwortlich. Terrorangriffe gehörten zum erprobten und bewährten Repertoire der Legion Condor. Auch die Angriffe auf Gernika oder Almeria waren geplante Terrorangriffe. Solcherart von Angriffen hatten keine militärstrategischen Ziele, sie dienten allein der Demoralisierung der Zivilbevölkerung. Teil 1: Deutsche Kriegsziele.
NS-Elitesoldaten und Verbrechen: die Legion Condor - "Da hat, als der Ordnung Bote, der Deutsche Hilfe gebracht." (Titel des Essays über die Verbrechen der Legion Condor im Spanienkrieg 1936-1939. Autor Hubert Brieden. Bisher unveröffentlicht. Teil 1) (*)
“NS-Elitesoldaten und Verbrechen: die Legion Condor” ist eine Abhandlung von Hubert Brieden über die Rolle der Nazi-Flugstaffel im Spanienkrieg, veröffentlicht auf der Webseite des Arbeitskreises Regionalgeschichte Neustadt am Rübenberge. Baskultur.info publiziert den Text in drei Teilen. Der erste Teil trägt den Titel “Täter werden zu Opfern” (LINK), der zweite Teil: “Terror gegen Zivilbevölkerung” (LINK), Teil 3: “Misshandlung republikanischer Frauen” (LINK).
Prolog
"Wir alle wollen den Frieden, auch ich, der den Spanienkrieg als kleiner Gefreiter erlebt hat. Gott gebe es, dass mich die Heimat nicht einmal ruft, um gegen ein anderes Volk die Waffe zur Hand nehmen zu müssen. Aber wenn es wieder einmal heißen sollte, gegen den Bolschewismus und seinen jüdischen Bazillenträger zum Gewehr zu greifen, dann bin ich bei den ersten Freiwilligen, die sich melden, sei es für mein heißgeliebtes heiliges deutsches Vaterland, oder sei es für ein anderes Volk, das bestrebt ist, sich von der bolschewistischen Geisel zu befreien." (Klaus Kohler, Angehöriger der Legion Condor, 1939) (1)
"Wir zogen übers weite Meer ins fremde Spanierland / zu kämpfen für der Freiheit Ehr', weil Hass und Krieg entbrannt. / Hier herrschten Marxisten und Rote, der Pöbel, der hatte die Macht. / Da hat, als der Ordnung Bote, der Deutsche Hilfe gebracht. (aus: Parademarsch der Legion Condor, 1939) (2)
"Jenseits der Hügel sahen wir Guernica selbst. Ein irgendwie mechanistisch wirkendes Gestell-Ensemble. Aus jedem Fenster schlugen Flammen, wo Dächer gewesen waren, riesige Flammen." (George L. Steer: britischer Journalist und Augenzeuge, 1937) (3)
Täter werden zu Opfern
Erst ab Mitte August 1937 konnte Klaus Köhler als Angehöriger einer Flak-Einheit der Legion Condor den "Bolschewismus und seinen jüdischen Bazillenträger" in Spanien bekämpfen. (4) Die Vernichtung der baskischen Stadt Gernika/Guernica am 26. April 1937 unter Regie der Legion Condor, die weltweit Entsetzen auslöste, hatte er also nicht selber miterleben können und die Ruinen vermutlich auch nicht zu sehen bekommen, obwohl er gleich nach seiner Ankunft zunächst noch in den letzten Kämpfen an der Nordfront in Asturien eingesetzt war. (5) Der Name Gernika war nicht nur durch die Reportagen des britischen Journalisten George L. Steer in verschiedenen internationalen Zeitungen weltweit bekannt geworden, die Köhler vermutlich nicht gelesen hatte. (6) Auch in deutschen Massenmedien, selbst in Provinzblättern, war über die Zerstörung Gernikas ausführlich berichtet worden. Allerdings hieß es dort, Deutsche seien für die Verwüstungen nicht verantwortlich. In der Wochenschau zeigte man dem Kinopublikum Filmaufnahmen der zerstörten Stadt, unterlegt mit dramatischer Musik und Propagandatexten: "Das sind die Ruinen der altspanischen Stadt Guernica, wenige Stunden nachdem die bolschewistischen Mordbrenner von den nationalen Truppen vertrieben worden waren. Die jüdische Lügenpresse behauptet, deutsche Flugzeuge hätten die Stadt bombardiert. Jedoch musste die internationale Weltpresse diese Meldung sehr bald als Pressemanöver der Bolschewisten brandmarken, welche selber die gesamte Stadt beim Verlassen Haus für Haus niedergebrannt hatten." (7) Alles war gelogen. Weder handelte es sich um eine altspanische Stadt, sondern um das kulturelle Zentrum des Baskenlandes, noch haben "Bolschewisten" die Stadt niedergebrannt. Die katholischen baskischen Opfer wurden zu Tätern gemacht und nur die "jüdisch-bolschewistische Lügenpresse" machte demnach die Deutschen verantwortlich. Die Täter brauchten Sündenbocke, um sich als Opfer inszenieren zu können.
Intern schätzte die Condor-Führung den Angriff als Erfolg ein. (8) Deutsche Soldaten, die die Ruinen gesehen hatten, wussten, dass die franquistische und deutsche Propaganda nicht der Wahrheit entsprach. So notierte ein Condor-Angehöriger: "Heute fuhren wir nach Guernica. Es ist restlos zerstört und zwar nicht, wie die hiesigen Zeitungen schreiben durch rote Brandhorden, sondern durch deutsche und italienische Bomber. Unser aller Ansicht nach ist es eine unerhörte Schweinerei, eine Stadt wie Guernica, militärisch unwichtig, so zu zerstören. Unter den Trümmern ruhen bestimmt noch mehrere tausend Tote, überflüssige Opfer. Überall rauchende Trümmer, Bombenlöcher, leere Fassaden." (9) Ob ansonsten in der Truppe noch viel über den Angriff geredet wurde, ist nicht bekannt. Fotos von der spektakularen Trümmerlandschaft wurden jedenfalls gemacht und in Fotoalben präsentiert. (10)
Obwohl der Name Gernika auch durch deutsche Medien bekannt gemacht worden war, tauchte er im Tagebuch des "Kriegsfreiwilligen" Klaus Köhler nirgends auf. Stattdessen beschreibt er ausgiebig Gräueltaten der Gegenseite, von denen er aus glaubwürdigen Quellen gehört habe oder deren Folgen er selber habe beobachten können, um so seinen Einsatz in Spanien zu rechtfertigen. (11) Von Grausamkeiten der vorrückenden Franco-Truppen, von der Rache der Sieger, ist dagegen nie die Rede. Auch die verheerenden Folgen der Beschießung von Bodenzielen, darunter auch Ortschaften, mit Flugabwehrkanonen, wie sie Köhlers Einheit praktizierte, werden nicht konkret beschrieben. Die blutigen Folgen des eigenen kriegerischen Tuns bleiben ausgespart.
"Der Krieg", so die gern zitierte These des preußischen Heeresreformers Carl von Clausewitz, sei "eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln". Dabei war ihm durchaus bewusst, dass Kriegsverläufe auf "die politischen Absichten" zurückwirken und diese verändern konnen. (12) Reden wir von Verbrechen der Legion Condor, müssen wir sowohl Politik und Kriegsziele der NS-Regierung in den Blick nehmen, um einzelne militärische Aktionen – etwa die Vernichtung von Gernika – beurteilen zu können, als auch die Folgen des gesamten Einsatzes, vor allem für die Zivilbevölkerung, zur Kenntnis nehmen.
Deutsche Kriegsziele
Die deutsche Unterstützung eines Militärputsches gegen die spanische Republik und die Kriegspolitik in Spanien kann nur im Rahmen der Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges verstanden werden: Falls England, Frankreich und Italien an einem zukünftigen europäischen Krieg beteiligt sein sollten, käme Spanien bei der Kontrolle sämtlicher Seeverbindungen zwischen Atlantik und Mittelmeer und damit der Verbindungslinien nach Nordafrika und in den Nahen Osten eine Schlüsselstellung zu. (13) Außerdem sollte unter allen Umständen verhindert werden, dass sich neben Frankreich ein zweites von einer linken Volksfront regiertes Land etablierte.
In Spanien konnten praktische Kriegserfahrungen gesammelt und systematisch neue Waffenmuster erprobt werden; wurden diese für tauglich befunden, gingen sie in Serienproduktion. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges verfügten fast alle eingesetzten Flug-, Panzer- und Flak-Verbände über einen Kern fronterfahrenen Personals. Die Erfahrungen des Kernstücks der Legion Condor, der Fliegertruppe, und besonders das in Spanien perfektionierte Zusammenspiel zwischen Luftwaffe und schnellen Vorstößen von Panzereinheiten und Infanterie trugen wesentlich zu den "Blitzsiegen" zu Beginn des Zweiten Weltkrieges bei. Darüber hinaus studierte die Legion Condor auch die psychologischen Auswirkungen von Flächen-Bombardements und Terrorangriffen auf die Zivilbevölkerung. So nannte Oberleutnant Karl von Knauer, der auch beim Angriff auf Gernika beteiligt war, in einer Analyse des Spanieneinsatzes "Regierung und Bevölkerung (Städte)" ausdrücklich als Ziele von Luftangriffen und führte dazu aus: "Durch fortdauernde Angriffe kleiner Einheiten gegen einzelne Städte wurde die Bevölkerung tief beeindruckt und verängstigt, vor allem dort, wo sie den Eindruck gewinnen musste, dass ihre Luftverteidigung völlig unzureichend war." (14) Bombardierungen von zivilen Wohnvierteln und unverteidigten Städten waren kein Versehen, sondern lagen im Kalkül der Legion Condor. Verunsicherung und Terrorisierung der republikanischen Bevölkerung waren strategische Ziele. Ein demokratisch-republikanisches oder womöglich revolutionäres Spanien wäre im kommenden Krieg ein Unsicherheitsfaktor, den es zu eliminieren galt. Hasserfüllter Antisemitismus und Antikommunismus / Antibolschewismus, wie er in der Wehrmacht geschult wurde und verbreitet war, musste auch die letzten Skrupel beseitigen. (15) Das Ziel: Der "jüdisch-bolschewistische Untermensch", der politische Gegner, kurz: "die Roten" mussten ausgemerzt werden. In Spanien stellte die deutsche Luftwaffe, die sich als NS-Elitetruppe verstand, unter Beweis, dass sie in der Lage war, diese politischen Ziele militärisch durchzusetzen.
Eskalation der Gewalt: Republik, Bürgerkrieg, internationaler Krieg
Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten war Spanien zu Beginn des 20. Jahrhunderts in jeder Hinsicht zurückgeblieben. Auf dem Lande herrschten vielfach noch halbfeudale Verhältnisse. Großgrundbesitz, katholische Kirche und Militär dominierten das gesellschaftliche Leben, Institutionen, die seit Jahrhunderten eng mit den extrem gewalttätigen kolonialen Eroberungen Spaniens verknüpft waren. Doch der gigantische Kolonialbesitz Spaniens und die daraus resultierenden Einkünfte waren nicht zur Modernisierung und Industrialisierung des Landes genutzt worden. Dazu hatte für die Eliten keine Veranlassung bestanden; sie klammerten sich an die gewohnten Einkünfte, ihren feudalen Lebensstil und ihre Privilegien. Zwar waren in Großstädten wie Madrid, Barcelona oder Bilbao Industriebetriebe entstanden und damit auch ein liberales Bürgertum und Organisationen der Arbeiterbewegung. Diese Entwicklung blieb aber auf wenige Zentren beschränkt. Sowohl auf dem Lande als auch in den Städten grassierte das Elend. "Von den 11 Millionen Erwerbstätigen, die Spanien 1931 zählte, waren schätzungsweise 8 Millionen 'Arme', die sich gerade über Wasser halten konnten". (16) Diesen Menschen wurden nicht nur ausreichende Einkünfte, sondern auch Bildung und politische Rechte vorenthalten. Analphabetismus war weit verbreitet, besonders unter Frauen, denen jegliche Gleichberechtigung verweigert wurde. Die sozialen und politischen Gegensatze spitzten sich immer mehr zu. Hinzu kamen die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929. Die traditionelle Reaktion der herrschenden Kräfte zur Unterdrückung sozialer und republikanisch-demokratischer Forderungen, die Anwendung von Gewalt, konnte die Krise der Monarchie nicht mehr aufhalten. Am 14. April 1931 wurde die Republik ausgerufen, in deren erster Phase die Regierung versuchte, Reformen zur Modernisierung der Gesellschaft – besonders eine Landreform – durchzusetzen. Frauen wurden in der neuen Verfassung erstmals gleiche Rechte eingeräumt.
Doch die traditionellen Mächte – Großgrundbesitz, Militär und katholische Kirche – wollten sich mit den Veränderungen nicht abfinden. Schon 1934 gewann die sich neu formierte Rechte die Wahlen und machte wesentliche Reformen weitgehend wieder rückgängig. Es kam, wie es kommen musste: Die sozialen und politischen Gegensätze eskalierten. Ein Arbeiteraufstand im Oktober 1934 forderte sozialrevolutionäre, republikanische und föderale Veränderungen. Wieder griff das Militär ein. Bei bewaffneten Kämpfen in Asturien und Katalonien kamen mehr als tausend Menschen ums Leben. (17) Verantwortlich für die blutige Niederschlagung des Aufstandes in Asturien war ein General namens Francisco Franco, der bereits Erfahrungen in den Kolonialkriegen gesammelt hatte. Tausende von Menschen, vor allem aus den Arbeiterorganisationen, saßen in den Gefängnissen. Angesichts dieser Repression bildeten Liberale und Linke ein neues republikanisches Bündnis, an dem sich diesmal auch die großen anarchistischen Arbeiter-Organisationen beteiligten. Am 16. Februar 1936 gewann die Volksfront die Wahlen. Die Rechte wollte sich damit nicht abfinden und begann sofort mit den Vorbereitungen für einen Militärputsch gegen die Republik.
In der Nacht vom 17. zum 18. Juli 1936 war es so weit. Ausgangspunkt des Angriffs auf die Republik waren Kolonialtruppen in Spanisch-Marokko, die bald auch von Einheiten auf der spanischen Halbinsel unterstützt wurden. Doch es lief nicht alles wie geplant. Teile der Armee – besonders der Marine und die Luftwaffe – blieben republiktreu und die gut organisierten Arbeiter-Organisationen nahmen sofort den Kampf gegen die Putschisten auf. Vor allem in den Großstädten Madrid und Barcelona stürmten die schnell gebildeten Arbeitermilizen die Kasernen, bewaffneten sich und verbrüderten sich – wenn möglich – mit den Soldaten. Bewaffneter Widerstand von putschenden Militäreinheiten wurde gebrochen. Der Bürgerkrieg hatte begonnen. Dieser "war Folge eines von nationalistischen, traditionalistischen, falangistisch-faschistischen und konservativ-katholischen Kräften getragenen und von Militärs geführten fehlgeschlagenen Putsches gegen die zweite Republik." (18)
In einem der deutschen Luftwaffen-Führung im Jahr 1940 vorgelegten Auswertungsbericht heißt es: "Das Ergebnis des Militärputsches war im Großen und Ganzen gesehen ein Misserfolg (…) Nur in 13 von 47 Garnisonen – und unter diesen 13 befanden sich nicht die wichtigsten – machte der Aufstand Fortschritte. Es war jedoch von größter Wichtigkeit, dass sich das gesamte spanische Marokko mit seinen gut ausgebildeten und ausgerüsteten Truppenverbänden vollkommen General Franco anschloss." (19) Doch dessen Kolonialtruppen saßen in Spanisch-Marokko fest, weil, die Marine die marokkanischen Häfen blockierte.
"Hier wird jetzt in alter Frische aufgemischt." – Terror gegen die Zivilbevölkerung, Teil I
In dieser kritischen Situation kamen das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien den Putschisten zu Hilfe. Der Bürgerkrieg eskalierte zum internationalen Krieg mit katastrophalen Folgen für Spanien und Europa. Deutsche Geheimdienste waren über die Entwicklungen auf der iberischen Halbinsel bestens informiert. Erwähnt seien hier die Aktivitäten von Wilhelm Canaris, der über gute Beziehungen zum spanischen Militär verfügte und auch bereits in Waffen-Geschäfte verwickelt war. Canaris und seine "Vertrauensleute" waren frühzeitig in die Organisation der Hilfslieferungen an die Franquisten eingebunden. (20) Auch die Gestapo interessierte sich ab 1935 verstärkt für die iberische Halbinsel und platzierte im Mai 1936 einen Agenten in Madrid.
Nachdem Hitler bereits am 26. Juli 1936 einer von den Putschisten nach Deutschland entsandten Delegation 20 Transportflugzeuge zugesagt hatte, starteten bereits am Folgetage die ersten Ju-52-Maschinen mit Zwischenstation in Italien Richtung Spanisch-Marokko. Weitere Flugzeuge folgten. Im Juli und August wurden 10.500 und im September noch mal 9.700 marokkanische Söldner und Fremdenlegionare mit Waffen und Munition in Ju-52-Transport-Maschinen von Tetuan, Ceuta und Larache in Nordafrika nach Sevilla, Jerez oder Cordoba in Südspanien geflogen. (21) Voller Bewunderung beschrieb einer der deutschen Flieger seine Passagiere: "Brauchbare Kämpfer sind diese Söhne der Berge, die von Natur geschaffen sind, Krieg zu führen, Instinkt haben sie und die meisten auch noch Erfahrung in den Rif-Kriegen, die innere Kraft zum Kampf gibt ihnen ihre
Religion." (22) Muslimische Söldner, die bereits Erfahrungen bei der Aufstands-Bekämpfung in den Kolonien gesammelt hatten, wurden von den christlichen Putschisten mit dem Segen der katholischen Kirche dazu benutzt, die republikanische Bevölkerung zu unterwerfen, sei sie nun atheistisch, wie große Teile der Arbeiterbewegung, oder katholisch, wie im Baskenland. Die Methoden des Kolonialkrieges, die vor allem darauf zielten, die einheimische Bevölkerung zu terrorisieren, zu traumatisieren und – falls sie sich nicht unterwerfen wollte – auszurotten, fanden nun im "Mutterland" ihre Fortsetzung. Insgesamt wurden im Laufe des Krieges 78.000 Marokkaner auf der iberischen Halbinsel eingesetzt. (23) Möglicherweise war einer der größten Fehler der Republik, dass sie die Kolonien nicht in die Unabhängigkeit entlassen oder ihnen zumindest mehr Autonomie-Rechte und eine eigene Verwaltung eingeräumt hatte, wie es in Marokko gefordert worden war. (24) Besonders für republikanische Frauen bedeutete der Einsatz der Kolonialtruppe eine Katastrophe, wie sich bald zeigen sollte.
Brutalitäten, Grausamkeiten und Folter gab es sowohl auf republikanischer Seite als auch auf der der Putschisten. Zudem brach sich zu Beginn der Kämpfe auf republikanischer Seite der jahrzehntelang aufgestaute Hass der verarmten Bevölkerung gegen Kirche, Großgrundbesitz und Militär Bahn. Auf republikanischer Seite waren Grausamkeiten und Terror gegen die Privilegierten Ausdruck von Massenaktionen, die meist öffentlich und spontan stattfanden, oder Racheaktionen nach Bombardierungen von Wohngebieten wie etwa in Bilbao. Hier versuchte man derartige Übergriffe im Laufe der Zeit unter Kontrolle zu bekommen. (25) Auf Seiten der Putschisten wurden unterschiedliche Formen der Gewalt und massenhafter Terror dagegen systematisch angewandt, sie waren auf Dauer angelegt und wurden öffentlich gerechtfertigt. (26) Propagiert wurde ein heiliger Krieg gegen gottlose "Rote". So meinte der Erzbischof von Toledo, dass "die Gottesliebe unserer Väter die Hände halb Spaniens bewaffnet" habe, "damit das Monster der Neuzeit, der Marxismus oder Kommunismus, die siebenköpfige Hydra, Sinnbild aller Ketzerei" getroffen werde. (27)
Katholische Rhetorik in der Tradition der Inquisition und "moderne" biologistisch-rassistische Ideologien gegen den jüdisch-bolschewistischen Erbfeind, wie sie in der NS-Ideologie üblich waren, ergänzten einander. Jegliche moralischen Hemmungen beim Einsatz von Gewalt gegen solchermaßen stigmatisierte Menschen – seien es Angehörige militärischer Einheiten oder Zivilistinnen und Zivilisten – waren damit beseitigt. Besonders betroffen von der entgrenzten Gewalt waren Frauen, denen mit der republikanischen Verfassung von 1931 in wesentlichen Bereichen gleiche Rechte wie Männern eingeräumt worden waren: in rechtlichen Angelegenheiten (Artikel 25), bei Wahlen (Artikel 36), bei der Berufsausübung (Artikel 40) und in der Ehe (Artikel 43). (28) In der machistischen spanischen Gesellschaft waren diese Reformen umstritten und die gesellschaftliche Realität war nach wie vor weit von jeglicher Gleichberechtigung entfernt – auch im republikanischen Lager. Dennoch nutzen viele Frauen die neuen Möglichkeiten, gründeten Frauenorganisationen und mischten sich in die sozialen, politischen und militärischen Kämpfe zur Abwehr der rechten Kräfte ein. Selbstbewusste Frauen, besonders dann, wenn sie auch noch als Miliz-Angehörige an den bewaffneten Auseinandersetzungen teilnahmen – was vor allem zu Beginn der Kämpfe gegen die Putschisten geschah – oder als Krankenschwestern an der Front tätig waren, zogen den besonderen Hass der franquistischen Truppen auf sich. (29) Gerieten sie in Gefangenschaft waren sie regelmäßig bestialischen sexuellen Folterungen und Massen-Vergewaltigungen ausgesetzt.
Solche Verbrechen zur Unterwerfung und Bestrafung selbstbewusst handelnder Frauen wurden nicht heimlich begangen, sie wurden öffentlich gutgeheißen und gerechtfertigt, wie es der franquistische General Queipo de Llano bereits im Juli 1936 im Rundfunk tat: "Unsere tapferen Legionäre und regulären Soldaten haben den Roten gezeigt, was ein Mann ist. Bei der Gelegenheit [zeigen sie dies] auch den Frauen der Roten, die jetzt endlich wahre Männer kennengelernt haben, keine kastrierten Milizsoldaten. Treten und Schreien wird sie nicht retten (…)". (30) Frauen, die an der Front im Einsatz waren, galten generell als moralisch minderwertig, als Prostituierte, mit denen die Sieger machen konnten, was sie wollten. Besonders marokkanischen Söldnern eilte der Ruf voraus, extrem grausam mit Gefangenen umzugehen. Es war eine Politik des entfesselten Terrors. "Vertretern der christlichen Zivilisation, die mit der Sache der Nationalisten sympathisierten, erschien das als eine 'Operation gleichsam ritueller Art!'" (31)
Aber nicht nur den marokkanischen "Moros" wurde freie Hand gelassen, die weißen, europäischen, christlichen Truppen und die faschistische Falange standen ihnen kaum nach. In einem Bericht der Legion Condor über die Offensive in Katalonien heißt es: "Die Kampfführung war im Übrigen außerordentlich blutig und grausam. Gefangene wurden kaum gemacht". (32)
Nicht nur Kriegsgefangene, falls es denn welche gab, bekamen die Rache der Sieger zu spüren. Nach den Eroberungen von Ortschaften kam es regelmäßig zu Massenerschießungen und -verhaftungen von Anhängern der Republik. "Ein epidemischer Sadismus traf vor allem die Frauen der eroberten Bevölkerung. Da gab es nicht nur Notzucht, sondern auch entwürdigende Demütigungen aller Art: den Opfern wurde der Kopf geschoren, sie wurden mit Zinnober angestrichen, ihnen wurde Rizinusöl eingeflößt." (33) Solche Misshandlungen waren öffentlich. Anders hätte diese Politik des Terrors gegen die republikanische Bevölkerung die erwünschte abschreckende und traumatisierende Wirkung nicht entfalten können. Jegliche Form von Widerstand gegen das Militär sollte auf lange Zeit unmöglich gemacht werden. Auch Plünderungen durch die spanischen Nationalisten fanden teilweise öffentlich statt, was den Deutschen beim Einrücken in die eroberten Orte nicht entging, wie Berichten und Briefen gelegentlich zu entnehmen ist. So beobachtete ein Angehöriger der deutschen Seefliegerstaffel bei einer Fahrt durch das soeben eroberte Barcelona plündernde franquistische Soldaten. Ein deutscher Bomberpilot schrieb in einem Brief an seine Eltern: "Hier wird jetzt in alter Frische aufgemischt. Da bleibt kein Auge trocken. Die Gegensätze werden kurz ausgeglichen." (34) Offensichtlich konnte dieser Flieger dem "Aufmischen" und "Ausgleichen" von Gegensätzen lustige Seiten abgewinnen und hielt das für völlig normal. Auch auf höherer Ebene blieben den Deutschen die Massaker nicht verborgen. Der deutsche Botschafter soll sich bestürzt gezeigt haben, als Franco bei einem gemeinsamen Essen "nebenbei die Hinrichtung von einigen Milizionärinnen anordnete." Und Richthofen vermerkte am 16. Dezember 1936 in seinem Tagebuch, dass bei der Eroberung des Ortes Albadin an der Cordoba-Front 30 republikanische Soldaten umgekommen und 20 gefangen genommen worden waren. "Am anderen Morgen hatte sich die Zahl der roten Gefallenen durch Erschießen der Gefangenen auf 49 erhöht." Und er konstatierte: "Arme Leute". (35) Doch es blieb bei gelegentlichen Nebenbemerkungen und Andeutungen. In der Regel wurden die Morde und Folterungen durch Franco-Truppen oder die Falange verschwiegen.
Der zweite Teil des Textes von Hubert Brieden “NS-Elitesoldaten und Verbrechen: die Legion Condor“ wurde bei BASKULTUR.INFO publiziert unter dem folgenden LINK.
ANMERKUNGEN:
(*) “NS-Elitesoldaten und Verbrechen: die Legion Condor“, Autor: Hubert Brieden, 2024-07-12
(1) Kohler, Klaus: Kriegsfreiwilliger 1937, Tagebuch eines Kriegsfreiwilligen der Legion Condor, Leipzig1939, S. 46, Hervorhebung im Original
(2) https://www.aclorien.it/archiviocantipatriottici/song.php?id=5682
(3) Steer, George L. in: The London Mercury Jg. 1936 (1937), August, Heft 214, engl. Text in: Reinecke, Rudiger: Gernika und der Luftkrieg gegen die spanische Republik (1936 – 1939) in der zeitgenössischen internationalen Literatur, Bielefeld 2020, S. 227 (Übersetzung: H. Brieden). Vgl. auch Übersetzung in: Jaenecke, Heinrich: Es lebe der Tod, Die Tragödie des Spanischen Burgerkrieges, Hamburg 1980, S. 240
(4) Köhlers "Kriegstagebuch" steht hier exemplarisch fur eine Fulle von Memoirenliteratur von Condor-Angehörigen, die nach Beendigung des Einsatzes in Spanien publiziert wurde. Dazu ausfuhrlich: Schüler-Springorum, Stefanie: Krieg und Fliegen, Die Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg, Paderborn/ München/ Wien/ Zürich 2010
(5) Im Text wird die baskische Schreibweise Gernika verwendet, in Zitaten die vorgefundene spanische Schreibweise beibehalten.
(6) vgl. dazu: Reinecke, Rüdiger a. a. O. S. 218 ff.
(7) Brieden, Hubert: Gernika – die lange Geschichte eines Luftangriffs, in: Brieden, Hubert/ Rademacher, Tim: Luftwaffe, Judenvernichtung, totaler Krieg – Guernica, Łomża, Warschau, Coventry … - Deutsche Geschichtspolitik, Traditionspflege in der Garnisonsstadt Wunstorf, "Vergessene" Geschichte in Hannover-Langenhagen, Neustadt a. Rbge. 2010, S.88 f.
(8) Brieden, Hubert: Gernika – die lange Geschichte eines Luftangriffs a. a. O. S. 85f.
(9) Tagebuch Harro Harder, zitiert in: Ries, Karl/ Ring, Hans: Legion Condor 1936 – 1939, eine illustrierte
Dokumentation, Mainz 1980, S. 62
(10) vgl. Horn, Stephan: Die Inszenierung des Gewalthandelns. Ein Fotoalbum der Legion Condor, Berlin 2024
(11) Kohler, Klaus a. a. O. S. 39 ff.
(12) Clausewitz, Carl v.: Vom Kriege, Buch 1, Kap. 1, Abschnitt 24, Erstausgabe 1832. Internet: https://clausewitzstudies.orgreadings/VomKriege1832/Book1.htm Vgl. dazu: Reemtsma, Jan Philipp: Die Idee des Vernichtungskrieges, Clausewitz – Ludendorff – Hitler: in: Heer, Hannes/ Naumann Klaus (Hg.): Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944, Hamburg 1995, S. 377-401
(13) Einzelheiten in: Brieden, Hubert: Die lange Geschichte eines Luftangriffs a. a. O. S. 47f.
(14) auszugsweise abgedruckt in: Mayer, Klaus A.: Guernica 26.4.1937, die deutsche Intervention in Spanien und der "Fall Guernica", Freiburg 1975, S. 150 f. Zur Diskussion um Terrorangriffe vgl. Maier, Klaus A./ Stegemann, Bernd: Einsatzvorstellungen und Lagebeurteilungen der Luftwaffe und der Marine bis Kriegsbeginn, in: Maier Klaus A./ Rohde, Horst/ Stegemann, Bernd/ Umbreit, Hans: Die Errichtung der Hegemonie auf dem europäischen Kontinent, Stuttgart 1979, S. 43 f.
(15) Zum Antisemitismus / Antibolschewismus in der Wehrmacht vgl. Brieden, Hubert: Gernika – die lange Geschichte eines Luftangriffs sowie Luftkrieg und Judenvernichtung in Polen a. a. O. S. 11ff. u. 111ff.
(16) Broue, Pierre/ Temine, Emile: Revolution und Krieg in Spanien, Geschichte des spanischen Burgerkrieges, Teil I, Frankfurt/M. 1985, S. 36
(17) Zelik, Raul: Spanien, eine politische Geschichte der Gegenwart, Berlin 2018, S. 17. Vgl. auch: Bernecker, Walter L./ Brinkmann, Soren: Kampf der Erinnerungen, Der Spanische Burgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936 – 2006, Nettersheim 2006, S. 17 ff.
(18) Bernecker, Walter L.: Spanien-Handbuch, Geschichte und Gegenwart, Tübingen/ Basel 2006, S.44
(19) Brieden, Hubert: Gernika – die lange Geschichte eines Luftangriffs a. a. O.S. 40 f.
(20) Mueller, Michael: Canaris, Hitlers Abwehrchef, Berlin 2006, S. 190 f. u. 193 ff. Vgl. auch Brieden, Hubert: Gernika – die lange Geschichte eines Luftangriffs a. a. O. S. 42. Zur Geschichte der deutsch-spanischen Militarkooperation in den 1920er Jahren – insbesondere bei der Giftgasproduktion und dem Einsatz von chemischen Waffen gegen die aufstandischen Rif-Kabylen – vgl. Kunz, Rudibert/ Muller, Rolf-Dieter: Giftgas gegen Abd el Krim, Deutschland, Spanien und der Gaskrieg in Spanisch-Marokko 1922 - 1927, Freiburg i. B. 1990. Kunz, Rudebert: "Con la ayuda del más danino de todas los gases", Der Gaskrieg gegen die Rif-Kabylen in der ersten Halfte des 20. Jahrhunderts, in: Völkermord und Kriegsverbrechen in der ersten Hafte des 20. Jahrhunderts, hrsg. v. Fritz Bauer Institut, Frankfurt/M./New York 2004, S. 153-191
(21) Brieden, Hubert: Gernika – die lange Geschichte eines Luftangriffs a. a. O. S. 42 f.
(22) Hoyos, Max Graf: zitiert in: Kirsch, Hans Christian (Hg.): Der Spanische Burgerkrieg in Augenzeugenberichten, München 1978, S. 107
(23) Schüler-Springorum, Stefanie: Krieg und Fliegen, die Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg, Paderborn/ München/ Wien/ Zürich 2010, S. 145
(24) Vgl. dazu: Paz, Abel: Durruti, Leben und Tode des spanischen Anarchisten, Hamburg 1993, S. 355
(25) vgl. Beispiele in: Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 199
(26) Broue, Pierre/ Temime, Emile, Teil 1 a. a. O. S. 223
27 zitiert in: Broue, Pierre/ Temime, Emile, Teil 1 a. a. O. S. 224
(28) Bianchi, Vera: Feministinnen in der Revolution, Die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg, Münster 2013, S. 19
(29) Entgrenzte Gewalt gegen rebellierende und vor allem bewaffnete Frauen waren nichts Spanien-typisches. Auch in rechten antisemitischen deutschen Freikorps war sie während der Kämpfe in Folge der November-Revolution und des Kapp-Putsches üblich. Vgl. dazu: Theweleit, Klaus: Männerphantasien, Band 1 u. 2, München 1995. Zur sexuellen Gewalt von Angehörigen der Wehrmacht gegenüber Frauen in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges: Mühlhauser, Regina: Eroberungen, Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941 – 1945, Hamburg 2010. Zum Verhältnis von Legion-Condor-Angehörigen zu spanischen Frauen, vgl. Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 137 ff. Ein Roman zu diesem Thema: Dettinger, Heidi: Maites Schweigen, Neustadt 1998
(30) zitiert in Bianchi, Vera a. a. O. S. 57, Anmerkung 35. Vgl. auch Broue, Pierre/ Terḿime, Emile, Teil 1 a. a. O. S. 224
(31) Broue, Pierre/ Terḿime, Emile, Teil 1 a. a. O. S. 224
(32) Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 196
(33) ebd. S. 224
(34) ebd. S. 197
(35) ebd. S. 197
ABBILDUNGEN:
(1) Legion Condor (collage)
(2) LC-Bomben Asturien (nueva españa)
(3) LC-Bomben Asturien (nueva españa)
(4) LC-Bomben Asturien (nueva españa)
(5) Legion Condor (wikipedia)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-03-17)
