lecondor2aTerror gegen Zivilbevölkerung

Entgegen anderen Darstellungen in der deutschen Militär-Geschichts-Schreibung war die Legion Condor für sämtliche Angriffe an der spanischen Nordfront (Baskenland, Asturien) verantwortlich. Terrorangriffe gehörten zum bewährten Repertoire der Legion Condor. Auch die Angriffe auf Gernika oder Almeria waren geplante Terrorangriffe. Solcherart von Angriffen hatten keine militär-strategischen Ziele, sie dienten allein der Demoralisierung der Zivilbevölkerung. Teil 2: Terror gegen Zivilbevölkerung.

NS-Elitesoldaten und Verbrechen: die Legion Condor - "Da hat, als der Ordnung Bote, der Deutsche Hilfe gebracht." (Titel des Essays über die Verbrechen der Legion Condor im Spanienkrieg 1936-1939. Autor Hubert Brieden. Bisher unveröffentlicht. Teil 2) (*)

“NS-Elitesoldaten und Verbrechen: die Legion Condor” ist eine Abhandlung von Hubert Brieden über die Rolle der Nazi-Flugstaffel im Spanienkrieg, veröffentlicht auf der Webseite des Arbeitskreises Regionalgeschichte Neustadt am Rübenberge. Baskultur.info publiziert den Text in drei Teilen. Der erste Teil trägt den Titel “Täter werden zu Opfern” (LINK), der zweite Teil: “Terror gegen Zivilbevölkerung” (LINK), Teil 3: “Misshandlung republikanischer Frauen” (LINK).

Terror gegen die Zivilbevölkerung, Teil II

"… ein voller Erfolg der Luftwaffe."

Die Vernichtung der Stadt Gernika unter Regie der Legion Condor ist durch Journalisten wie George L. Steer weltweit bekannt gemacht worden. Aber erst Pablo Picasso verankerte durch sein wohl bekanntestes Gemälde den Namen "Guernica" bis heute im kollektiven Gedächtnis. Der Name symbolisiert die Brutalität des Luftkrieges, wie er von der NS-Luftwaffe ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung geführt wurde. Nach dem Angriff bestritten die Deutschen zunächst jegliche Verantwortung für die Zerstörung der Stadt, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde geschwiegen. Später, als Reaktion auf erste Forschungs-Ergebnisse und öffentliche Debatten, wurde relativiert und behauptet, alles sei ein Versehen gewesen, ein Kollateralschaden auf Grund ungünstiger Wind-Verhältnisse und die Deutschen seien mit Italienern und Spaniern nur mitgeflogen. (36) Damit wurden Rechtfertigungsversuche von Condor-Angehörigen aufgegriffen, die implizierten, bei der Bombardierung von Gernika habe es ich um eine Ausnahme gehandelt. Die Flächenbombardements von zivilen Stadtteilen in anderen Städten werden dabei ebenso ausgeblendet wie das strategische Ziel der Legion Condor, durch systematische Angriffe auf Städte die republikanische Bevölkerung zu demoralisieren.

lecondor2bDiese neuartige Form der Luftkriegs-Führung erprobte die Legion Condor zunächst bei den Kämpfen um die Hauptstadt Madrid, die die Putschisten so schnell wie möglich erobern wollten, was aber auf Grund des heftigen Widerstandes nicht gelang. Einem Vorgeschmack von dem, was noch kommen sollte, gab ein Luftangriff der Deutschen am 30. Oktober 1936 auf den Madrid-Stadtteil Getafe. Statt eines Flugplatzes wurde eine Schule getroffen. Dabei starben mehr als 60 Kinder, aber auch Erwachsene. Dieses Massaker wurde als "Kindermord von Getafe" international bekannt; die Fotos der toten Kinder sorgten für Entsetzen. (37) Ab Mitte November 1936 begannen systematische Bombardierungen der spanischen Metropole, deren strategisches Ziel es war, den Widerstandswillen der Bevölkerung zu brechen. (38) Alfred Kantorowicz, Angehöriger der Internationalen Brigaden erlebte einen Angriff: "Als wir auf der Castellana-Straße waren, hagelte es Bomben. Dreiundzwanzig Junkers und Capronis waren über unseren Köpfen. Menschen hasteten schreiend in die Häuser hinein, aus den Häusern heraus. Frauen rissen die Kinder vom Boden in die Arme, als könnten sie sie mit ihren Körpern schützen. Jetzt schlug es ein, rechts von uns, direkt beim U-Bahn-Eingang, wo die Flüchtenden sich drängten. […] Wir rasten mitten durch das Bombardement hindurch, rechts, links, vor uns, hinter uns krachte es, stürzten Häuserteile, surrten Splitter. […] Auf dem Rückweg, nachdem sie ihre Bomben im Zentrum abgeworfen hatten, feuerten diese Flieger noch in den Vorstädten aus Maschinengewehren auf Frauen und Kinder, die vor den Lebensmittelläden Schlange standen. Das ist 'Faschismus'. So wird er in die Geschichte eingehen […] Die Folterkeller der SA, die Konzentrationslager, die Kinderleichen von Madrid: Im Angsttraum der Menschheit werden diese Bilder noch weiterleben: Sie kennzeichnen die Höllenfahrt des Abendlandes." (39) Derartige Angriffe, besonders auf dichtbevölkerte Arbeiterviertel, wurde von vielen Journalisten als "Zivilisationsbruch" angesehen; manche stellten die Frage, ob ähnliche Angriffe, dieses "sadistic bombing", in absehbarer Zeit nicht auch London oder Paris treffen könnten. (40)

Doch zu diesem Zeitpunkt wurde das Ziel, die Demoralisierung der Zivilbevölkerung noch nicht erreicht. Im Gegenteil: Die Luftangriffe stärkten den Abwehrwillen. Der Angriff der Franco-Truppen auf die Hauptstadt blieb stecken. Auch während der Kämpfe an der Cordoba-Front in Südspanien im Dezember 1936 war die Legion Condor von den Putschisten angefordert worden. Diese hatten sich jedoch in Bezug auf Terrorangriffe gegen die Zivilbevölkerung zunächst eher zögerlich gezeigt, nutzen die Luftwaffe eher als fliegende Artillerie. Doch angesichts der Schwierigkeit der Kämpfe gelang es den Deutschen, ihre Vorstellungen vom Luftkrieg durchzusetzen und "endlich richtige Städte zum Wurf freizubekommen", wie Oberstleutnant Wolfram Freiherr von Richthofen, damals noch verantwortlich für die Tests von Flugzeugen und Material und ab Januar 1937 Stabschef der Legion Condor, in seinem Tagebuch festhielt. (41) Nachdem im Operationsbefehl der Südarmee am 13. Dezember die "Erschütterung der Moral der Feindkräfte" als Ziel festgeschrieben worden war, bombardierten deutsche Flugzeugbesatzungen am nächsten Tag im Morgengrauen zunächst sie Orte Bujalance, Montoro und El Carpio und dann auch militärische Stellungen. Einwohner und militärische Kräfte verließen die Orte panikartig, die moralische Wirkung war enorm. Die Häuser wurden weitgehend zerstört, 120 Menschen starben. Zwei Wochen später besuchte der Jagdflieger Johannes Trautloft den Tatort und hielt seine Eindrücke fest: "Besonders schlimm sieht Bujalance aus […] Kein Haus ist heil geblieben, von vielen stehen nur noch die Wände. […] Nur vereinzelte Menschen sind zu erblicken, durchweg alte Männer und Frauen, die die Stätte eines langen Lebens nicht verlassen wollten. Mit eingefallenen, verstörten Gesichtern huschen sie zwischen den Trümmern herum, wie Schatten dessen, was einst hier war." (42)

Aus Sicht der Condor-Führung war die Demoralisierung "des Feindes" gelungen und die Bombenzuladungen – in der Regel Spreng-, Splitter- und Brandbomben in unterschiedlichen, der Bauweise der Häuser angepassten Mischverhältnissen – hatten sich als effektiv erwiesen. Zwischen Dezember 1936 und Marz 1937 flogen die Kampf- und Versuchs-Bomberstaffeln der Legion Condor 1.000 bis 1.200 Angriffe. (43) Die durch Luftwaffenangriffe sowohl an der Front als auch in den städtischen Wohngebieten ausgeloste Panik war offensichtlich. Alles sprach also dafür, diese Art der Kriegsführung zu intensivieren. Die Gelegenheit dazu ergab sich in den Kämpfen an der Nordfront. Von Osten und Südosten begann im Marz 1937 mit massiver Unterstützung der deutschen und italienischen Luftwaffe der Angriff auf das Baskenland. So schnell wie möglich wollten "die Weißen" sich den Zugriff auf das Industriezentrum Bilbao sichern, an dem auch die Deutschen größtes Interesse hatten. Die Eroberung des vom Hauptteil der Republik abtrennten Nordens, wurde außerdem Truppen freisetzen für den Endkampf um Madrid.

Die Führung der Legion Condor hatte in den Verhandlungen zur Vorbereitung der Offensive darauf bestanden, den Oberbefehl über sämtliche Luftstreitkräfte zu erhalten und sich mit diesem Anliegen durchsetzen können. Da die Deutschen nur Franco persönlich verantwortlich waren, unterstanden sie formal nicht dem Kommando der Nordarmee und konnten den Luftkrieg nach eigenen Vorstellungen fuhren. Spanische und italienische Luftstreitkräfte waren den Deutschen damit praktisch unterstellt. Diese erteilten ihre "Aufträge in Form von Vorschlägen", die "als Befehle gewertet und ausgeführt wurden". Ausdrücklich war mit der spanischen Seite vereinbart worden, dass die schweren Bombereinheiten der Deutschen und Italiener "ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung" eingesetzt werden können. (44)

Die Putschisten hatten deutlich gemacht, dass Rücksichten nicht genommen werden mussten. "Wenn sie sich nicht ergeben", so die Drohung von General Mola, Befehlshaber der Offensive an der Nordfront, "werde ich ganz Vizkaya dem Erdboden gleichmachen." (45) Doch die baskischen Milizen leisteten zähen Widerstand. Baskische Städte wurden bombardiert oder mit Flugabwehrkanonen beschossen. Entsetzt berichtete das Mitglied einer englischen Kirchendelegation über den Angriff auf die Stadt Durango am 31. März 1937, die "keine Militärstadt" gewesen sei. "Die Frauen waren in der Kirche oder auf dem Markt, die Männer auf den Feldern oder in den Fabriken: die Kinder liefen und spielten in den Straßen oder auf den Plätzen." Plötzlich seien deutsche Flugzeuge erschienen, "tückisch, unerwartet geschah das Luftbombardement: das heftigste und schrecklichste seit Beginn des Spanischen Bürgerkrieges". Die Orte Elorrio und Otxandio (Ochandiano) hatten das gleiche Schicksal erlitten. (46) Unabhängig davon, ob deutsche Flugzeuge den Angriff flogen oder italienische, wie Richthofen in seinem Tagebuch behauptete, waren die Deutschen für den Angriff auf Grund der beschriebenen Befehlsstrukturen verantwortlich.

lecondor2cIn Durango starben 120 bis 250 Zivilisten. Zwar waren 55 Prozent der Stadt schwer beschädigt, aber die überwiegend eingesetzten italienischen 50-Kilogramm-Sprengbomben hatten die Häuser nicht komplett zum Einsturz gebracht, sondern oft nur Dächer und obere Stockwerke zerstört, wie in einem Bericht der Legion Condor festgehalten wurde; "die gewünschten großen Schutthaufen" seien nicht produziert worden. (47) Beim Vorrucken Richtung Bilbao würden daher – so die Prognose des britischen Journalisten George L. Steer – größere Bomben zum Einsatz kommen. Er sollte Recht behalten. Beim Angriff auf Gernika am 26. April 1937 perfektionierten die Deutschen ihre Angriffsmethode und produzierten die erwünschten Schutthaufen, die die Rückzugslinien der baskischen Verbände unterbrachen.

Inzwischen ist der Verlauf des mehrstündigen Bombardements von Gernika intensiv erforscht und rekonstruiert worden. (48) Ketten von Heinkel 111- und Ju-52-Bombern warfen zunächst Brandbomben, dann 250-kg-Sprengbomben, die die Hauser von oben bis unten aufbrachen und die Wasserleitungen zerstörten, dann wieder Brandbomben. Bei der Bauweise der Häuser, großenteils mit Holzgalerien an den Fassaden, und der Lage der Stadt führte das zu einem Feuersturm, der nicht mehr zu löschen war. Jagdflugzeuge schossen im Tiefflug auf die fliehenden Menschen. Bis heute ist die genaue Zahl der Todesopfer unklar. Die baskische Regierung sprach (damals) von 1.654 Toten, die Franquisten und ihre deutschen Unterstutzer versuchten nach dem Einmarsch die Spuren zu verwischen und die Zahl der Toten auf bis zu 200 runterzurechnen. (49) Bombenreste, die Aufschluss darüber hatten geben könnten, dass es sich um deutsche Fabrikate handelte, wurden eingesammelt, bevor die Ruinen der Presse präsentiert wurden. Gut 85 Prozent der Häuser waren komplett, der überwiegende Rest teilweise zerstört. Nur 1 Prozent der Gebäude vor allem in den Randbereichen war unversehrt. (50) Das Stadtzentrum lag komplett in Trümmern, während das benachbarte, südlich der Bahnlinie gelegene Industriegebiet mit der Waffenfabrik Astra und das hoher gelegene baskische Parlamentsgebäude den Angriff überstanden hatten. Obwohl das angebliche Ziel, die Brücke über den Rio Oka, nicht getroffen worden war, sei der Angriff ein “voller Erfolg der Luftwaffe“ gewesen, hieß es intern, weil die baskischen Rückzugslinien Richtung Bilbao durch den meterhohen Schutt in den Straßen versperrt waren. Nach Meinung von Richthofen war der Angriff auch "ein voller technischer Erfolg" der 250-kg-Sprengbomben und der Brandbomben. Zum "großen Erfolg" habe es allerdings nicht gereicht, weil die spanischen Bodentruppen nicht schnell genug nachgerückt waren. (51)

Ob die Deutschen – anders als die Franquisten – von der symbolischen Bedeutung der Stadt als kulturelles Zentrum des Baskenlandes wussten, bleibt unklar. Wesentliche Kenntnisse über das Land, in dem sie Krieg führten, scheinen den meisten gefehlt zu haben. In Gefangenschaft geratene Condor-Soldaten fielen der republikanischen Seite vor allem wegen ihrer mit Unwissenheit und Dummheit gepaarten Arroganz unangenehm auf. (52) Der größte Teil der Archivalien der Legion Condor existiert nicht mehr – sie wurden bei den alliierten Bombardierungen Berlins zerstört und kurz vor Kriegsende von den Tätern beseitigt. Auf dem Fliegerhorst Wunstorf bei Hannover, wo der größte Teil der schweren Bomber- und Aufklärungs-Einheiten der Legion Condor ausgebildet worden war, beschäftigten sich alle Dienststellen beim Herannahen der britischen Truppen Anfang April 1945 mit der systematischen Vernichtung von Akten, die unter keinen Umständen in die Hände der Alliierten fallen sollten. (53) Von Anfang an war der Wunstorfer Militärflugplatz in den Spanieneinsatz involviert. Von hier stammte auch ein Teil der Täter von Gernika, darunter der damalige Flugzeugführer Oberleutnant Freiherr Henning von Beust und Staffelkapitän Karl von Knauer. Letzter hatte sich – wie bereits erwähnt – in internen Analysen mit der Wirkung von Bombenangriffen auf die Zivilbevölkerung befasst. Ab 1938 wurde in Wunstorf in einer besonderen abgeschirmten Einheit, der 10. Staffel, ausschließlich Personal für die Legion Condor ausgebildet. Als Kapitän dieser Sonderstaffel fungierte zunächst der Spanienveteran von Beust. Die vernichteten Akten hätten also möglicherweise Aufschluss darüber geben können, inwieweit das Trainieren von Terrorangriffen gegen Städte und die Zivilbevölkerung bereits Bestandteil des Ausbildungs-Programms war. Das Verwischen von Spuren geschah in Gernika und in Wunstorf gründlich, behinderte über Jahrzehnte die historische Forschung und öffnete den Raum für erneute Relativierungen und Geschichtslegenden. Das Vertuschen der Wehrmachts-Verbrechen und die damit einhergehende Rehabilitierung des Führungspersonals war gleichzeitig Voraussetzung für die Remilitarisierung der Bundesrepublik. In Wunstorf konnten die Fliegerveteranen bereits 1952 und 1953 wieder Aufmärsche durch die Stadt organisieren, um unter der Parole "Die Hallen auf! Maschinen raus!" die Wiederaufrüstung zu fordern. (54)

Heute ist bezüglich der Vernichtung Gernikas festzuhalten:

1. Die Legion Condor war für sämtliche Angriffe an der Nordfront verantwortlich.

2. Terrorangriffe gehörten zum erprobten und bewährten  Repertoire der Legion Condor.

3. Verlauf und Resultat des Angriffs auf Gernika sprechen für einen geplanten Terrorangriff.

4. Selbst wenn "nur" ein taktischer Angriff geplant gewesen sein sollte, wie Condor-Angehörige behaupten, hätte er die Wirkung eines Terrorangriffs gehabt, der billigend in Kauf genommen wurde und dessen Ergebnis erwünscht war: die Demoralisierung des Widerstandes. Und wieder war alles effektiv und erfolgreich verlaufen. Wie schon für die Kolonialkriege und den Ersten Weltkrieg kann auch für den Spanischen Krieg konstatiert werden: "Wenn es eine 'deutsche Art der Kriegsführung' gab, bestand sie in der Bereitschaft rücksichtslos gegen Zivilisten vorzugehen." (55)

lecondor2dZwar redete alle Welt über Gernika, die übrigen Bombardierungen blieben aber weitgehend ausgeblendet. In der baskischen Tagespresse dagegen hieß es: "Gestern Durango, heute Guernica, morgen Bilbao!" (56) Die Lektion der Deutschen war also verstanden worden. In der Folge zogen sich die baskischen Verbande weitgehend zurück. Das Industriezentrum Bilbao, an dem die Deutschen das allergrößte Interesse hatten, konnte von den Franquisten ohne wesentliche Verluste und Zerstörungen eingenommen werden. Zwar waren die Kämpfe in Asturien noch nicht beendet, aber mit dem Verlust des Baskenlandes war der republikanische Norden praktisch verloren.

Nur wenige Tage nach der Bombardierung von Gernika erregte ein weiterer Angriff internationale Aufmerksamkeit. Am 31. Mai 1937 beschoss das deutsche Kriegsschiff "Admiral Scheer" die offene Stadt Almeria und richtete erhebliche personelle und materielle Schaden an. (57) Wohin sollte diese Art rücksichtsloser Kriegsführung gegen die Zivilbevölkerung noch führen? "Guernica! Almeria! und morgen?" war auf dem Titel einer französischen Zeitschrift zu lesen. (58)

Im Hauptteil der Republik wurde weiter erbittert gekämpft, auf franquistischer Seite wieder mit massiver Unterstützung der Legion Condor, die inzwischen weitgehend die Lufthoheit innehatte. Und auch der Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung ging weiter. Einige Namen von betroffenen Stadten: Almeria, Alicante, Cartagena, El Perello, Tarragona, Blanes, Tortosa, Girona, San Feliu de Guixols, Granollers, Barcelona. Ziele von Luftangriffen war auch zivile Infrastruktur wie Elektrizität- und Wasserwerke, außerdem Bahnlinien, Straßen, Brücken, Häfen und anderes mehr. (59) In Katalonien starben bei Bombenangriffen insgesamt 4.736 Menschen, davon allein in Barcelona 2.428. (60) Die Angriffe auf die Millionenstadt richteten sich gegen Hafenanlagen, die Elektrizitäts-Versorgung und nicht zuletzt gegen die Arbeiterviertel, wo die Franquisten erheblichen Widerstand erwarteten.

An der Mittelmehrküste kamen häufig die Seeflieger zum Einsatz, deren nächtliche Angriffe besonders gefürchtet waren. Vom Meer kommend, schalteten sie in großer Hohe in den Gleitflugmodus und näherten sich fast lautlos ihren Angriffszielen. Am Boden konnten sie erst wahrgenommen werden, wenn es bereits zu spät war und die Bomben ausgeklinkt wurden. Die psychologischen Folgen waren verheerend, vor allem deshalb, weil der tödlichen Gefahr nicht zu entkommen war, die Schutzräume, wenn denn welche existierten, konnten nicht mehr rechtzeitig erreicht werden. Hinzu kam die andauernde zermürbende Schlaflosigkeit. Eine Zeitzeugin: "Es gab keinen Schlaf. Am dritten Tag waren wir fast wahnsinnig vor Schlaflosigkeit, nervös vor Erschöpfung, beherrscht nur von der fixen Idee: Schlafen nichts als Schlafen. Aber die Stadt sollte nicht schlafen." (61) Viele Menschen hielten sich nachts nicht mehr zu Hause auf. Bewohner kleinerer Städte flohen in die umliegenden Berge. Auf Barcelona warfen die Deutschen in etwa 80 Angriffen mehr als 7.000 Tonnen Bomben ab. (62) Obwohl es militärisch keinerlei Sinn mehr machte, ließen es sich die Condor-Flieger nicht nehmen, schließlich auch noch die republikanischen Flüchtlings-Kolonnen, die zum großen Teil aus Zivilpersonen bestanden, auf dem Weg zur französischen Grenze anzugreifen.

Wie schon im Baskenland mussten die Deutschen auch in den übrigen Gebieten der Republik nach der Eroberung die Erfahrung machen, dass sie bei einem Großteil der Bevölkerung wegen ihres brutalen Luftterrors genauso gefürchtet und verhasst waren wie die marokkanischen Soldner. Für viele waren sie die "Moros rubios", die vor keiner Gewalttat zurückschreckten. (63) Nur wenige Monate später flogen die "Blonden Moros" ihre nächsten Einsätze – diesmal gegen Polen, wo sie den Kampf gegen den weltanschaulichen und "rassischen" Gegner weiter eskalierten. Zu den ausgesuchten Zielen gehörten nun auch jüdische Wohnviertel. (64)

Nacht über Spanien

Wenn über die Verbrechen der Legion Condor geredet wird, können die Folgen ihres Einsatzes nicht außer Acht gelassen werden: die Etablierung einer vierzig-jährigen Diktatur. Nach dem Untergang der Republik bekamen die Verlierer die Rache der Sieger zu spuren. Wer auf Versöhnungs-Angebote gehofft hatte, sah sich getäuscht. Die Unterdrückungs-Maßnahmen wurden sogar noch verschärft. (65)

lecondor2eHunderttausende wurden von den neuen Machthaber in Gefängnissen und Lagern gefangen gehalten. Bis zu Hunderttausend republikanische Gefangene sollen in den Lagern umgekommen sein. Das letzte Konzentrationslager wurde erst 1962 aufgelöst. Zehntausende ließen die Franquisten mit und ohne Gerichtsurteil ermorden, die Leichen verscharrten sie in Massengräbern, die bis heute nicht alle gefunden sind. Bis zu 400.000 republikanische Gefangene – so sie Schätzungen – mussten Zwangsarbeiten verrichten. (66) Auch Gernika wurde durch Zwangsarbeiter wieder aufgebaut. Das Baskenland war von der Repression besonders betroffen. Baskische Kultur und Sprache wurden fortan gewaltsam unterdruckt. (67) 10.500 Menschen wurden vom Franco-Regime zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt, zu denen noch rund 40.000 aus Frankreich deportierte Exilspanier hinzukamen, die in deutschen Konzentrationslagern zur Arbeit gezwungen wurden. Etwa 400.000 Menschen flohen ins Exil. (68)

Soweit die grobe Statistik. Genaue Zahlen existieren bis heute nicht; Spuren der Verbrechen wurden beseitigt, die Geschichte bereinigt. Wagen wir dennoch einen genaueren Blick: In den franquistischen Gefängnissen waren Misshandlungen alltäglich und wieder waren Frauen in besonderer Weise betroffen. "Verbale  Übergriffe, Folter, Vergewaltigungen durch das Aufsichtspersonal und die Geheimpolizei waren häufig; die Frauen berichteten, dass für die franquistischen Männer alle republikanischen Aktivistinnen 'rote Huren' waren. Das Alter der Frauen spielte dabei keine Rolle, auch Minderjährige und alte Frauen wurden vergewaltigt." (69)

Auch Jahrzehnte später waren nur wenige der traumatisierten Frauen in der Lage, über ihre Erlebnisse in den Händen der Franquisten zu reden. Die meisten schämten sich, hatten Angst wieder als "rote Huren" stigmatisiert und beschimpft zu werden. Juana Dona, die 18 Jahre inhaftiert war, ist eine der wenigen Ausnahmen: "Vergewaltigung war tägliches Schicksal. Der Missbrauch von Macht gegenüber Frauen hatte unter diesen Umständen dramatische Ausmaße. Die so genannten 'Roten' waren weniger als nichts für die Macho-Faschisten. Die Vergewaltigung hat nichts mit sexuellem Verlangen zu tun; es war einfach ein Akt von Macht, Demütigung und Sadismus." (70) Ziel war es, emanzipierte Frauen zu brechen und die Frauen insgesamt wieder in ihre angestammte rechtlose, unterwürfige gesellschaftliche Position als Hausfrauen, Mutter und sexuelle Dienstleisterinnen zu zwingen. Von der Zweiten Republik eingeräumte Rechte wurden ihnen vom Franco-Regime wieder genommen. (71) Während das NS-Regime am 6. Juni 1939 mit einer Siegesparade in Berlin die Legion Condor feierte, hatte die vierzigjährige Diktatur in Spanien gerade begonnen – eine Diktatur deren Spätfolgen die spanische Gesellschaft bis heute prägen.

Epilog

"Denn der Sieg des bolschewistischen Untermenschentums in Spanien hätte zu leicht seine Wellen über ganz Europa schlagen können." (Adolf Hitler, 1939) (72)

"Das Wirken der 'Legion Condor' in Spanien sollte der bundesdeutschen Jugend als Vorbild dienen." (Legion-Condor-Veteran Johannes Trautloft, ab 1957 Brigadegeneral der Bundeswehr, während des Gründungstreffens der "Kameradschaft Legion Condor" am 9. August 1956) (73)

ANMERKUNGEN:

(*) “NS-Elitesoldaten und Verbrechen: die Legion Condor“, Autor: Hubert Brieden, 2024-07-12

(36) Am intensivsten wurden solche Debatten seit den 1980er rund um den Fliegerhorst Wunstorf (Region Hannover) und des dort stationierten Lufttransport-Geschwaders 62 der Bundeswehr geführt; ausführlich in: Brieden, Hubert: Gernika und die Folgen: Geschichtspolitik in Deutschland und militärische Traditionspflege, in: Brieden, Hubert/ Rademacher, Tim a. a. O. S. 204 – 288. Auf der militaristischen Rechten halten solche Relativierungsversuche an. Vgl. etwa Hagena, Hermann: Was geschah am 26. April 1937 wirklich? Die Hölle von Guernica, in: Militar & Geschichte, Guernica 1937, Terrorangriff oder reguläre Kriegsführung? Die Wahrheit über den Luftangriff auf die Baskenstadt, Juni/Juli 2013 S. 4-17

(37) Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 94 f. Vgl. Anonym: "Erlebnisse in Spanien", Broschüre 1938/39 S. 5 f.

(38) Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 185

(39) Kantorowicz, Alfred: Spanisches Tagebuch, Hamburg 1979, S. 95

(40) Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 185

(41) Richthofen-Tagebuch v. 13.12.1936, zitiert in: Heer, Hannes: Guernica und der Beginn des Zweiten Weltkrieges, Teil 1, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 7/8, Berlin 2009, S. 589

(42) Heer, Hannes a. a. O. S. 590

(43) Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 181

(44) Maier, Klaus A. a. a. O. S. 46, 48. Riess, Karl/Ring, Hans a. a. O. S. 56

(45) zitiert in Kirsch, Hans-Christian a. a. O. S. 267

(46) vgl. Brieden, Hubert: Gernika – die lange Geschichte eines Luftangriffs a. a. O. S. 78 u. S. 306, Anmerkung 134. Ausführliche Beschreibung des Angriffs auf Durango in: Heer, Hannes a. a. O. S. 590 ff.

(47) Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 187.

(48) v. a. Heer, Hannes a. a. O., Southworth, Herbert R.: La Destrucion de Guernica, Chatillons sur Bagneux 1977, Irujo, Xabier: Gernika 1937, the market day massacre, Reno/Las Vegas 2015. Maier, Klaus A. a. a. O.

(49) Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 188 f.

(50) Barra, Jordi: La Leǵion Condor, Atlas de la Guerrra Civil Espanola, Barcelona 2016, S. 34

(51) Bericht v. Oberst Jaenecke an den Sonderstab W. zitiert in: Brieden, Hubert/Rademacher, Tim: Gernika – die lange Geschichte eines Luftangriffs a. a. O. S.85. Richhofen-Tagebuch 30.4.1937, in: Maier, Klaus A. a. a. O. S. 109

(52) Schler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 200 f.

(53) Brieden, Hubert: Gernika – die lange Geschichte eines Luftangriffs a. a. O. S. 54 u. 204

(54) Brieden, Hubert: "Die Hallen auf! Maschinen raus!" oder: "Die Zeiten haben sich nun wieder geändert ...", in: Brieden, Hubert/ Comision de Bombardeo/ Dortmund, Mechthild/ Rademacher, Tim: Kriegsfolgen, Gernika (Guernica)/Bizkaia und Wunstorf / Region Hannover, Über die Schwierigkeiten beim Umgang mit der Militärgeschichte in Deutschland und Spanien, Neustadt 2017, S. 17-30

(55) Horne, John/ Kramer, Alan: Deutsche Kriegsgräuel 1914, die umstrittene Wahrheit, Hamburg 2004, S. 255. Vgl. auch: Gietinger, Klaus: Der Konterrevolutionär, Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere, Hamburg 2009, S. 31. Brieden, Hubert: Luftkrieg und Judenvernichtung a. a. O. S. 140 f.

(56) zitiert in: Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 190

(57) Ellenberg, Gisela: Reise nach Spanien, Dokumentarfilm, NDR, Hannover 1997. auch: Rahn, Werner: Ibiza und Almeria, eine Diskussion der Ereignisse vom 29. bis 31. Mai 1937, in: Marine-Rundschau, Heft 7 1971, S.389 ff.

(58) "Guernica! Almeria! et demain?", Titel von "regards" vom 10.6.1937, im Faksimile in: Brieden, Hubert: Gernika und die Folgen a. a. O. S. 93

(59) Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 192

(60) Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 194

(61) Constancia de la Mora, Frau des Chefs der republikanischen Luftwaffe, zitiert in: Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 195

(62) Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 196

(63) Schüler-Springorum, Stefanie a. a. O. S. 212. In der Ende 1938/Anfang 1939 illegal auf Deutsch erschienen 32-seitigen Broschüre "Erlebnisse in Spanien" werden die Condor-Angehörigen als "Weise Moros" bezeichnet.

(64) siehe hierzu: Brieden, Hubert: Luftkrieg und Judenvernichtung in Polen, Die Bombardierung von Łomża und Warschau, in: Brieden, Hubert/Rademacher, Tim a. a. O. S. 95 – 202. Zur Rolle der Spanien-Veteranen s. ebd. S. 105 u. 123 f.

(65) Broue, Pierre/Temime, Emile a. a. O. S. 680 f.

(66) vgl. Bernecker, Walter L./Brinkmann, Soren a. a. O. S. 117

(67) zur Repression im Baskenland vgl. Lang, Josef: Das basische Labyrinth, Unterdrückung Widerstand in Euskadi, Frankfurt 1983, S. 72 f. Niebel, Ingo: Das Baskenland, Geschichte und Gegenwart eines politischen Konflikts, Wien 2009, S. 70 f.

(68) Bernecker, Walter: Spanien-Handbuch a. a. O. S. 47

(69) Bianchi, Vera a. a. O. S. 109. Vgl. auch: Strobl, Ingrid: "Sag nie, du gehst den letzten Weg", Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung, Frankfurt/M. 1989, S, 54

(70) englischer Text zitiert in: Bianchi, Vera a. a. O. S. 109 f. Übersetzung: der Autor

(71) Bianchi, Vera a. a. O. S. 111

(72) Reichstagsrede 28.4.1939, zitiert in: Deutsche kämpfen in Spanien, hrsg. von der Legion Condor, Berlin 1939, S. 138

(73) zur Gründung der Kameradschaft Legion Condor vgl. Brieden, Hubert: Gernika und die Folgen: Geschichtspolitik in Deutschland und militärische Traditionspflege, in Brieden, Hubert/Rademacher, Tim a. a. O. S. 266. Zur Gründung des Traditonsvereins Geschwader Boelcke: ebd. S. 207, 228 ff. sowie: Brieden, Hubert: "Die Hallen auf! Maschinen raus! a. a. O. S. 24 ff.

ABBILDUNGEN:

(1) Legion Condor (collage)

(2) LC-Bomben Asturien (nueva españa)

(3) LC-Bomben Asturien (nueva españa)

(4) LC-Bomben Asturien (nueva españa)

(5) Legion Condor (vanguardia)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-03-17)

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