ezkaba01Leiden der Gefangenen 1938

Ein Theaterstück, das in die Geschichte eines Landes eintaucht, um auf der Bühne zum Nachdenken anzuregen – ist das Ziel von Miguel Goikoetxandia mit “Ezkaba“. Das Stück spiegelt die harten Bedingungen wider, unter denen in den 1930er Jahren Tausende von politischen Gefangenen zu leiden hatten. Es handelt aber auch von der Solidarität, die hinter den Gittern und außerhalb des Gefängnisses entstand. "Die vollständige Geschichte der Festung Ezkaba kann nur durch die Mauern und die Toten erzählt werden".

Die Festung San Cristóbal ist eine militärische Festung auf dem Berg Ezkaba oder San Cristóbal neben Pamplona, erbaut im 19. / 20. Jh. 1938 wurde sie im Rahmen des Spanienkriegs für die Inhaftierung republikanischer politischer Gefangener genutzt. Im Mai flohen 800 von 2.400 Gefangenen, die wenigsten überlebten.

Das neueste Stück von Iluna Producciones, “Ezkaba“, wurde Mitte November 2023 uraufgeführt. Die Mitglieder der Theatergruppe wollten nicht nur von der Flucht politischer Gefangener am 22. Mai 1938 erzählen (damals waren es 2.487 Gefangene), sondern auch von der Behandlung, die sie in Francos Gefängnis Festung San Cristóbal in Antsoain erlitten. Der Hunger und die unmenschlichen Bedingungen, unter denen sie litten, aber auch ihr Widerstand und ihre Solidarität.

Die “historische Erinnerung“ (an den Franquismus) ist ein Thema, für das sich Miguel Goikoetxandia (Iruñea-Pamplona, 1974) seit langem interessiert. Er hat es bereits in seinem Werk “Vencidos“ (Besiegt) aufgegriffen. Jenes Werk konzentrierte sich auf Juany, eine Frau, die als Kind zu Beginn des Krieges von 1936 ihre Mutter verlor. Es ist die Geschichte einer Generation von Frauen, die sich für andere aufopferten, die keine andere Wahl hatten, als ihre Familien durchzubringen und dabei vieles in Kauf nahmen.

Bei dieser neuen Ezkaba-Produktion war die Dokumentationsarbeit sehr intensiv. "Ich lebe in Berriozar (Nachbarstadt Pamplona), und das markanteste Ereignis der historischen Erinnerung in Navarra ist die Festung und die Flucht der Gefangenen. Ich habe dieses Gefängnis jeden Tag vom Fenster meines Hauses aus gesehen. Es schien mir ein kompliziertes Thema zu sein, deshalb hatte ich es beiseite gelegt. In der Zwischenzeit sammelte ich weiter Informationen. Doch schließlich war es so weit. Keiner der Gefangenen war mehr am Leben, ich hatte das Gefühl, dass wir nicht länger warten konnten, um diese Geschichte zu erzählen", erzählt er.

ezkaba02Festungs-Alltag

Was in den Mauern von San Cristóbal geschah, ist im täglichen Leben der Menschen in Navarra noch immer präsent. "Praktisch jede Woche erhalten wir eine Nachricht zu diesem Thema. Vor kurzem wurden zum Beispiel die Überreste einer Person aus Berriozar identifiziert, die im Gefängnis war.

"Es wird davon ausgegangen, dass Navarra eine Region war, in der es keine kriegerischen Auseinandersetzungen gab, aber hier wurden mehr als 3.000 Menschen getötet. Wir sind überrascht über die Zahl der Menschen, die in der Festung Angehörige hatten. Fast 800 Gefangene sind geflüchtet, aber fast 5.000 Menschen haben das Gefängnis durchlaufen. Aitzoain, Antsoain – alle kleinen Dörfer in der Nähe meines Wohnortes sind voll von Geschichten über die Festung".

Unmenschliche Bedingungen

"Die Verwandten der Gefangenen aus anderen Gemeinden mussten früher zu Fuß von Pamplona zur Festung gehen. Heute gibt es Straßen und der Zugang ist einfacher, aber damals war es ein sehr unwirtlicher Ort. Es war sehr kalt, die Bedingungen im Gefängnis waren schrecklich für die Gefangenen, die dort waren. Sie hatten keine Betten, sie schliefen auf dem Boden, es war eine alte Festung aus der Zeit der Karlistenkriege, in der die Gefangenen untergebracht waren. Es gab Steinmauern, durch die Wasser eindrang, und sie schliefen auf dem Wasser. Hunger und Krankheiten waren die häufigsten Todesursachen ... es waren die Lebensbedingungen an einem Ort, der niemals als Gefängnis hätte genutzt werden dürfen", sagt Goikoetxandia.

Er räumt ein, dass es sich um ein "lang ersehntes und gleichzeitig schwieriges" Projekt handelt. "Es war kompliziert, die Geschichte all dieser Personen zu erzählen", sagt er. Das Netzwerk der Frauensolidarität spielt in dem Stück eine besondere Rolle. "Von Pamplona aus halfen sie den Gefangenen, indem sie ihre Wäsche wuschen, sie besuchten ... und jeden Tag ihr Leben für sie riskierten. In der Festung gab es viele Gefangene ohne Bluttaten und mit vielen verschiedenen Nationalitäten".

Fünf Schauspieler*innen

Es handelt sich um Figuren, die "hätten real sein können". Ein Beispiel dafür ist Manuel, ein fiktiver Gefangener, der viele reale Geschichten in sich trägt. "Durch die Dokumentation haben wir eine literarische Geschichte geschaffen, die hätte passieren können. Das Werk hat einen hohen emotionalen Gehalt. Ich denke, dass wer sich für die damaligen Geschehnisse und für menschliche Geschichte interessiert, fühlt sich davon angezogen. Es ist ein sehr kraftvolles Werk, das die Ereignisse in der Festung respektiert.

Die Frage lautet: Was wäre, wenn die Mauern und die Toten sprechen könnten? "In Wirklichkeit können nur die Mauern und die Toten die ganze Geschichte von der Festung Ezkaba erzählen. Mehr kann ich nicht sagen, aber etwas davon ist in dem Stück enthalten", sagt er. Auf der Bühne fünf Schauspieler*innen. Neben Goikoetxandia selbst, Marta Juániz, Ana Berrade, Raquel Sánchez und David Larrea. "Wir haben versucht, den Text auf die Menschen zu konzentrieren, die gelitten haben, die Opfer. Weder die Gefängniswärter noch die Mörder stehen im Mittelpunkt", erklärt er.

Figuren-Galerie

Beim Versuch, verschiedene Aspekte des täglichen Lebens im Gefängnis widerzuspiegeln, trifft das Publikum unter anderem auf Manuel, einen 18-jährigen Galicier. "Er ist ein politischer Gefangener. Galicien war einer der Orte mit den meisten Gefangenen. Es gab auch Häftlinge aus Soria, Toledo und anderen Orten. Eine Besonderheit ist, dass Marta Juániz die Rolle des Manuel spielt, Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, ich denke, das wird die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen. Marta ist eine große Schauspielerin, gemeinsam haben wir ihre gewagte Rolle konzipiert, ich denke, es ist uns gelungen.

Das Publikum wird auch Chinorri kennenlernen, einen sozialen Gefangenen, gespielt von Goikoetxandia. Der kam schon vor Beginn des Krieges 1936 ins Gefängnis, es gab einige dieser Art von Gefangenen. "Er ist weniger Ideologie-besetzt als die anderen, aber von Empathie getrieben, er spielt eine entscheidende Rolle in der Handlung".

Daneben gibt es zwei Schwestern, die das Netzwerk der Frauensolidarität darstellen. Die Schauspielerinnen Ana Berrade und Raquel Sánchez sind in ihre Haut geschlüpft. "Sie gingen in die Festung, um den Menschen zu helfen, und riskierten dort ihr Leben, denn es durften nur Familienangehörige besucht werden. Viele von ihnen gaben sich als Angehörige aus, wuschen den Gefangenen ihre Kleidung und sorgten für Unterhaltung. Sie waren von Solidarität motiviert. Die Reinigung der Kleidung war etwas Grundlegendes in einem Gebäude, in dem Viren und Epidemien viele Menschen töteten", erzählt Goikoetxandia.

David Larrea spielt den Julián, einen Gefangenen der anarcho-syndikalistischen CNT, Manuels Freund, der in dem Stück ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. "Ich wollte mich nicht auf eine einzige Figur konzentrieren, sondern ein Mosaik von Menschen schaffen, welches ermöglicht, das Leben im Gefängnis zu beschreiben. Jede dieser Figuren könnte Protagonist eines Theaterstücks sein. Sie alle stellen eine lebendige Geschichte dar, die in dem Stück zum Ausdruck kommt".

ezkaba03Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung

Das Bühnenbild "soll nicht nur eine Vorstellung davon vermitteln, wie es in der Festung aussah, sondern auch eine Art von imaginärem Bild schaffen. Wenn sich der Vorhang hebt, sieht das Publikum die Festung Ezkaba und die Mauern, den Nebel, den kalten und feindlichen Ort. Neben den extremen Lebensbedingungen gibt es auch Momente der Solidarität und der Hoffnung. Ein Werk, das vor allem die Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellt".

Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Das sind die drei Säulen des Projekts. "Über die Flucht von Ezkaba ist schon viel gesagt worden, aber durch die Fiktion, durch die Emotionen, die den Menschen auf der Bühne widerfahren, ist es leicht, das Publikum auf eine intime Weise zu erreichen. Seit zwei Jahren arbeiten wir mit den Verantwortlichen des Programms für Frieden und Koexistenz der Regierung von Navarra zusammen und wollen das Stück in die Schulen bringen. Ziel ist, dass alle das Stück sehen und emotional erreicht werden können, alle die daran interessiert sind, was passiert ist.“

Wie bei früheren Projekten hat Miguel Goikoetxandia das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und spielt auch eine der Figuren. "Ich will Geschichten erzählen. Mein Weg ist, sie von innen heraus darzustellen. Schreiben und Regie führen sind für mich selbstverständlich. Das Sammeln von Daten macht mir am meisten Spaß, denn meine Neugierde wurde mit jeder Geschichteweiter befriedigt. Beim Schreiben fühlte ich Verantwortung, es ist ein entscheidender Faktor in unserer Geschichte und ich wollte eine gute Arbeit abliefern. Der Weg war sehr mühsam, mit vielen Korrekturen. Auch bei den Proben wurde viel probiert. Es war die komplizierteste Phase dieses Projekts. Da ich am liebsten schauspielere, haben mir die Proben viel Spaß gemacht", stellt er fest.

Goikoetxandia gründete vor zwei Jahrzehnten die Kreativ-Gesellschaft “Iluna Producciones“ iluna bedeutet dunkel auf Baskisch) und produzierte Stücke wie “Con los ojos abiertos" (Mit offenen Augen), das dem Dichter Miguel Hernández gewidmet ist und dessen Briefe, Zeugnisse, Biografien und Gefängnisdokumente dramatisiert. Er will weitermachen. "Wir arbeiten schon so lange daran, dass wir uns das Leben gar nicht mehr anders vorstellen können. Es geht darum, was wir mögen, was uns bewegt und was wir tun wollen", gesteht er.

Zur ewigen Krise der darstellenden Künste meint er: "Wir leben in einer ständigen Krise, wichtig ist, das Vergnügen, das Lernen und alles, was uns am Theater begeistert, zu verteidigen. Denn ich glaube, dass viele Leute viel zu oft hören, wie schlecht es uns geht. Wir haben uns diesen Weg ausgesucht. Das Theater hat mein Leben zum Positiven verändert.“

ANMERKUNGEN:

(1) Information aus: “La historia completa del fuerte de Ezkaba solo pueden contarla los muros y los muertos” (Die ganze Geschichte der Festung Ezkaba kann nur von den Mauern und den Toten erzählt werden), Tageszeitung Gara, 2023-11-04 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Ezkaba (ondare, freepic)

(2) Theatergruppe (naiz)

(3) Goikoetxandia (naiz)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-11-26)

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