
Vom Putsch zur sozialen Revolution
Während das Baskenland und Nafarroa zwischen faschistischen und republikanischen Kräften gespalten war, schuf der Militärputsch vom 18. Juli 1936 in anderen Teilen des Staates optimale Voraussetzungen dafür, dass die anarchistische Bewegung mit der Verwirklichung ihres lang ersehnten Traumes von der gesellschaftlichen Gleichheit beginnen konnte: die soziale Revolution. Vor allem in der Pyrenäen-Region Aragon machten diese revolutionären Anstrengungen beachtliche Fortschritte – mitten im Krieg.
Am 18. Juli 1936 – vor genau 90 Jahren – putschten spanische Generäle. Mit Hilfe deutscher und italienischer Faschisten führten sie einen Krieg gegen die Republik, der im April 1939 endete. Es folgte eine 40 Jahre dauernde Diktatur.
Zwar ist der 18. Juli 1936 als Tag des gescheiterten Staatsstreichs faschistischer Generäle in Erinnerung geblieben, der schließlich zu einem fast dreijährigen Krieg im spanischen Staat führte; doch Tatsache ist auch, dass der Putschversuch genau das beflügelte, was er eigentlich verhindern wollte: die soziale Revolution. Zwischen Juli 1936 und dem Sommer 1937 fand entlang der Front von Aragón ein einzigartiges historisches Ereignis statt, das zu den bedeutendsten Arbeiterbewegungen des 20. Jahrhunderts zählt: Die Einführung des libertären Kommunismus in zahlreichen Dörfern und Landkreisen, dank der Stärke, die die anarcho-syndikalistische CNT (Confederación Nacional del Trabajo) in den Jahren zuvor erlangt hatte. (1)
Als am 19. Juli im Radio die Nachricht verbreitet wurde, dass offenbar eine Gruppe von Militärs im spanischen Protektorat Marokko (spanische Kolonie) geputscht hatte, wurden in verschiedenen Dörfern Versammlungen organisiert, aus denen die lokalen antifaschistischen Komitees hervorgingen. Diese Organisationen hatten die Aufgabe, jeden reaktionären Aufstand auf den Straßen – sollte es dazu kommen – im Keim zu ersticken und für die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung zu sorgen. Insbesondere im Osten Aragóns, wo sich die Revolution durchsetzen sollte, im Gegensatz zum westlichen Teil, in dem, wie auch in den drei Provinz-Hauptstädten (Zaragoza, Huesca, Teruel), die Putschisten triumphierten. Tage später, als der Ausbruch des Krieges bereits begonnen hatte, waren es die Komitees selbst, die die Kontrolle über Rathäuser und ganze Landkreise übernahmen und sich dabei oft über den Einfluss des republikanischen Staates hinwegsetzten.
Unter dem Motto “Alle nach ihren Fähigkeiten, alle nach ihren Bedürfnissen“ war eine der ersten Maßnahmen, auf die sich in diesen Versammlungen geeinigt wurde, die Kollektivierung des Landes. Dafür war es notwendig, die lokalen Großgrund-Besitzer und die Kirche zu enteignen, die unter der neuen Gesellschaftsordnung jeglichen früheren Einfluss verloren. Gerade die Agrarreform im Staat war eine der Hauptforderungen der Bauernschaft während der Zweiten Spanischen Republik gewesen, deren ungenügende Umsetzung jedoch die Erwartungen des landwirtschaftlichen Proletariats nicht erfüllen konnte.
Zudem wurde das Geld abgeschafft und ein System von Gutscheinen eingeführt, das die wirtschaftliche Gleichheit der Bevölkerung gewährleisten sollte. Dank der von den Libertären umgesetzten neuen Anbau-Methoden in Verbindung mit der besseren Nutzung des Bodens infolge der Enteignung gelang es, die Produktion verschiedener Pflanzen-Kulturen zu steigern, wie Daten des republikanischen Landwirtschafts-Ministeriums bestätigten. Dieses System war jedoch stark vom Krieg geprägt, da ein Großteil der landwirtschaftlichen Produktion an die Front geliefert werden musste, um die Milizionäre zu versorgen – eine Aufgabe, für die die verschiedenen regionalen Verbände zuständig waren.
BEKENNTNIS DER CNT ZUM LIBERTÄREN KOMMUNISMUS
Zwar gab es auch in Katalonien und in der Region Valencia anarchistische Kollektive, doch in Aragón fanden sie die größte Unterstützung in der Bevölkerung: Bis zu 510 Dörfer mit insgesamt einer halben Million Einwohner*innen führten den Anarcho-Kollektivismus ein. Zuvor hatte die CNT auf dem Kongress von Zaragoza im Mai 1936 beschlossen, auf den libertären Kommunismus zu setzen, als revolutionärem Weg zum Sturz des Staates. Der im Oktober 1936 unter dem Vorsitz des “Solidario“ Joaquín Ascaso (2) gegründete Verteidigungsrat von Aragón war mit der Organisation dieses Vorhabens betraut.

Joaquín Ascaso war von Beruf Maurer, in seiner Jugend trat er der CNT bei und arbeitete mit einer Gruppe namens “Los Solidarios“ (die Solidarischen) zusammen. Wegen seiner gewerkschaftlichen Aktivitäten wurde er 1924 verhaftet, er floh nach Frankreich, wo er bis zum Beginn der Zweiten Spanischen Republik blieb. Im Zuge der Spanischen Revolution von 1936 ging er zur Front von Aragón. Am 19. Januar 1937 wurde er zum Regierungsbeauftragten des Regionalen Verteidigungsrats von Aragón ernannt. Nach der Auflösung des Rates am 19. August 1937 wurde er auf Anordnung der Regierung der Zweiten Spanischen Republik unter dem Vorwurf des Schmuggels von Schmuck und anderer Straftaten festgenommen und war 38 Tage lang inhaftiert. Schließlich floh er über Frankreich nach Südamerika und ließ sich in Venezuela nieder.
VERTEIDIGUNGSRAT
Die Amtszeit dieser Institution, die zunächst von der republikanischen Regierung anerkannt worden war, erstreckte sich bis August 1937, als sie von den Truppen General Enrique Lísters als direkte Folge der Mai-Ereignisse von 1937 aufgelöst wurde, den Zusammenstößen auf den Straßen von Barcelona zwischen Anarchisten und Trotzkisten einerseits und Kommunisten und Sozialisten andererseits, die George Orwell in seinem Werk “Mein Katalonien“ ausführlich beschrieb.
In seinem Werk schildert der englische Chronist den revolutionären Charakter, den er unter seinen Milizkameraden an der Front in Aragón wahrnahm: “Die Arbeitermilizen waren der Ausgangspunkt für die Bündelung der revolutionärsten Gesinnung des Landes und lenkten diese in eine bestimmte Richtung. Ich war – mehr oder weniger zufällig – Teil der einzigen Gemeinschaft in Westeuropa, in der das revolutionäre Bewusstsein und die Ablehnung des Kapitalismus selbstverständlicher waren als das Gegenteil. In Aragón befanden wir uns inmitten von Zehntausenden Menschen, die größtenteils proletarischer Herkunft waren; sie alle lebten und gingen gleichberechtigt miteinander um. Theoretisch war es eine vollkommene Gleichheit, und in der Praxis war sie nicht weit davon entfernt.“
Obwohl die Kollektive nach August 1937 stark geschwächt waren, aufgrund der Repression und der Ermordung einiger prominenter Anarchisten durch Militär und Sturmtruppen, war es doch erst der Einmarsch der Faschisten im März 1938, der das Ende des egalitären Traums und das Exil seiner Initiatoren bedeutete – im Wissen, dass sie, sollten sie in die Hände der Reaktionäre fallen, die neue Welt, die sie in ihren Herzen trugen, mit dem Tod bezahlen würden. Auch wenn es nur für kurze Zeit war, waren sie die Protagonisten einer der größten selbstverwalteten Erfahrungen in der Geschichte Europas und eröffneten damit neue Horizonte.
VON DER UKRAINE NACH BASTIDA
Der libertäre Kommunismus wurde im spanischen Staat während der anarchistischen Sozialrevolution von 1936 eingeführt, in Europa hingegen hatte es bereits frühere Erfahrungen damit gegeben. Tatsächlich war eines der Vorbilder der spanischen Anarchisten die Ukraine von Nestor Makhno, jenem Revolutionär, der das Volk zum libertären Kommunismus führte. Während seines Exils in Paris trafen sich bekannte Anarchisten und Mitglieder der Gruppe “Los Solidarios“ mit ihm: Buenaventura Durruti (3) und Francisco Ascaso (4).
Durrutis Leben war von Streiks, Verurteilungen und Exil geprägt. Als gewählter Führer einer republikanischen Elitekolonne war er eine der zentralen Figuren im Spanienkrieg. Er starb durch eine verirrte Kugel an der Front in Madrid, zu seiner Beerdigung in Barcelona kam eine halbe Million Menschen. Francisco Ascaso war ebenfalls eine prominente Figur des Anarchosyndikalismus in Spanien. Er starb im Spanienkrieg am ersten Tag der Auseinandersetzung in Barcelona (20. Juli 1936) während des blutigen Kampfes um die Atarazanas-Kaserne.
Zwar entstanden im Baskenland, wo die libertäre Bewegung weitaus weniger Fuß gefasst hatte als in anderen Regionen der Iberischen Halbinsel, keine anarchistischen Kollektive, dennoch gab es Versuche, den Traum von der Gleichheit zu verwirklichen; konkret in Bastida (spanisch: Labastida), dem Hauptort des Weingebiets in der baskischen Rioja-Alavesa.
Nach den Wahlen im November 1933, die den Beginn der sogenannten “Zwei Schwarzen Jahre“ (Bienio Negro) oder “Konterrevolutionären Zweijahres-Periode“ markierten, beschloss die anarcho-syndikalistische CNT, aktiv zu werden und der neu gebildeten rechten Regierung mit einem revolutionären Aufstand entgegenzutreten. So übernahmen die Anarchisten zwischen dem 8. und 10. Dezember in zahlreichen Orten des Staates, insbesondere entlang des Ebro-Tals, die Macht – beziehungsweise entmachteten die bisherigen Machthaber. Auf diese Weise gelangten sie bis in die baskischen Regionen Araba und Nafarroa.
In Bastida besetzten etwa zwanzig anarchistische Aktivisten das Rathaus und verbrannten das Grundbuch-Archiv – eine in der anarchistischen Bewegung weit verbreitete Praxis, um jegliche Spuren der alten Welt zu beseitigen. In der Araba-Gemeinde wurden später bis zu 32 Revolutionäre vor Gericht gestellt.
ANMERKUNGEN:
(1) “El otro 18 de julio: del golpe de Estado a la Revolución social” (Der andere 18. Juli: Vom Staatsstreich zur sozialen Revolution), Autor: Marcel Pena, Tageszeitung Gara, 2026-07-18 (LINK)
(2) Joaquín Ascaso Budría (Zaragoza, 1906 / Caracas, 1977)
(3) Buenaventura Durruti (14. Juli 1896 León / 20. November 1936 Madrid)
(4) Francisco Ascaso (1. April 1901 in Almudévar, Provinz Huesca / 20. Juli 1936 in Barcelona)
ABBILDUNGEN:
(*) CNT (gara)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-07-18)
