mmfol1Meliton Manzanas unvergessen

Melitón Manzanas war in den 1960er Jahren einer der berüchtigtsten franquistischen Folterer im Baskenland. Elías Antón war eines der vielen Opfer der körperlichen und psychischen Folter von Melitón Manzanas. Lange nach seinem Tod durch ETA wurde der Folterer von der Polizei mit einer Medaille geehrt. Elías Antón: "Die Auszeichnung für Melitón Manzanas war eine brutale Beleidigung für mich". Die Figur des Regime-Polizisten sei Teil des "großen Terrors", der mit der Amnestie von 1977 beendet wurde.

Melitón Manzanas González (San Sebastián, 1909-1968) spanischer Polizist während der Franco-Diktatur, Kollaborateur der Gestapo während des Zweiten Weltkriegs, Leiter der Politisch-Sozialen Brigade in Gipuzkoa, gefürchteter Folterer. Opfer des ersten tödlichen Attentats von ETA.

Gara: Sprechen wir über Melitón Manzanas.

Elías Antón: Wir wussten, dass er gerne in die Kirche von Guadalupe in Hondarribia ging. Also malten wir "Gora Euskadi!" (Es lebe Euskadi) und weitere Parolen auf den Weg nach Guadalupe. Damals (in den 1960er Jahren) haben wir nichts anderes getan als gemalt und Ikurriña-Fahnen aufgehängt. Wir benutzten einen jener Pinsel, die man zum Streichen von Booten verwendet. Das hat er mir nie verziehen. Er war ein natürlicher Mörder, denn das war er. Er konnte es nicht ertragen, dass seine Kirche so gebrandmarkt wurde.

Von welchem Jahr sprechen Sie? In welchem Jahr hat er Sie erwischt?

Im Jahr 1966, ich war 19 Jahre alt. Wir waren für kurze Zeit im Gefängnis. Wir waren Neulinge und wurden auf Bewährung für einen Prozess in Madrid entlassen. Ich wurde zu sieben Jahren verurteilt, für verschiedene Dinge. Ich war dreieinhalb Jahre im Knast.

Wer war Manzanas?

mmfol2Das war einer, der bei den Verhören immer dabei war und der gerne zuschlug. Es war ihm egal, wen er schlug. Er schlug Schmuggler zusammen, um einen Anteil zu bekommen. Er verfolgte sie in Irun. Es war schrecklich. Ich war der erste bei der Zivilverwaltung von Gipuzkoa ... oder zumindest in ihren Folter-Löchern. Melitón kam von hinten auf mich zu und kletterte auf die Handschellen, die ich auf dem Rücken trug, so dass sie mir ins Fleisch schnitten. Meine Handgelenke waren blutig. Ich spürte, wie er sich amüsierte. Er sagte mir, dass sie jetzt meine Schwester und meine Mutter holen würden. Dass sie sich mit ihnen amüsieren würden. Damals war ich 19 und heute bin ich 77. So etwas vergisst man nicht, nein, man vergisst es nicht.

Hat Manzanas das Quälen Spaß gemacht?

Und wie! Wie er auf und ab sprang, wie er mich schlug! Er hat mir seine Pistole in den Mund gesteckt. Er schlug mich mit dem Gewehrkolben zwischen die Zähne. Er schlug mich wie es gerade kam.

Hat er Ihnen dann mit den Angehörigen gedroht?

Die Ikurriña-Fahnen, sagte er, wurden von meiner Schwester und meiner Mutter genäht. Er sagte, sie würden sie holen, um sie zu vergewaltigen.

Kannte die Polizei die Namen Ihrer Mutter und Ihrer Schwester?

Natürlich, er wusste alles. Ich habe mich auf Anraten meines Anwalts gestellt. Sie hatten bei mir zu Hause angerufen, alle anderen hatten sie schon erwischt. Das hat mich wütend gemacht. Ich habe ihm alles gesagt, aber er wusste es schon. Er hat mich umsonst geschlagen, er hatte es nicht nötig, er hat mich gequält, weil er es wollte.

Bei allem, was er Ihnen angetan hat, war er dennoch nicht der schlimmste Peiniger, mit dem Sie je zu tun hatten.

Er ist der schlimmste Folterer, den ich erlebt habe. Die anderen, die von Pamplona nach Madrid gingen, hatten nicht den Mut dazu. In dieser Höhle in Madrid waren mindestens 20 von ihnen. Es gab Keller mit Gitter aus Draht und Erdboden, ich erinnere mich gut. Ich war dort, ich schlief dort. Ich habe weder gegessen noch getrunken.

Wurden Sie geschlagen?

Ich verlor mehrmals das Bewusstsein wegen der Schläge auf meinen Kopf. Es gab einen Mann, der etwa 1,70 m groß war, aber er hatte Arme wie meine Oberschenkel. Er schlug mich immer so [Anton hebt seine geballte Faust und lässt sie los, indem er seinen Arm wie einen Hammer nach unten sausen ließ]. "Du bringst ihn noch um", sagten die anderen zu ihm, bis sie ihn hinauswarfen. Ich erinnere mich, dass ich sie zweimal gebeten habe, mich zu töten.

Erinnern Sie sich an die Verleihung des Ordens an Manzanas, am 19. Januar 2001?

Natürlich erinnere ich mich. Für mich war das eine brutale Beleidigung. Jetzt denke ich viel über Terrorismus nach. Für mich sind Franco und die PP und Melitón die Terroristen. Das ist Terror. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, mich mit dem Terror auseinanderzusetzen, dem großen Terror, dem Terror, der hier in Nafarroa 3.500 Tote (im Spanienkrieg) hinterlassen hat, ohne dass es eine Kriegsfront gab. Ich habe es Ihnen erklärt, als wir über den argentinischen Prozess sprachen: weder vergessen noch vergeben. Ich kann die Folter von Manzanas nicht vergessen, denn sie war grundlos. Er hätte mich nicht foltern müssen, weil er alles schon wusste. Alles aus Rache, er war eine Bestie.

Die Medaille gibt mir zu denken: Was für ein Zynismus? Was für eine Gesellschaft? Wozu 40 Jahre sogenannte Demokratie? Das Amnestiegesetz diente dazu, den ganzen großen Terrorismus (des alten Regimes) zu legalisieren. Danach konnten sie Melitón Manzanas Ehrungen zukommen lassen? Er war einer ihrer größten Diener. Ein Nazi, ein Kollaborateur der Gestapo, der Grünen Pfeile? Aber das spielt keine Rolle.

mmfol3Wurde Melitón mit der Medaille entlastet? Jedes Jahr gibt es eine Kontroverse über das Opfer Denkmal, wo am Tag des Manzanas-Attentats an ihn erinnert wird. Dabei wird seine dunkle Seite ausgeblendet, die nicht nur Sie getroffen hat, sondern Dutzende weitere Opfer.

Es sind nicht mehr nur Francos Kumpane und die Nationale Bewegung, die ihn rehabilitieren. Jetzt ist sogar die PNV auf diesen Kurs eingeschwenkt. Urkullu ist auf den Zug gesprungen. Sie haben das Gefühl für die Zeit und den Rhythmus der Politik verloren. Jetzt wird nur noch EH Bildu bespuckt. Aber meiner Meinung nach kommt das Licht langsam an die Oberfläche. Die Menschen werden sich bewusst, wer sich wirklich für die baskischen Arbeiter einsetzt.

Die PSOE, UGT, CCOO ... waren 2001 gegen die Medaille. Jetzt scheinen sie ihre Ansicht geändert haben.

Das kommt alles von 1978, von der Amnestie. Sie sind alle Kinder von Amnestien. Sogar dem König wurde Amnestie gewährt, allen Henkern, den Putschisten. Oder sollen wir jetzt glauben, dass nur Franco ein Verbrecher war? Erst die Alianza Popular, dann die PP und jetzt Vox, die aus der PP kommt, das sind die Kinder der Amnestierten.

Wo hat dich der Tod Manzanas erwischt?

Im Gefängnis. Es war im August. Sie kamen zu mir und brachten Äpfel zum Nachtisch. Äpfel? Warum bringen sie Äpfel? Zwischen mir und ihnen war ein Drahtkäfig, und es war ein enger Korridor. Der Beamte ging durch den Korridor hin und her. "Sagarrak, sagarrak", beharrten sie. Sie machten diese Geste, die des römischen Kaisers, der im Kolosseum zum Tode verurteilt wird: eine geballte Faust mit gesenktem Daumen. Da habe ich verstanden. Ich fühlte Freude, das ist die Wahrheit. (Der Familienname des Folterers ist Manzanas, was auf Spanisch “Äpfel“ bedeutet, “sagarrak“ ist das baskische Wort für Äpfel, die Botschaft der Gefängniswärter war verschlüsselt, weil sie nicht offen über das Attentat sprechen konnten.)

Weitere Information:

In der vierten Baskultur-Anthologie findet sich eine Zusammenstellung der Artikel zum Thema “Folter“ (LINK). In weiteren drei Artikeln wurde die Geschichte von Meliton Manzanas und seiner Folterpraxis dargestellt: “Das erste ETA-Attentat – Meliton Manzanas: Faschist und Folterer (2020-08-02) (LINK) – “Nazifreund und Folterer – Das erste ETA-Attentat“ (2022-08-02) (LINK) – Francos Geheimdienst BPS – Eine Kopie der GESTAPO (2022-09-13) (LINK)

ANMERKUNGEN:

(1) “La condecoración a Melitón Manzanas fue para mí un insulto brutal” (Die Verdienstmedaille für MM war für mich eine brutale Beleidigung), Tageszeitung Gara, 2024-01-19 (LINK)

https://www.naiz.eus/es/2024/20240119/la-condecoracion-a-meliton-manzanas-fue-para-mi-un-insulto-brutal

ABBILDUNGEN:

(1) Folter (collage)

(2) Manzanas (rtve)

(3) Folteropfer (naiz)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-01-27)

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