Die mühsame Aufarbeitung
Seit den 1960er Jahren wurden in Hegoalde, dem südlichen Baskenland schätzungsweise 10.000 Personen gefoltert. Dabei gab es einen bruchlosen Übergang von der Diktatur zur so genannten Demokratie. Gefoltert wurden (wie viele denken mögen) nicht nur Militante von bewaffneten Organisationen, sondern alle Arten von politisch Aktiven. Deutlich wird dies daran, dass nur ein kleiner Teil der Gefolterten anschließend juristisch angeklagt wurde. Guardia Civil, Policia Nacional und Ertzaintza waren die Folterer.
Im Baskenland war Folter neben dem ZEN-Plan ein Teil der faschistischen und neo-franquistischen Aufstands-Bekämpfung, ohne jegliche Rücksicht auf Menschenrechte.
Bisher wurde nur ein kleiner Teil der baskischen Folteropfer (1960-2015) offiziell als solche anerkannt, zuerst in der Region Baskenland, nach dem politischen Tendenzwechsel auch in der Region Nafarroa. Eine Anerkennung ist nicht einfach, weil die Folter in den meisten Fällen (die nicht tödlich waren) keine Spuren hinterließ. In den meisten Fällen deckten Richter und Gerichtsmediziner die Folterpraxis, etwaige Anzeigen landeten regelmäßig im Papierkorb, das System war weitgehend perfekt. Nach dem Ende der bewaffneten Aktivitäten von ETA zeigten sich baskische Behörden und Menschenrechts-Organisationen offener dafür, die systematische Folter zu untersuchen und Folteropfer anzuerkennen. Bis dahin galten Folter-Anzeigen als gezielte Strategie im Auftrag von ETA und als bewusste Lügen – auch wenn europäische Gerichte dies in Einzelfällen hinterfragten und kritisierten, auch wenn der jährliche Bericht des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte oder Amnesty International regelmäßig von der Existenz von Folter sprachen.
“Wir brauchen ein möglichst vollständiges Bild der systematischen Folter“ ist das Leitmotiv des Netzwerks der Folteropfer des Baskenlandes, das am vergangenen Samstag (14.2.2026) in Eibar seine zweite nationale Versammlung abhielt. In einem Interview betonen drei Folteropfer (Amaia Urizar, Ainara Gorostiaga und Gorka Loran), wie wichtig es ist, “ein möglichst vollständiges Bild der Folter“ zu haben. (Interview aus der baskischen Tageszeitung Gara). (*)
Gara: Vor einem Jahr wurde das Netzwerk der Folteropfer des Baskenlandes im Kursaal offiziell vorgestellt. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Amaia: Wir haben es geschafft, den Kursaal (in Donostia) zu füllen, und seitdem war der Weg sowohl beim Aufbau des Netzwerks als auch bei der Annäherung an die Menschen, die gefoltert wurden, von Dorf zu Dorf positiv.
Ainara: Wir verfügten bereits über Materialien, die von anderen Gruppen wie Torturaren Aurkako Taldea (Gruppe gegen Folter), Euskal Memoria oder IVAC (Instituto Vasco de Criminología - Baskisches Kriminal-Institut) erstellt worden waren, aber es kommen noch viel mehr Fälle hinzu. Wir sind auf Menschen gestoßen, die sich dazu entschlossen haben, zu erzählen, was ihnen widerfahren ist, und auf andere, die sich bisher selbst nicht als Folteropfer begriffen haben.
Gorka: Wir haben das Kursaal-Konzept von Grund auf neu organisiert. Wir haben einen Saal mit einer Kapazität für 650 Personen reserviert, ohne zu wissen, ob wir ihn füllen würden oder nicht. Als wir so viele Menschen sahen, die Blicke, die Gesten der Verbundenheit und Unterstützung, die Umarmungen spürten, verschwanden all unsere Ängste und unsere Nervosität, und wir füllten nicht nur den Saal, sondern mussten noch zwei weitere Säle bereitstellen. Noch nie zuvor hatten sich so viele Folteropfer bei einer Veranstaltung versammelt; das zeigte, wie notwendig es war, dieses Netzwerk zu schaffen. Ich persönlich hatte das Gefühl, dass viele Folteropfer auf diesen Moment gewartet hatten.
Wie nähert man sich einer gefolterten Person? Wie reicht man ihr die blaue Mappe (mit den Fragen)?
Amaia: Das hängt von jeder Person ab. Es gibt Menschen, die sie ohne weitere Erklärungen annehmen, weil sie das Netzwerk kennen. Bei anderen hingegen mussten wir behutsam vorgehen und ihnen Zeit geben, denn mit den Fragen wird ein ganzer Rucksack mit persönlichen Geschichten geöffnet. Das Überreichen und Entgegennehmen der Mappe ist ein wichtiger Moment, denn sie enthält das Leben einer Person seit dem Zeitpunkt ihrer Verhaftung. Es ist, als würde man einen Rucksack öffnen, der vielleicht jahrelang oder jahrzehntelang verschlossen war. Deshalb ist es wichtig, Räume zu schaffen, in denen sich die betreffende Person sicher und geschützt fühlen kann, in denen sie weinen kann, wenn sie das Bedürfnis dazu hat.
Ainara: Die Art und Weise, wie uns die Akte übergeben wird, ist ein Indikator dafür, wie diese Person sie erstellt hat. Es gibt völlig zerknitterte Akten, was darauf schließen lässt, dass es der Person sehr schwer gefallen ist, sie zu erstellen, während andere makellos sind. Wir empfehlen immer, die Akte sichtbar zu lassen, zuerst auf dem Kühlschrank, dann auf dem Nachttisch ... bis die Person sich stark genug fühlt.
Und wie geht man im Fall von Personen vor, die gefoltert wurden und bereits verstorben sind, um all diese Berichte nicht zu verlieren?
Gorka: Wir wissen, dass die Zeit gegen uns arbeitet. Damit die Darstellung der Folter so vollständig wie möglich ist – wir sind uns bewusst, dass sie nie zu 100% vollständig sein wird –, müssen wir diese Arbeit so schnell wie möglich erledigen. Wenn dein Vater oder deine Mutter gefoltert wurden und verstorben sind oder sich nicht bei guter Gesundheit befinden, kannst du sie vertreten. Es gibt Fälle, in denen diese Person die Folter nie öffentlich angeprangert hat und nur einem sehr engen Kreis von Menschen erzählt hat, was man ihr angetan hat. Auch wenn es oft schwierig sein kann, die Aussagen dieser Personen zu erhalten, die nicht mehr leben, versuchen wir vom Netzwerk aus, so gründlich wie möglich zu arbeiten und jemanden zu finden, der zusammen mit ihnen inhaftiert war, weil diese Person vielleicht ihre Aussagen mit ihnen geteilt hat. Unser Ziel ist es, alle Personen zu erreichen, die aus politischen Gründen gefoltert wurden.
Ainara: Es ist eine Tatsache, dass heute aufgrund des Alters viele dieser Aussagen verloren gegangen sind. Eben das ist ein weiterer Grund für die Arbeit des Netzwerks, damit diese Berichte nicht verloren gehen.
Was bedeutet dieser Ordner für Sie persönlich?
Amaia: Ich konnte jedem Nachbarn, Freund oder Unbekannten beim Ausfüllen des Ordners helfen, aber mich mit meinem eigenen Ordner zu befassen, bereitete mir große Schwindelgefühle. Ich habe Monate gebraucht, um ihn auszufüllen, aber dass ich es getan habe, dass ich im Netzwerk bin und Teil der Fördergruppe bin, hat mir sehr geholfen, meine Wunden zu heilen. Seit dem Tag, an dem du die Polizeistation verlässt, vergehen die Jahre, und in dieser Zeit hast du vielleicht therapeutische Arbeit geleistet oder auch nicht. Aber wir hatten keinen gemeinsamen Ort, an dem wir uns unter Folteropfern austauschen konnten. Mit Blick auf die nächsten Generationen ist es wichtig, das Thema Folter auf den Tisch zu bringen, damit niemand daran zweifelt, dass im Baskenland systematisch gefoltert wurde.
Gorka: Ich erinnere mich, dass ich beim Anhören der Aussage einer anderen gefolterten Person das Gefühl hatte, sie würde aus meinem Mund sprechen; Folter ist Folter, und wir alle haben sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Wir von der Initiativgruppe waren uns bewusst, dass es notwendig war, ein Netzwerk von Folteropfern im Baskenland aufzubauen. Viele Folteropfer haben uns dies ebenfalls mitgeteilt. Für mich war es positiv, dazu beitragen zu können, diesem kollektiven Wunsch gerecht zu werden.
Ainara: Früher habe ich die Folter sehr intensiv erlebt. Es schien, als wäre sie ausschließlich ein Teil von mir. Seit ich im Netzwerk bin, wird dieses Gefühl geteilt und ist daher weniger schmerzhaft.
Wie bewerten Sie die Veränderung in der Darstellung von Folter? In Ihrem Fall, Ainara Gorostiaga, hat das Parlament von Navarra 2002 verhindert, dass Ihre Aussage angehört wurde. Aber 2016 wurden Sie zusammen mit anderen gefolterten Frauen eingeladen, über Ihre Erfahrungen zu berichten. Und im vergangenen Oktober nahmen Sie an einer Diskussion über Folter in Madrid teil, die früher “gleichbedeutend mit Verhaftung, Isolationshaft ...” war.
Ainara: Wenn wir auf das Jahr 2002 zurückblicken, war die Leugnung der Folter so ausgeprägt, dass den Familien überall die Türen verschlossen blieben. Es war eindrucksvoll, zusammen mit fünf anderen gefolterten Frauen vor dem Parlament von Navarra auszusagen, ich konnte es kaum glauben. Auch in der Art und Weise, wie über Folter gesprochen wird, hat es Fortschritte gegeben. Früher beschränkten wir uns darauf, zu erzählen, was uns angetan wurde, heute liegt der Fokus darauf, wie uns die Folter beeinflusst hat.
Amaia: Heute ist es unbestritten, dass im Baskenland gefoltert wurde, aber es gibt noch viel zu tun. Niemand bezweifelt, dass die Guardia Civil und die Policía Nacional gefoltert haben, aber das Gleiche gilt nicht für die Ertzaintza (Polizei der Region Baskenland). Der letzte registrierte Fall von Folter aus dem Jahr 2014 geht auf diese Polizeieinheit zurück.
Gorka: Die Folter war strukturell angelegt; der Staat hat einen Mechanismus in Gang gesetzt, damit ungestraft gefoltert werden konnte. Bei einer kürzlich in Iruñea (span: Pamplona) abgehaltenen Konferenz betonte der Anwalt Iñigo Iruin, dass Folter keine polizeiliche Gewalt, sondern staatliche Gewalt war. Es handelt sich um eine Entscheidung des Staates, der seine drei Gewalten – Exekutive, Legislative und Judikative – in Gang setzt, damit sie ausgeführt werden kann. Die Polizei-Kommandanten sprachen von “Netzwerk-Arbeit”, ein Euphemismus dafür, dass sie wissen wollten, ob sie mit Genehmigung der Regierung foltern durften oder nicht. Auch die Medien spielten eine Rolle. Die Leugnung und Straflosigkeit waren so umfassend, dass der Eindruck vermittelt wurde, als würden wir uns alles ausdenken. Die Zeiten haben sich geändert, es ist uns gelungen, Risse in diesem Leugnungs-Diskurs zu verursachen. Vor einigen Jahren war beispielsweise die offizielle Untersuchung durch das Baskische Kriminalitäts-Institut IVAC undenkbar.
In Navarra sind bereits 71 Personen als Folteropfer anerkannt. Wie bewerten Sie das?
Ainara: Als das Gesetz in Kraft trat, dachten wir nicht, dass es auch Folter einschließen würde; wir hatten unsere Befürchtungen, wir hatten nichts, um unsere Aussagen zu belegen, außer unserem Wort. Wie sollte uns geglaubt werden, wenn die Folter jahrzehntelang geleugnet worden war? Die persönlichen Aussagen können insgesamt viele Informationen liefern und sind der Beweis dafür, dass Folter nicht ein Ausdruck davon ist, dass einem Polizisten einmal die Hand ausgerutscht ist (wie in bestimmten Fällen gerne behauptet wurde). Deshalb ist es notwendig, dass sich die Menschen melden, wobei natürlich die Entscheidung derjenigen zu respektieren ist, die dies nicht tun wollen, denn wir sind uns bewusst, dass der Prozess hart ist. Dazu müssen wir bedenken, dass das Gesetz in Navarra im Juli 2027 ausläuft. Wir haben nur noch anderthalb Jahre Zeit und müssen den Moment nutzen.
Im Falle der Autonomen Gemeinschaft des Baskenlandes wurde die Frist des Gesetzes 12/2016 abgeschlossen.
Gorka: Vom Netzwerk aus fordern wir, dass in der Region Baskenland ein neues Gesetz ohne zeitliche Begrenzung verabschiedet wird. Das Gesetz sag eine Frist bis 1999 vor. Warum gibt es in Navarra keine Fristen und in der Autonomen Gemeinschaft des Baskenlandes aber schon? Hat eine Person, die 1990 gefoltert wurde, das Recht auf Anerkennung, und eine Person, die 2008 gefoltert wurde, nicht? Wie lässt sich diese zeitliche Begrenzung rechtfertigen? Das macht keinen Sinn. Wir müssen bedenken, dass der letzte in der Untersuchung des IVAC dokumentierte Fall aus dem Jahr 2014 stammt. Das Ziel des Netzwerks ist es, die offizielle und kollektive Anerkennung von Folter voranzutreiben. Bislang wurden 71 Fälle in Navarra und 260 in der Region Baskenland offiziell anerkannt. Im gesamten Süd-Baskenland sind es somit 331. Das sind nicht einmal 10% der Untersuchungen des IVAC-Instituts. Wir müssen weiter daran arbeiten, diesen Prozentsatz zu ändern.
Wie gehen Sie die Versammlung in Eibar an?
Gorka: Tausend Menschen haben sich bereits dem Netzwerk angeschlossen. Wir rufen alle gefolterten Menschen im Baskenland auf, nach Eibar zu kommen. Wir hoffen, dass diese zweite nationale Versammlung ein weiterer Meilenstein wird.
Amaia: Persönlich ist mir eine offizielle Anerkennung mehr oder weniger egal. Jede Person von uns hat ihre eigene Wahrheit und kennt sie, aber wir müssen ein möglichst vollständiges Bild erstellen, damit in der Geschichte festgehalten wird, dass im Baskenland systematisch gefoltert wurde.
ANMERKUNGEN:
(*) “Necesitamos la foto más completa posible de la tortura sistemática” (Wir brauchen ein möglichst vollständiges Bild der systematischen Folter), Tageszeitung Gara, 2026-02-13, Einführung und Übersetzung: baskultur.info (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Folter (collage)
(2) Folter (unam)
(3) Anti-Folter-Netz (naiz)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-02-15)
