Unzweifelhafte Anhörung
Verschiedene baskische Institutionen wollen im Biosphären-Reservat und Naturschutz- und Vogelschutz-Gebiet ein zweites Guggenheim-Museum bauen lassen, mit zwei Standorten und einem kilometer-langen Verbindungssteg, um den Landkreis zu beleben und “ökologischen” Tourismus zu fördern. Große Teile der Bevölkerung sind dagegen. Der von Provinz- und Regional-Regierung in Form einer Studie initiierte Anhörungs-Prozess hat jedoch eine breite Ablehnung des Projekts in der Bevölkerung deutlich gemacht.
Das Naturschutzgebiet Urdaibai liegt zwischen Gernika und Bermeo an der Oka-Mündung, mit 220 qkm Fläche und großem ökologischen Reichtum. Ein Vogelschutzgebiet, das 1984 von der Unesco zum Biosphärenreservat erklärt wurde.
Vorläufiger Bericht über den Anhörungsprozess Guggenheim Urdaibai
Ende Juli 2025 legte Agirre Lehendakaria Center (ALC) den vorläufigen Bericht zur möglichen Erweiterung des Guggenheim Bilbao Museoa in Urdaibai vor. Das ALC ist eine Studiengruppe zur Förderung für soziale Innovation, die zur Transformation der baskischen Gesellschaft beitragen soll. Das Kuratorium des Zentrums setzt sich aus verschiedenen Persönlichkeiten zusammen, die mit der baskisch-nationalistischen Partei PNV verbunden sind, die wiederum ein großes Interesse an der Durchführung des Guggenheim-Urdaibai-Projekts hat. Nach dem Regierungswechsel von Urkullu zu Pradales (dieselbe Koalition zwischen PNV und Sozialdemokraten) hat die Regierung ein Moratorium für die Weiterentwicklung des umstrittenen Projekts ausgerufen und hat gleichzeitig die Befragung der Bevölkerung in Aussicht gestellt. In diesem Zusammenhang wurde ALC von der Provinzregierung Bizkaia und der baskischen Regierung beauftragt, eine Volksbefragung durchzuführen, um die öffentliche Meinung zu erforschen.
Die nun vorgelegte Studie hat vorläufigen Charakter und wird weiter erarbeitet, sie ist ein Teil des angekündigten Anhörungsprozesses. Es handelt sich um das Ergebnis von mehr als 500 Einzelinterviews, die mit fünf Fragen durchgeführt wurden zur kollektiven Interpretation der öffentlichen Meinung und einer Erfassung von gesellschaftlichen Akteuren und Initiativen, die zum Projekt eine Meinung haben. Ziel der Studie soll sein, ”die Tiefe der Debatte zu verstehen”, eine etwas seltsame Formulierung.
Die mit der Studie unternommenen Anstrengungen sind zweifellos bemerkenswert, die Bandbreite der gesammelten Stimmen ist breit und pluralistisch. Doch scheint der Nutzen des Berichts fragwürdig. Erstens, weil die Institutionen bereits darauf hingewiesen haben, dass sein Ergebnis nicht bindend sein wird. Und zweitens, weil die verwendete Methodik und die Art und Weise, wie die Ergebnisse präsentiert wurden, eine solche Verbindlichkeit nicht zulassen. Bereits zu diesem Zeitpunkt hat die Plattform Guggenheim Urdaibai Stop, die das Projekt eines Doppelmuseums im Biosphären-Reservat Urdaibai verhindern will, Zweifel an diesem in Auftrag gegebenen Verfahren geäußert und einen partizipativen Prozess mit Entscheidungs-Befugnis gefordert. Dies haben die von PNV und PSE kontrollierten Institutionen jedoch rundweg abgelehnt.
Ein ”Interpretations”-Bericht
Was die Nützlichkeit des Prozesses angeht, so versucht ALC nicht, etwas zu verheimlichen. Im Bericht selbst wird bereits auf die Grenzen dieser Methodik hingewiesen. Es wird klargestellt, dass es sich weder um eine Konsultation noch um einen partizipativen Prozess handelt, sondern um einen Prozess des Zuhörens, bei dem Berichte und Wahrnehmungen gesammelt werden sollen. ”Es handelt sich um einen qualitativen Ansatz, der eher einer ethnografischen Untersuchung ähnelt”, heißt es da, und weiter: ”Die Natur eines Prozesses des Zuhörens ist nicht instrumentell, sondern interpretativ”.
Unmittelbarer Gegenstand und der Grund für die “interpretative Studie” sind das Guggenheim-Projekt Urdaibai und zahlreiche Massenmobilisierungen gegen dieses Projekt. Vor diesem Hintergrund wurde eine aktuelle öffentliche Debatte ausgelöst. In diesem Zusammenhang fällt jedoch auf, dass dieser Projekt-Streit in den Interviews erst in der vierten Frage direkt angesprochen wurde. Die ersten drei Fragen lauteten: ”Was geschieht in der Region? Was sind ihre größten Herausforderungen? Welche Chancen gibt es?“ Auf diese Weise wurde das Hauptthema der öffentlichen Debatte im Ergebnis des Berichts durch andere Überlegungen verwässert und zum Nebenthema gemacht.
Anhand der Antworten aus diesen rund 500 Interviews wurden im Bericht fünf Meinungs-Muster vorgestellt, die laut ALC ”die unterschiedlichen Positionen zum Projekt und im weiteren Sinne zur Zukunft der Urdaibai-Region widerspiegeln“. Diese sind wie folgt: 001 ist gegen das Guggenheim-Projekt und möchte, dass sich die Debatte darauf konzentriert; 002 ist dagegen und möchte gleichzeitig, dass über die Entwicklung der Region gesprochen wird; 003 ist für das Museums-Projekt; 004 gibt an, nicht genügend Informationen zu haben und fordert Garantien, dass die natürliche Umwelt nicht geschädigt wird; 005 zeigt sich skeptisch und unzufrieden, und ist der Meinung ist, dass seine-ihre Meinung ohnehin nicht berücksichtigt wird.
Die Art und Weise, wie die fünf Meinungs-Narrative im Bericht gruppiert sind, wirkt etwas künstlich und willkürlich und verkompliziert die Debatte. Dies zeigt sich in der Trennung der ersten beiden Muster, die sich beide eindeutig gegen das Projekt richten, aber durch andere, schwer erklärbare Faktoren voneinander unterschieden werden. Andererseits entspricht die Schaffung der Muster 004 und 005 nicht einer Haltung gegenüber dem Projekt selbst, sondern steht im Zusammenhang mit anderen Überlegungen, die auch in den anderen Mustern (001 bis 003) vorhanden sein können. Tatsächlich wird beim genauen Lesen des Berichts deutlich, dass auch diese beiden letzten Muster ihre Ablehnung gegenüber dem Standort des Projekts und der Schädigung des Biosphärenreservats zum Ausdruck bringen. Um die Sache noch unklarer zu machen, enthält der Bericht keine Zahlen darüber, wie viele der Befragten in die einzelnen Kategorien fallen.
Trotz allem reicht es aus, den Bericht gründlich zu lesen, um die überwältigende Ablehnung des Guggenheim-Urdaibai-Projekts durch die Bevölkerung zu erkennen.
ALC veröffentlicht die Transkripte der durchgeführten Interviews im Internet, aus denen die geringe Akzeptanz des Projekts hervorgeht. Nach einer Auszählung (durch das publizierende Medium) nach der Lektüre aller Interviews fallen etwa 78% in die Kategorien 001 und 002 und nur 12% in die Kategorie 003 mit einer eindeutig positiven Einstellung zum Projekt. Darüber hinaus kommen in dem Bericht auch andere Kritikpunkte an der Regierungsführung von PNV-PSE und ihrem Entwicklungsmodell zum Vorschein, wenn es um andere Themen geht.
Drei klare Schlussfolgerungen
Wie ALC feststellt, lassen sich drei klare Schlussfolgerungen ziehen, die praktisch alle Befragten teilen: die Ablehnung des für das Projekt vorgeschlagenen Standorts und der Tatsache, dass es das Biosphärenreservat schädigt; dass es nicht genügend Informationen über das Projekt gab und dass die Art und Weise, wie solche Initiativen angegangen werden, überdacht werden muss; und dass die Region Busturialdea-Urdaibai einen strategischen Plan für nachhaltige Entwicklung benötigt, um Jahrzehnte der Vernachlässigung zu beenden.
Die große Mehrheit der Menschen, die sich gegen das Projekt Guggenheim Urdaibai aussprechen, nennt viele und unterschiedliche Gründe. Der wichtigste ist die ökologische Frage, da sie der Meinung sind, dass das Biosphären-Reservat ein empfindliches und belastetes Gebiet ist und der Bau eines Museums zu seiner weiteren Verschlechterung beitragen würde.
”Als Projekt mag Guggenheim-Urdaibai ganz nett erscheinen. Aber es hat schwerwiegende ökologische Auswirkungen. Es befindet sich in einem Ökosystem, das die Bevölkerung selbst verteidigt hat. Wo bleibt da die Logik? Wo bleibt die Kreativität, um Wohlstand zu schaffen, ohne die Natur zu zerstören?”, sagt der anonym als 0338 identifizierte Interviewpartner. Mehrere Stimmen kritisieren, dass die Provinzregierung von Bizkaia und die Regierung in Gasteiz ”als eine Art Erpressung“ die Sanierung der kontaminierten Böden der Werft mit dem Bau des Museums verknüpft haben. Außerdem weisen sie darauf hin, dass der Standort des Museums im Feuchtgebiet gegen geltendes Recht verstößt (Küstengesetz).
In diesem Zusammenhang wird eine gemeinsame oder übergreifende Sorge der Befragten festgestellt: die Wahl des Standorts in der Werft von Murueta (einer der beiden potenziellen Standorte des Doppelmuseums). ”Der Standort Murueta stößt bei verschiedenen Personengruppen auf Ablehnung und ist zu einem symbolischen Streitpunkt geworden, der für die Bevölkerung mit ökologischen, historischen und emotionalen Werten behaftet ist. Ein Überdenken des Standorts, der Größe und der Art der möglichen Standorte des Museums würde einen Neubeginn der Debatte ermöglichen”, erklärten Itziar Moreno und Gorka Espiau, Co-Direktorin bzw. Direktor des Agirre Lehendakaria Center.
Damit eröffnen die Autor*innen des Berichts die Diskussion über neue Standorte in Urdaibai, was die Plattform Guggenheim Urdaibai Stop jedoch kategorisch ablehnt: ”Wir sagen ganz klar, dass Busturialdea ein solches touristisches Großprojekt nicht beherbergen kann. Das Projekt aus Murueta zu entfernen, würde bedeuten, das Herzstück des Biosphärenreservats zu retten, aber wir sind auf keinen Fall bereit, einen anderen Teil davon zu opfern.“
In den von ALC durchgeführten Interviews wird auch eine Ablehnung des von den (neoliberalen) Institutionen geförderten Entwicklungs-Modells zum Ausdruck gebracht, das in diesem Fall konkret mit dem Tourismus verbunden ist. Es wird beklagt, dass die Fehler anderer Orte wie San Juan de Gaztelugatxe (2) wiederholt werden, wo der Tourismus zu einer Überfüllung und Massifizierung, zum Verlust für die lokale Bevölkerung zu einem öffentlichen Raum und zur Kommerzialisierung der Umgebung geführt hat. ”Wir machen immer wieder die gleichen Anfänger-Fehler. Man muss sich nur die Orte ansehen, an denen es viel Tourismus gibt, den ökologischen Fußabdruck, den sie hinterlassen, für wen sind die Vorteile, welche Auswirkungen hat das auf das Leben der Einwohner des Ortes, die Lebensqualität sinkt erheblich“, sagt der Befragte 0234.
Wie der Bericht ausführlich dargelegt, ist ein weiteres Argument in diesem Zusammenhang, dass der Tourismus als Mittel zur sozio-ökonomischen Entwicklung ”prekäre, befristete Arbeitsplätze mit niedrigen Löhnen in einer Region schafft, in der historisch gesehen hochwertigere Arbeitsplätze im Zusammenhang mit der Fischerei und der Industrie vorherrschten“. Das Museums-Projekt selbst ist ein weiterer Punkt, der auf gewisse Ablehnung stößt. Die als Narrativmuster 004 bezeichnete Meinung beispielsweise macht deutlich: ”Dieses Narrativmuster berücksichtigt auch die lokale Verwurzelung. Wenn ein Museum gebaut wird, wäre es seiner Meinung unsinnig, das Guggenheim-Museum in Bilbao zu kopieren, wenn überhaupt sollte es in Verbindung mit der avantgardistischen baskischen Kultur konzipiert werden.“
Ausschließlich öffentliche Mittel, um ein privates Unternehmen zu fördern
Dem narrativen Muster 001 wird Folgendes zugeschrieben: ”In diesem ökologischen und sozialen Kontext ist eine Investition, die als enorm angesehen wird, aus öffentlichen Mitteln in ein touristisches Projekt, das nicht mit der Region und ihrer Identität verbunden ist, nicht nachvollziehbar.“ ”Es werden ausschließlich öffentliche Mittel verwendet, um ein privates Unternehmen zu fördern, denn die Guggenheim-Stiftung ist ein zu 100% privates Unternehmen“, sagt der Befragte 0192.
Eine weitere übergreifende Kritik, die in allen von ALC klassifizierten Narrativmustern geteilt wird, ist die mangelnde Transparenz und die Haltung der Institutionen bei dem Versuch, das Projekt durchzusetzen. ”Insbesondere wird die Notwendigkeit einer ‘kollektiven Entscheidung’ angesprochen, bei der die Institutionen während des gesamten Prozesses mit den sozialen Akteuren, Unternehmen und Wissenszentren in Dialog stehen, nicht nur am Anfang oder am Ende“, heißt es im Bericht von ALC.
Viele Befragte beklagen, dass sie noch immer nicht wissen, worum es bei dem Projekt eigentlich geht
”Als Bewohner der Region möchten wir gefragt werden, was hier getan werden soll, aber ohne Drohung, dass das Museum ’auf jeden Fall‘ gebaut wird“, sagt der Befragte 0169, der dem Muster 002 zugeordnet ist. Der Prozess des Zuhörens ist noch nicht abgeschlossen. Es sollen weitere 500 Interviews durchgeführt werden.
Diese zweite Phase der Studie wird auch Meinungen zur institutionellen Reaktion auf den Anhörungsprozess in diesem Gebiet umfassen. Für Ende des Jahres ist ein internationaler Kongress geplant.
Die bisherigen Ergebnisse des Berichts sind eindeutig. Nun sind die Provinzregierung, die Regionalregierung und das Guggenheim-Kuratorium am Zug. Sie waren gezwungen, einen Anhörungsprozess durchzuführen, der trotz der teilweise nebulösen Darstellung der Ergebnisse die entschiedene Ablehnung des Guggenheim-Museumsprojekts Urdaibai in der Bevölkerung nicht verbergen konnte. Die bisherigen Projekt-Antreiber haben bereits betont, dass dieser Anhörungsprozess nicht bindend sein wird. Es bleibt abzuwarten, ob ihm nun ein minimaler Wert beigemessen wird oder ob die bisherige autoritäre Form der Regierungs-Führung beibehalten werden soll.
ANMERKUNGEN:
(1) “El NO al Guggenheim es abrumador pese a que el informe trate de diluirlo entre narrativas“ (Das NEIN zum Guggenheim ist überwältigend, obwohl der Bericht versucht, es durch Erzählungen zu verwässern), Tageszeitung Gara, Autor: Asier Robles, 2025-08-03 (LINK)
(2) San Juan de Gaztelugatxe ist eine Mini-Insel vor der Bizkaia-Küste, die über einen Kreuzgang zugänglich ist und ein übliches Ausflugsziel der lokalen Bevölkerung war. Bis dort eine Folge von Game of Thrones abgedreht und der Ort weltbekannt wurde. Seither ist Gaztelugatxe zum Fixpunkt von Massen-Tourismus geworden, der Zugang ist limitiert, die örtliche Bevölkerung ausgeschlossen.
ABBILDUNGEN:
(1) Urdaibai (wikipedia)
(2) Stop Guggenheim (efe)
(3) Stop Guggenheim (foku)
(4) Werft-Museum (murueta)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-08-05)
