mittelsch1Wiederentdeckung der Klasse

Die Reichen sind reich und viele ärmere Leute träumen davon, einmal zur Mittelschicht zu gehören. Das funktioniert, wenn die Wirtschaft brummt und die Konjunktur schwarze Zahlen schreibt. Aber ein Land ohne Klassen, in dem fast alle zur Mittelschicht gehören? Diese Erzählung entspricht nicht mehr der Realität. Der Begriff "Klasse" ist zurück und greift um sich. Ungleichheiten werden immer mehr zur Normalität, die Schere zwischen arm und reich klafft immer mehr auseinander. Den Rest erledigt der Staat.

Man kann das Wort Klasse wieder in den Mund nehmen, ohne als gestriger Marxist abgestempelt zu werden. Klassenstrukturen werden wieder deutlicher sichtbar. Die Mittelschicht auseinander. In den Parlamenten sitzen kaum Menschen aus der Unterschicht, die Armen haben keine Lobby.

Eine fiktive Romanfigur hing lange einem naiven Glauben nach, sie lebte in diesem Bild der nivellierten Mittelstands-Gesellschaft. Selbst wenn sie Kassensturz machte und dabei sah, dass es nicht stimmt. Dass alle die gleichen Möglichkeiten haben. Ökonomisch gesehen. Trotzdem lebt sie in der Vorstellung, es geschafft zu haben, gleichgestellt zu sein, was die Verwirklichung ihrer Träume betrifft.

mittelsch2Das ist das Doppeldeutige an dieser nivellierten Mittelstands-Gesellschaft: es gibt sie und gleichzeitig auch nicht. Das Versprechen des Sozialstaats … Dass so gut wie alle zum Mittelstand gehören würden. Dass alle, die sich anstrengen, einen gewissen Wohlstand erreichen könnten: Reihenhaushälfte, Einbauküche, zwei Autos und ein Mal im Jahr in den Süden.

Eine der zentralen Lebenslügen. Bis in die 1980er Jahre traf das weitgehend noch zu. Aber nun gelingt es kaum mehr, das Narrativ, es selbst in der Hand zu haben. Das Märchen, dass jeder seines Glückes Schmid sei. Mein Kind soll es einmal besser haben, das klappt nicht mehr. Dass man das Leben führen kann, das man führen will. Und der Umkehrschluss: Wer es nicht schafft, ist selbst schuld. Dieses Narrativ verdeckt die real existierenden Klassenunterschiede.

Dabei ist es immer mehr von Bedeutung, mit welchem Löffel man geboren wird, welchen Löffel man in den Mund geschoben kriegt. Zurück zur Ungleichheit, zurück zur Arbeiterklasse. Die Arbeiter von heute heißen nicht mehr Kohlekumpel und Kollege vom Band, sondern Klickworker, Freelancer, Leiharbeiter.

Working Class wäre ein neuer Begriff dafür, vorwiegend weiblich und migrantisch geprägt. Die Reicheren werden reicher, die Ärmeren ärmer. 50% der Bevölkerung besitzt 99% der Vermögen, die andere Hälfte nur ein Prozent. Das klingt nicht nach nivellierter Mittelstands-Gesellschaft.

Die alte Mittelschicht hat sich aufgespaltet in eine neue Mittelschicht der Akademikerinnen, mit gut bezahlten Jobs, eher in der Großstadt zu Hause, die progressiv denkt … und in die absteigende Mittelklasse, derer mit mittlerem Schulabschluss, die eher auf dem Land leben, traditionelle Werte hochhalten und die spüren, dass sie gesellschaftlich immer weiter abgehängt werden. Manche reagieren auf diese Entwertung mit der Zuwendung zu rechtsextremen Parolen, manche greifen auch zu Verschwörungs-Mythen, um den Verlust der alten gesellschaftlichen Stellung zu kompensieren.

Schon mal was von Klima-Klassismus gehört? Hier in diesem Podcast …

Klassismus, Ausbeutung, Machtlosigkeit, Ausgrenzung – das Ende des Mittelschichts-Märchen. Am Beispiel Deutschland, übertragbar auf andere Gesellschaften.


ANMERKUNGEN:

(*) Der Podcast wurde von Hardy Funk bei Bayern 3 produziert für die Sendung Nachtstudio, 53 Minuten, Erst-Ausstrahlung am 3.10.2021 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Mittelschichts-Märchen (bayern3)

(*) Mittelschichts-Märchen (tagesspiegel)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-10-23)

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