gaza111Zwei Jahre “Drecksarbeit“

Am 7. Oktober 2023 vor zwei Jahren, genau 50 Jahre nach Jom Kippur (dem Krieg zwischen Ägypten und Syrien gegen Israel um die Rückeroberung des Sinai und der Golanhöhen), startete der militärische Arm der Hamas-Bewegung eine Offensive. Hamas hatte die letzten Wahlen in Gaza mit absoluter Mehrheit gewonnen. Israel hatte die Hamas anfangs unterstützt und gefördert, weil sie mit der PLO von Yasser Arafat rivalisierte, die gerade die erste Intifada unterstützt hatte, den Krieg mit Steinen gegen Gewehre.

Während Russland wegen seines Angriffs auf die Ukraine mit internationalem Ausschluss belegt wird, konnte Israel anstandslos die Staaten Libanon, Syrien, Iran, Jemen und Katar bombardieren.

Nach einigen Ablenkungsmanövern drangen Kommandos der Hamas-Bewegung und anderer palästinensischer Gruppen an jenem 7. Oktober 2023 in israelisches Gebiet ein, töteten mehr als tausend Personen (darunter 373 Soldaten und Polizisten) und entführten weitere 251, von denen 105 im November 2024 gegen palästinensische Gefangene ausgetauscht wurden. (1) (2)

Es ist unrealistisch, dass westliche Geheimdienste, einschließlich des israelischen Mossad, keine Kenntnis von den Vorbereitungen der Hamas-Bewegung hatten, weshalb die These des “Laissez-faire“ naheliegt, um die Hamas-Attacke als Vorwand zu nehmen, eine Straf- und anschließend eine Völkermord-Offensive zu starten, mit dem Ziel, das religiös-politische Mantra von Eretz Yisra’el Hašlemah – Groß-Israel (3) – der israelischen Ultrarechten durchzusetzen.

gaza222Auch die These, dass Israel den Gegner in Gaza unterschätzt hat – basierend auf technischer Überlegenheit und rassistischem Überlegenheitswahn – war in den Analysen des Westens eine Konstante. Keine der beiden Optionen hat die Reaktion Israels konditioniert, Gaza vollständig zu zerstören, Zehntausende seiner Einwohner*innen zu töten, sie zu vertreiben und in eine tödliche Hungersnot zu stürzen. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit, vergleichbar mit den kolonialen Eroberungen Europas gegen den Rest der Welt. Mit dem Unterschied, dass es vor Jahrhunderten weder Fernsehen noch Internet gab.

In Echtzeit haben hat die Weltöffentlichkeit ebenfalls die Bombardierung Syriens, des Jemen, des Libanon, des Iran, Katars durch Israel miterlebt, neben der von Gaza und dem Westjordanland. Dieser Völkermord wird nicht nur von Netanjahu angeführt. Seit 1948, dem Jahr, in dem Großbritannien seine Kolonie an den neu gegründeten Staat Israel abtrat, hat das historische Palästina 7,2 Millionen Juden aufgenommen. In diesem Zeitraum wurde eine Million Palästinenser*innen festgenommen. Allein im Jahr 2023 gab es 12.161 Angriffe israelischer Siedler auf Palästinenser*innen. Die Nakba (arabisch: Katastrophe) (4), die fortgesetzte ethnische Säuberung, hat dazu geführt, dass die Mehrheit des palästinensischen Volkes außerhalb seines Landes lebt. Ein weiteres Paradoxon: Während es nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit zu massiven Entkolonialisierungen kam (1945-1962), kolonisierte der westliche Imperialismus Palästina und behielt diesen Status bis heute bei, nach Konflikten, die Hunderttausende von Toten forderten.

Diese Kolonialisierung ist noch nicht abgeschlossen. Die Muster dieser Kolonialisierung sind dieselben, die in der Vergangenheit zur Verwüstung Amerikas, Asiens, Australiens und Afrikas durch den kapitalistischen Westen geführt haben: die Plünderung ihrer Ressourcen, um den Lebensstandard Europas und später auch den seines Alter Ego, der USA, zu erhöhen. Es herrschen die großen Konzerne, die Multimillionäre und ihre Unternehmen, deren Geschäfte den Kern von Völkermorden, Plünderungen und Ausbeutung bilden. In diesem digitalen Zeitalter hat Yanis Varufakis den Begriff “Techno-Feudalismus” eingeführt, im Gegensatz zu anderen Begriffen wie Neoliberalismus, Neofaschismus oder wildem Kapitalismus, er konzentriert sich auf das Konzept des “Feudalismus” mit vielen Merkmalen aus dem Mittelalter. Die großen Feudalherren, die von fremdenfeindlichen, rassistischen Kriterien und Überlegenheitswahn geleitet werden (die vom Nationalsozialismus übernommen wurden), teilen sich den Raum mit denen, die Macht und Kapital in wenigen Händen konzentrieren.

Diese beiden vergangenen Jahre, die die Welt erschütterten, waren nicht nur von den Gräueltaten Israels geprägt. In den USA hat die zweite Amtszeit von Donald Trump alle Schwachstellen eines hoffnungslos korrupten Systems offenbart. Als Fortführer der Außenpolitik von Joe Biden setzt er seinen Kurs mit Kriegsdrohungen in der Karibik fort, mit der völligen Leugnung der Übel, unter denen die aktuelle Zivilisation leidet. Mit diesem “Blick nach innen” haben die Autokraten die im Wahlkampf angekündigten Bestechungsgelder durch Zölle legalisiert, das Wahlsystem geändert, um sich selbst zu verewigen, gleichzeitig wird die Linke kriminalisiert, sogar die Freunde von Biden, der ihm die inneren und äußeren Türen geöffnet hat.

gaza333Die Bündnisse des US-Regimes in diesem Umbruch beschränken sich nicht nur auf Milei in Argentinien oder Meloni in Italien, sondern gehen weiter. Macron in Paris, der aus der Rothschild-Bank stammt, Merz in Deutschland, ehemaliger Geschäftsführer des Hedgefonds BlackRock, Starmer im Vereinigten Königreich, Mark Rutte, ehemaliger Unilever-Mitarbeiter, jetzt Generalsekretär der NATO, und Ursula von der Leyen, ehemalige Verteidigungs-Ministerin und heutige Präsidentin der Europäischen Kommission, bilden das Quintett der Kriegstreiber-Falken, die die europäische Wirtschaft durch Krieg “wiederbeleben“ wollen. Sie zeigen eine extreme Unterwürfigkeit gegenüber den Wirtschaftsmächten in Washington, die sich in ihrer Komplizenschaft bei der Unterstützung Israels oder in der Ablehnung der Diplomatie im Konflikt zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine widerspiegelt.

Und im Baskenland hat sich unterdessen, in Anlehnung an diese Unterwürfigkeit gegenüber den internationalen Wirtschaftsmächten, der “Josu Jon“-Modus etabliert, benannt nach der Erpressung des Geschäftsführers von Repsol, Josu Jon Imaz, ehemaliger PNV-Vorsitzender, der eine Drehtür in ein multinationales Unternehmen genutzt hat. Der forderte, die Steuer für Ölkonzerne zurückzunehmen, sonst würde sein Unternehmen die so genannte Energie-Wende boykottieren. Anfang Oktober 2025 hat die Provinz-Präsidentin Eider Mendoza, die Gipuzkoa mit den Stimmen von PNV, PSE und PP regiert, die “Josu Jon”-Formel wiederholt, um zu bekräftigen, dass der Boykott Israels zwar in Ordnung sei, aber gelten solle nicht für das einheimische Unternehmen CAF, ein Zug-Unternehmen in Beasain, das im besetzten West-Jordanland eine Apartheid-Straßenbahn baut. Weil das Unternehmen, sollte der Bozkott durchgeführt werden, schließen oder seinen Standort wechseln würde. Was deutlich macht, dass die Regierungsgewalt nicht in den Händen von gewählten Politikern liegt, sondern bei den Verwaltungs-Räten multinationaler Konzerne.

Gleichzeitig waren diese zwei schrecklichen Jahre für einen bedeutenden Teil der Menschheit eine Fortsetzung des Status quo. Für sie sind es nicht zwei Jahre, sondern Jahrzehnte: Unterernährung, Wassermangel, menschenunwürdige Lebensbedingungen ... so die Realität eines Großteils der Menschheit, während der andere Teil in Freizeitparks Zuflucht sucht, weil er nicht weiß, was er mit seiner übrigen Zeit anfangen soll. Seit 2023 wurden 12 Millionen Menschen aus dem Sudan vertrieben. Weniger als das, was uns eine Tasse Kaffee kostet, ist das Einkommen, mit dem mehr als 700 Millionen Männer und Frauen auf der Welt jeden Tag leben müssen. (5)

ANMERKUNGEN:

(1) Grundlage des Artikels ist ein Kommentar des Historikers Iñaki Egaña mit dem Titel “Dos años que estremecieron al mundo“ (Zwei Jahre, die die Welt erschütterten), der Text wurde ergänzt. Tageszeitung Gara, 2025-10-04 (LINK)

(2) Der Jom-Kippur-Krieg wurde vom 6. bis zum 25. Oktober 1973 von Ägypten, Syrien und weiteren arabischen Staaten gegen Israel geführt. Nach dem Palästinakrieg (1948/49), der Suezkrise (1956), dem Sechstage-Krieg von 1967 und dem Abnutzungskrieg (1968–1970) war er der fünfte arabisch-israelische Krieg des Nahost-Konflikts. Auf arabischer Seite wird der Krieg Ramadan-Krieg oder Oktoberkrieg genannt, da er während des islamischen Fastenmonats Ramadan stattfand, der 1973 in den Oktober fiel. Der Krieg begann mit einem Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens am 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, auf dem Sinai und den Golanhöhen, die sechs Jahre zuvor von Israel im Zuge des Sechstage-Krieges besetzt worden waren. Nach anfänglichen Erfolgen wurden die Streitkräfte Ägyptens und Syriens zurückgedrängt, ein UN-Waffenstillstand trat am 24. Oktober 1973 in Kraft. Der Krieg hatte weitreichende Folgen. Nach dem 1979 geschlossene israelisch-ägyptischen Friedensvertrag erkannte zum ersten Mal ein arabischer Staat Israel an. (Wikipedia)

(3) Großisrael, oder “Eretz Israel“ ist eine politische Forderung radikaler ultrarechter zionistischer Parteien und Gruppierungen in und außerhalb Israels. Sie postuliert die Ausdehnung der Souveränität Israels auf das gesamte Gebiet zwischen Mittelmeer, auf Teile Jordaniens, des Libanons, Syriens und Ägyptens. Wichtiger Vertreter war der “jüdischer Nazi“ genannte Rabbi Meir Kahane (1932-1990) mit seiner Kach-Partei. Aktuelle Vertreter in der Regierung sind Itamar Ben-Gvir (von der Partei Jüdische Macht) und Bezalel Smotrich (Der religiöse Zionismus), die die Vertreibung und Deportation der Gaza-Bevölkerung fordern. (LINK)

(4) Die Nakba (arabisch: Katastrophe) bezeichnet die Vertreibung und Flucht arabischer Palästinenser während des Palästinakrieges (1947–1949) aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina und dem entstehenden Staat Israel sowie die Enteignung ihres Landes, Eigentums und Besitzes, von denen rund 700.000 Menschen unmittelbar betroffen waren. Sie umfasst in einem weiteren Sinne auch die Zerstörung der Gesellschaft, Kultur, Identität, politischen Rechte und nationalen Bestrebungen der Palästinenser. Der Begriff wird außerdem verwendet, um das kollektive Trauma der anhaltenden Verfolgung und Vertreibung von Palästinensern durch Israel aus ihrer Heimat zu beschreiben. Insgesamt umfasst er das Zerschlagen der palästinensischen Gesellschaft und die lang anhaltende Ablehnung des eingeforderten Rückkehr-Rechts palästinensischer Flüchtlinge und ihrer Nachkommen. (LINK)

(5) Der Begriff “Drecksarbeit“ im Titel geht auf eine Zitat des BRD-Kanzlers Merz zurück, der Angriffe auf den Iran als “Drecksarbeit“ bezeichnete, die Israel dankenswerterweise für die Westmächte leiste.

ABBILDUNGEN:

(1) Gaza zerstört (elcorreo)

(2) Gaza hungert (cnn)

(3) Sudan (un-news)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-10-05)



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