kahane1aDer Alptraum Groß-Israel

Meir Kahane (Martin David Kahane, 1932 Brooklyn / 1990 Manhattan) war ein orthodoxer Rabbiner, ein israelischer Politiker und Gründer der Jewish Defense League sowie der Kach-Bewegung. Die vertrat eine eigene Richtung des radikalen religiösen Zionismus, als Kahanismus bezeichnet. Erklärte Ziele waren die Beseitigung der liberalen Demokratie in Israel zugunsten einer jüdischen Theokratie, die Vertreibung der Nichtjuden aus Israel und den besetzten Gebieten sowie die Errichtung eines Groß-Israel.

Uri Avnery bezeichnete Kahane als “jüdischen Nazi” und seine Kach-Partei als “Nazipartei”. Später wurde er auch “Judonazi“ genannt. In den Augen demokratischer Israelis war er der Vorkämpfer eines jüdischen Rassismus.

Die Gründung der Kach-Partei (später auch der Kach-Bewegung durch Meir Kahane von US-amerikanischer Abstammung ging auf das Jahr 1971 zurück. Neben ihren Vertreibungs- und Vernichtungs-Phantasien forderte die Bewegung unter anderem, für Liebesverhältnisse zwischen Juden und arabischen Nichtjuden eine fünfjährige Gefängnisstrafe zu verhängen.

1984 schaffte es Kahane, ein Mandat in der Knesset zu erlangen. Vier Jahre später wurde seine Partei wegen “Aufstachelung zum Rassismus” verboten. (1) Wer ihn jemals bei seinen überschäumend exaltierten Reden vor Anhängern erlebte (Moshe Zuckermann, der Autor dieser Ausführungen, erlebte ihn in seinem Tel Aviver Stadtviertel), musste unweigerlich an allerfinsterste politische Veranstaltungen im Europa des 20. Jahrhunderts denken. Nicht von ungefähr apostrophierte ihn der Schriftsteller und Friedens-Aktivist Uri Avnery als “jüdischen Nazi” und seine Kach-Partei als “Nazipartei”. Als der Gelehrte Yeshayahu Leibowitz zu Beginn der 1990er Jahre den Begriff “Judonazis” prägte, hätte er Meir Kahane als Musterexemplar dieser Kategorie anführen können und wird ihn auch nicht zuletzt bei dieser Begriffsprägung im Sinn gehabt haben.

Aber Ende der 1980er Jahre war Kahane selbst der etablierten israelischen Politkultur noch zu viel. Er wurde aus dem Parlament ausgestoßen. 1990 kam er bei einem Attentat in Manhattan um, aber sein Vermächtnis erhielt sich am Leben, nicht zuletzt in der sich zunehmend radikalisierenden Siedler-Bewegung, besonders in der außerparlamentarisch agierenden Kach-Bewegung und der von ihr abgespaltenen Bewegung Kahane chai (Kahane lebt).

In den letzten Jahren ist die Macht zweier gesinnungs-naher Nachfolger Kahanes im israelischen Parlament gewaltig angestiegen. Wenn Itamar Ben-Gvir (von der Partei Ozma jehudit = Jüdische Macht) (2) und Bezalel Smotrich (Ha’zionut ha’datit = Der religiöse Zionismus) (3) sich zur Wahl zusammenschließen, dürften sie statistischen Erhebungen zufolge zusammen auf 13 Mandate hoffen. Ben Gvir wird bei Wikipedia als ultrarechter anti-arabischer Rassist bezeichnet; Bezalel Smotrich als Rechtsextremer. Itamar Ben-Gvir gilt bis zum heutigen Tag als treuer Anhänger von Meir Kahane; Bezalel Smotrich hängt ihm an Rassismus und religiös-faschistischer Ideologie in nichts nach.

kahane3Itamar Ben-Gvir ist nach der letzten Wahl zum Polizeiminister und Bezalel Smotrich zum Finanzminister ernannt worden. (1) Sie haben seither Benjamin Netanjahu politisch (vor allem machtpolitisch) so in Schach gehalten, dass er sich ohne sie nicht zu bewegen wagt – sie haben es in der Hand, seinen Machtverlust bzw. Machterhalt zu bewirken. Sie sind parlamentarisch genügend stark dafür, besonders Itamar Ben-Gvir, der sich einer beschleunigt zunehmenden Popularität im rechtsradikalen Lager erfreut.

Selbst nachdem Ben-Gvir aus Protest die Koalition verlassen hat, weil man seinen Forderungen in der Gaza-Politik nicht nachgekommen ist, stellt er für Netanjahus Machterhalts-Bestrebungen eine echte Bedrohung dar. Durch ihn vor allem ist der Premier allzeit erpressbar. Niemals ist das Andenken an die jüdische Opfer-Vergangenheit im 20. Jahrhundert durch Juden in Israel so kontaminiert worden, wie durch die Heraufkunft (das Aufkommen) des Kahanismus und seinen immensen politischen Erfolg.

Ein Vergleich mit dem Wahlerfolg der AfD? Zumindest in einem Aspekt: Was zunächst als unvorstellbar galt, mithin einem strikten politischen Bann unterworfen war, hat sich schließlich aus diesem losgelöst und seinen “glorreichen” Weg in die etablierte Ordnung angetreten. Der Kahanismus ist zum dominierenden Bestandteil der israelischen Regierungs-Koalition geworden und somit zur realisierten Alternative für Israels Wählerschaft avanciert. (1)

Kahanes Entwicklung

Überliefert ist von Kahane das Zitat “Es ist besser, ein Israel zu haben, das von der ganzen Welt gehasst wird, als ein Auschwitz, das von ihr geliebt wird“ – eine Demütigung für die Opfer der Nazis. Schon der Vater von Meir Kahane, Charles Kahane, war orthodoxer Rabbiner und ein radikaler Zionist. Er galt als US-Unterstützer der Irgun, einer Untergrund-Organisation, die im Palästina vor der israelischen Staatsgründung Terroranschläge gegen die britische Besatzung sowie gegen die arabische Zivilbevölkerung verübte. Den Sohn schickte der Vater in die von Wladimir Zeev Jabotinsky gegründete Betar-Jugend. Sein dortiger Jugendführer war der spätere israelische Verteidigungs-Minister Mosche Arens. Da die Betar-Jugend dem jungen Kahane jedoch noch nicht radikal genug war, trat er 1952 den Bne Akiwa bei. Laut Kahanes Angaben gab es in seiner Nachbarschaft nur wenige Juden, und er habe oft mit nichtjüdischen Jungen kämpfen müssen. (2)

Als Erwachsener ließ sich Kahane zum orthodoxen Rabbiner ordinieren und nahm den Vornamen Meir (hebräisch: Der Erleuchtete) an. 1956 heiratete er Libby, mit der er vier Kinder hatte. 1958 wurde er der Rabbiner des Howard Beach Jewish Centers in Queens, New York City. Die Gemeinde galt als weniger strikt orthodox. Anfänglich gelang es ihm dort, viele der jungen Gemeinde-Mitglieder davon zu überzeugen, eine orthodoxere Lebensweise zu führen. Als er die Mechiza – die Trennung von Männern und Frauen in der Synagoge – einführen wollte, stieß er jedoch auf Widerstand. Sein Vertrag wurde nicht erneuert, und so veröffentlichte er den Artikel “End of The Miracle of Howard Beach“ in der orthodox-jüdischen Zeitung Jewish Press. Dies war sein erster Artikel in dieser Zeitung, er schrieb für sie bis zu seinem Tod 1990.

kahane4Von Ende der 1950er bis Anfang der 1960er Jahre war Kahane als FBI-Informant tätig. Als solcher unterwanderte er zeitweise die ebenfalls ultrarechte John Birch Society (anti-kommunistisch, anti-globalistisch, Verschwörungs-Theorien zum Thema Neue-Weltordnung). Kahane operierte zu dieser Zeit unter dem Decknamen Michael King und gab sich als Christ aus. In den 1960er Jahren soll Kahane ein außereheliches Verhältnis zur Christin Gloria Jean D’Argenio gehabt haben, die sich 1966 das Leben nahm. Dies und dass D’Argenios Selbstmord eine Reaktion auf die Beendigung des Verhältnisses durch Kahane gewesen sei, soll er dem Journalisten Michael T. Kaufman anvertraut haben.

Jewish Defense League

In den USA gründete Kahane 1968 die Jewish Defense League (JDL). (6) Die JDL war eine paramilitärische Organisation, die sich primär gegen afro-amerikanische Gangs richtete, die laut Kahanes damaliger Begründung die Juden bedrängten und antisemitisch seien. Angriffsziel der JDL waren auch Repräsentanten der Sowjetunion, um für die Auswanderungs-Freiheit russischer Juden zu demonstrieren. Im Zusammenhang mit diesen Aktivitäten wurde er 18-mal verhaftet, doch jedes Mal wieder gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen. Bezahlt wurde sie stets vom Mafia-Boss Joseph Colombo. 1971 ging Kahane nach Israel. (2)

Kach und Kahane Chai

In Israel gründete Kahane 1971 die Kach-Partei. (7) Zu den Zielen gehörten unter anderem die Forderung nach Errichtung eines Groß-Israel und eine fünfjährige Gefängnisstrafe für Juden und Nichtjuden in einem Liebesverhältnis. 1980 wurde Kahane zu sechs Monaten Haft verurteilt, weil er in einen Plan verwickelt war, die beiden islamischen Heiligtümer auf dem Tempelberg, die Al-Aksa-Moschee und den Felsendom, sprengen zu lassen.

1984 erreichte die Kach-Partei einen Sitz im israelischen Parlament. Kahane konzentrierte sich auf die Juden, die sich diskriminiert und gedemütigt fühlen und einen Groll gegen das aschkenasische Establishment hegten, deren Notlage sich in einem tiefen Hass auf die Araber ausdrückte. Kahane veranstaltete damals eine in Israel Aufsehen erregende Siegesfeier in Jerusalem, bei der ein arabischer Markt und Passanten überfallen wurden. Als Abgeordneter erklärte Kahane, keine Regierung zu unterstützen, die nicht befürworte, die Araber zu vertreiben. Die Vertreibung der Palästinenser, die in Israel und den israelisch besetzten Gebieten lebten, wurde zur wichtigsten religiös-politischen Botschaft.kahane5

1988 wurde seine Wahlliste wegen Verstößen gegen das neu erlassene Wahlgesetz (Aufstacheln zum Rassismus) nicht mehr zugelassen. Ein Staatsanwalt vor dem obersten Gericht in Jerusalem plädierte, dass Kahane in jeder Hinsicht ein Nazi sei und seine veröffentlichten Erklärungen, Taten und Pläne der Weltanschauung Adolf Hitlers entsprächen. Der israelische Publizist Uri Avnery charakterisierte Kahane als “jüdischen Nazi“ und Kach als “Nazipartei“.

Kahanes Tod

Kahane kam 1990 bei einem Attentat in Manhattan ums Leben. Der Hauptverdächtige, El Sayyid Nosair, wurde nach einem Schusswechsel mit der Polizei festgenommen, später aber vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Nosair war in den Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993 involviert. Kahanes Sohn Binyamin Ze’ev Kahane wurde 2000 ebenfalls bei einem Attentat ermordet.

Politische Positionen

Kahanes Anhänger sind islamfeindlich eingestellt. Kahane selbst behauptete, dass der Islam und Chomeini der jüdischen Religion in bestimmter Hinsicht viel ähnlicher seien als Philosophen oder Politiker der Aufklärung wie Jean-Jacques Rousseau, John Locke oder Thomas Jefferson. Liberalismus und westliche Werte lehnte Kahane als “gottlos“, “unjüdisch“ und “hellenistisch“ ab. Er sah einen Widerspruch zwischen dem Judentum und der westlich-demokratischen Orientierung der israelischen Staatsgründer.

ANMERKUNGEN:

(1) “AfD und Kahanismus: Ein Vergleich“, Overton-Magazin, Autor: Moshe Zuckermann, 2025-02-28 (LINK)

(2) Meir Kahane, Wikipedia (LINK)

(3) Itamar Ben-Gvir. Wikipedia spanisch: (*1976) ist ein rechtsextremer israelischer Politiker und Vertreter der White Supremacy und antiarabischer Ideologie. (LINKWikipedia deutsch: rechtsextremer israelischer Politiker und Rechtsanwalt. Vorsitzender der Partei Otzma Yehudit, die als ideologische Nachfolgerin von Kach und Kahane Chai gilt. 2007 von einem israelischen Gericht wegen rassistischer Aufhetzung und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verurteilt. (LINK)

(4) Bezalel Joel Smotrich (*1980 Chispin, Golanhöhen), israelischer rechtsextremer Politiker und Jurist. Seit 2023 Vorsitzender der rechts-religiösen Partei Mafdal – HaTzionut HaDatit (Nationalreligiöse Partei – Religiöser Zionismus), bis 2023 bekannt als Tkuma (Wiedergeburt). 2019-2020 Verkehrsminister im Kabinett Netanjahu IV. Seit Dezember 2022 Finanzminister und zuständig für den Siedlungs-Ausbau im von Israel besetzten West-Jordanland. Smotrich verneint die Existenz des palästinensischen Volkes und verfolgt aktiv das Ziel der Errichtung eines “biblischen Groß-Israel“. (LINK)

(5) John Birch Society (JBS). Wikipedia: eine rechtsradikale Organisation in den USA, vertritt anti-kommunistische, anti-globalistische und Neue-Weltordnungs-Verschwörungs-Theorien. 1958 in Indianapolis gegründet. Ziel: vermeintliche Gefährdungen der amerikanischen Verfassung zu bekämpfen, im Besonderen eine Infiltration durch Kommunisten. Führend unter den zwölf Gründungs-Mitgliedern Robert Welch, Jr. (1899–1985), ehemaliger Geschäftsmann der Süßwaren-Branche. Die JBS wurde nach John Birch benannt, einem von chinesischen Kommunisten ermordeten amerikanischen Geheimdienst-Mitarbeiter, der als Missionar auftrat und den die JBS als erstes amerikanisches Opfer im Kalten Krieg bezeichnet. (LINK)

(6) Jewish Defense League. Wikipedia Deutsch: Die Jewish Defense League (JDL): kahanistische Organisation, deren erklärtes Ziel es ist, Juden in der Diaspora mit allen Mitteln vor Antisemitismus zu beschützen, die von ihr dafür als notwendig betrachtet werden. (LINKWikipedia Spanisch: Die Jewish Defence League (JDL) ist eine rechtsextreme jüdische politisch-religiöse Organisation, deren Ziel es ist, Juden vor Antisemitismus zu "schützen". 1968 von Meir Kahane gegründet. Aus der JDL, die während ihres Bestehens in mehrere Terroranschläge verwickelt war, ging in Israel die Kach-Partei hervor, die in Israel und mehreren anderen Ländern verboten wurde. (LINK)

(7) Kach und Kahane Chai: Kach (hebräisch: So!) und Kahane Chai (hebräisch: Kahane lebt) sind zwei rechtsextremistische, jüdische Organisationen, ehemalige Parteien in Israel. Sie wurden durch israelische Behörden wegen Unterstützung von Anschlägen gegen die arabische Minderheit und gegen die israelische Regierung für illegal erklärt, existieren jedoch als Untergrund-Organisationen weiter. Die EU sowie die USA führen beide Organisationen auf ihrer Liste von Terror-Organisationen. Nach Angaben der US-Regierung zählen zu ihren Aktivitäten: * die Organisation von Protesten gegen die israelische Regierung * die Bedrohung von Palästinensern in Hebron und im West-Jordanland * die Bedrohung von israelischen Regierungsbeamten. / Die Aktivitäten von Anhängern und Sympathisanten von Kach und Kahane Chai gehen über reine Bedrohung und die Durchführung von Protesten hinaus. Baruch Goldstein, der 1994 bei einem Massaker in Hebron 29 Palästinenser während des Gebets in der Machpela tötete, und Jigal Amir, der 1995 den israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin erschoss, entstammen dem Einflussbereich der Organisationen. (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Kahane (arab news)

(2) Kahane (overton)

(3) Kahane (bud shorstein)

(4) Kahane (washington report)

(5) Kach-Bewegung (wikipedia)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-03-06)

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