turwirt1Auf Kredit und Risiko gebaut

Die baskische Finanzkasse hat im Jahr 2023 bisher 550 Millionen Euro mehr eingenommen als geplant. Die Ziffer der Beitragszahler zur Sozialversicherung hat im Mai mit mehr als einer Million einen Rekordwert erreicht. In der Folge erhöhte die baskische Regierung ihre Wachstums-Prognose für das Jahr auf 1,6%. Die Arbeitgeber teilen den Optimismus jedoch nicht. Die Anhebung der Zinssätze zur Bekämpfung der Inflation droht mit einem komplizierten Herbst. Nur der Tourismus bleibt eine sichere Garantie.

Die baskischen Wirtschaftsdaten sind je nach Standpunkt interpretierbar. Besser als erwartet, aber kein Grund zum Jubel. Der Tourismus scheint das einzige stabile Element, ein Rekordjahr wird erwartet. Mit allen Kosten des Massentourismus.

In der Welt der Arbeitgeber herrscht trotz der positiven Daten aus dem spanischen Staat und aus dem Baskenland keine Euphorie. Hier spricht man von "Unsicherheit" aufgrund der Koexistenz von positiven und weniger positiven Daten. Der Direktor für Wirtschaftsstudien des Arbeitgeber-Verbandes Confebask, Pablo Martín, bezeichnet dies als "uneindeutige Daten" und räumt ein, dass die baskischen Exporte in den letzten Wochen um 9,7% zurückgingen und der Industrie-Umsatz ebenfalls um 7% schrumpfte. Beides weise auf die Rezession in Europa hin. Die gute Nachricht sei, dass die Expert*innen der baskischen Regierung und von Confebask darin übereinstimmen, dass das Baskenland eine Rezession vermeiden und die Schaffung von Arbeitsplätzen aufrechterhalten wird. Und zwar dank der Dynamik im Tourismus-Bereich, der sich zu einem Sektor mit wachsender Bedeutung entwickelt. Dazu kommt die Wirkung der mit europäischen Fonds verbundenen Investitionen. (1)

Der für dieses Jahr im spanischen Staat erwartete Tourismus-Boom könnte laut Prognosen des baskischen Statistik-Instituts Eustat die Zahl der Besucher*innen im Baskenland auf eine Million ansteigen lassen, das wäre ein neuer Rekord, der sich auf die Wirtschaft der autonomen Region auswirken würde mit geschätzten 5,7 Milliarden im Jahr 2023 insgesamt.

turwirt2Der baskische Arbeitgeber-Verband räumt ein, dass das erste Quartal dieses Jahres mit einem baskischen Wachstum des Brutto-Inlands-Produkts (BIP) von 2,3% im Vergleich zum Vorjahr deutlich besser ausgefallen ist als im letzten Herbst erwartet worden war. Aber diese Zahlen stehen einem Szenario gegenüber, in dem die (Hypotheken)-Zinssätze bei 4% liegen, während sie vor einem Jahr noch bei Null lagen. Nie zuvor sind diese Zahlen derart schnell gestiegen. Die Europäische Zentralbank sieht dahinter die Absicht, die Wirtschaft abzukühlen, den Konsum und die Investitionen zu stoppen, um dem Preisanstieg ein Ende zu setzen.

Tatsache ist, dass sich die deutsche Wirtschaft bereits in einer technischen Rezession befindet und die von Eurostat vorgenommene statistische Revision dazu geführt hat, dass die Daten nach unten korrigiert wurden. Denn auch in ganz Europa ist ein sechsmonatiges Negativ-Wachstum zu verzeichnen. Deutschland und Frankreich sind jedoch die wichtigsten Zielländer für baskische Exporte, und deren Wirtschafts-Dynamik hat sich bereits auf das Baskenland ausgewirkt: im April wurde ein Rückgang von 9,7% verzeichnet. Das erste Mal seit zwei Jahren, dass negative Zahlen verzeichnet werden mussten.

BIP-Wachstum

Guillermo Dorronsoro, Professor an der Deusto Business School (der Wirtschafts-Fakultät der Jesuiten-Universität Deustu-Bilbao) erklärt, dass "es eine Illusion ist, zu glauben, dass das Baskenland in Bezug auf Europa eine Insel sein kann". Er versichert, dass in der zweiten Jahreshälfte eine Verlangsamung der Wirtschaft erwartet wird, insbesondere im industriellen Bereich. Dazu verweist er auf die Daten des PMI, des europäischen Benchmark-Indikators, der die Einkäufe der wichtigsten Unternehmen auf einer Skala von 0 bis 100 misst.

Dorronsoro erinnert daran, dass der Wert für das verarbeitende Gewerbe in der Eurozone das letzte Mal im Juli letzten Jahres (52,1) in der Wachstumszone über 50 lag und seit Februar kontinuierlich auf den aktuellen Wert von 43,6 gesunken ist. Im spanischen Staat sind die Daten besser, aber in den letzten zwei Monaten sind sie auf 48,4 gefallen. Es dauert in der Regel etwa zwei Monate, bis die Auswirkungen dieser Werte die Realwirtschaft erreichen. Außerdem, so erinnert Martín, wirkt sich der Zinssatz mit einer Zeitverzögerung von vier Monaten aus. Die Auswirkungen der Investitions- und Konsum-Bremse wären also erst im Herbst a stärker spürbar sein.

Tourismus, 7% des BIP

Eine Prognose, die auch im jüngsten Bericht über die Erwartungen der Unternehmen enthalten ist, der letzte Woche von der Sparkasse Laboral Kutxa der Mondragon Corporation (MCC) vorgelegt wurde. Laut der von der Kredit-Genossenschaft erstellten Studie sind die Unternehmen etwas pessimistischer, was das dritte Quartal angeht. Ohne es als Debakel zu bezeichnen, haben sich die Aussichten verschlechtert und der Vertrauens-Index ist von 52,7 auf 49 Punkte gesunken.

turwirt3Nach dem Sommer wird auch mit einem Anstieg der Hypotheken-Kosten gerechnet, da der erste jährliche Zins-Anpassungs-Zyklus seit Beginn des Anstiegs des Euribor auf 4% zu Ende geht. Der Bankensektor geht von einer leichten Auswirkung auf die Ausfallquoten aus, die derzeit auf einem Minimum liegen. Im Klartext heißt das, dass mehr Kreditnehmer*innen zahlungsunfähig sein werden, weil sie die durch erhöhte Zinslast gestiegenen Rückzahlbeträge nicht mehr leisten können. Auf jeden Fall ein Element, das den Abschwung im September nach den Urlaubs-Ausgaben verschärfen wird und eine Phase des Konsum-Rückgangs einleitet. Hinzu kommt die Ungewissheit über die weitere Entwicklung des Konflikts in der Ukraine und seine Auswirkungen auf Themen wie Energiepreise oder die Lieferkette von Lebensmitteln.

Der Professor der Deusto Business School verweist als Trost auf zwei treibende Kräfte, die dem Staat helfen werden, diese Situation zu überstehen: den Tourismus und die europäischen Fonds. Was den Tourismus anbelangt, so sprechen die Prognosen des Sektors für diesen Sommer von Rekordzahlen, die dem Staat helfen sollen, die Folgen der Verlangsamung der Industrie besser auszugleichen". Es könnte sogar bedeuten, erklärt er, "dass die Zahlen des Wirtschafts-Wachstums besser sind als die im Baskenland". In jedem Fall betont er, dass der Tourismus auch im Baskenland hilfreich sein werde.

Der Leiter der Wirtschaftsstudien des baskischen Arbeitgeber-Verbandes Confebask, Pablo Martín, stimmt dem zu und weist darauf hin, dass der Tourismus ein Wirtschaftszweig ist, der "bereits beginnt, relevant zu werden" – eine eher zurückhaltende Bewertung angesichts des Massentourismus in Bilbo und Donostia und der zunehmenden Überfüllung an vielen Küstenorten. Laut Eustat ist die Gesamtzahl der ankommenden Reisenden in den letzten sechs Jahren im vergangenen Jahr um 20% auf 3,6 Millionen gestiegen. In diesem Jahr sind die Ankünfte bisher um 19% auf 1,4 Millionen gestiegen. Wenn diese Wachstumsrate anhält, könnten die wirtschaftlichen Auswirkungen des Tourismus-Bereichs 5.7 Milliarden Euro erreichen, was knapp 7% des Brutto-Inlands-Produkts entspricht. Eine starke Abhängigkeit von einem Bereich, der heftigen Schwankungen ausgesetzt ist, Konjunkturen unterliegt und letztendlich die Klimakatastrophe sicherstellt.

ANMERKUNGEN:

(1) Information aus: “La Economia vasca se refugia en el turismo” (Die baskische Wirtschaft flüchtet in den Tourismus), El Correo, 2023-06-25 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Tourismus (collage)

(2) Tourismus (hosteleria digital)

(3) Tourismus (s.a.asesores)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-06-27)

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information