amuge1Umfragen vertiefen Vorurteile

“Wenn Umfragen über rassistische Vorurteile zu einem Teil des Problems werden“ ist der Titel eines Textes, der von der feministischen Roma-Vereinigung Amuge verfasst wurde. Er richtet sich gegen eine Umfrage, die von Ikuspegi erstellt wurde, dem seit 2004 existierenden “Baskischen Observatorium zur Einwanderung“ (Ikuspegi, bask: Blickpunkt). Der Vorwurf von Amuge lautet, dass die Art der Fragestellung in der letzten Ikuspegi-Umfrage auf rassistischen Vorurteilen gegenüber der Roma-Bevölkerung beruht.

AMUGE ist eine Vereinigung von Roma-Frauen, die für die Rechte der Roma-Frauen eintritt und gegen Roma-Feindlichkeit kämpft. Ikuspegi: Baskisches Observatorium für Inmigration.

Am Internationalen Tag gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit beschäftigt sich Amuge (1) kritisch mit einer Studie des “Baskischen Observatoriums zur Einwanderung“ Ikuspegi (2), unter der Prämisse, dass diese Studie ohne feministische, antikoloniale oder emanzipatorische Perspektiven angefertigt wurde und eine Realität zeigt, die weit von der der Roma-Bevölkerung entfernt ist (3).

“Stellen Sie sich vor, man würde Ihnen für eine institutionelle Umfrage folgende Fragen stellen: ‘Glauben Sie, dass weiße Menschen mehr oder weniger konfliktfähig / ehrlich / arbeitsam sind als die anderen?‘ Fänden Sie das nicht etwas seltsam? Heute, am Internationalen Tag gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, wollen wir eine Tendenz hinterfragen, die in vielen soziologischen Studien verwurzelt ist: gesellschaftliche Mehrheiten aufzufordern, Werturteile über historisch diskriminierte soziale Gruppen zu fällen.“ So beginnt die Erklärung der Roma-Frauen-Organisation Amuge.

amuge2“Feministische Gruppen haben kürzlich eine CIS-Studie kritisiert, aus der hervorgeht, dass 44% der Männer der Meinung sind, dass die Gleichstellungspolitik zu weit gegangen ist. Die Tatsache, dass diese Zahl in den Medien als Schlagzeile wiedergegeben wurde, warf eine grundlegende Frage auf: Wie die Formulierung von Fragen vorurteilsbehaftete Diskurse in der hegemonialen Kultur verstärken kann.

Das Baskische Observatorium zur Einwanderung, Ikuspegi, erstellt jährlich ein Barometer über die Wahrnehmung und Einstellung gegenüber der ausländischen Bevölkerung und legte im Januar 2023 die erste entsprechende Studie in Bezug auf die Roma-Bevölkerung vor. Damals war unsere erste Reaktion Dankbarkeit. Es ist dringend notwendig, dass Untersuchungen durchgeführt werden, die als Grundlage für öffentliche Maßnahmen dienen, die die Vielfalt anerkennen, Diskriminierung delegitimieren und aktuelle Daten über die strukturelle Gewalt liefern, die wir immer wieder erleben. Wir fanden es jedoch entmutigend, den Bericht von Neurtu 2022 (baskisch: messen) über die Wahrnehmungen und Einstellungen gegenüber den Roma eingehend zu lesen.“

Es ist nicht das erste Mal, dass die Methodik der Beobachtungsstelle Ikuspegi kritisch hinterfragt wird. Jokin Azpiazu Carballo, Soziologe an der Universität des Baskenlandes EHU-UPV und Mitglied des Teams, das am Bericht Neurtu 2021 über Einstellungen und Wahrnehmungen gegenüber der LGTBI-Bevölkerung mitgearbeitet hat, veröffentlichte in einer monografischen Ausgabe derselben Beobachtungsstelle einen Artikel mit ähnlichen Überlegungen wie Amuge. Zunächst einmal stellte dieser Forscher den Integrations-Rahmen in Frage, von dem der Bericht ausgeht. Das heißt, dass die Studien sich auf den Grad der Sympathie oder Toleranz konzentrieren, den die Bevölkerung im Allgemeinen gegenüber minoritären sozialen Gruppen bekunden, anstatt das materielle Ausmaß der strukturellen Gewalt zu messen, mit der diese Gruppen konfrontiert sind. Obwohl beispielsweise mehr als 60% der Bürger angaben, dass sie kein Problem damit hätten, eine Wohnung an Roma zu vermieten, hat Amuge die Erfahrung gemacht, dass praktisch 100% der Roma Probleme haben beim Zugang zu Beschäftigung und Wohnraum.

amuge3Dieselbe Studie unterstreicht die Notwendigkeit, nach Wegen zu suchen, um den so genannten "Erwünschtheits-Diskurs" oder den politisch korrekten Diskurs zu korrigieren; denn viele Befragte geben nicht zu, dass sie an Verhaltensweisen, Einstellungen oder Meinungen beteiligt sind, die als gesellschaftlich unerwünscht wahrgenommen werden. Aus diesem Grund spiegeln die erzielten Ergebnisse nicht das tatsächliche Ausmaß rassistischen Denkens wider. Deutliches Beispiel dafür ist, dass laut Neurtu 2022 nur 38% der Befragten angaben, dass sie ihre Kinder nicht in Schulen mit vielen Roma-Schülern schicken würden, obwohl allgemein bekannt ist, dass das Ausmaß der schulischen Segregation im Baskenland deutlich größer ist.

“Mehr Sorgen bereiten uns jedoch die Fragenblöcke, in denen die Befragten aufgefordert werden, Werturteile über unsere Kultur, unsere Bräuche und sogar unsere moralische Haltung abzugeben, obwohl nur 30% angeben, Roma-Freunde oder -Bekannte zu haben. Neben dem Versuch, das Ausmaß der üblichen rassistischen Gerüchte zu messen (ob wir Sozial- und Gesundheitsdienste monopolisieren, ob wir besonders straffällig sind), werden im Fragebogen unsere Kinder ins Rampenlicht gestellt: ‘Roma-Schüler senken das Bildungs-Niveau der Schulen‘ oder ‘Roma haben keinen Erfolg, weil sie ihren Kindern Werte vermitteln, die in dieser Gesellschaft nicht angemessen sind‘, so die abschreckenden Aussagen.“

Die Forscher rechtfertigen in ihrem Bericht die "methodische Absicht", die Bevölkerung "zu stereotypen Vorstellungen zu befragen, obwohl sie sich ihrer Ungültigkeit bewusst sind". Es ist auffällig, dass sie sich dessen bewusst sind und dennoch nicht darauf geachtet haben, das Forschungsinstrument so zu verfeinern, dass es nicht dazu beiträgt, ein negatives und verzerrtes Bild der Roma zu bestätigen oder zu verfestigen. “Wir betonen, dass dies eine schädliche Strategie ist, weil sie die Mehrheits-Gesellschaft dazu einlädt, uns als eine homogene Gemeinschaft zu betrachten, die den anderen gegenüber feindlich eingestellt ist.“

Dabei ignoriert Ikuspegi die Warnung der Vereinten Nationen in ihrem Bericht "Datenerhebung unter dem Gesichtspunkt von Menschenrechten". Danach sollen spezifische Bevölkerung-Studien "weder Diskriminierung, Vorurteile oder Stereotypen zum Nachteil bestimmter Bevölkerungs-Gruppen hervorrufen noch solche verstärken, die bereits bestehen".

Amuge: “In diesem Sinne stimmen wir mit Azpiazu darin überein, dass es wichtig ist, die Daten mit einer sorgfältigen und komplexen Interpretation zu behandeln. Andererseits finden sich in den Ikuspegi-Barometern, die wir gelesen haben, keine Elemente – weder im Fragebogen noch in der Formulierung des Berichts – die dazu dienen, so weit verbreitete Vorurteile wie die des geschlechtsspezifischen Anti-Ziganismus abzubauen, die Roma-Frauen in einer untergeordneten Position darstellen: Drei von vier Befragten sind der Ansicht, dass die Roma sexistischer sind als die übrige Bevölkerung und dass die kulturellen Muster unseres Volkes die schulische und berufliche Entwicklung der Roma-Frauen einschränken.“

Gleichzeitig enthält die Umfrage einen Abschnitt, in dem die “baskischen Bürger“ gefragt werden, ob sie Zeugen von roma-feindlicher Gewalt geworden sind, die von Witzen und Gerüchten bis hin zu direkter Aggression reicht. “Dabei fällt auf, dass die Barometer den baskischen Bürgern immer die Rolle von Zeugen oder Opfern zuweisen, aber nie die Rolle von Tätern. Wäre es nicht interessanter, dieselben Personen, die Zeugen von Anti-Roma-Gewalt geworden sind, zu befragen, ob sie geschwiegen, sich distanziert oder sich an der Gewalt beteiligt haben?“

amuge4“Vielleicht wären diese Aspekte berücksichtigt worden, wenn Ikuspegi Roma-Forscherinnen wie Patricia Caro Maya, Pastora Filigrana, Nicolás Jiménez, Helios F. Garcés, Araceli Cañada Ortega und andere in das Team aufgenommen hätte. Ikuspegi wählte jedoch zwei weiße, männliche Akademiker und bestätigte damit das Vorurteil, dass es angeblich keine von Rassismus betroffenen Personen gibt, die als Berater für die akademische Forschung qualifiziert sind.“

“Es ist keineswegs unsere Absicht, Meinungsumfragen generell anzugreifen, denn sie sind ein notwendiges Instrument, um gegen die Roma-Feindlichkeit vorzugehen. Was wir fordern, ist, dass die Wissenschaft und die Institutionen die methodischen und fachlichen Grundlagen überprüfen, die vorherrschende Diskurse verstärken. Zu diesem Zweck ist es unerlässlich, dass sie von kritischem Wissen und Erkenntnis-Theorien (feministisch, antikolonial, partizipatorisch) gespeist werden, die vom Streben nach sozialer Gerechtigkeit und der Anerkennung der menschlichen Vielfalt geprägt sind.“

Abschließend weist Amuge auf zwei weitere entmutigende Tatsachen aus der Umfrage von Neurtu 2022 hin: Mehr als 85% der Befragten leugnen, dass es in Schulen, Unternehmen oder öffentlichen Verwaltungen Rassismus gegen Roma gibt. Und fast die Hälfte gibt den Roma selbst die Schuld an dieser diskriminierenden Situation. “Ist es also sinnvoll, der Ignoranz und den Vorurteilen weiterhin eine Stimme zu geben? Wir glauben, dass die Formel zur Erkennung und Bekämpfung des Anti-Ziganismus eine andere sein muss: eine lernende Haltung gegenüber dem Wissen und dem Widerstand der Roma einzunehmen und zu fördern. Nur so wird es uns gelingen, eine Gesellschaft in Gleichberechtigung zu schaffen, die Vielfalt respektiert.“

ANMERKUNGEN:

(1) Amuge: Vereinigung von baskischen Roma-Frauen (LINK)

(2) Ikuspegi (Blickpunkt). Wer wir sind: Ikuspegi - Baskische Beobachtungsstelle für Einwanderung begann seine Tätigkeit im Jahr 2004 mit dem Ziel, ein Instrument von öffentlichem Nutzen für die systematische Kenntnis des Migrations-Phänomens im Baskenland zu schaffen. (LINK)

(3) Der Text der baskischen Roma-Frauen-Organisation Amuge erschien im Portal von Ecuador Etxea unter dem Titel “Cuando los barómetros sobre prejuicios racistas son parte del problema” (Wenn Umfragen über rassistische Vorurteile Teil des Problems sind), 2024-03-21. Die Soziologinnen und Politikwissenschaftler innen Tania Martínez Portugal, Zesar Martínez, Francy Fonseca und Jule Goikoetxea von der baskischen Universität EHU-UPV haben den Text ebenfalls unterzeichnet: (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Amuge (ecuador etxea)

(2) Amuge (deia)

(3) Amuge (rebelion)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-03-23)

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