Im Namen des Imperialismus
Die aktuelle Situation im Sudan wird von den Vereinten Nationen als eine der „größten humanitären Krisen der Welt“ beschrieben. Für die sudanesische Bevölkerung bedeutet der Bürgerkrieg Massaker, Vertreibung und Hungersnot. Seit Kriegsausbruch wurden 150.000 Menschen getötet, 12 Millionen vertrieben, 600.000 Menschen leiden an Hunger. Vor allem Frauen sind im Sudan von den Gräueltaten des Bürgerkriegs betroffen. Aktuelle Berichte dokumentieren sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen durch die RSF.
1956 wurde nach einem Referendum die Unabhängige Republik Sudan ausgerufen. Es folgten Aufstände, Bürgerkriege und Militärputsche. 2011 spaltete sich nach einem Referendum der Südsudan ab. In Darfur, dem Westteil des Sudan herrscht heute Krieg.
Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf militärische Auseinandersetzungen in Darfur, dem westlichen Teil des Staates Sudan. Relevante Städte in Darfur sind Geneina, Nyala und Al-Fashir; die Hauptstadt des Sudan ist Khartum.
Was passiert derzeit?
Im Oktober 2025 erreichte die Situation mit dem Fall von El Fasher, der letzten wichtigen Stadt in Darfur (West-Sudan) unter der Kontrolle der Armee, einen kritischen Punkt. Die Einnahme dieser Stadt ging mit Massenmorden einher, wobei Berichten zufolge innerhalb von nur 48 Stunden mehr als 2.000 Zivilisten hingerichtet wurden. Die Gewalt ist so extrem, dass die Blutflecken auf dem Boden sogar von Weltraumsatelliten aus sichtbar sind.
Seit dem 15. April 2023 herrscht im Sudan ein Bürgerkrieg zwischen den sudanesischen Streitkräften (FAS) unter der Führung von General Abdel Fattah al-Burhan und den Schnell-Reaktions-Kräften (FAR oder RSF) unter dem Kommando von Mohamed Hamdan Dagalo, bekannt als „Hemedti“. Der Konflikt hat sich auf das gesamte Land ausgeweitet, insbesondere auf die Hauptstadt Khartum und die Region Darfur, wo die RSF nach intensiven Kämpfen die Kontrolle über den größten Teil des Territoriums übernommen haben. Die Einnahme Al-Fashirs in Darfur durch die RSF von Hemedti bedeutet weitere Massaker an der sudanesischen Bevölkerung. An den Hintergründen wird deutlich: Auch der sudanesische Bürgerkrieg ist ein Stellvertreterkrieg imperialistischer und regionaler Machenschaften.
Hintergründe des anhaltenden Konflikts?
Beide Militärführer waren am Staatsstreich von 2019 beteiligt, durch den der Diktator Omar al-Bashir gestürzt wurde, der das Land beherrscht hatte. Ursprünglich einigten sie sich auf einen Übergang zu einer zivilen Regierung, doch dieser Plan wurde nie umgesetzt. Die Spannungen eskalierten, als versucht wurde, die RSF in die Streitkräfte zu integrieren, was für Hemedti den Verlust seiner unabhängigen Macht bedeutet hätte.
Die Last der Vergangenheit: Die RSF ging aus den Janjaweed-Milizen hervor, die für den Völkermord in Darfur zwischen 2003 und 2005 verantwortlich waren, bei dem etwa 300.000 Menschen ums Leben kamen. Diese Milizen begingen systematische Gräueltaten gegen die Gemeinschaften der Fur, Masalit und Zaghawa (Gruppen nicht-arabischer afrikanischer Herkunft), darunter Vergewaltigungen, Massenmorde und die Zerstörung ganzer Dörfer.
Wirtschaftliche und geopolitische Interessen: Hemedti baute sein Vermögen durch die Kontrolle von Goldminen in Darfur auf. Darüber hinaus haben mehrere ausländische Mächte Interessen an dem Konflikt: Ägypten und Saudi-Arabien unterstützen die sudanesische Armee, während die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) von den Vereinten Nationen beschuldigt werden, die RSF mit modernen Waffen, darunter chinesische Drohnen, zu beliefern. Diese Einmischung von außen hat den Sudan zu einem regionalen Schlachtfeld gemacht, auf dem Frieden unmöglich erscheint.
Die jüngsten Entwicklungen zeigen einen militärischen Vorstoß der RSF (Rapid Support Forces) unter dem Kommando von Generalleutnant Mohammed Hamdan Daglo gegen die staatliche Armee. Sie kontrollieren dabei weite Teile der Region Dafur im Westen und Gebiete im Süden des Landes. Die Stadt Al-Fashir in Darfur, die letzte verbliebene Großstadt in der Region, wurde von der RSF eingenommen. Seither gibt es Bilder und Berichte von Hinrichtungen, Massakern und wahllosem Töten auf offener Straße.
Die blutige Geschichte
Das afrikanische Land ist seit seiner „Unabhängigkeit“ von der britischen Kolonialmacht (1956) von wiederkehrenden Bürgerkriegen geprägt. Zwischen 1955 und 1972 erlebte das Land seinen ersten Bürgerkrieg, zwischen 1983 und 2005 seinen zweiten. Hinzu kommen weitere Kriege, die gleichzeitig stattfanden wie der Darfur-Krieg (2003–2020) und der SPLM-N-Krieg (2011–2020). Die Menschen im Sudan haben seit ihrer Unabhängigkeit Mitte des 20. Jahrhunderts mehr Jahre des Krieges als des Waffenstillsandes erlebt.
Im Jahr 2013 putschte sich der Diktator Omar al-Bashir mit Hilfe des Militärs an die Macht. Er gründete zusätzlich zur regulären Armee des Landes (SAF, Sudan-Streitkräfte) einen paramilitärischen Arm, die RSF. 2019 wurde al-Bashir durch einen Volksaufstand und die Anfänge einer demokratischen Revolution gestürzt. 2020 wurde er an den Internationalen Gerichtshof ausgeliefert. Ihm werden unter anderem Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.
Der Volksaufstand, der die Hoffnung auf die Entstehung einer Demokratie trug, wurde Ende 2021 von den Militärs der SAF und RSF blutig niedergeschlagen. Der Aufstand im Land wurde von verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen gleichermaßen getragen, da Frieden und Demokratie im Interesse aller lagen. Im April 2023 jedoch brach der aktuell andauernde Bürgerkrieg aus. Die SAF beanspruchen das alleinige Machtmonopol im Sudan für sich und fordern die Auflösung der RSF. Die SAF kontrolliert seither vor allem Gebiete im Osten des Landes entlang der Küste des Roten Meeres. Der Westen und die dortige Region Darfur liegen unter der Kontrolle der RSF. Außerdem befinden sich auch die Hauptstadt Khartum und der dortige internationale Flughafen unter ihrer Kontrolle.
Sudan als Bühne der Stellvertreterkriege
Medien betiteln ihre Berichte über den Sudan häufig als „den vergessenen Konflikt“. Hier stellt sich die Frage, ob der Krieg wirklich vergessen wird – oder ob sich die herrschende Welt-Gemeinschaft schlicht an den Status quo des Kriegszustands gewöhnt hat. Der Sudan wird seit seiner kolonialen Unabhängigkeit 1956 durchgängig als Austragungsort von Stellvertreterkriegen der Imperialisten genutzt.
Während des Kalten Kriegs machte es sich die BRD im Sudan gemütlich: bei Khartum wurde eine deutsche Munitionsfabrik gebaut, die SAF-Armee erhielt Ausrüstungs- und Ausbildungshilfen. Die Aufrüstung des Militärs wurde während der Bürgerkriege durch die BRD fortgeführt, unter SPD-Regierungen jedoch über Saudi-Arabien als Umschlagort abgewickelt. Der Sudan sollte als Puffer gegen den sowjetischen Ostblock dienen.
Heute ist der Sudan immer noch Austragungsort von Stellvertreterkriegen. Aktuell bekriegen sich verschiedene Golfstaaten und ihre Verbündeten im Sudan. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind der wichtigste Unterstützer der RSF, während Saudi-Arabien, Katar und Ägypten wichtige Geldgeber der SAF sind. All diese Golfstaaten werden mit Waffen aus Deutschland beliefert.
Das Interesse dieser Staaten am Sudan ist groß: Erdöl, Gold, Diamanten und Uran sind einige der dort vorkommenden natürlichen Ressourcen. Die VAE handeln mit sudanesischem Gold, die USA profitieren vom Erdöl. Ebenso ist die Lage am Roten Meer strategisch wertvoll, da sie über den Suezkanal einen gewissen Zugriff auf den Welthandel erlaubt. Wer militärisch überlegen ist, kann sich die Rohstoffe, Lebensgrundlagen und den Handel im Land sichern. Daher kämpfen immer wieder Milizen, Diktatoren oder Putschisten mit ihren Armeen um das Gewaltmonopol im Sudan.
Die Rolle Deutschlands und anderer Imperialisten
Direkte deutsche Waffenlieferungen in den Sudan gibt es seit dreißig Jahren nicht mehr. Indirekt werden SAF und RSF jedoch durch die Golfstaaten mit deutschen Waffen beliefert. Dass das deutsche Kriegswaffen-Kontrollgesetz und die Endverbleib-Regelung für Waffen nicht besonders streng sind, hat sich historisch immer wieder gezeigt. Es liegt daher nahe, dass die Golfstaaten die Milizen im Sudan mit deutschen Waffen nach geo-strategischem Interesse beliefern.
Die UN fordert zwar sofortige humanitäre Hilfe, diese findet momentan jedoch kaum statt. Das geplante Hilfsprogramm kann aufgrund eingestellter Hilfs-Zahlungen – unter anderem durch Deutschland, die USA, die Schweiz und die Niederlande – nicht umgesetzt werden. Nur ein Viertel der benötigten Summe ist bisher gedeckt. Humanitäre Hilfe wird hauptsächlich durch Sudanes:innen in der Diaspora finanziert.
Perspektiven für den Frieden
Im Sudan gibt es neben der SAF und RSF tatsächlich Kräfte, die für die Interessen der Bevölkerung und für den Frieden kämpfen. Die Kommunistische Partei Sudans appelliert in einem Statement: „Wir rufen zu weltweiten Volksbewegungen auf – auf den Straßen, in Zeitungen, in sozialen Medien und anderswo, um ein sofortiges Ende des Krieges im Sudan zu fordern und Solidarität mit unserem Volk zu zeigen.“
Sie fordern außerdem humanitäre Hilfe und die Aufklärung der Kriegsverbrechen. Zusätzlich betonen sie die Wichtigkeit eines Embargos, insbesondere bei Waffenlieferungen. Weiteren Berichten zufolge gründeten sich außerdem Fraueneinheiten, die sich gegen die Kriegsverbrechen und patriarchale Gewalt wehren. (1)
Die internationale Gemeinschaft
Die internationale Reaktion war beschämend unzureichend. Die Vereinigten Staaten und andere Länder haben erfolglos versucht zu vermitteln. Im Dezember 2024 beschloss der UN-Sicherheitsrat, das Mandat der Mission zum Schutz der Zivilbevölkerung im Sudan (UNITAMS) zu beenden, ohne Alternative. Für einen humanitären Hilfsplan Sudan 2024 2,7 Milliarden Dollar nötig gewesen, gezahlt wurden jedoch nur 3,1% davon. Im Jahr 2025 ist die Lage noch schlimmer: Von den 1,8 Milliarden Dollar, die für die regionale Hilfe benötigt werden, sind nur 10% eingegangen. Einige Staaten verstoßen weiterhin gegen das von der UNO verhängte Waffenembargo in Darfur, sodass beide Seiten weiter kämpfen können. Der Krieg im Sudan ist eine Warnung vor künftigen Konflikten: Zahlreiche externe Akteure schüren die Gewalt, traditionelle Vermittler scheitern und Frieden wird immer unerreichbarer. (2)
Ausmaß der Katastrophe
Todesopfer: Zwischen April 2023 und Dezember 2024 starben laut UN-Angaben mehr als 27.000 Zivilisten, wobei die tatsächliche Zahl wahrscheinlich viel höher liegt. Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2025 wurden mindestens 3.384 zivile Todesopfer dokumentiert, 80% aller zivilen Opfer des Vorjahres in nur sechs Monaten. Andere Quellen schätzen die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Konflikt auf über 150.000. Massenflucht: Fast 13 Millionen Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Davon sind etwa 9 Millionen Binnenflüchtlinge, etwa 3,8 Millionen haben die Grenze zu Nachbarländern (Tschad, Südsudan, Ägypten) überquert. Damit ist der Sudan Schauplatz der weltweit größten Flüchtlingskrise. Jeder 13. Flüchtling weltweit ist Sudanese.
Hungersnot
Fast 25 Millionen Sudanes:innen (die Hälfte der Bevölkerung) sind von schwerer Ernährungs-Unsicherheit betroffen. Im Vertriebenenlager Zamzam in Darfur hat die UNO Hungersnot-Bedingungen bestätigt. Durch die Feindseligkeiten wurden drei Viertel der Gesundheits-Einrichtungen in den betroffenen Gebieten zerstört.
Sexuelle Gewalt wird systematisch und weit verbreitet als Kriegswaffe eingesetzt. Amnesty International dokumentierte zwischen 2023 und Oktober 2024 die Vergewaltigung von 36 Frauen und Mädchen, während Human Rights Watch allein im Bundesstaat Süd-Kordofan 79 Fälle von vergewaltigten Mädchen und Frauen (im Alter zwischen 7 und 50 Jahren) bestätigte. UNICEF meldete 221 angezeigte Fälle von Vergewaltigungen von Minderjährigen in neun Bundesstaaten im Jahr 2024, darunter 16 Kinder unter fünf Jahren und vier Säuglinge unter einem Jahr. Alle Organisationen sind sich jedoch einig, dass diese Zahlen nur einen Bruchteil der Realität widerspiegeln, da die meisten Opfer aus Angst vor Stigmatisierung, Vergeltungsmaßnahmen oder mangelndem Zugang zu Behörden keine Anzeige erstatten können. Zu den Verbrechen gehören Einzel- und Gruppen-Vergewaltigungen, wochen- oder monate-lange sexuelle Sklaverei sowie Vergewaltigungen als Strafe oder Vergeltungsmaßnahme.
Ethnische Gewalt: Die Angriffe der RSF richten sich insbesondere gegen nicht-arabische afrikanische Gemeinschaften (Fur, Zaghawa und Masalit). Die UNO hat vor der zunehmenden Gefahr ethnischer Säuberungen und Völkermord gewarnt, ähnlich wie vor zwei Jahrzehnten in Darfur.
Ein vergessener Konflikt
Trotz des Ausmaßes der Krise ist der Sudan einer der derzeit am meisten vergessenen Konflikte. Die internationale Aufmerksamkeit ist minimal, die humanitären Mittel knapp und Millionen von Menschen leiden still, während die Welt wegschaut. Die Opfer sind vertriebene Familien, vergewaltigte Frauen, als Soldaten rekrutierte Kinder, in ihren Häusern hingerichtete ältere Menschen, ganze Gemeinden, die von der Landkarte verschwunden sind. Die internationale Gemeinschaft hat die moralische Verantwortung, zu handeln, den Waffenfluss zu unterbrechen und den Schutz der Zivilbevölkerung zu gewährleisten. Was im Sudan geschieht, ist keine abstrakte humanitäre Krise. Es sind Menschenleben, die durch die Machtgier zweier Generäle und die kalkulierte Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft zerstört werden. (2)
ANMERKUNGEN:
(1) “Das Blutbad im Sudan: Stellvertretend für den Imperialismus“, Perspektive, Autorin: Aziza Mounir, 2025-10-30 (LINK)
(2) “Lo que pasa en Sudán. Explicado para entenderlo” (Was im Sudan passiert. Erklärt, damit man es versteht), Afrofeminas, 2025-11-03 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Sudan-Darfur (perspektive)
(2) Sudan-Darfur (wikipedia)
(3) Sudan-Darfur (ordenmundial)
(4) Sudan-Darfur (wikipedia)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-11-08)
