(*) Longarone (wikipedia)
Staudamm-Katastrophe Vajont

Es ist eine bekannte Tatsache, dass Politiker bei der Planung von Giga-Projekten meist nichts von den davon ausgehenden Gefahren wissen wollen. Das gilt für Atomkraftwerke (Three Mile Island, Tschernobyl, Fukushima) genauso wie für Stauseen, die das geologische Gleichgewicht stören und Erdbeben oder Dammbrüche zur Folge haben. Einer der flagrantesten Fälle von Umwelt-Korruption ereignete sich in Italien, wo im Jahr 1963 abrutschende Hänge einen Stausee zum Tsunami machten und 2.000 Personen töteten.

Das Dorf Longarone (100 km nördlich von Venedig) und fünf weitere Orte wurden von Stausee-Fluten mitgerissen, die Hälfte der Toten wurde nie gefunden.

Die Katastrophe am Vajont-Staudamm ereignete sich am 9. Oktober 1963 in der Provinz Pordenone in der Region Friaul-Julisch Venetien (Nord-Italien), als ein gigantischer Erdrutsch von etwa 260 Millionen m³ Wald, Erde und Gestein vom Berghang oberhalb des Vajont-Staudamms das Überlaufen von 50 Millionen m³ Wasser auslöste und einen 250 m hohen Mega-Tsunami erzeugte. Dieser stürzte das Tal hinab und zerstörte alles, was sich ihm in den Weg stellte, darunter das nahegelegene Dorf Longarone und die kleinen Ortschaften Pirago, Rivalta, Villanova und Faè. Infolge der Natur-Katastrophe kamen mehr als 2.000 Menschen ums Leben (einige Quellen geben die Zahl mit 1.909 an). (1)

Der Vajont-Staudamm, 2005 vom Dorf Longarone aus gesehen, zeigt die oberen etwa 60–70 Meter aus Beton. Die Tsunami-Wasserwand, die am 9. Oktober 1963 (vor genau 63 Jahren) den Staudamm um 250 m überflutete und dieses Dorf sowie alle umliegenden Ortschaften zerstörte, hätte auf dem Titel-Foto praktisch den gesamten blauen Himmel verdeckt.

Geschichte

Der Staudamm wurde errichtet von der Società Adriatica di Elettricità (SADE, heute Teil von ENEL, ein multinationale Energie-Unternehmen), dem damaligen Monopolisten für Stromversorgung im Nordosten Italiens. Der Eigentümer, Giuseppe Volpi, war mehrere Jahre lang Mussolinis Finanzminister gewesen. Der „höchste Staudamm der Welt“ in der Vajont-Schlucht wurde in den 1920er Jahren konzipiert, um die Flüsse Piave, Mae und Boite zur Deckung des wachsenden Bedarfs an Stromerzeugung und zur Förderung der Industrialisierung in Norditalien zu nutzen. Das Projekt wurde erst am 15. Oktober 1943 genehmigt, nachdem die nach dem Sturz Mussolinis während des Zweiten Weltkriegs herrschende Unruhe beigelegt worden war.

Die Bauarbeiten begannen 1957. Im Jahr 1959 wurden beim Bau einer neuen Straße am Monte Toc Verformungen und Risse festgestellt. Dies führte zu neuen Untersuchungen, in deren Rahmen drei Sachverständige der SADE unabhängig voneinander mitteilten, dass der gesamte Hang des Monte Toc instabil sei und wahrscheinlich in das Staubecken einstürzen würde, sollte die Befüllung mit Wasser abgeschlossen werden. Die SADE ignorierte diese Warnungen, der Bau wurde im Oktober 1959 abgeschlossen. Im Februar 1960 erhielt die SADE die Genehmigung, mit der Befüllung des Stausees zu beginnen. Während des Füllungs-Prozesses des Stausees wurden Veränderungen im Gestein festgestellt, bereits am 4. November 1960 kam es zu einem größeren Erdrutsch von etwa 700.000 m³ Gesteinsmasse.

Die SADE stoppte die Befüllung, senkte den Wasserstand um etwa 50 Meter und begann mit dem Bau eines Unterwasser-Stollens, der als Bypass im Stauraum gegenüber dem Monte Toc dienen sollte, um den Stauraum auch dann nutzbar zu halten, falls weitere (durchaus erwartete) Erdrutsche ihn in zwei Teile trennen sollten. Im Oktober 1961, nachdem der Stollen fertiggestellt war, wurde die Befüllung des schmalen Stauraums unter Aufsicht wieder aufgenommen. Im April und Mai 1962, als der Wasserstand im Stausee bei 215 m lag, wurden fünf Erdbeben der Stärke 5 auf der Mercalli-Skala gemeldet. Die SADE spielte diese Erdbeben herunter und erhielt anschließend die Genehmigung, den Stausee bis zum Höchststand zu füllen.

Im Juli 1962 berichteten die Ingenieure von SADE selbst über die Ergebnisse von Modellversuchen zu den Auswirkungen neuer Erdrutsche vom Monte Toc in Richtung des Sees. Die Versuche deuteten darauf hin, dass eine durch einen Erdrutsch ausgelöste Welle die Staumauer überfluten könnte, wenn der Wasserstand 20 m oder weniger unterhalb der Staumauer läge. Daher entschied die SADE, dass ein Wasserstand von 25 m unterhalb der Krone verhindern würde, dass eine durch einen Erdrutsch ausgelöste Welle den Damm überfluten könnte. Es wurde beschlossen, den Stausee über diese Höhe hinaus zu füllen, da die Ingenieure davon ausgingen, dass sie die Geschwindigkeit des Erdrutsches durch die Regulierung des Wasserstands im Stausee kontrollieren könnten. Sie berücksichtigten dabei jedoch nicht die Auswirkungen des Regenwassers auf den Grundwasserspiegel der das Stauwasser umgebenden Flächen.

Im März 1963 wurde der Staudamm verstaatlicht und unterstand fortan der ENEL als Teil des italienischen Ministeriums für öffentliche Arbeiten. Da bei der Verkündung der Verstaatlichung der Wert des Staudamms zum Zeitpunkt des Verkaufs umso höher sein würde, je mehr Wasser sich darin befand, wurde die Befüllung bis zur Obergrenze (Pegel 715) beschleunigt. Dies führte zu einigen kleineren Hangrutschen, weshalb der Wasserstand wieder auf Pegel 700 gesenkt wurde. Die Regenfälle jener Wochen verschlimmerten die Situation jedoch. Man rechnete mit einem Erdrutsch, der einen Tsunami von 20 Metern Höhe auslösen würde, der die Höhe der Staumauer aber nicht überschreiten würde. Es wurde geschätzt, dass der Erdrutsch am 15. November stattfinden würde.

Katastrophe

Die Katastrophe ereignete sich, nachdem SADE und die italienische Regierung Berichte zurückgehalten und Beweise dafür ignoriert hatten, dass der Monte Toc auf der Südseite des Einzugsgebiets geologisch instabil war. Sie hatten zahlreiche Warnungen, Gefahrenzeichen und negative Gutachten ignoriert. Da SADE das Ausmaß des Erdrutsches unterschätzt hatte, erfolgte der Versuch, diesen durch Absenkung des Seespiegels sicher unter Kontrolle zu bringen, erst, als die Katastrophe bereits unmittelbar bevorstand.

(*) Longarone (wikipedia)

Auf einem Bild ist eine Luftaufnahme des Vajont-Tals aus dem Jahr 1960 zu sehen; der Hang auf der rechten Seite war es, der sich 1963 ablöste. Auf einem anderen Bild ist eine Luftaufnahme nach der Katastrophe zu sehen, bei der ein gewaltiger Erdrutsch den Stausee füllte und eine verheerende Flutwelle auslöste. Dieses Versagen der Ingenieurkunst war zum Teil auf eine unzureichende Berücksichtigung der geologischen Verhältnisse des Berges zurückzuführen.

Im Sommer 1963, als das Stauwasser-Becken fast vollständig gefüllt war, meldete die alarmierte Bevölkerung immer wieder Erdrutsche, Erschütterungen und Bodenbewegungen. Am 15. September rutschte der gesamte Berghang um 22 cm ab. Am 26. September beschloss ENEL, das Stauwasser-Becken langsam bis auf 240 Meter abzulassen. Anfang Oktober schien der Einsturz des Südhangs des Berges unvermeidlich. An einem einzigen Tag verschob er sich um fast einen Meter. Tatsächlich war der Berg wegen seiner Neigung zu Erdrutschen als „der wandernde Berg“ bekannt.

Am 9. Oktober war es definitiv so weit. Ingenieure beobachteten, wie Bäume umstürzten und Felsbrocken in Richtung des Sees rollten, in gigantischem Ausmaß begann der erwartete Erdrutsch. Zuvor hatte sich das alarmierende Tempo der Erdrutsch-Bewegung trotz des sinkenden Wasserstands nicht verlangsamt, obwohl der Wasserstand auf ein Niveau gesenkt worden war, das die SADE für sicher hielt, um die Ausbreitungswelle im Falle eines katastrophalen Erdrutschs einzudämmen. Angesichts des unmittelbar bevorstehenden großen Erdrutsches versammelten sich die Ingenieure in dieser Nacht auf der Krone des Staudamms, um den Tsunami mitzuerleben. Schließlich ereignete sich die Katastrophe um 22:39 Uhr (UTC+1), als es während der dritten Befüllung des Stausees zu einem gigantischen Erdrutsch von etwa 260 Millionen m³ Wald, Erde und Gestein kam, die mit einer Geschwindigkeit von etwa 80 km/h in den Stausee stürzten – ähnlich wie beim Tsunami in der Lituya-Bucht (Alaska 9. Juli 1958) (2).

Der Erdrutsch führte dazu, dass 50 Millionen m³ Wasser in einer 250 m hohen Welle über den Staudamm schwappten. Dessen Struktur erlitt überraschenderweise keine nennenswerten Schäden. Dem Mega-Tsunami ging eine Druckwelle voraus, deren Sprengkraft mit zwei Hiroshima-Atombomben verglichen wurde. Diese bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von etwa 80 km/h talwärts und zerstörte das Dorf Longarone sowie die kleinen Ortschaften Pirago, Rivalta, Villanova und Faè vollständig. Dabei kamen 2.000 Menschen ums Leben kamen. Mehrere kleine Ortschaften im Gebiet von Erto und Casso sowie das Dorf Codissago in der Nähe von Castellavazzo erlitten erhebliche Schäden.

Der Staudamm, der bei der Katastrophe unversehrt blieb (lediglich der obere Teil musste von Trümmern befreit werden), wurde stillgelegt und erzeugt seither keinen Strom mehr. Seit 2002 wurde er teilweise für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, mit Führungen und Zugang zum Steg, der über den Damm verläuft, sowie zu anderen Orten. Im September 2006 wurde ein jährlicher, nicht wettkampf-orientierter Wanderlauf namens „Senderos del Recuerdo“ (Wege der Erinnerung) ins Leben gerufen, der den Teilnehmern den Zugang zu einigen Stellen im Inneren des Berges ermöglicht. Am 12. Februar 2008 führte die UNESCO anlässlich der Eröffnung des Internationalen Jahres des Planeten Erde die Tragödie des Vajont-Staudamms als eine der fünf „Lehrgeschichten“ an, die durch das Versagen von Ingenieuren und Geologen verursacht wurden.

Ähnliches Ereignis Pontesei 1959

Weitgehend unbekannt ist, dass sich bereits 1959 im gegenüberliegenden Tal von Forno di Zoldo beim ersten Einstau des Speichers Pontesei ein „kleines Vajont“ ereignete. Beschleunigte Hangbewegungen des linken Uferhanges ab 13 Metern unter dem Stau-Ziel bewogen den Betreiber, rasch der Wasserspiegel zu senken. Vermutlich durch den Porenwasser-Überdruck in einer vergleichbaren Gleitbahn wurden ca. 3 Mio. Kubikmeter Material mobilisiert und rutschten in den Stauraum. Eine 20 Meter hohe Flutwelle überströmte die Krone nur geringfügig, der Sperren-Wärter Arcangelo Tiziani wurde dabei getötet. Der Betreiber – die SADE – spielte diesen Vorfall herunter. Heute zeugt das erste Hochwasser-Entlastungs-Bauwerk, ein im Freien stehender Turm mit Überlauf-Trichter, von diesem „Malheur“; die Hochwasser-Entlastung besorgt seit 1959 ein zweites, tiefer angeordnetes Bauwerk bei Igné.

Nach der Katastrophe

Das Ministerium für öffentliche Bauten (Ministero dei Lavori Pubblici) eröffnete sofort eine Untersuchung der Ursachen der Katastrophe. Der Bauingenieur Pancini, einer der Angeklagten, beging kurz vor dem Prozess Suizid. Der Prozess begann 1968 und endete ein Jahr später mit der Verurteilung aller beteiligten Angeklagten zu 21 Jahren Gefängnis wegen des verursachten Desasters und mehrfacher fahrlässiger Tötung. Das Appellationsgericht verringerte die Strafe für einige Angeklagte und sprach die anderen wegen Fehlens von Beweismaterial frei. 1997, mehr als 30 Jahre nach der Katastrophe, wurde die Montedison, die die SADE gekauft hatte, zur Zahlung von Schadensersatz an die betroffenen Gemeinden verurteilt. Am rechten Berghang wurde eine kleine Gedächtniskapelle gebaut. Für Überlebende der Katastrophe von Longarone (Disastro del Vajont) wurde 1971 vom Staat eine neue Ortschaft mit dem Namen Vajont gegründet. Auch der Ort Longarone wurde in den 1960er und 1970er Jahren neu gebaut. Die Journalistin Tina Merlin schrieb ein Buch über die Katastrophe (Sulla Pelle viva. Come si costruisce una catastrofe. Il caso del Vajont). Dafür fand sie aber erst 1983 einen Verlag. 1993, 1997, 2001 und 2016 erschienen weitere Auflagen.

Dokumente

Die Katastrophe wird anschaulich in der Ausgabe Nr. 114 des mexikanischen Comic-Magazins „Aventuras de la vida real“ vom 1. Juni 1965 unter dem Titel „El presagio del pájaro“ (Das Omen des Vogels) geschildert. Die Fernsehsendung „Segundos catastróficos“ (Katastrophen-Sekunden) behandelte die Katastrophe in der dritten Folge „Mountain Tsunami“ ihrer fünften Staffel im Jahr 2012.

Verglichen wird die Katastrophe von Longarone-Vajont auch mit dem Erdbeben und Megatsunami in der Lituya Bay (Alaska, 1958, 5 Tote) (2); der Katastrophe von Ribadelago (Zamora, Spanien, Januar 1959, Dammbruch, 144 Tote) (3); dem Unfall am Malpasset-Staudamm (Cote d’Azur, Frankreich, Dezember 1959, Dammbruch, 510 Tote) (4); dem Einsturz des Staudamms von Val di Stava (Trient, Italien, nahe Longarone, Juli 1985, Dammbruch-Überschwemmung, 268 Tote) (5). Eine lange Liste von Dammbrüchen zwischen Brasilien und Indonesien, China und USA zeigt die Gefährlichkeit und Nachlässigkeit bei Bau von Stauseen und Dämmen (6).

ANMERKUNGEN:

(1) Longarone-Vajont Katastrophe (Wikipedia)

(2) Erdbeben und Mega-Tsunami Lituya-Bay (LINK)

(3) Ribadelago Dammbruch (LINK)

(4) Malpasset-Staudamm (LINK)

(5) Stava Dammbruch (LINK)

(6) Dammbrücke weltweit (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Longarone (wikipedia)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-10-09)

 

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