foto200Frauen - Portraits

Bilder aus frühen Zeiten der baskischen Fotografie, Rückblick auf die Anfänge unter dem Blickwinkel “Frauen-Portraits“. Frauen in verschiedenen Rollen: als Fotografinnen, allen voran Eulalia Abaitua, sowie Frauen dargestellt in Einzel- und Gruppen-Portraits. Fotografien von Landfrauen, Musikerinnen, Arbeiterinnen in der Konservenfabrik, Sardinen-Verkäuferinnen, eine rauchende Frau, oder junge Frauen beim Badevergnügen am Strand. Aus den verschiedenen Provinzen des historischen Baskenlandes.

Baskische Fotografie. In der Rubrik “Behatxulo“ (Guckloch) der baskisch-sprachigen Beilage “Gaur Zortzi“ (Heute Acht) der Tageszeitung Gara werden wöchentlich alte Fotos aus der baskischen Vergangenheit vorgestellt. Zweite Auswahl von zehn Bildern.

BASKIN MIT PFEIFE (1)

In den 1880er Jahren richtete Louis Erguy in Donibane Garazi (frz: Saint-Jean-Pied-de-Port) in seinem Haus ein Fotostudio ein. Geschäfts-Konkurrenz hatte er nicht, denn er war der einzige Fotograf in der Hauptstadt von Nieder-Navarra. Louis starb 1919 und sein Sohn Jean Pierre Erguy übernahm das Geschäft. Die meisten von Louis Erguys Fotografien sind Porträts, die in seinem Atelier aufgenommen wurden, wenige andere wurden im Freien gemacht. Die Bilder sind sehr theatralisch und stereotyp, mit Ausnahme der Bilder von den Straßen von der Stadt und dem in Ober-Navarra liegenden Ort Orreaga-Roncesvalles, auf der Südseite der Grenze. Das Vermächtnis von Louis Erguy ist nicht besonders umfangreich, hat aber durchaus seine Bedeutung. Denn die Sammlung zeigt uns einen Teil des Landes und illustriert eine Gesellschaft, die längst verschwunden ist. Das zum Artikel gehörende Foto trägt den Titel "Baskische Frau mit Pfeife", erstellt von Louis Erguy. Es gehört zu einem Album aus dem Jahr 1897, das in der Mediathek in Baiona (frz: Bayonne) aufbewahrt wird. Es besteht aus 50 Fotos, die in Donibane Garazi (Saint-Jean-Pied-de-Port) und Umgebung aufgenommen wurden. (1)

foto201

DIALOG DER BASKINNEN (2)

Das Foto zeigt eine Arbeit von edmond de Labrador in baskischen Ateliers. Der Ateliermaler Edmond de Labrador (1808-1885) gehörte Mitte des 19. Jahrhunderts zur Pariser Bohème. Zu seinen Freunden gehörte Hippolyte Bayard (1801-1887), einer der Pioniere und 1839 Erfinder eines der ersten fotografischen Verfahren, der den Maler in die Französische Fotografische Gesellschaft aufnahm. Edmond, der unter diesem Namen kommerziell bekannt wurde, eröffnete 1856 in Baiona (frz: Bayonne) ein Foto-Atelier und Jahre später ein weiteres in Donibane Garazi (Saint-Jean-de-Luz). Die wenigen Bilder, die uns heute von diesem Fotografen überliefert sind, zeigen Landschaften und Porträts des Nord-Baskenlandes, vor allem im Format von Visitenkarten. Ein Beispiel ist die fotografische Inszenierung des "Dialogue de Basquaises", Dialog der Baskinnen, das um 1870 aufgenommen wurde und den vorliegenden Beitrag illustriert. Das Bild ist Teil eines Fotoalbums im J. Paul Getty Museum, in Brentwood, Los Angeles (Kalifornien, USA). (2)

foto202

EIN SCHÖNER TAG ZU BEGINN DES 20. JAHRHUNDERTS (3)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen die Frauen in aktiverer Weise am gesellschaftlichen Leben teil, sie konnten allmählich den häuslichen Bereich  verlassen und wurden gesellschaftlich immer mehr sichtbar. Es waren die ersten Jahre der frühen Frauenbewegung und des Kampfes für die Rechte der Frauen, im Jahr 1931 wurde in der spanischen Republik das Frauen-Wahlrecht eingeführt. Es waren auch Jahre bürgerlicher Modernität. In Donostia (span: San Sebastián) wurde Ricardo Martín in jenen Jahren zum führenden Fotografen der Stadt, er kannte den Ort. Er durchquerte die Metropole Tag für Tag, machte sie zum Hintergrund für seine Bilder und verlieh ihnen einen Touch von Modernität. Mit einer ganz anderen fotografischen Vision und unter Verwendung natürlicher Kulissen fotografierte Ricardo Martín eine Gruppe von Frauen, die am Strand von La Concha badeten und für ihn Pose standen. Das Bild entstand Anfang der 1930er Jahre, an einem Sommertag. Es waren Jahre des Wandels, der Forderungen, des Frauen-Wahlrechts, der Modernität, wie das Foto zeigt. Doch der faschistische Militärputsch von Juli 1936, der anschließende Krieg und die folgende national-katholische Diktatur machten all das zunichte. (3)

foto203

DIE MUSIKERIN EMILIANA ZUBELDIA IN AMERIKA (4)

Die aus der navarrischen Stadt Jaitz (Salinas de Oro) stammende Emiliana Zubeldia (1888-1987) bestach schon früh in der Welt der Musik. Ihr erstes Konzert gab sie im Alter von fünf Jahren. Sie studierte Musik in Pamplona, Madrid und Paris und wurde eine große Komponistin und Pianistin. Sie gab Konzerte in europäischen Ländern wie Deutschland, Frankreich, der Schweiz und England. Zwischen 1928 und 1929 unternahm sie eine Tournee durch Südamerika und gab Konzerte in Rio de Janeiro, Sao Paulo, Montevideo, Buenos Aires und Rosario. Im argentinischen Rosario kündigte die Zeitung "La República" am 12. Dezember 1929 ein Konzert von Emiliana Zubeldia an, das vom baskischen Kulturzentrum “Zazpirak Bat” organisiert wurde. Im Jahr 1930 ließ sie sich in New York nieder, wo sie mit dem Gitarristen Andrés Segovia, mit Nicanor Zabaleta und anderen Musikern zusammenarbeitete. Für Andrés Segovia komponierte sie "El paisaje vasco" (Baskische Landschaft). In mehreren Sälen der Stadt, dem Rathaus und dem Roerich-Museum, fand das "Baskische Konzert" von Emiliana Zubeldia statt. Im Jahr 1932 gab sie mehrere Konzerte in Havanna und brachte ihre "Symphonischen Gedichte" im Nationaltheater zur Uraufführung. 1937 zog sie nach Mexiko, wo sie sich hauptsächlich der Komposition widmete. Ab 1947, nach einem Unfall, den sie Jahre zuvor erlitten hatte, widmete sie sich dem im Mexiko-Bundesstaat Sonora Musikunterricht. Sie starb 1987 in Hermosillo. Heute beherbergen die Universität von Sonora und das Generalarchiv von Navarra die Archive der baskischen Komponistin, das Baskische Musikarchiv Eresbil besitzt mehrere Aufnahmen ihrer Musikstücke. (4)

foto204

DIE FRAUEN VON EULALIA ABAITUA (5)

Eulalia de Abaitua y Allende-Salazar (1853-1943) war die erste bekannte Fotografin im Baskenland. Geboren in der Altstadt Bilbaos, zog sie mit ihrer großbürgerlichen Familie 18-jährig während des zweiten Karlistenkrieges nach Liverpool, wo sie einen Ingenieur heiratete und eine Familie gründete. 1878 kam sie zurück nach Bilbao, die Familie ließ in unmittelbarer Nähe der Basilika von Begoña ein Haus im englischen Stil bauen, die unter dem Namen “Palacio del Pino“ (Kiefern-Palast) bekannte Villa steht bis heute. Hier richtete sich Eulalia Abaitua im Keller ein Fotolabor ein, wo sie ihre Negative vor dem Sonnenlicht schützte und das ihr gleichzeitig als Werkstatt diente für die fotografischen Porträts, die sie bei ihren Streifzügen anfertigte. Eulalia Abaitua wurde zu einer leidenschaftlichen Fotografin. Im Bild zwei Landfrauen (links), eine Kinderbetreuerin mi Kind (rechts).

foto205

Mit ihrer Arbeit hinterließ Eulalia Abaitua historische Fenster in die Vergangenheit, in denen verflossene baskische Generationen dokumentiert sind, mit ihrer Kleidung, ihren Beschäftigungen, ihren Geschichten, ihrem Alltag vor 100 Jahren. Eulalia beschränkte sich bei ihren Fotografien bei Weitem nicht auf die Mitglieder ihrer bürgerlichen Klasse, sondern dokumentierte Frauen und Szenen vom Land, bei der Arbeit, arme Leute wie die Landfrauen (links) und die bis heute legendären Sardinen-Verkäuferinnen aus Santurtzi (rechts, mit der Bizkaia-Brücke in Portugalete im Hintergrund). Bilder, die heute zum Lernen einladen, die zeigen, woher unsere Wurzeln liegen. Dass wir auf den Fotografien nur wenig wiedererkennen, liegt nicht an der Arbeit Eulalias, es ist den großen Veränderungen in der Geschichte geschuldet, die sowohl Personen wie auch Landschaften betreffen. Sie sind zu historischen Zeugnissen geworden. Obwohl zwischen Wirklichkeit und Bild ein Kamera-Objektiv stand, sind die Fotos von unbestrittenem Realismus. (5)

MEHR FRAUEN VON EULALIA ABAITUA (6)

Bis heute gibt es Fragezeichen zum fotografischen Schaffen von Eulalia Abaitua. Unklar ist zum Beispiel, wo sie das Fotografieren lernte, dazu gibt es nur Hypothesen. Tatsache ist, dass sie seit ihrer Kindheit selbst mehrfach in Fotostudios von professionellen Fotografen porträtiert wurde, wie das in der bürgerlichen Gesellschaft damals üblich war. Vier Fotografien von Eulalia sind mit Namen gekennzeichnet: Cosme Duñabeitia (Bilbao), Frederic Artigue (Francia), Vandyke & Brown (Liverpool) und Charles Reutlinger (Paris). Allerdings führt die Geschichte dieser Bilder nicht viel weiter. So muss angenommen werden, dass ihre Jahre in Liverpool und London (1871-1878) in Hinsicht auf ihre Entwicklung zur Fotografin entscheidend waren.

foto206

Die englische Gesellschaft war damals im Bereich Fotografie federführend: die Zeitschriften Journal of the Photographic Society (1853), British Journal of Photography (1854) und Photographic News (1858) und andere waren einer breiten Bevölkerung zugänglich. Als eines der ersten erwarb das South Kensington Museum (heute Victoria & Albert Museum) Fotografien, um eigene Sammlungen zu vergrößern und sie in Ausstellungen zu zeigen, wie zum Beispiel die Bilder der bekannten englischen Fotografin Julia Margaret Cameron. Geboren wurde Eulalia Abaitua in einer Zeit, in der die Fotografie ihre ersten Schritte machte. Nur 14 Jahre vor ihrer Zeit wurde in der französischen Akademie der Wissenschaften der erste fotografische Vorgang dargestellt. (6)

SALZFABRIK SERRATS IN BERMEO (7)

Mitte des 19. Jahrhunderts war Bermeo zusammen mit Lekeitio und Ondarroa eine der baskischen Städte mit den meisten Konserven-Fabriken. Hier wurden vor allem Fischarten wie Seebrassen, Bonito-Thunfisch, Sardinen, Sardellen und Makrelen verarbeitet. Nach dem Ende des 2. Karlistenkrieg (1872-1876) wuchs die Konserven-Industrie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, vor allem die Produktion von gesalzenen Sardellen nahm zu und wurde zum Hauptprodukt der Konservenfabriken. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts siedelten sich in den wichtigsten baskischen Fischereihäfen zahlreiche italienische und einige niederländische Salzfabriken an. Einigen Studien zufolge, die von Institutionen wie dem Schifffahrts-Museum von Donostia (San Sebastián) durchgeführt wurden, begann zu dieser Zeit der Export von Fischkonserven aus Lekeitio und Bermeo nach England und Amerika. Auf dem Bild, das den Artikel illustriert, ist eine Gruppe von Arbeiterinnen der Fabrik Serrats in Bermeo zu sehen, hauptsächlich Frauen, die sich dem Fotografen Anfang des 20. Jahrhunderts präsentierten. Bermeo, an der Bizkaia-Nordküste, ist heute der größte verbliebene Fischereihafen mit einer weiterhin florierenden Konserven-Industrie. (7)

foto207

BASKISCHE FOTOGRAFINNEN DER VERGANGENEN JAHRHUNDERTE (8)

Madame Moreno war um 1860 in Baiona-Bayonne eine der ersten professionellen Fotografinnen im Baskenland. Vor dem Militärputsch der faschistischen Generäle im Jahr 1936 arbeiteten viele Frauen in Ateliers oder leiteten Fotogeschäfte. So zum Beispiel die in Donostia (San Sebastian) geborene Carmen Resines, die viele Preise bei Foto-Wettbewerben gewann und stellvertretende Bürgermeisterin von Donostia wurde. Agustina Zugasti, die Witwe des bekannten Donosti-Fotografen Ricardo Martín, Elena Regidor, Bárbara Gutiérrez und Gregoria Marazuela sind einige derjenigen, die vor dem Krieg für Fotogeschäfte in San Sebastián verantwortlich waren. In Bilbo (Bilbao) waren es unter anderem Dolores Brouard, Josefina García, Cecilia Garay, Aurelia García Brouard und die Frau des Malers Julián Tellaetxe, Carmen Valet de Montano. Aus Donibane Lohizune (Saint-Jean-de-Luz) ist Jacquline Konarzewska zu nennen, die 1944 die Befreiung der Iparralde-Küstenstadt von den Nazis fotografisch festhielt. Carmen Koch gehörte zu einer bekannten Gruppe deutsch-stämmiger Fotografinnen und Fotografen, die sich während des Spanienkieges nach 1936 in San Sebastián niedergelassen hatten. In Abwesenheit ihrer Fotografie-Kollegen während des Krieges arbeitete sie im Fotostudio, obwohl ihre Arbeit nie anerkannt wurde, weder damals noch heute. In Alsasua wurde die Fotografin und Arrangeurin Julia Zornoza Iriarte aus Etxalar von den franquistischen Behörden gezwungen, als Demütigung mit geschorenem Schädel durch die Stadt zu marschieren. Keines ihrer fotografischen Werke ist bis zum heutigen Tag erhalten geblieben. Sie selbst ist auf dem beliegenden Foto eines unbekannten Fotografen zu sehen, das von ihrer Familie aufbewahrt wird.

foto208


ABBILDUNGEN:

(1) Titel: Baskische Frau mit Pfeife. Fotograf: Louis Erguy. Mediathek Baiona-Bayonne. Publiziert bei Gaur Zortzi, 2023-09-30 (LINK)

(2) Titel: Dialog der Baskinnen (Original: Dialogue des Basquaises). Fotograf. Edmond de Labrador. Museum J. Paul Getty. Publiziert bei Gaur Zortzi, 2022-10-22 (LINK)

(3) Titel: Ein schöner Tag zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Original: Udako egun ederra XX. mendearen hasieran). Fotograf. Ricardo Martin. Kutxateka, Foto Carte Funtsa. Publiziert bei Gaur Zortzi, 2022-07-16 (LINK)

(4) Titel: Die Musikerin Emiliana Zubeldia aus Navarra in Amerika (Emiliana Zubeldia musikari nafarra, ameriketan barrena). Unbekannte Autorenschaft. Bericht Tageszeitung Gara 2021-11-27, Gaur Zortzi (LINK)

(5) Die Frauen von Eulalia Abaitua, Tageszeitung Gara, 2021-09-28 (LINK)

(6) Mehr Frauen von Eulalia Abaitua, 2023-03-25 (LINK)

(7) “Arbeiterinnen der Salzfabrik Serrats in Bermeo” (Bermeoko Serrats gazitze enpresako langileak). Foto: unbekannte Autorenschaft, Gaur Zortzi 2022-11-05 (LINK)

(8) Baskische Fotografinnen der vergangenen Jahrhunderte (Iragan mendeetako euskal emakume argazkilariak), Foto: dargestellt ist die Fotografin Julia Zornoza Iriarte, Autorenschaft unbekannt. Publiziert bei: Gaur Zortzi, 2021-03-06 (LINK)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-12-24)

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information