150.000 bis 300.00 Jahre alt
In einer Höhle in Karrantza, im Süden der baskischen Provinz Bizkaia, wurden menschliche Überreste aus der Zeit vor wenigstens 150.000 Jahren entdeckt. Der Fund in der Höhle El Polvorín gelang einem Forscherteam unter der Leitung der baskischen Universität UPV-EHU. Es handelt sich um die ältesten Knochenreste, die bisher in Bizkaia gefunden wurden. Angenommen wird, dass sie von einer Neandertalerin oder von einer Frau aus der Zeit vor der Neandertal-Kultur stammen.
Am 12. Juni 2024 wurden die Ergebnisse von archäologischen Untersuchungen bekannt gegeben. Diese Überreste aus einer Höhle in Karrantza sind die ältesten menschlichen Knochen, die bisher in Bizkaia gefunden wurden: wenigstens 150.000 Jahre alt, von einer Neandertalerin, Andere genannt.
Die interessantesten archäologischen Entdeckungen werden manchmal nicht bei laufenden Ausgrabungen gemacht, sondern bei der Auswertung von Materialien, die bei früheren Arbeiten und Projekten aus den Fundstellen geholt wurden. Dies trifft zum großen Teil auf die menschlichen Überreste zu, die auf ein Alter von mehr als 150.000 Jahren datiert werden und die ältesten sind, die bisher in der baskischen Provinz Bizkaia gefunden wurden. Möglicherweise auch die ältesten im Baskenland. Kürzlich wurden der Fund im Arkeologi Museoa in Bilbao vorgestellt. (1) (2)
Es handelt sich um Knochenfragmente einer einzigen Person, einer Neandertalerin mit ausgeprägt archaischen Merkmalen – entdeckt in einer der klassischen Fundstätten Bizkaias, der Höhle El Polvorín (span: Pulverfass) in der Gemeinde Karrantza, weit im Süden der Autonomen Gemeinschaft Baskenland. Einige dieser Überreste waren seit 1983 in diesem Museum aufbewahrt worden, nachdem sie von einer Gruppe von Höhlenforscher*innen gefunden worden waren. Doch erst 2020 konnten sie als das identifiziert werden, was sie einmal waren. Die Reste dieser prähistorischen Frau, die erste, die in diesem Gebiet gefunden wurde, erhielt den Namen "Andere" (der Name leitet sich nicht von ‘anders‘ ab, sondern von ‘andra‘, baskisch: ‘Frau‘).
Die Untersuchung dieser fossilen Überreste wurde von einem Forschungsteam unter der Leitung des Paläontologen (Steinzeit-Forscher) Asier Gómez-Olivencia vom Fachbereich Geologie der Universität des Baskenlandes / Euskal Herriko Unibertsitatea (UPV/EHU) durchgeführt. Er war auch der Sprecher bei der Präsentation der Fundstücke, in Begleitung der Generaldirektorin für Kultur der Provinz-Regierung Bizkaia, von Gorka Moreno Márquez, Vizerektor des Campus Bizkaia der UPV/EHU, und Etor Telleria, Direktor des Arkeologi Museoa in der Altstadt Bilbaos.
Die Höhle von El Polvorín gilt als historische Fundstätte, sie ist eine der vielen, die von der Legende der baskischen Archäologie und Anthropologie – José Miguel de Barandiarán (1889-1991) – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erforscht wurden. Im Fall der “Pulverfass-Höhle“ war es im Jahr 1931, als Barandiaran zusammen mit Telesforo Aranzadi (1860-1945) die Höhle einer intensiven Forschung unterzog. Die jetzt vorgestellten Überreste stammen jedoch von einem Ort in der Höhle, die weit von der von Barandiarán ausgegrabenen Stelle entfernt ist. Es handelt sich um die Grube I (Sima I).
Schwierig zugänglich
"Es ist nicht einfach, diese Fundstelle zu erreichen", erklärte Gómez-Olivencia. "Unter anderem muss man etwa 50 Meter durch einen schmalen Durchgang kriechen und dann einen vertikalen Abgrund von etwa 7 Metern und eine Rampe überwinden", um einen Gesamt-Höhenunterschied von etwa 30 Metern zurückzulegen. "Bei der ersten Ausgrabungs-Kampagne haben wir etwa zwei Stunden gebraucht, um dorthin zu gelangen. Die Stätte Sima I wurde 1982 von einer Gruppe von Höhlen-Forscher*innen entdeckt, die dort Knochen von Bären und Hyänen fand, die ab 1983 im Museum deponiert wurden. Eine weitere Erkundung in der Höhle erbrachte im Jahr 2000 eine weitere Ladung von Fundstücken.
“Unsere späteren Forschungen begannen im Jahr 2020", so der Paläontologe. “Wir untersuchten jene tierischen Fundstücke und waren mehr als überrascht, als wir darunter auch menschliche Überreste fanden". Diese Entdeckung im Museum gab den Anstoß, ein Forschungs-Projekt ins Leben zu rufen", das sich seit 2021 mit der Ausgrabung und der intensiven Erforschung der Höhle befasst.
Die Sammlung von allem, was in der Höhle ausgegraben und im Museum gefunden wurde, ist ein außergewöhnlicher Satz von 18 menschlichen Überresten. "Neun davon wurden im Museum identifiziert und die anderen neun in den Kampagnen 2021 und 2022 in der Höhle". Die Funde sind außergewöhnlich, denn "erstens wiederholen sich die Knochen nicht. Sie gehören somit alle zu einem erwachsenen Individuum und haben eine passende Größe. Sie bilden einen zusammenhängenden Satz, so dass unsere Arbeits-Hypothese lautet, dass sie zum Skelett eines einzigen Individuums gehören. Aufgrund ihrer Größe und durch Vergleiche mit anderen Neandertal-Funden können wir schlussfolgern, dass sie zu einem weiblichen Individuum gehören, das wir 'Andere' getauft haben", so Goméz-Olivencia. "Sie weist eindeutige Neandertal-Merkmale auf, aber auch andere, die bisher nur bei den Überresten aus der Knochen-Grube (Sima de los Huesos) in Atapuerca gefunden wurden", die auf die Zeit vor etwa 430.000 Jahren datiert werden und aus denen die ersten Neandertaler hervorgegangen sind.
Das beste Stück
Das Star-Fossil des Jahres 2022 aus der Grube I von El Polvorín "war die Stirnseite eines Schädels mit einem sehr ausgeprägten supraorbitalen Torus, dem Bogen über den Augen". Eines der wichtigsten Indizien lieferte ein anderer Knochen, in diesem Fall vom Unterarm: der Radius, oder Speiche. "Er zeigt eine typische Neandertaler-Kurve, die sich stark unterscheidet von der unserer eigenen Spezies, die viel gerader ist". Aber dieser Knochen aus der Polvorín-Höhle weist noch eine weitere Besonderheit auf: "Was ihn von den typischen Neandertalern unterscheidet, ist die Position des Ansatzes für den Bizeps, der weiter fortgeschritten ist". Genau wie bei den Fossilien aus der Knochen-Grube von Atapuerca. "Das sind präzise anatomische Details, die es uns ermöglichen, diese Person in der Evolutionsskala einzuordnen.“ Zu den Funden gehören auch Zwischenglieder von Händen und Füßen, sowie Teile des Schulterblatts.
Diese anatomische Nähe zu den Vor-Neandertalern aus Atapuerca "veranlasst uns, vorsichtig von einem Alter von 150.000 Jahren für Andere zu sprechen, aber als Arbeitshypothese gehen wir davon aus, dass sie zwischen 200.000 und 300.000 Jahre alt sein könnte". Sollte dies der Fall sein, wären die Knochen von 'Andere' die ältesten menschlichen Überreste, die bisher im Baskenland gefunden wurden. Eine direkte Datierung, wie sie seinerzeit bei dem Oberarmknochen des Neandertalers aus der Lezetxiki-Höhle in Gipuzkoa vorgenommen werden konnte, ist bei den Funden aus El Polvorín "kompliziert". Denn: “Es handelt sich um eine geologisch gesehen sehr komplizierte Höhle, die mehrere Phasen der Auffüllung und Entleerung durchlaufen hat und in der die Sedimente mehrfach bewegt wurden". Die Fossilien "befinden sich nicht nur auf dem Boden, sondern auch an den Wänden und Decken".
Zwischen 1,50 und 1,60 Meter groß
Die Knochen von 'Andere', die eine erwachsene Frau von 1,50 bis 1,60 Meter Größe gewesen sein muss, wurden mit den Überresten von Hyänen und Bären vermischt. Es ist jedoch ungewiss, ob dies auf eine Interaktion zwischen der Frau und den Tieren zurückzuführen ist. "Die Tierreste weisen keine Schnittspuren auf", sagte Gómez-Olivencia. Die Bären könnten während des Winterschlafs gestorben sein. Vielleicht wurden die Hyänen durch den Geruch von Aas angelockt und verirrten sich in der Schlucht. Vielleicht erlitt ‘Andere‘ einen tödlichen Sturz. Vielleicht wurde alles in ein natürliches Sinkloch gespült. Dies sind Fragen, die von den laufenden und künftigen Forschungsarbeiten beantwortet werden müssen.
Das Projekt unter der Leitung von Asier Gómez-Olivencia, Ramón y Cajal-Forscher am Fachbereich Geologie der UPV/EHU, umfasst ein multidisziplinäres Team von Spezialisten für Paläo-Biologie, Fossilisations-Lehre, Geologie und Geo-Chronologie, die sowohl von der UPV/EHU als auch von spanischen Einrichtungen (Cenieh, Iphes, Complutense-Universität Madrid) und internationalen Institutionen wie der Universität Bordeaux, dem Nationalmuseum für Naturgeschichte in Paris und der Universität Cambridge stammen.
Die baskische Neandertaler-Karte
Die Neandertaler oder Homo neanderthalensis sind eine ausgestorbene Hominidenart, die vor 250.000 bis 40.000 Jahren in Europa und Teilen Westasiens lebte. Die an kalte Klimazonen angepassten Neandertaler hatten einen robusten, muskulösen Körper und benutzten Steinwerkzeuge. Sie starben vor etwa 40.000 Jahren aus, möglicherweise aufgrund von Faktoren wie Klimawandel, Konkurrenz mit dem Homo sapiens und Krankheiten.
Die Grube I von El Polvorín gehört zu den Fundstätten im Baskenland, die eine Besiedlung durch Neandertaler belegen, wie auch die Höhlen und Fundstätten von Axlor (Dima), Aranbaltza (Barrika), Arlanpe (Lemoa), Lezetxiki (Arrasate), Amalda (Zestoa). Die Zahl der Fundstellen mit menschlichen Überresten ist jedoch deutlich geringer. Asier Gómez-Olivencia: "Axlor hat einen Schädelrest, den Prämolar eines Erwachsenen und vier Milchzähne geliefert. Arrillor in Zigoitia, in der Provinz Araba, hat einen einzigen Milchzahn gebracht und aus der Fundstelle von Lezetxiki kommen Überreste verschiedener Chronologien". Einerseits der Oberarmknochen aus Lezetxiki, der vom Team von José Miguel de Barandiarán in den einfach zugänglichen Schichten der Fundstätte geborgen wurde. Dieser Humerus weist bestimmte Merkmale auf, die denen der Humeri aus der Knochen-Grube (Sima de los Huesos) von Atapuerca ähneln, er wurde von dem Team unter der Leitung von Concepción de la Rúa (UPV-EHU) datiert, wobei ein Mindestalter von 164.000 Jahren (plus-minus 9.000 Jahre) festgestellt wurde. Andererseits wurden in den oberen Schichten von Lezetxiki zwei Zahnreste gefunden, die kürzlich von einem Team unter der Leitung von Diego López Onaindia von der Universität Bordeaux erneut untersucht wurden.
Eine große Zukunft
“Die Stätte hat eine große Zukunft und wird viele Überraschungen bieten, aber wir haben nur wenig Zeit und es gibt Arbeit für mehrere Jahre“, sagte Gómez, der anmerkte, dass die Grabungskampagne 2024 im Herbst durchgeführt werde. Der Forscher erklärte, dass neben der Suche nach neuen menschlichen Überresten, sowohl von ‘Andere‘ als auch von anderen möglichen Individuen, noch viel geologische Forschung betrieben werden muss.
Ebenso bei den Überresten von Bären und Hyänen, die jüngeren Datums zu sein scheinen als die der Neandertaler. Er stellte fest, dass bei diesen Studien und möglichen genetischen Analysen sowohl von Menschen als auch von Tieren, falls Überreste mit DNA gefunden werden,“robustere Daten“ gefunden werden müssen, um den “Ursprung der Anhäufung von Tierresten“ in der Höhle zu erklären.
Ausstellung
Von den 18 Knochenfragmenten, die in El Polvorín gefunden wurden, werden 7 in einer Ausstellung über Neandertaler zu sehen sein, die demnächst im Arkeologi Museoa in der Altstadt von Bilbao beginnen wird. Die anderen Fossilien werden weiter untersucht, mit dem Ziel, sie in den kommenden Monaten in einer internationalen wissenschaftlichen Publikation vorzustellen.
ANMERKUNGEN:
(1) Information und Zitate aus: “Andere, una mujer neandertal de hace más de 150.000 años, los restos humanos más antiguos hallados en Bizkaia (Andere, eine Neandertalerin vor mehr als 150 000 Jahren, die ältesten menschlichen Überreste, die in Bizkaia gefunden wurden), Tageszeitung El Correo, 2024-06-12 (LINK)
(2) Information aus: “Descubren restos humanos de hace más de 150.000 años en una cueva de Karrantza” (150.000 Jahre alte menschliche Reste gefunden in einer Höhle in Karrantza), Tageszeitung Gara, 2024-06-13 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Neandertalerin (elcorreo)
(2) Neandertalerin (eitb)
(3) Neandertalerin (elcorreo)
(4) Neandertalerin (elcorreo)
(5) Neandertalerin (eitb)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-06-16)
