lifesupp1Schiffbrüchige im Mittelmeer

Im Mittelmeer geht die Menschlichkeit über Bord, Tausende ertrinken jedes Jahr ohne jede Chance auf Ankunft. Diese Chronik berichtet von Bord des Rettungs-Schiffes Life Support. Ein Bericht vom Versuch, schiffbrüchige Flüchtlinge aufzunehmen, die auf einer Gasplattform vor Tunesien gestrandet sind, verhindert durch die europäische Frontex-Überwachung. Erzählt wird die erfolgreiche Rettung eines Bootes mit 52 Flüchtlingen an Bord erzählt, die in Catania, auf Sizilien, an Land gebracht werden konnten.

Frontex ist die “Europäische Agentur für Grenz- und Küstenwache“. Sie soll die EU-Länder “bei der Verwaltung ihrer Außengrenzen“ und im “Kampf gegen grenzüberschreitende Kriminalität“ unterstützen. Tatsächlich verhindert sie die Ankunft von Flüchtlingen und verurteilt sie zum Tod im Mittelmeer.

Aita Mari

Seit 2015 ist das baskische Rettungsschiff “Aita Mari“ im Mittelmeer unterwegs, im Auftrag der Nicht-Regierungs-Organisation Salvamiento Maritimo Humanitario – Humanitäre Seerettung. Begleitet waren diese Einsätze immer von allen denkbaren Formen von Schikanen durch die italienischen Rechts-Regierungen, denn die geretteten Flüchtlingen mussten meist in italienischen Häfen an Land gebracht werden. “Wir sind eine Vereinigung von Freiwilligen, die auf die Menschenrechts-Verletzungen im Mittelmeer und in der Ägäis reagieren. Wir sind ein Glied in der Solidaritätskette dieser Gesellschaft“, heißt es in der Vorstellung auf der Webseite der NRO.

“Unser Auftrag ist klar: das Leben, die Würde und die Rechte der Menschen auf der Durchreise entlang der Migrationsrouten zu schützen, die für ihre Vertreibung genutzt werden. Uns für sichere und legale Routen als Teil der europäischen Migrationspolitik einzusetzen. Die Beteiligung und Sensibilisierung der Zivilgesellschaft bei der Verteidigung der Menschenrechte zu ermöglichen. Die Missachtung der Menschenrechte anzuprangern, die wir derzeit erleben.“ Mit diesem selbst gegebenen Auftrag steht SMH nicht allein, auch andere solidarische Organisationen sind aus demselben Grund im Mittelmeer unterwegs, wie der folgende Bericht zeigt.

Life Support

lifesupp2Mohammad (fiktiver Name, um seine Sicherheit zu gewährleisten), ein junger 24-jähriger Syrer, klettert mit müden Augen die Leiter des Bootes hinauf, sieht sich um und atmet nach den ersten Schritten an Deck erleichtert auf, blickt zum Himmel und lächelt. Nach sieben quälenden Stunden auf See ist er in Sicherheit. Wir sind auf der Life Support, einem Such- und Rettungsschiff im Mittelmeer der Nicht-Regierungs-Organisation Emergency (NRO). (1)

“Das Projekt wurde 2022 ins Leben gerufen, nachdem wir jahrelang Erfahrungen als Landpersonal bei der Ausschiffung von Schiffbrüchigen gesammelt und medizinisches Fachwissen an Bord anderer NRO-Schiffe bereitgestellt hatten“, erklärt Alessandro Bertani, Vizepräsident von Emergency. “Wir haben schon immer unter schwierigen Bedingungen für die Opfer von Krieg und Armut gearbeitet, und mit der Life Support setzen wir diese Arbeit auf See fort.“

Die Besatzung an Bord ist international. Neben den Seeleuten, die aus der Ukraine, aus Aserbaidschan und Rumänien stammen, ist auch ein eigenes Team der NRO dabei. Die Tage auf See sind geprägt vom Rhythmus der Wellen und von einem Training, das Übungen für die Seenot-Rettung und der anschließenden Organisation der Aufnahme umfasst. Die Aufgaben sind klar eingeteilt. Mehrere Teams haben eine spezifische Aufgabe an Bord: das SAR-Team (Search and Rescue), ist an der Seenot-Rettung mit den RHIBs (Rigid Hull Inflatable Boats) beteiligt, die Schiffbrüchige an Bord nehmen. Daneben gibt es das medizinische Team, das aus einem Arzt und zwei Krankenschwestern besteht. Schließlich gibt es noch das Logistik-Team und zwei Personen mit interkulturellen Fähigkeiten.

Sie alle wechseln sich täglich ab, um die Gemeinschafts-Räume zu reinigen, den Funkverkehr abzuhören und das Meer von der Brücke aus zu beobachten. Von hier aus wird Alarm geschlagen, wenn ein Boot gesichtet wird, das in Seenot ist. Die Einsätze werden von Ani aus Asturien (Spanien) und Maria aus Ligurien (Italien) koordiniert. Das Kommando hat Domenico aus Kalabrien (Italien), der auf eine lange Erfahrung in der Seefahrt zurückblicken kann. Als sie nach einigen Tagen das maltesische Search-and-Rescue-Gebiet (SAR) erreichen, mahnt Ani das Team: “Von nun an versuchen wir, auf alles vorbereitet zu sein, unsere Funkgeräte stellen wir auf maximale Lautstärke.“

“Etwa 40 Personen auf der tunesischen Gasplattform MISKAR gesichtet“

Seine Worte klingen wie eine Vorahnung, während die See immer rauer wird. Es vergehen einige Stunden, Ani beruft eine Krisensitzung ein. “Wir haben einen Notruf vom Frontex-Flugzeug Sparrow 4 erhalten, das etwa 40 Personen auf der tunesischen Gasplattform MISKAR gesichtet hat. Wir sind nur noch wenige Meilen entfernt, bereitet euch auf den Einsatz vor.“ Als sie in dem Gebiet ankommen, werden die RHIB-Boote ins Wasser gelassen und steuern auf die Plattform zu. “Wir haben die Genehmigung, uns nähern zu können“, teilt Ani mit.

Wir befinden uns an Bord eines der beiden RHIBs. Ian, ein schwedischer Steuermann um die Siebzig, nimmt Fahrt auf. Die See ist sehr rauh, es weht ein starker Wind. Die Plattform ist nur noch wenige Meter entfernt. “Ich kann sie sehen, sie sind in der Nähe der Treppe“, ruft Bader, ein marokkanischer Pädagoge. Die Plattform wird von hohen Trägern gestützt und ist über eine Treppe zu erreichen, die in den Wellen zu verschwinden scheint. Die Flüchtlinge klammern sich daran fest und winken mit den Händen. Nicht weit entfernt treibt ein leeres Boot vorbei.

Ein unerwarteter Befehl

lifesupp3Plötzlich fordert Ani das RHIB auf, sich mindestens 500 Meter zu entfernen. Minuten später gibt es keine Kommunikation mehr zwischen dem Boot und dem Schiff Life Support. Es sind hektische Momente, die Anspannung an Bord ist groß und es kann nichts getan werden. “Zurück zum Schiff“, befiehlt Ani plötzlich. Im RHIB schauen sich alle an, ein einstimmiger Chor der Missbilligung zerreißt die Stille auf See. Das Licht einer Marineeinheit nähert sich der Plattform. Stunden vergehen, das Frontex-Flugzeug entfernt sich und das flackernde Licht einer von den Schiffbrüchigen gehaltenen Fackel verschwindet. Wir kehren an Bord zurück, während die RHIBs im Wasser bleiben.

“Wir haben die Boote zurückgeholt, nachdem uns von den Betreibern der Plattform trotz anfänglichem grünem Licht plötzlich die Annäherung verweigert wurde. Sie haben uns aufgefordert, die Schiffbrüchigen an eine tunesische Marine-Einheit zu übergeben, was wir abgelehnt haben, da Tunesien kein sicheres Land für die Flüchtlinge ist“, berichtet Ani bei der nächtlichen Krisensitzung. Während der gesamten Zeit wird von der Life Support aus versucht, das maltesische und das italienische Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) zu kontaktieren, erhält jedoch keine Antwort.

Die Weigerung, intervenieren zu können, kommt neun Monate nach der in Tunis unterzeichneten Vereinbarung zwischen der EU und Tunesien. Diese sieht vor, dass die Europäische Kommission dem nordafrikanischen Land 105 Millionen Euro für das “Migrations-Management“ und die Verstärkung der Küstenkontrollen zur Verfügung stellt. Um Flucht aus Afrika zu verhindern oder zu unterbrechen. Wie die Financial Times berichtet, erklärte sich Brüssel bereit, den tunesischen Sicherheitskräften bis zum 25. März 2024 weitere 164 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, trotz der Kritik mehrerer humanitärer Organisationen wie Human Rights Watch.

“Ich konnte deutlich Kinder und Frauen sehen“

“Die tunesischen Behörden haben Menschen, die in einem Boot auf der Flucht waren, gewaltsam zurück nach Tunesien gebracht, wo sie ernsthafter Gefahr ausgesetzt sind“, stellt Lauren Seibert, Forscherin für Flüchtlings- und Migrantenrechte der NRO, im Juli fest. Die ganze Nacht hindurch bleibt die Life Support in der Nähe der Gasplattform. Der wiederholte Versuch, Kontakt mit der Plattform aufzunehmen, scheitert. Sie erhalten keine Antwort. “Das sind die Bedingungen, unter denen wir jeden Tag arbeiten“, klagt Ani am Ende des Treffens.

“Diese Szene hat sich mir eingeprägt“, sagt Bader. “Wir haben uns darauf gefreut, diese Menschen zu retten, wir konnten sie sehen, und ich wollte ihnen versichern, dass wir sie zur Life Support bringen.“ Baders Stimme bricht vor Wut, sein Blick ist auf das Meer gerichtet: “Ich konnte deutlich zwei Kinder und einige Frauen sehen“. Bis heute sind die Anfragen von Life Support über den Ausgang der Rettungsaktion und den Verbleib der Schiffbrüchigen unbeantwortet geblieben.

Zweite Rettungsaktion

Die Nacht bricht herein und das Rettungsschiff steuert auf die libysche SAR-Zone zu. Das Schiff dümpelt in langen Wellen vor sich hin. Plötzlich ertönt Anis Stimme über alle Funkgeräte. “An alle Rettungskräfte, wir haben Sichtkontakt mit einem Schlauchboot. Bereitet euch auf die Rettungs-Aktion vor.“ Nur wenige Stunden sind seit dem letzten intensiven Tag vergangen, aber es bleibt keine Zeit zum Nachdenken, es muss gehandelt werden. Vom Außendeck aus ist ein Boot voller Menschen zu sehen, das sich in unmittelbarer Nähe des Rettungsschiffs befindet. Innerhalb von Sekunden sind die RHIBs im Wasser. Es bleibt nicht viel Zeit.

“Uns war klar, dass das Boot angesichts der Höhe der Wellen kentern könnte. Also haben wir so schnell wie möglich die Rettungswesten verteilt“, erklärt Nicola, ein Rettungsschwimmer aus Mailand. Als sich das RHIB dem Boot nähert, sehen sie, dass es ein Doppeldeck hat. “Unter Deck befanden sich Menschen, es roch stark nach Benzin. Mir fiel sofort ein Mann auf, der regungslos dalag“, berichtet er. “Wir dachten, er sei ohnmächtig, wir waren sehr besorgt.“

Niemand wird zurückgelassen

lifesupp4Glücklicherweise muss in diesem Fall niemand zurückgelassen werden, alle Schiffbrüchigen werden bei Bewusstsein auf die Life Support gebracht. Die meisten von ihnen können sich vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten. Eine Frau kann kaum noch gehen. In ihren Augen steht der Schmerz einer endlosen Reise. Spät in der Nacht schwillt das Meer an. Insgesamt sind es 52 Flüchtlinge. Sie kommen aus Pakistan, Bangladesch, Syrien, Ägypten und Nigeria. Das Notfallteam bringt sie in den Schutzbereich, in dem es einen kleinen Behandlungsraum gibt. Nach weiteren medizinischen Untersuchungen werden keine ernsten klinischen Fälle festgestellt. Domenico kommt einige Stunden nach der Rettung von der Brücke, um die Schiffbrüchigen zu begrüßen: “Die italienischen Behörden haben uns den Hafen von Catania für die Ausschiffung angeboten, morgen Abend werden Sie alle in Italien sein.“ Der 24-Jährige Ahmed aus Aleppo umarmt seine Reisegefährten Abdel und Mohammad.

“Wir sind gestern Abend aus Zwara in Libyen aufgebrochen. Das Meer war sehr rau, wir mussten durch die Wellen laufen, bevor wir das Boot erreichten, das Wasser stand uns bis zur Brust, wir hatten alle Angst zu ertrinken“, berichtet er. Er schaffte es bis nach Jordanien und dann in den Libanon, wo er drei Jahre lang blieb. “Vor vier Monaten beschloss ich, nach Libyen zu gehen“, erzählt er weiter. “Dies ist das zweite Mal, dass ich die Überfahrt versucht habe. Die Libyer haben uns immer schlecht behandelt, wir wurden von einer Miliz gefangen genommen, die von uns jeweils mehr als 2.000 Dollar für unsere Freilassung verlangte. Als wir frei waren, beschlossen wir, es noch einmal gemeinsam zu versuchen, wir hatten keine andere Wahl.“

Ende eines Albtraums

Die drei erzählen von der Überfahrt, für die sie 8.500 Dollar bezahlt haben: “Ein Alptraum, wir haben Wasser aufgesaugt und mussten es abwechselnd aus dem Boot schöpfen, dann haben wir euch gesehen, ihr wart unsere Rettung“. Abbas, ein 44-jähriger Ägypter, hört dem Gespräch zu und nickt. Er spricht gut Italienisch, nachdem er mehrere Jahre auf der italienischen Halbinsel gelebt und gearbeitet hat.

“Eines Nachts beschloss ich, nach Ägypten zurückzukehren, ich vermisste meine Familie. Das war der größte Fehler, den ich machen konnte“, gesteht er. “Dort gibt es keine Gedankenfreiheit, man leidet sehr“. Zurück in Ägypten wurde Abbas depressiv, er konnte keine Arbeit finden. Es wurde immer schwieriger, ein Visum für Italien zu bekommen. Also beschloss er, die Reise durch Libyen erneut zu versuchen und machte sich mit 51 anderen Menschen auf den Weg übers Mittelmeer.

“Egal ob ich lebe oder sterbe“

“Als ich euer Rettungsboot sah und hörte, dass ihr Italiener seid, konnte ich es nicht glauben. Für mich war diese Seereise die letzte Hoffnung. Ihr habt mich zurück ins Leben geholt. Mir war egal ob ich lebe oder sterbe, denn ich fühlte mich bereits in Ägypten tot“, sagt Abbas. In der Ferne ragt der schneebedeckte Gipfel des Ätna auf. Ein junger Mann zeigt auf das trockene Land. Abbas lächelt und umarmt ihn. An Bord herrscht eine unwirkliche Stille, die nur durch das Flüstern des Windes unterbrochen wird. Die Life Support dockt an. Fast dreißig Stunden sind seit der Rettung vergangen. Mohammad steigt langsam die Leiter des Schiffes hinunter, dreht sich um und winkt zum Abschied. Er hat die Gewalt der Libyer und das gefährliche Schaukeln des Bootes bei der Mittelmeer-Überquerung hinter sich gelassen. Eine neue Reise liegt vor ihm, vielleicht ein neues Leben, eine neue Zukunft.

FRONTEX

Frontières Extérieur ist eine 2004 gegründete Agentur der Europäischen Union mit dem Ziel der Grenzsicherung der Land- und Seegrenzen. FRONTEX hat ihren Sitz in Warschau, mehr als 1.500 Mitarbeiter und ein stark ansteigendes Jahresbudget von zuletzt 460 Mio. Euro (2019). Frontex ist zentraler Bestandteil der europäischen Abschottungspolitik. Die EU-Agentur entwickelt sich durch ihren stetigen Ausbau zu einer unkontrollierbaren Grenzpolizei, die direkt an Menschenrechts-Verletzungen beteiligt ist. Frontex wird von Nicht-Regierungs-Organisationen immer wieder vorgeworfen, die Rechte von Geflüchteten nicht ausreichend zu schützen. Im Jahr 2022 war der frühere Frontex-Chef, der Franzose Fabrice Leggeri, nach schweren Vorwürfen gegen ihn und Mitarbeiter von seinem Posten zurückgetreten.

ANMERKUNGEN:

(1) “Rescatando a la naufragada humanidad en el Mediterráneo” (Rettung der schiffbrüchigen Menschheit im Mittelmeer), Tageszeitung Gara, 2024-05-06 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Flüchtlings-Rettung (elperiodico)

(2) Flüchtlings-Rettung (elperiodico)

(3) Flüchtlings-Rettung (diariovasco)

(4) Flüchtlings-Rettung (rtve)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-05-13)

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