Protest und Fetisch im Guggenheim
Wütende Mädchen haben dem diesjährigen Star-Künstler im Guggenheim-Museum den großen Erfolg gebracht. Von Juni bis November 2024 stellt der Titan-Palast in Bilbao die Werke des Japaners Yoshitomo Nara aus, einem Punk- und Manga-begeisterten Maler, der die Grenzen zwischen Kunst und Marketing verwischt hat. Denn Yoshitomo ist nicht nur mit Kreativität beschäftigt, sondern auch ein Meister des Marketings. Aus seiner traumatischen Lebenserfahrung schöpft er rebellische Formen: dicklich-trotzige Mädchen.
Yoshitomo Nara (*1959) ist ein vom Punkrock beeinflusster japanischer Maler und Bildhauer. Ausgerechnet er, der sich selbst als Pazifist und Anti-Establishment bezeichnet, hat mit seinen Fetischen – “Nara Girls“ und “Angry Girls“ – Millionen verdient.
Es wird in diesem Jahr die wichtigste Ausstellung im Guggenheim sein. Yoshitomo Nara (Hirosaki, 64 Jahre) hat mit seinen Figuren von pummeligen Mädchen mit großen Augen, die häufig wütend aussehen, einen Volltreffer gelandet. 2019 verkaufte Sotheby's Hongkong sein Werk “Knife Behind Back“ für einen Rekordpreis von 20 Millionen Euro. Seine Protagonistin: ein über zwei Meter großes Mädchen, das vermeintlich ein Messer hinter dem Rücken verbirgt. Gemälde wie “In the Milky Lake“ und “Missing in Action“ haben beim Verkauf 10 Millionen Euro überschritten. Gleichzeitig hat Nara auch die Grenzen zwischen Kunst und Marketing verwischt und ist durch die Vermarktung von Produkten aller Art zu einem Massenphänomen geworden. (1)
So produziert der nach Jean-Michel Basquiat zweitmeist-verkaufte zeitgenössische Künstler alle möglichen Formate und Gegenstände mit seiner Signatur: Lithografien, Skulpturen, Stofftiere, Aschenbecher, Sparschweine, Schneekugeln, Teller, Skateboards und Wecker. Ein Strandtuch mit seiner Unterschrift wurde letzten Sommer in London für 2.656 Pfund versteigert. Ein Skateboard mit einem seiner Mädchen darauf kann online für 3.381 Euro ersteigert werden. Von den 5.500 Auktionen seiner Karriere sind nur 800 Gemälde.
Wer ist Yoshitomo Nana?
Weil seine Eltern ganztags arbeiteten, war Nara als Kind viel allein. Er hörte Radiosender der amerikanischen Militärbasis, lernte Country- und Rockmusik kennen. Ohne Englisch zu verstehen, stellte er sich vor, was die Musik ausdrücken könnte, die Musik begeisterte ihn. Sie spielt bis heute eine wichtige Rolle in seinem Schaffensprozess. (2)
Nara studierte an der Aichi Prefectural University of Fine Arts and Music, und ab 1988 als Meisterschüler an der Kunstakademie Düsseldorf. In dieser Zeit, ähnlich einsam wie seine Kindheit, fand er zu seiner ureigenen Ausdrucksform. Gegenstand seiner Werke sind meist Mädchenfiguren mit überdimensionalen Köpfen und grimmigem Blick. Diese Mädchen, “Angry Girls“ genannt, verkörpern “ein Aufbegehren gegen die Erwachsenenwelt“.
In den 1990er Jahren arbeitete er zunächst in Deutschland und Europa, unterrichtete Ende der 1990er Jahre in Kalifornien und kehrte 2000 nach Japan zurück, wo er zur Kunstbewegung Superflat gezählt wird. Diese japanische Kunstbewegung (dt: Superflach) betrachtet und interpretiert die japanische Gegenwarts-Kultur, ihre Ausdrucksmittel haben deshalb klare Bezüge zu Manga und Anime. Superflat geht auf den japanischen Künstler Takashi Murakami zurück. Weitere Vertreter sind Chiho Aoshima, Mahomi Kunikata und Aya Takano.
Vielseitigkeit
Yoshitomo ist vor allem als Maler tätig, aber auch Holzschnitzerei, Zeichnen, Keramik- und Bronzearbeiten gehören zu seinen Techniken ebenso wie Installationen aus diversen Materialien und Fotografien. Charakteristisch ist, dass er auf jeglicher Art von Papier malt, auf Briefumschlägen, Flyern, Packpapier, Servietten und kleinen Zetteln. Das Erdbeben und der Tsunami von Fukushima lösten bei ihm 2011 eine Schaffenspause aus. Die nächsten Kunstwerke schuf er 2013, er nannte sie Emergency und R.I.P. und drückte damit auch Trauer aus.
Anlässlich einer Ausstellung im Albertina Modern Museum Wien wurden Naras Figuren im Jahr 2023 folgendermaßen charakterisiert: ”Die Figuren erinnern an die Ästhetik von Comics und Cartoons, von frechen Gören bis hin zu naiven, süßlichen Charakteren“. In einer Ausstellungskritik wurde zwar bescheinigt, dass seine Ausdrucksform “ein großes Identifikations-Potential“ beinhalte, aber “bei aller Plakativität“ auch “eine suggestive Brüchigkeit“ habe. An anderer Stelle wird Naras Werk folgendermaßen kommentiert: “Durch sein Schaffen drückt er ein vielfältiges Spektrum an Emotionen aus, die von Rebellion, Verletzlichkeit bis hin zu Widerstand reichen.“ Bescheinigt wird Yoshitomo Naras Werken auch ein gesellschafts-politisches Anliegen: “Sie verhandeln auf eine leichtfüßige Art soziale Werte, Normen und Ideale. In der Zeichnung manifestiert sich Naras meisterhafte Fähigkeit, der Reichtum eines emotionalen Spektrums, das von Verletzlichkeit über existenziellen Tiefgang bis hin zu Rebellion und Widerspenstigkeit reicht.“ (2) Seine Charaktere, Figuren und Tiere sind ein Spiegelbild seiner selbst und entstehen aus Kindheits-Erinnerungen und Lebenserfahrungen. Seine großäugigen Mädchen sind sein Identitätssymbol, alterslose Sprösslinge, die bedrohlich, trotzig und frech, aber auch melancholisch und unsicher sind.
In Bilbo von Juni bis November
In Zusammenarbeit mit dem Burda-Museum in Baden-Baden und der Hayward Gallery in London präsentiert das Guggenheim Bilbao vom 28. Juni bis zum 3. November 2024 die erste Einzelausstellung von Naras Werk in einem großen europäischen Museum. Die breit gefächerte Auswahl an Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und Installationen umspannt die letzten vier Jahrzehnte – von 1984 bis 2024 – und ist, so die Kurator*innen, “ein Spiegelbild seiner einfühlsamen Reaktion auf die Menschen und Orte, die er im Laufe der Jahre kennengelernt hat“. (1)
Geschäftserfolg
Der japanische Künstler verdient mehr als Banksy, Jeff Koons oder Damien Hirst. Seine Werke spielen mit der Kawaii-Ästhetik, die wir im Westen mit Phänomenen wie Pokémon oder Hello Kitty verbinden. Nara studierte und lebte zwölf Jahre lang in Deutschland, wo er Graffiti und den Expressionismus von Malern wie Kirchner entdeckte. Er arbeitete als Tellerwäscher und kehrte im Jahr 2000 in sein Land zurück. In den 1990er Jahren, lange vor den sozialen Medien, verkaufte er im Versandhandel bereits Tassen, T-Shirts und Anstecker mit seinen Zeichnungen. Im New Yorker MoMa-Shop, der 130 seiner Kreationen führt, ist er ein Bestseller.
Yoshitomo Nara hat Plattencover für R.E.M., Matthew Sweet und Bloodthirsty Butchers entworfen, seine Mädchen sind in Japan eine Anti-Atomkraft-Ikone. Er zeichnet Joey oder Dee Dee Ramone von den Ramones, der eine Gitarre wie einen Dolch schwingt. Nara lebt auf dem Land, zwei Stunden von Tokio entfernt, von seinem Fenster aus sieht er den Wald, aber keine Menschen, wie er in einem seiner seltenen Interviews mit der New York Times gestand. Von Zeit zu Zeit bricht er aus seinem Refugium aus, um die Welt zu bereisen und zu fotografieren, um beispielsweise die Flüchtlingslager in Jordanien zu dokumentieren. Seine Werke sind selbst für diejenigen erkennbar, die nie einen Fuß in ein Museum gesetzt haben.
Ausstellungen (Auswahl)
2023: “Yoshitomo Nara: All My Little Words“, Albertina modern, Wien // 2021: “tomodachi to. Mit Freunden“ (Gruppenausstellung), Kunsthalle Düsseldorf // 2018: ”Yoshitomo Nara: Ceramic Works and …“, Pace, Hong Kong // 2018: “Drawings: 1988–2018 Last 30 Years“, Kaikai Kiki, Tokio // 2017: “for better or worse“, Toyota Municipal Museum of Art, Aichi // 016: “Yoshitomo Nara: New Works“, Stephen Friedman Gallery, London // 2015: “Shallow Puddles“, Blum and Poe, Tokio // 2014: “Yoshitomo Nara“, Blum and Poe, Los Angeles // 2009: “15th Anniversary Inaugural Exhibition “, Blum und Poe, Los Angeles // 2008: “Yoshitomo Nara and installation von YNG“, Blum und Poe, Los Angeles // 2004: “Yoshitomo Nara – New Works“, Blum and Poe, Los Angeles // 2003: “Inaugural Group Show“, Blum and Poe, Los Angeles // 2001: “Yoshitomo Nara: In the White Room: An Exhibition von Paintings and Drawings“, Blum and Poe, Santa Monica // 1999: “Yoshitomo Nara: An Exhibition von Sculpture in Two Parts (PARTS I & II)“, Blum und Poe, Santa Monica // 1997: “Yoshitomo Nara“, Blum und Poe, Santa Monica // 1995: “Yoshitomo Nara: Pacific Babies, Los Angeles International '95. In Kooperation mit SCAI The Bathhouse, Tokyo“, Blum und Poe, Santa Monica.
ANMERKUNGEN:
(1) Information aus: “Las niñas enfadadas que han hecho de oro al artista estrella del Guggenheim este año” (Die wütenden Mädchen, die den diesjährigen Star-Künstler des Guggenheims zu Gold gemacht haben), Tageszeitung El Correo, Autor: Oskar Belategui. 2024-05-17 (LINK)
(2) Information aus: Yoshitomo Nara, Wikipedia (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Yoshitomo Nara
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-06-02)
