Ultrarechte Programmatik
Anti-Feminismus ist zur Programmatik und zum Mobilisierungsfaktor der extremen Rechten geworden. Immer mehr soziologische Studien identifizieren die Macho-Reaktion gegen den unaufhaltsamen Vormarsch des radikalen Feminismus und von Bewegungen zur Geschlechter-Gleichstellung als eine der treibenden Kräfte hinter dem Aufstieg der extremen Rechten. Zusammen mit Fremdenfeindlichkeit und einem zentra-listischem Nationalismus. Verschiedene Forschungs-Studien belegen das. Aber nicht alle sind sich einig.
Wo neo-faschistische Parteien im spanischen Staat an die Regierung kommen, werden feministische Rechte und Errungenschaften beschnitten. Anti-Feminismus gehört zum elementaren Repertoire ultrarechter Parteien wie Vox. Hingenommen wird lediglich bürgerlich-liberaler Feminismus.
Bis 2018 war Spanien eine Anomalie. Es war das einzige europäische Land, in dem die extreme Rechte noch nicht in Parlamenten vertreten war. Am 2. Dezember desselben Jahres, kam es bei den Regional-Wahlen in Andalusien zur Explosion. An diesem Tag nahm die neo-franquistische Vox-Partei zum ersten Mal in spanischen Institutionen Platz. Und das mit unerwarteter Wucht: 12 Sitze und fast 11% der Stimmen in einer historisch gesehen progressiven wählenden Region. Soziolog*innen waren schnell dabei, die Faktoren für den Aufstieg der Ultra-Bewegung zu benennen. Einige waren globaler Natur (wie wirtschaftliche Unsicherheit, Antipolitik, Einwanderung), andere von staatlicher Natur (wie die katalanische Herausforderung oder der spanische Nationalismus).
In jenem Moment erkannte niemand die Bedeutung eines Elements, das in allen vorangegangenen Studien untergegangen zu sein schien. Heute, sechs Jahre später, hat die Soziologie den Anti-Feminismus als ultrarechte Motivationsquelle entdeckt und bezeichnet ihn als treibende Kraft für die Mobilisierung der rechtsextremen Wähler. Im April 2023 veröffentlichte ein Forschungsteam des Instituts für Fortgeschrittene Soziale Studien (IESA), das mit dem CSIC (Oberster Forschungs-Rat) verbunden ist, eine aufschlussreiche Studie.
Neben der Herausforderung der katalanischen Unabhängigkeits-Bewegung, der Einwanderung und dem Autoritarismus versicherten drei Soziolog*innen, die “Relevanz anti-feministischer Einstellungen in der Vox-Wählerschaft“ empirisch nachgewiesen zu haben. Die Analyse von Rodrigo Ramis, Sara Pasadas und Joan Font stützt sich auf eine Umfrage, die das IESA im März 2019 nach den Wahlen durchgeführt hat.
“Im heutigen (parteipolitischen) Sexismus behauptet niemand, dass Männer und Frauen nicht gleich sein können. Nicht einmal Vox“, sagt Sara Pasadas del Amo, heute Dozentin an der Universität von Córdoba. “Was sie sagen, ist, dass die Gleichstellung bereits erreicht ist und dass der aktuelle Feminismus zu weit geht. Deshalb seien es heute die Männer, die diskriminiert werden“, erklärt die Soziologin, um den Vormarsch eines neuen Paradigmas von Sexismus in einen verständlichen Zusammenhang zu stellen. Ein Paradigma, das in der radikalen Rechten eine ideale Wahlplattform gefunden hat.
Pasadas: “Die Ultrarechten sagen, dass der Feminismus zu weit geht, dass es heute die Männer sind, die diskriminiert werden“
In der Meinungsumfrage war der erste Faktor für die Wahl der extremen Rechten in Andalusien die “ideologische Selbst-Positionierung“. Doch “Anti-Feminismus“ hat sich bereits als zweites mobilisierendes Element herauskristallisiert, noch vor anderen Indikatoren im Zusammenhang mit der katalanischen Herausforderung und der Einheit Spaniens. “Die territoriale Frage ist für die Interpretation des Votums für Vox von grundlegender Bedeutung. Daran gibt es keinen Zweifel“, meint Sara Pasadas. Und die ersten Analysen nach den Wahlen konzentrierten sich auf diese Variable.
Das Problem war damals, dass es keine andere Quelle gab, um alternative Faktoren zu testen. “Wir haben einen improvisierten Fragebogen erstellt, um nach anderen Erklärungen zu suchen“, erklärt die UCO-Soziologin. Und sie wurden gefunden. Der Kontext erhielt eine entscheidende Bedeutung. Im Jahr 2018 machte der spanische Feminismus einen qualitativen Sprung. Am 8. März dieses Jahres ging die violette Bewegung auf die Straße wie nie zuvor. Und im Dezember zog Vox zum ersten Mal in ein autonomes Parlament ein und durchbrach damit die Grenzen der radikalen Rechten bei Wahlen. “Es war auch eine Reaktion auf den Feminismus“, meint Sara Pasadas.
“Viele Männer waren der Meinung, dass die Frauen zu viel Macht erlangt hatten und dass ihnen die egalitären Gesetze zunächst von Zapatero und dann von Pedro Sánchez schadeten und sie diskriminierten“, erklärt die Soziologin. Der latente Anti-Feminismus kristallisierte sich heraus in einer Partei wie Vox, die alle Fortschritte, die in den letzten 15 Jahren in der Geschlechter-Frage erzielt worden waren, unverblümt angriff. Die traditionelle Kluft zwischen den Geschlechtern bei der Stimmabgabe wurde durchbrochen. Frauen, die in der Vergangenheit in geringerem Umfang zur Wahl gegangen waren und eher für konservative Parteien gestimmt hatten, begannen, sich progressiven Parteien zuzuwenden. Nach Angaben von Sara Pasadas wählt jeder zweite Mann unter 30 Jahren eher rechts als links. Bei den jungen Frauen hingegen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Linke wählen, um zwei Drittel höher.
“In der Altersgruppe junger Wähler*innen ist die Kluft zwischen jungen Männern und Frauen am größten. Das hat mit den Fortschritten der feministischen Bewegung zu tun“, versichert sie. “Im Diskurs über die Stärkung der Rolle der Frau lassen wir unsere männlichen Partner zurück. Das beunruhigt mich sehr. Es liegt nicht in unserer Verantwortung, aber es ist besorgniserregend, dass es keine anderen Bezugspunkte von Männlichkeit für Jungen gibt“.
In vielen soziologischen Studien wird der “moderne Sexismus“ bereits als relevante Variable für die Verteilung der Stimmen an die radikale Rechte berücksichtigt. Eine der ersten Studien, die diesen Ansatz im spanischen Staat entwickelte, wurde im September 2022 veröffentlicht mit dem Titel “Sexismus und Stimmabgabe für die extreme Rechte“ (El sexismo y el voto de extrema derecha), von Eva Anduiza und Guillem Rico, beide forschen an der Autonomen Universität Barcelona.
“Sexismus spielt eine fundamentale Rolle beim Aufstieg der extremen Rechten“, heißt es in dem Bericht. “Der Anstieg des Sexismus findet in einem Kontext feministischer Impulse statt, die wesentlich zu diesem Anstieg beigetragen haben.“ Im Grunde stellen Anduiza und Rico eine ähnliche Hypothese auf wie jene Studie, die Monate später von der IESA formuliert wurde. Sie argumentieren, dass die feministische Mobilisierung von 2018 einen “signifikanten Einfluss“ auf die andalusischen Regionalwahlen und die staatlichen Parlaments-Wahlen von 2019 hatte, als Vox 3,6 Millionen Stimmen und mehr als 15% der Stimmen erreichte.
Die UAB-Studie bewertete den Einfluss des Anti-Feminismus auf das Wahlverhalten neu und räumte ein, dass der Faktor Sexismus bis dahin in den meisten Meinungsumfragen “schlecht gemessen“ worden war. “Es ist auffällig, dass in der vergleichenden Literatur, die versucht, die Stimmabgabe für die extreme Rechte zu erklären, das Geschlecht in der empirischen Analyse praktisch nicht vorkommt“, heißt es in dem Dokument. Eva Anduiza und Guillem Rico stützten ihre Arbeit auf Umfrage-Daten, die vor, während und nach den feministischen Massenprotesten erhoben wurden.
Nach Ansicht der beiden katalanischen Forscher*innen handelte es sich dabei um eine “konservative Reaktion“ auf den fortschreitenden sozialen Wandel zugunsten von “integrativeren, liberalen, kosmopolitischen und universalistischen“ Werten. Bereits Jahre zuvor war in den USA untersucht worden, wie sich sexistische Einstellungen auf die Wahlen 2016 auswirkten, bei denen Donald Trump entgegen allen Erwartungen zum Präsidenten der größten Macht der Welt gewählt wurde.
In fortgeschrittenen demokratischen Staaten wird die Problematik der Geschlechter-Gleichheit nicht mehr in Frage gestellt. “Sexismus nimmt in rechtsextremen Diskursen subtilere Formen an“, heißt es in der Arbeit von Anduiza und Rico. Eines der Schlüssel-Elemente in der Argumentation der radikalen Rechten ist die “Leugnung der Diskriminierung“ aufgrund des Geschlechts. Dies hindert nach Ansicht der UAB-Studie nicht daran, die so genannte “Gender-Ideologie“ anzugreifen, da sie eine “existenzielle Bedrohung der Familienwerte und der Integrität der traditionellen kulturellen Basis“ darstelle. Darüber hinaus macht sie sich die egalitären Eroberungen der Frauen zunutze, um ihre “Angriffe gegen den Islam und die Einwanderung“ zu legitimieren.
Nicht alle Forschungs-Studien stellen eine automatische Verbindung zwischen Anti-Feminismus und der Unterstützung der extremen Rechten her. Einige bestreiten nicht, dass dies eine plausible Hypothese sei, sie argumentieren aber, dass es noch keine solide empirische Grundlage für den Zusammenhang zwischen Sexismus und der Unterstützung der extremen Rechten gäbe. Dies ist der Fall bei dem europäischen Projekt UNTWIST Horizont Europa, das von der Universität Pablo de Sevilla geleitet und von der Soziologin Antonia María Ruiz Jiménez koordiniert wird.
Das Team um die Leiterin des Fachbereichs Soziologie an der UPO-Uni, das Forschungen aus sechs europäischen Ländern koordiniert, hat vor anderthalb Jahren ein innovatives Projekt ins Leben gerufen, das mehrere Diskussions-Gruppen umfasst, die sich aus sechs bis zehn Personen unterschiedlichen Geschlechts, sozialer Schichten und Wahlpräferenzen zusammensetzen, darunter auch von Vox.
Dessen vorläufige Ergebnisse haben einige vorgefasste Meinungen über das Profil der rechtsextremen Wähler*innen widerlegt. “Wir dachten, wir würden auf den typischen Mann treffen, der in die Vergangenheit zurückkehren möchte. Wir nennen das Retropie, ein Weltbild, in dem die Zukunft aus einem Rückschritt in alte Zeiten besteht. Ein Profil eines Mannes, der sich nach Zeiten sehnt, in der Frauen noch ausschließlich Hausarbeit verrichteten. Aber diese Regel ist nicht so eindeutig“, betont Ruiz Jiménez. In den analysierten Diskussions-Gruppen wurde festgestellt, dass ein “Basis-Feminismus existiert, der völlig akzeptiert ist, auch wenn er nicht Feminismus genannt wird“. Es handelt sich um den so genannten “bürgerlich-liberalen Feminismus“, der sich auf die Gleichheit individueller Rechte und die Eingliederung der Frauen in den Arbeitsmarkt konzentriert.
“Es gibt wenige Männer, die meinen, dass Frauen wieder Hausfrauen sein und sich ausschließlich der Pflege widmen sollten. Weder in der Oberschicht noch in der Unterschicht. Deutlich weniger in der Unterschicht, wo zwei Gehälter benötigt werden, um eine Familie zu ernähren“, wird argumentiert. Aber die Forscherin geht davon aus, dass die Betreuung von Kindern oder älteren Menschen als eine weibliche Aufgabe angesehen wird. “Das ist die Falle“, sagt die UPO-Soziologin.
Wo setzt dann der Vox-Diskurs an? “Gegen die andere Art von Feminismus, der kein bürgerlich-liberaler ist, sondern ein radikaler Feminismus, der sich auf Sexualität und Geschlechter-Identität konzentriert“, erklärt Ruiz Jiménez. “Frauen aus der Unterschicht zum Beispiel haben Angst, dass ihre Söhne fälschlicherweise irgendeiner Form des Missbrauchs beschuldigt werden“, fügt sie hinzu. Antonia María Ruiz Jiménez geht davon aus, dass es eine “gewisse Emanzipations-Müdigkeit“ gibt. Viele Menschen sind davon überzeugt, dass die Gleichstellung erreicht ist und es nicht mehr notwendig ist, weiter voranzuschreiten. “Dieser Diskurs ist bei den Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen unter den Vox-Wähler*innen“, hält sie fest.
Entgegen der landläufigen Meinung gibt es Vox-Wählerinnen, die sich als Feministinnen bezeichnen, so die Direktorin des europäischen Projekts. “Feminismus ist ein Etikett, über das man auch streiten kann. Santiago Abascal benutzt es nicht, weil er symbolisch für Männer steht. Aber Vox-Frauen wie Rocío Monasterio haben es benutzt“. Für den UPO-Professorin ist die Realität “äußerst komplex“ und es ist nicht einfach, die Beweggründe zu erkennen, die eine Person dazu bringen, eine bestimmte Partei zu wählen. Es reiche nicht aus, zu vermuten, dass bestimmte Variablen, wie zum Beispiel Antifeminismus, hinter dem Wahlverhalten bestimmter rechtsextremer Sektoren stehen. “Es ist komplizierter, dies zu beweisen, als es einfach nur zu vermuten. Und wir dürfen nicht in die Falle der Vereinfachung tappen“, sagt sie abschließend.
ANMERKUNGEN:
(1) “El anti-feminismo emerge como factor movilizador del voto de la extrema derecha” (Anti-Feminismus erscheint als Mobilisierungs-Faktor für rechtsextreme Stimmabgabe), Tageszeitung Publico, 2024-08-18 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Anti-Feminismus (publico)
(2) Anti-Feminismus (publico)
(3) Anti-Feminismus (el pais)
(4) Anti-Feminismus (el mundo)
(5) Anti-Feminismus (udp)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-08-23)
