Die unvollendete Aufgabe
Im Laufe von acht Jahrzehnten hat die deutsche Geschichtsforschung mühevoll die meisten Aspekte des Nationalsozialismus beleuchtet: Holocaust, Konzen-trationslager, Faschismus-Opfer. Die meisten Aspekte, nicht alle. Unterbelichtet blieben die Verwicklungen der Industrie mit dem NS-Regime. Vor allem aber die Geschichte der Millionen von NS-Tätern der unteren und mittleren Ebene, um die sich die Entnazifizierung kümmern sollten. Ein gescheitertes Unternehmen, wie ein Beispiel aus Stuttgart zeigt.
Die Erstveröffentlichung des Buches "Stuttgarter NS-Täter" 2009 führte zu heftigen Reaktionen, die Firma Porsche musste ihre NS-Geschichte neu untersuchen. 2021 erschien die dritte Auflage, erweitert um neue brisante Kapitel.
Alles Wesentliche ist bekannt zum Nationalsozialismus, nichts Neues mehr zu erwarten? "Als ich angefangen habe zu forschen, ging es mir auch so, dass ich dachte: Vielleicht ist alles schon gemacht", sagt die Historikerin Josefine Geib. Aber: mitnichten. Die gebürtige Stuttgarterin, die in Frankfurt am Main Geschichte mit Schwerpunkt Holocaust- und Antisemitismus-Forschung studierte, hatte im Jahr 2020 begonnen, zu einer Polizei-Razzia in Stuttgart im März 1946 zu forschen. Im Stuttgarter Westen existierte ein Lager, ein "Camp" für so genannte "Displaced Persons" (DP) – so wurden ehemalige KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene bezeichnet, die infolge des Kriegs heimatlos geworden waren. Dort war der jüdische Auschwitz-Überlebende Shmuel Dancyger (deutsch: Samuel Danziger) untergebracht, bei der besagten Razzia wurde er erschossen. Lange hieß es, der Todesschütze sei nie gefunden worden. (1)
Bis 2016 in der Wochenzeitung Kontext ein Artikel zu diesem Mord erschien, der Autor Jürgen Bartle bilanzierte (2): "Vermutlich wurde noch nicht mal ermittelt." Die Geschichte dieser “Menschen am falschen Ort“ wird erklärt. “Mai 1945: Nach Zusammenbruch und Kapitulation Hitler-Deutschlands ist zwar der Krieg zu Ende, noch lange aber nicht das Chaos. Millionen Menschen hat der Krieg durch Flucht und Vertreibung zu Heimatlosen gemacht, ihnen Familienangehörige geraubt, Hab und Gut, die Arbeit und sogar das Obdach. Millionen Menschen sind fehl am Platze dort, wo sie sich befinden, als die Stunde null schlägt: Etwa sieben Millionen Menschen, in der großen Mehrzahl Osteuropäer, werden im Frühjahr 1945 von den Truppen der West-Alliierten aus Arbeits- und Konzentrationslagern der Nazis befreit. Sie waren als Kriegsgefangene oder als Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht worden oder sie haben als Gefängnis- und KZ-Insassen den Terror überlebt. Sie alle kriegen denselben Namen: Displaced Persons, kurz DP: Menschen am falschen Platz.
Repatriiert sollten sie werden, zurückgeführt in die Heimatländer. Das passierte auch, mehr als 6 Millionen DP erlebten Weihnachten 1946 dort, von wo sie verschleppt worden waren. Doch nicht alle wollten wieder zurück, viele wollten genau das gerade nicht! Zwangsarbeiter, die nicht in ihre von der Roten Armee besetzten Heimatländer zurückkehren wollten, jüdische Überlebende des Holocaust, die nach Palästina oder in die USA auswandern wollten, aber auch Osteuropäer und Balten, die freiwillig in der Wehrmacht gekämpft oder mit den Nazis kollaboriert hatten.
Rund eine Million DP galt es unterzubringen und zu versorgen in zerstörten Städten, in denen Wohnungsnot und Hunger herrschten. Die Alliierten übertrugen diese Aufgabe der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Agency), einer Hilfsorganisation der gerade in Gründung befindlichen Vereinten Nationen (UN). Durch sie wurden in allen größeren Städten der englischen, amerikanischen und französischen Besatzungs-Zonen Lager eingerichtet, in denen Betroffene einquartiert wurden. In Stuttgart gab es ab Herbst 1945 zwei solche Zentren. Ein kleineres in Degerloch, in einer ehemaligen Sportschule der Nazis, und ein großes im Stuttgarter Westen, in der oberen Reinsburgstraße.” Zu den neuen Bewohnern gehören 200 polnische Juden, die in der KZ-Außenstelle Vaihingen-Enz am 7. April 1945 von den Franzosen befreit worden waren. Viele von ihnen stammen aus der 100 Kilometer südlich von Warschau gelegenen Stadt Radom, ehe 2187 Personen 1942 nach Vaihingen-Enz verbracht wurden. In einem ehemaligen Steinbruch 25 Kilometer nördlich von Stuttgart sollte ein unterirdischer Rüstungsbetrieb entstehen, zum Bau von Düsenjägern. Aus 200 Radomern wurden 1600 bis zum Sommer 1946, als das DP-Camp seine höchste Einwohnerzahl erreichte.
Einer dieser Radomer Juden war Samuel Danziger. Zwei Selektionen hat der Familienvater überlebt, die erste 1942 bei der Auflösung des Radomer Gettos, die andere 1944 in Auschwitz-Birkenau. Beide Male wird er nicht in die Gaskammer geschickt, weil er noch Kraft hat zum Arbeiten. Und auch den Todesmarsch im Januar 1945 von Auschwitz ins österreichische Mauthausen überlebt der Lehrersohn und gelernte Verkäufer. Er hat sich nach Frankreich durchgeschlagen, als ihn im März 1946 in Paris die Nachricht erreicht, dass es in Stuttgart ein Lager mit Radomer Juden gibt. Danziger macht sich auf den Weg und findet dort am 28. März 1946 eine Frau und die beiden Töchter. Die Displaced Personas werden gut ernährt, haben teilweise mehr als hungernde Deutsche, der Schwarzmarkt blüht und auch der Neid der Deutschen, Wasser auf die Mühlen des alten Antisemitismus. Am Tag darauf, Razzia wegen des Verdachts, dass Schwarzmarkt-Waren gehortet würden, alle Wohnungen werden durchsucht, Samuel Dantziger wird von der Stuttgarter Polizei erschossen. (2)
Zeitsprung: Josefine Geib und ihre Co-Autorin Tina Fuchs konnten 2021 in der Neuauflage des "Stuttgarter NS-Täter"-Buches (3) bestätigen, dass tatsächlich nie ernsthaft nach dem Täter gesucht worden war. Und sie rekonstruierten eine überaus plausible Indizienkette, die beim Polizeiobermeister Arthur Koch endete. "Das zeigt auch, dass es sich lohnt, Dinge zu hinterfragen, selbst dann, wenn man den Eindruck hat, es ist eigentlich schon alles erforscht". Wie wenig die NS-Zeit auf lokaler Ebene teils noch erforscht ist und welche Wellen neue Erkenntnisse auch Jahrzehnte später auslösen können, bewies 2009 die Veröffentlichung von "Stuttgarter NS-Täter" im Schmetterling Verlag. Herausgegeben vom Journalisten Hermann G. Abmayr, stellten darin 30 Autor*innen 45 Nazi-Täter vor. Es fallen bekannte Namen wie der von Karl Strölin, 1933 bis 1945 amtierender Oberbürgermeister. Der württembergische NSDAP-Gauleiter Wilhelm Murr, aber auch Personen, die bislang kaum mit dem NS-Regime in Verbindung gebrachten worden waren. Der Kinderarzt Karl Lempp, der für die Ermordung von Kindern im Rahmen der "Euthanasie" und Zwangs-Sterilisierungen verantwortlich war, aber noch bis 1949 Leiter des städtischen Gesundheitsamts blieb.
Dessen Enkel Volker Lempp bestritt damals die Vorwürfe im Buch und forderte das Ende der Verbreitung der Textstellen, was er mit einer einstweiligen Verfügung beim Landgericht durchsetzen wollte. Der Verlag rief die Bücher zunächst aus dem Buchhandel zurück und stoppte die Auslieferung. Doch Ende 2009, kurz vor dem Prozesstermin, nahm Lempp seinen Antrag zurück. Auch die Enkelin des Nazi-Sonderrichters Hermann Cuhorst, in der NS-Zeit auch "Blutrichter" genannt, protestierte gegen die Veröffentlichung. Sie versuchte, vor Erscheinen des Buches per Anwalt auf das entsprechende Kapitel Einfluss zu nehmen. Herausgeber und Verlag reagierten nicht.
Porsche musste seine Geschichte erforschen
Ganz andere Wirkungen hatte das Kapitel des Wirtschafts-Journalisten (und späteren Kontext-Autors) Ulrich Viehöver über Ferdinand Porsche: er wies nach, dass die Nähe von Porsche zu den Nazis viel enger war, als bis dahin zugegeben. Und er wies nach, dass in dessen Werk in den letzten Kriegsjahren mehrere Hundert Zwangsarbeiter schufteten. Nichts davon wurde im damals noch ziemlich neuen Porsche-Museum erwähnt. Als Folge von Viehövers Aufsatz musste sich der Autobauer vielen kritischen Fragen in den Medien stellen. Gegenüber der israelischen Tageszeitung Haaretz erklärte der damalige Leiter des Porsche-Archivs Dieter Landenberger schließlich, "dass das Unternehmen die neuen Erkenntnisse mit der gebotenen Ernsthaftigkeit behandeln und noch in diesem Jahr eine umfassende externe historische Studie in Auftrag geben wird". (1)
Aus dem Haaretz-Bericht (4): “Details zu Porsches Nazi-Verbindungen verderben Hundertjahrfeier - Autohersteller beschäftigte während des Zweiten Weltkriegs Hunderte von Zwangsarbeitern in seinen Fabriken. Der September 2009 sollte für den deutschen Automobil-Hersteller Porsche ein festlicher Monat werden. Die Firmenzentrale in Stuttgart feierte den 100. Geburtstag von Ferdinand Anton Ernst (Ferry) Porsche (1909-1998), dem Sohn des Firmengründers. Der Shop im Porsche-Museum bot "Geburtstagsgeschenke". Dazu gehörte auch ‘100 Jahre Porsche, gespiegelt in der Zeitgeschichte‘, ein elegantes Buch mit Fotos aus dem Leben des Mannes, der das Unternehmen zu einem der führenden Sportwagen-Hersteller machte. Alles schien perfekt, bis lokale Zeitungen Passagen aus einem Buch veröffentlichten, aus dem hervorging, dass die Verbindungen von Porsche zu den Nazis enger waren, als bisher zugegeben, und dass das Unternehmen während des Zweiten Weltkriegs Hunderte von Zwangsarbeitern in seinen deutschen Werken beschäftigte. Das Unternehmen gab an, von den neuen Erkenntnissen überrascht zu sein, beschloss aber sofort, eine umfassende und unabhängige Untersuchung seiner Vergangenheit zu finanzieren.
Im Gegensatz zu anderen großen deutschen Unternehmen wie Volkswagen und Siemens hat sich Porsche über bestimmte Aspekte seiner Aktivitäten in den 1930er und 40er Jahren bedeckt gehalten. In einer Jubiläums-Broschüre, die das Unternehmen herausgegeben hat, taucht das Wort ‘Nazi‘ nicht auf. Stattdessen wird von ‘politischem Druck‘ in Form von strenger staatlicher Überwachung des Produktions-Prozesses sowie von Regierungsaufträgen zur Herstellung von Panzern gesprochen. In seinem neuen Buch "Die NS-Verbrecher von Stuttgart" untersucht der Historiker Viehover die Rolle von Nazis im Dritten Reich. Ein Kapitel ist dem Gründer von Porsche, Ferdinand Porsche (1875-1951), gewidmet. Viehover beschreibt ihn als ‘Hitlers Lieblingsingenieur‘ und stellt fest, die Männer hätten sich gekannt.“ (4)
Nach der für Porsche unangenehmen Aufdeckung dauerte es fünf Jahre, bis der Stuttgarter Geschichts-Professor Wolfram Pyta den Zuschlag für die versprochene Studie bekam. 2017 erschien sein Buch "Vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke". Pyta unterschlug darin jeglichen Verweis auf den Text aus dem Täter-Buch, der den Anstoß für seine Beauftragung gegeben hatte, und zeichnete Ferdinand Porsche und dessen Schwiegersohn Anton Piëch in mildem Licht als brave Mitläufer. Zu milde und mit zu vielen Leerstellen, wie Viehöfer kurz nach dem Erscheinen in der Kontext-Zeitung monierte. Eine Gefälligkeits-Studie mit vorhersehbarem Ergebnis. (5)
Peinlich an der Studie war auch, dass eine wichtige Quelle nicht verfolgt wurde: Der in den USA liegende Nachlass von Adolf Rosenberger. Der gehörte mit Porsche und Piëch zu den Firmengründern, wurde 1935 aber aus der Firma gedrängt – weil er Jude war, wie Rosenberger später erklärte. Das sei für Geschäfte mit dem NS-Regime nicht opportun gewesen. Ob der Vorwurf stimmt, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen. Die Auswertung des Rosenberger-Nachlasses hätte zumindest eine andere Sichtweise eröffnet. Eine Mitarbeiterin von Pyta, so hieß es später, habe zwar die Nachlass-Verwalterinnen kontaktiert und nach alten Dokumenten gefragt. Doch habe sich niemand gemeldet. Diese lückenhafte Quellenrecherche beschreibt auch Eberhard Reuß in seinem Text "Man muss von Arisierung sprechen: Der Fall Adolf Rosenberger", der in der neuen Auflage des NS-Täter-Buches den Porsche-Artikel berichtigt.
Massenmörder und Mitläufer
Während Pytas Porsche-Buch mit 300.000 Euro gesponsert wurde, waren es Kleinspenden, die die erste Auflage des Täter-Buches 2009 ermöglichten. Entstanden war das Vorhaben auf Anregung von Aktiven aus den Stuttgarter Stolperstein-Gruppen, die bei ihren Recherchen zu NS-Opfern immer wieder auf Namen von Stuttgartern stießen, die auf irgendeine Weise in die Verbrechen des Nazi-Regimes verstrickt waren. Das konnten Massenmörder oder Mitläufer sein. "Es gab keinen homogen Tätertyp", schreibt Herausgeber Abmayr im Vorwort. Die Porträtierten "haben den zwölf Jahre dauernden Terror des NS-Regimes dadurch ermöglicht, dass sie mitgemacht haben – als Verkünder rassistischer Theorien, als gläubige Partei-Mitglieder, als von den Nazis ernannte Gemeinderäte, der Karriere oder sonstiger Vorteile wegen oder, oder, oder."
Nach Erstveröffentlichung 2009 entstanden einige ähnliche Projekte, etwa ein vergleichbares Täter-Buch in Dresden 2012 oder die Reihe "Täter, Helfer. Trittbrettfahrer" (6). Die Buchreihe über NS-Belastete im heutigen Baden-Württemberg gehört zu letzteren. Als der Sozialwissenschaftler Wolfgang Proske vor rund zehn Jahren zusammen mit sieben weiteren Autor*innen den ersten Band zusammenzustelle, da ging es darum, Personen aus Proskes Heimatregion Ostalb unter die Lupe zu nehmen. Später wurde der 2010 erschienene Band zum Anfangspunkt einer Buchreihe, die 2019 mit Band zehn – "NS-Belastete aus der Region Stuttgart" – zum Ende kam. 127 Autor*innen verfassten 209 biografische Artikel, weitgehend ehrenamtlich. Die meisten sind HistorikerInnen. Was nichts daran ändert, dass die Texte durchweg faktenbasiert sind. (6)
Die Idee eine erweiterte dritte Auflage herauszugeben, kam vom Schmetterling Verlag. "Ich war eher zögerlich", sagt Abmayr, hält die Entscheidung heute aber aus politischen Gründen für richtig: "Im Gegensatz zum Zeitpunkt des Erscheinens der ersten und zweiten Auflage haben wir heute viel stärkere rassistische, antisemitische und nationalistische Strömungen in der Bevölkerung. Deshalb sind der Blick auf die Geschichte und die Lehren aus der Geschichte umso wichtiger."
Vergessenes Camp in der Nachbarschaft
Diese Lehren lassen sich auch in der direkten Nachbarschaft finden, wie der Text von Josefine Geib und Tina Fuchs über Samuel Danziger und seinen wahrscheinlichen Todesschützen Arthur Koch zeigt (neben dem Reuß-Text über Porsche die zweite Neuheit. Die Historikerin Josefine Geib ist in der Reinsburgstraße aufgewachsen, wo sich nach dem Krieg in Privatwohnungen, die von der US-Militärregierung beschlagnahmt worden waren, ein "Camp" für so genannte "Displaced Persons" (DP) befand, ehemalige KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene.
Bis 1949 lebten hier bis zu 1.400 meist polnische Jüdinnen und Juden. "Ich wusste lange nichts von dem DP-Camp, es gab nur ein diffuses Wissen", erzählt die Historikerin. Durch Artikel in der Presse sei sie auf die Polizei-Razzia im DP-Camp am 29. März 1946 gekommen. Den letzten Anstoß, sich intensiver damit zu beschäftigen, habe die 2018 aufgestellte Erinnerungs-Stele zu Danzigers Tod gegeben. "Zentrale Fragen waren immer noch offen: Wie konnte es etwa sein, dass Danziger durch Kopfschüsse ums Leben kam, obwohl angeblich nur Warnschüsse abgegeben worden waren?"
Josefine Geib machte die Tat zum Thema ihrer Masterarbeit, begann zu recherchieren. "Ich habe in der Straße ein kleines Schreiben über mein Forschungsvorhaben in den Briefkästen verteilt", erzählt sie. "Gemeldet hat sich von den Anwohnern niemand". Aber dafür meldeten sich Nachfahren von DPs aus den USA – wer sie benachrichtigte, weiß Geib noch nicht – und die Rundfunk-Journalistin Tina Fuchs vom SWR. Ohne voneinander zu wissen, hatten die Frauen zum gleichen Thema recherchiert, hatten mit den gleichen Leuten gesprochen. Bei Fuchs waren es ähnliche Motive: "Ich hatte mich schon viele Jahre gefragt, was aus den Überlebenden der Konzentrationslager geworden war? Durch Zufall bin ich darauf gekommen, dass in Stuttgart ein DP-Lager war, und dachte mir: Das darf doch nicht wahr sein, warum weißt du das nicht?"
Für den Artikel im Täter-Buch arbeiteten die beiden fortan zusammen. Und stießen auf immer mehr Haarsträubendes. Zwar hatte die US-Militärregierung unmittelbar nach der tödlichen Razzia Ermittlungen eingeleitet, auch weil der Fall für sie ungemein peinlich war. Denn sie hatte die Aktion genehmigt, davor war deutschen Polizeibeamten untersagt gewesen, das Camp zu betreten. Der Täter interessierte sie trotzdem wenig. Obwohl es mehrere Augenzeugen gab, die ihn hätten identifizieren können, verzichtete sie auf eine Gegenüberstellung. Auch die Camp-Bewohner hätten Hinweise auf die Identität des Schützen liefern können: In einer Extra-Ausgabe der DP-Zeitung "Ojf der Fraj (Free Again)" vom 8. April 1946 (vorher in diesem Zusammenhang nie ausgewertet) ist die Rede von einem "Oberwachtmeister Hoch – der Mörder von Dancyger". Dabei musste es sich um einen Schreibfehler handeln, wie Geib und Fuchs anhand von Polizeiakten recherchierten: In der gesamten Stuttgarter Polizei gab es damals keinen "Hoch", wohl aber einen Polizeiobermeister Arthur Koch, der bei der Razzia dabei gewesen war. Auf ihn passen auch andere Beschreibungen der DPs und diverse überlieferte Details, wie die Autorinnen schlüssig nachweisen.
Ideologische Kontinuitäten
Ob Koch nun tatsächlich der Schütze war, und wenn, ob er mit Absicht oder versehentlich schoss, konnten Geib und Fuchs nicht endgültig klären. War der 1900 geborene Koch davor als strammer Nazi aufgefallen? NSDAP-Mitglied war er nicht, aber die ganzen Jahre des NS-Regimes im Polizeidienst, meist in verantwortlicher Position, unter anderem im polizeilichen Ausbildungsdienst im ukrainischen Mariupol. Ob er dort an Deportationen beteiligt war, konnte ein Verfahren nach dem Krieg nicht ermitteln, Koch wurde als "nicht belastet" eingestuft. Zwar habe es, so Geib, in der frühen Nachkriegspolizei auch ehemalige politische Verfolgte gegeben, "repräsentativ waren aber Leute wie Koch, die den ganzen Nationalsozialismus über im Polizeidienst waren."
Zur personellen Kontinuität kommt eine weltanschauliche, und deren Dokumentation in Geibs und Fuchs Text ist fast noch erschreckender als die Versäumnisse bei der Aufklärung des Mordes: Im Vorfeld der Razzia baute die Stuttgarter Polizei in ihren Berichten systematisch ein Bedrohungs-Szenario durch die DPs auf, durchsetzt von rassistischen und antisemitischen Stereotypen: Geklagt wurde über eine "zunehmende Überflutung der Stadt durch minderwertige ausländische Elemente", die "Hauptakteure des Schwarzen Marktes" seien, über "ausländische Elemente zweifelhafter Herkunft, darunter auch Kriminelle".
"Die ideologischen Kontinuitäten der Polizeiarbeit spiegeln sich im Fall der Razzia exemplarisch wider", resümieren Geib und Fuchs am Ende ihrer Studie. Dass das nationalsozialistische Denken nicht mit dem Ende des NS-Regimes aufhörte, dass es nicht nur einer überschaubaren Zahl dämonischer Großtäter in die Schuhe geschoben werden kann, das ist im Prinzip keine neue Erkenntnis. Daran zu erinnern, ist heute wichtiger denn je.
ANMERKUNGEN:
(1) Der vorliegende Text basiert auf dem Artikel “Stuttgarter NS-Täter: Hinterfragen lohnt", Wochenzeitung Kontext, Autor: Oliver Stenzel, 13.10.2021. Er wurde durch weitere Artikel ergänzt und verändert (LINK)
(2) “Mensch am falschen Platz“, Wochenzeitung Kontext, Autor: Jürgen Bartle, 2016-06-04 (LINK)
(3) Hermann G. Abmayr (Hrsg.): Stuttgarter NS-Täter. Vom Mitläufer bis zum Massenmörder. 3., erweiterte Auflage, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2021, 384 Seiten, 24,80 Euro.
(4) “Details of Porsche's Nazi Ties Spoil Centennial Bash. Carmaker employed hundreds of forced laborers in its German factories during World War II“ (Details von Porsches Nazi-Verbindungen verderben Hundertjahrfeier. Autohersteller beschäftigte während des Zweiten Weltkriegs Hunderte von Zwangsarbeitern in seinen deutschen Fabriken). Israelische Tageszeitung Haaretz, Autor: Ofer Aderet, 2009-10-11 (LINK)
(5) “Der geliebte Nazi-Tüftler“, Wochenzeitung Kontext, Autor: Ulrich Viehöver, 2018-02-14 (LINK)
(6) “Blinde Flecken der NS-Forschung“, Wochenzeitung Kontext, Autor: Oliver Stenzel, 2019-09-25 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Alle Fotos aus: Kontext-Wochenzeitung
(1) Polizei-Razzia 1946
(2) Polizeiopfer Danziger
(3) Lager-Denkmal Stgt
(4) Polizeimörder Koch
(5) Historikerin Josefine Geib
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-07-02)
