identi11Antifaschistinnen festgenommen

Eine Identitären-Demo mit dem Faschisten Martin Sellner an der Spitze zog durch Wien. Die Kommunistische Jugend organisierte eine Gegendemonstration über den Ring. Polizei nahm mehrere Aktivisten fest und löste Sitzblockaden auf. Ein Großaufgebot der Polizei war im Einsatz. Die Identitären zündeten gelbe Rauchbomben und bengalisches Feuer und marschierten mit einem Banner mit der Aufschrift "Remigration" durch die Wiener Innenstadt. Mehrere antifaschistische Gegen-Demonstranten wurden festgenommen.

Die neofaschistische FPÖ ist in Österreich unter ihrem Chef Kickl weiter nach rechts gerückt und übernimmt zunehmend Positionen der elitären neo-faschistischen "Identitären Bewegung".

identi22Mehrere Hundert Faschisten nahmen am Samstag (26.07.2025) an der Demonstration der Identitären Bewegung unter dem Motto "Information und Aufklärung der Passanten über die Wiener Asyl- und Migrationspolitik" teil. Die Polizei war mit einem Großaufgebot an Einsatzwägen am Ring präsent. Gegendemonstrationen waren angemeldet, auch hunderte Demonstrierende – Schätzungen zufolge zahlenmäßig überlegen – zogen aus Protest gegen die Identitären und um ein Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen, durch die Wiener Innenstadt.

48 Personen wurden vorläufig festgenommen, sechs Personen aufgrund Verwaltungsübertretungen nach dem Versammlungsgesetz angezeigt, so die vorläufige Bilanz der Polizei, wie die APA am späteren Samstagabend mitteilte. Kurzzeitig seien Eier und mit Fäkalien befüllte Säckchen auf Kundgebungsteilnehmende und Einsatzkräfte geworfen worden, hieß es.

Sellner begrüßte Beamte

Identitären-Chef Martin Sellner begrüßte zu Beginn anwesende Beamte medienwirksam mit Handschlag und freute sich über das mediale Interesse. Der Marsch der Rechtsextremen sollte bis in die Abendstunden andauern. Auch Demonstrantinnen und Demonstranten aus dem Ausland wurden erwartet. In den Vorjahren nahmen Vertreter der AfD-Jugend und FPÖ-Funktionäre teil.

Vor 14 Uhr: Demorouten eingekesselt, Touristen sichtlich verwirrt

Die Schulerstraße im 1. Wiener Gemeindebezirk verlief wie eine Demarkationslinie zunächst zwischen den linken Demos und der rechten Veranstaltung: Die Straße war vollgeparkt mit Polizeiwägen, Gitter und Beamte sperrten Durchgänge ab – Touristen waren sichtlich verwirrt von dem Aufgebot in der Innenstadt. Für die Versammlungen wurde ein umfassendes Sicherheitskonzept ausgearbeitet. Das Polizeiaufgebot wurde laut Eigenangaben "den Gegebenheiten angepasst". Die Demorouten wurden von der Polizei mit Absperrungen eingekesselt: vielerorts war lediglich der Eintritt in das großräumig abgesperrte Gebiet möglich.

Im Demonstrationsbereich sowie auf allen angrenzenden Straßenzügen kam es zu temporären Verkehrssperren und Verkehrsableitungen. Bei den Wiener Linien heißt es, dass die Buslinien 1A, 2A und 3A am Samstag zwischen 13 Uhr und 18 Uhr zur Gänze eingestellt werden. Die Straßenbahnlinie 2 konnte zwischen Volkstheater und Schwedenplatz nicht fahren und war zwischen 14.30 Uhr und 18 Uhr geteilt unterwegs.

Unter den Gegendemonstrierenden wurde im Vorfeld die Telefonnummer einer Rechtshilfe durchgegeben, mit dem Hinweis, sich diese mit einem wasserfesten Stift auf dem Körper zu notieren: "Es kommt immer wieder vor, dass die Polizei antifaschistische Demonstrierende festnimmt." Man möge in einem solchen Fall und auch, wenn man derartige Festnahmen beobachtet, besagte Rechtshilfe kontaktieren und keine weiteren Aussagen bei der Polizei machen. "Wir müssen aufeinander schauen und lassen uns von dieser Repression nicht einschüchtern." Man sei hier, um darauf zu schauen, dass die Nazis die Situation in dieser Stadt nicht noch schlimmer machen.

14:00 Uhr: Beginn der Gegendemonstrationen

identi33Kurz nach 14 Uhr startete die erste Gegendemonstration unter dem Motto "Rassismus hat keinen Platz in Wien" ein paar Straßen vom Treffpunkt der Rechtsextremisten entfernt: Vor einer kleinen Bühne versammelten sich bereits mehr als doppelt so viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen, um gegen den Aufmarsch der Identitären zu demonstrieren und sie davon abzuhalten, durch die Stadt zu ziehen.

Nazis haben keinen Platz in der Stadt, lautete hier die Losung. Man wolle für eine andere Welt eintreten, als jene, für die die Nazis demonstrieren. Die Präsenz Rechtsextremer aus dem Ausland bei der Veranstaltung der Identitären zeige, wie stark die Rechte international vernetzt sei und dies ein Dagegenhalten – auch aus der bürgerlichen Mitte – umso wichtiger mache, hieß es von den Initiatoren.

Hörte man sich unter den, vorwiegend jungen, Teilnehmenden um, so lautet der Tenor, man müsse sich eingedenk der aktuellen weltpolitischen Ereignisse klar gegen den um sich greifenden Rechtsextremismus aussprechen. "Wir müssen die Nazis heute blockieren und dürfen dem Wahnsinn nicht erlauben, um sich zu greifen." Es sei ebenso ein Wahnsinn, dass angesichts der Geschichte Österreichs ein solcher Naziaufmarsch überhaupt erlaubt sei.

"Man kann diesen Nazis nicht die Straße überlassen und sie durch die Stadt ziehen lassen, wo sie ihre rechten, menschenverachtenden Parolen mit Polizeischutz von sich geben dürfen", fand ein junger Demonstrant. Das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit müsse seiner Ansicht nach Grenzen haben: "Die verlaufen aus meiner Sicht da, wo ein Gedankengut verbreitet wird, das die Grundrechte anderer Menschen in Frage stellt." Man könne nicht selbst in Anspruch nehmen, was man anderen abspreche. Dann stimmte er in den Chor des Demozugs ein: "Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda".

Kurz vor 16:00 Uhr: Ankunft der Gegendemo am Börseplatz

Der Demozug der Kommunistischen Jugend, der unter dem Motto "Gegen faschistische Wiederbetätigung" über den Ring zog, kam kurz vor 16 Uhr an seinem Ziel, dem Börseplatz, an. Die Standkundgebung begann mit den Worten: "Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten, heute ist ein Tag, an dem ich mich verarscht fühle." Es sei unbegreiflich, dass man Neonazis durch die Stadt ziehen lasse – in einem Land mit der Geschichte Österreichs.

Ab ca. 16:30 Uhr: Rauchbomben, Blockaden und Festnahmen

Als gegen 16.30 Uhr der Demozug der Rechtsextremisten umwölkt von gelben Rauchbomben am Stephansplatz eintraf, schritten Polizeieinheiten unter anderem von der Wega und Hundestaffel ein, um die Identitären und die Gegendemos getrennt zu halten. Nahe der Bandstätte kam es zu tumultartigen Situationen, als einige der Gegendemonstranten in Sitzstreik gingen, um die Straße zu blockieren.

Beamte trugen und drängten die Aktivistinnen und Aktivisten weg, um Platz für den Zug der Rechtsextremisten zu machen. Diese marschierten mit breitem Grinsen und gestreckten Mittelfingern durch die geräumte Straße. Ähnliche Szenen haben sich zuvor in der Wollzeile ereignet. Hier wurden mehrere Gegendemonstranten verhaftet. Der Protestmarsch der Rechtsextremen wurde dort kurz durch eine Sitzblockade behindert, die von der Polizei aufgelöst wurde.

Auf Höhe Tuchlauben hielten auf der einen Seite provokant grinsende Identitäre ihre gelben Flaggen hoch, auf der anderen riefen Hunderte Demonstrierende "Nazis raus" – dazwischen steht die Polizei in schwerer Ausrüstung. Kurz darauf marschierten die Identitären, begleitet von Musik und "Ausländer raus"-Gegröhle, auf dem Hohen Markt ein, wo Touristen mit ungläubigen Blicken das Treiben verfolgen. Auf der Höhe Salvator Gasse kommt es entlang der Route immer wieder zu Sitzblockaden.

Ab ca. 18 Uhr: Identitäre erreichten Ziel Am Gestade

identi44An ihrem Ziel, Am Gestade, wurden die Identitären von etwa 500 Gegendemonstrantinnen und -demonstranten in Empfang genommen, die ihnen den kollektiven Ausruf "Siamo Tutti Antifascisti" entgegenhielten. Die Polizei hat beide Gruppen großflächig voneinander abgetrennt. Die Gegendemonstration in der nahen Börsegasse leerte sich gegen 18.30 Uhr langsam, die Sprechchöre klangen mehr und mehr ab. Heisere junge Menschen ließen sich erschöpft auf Bänken nieder und ließen Bier in Dosen kreisen. Gegen 18.30 Uhr begann sich die Demo der Rechten aufzulösen. Etwa gegen 18.50 Uhr war die Kundgebung dann tatsächlich zu Ende. Auch die Organisatoren der Gegendemos verabschieden sich und applaudieren den Teilnehmenden zum Abschied.

Kritik an Demo von SPÖ und Grünen

Kritik an der Demonstration äußerte SPÖ-Vizekanzler Andreas Babler im Kurznachrichtendienst Bluesky. "Hass, Hetze, Menschenverachtung, Rassismus und Antisemitismus haben auf Österreichs Straßen nichts zu suchen", schrieb Babler am Samstag und kritisierte auch die Verbindungen der Identitären zur "Neonazi-Szene" und der FPÖ.

Die Grünen beurteilten die Demonstration Samstagabend als "Reinfall für die neofaschistischen Identitären". Trotz einer monatelangen und europaweiten Mobilisierung hätten sich nur wenige hundert Mitglieder und Sympathisantinnen und Sympathisanten in Wien versammelt, meinte der Grüne Rechtsextremismussprecher Lukas Hammer in einer Aussendung. Den Polizeieinsatz bezeichnete er trotz Kritik als "vergleichsweise angemessen und deeskalativ" und kritisierte, dass auch parlamentarische Mitarbeiter der FPÖ an dem Protestzug teilgenommen hätten. Diese sei der "parlamentarische Arm" der Identitären, was man auch an personellen Überschneidungen sehe, sagte unlängst der Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) Andreas Kranebitter zur APA. Die Demonstration der Identitären findet jährlich im Sommer statt.

Mehr Information:

Bereits mehrfach berichtete Baskultur.info über neofaschistische Aktivitäten in Österreich: am 11. Oktober 2024 erschien unter dem Titel “Propaganda + Verschwörung – Mediennetzwerk der FPÖ” ein Bericht über die Propaganda-Maschinerie der wichtigsten österreichischen Faschisten-Partei (link); am 20. März 2025 wurde ein Artikel publiziert über die Identitären unter dem Titel "Identitäre Bewegung. Faschistische Netzwerke" (link).

ANMERKUNGEN:

(*) “Identitären-Demo und Gegendemos in Wien: Polizei nahm mehrere Aktivisten fest und löste Sitzblockaden auf“, Tageszeitung Der Standard, Autor*innen: Birgit Wittstock, Helene Dallinger, Markus Sulzbacher, Viktoria Kirner. 2025-07-26 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Wien nimmt Platz (der standard)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-07-27)

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