Maja im Nest der Schlangen
Ein bekannter italienischer Comic-Künstler hat sich auf den Weg gemacht, um die Geschichte der deutschen Antifa-Person Maja T. zu erzählen, die im faschistischen Ungarn vor Gericht stand. In Comic-Form werden die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Deutschland dargestellt, die dazu geführt haben, dass heute in Leipzig, Düsseldorf und Budapest Antifaschist:innen verfolgt, kriminalisiert und verurteilt werden. Der Autor streift die Geschichte des Mord-Kommandos NSU und den Faschismus im deutschen Osten.
“Im Nest der Schlangen“: Polit-Comic über die Antifa-Bewegung des italienischen Zeichners Michele Rech, alias Zerocalcare.
“Niemand geht nach Hause, bevor wir nicht alle nach Hause gehen“, steht auf der Rückseite des Comics “Im Nest der Schlangen“, der im Dezember 2026 im Letatlin Verlag erschienenen ist. Es ist ein Teil der Antwort, die der italienische Comic-Zeichner Zerocalcare auf die Frage gibt, warum die Eltern der Angeklagten im Budapest-Komplex (gegen verschiedene Antifaschist:innen) hinter ihren Kindern stehen – obwohl ihnen unter anderem gefährliche Körperverletzung und versuchter Mord vorgeworfen wird, und obwohl die staatlichen Behörden von ihnen das Bild gefährlicher Terrorist:innen schaffen wollen.
Von Rom nach Jena
Ganz andere Bilder zeichnet Zerocalcare, der im Comic von seiner Reise nach Thüringen erzählt, um sich in Jena mit der Familie und Bekannten von Maja T. zu treffen. Maja gehört zu den Angeklagten im Budapest-Komplex, wurde aber als bisher einzige Person (illegal) von Deutschland nach Ungarn ausgeliefert. Die Antifaschist:in sitzt deswegen im titelgebenden Nest der Schlangen. Die Schlange, schon lange Symbolbild für die faschistische Bewegung, und ihr dunkles Nest, das für die Haft in Isolation in Ungarn steht.
Bevor dem Künstler aber etwas von Majas Leben vor der Auslieferung berichtet wird, wird ihm die Geschichte des faschistischen Terrors des NSU erzählt (National-Sozialistischer Untergrund). Denn so wie Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aus Jena stammen, wuchs hier auch ein Teil der beschuldigten Antifaschist:innen auf. 2011, als sich der NSU selbst enttarnte, waren sie noch Kinder, die mit ihren Eltern auf Konzerte gegen Rechts gingen. Für den italienischen Zerocalcare wird der geschichtliche und politische Kontext erläutert, welcher dadurch aber auch deutschen Leser:innen unabhängig des eigenen Hintergrund-Wissens gelungen vor Augen geführt wird. Denn in einer Region mit faschistischen Strukturen entsteht auch antifaschistischer Widerstand.
Mit der Frage, wie dieser Widerstand aussehen kann, darf und muss, beschäftigt sich der Comic im weiteren Verlauf auf verschiedenen Ebenen. In Gesprächen mit dem Umfeld der Beschuldigten, in Selbstgesprächen des Zeichners und der Auseinandersetzung mit seinen eigenen Erfahrungen als Hausbesetzer in Rom geht es um die Notwendigkeit von Gewalt und wie das oft von allen möglichen Kräften gepredigte “Nie wieder Faschismus“ in der Realität überhaupt durchgesetzt werden kann. Dabei werden die Angeklagten nicht als gefährliche Monster, sondern als Menschen dargestellt, die genauso auf der Suche nach Antworten auf eine erstarkende faschistische Bewegung sind.
Prominente Unterstützung
Es ist nicht das erste Mal, dass Michele Rech, wie Zerocalcare mit bürgerlichem Namen heißt, sich mit dem Budapest-Komplex beschäftigt. In “Diese Nacht wird keine kurze sein“ waren bereits Comics gesammelt, die er unter anderem der italienischen Antifaschistin Ilaria Salis gewidmet hatte. Sie war ebenfalls mehr als ein Jahr in Ungarn inhaftiert, als Teil der selben, angeblich kriminellen Vereinigung wie Maja, kam aber 2024 durch ihre Wahl ins Europa-Parlament frei.
Mit ihm haben die angeklagten Antifaschist:innen durchaus prominente Unterstützung, denn Rech gehört zu den bekanntesten und bestverkauften Comic-Zeichner:innen Italiens. Seit 2015 ist er hauptberuflich Zeichner, außerdem hat er zwei Netflix-Serien produziert, die jedoch nicht in direkter Verbindung zu politischem Aktivismus stehen. Bekannt machte ihn dennoch zunächst sein 2016 veröffentlichter Comic “Kobane Calling“, in dem er seine Reise nach Rojava zur Unterstützung des kurdischen Widerstands verarbeitete. Dieses Jahr trat er zudem offen in Solidarität mit der Global Sumud Flotilla auf, welche die humanitäre Blockade Gazas durch Israel durchbrechen wollte.
Langer Atem
Die fortschrittliche, antifaschistische Haltung von Zerocalcare wird im Comic deutlich. Offen bleibt, welche Perspektive der Antifaschismus angesichts der fortschreitenden Rechtsentwicklung und der anhaltenden Repression braucht. Zwar endet der Comic mit einem Text “Internationaler Antifas“, der benennt, dass die Wurzeln des Faschismus im Kapitalismus liegen und dass Antifaschismus ohne positive alternative Vision nicht ausreichen kann. Wie diese Alternative aussehen soll oder welche Rolle Klassenkampf von unten dabei spielen muss, wird aber nicht aufgegriffen.
Das müssen wir als Leser:innen dafür umso mehr thematisieren. Dabei können wir uns vom Comic motivieren lassen, denn er zeigt, wie der Kampf weitergehen kann – auch durch Diskussionen über die Legitimität militanter Aktionsformen und im Angesicht brutaler staatlicher Repression. Gerade für die kommenden Prozesse gegen die sieben Antifaschist:innen in Düsseldorf und das am 22. Januar 2026 verkündete Urteil gegen Maja von acht Jahren Gefängnis (aktualisiert), brauchen wir die Kraft und die Ausdauer, die wir aus den mitreißend gezeichneten Comic-Panels ziehen können. Bis alle nach Hause gehen wird es noch eine Weile dauern, aber es ist klar, dass dieser Tag kommen wird, wenn wir gemeinsam darauf hinarbeiten. Der Comic “Im Nest der Schlangen“ kann online beim Letatlin Verlag gekauft werden. Ein Teil der Erlöse des Bandes kommt den angeklagten Antifaschist:innen zugute. (1)
RBB-Magazin
Neben Perspektive-Online stellt auch das Online-Magazin des Rundfunk Berlin Brandenburg den aus Italien stammenden Polit-Comic vor: “Der italienische Comiczeichner Zerocalcare ist in seiner Heimat ein Superstar mit Millionenauflagen und eigener Netflix-Serie. Sein neues Buch erzählt vom aufsehenerregenden Fall einer Person aus Deutschland. Was hat den Zeichner aus Rom dazu bewogen, ausgerechnet diese Geschichte und Majas Wurzeln in Ostdeutschland nachzuzeichnen? Wir treffen Zerocalcare per Videoschalte: In seinem Comic ist er der Ich-Erzähler, ein Italiener, der nach Jena fährt, um die Geschichte von Maja T. zu recherchieren.“ (2)
Der Leser / die Leserin lernt ihn kennen als jemanden, der unbefangen auf Leute zugeht, mit der deutschen Spießigkeit fremdelt und eine gute Portion Selbstironie mitbringt; so fragt er sich beispielsweise, warum er gerade diese Geschichte erzählen will, obwohl er doch zuhause in Rom erfolgreich für Netflix weiterarbeiten kann. Doch ihn interessiert die Geschichte und die Frage, wie aus einem jungen, empathischen Menschen wie Maja T. eine angeklagte Person geworden ist. Zerocalcare, Comickünstler: "Ich habe Maja nur im Gerichtssaal gesehen, getrennt durch Barrieren. Ich hatte keinen direkten Kontakt, aber gerade deshalb war es wichtig, nach Deutschland zu reisen und mit der Familie und Freunden über Maja zu sprechen – über das hinaus, was man als, ich sage mal ‘Propaganda‘ in Zeitungen oder Statements liest." In Zerocalcares Comics geht es um Faschismus, Gewalt und Verhältnismäßigkeit der Strafe. Er erzählt die Geschichte von Maja T. fragend, tastend und er macht deutlich, dass er Gewalt verabscheut. "Die Strafe für Maja ist so unverhältnismäßig, dass man Position beziehen muss. Es gibt keine Zeugenaussagen oder Videoaufnahmen, die Maja T. eindeutig identifizieren und selbst wenn Maja schuldig wäre: 25 Jahre Haft für jemanden, der niemanden getötet hat, ist völlig absurd und unverhältnismäßig."
Im Januar 2026 gab es in Berlin eine Diskussionsveranstaltung zum Budapest-Komplex, organisiert unter anderem von Journalist Jan Theurich. Er beobachtet den Prozess in Budapest und hat Zerocalcare während seiner Recherchereise für den Comic begleitet. Jan Theurich: "Für ItalienerInnen ist Deutschland der Aufarbeitungsweltmeister. So sieht sich Deutschland ja gern selbst. Wie kann in so einem Land, das irgendwelche Lehren aus der Shoah, aus Auschwitz, aus dem Holocaust gezogen haben will, wie kann in so einem Land so etwas passieren wie der NSU?" Diese Frage nach dem NSU, dem National-Sozialistischen Untergrund stellt sich auch Zerocalcare. In seinem Comic porträtiert er Menschen, die durch den NSU ermordet wurden, er zeigt Maja T. als Kind mit Eltern in Jena auf Demos gegen Rechts. In der Stadt, aus der auch die Täter des NSU kommen. “Nie wieder“ ist die Parole der Demonstrierenden. Im Publikum der Podiumsdiskussion saß auch der Berliner Anwalt von Maja T., Sven Richwin. In Italien wird mit dem Fall anders umgegangen. Eine italienische Mitangeklagte von Maja T. wurde in das Europaparlament gewählt, um sie vor der Haft in Budapest zu schützen. Als Abgeordnete genießt sie Immunität.
Der Comic Im Nest der Schlangen endet mit Gewissensfragen. Zerocalcare: "Wenn jemand Gewalt anwenden muss oder sich entscheidet, Gewalt anzuwenden, um ein Problem mit Faschisten zu lösen, dann ist das ein Problem all der anderen, die nicht genug getan haben, damit es gar nicht erst so weit kommt." – "Auch mit Menschen mit faschistischen Ideen muss man reden – sie sind Teil unserer Gesellschaft. Man muss zu einem Zusammenleben kommen. Anders ist es bei politischen Kadern, die einfach nur Hass schüren, um Profit daraus zu ziehen. Mit denen sollte man nicht reden, weil sie nicht in gutem Glauben handeln." (2)
ANMERKUNGEN:
(1) Information aus: “Maja T. im Nest der Schlangen“, Perspektive online, Autor: Ivan Barker, 2025-12-23
(2) Ausschnitte aus: "Im Nest der Schlangen von Zerocalcare“, Online-Magazin des öffentlichen Rundfunk Berlin Brandenburg, RBB, Autor: Jannis Byell, 2026-01-17 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Antifa Comic (perspektive)
(2) Antifa Comic (rbb)
(3) Antifa Comic (perspektive)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-02-18)
