pavel1Pablo G. aus Russland

Der baskische Fernseh-Journalist Pablo Gonzalez wurde 2022 von der polnischen Polizei festgenommen. Vorwurf: russischer Spion. Für verschiedene spanische Medien hatte Pablo aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine berichtet. Nie wurde Anklage erhoben, nie Beweise vorgelegt. Im August 2024 wurde er überraschend Teil eines Gefangenen-Austauschs zwischen Russland und den USA. Weil er sich seither aus Moskau nicht meldete, wurde in den Medien spekuliert, ob der Spionage-Vorwurf vielleicht doch richtig sei.

In seinem offenen Brief im März 2025 hat der Journalist Pablo Gonzalez seine miserablen Haftbedingungen im EU-Polen geschildert und das Elend der EU-Justiz deutlich gemacht. Polen hat das Verfahren eingestellt.

Verfolgung, Menschenrechte und Doppelmoral

Pablo Gonzalez: Nachdem ich fast zweieinhalb Jahre in einem Hochsicherheits-Gefängnis verbracht habe und während meine Rechte in der EU weiterhin verletzt werden, ergreife ich das Wort. Denn die Anschuldigungen gegen mich haben nichts mit Spionage zu tun, sondern mit der Ausübung des Journalismus, insbesondere des investigativen Journalismus.

Sie (die polnischen Sicherheitskräfte) versuchen, mich als kritische Stimme, die ihre Methoden nur zu gut kennt, auszuschalten. Jemand, der gesehen hat, wie sie Konflikte schüren, Waffen liefern und andere beschuldigen, ihre eigenen Sünden zu begehen. Ich habe mehrmals um ein Gespräch mit einem Psychologen gebeten, aber diese Gespräche waren eher deprimierend. In einem Gespräch forderte er mich auf, einen Selbstmord-Versuch zu unternehmen, wenn es mir schlecht gehe. Das wirklich Traurige daran ist, dass die Behandlung, die ich erfahren habe, nicht einzigartig und besonders ist. Polen und andere EU-Staaten verletzen systematisch die Grundrechte.

Zuallererst möchte ich vielen Menschen für ihre Bemühungen danken, meine Grundrechte zu verteidigen, die jedem Menschen zustehen, angefangen bei der Unschuldsvermutung. Ihr habt eure Stimme für mich erhoben, die meisten, ohne mich zu kennen, ohne zu beurteilen, ob ich schuldig oder unschuldig bin, und habt mich als Person mit Rechten anerkannt. Menschen aus Sevilla, Madrid, Valencia, Valladolid, Galicien, La Rioja, Katalonien und vor allem dem Baskenland: eskerrik asko, gracias, gràcies, grazas.

pavel2Seit ich meine Freiheit wiedererlangt habe, bin ich das Ziel eines medialen Lynchversuchs. Unmengen von Lügen und Ungenauigkeiten wurden über mich, mein Leben und das Spionage-Verfahren in Polen gegen mich verbreitet. Ich habe keinen Zweifel daran, dass all dies eine Provokation ist, die darauf abzielt, mir Angst einzujagen, die Aktivitäten der Geheimdienste der NATO-Länder weiß zu waschen und ihre eklatanten Menschenrechts-Verletzungen zu vertuschen. Aber vor allem wollten sie mich provozieren.

Vielleicht weiß nicht jeder, dass ich nach dem Austausch die einzige Person unter den freigelassenen Personen bin, deren Fall noch nicht abgeschlossen ist (ein Tag vor der Veröffentlichung seines offenen Briefs berichteten die Medien, dass Polen das Verfahren gegen Pablo eingestellt hat). Der ehemalige Präsident Biden unterzeichnete Amnestien für die Gefangenen, die (zum Austausch) aus den Gefängnissen entlassen wurden, und mehrere europäische Länder fanden legale Wege, ihre Gefangenen freizulassen und zu entlasten. Russland hat dasselbe getan. Nur in meinem Fall gibt es immer noch ein Zombie-Verfahren. Sie tun, was sie können, um mich außen vor zu halten.

Warum sollten sie so etwas tun? Weil ich eine Gefahr für die nationale Sicherheit Polens darstelle?

Nein, natürlich nicht. Sie wollen mich als kritische Stimme fernhalten, die ihre Methoden nur zu gut kennt. Jemand, der aus erster Hand gesehen hat, wie so genannte “menschenrechts-freundliche“ Demokratien im post-sowjetischen Raum tatsächlich funktionieren: wie sie Konflikte provozieren, Waffen liefern und vor allem andere beschuldigen, dieselben Verbrechen zu begehen wie sie selbst.

Ich habe mich immer gegen ihr Vorhaben ausgesprochen, die Völker gleichzusetzen, uns zu vereinheitlichen und unsere Identität zu rauben. Programme wie USAID und andere haben daran hart gearbeitet. Ich habe das angeprangert, und dafür wurde ich herausgepickt. Jetzt, da die Realität dieser Organisationen ans Licht kommt, sind viele überrascht. Aber als ich davor gewarnt habe, wurde ich als Verschwörer gebrandmarkt.

Nur zur Erinnerung: Polen hielt mich zweieinhalb Jahre lang in Einzelhaft. Ich wurde täglich durchsucht, sowohl persönlich als auch meine Zelle. Ich wurde einer erniedrigenden Behandlung unterzogen, musste mich nackt ausziehen und Kniebeugen machen. Ich durfte nur eine Stunde am Tag hinausgehen, um in einer 3,5 mal 6,5 Meter großen Zelle herumzugehen. Meine Zelle hatte ein Fenster, das sich nicht öffnen ließ, was zu einer schlechten Belüftung und zur Bildung von Feuchtigkeit und Schimmel an den Wänden führte. Außerdem war das Fenster undurchsichtig, so dass ich nicht nach draußen sehen konnte. Ich lade Sie ein, einen Tag lang 23 Stunden unter diesen Bedingungen zu verbringen, nur um zu experimentieren. Es ist nicht besonders angenehm.

Der Kontakt zu meinen Verwandten, insbesondere zu meinen minderjährigen Kindern, erfolgte per Brief. Die Staatsanwaltschaft verweigerte mir Telefon- oder Videoanrufe, weil ich ihrer Meinung nach geheime Informationen verschlüsselt an meine Kinder weitergeben und so den Fall beeinflussen könnte! Aus demselben Grund wurde meine gesamte Post zensiert. Viele Briefe erreichten mich nie. Andere, die doch ankamen, wurden erst übersetzt, in der Staatsanwaltschaft und den Geheimdiensten gelesen und erreichten mich erst danach. Auf diese Weise war es normal, dass mich ein Brief 2 bis 3 Monate nach dem Einwurf in den Briefkasten erreichte. Mit anderen Worten: Es dauerte 4 bis6 Monate, um mit meinen Kindern per Brief zu kommunizieren und zu antworten.

In den ersten Monaten im Gefängnis habe ich 20 Kilo abgenommen, bevor ich Hilfe bekam. Das kostenlose Essen war völlig unzureichend. Zwei Drittel der Kalorien, die ich im Gefängnis zu mir nahm, bezog ich aus den Einkäufen, die ich aus einer sehr begrenzten Liste von Produkten tätigen konnte. Ohne diese Hilfe von Familie, Freunden und Menschen, denen mein Schicksal nicht gleichgültig war, hätte ich hungern müssen und meine Gesundheit hätte noch mehr gelitten. Auch meine psychische Gesundheit war stark angeschlagen. Ich bat mehrmals um ein Gespräch mit einem Psychologen, aber diese Gespräche waren ziemlich deprimierend. In einem forderte er mich auf, einen Selbstmord-Versuch zu unternehmen, wenn es mir nicht gut ginge, denn, wie er sagte, “es ist nicht so einfach, wie es aussieht“. Sie boten mir Pillen an, die sie “Psychopharmaka“ nannten, um mich zu beruhigen und sie nicht mit meinen Beschwerden zu belästigen. Ich habe mich geweigert, diese Tabletten zu nehmen.

Bis heute leide ich an den Nachwirkungen, die dieser “Respekt“ vor den Rechten der Häftlinge bei mir hinterlassen hat. Bis heute hat meine rechte Lunge 40% weniger Kapazität. Und ich versichere allen, dass ich gesund in die “Untersuchungshaft“ gekommen bin. Die Röntgenbilder von meiner Aufnahme und meiner Entlassung beweisen das. Wenn Russland mich nicht gerettet hätte, wäre meine Gesundheit wahrscheinlich irreparabel geschädigt worden. Die “europäische Justiz“ hätte mir nicht reparable Schäden zugefügt.

Das alles, ohne Verurteilung, ohne Prozess, zum Zeitpunkt meiner Freilassung ohne formelle Anklage

pavel3In Polen ist dies gang und gäbe. Der Rekord für Untersuchungshaft in diesem Land liegt bei 12 Jahren, die Person, die sie erlitt, wurde am Ende freigesprochen. Das waren meine Aussichten: Jahre in Untersuchungshaft zu verbringen und dann vor Gericht zu stehen in einem Justizsystem, das Brüssel (die EU) selbst als politisiert bezeichnet. Einige Medien haben behauptet, dass ich unter diesen Bedingungen festgehalten wurde, um einen zukünftigen Austausch zu erleichtern, da eine formelle Verurteilung dies erschwert hätte. Eine Absurdität.

Das wirklich Traurige daran ist, dass die Behandlung, die ich erfahren habe, nicht einzigartig und besonders ist. Polen und andere EU-Staaten verletzen systematisch die Grundrechte. Vieles von dem, was mir angetan wurde, gehört zum normalen Modus Operandi in Polen. Es ist erstaunlich, wie die EU von anderen die Einhaltung von Rechten fordert, die sie selbst eklatant missachtet. Eine klassische Doppelmoral, sowohl außenpolitisch, indem sie Forderungen an andere stellt, als auch innenpolitisch, indem sie vor eigenen Rechtsverletzungen die Augen verschließt.

Kurz vor dem Austausch informierten mich die polnischen Behörden über die Möglichkeit eines “Journalisten-gegen-Journalisten-Austauschs“, doch damit dieser stattfinden konnte, müsste mein Fall in einem Eilverfahren abgeschlossen werden. Das Problem sei, dass ich die gegen mich erhobenen Vorwürfe zugeben müsste. Das habe ich rundherum abgelehnt. Niemand kann sich vorstellen, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe, wie schwer es war, ihnen ins Gesicht zu schauen und sie zum Teufel zu jagen, als sie mir drohten, in Polen in Untersuchungshaft zu verrotten. Aber ich habe es getan. Ich war fest entschlossen, meine Unschuld zu verteidigen.

Schließlich kam der Austausch zustande und ich wurde freigelassen. Aber das gefiel weder den polnischen Behörden und noch weniger den Geheimdiensten, die meine Entführung angeordnet hatten. Deshalb haben sie ihre gesamte Artillerie gegen mich eingesetzt. Ihr Hauptargument: der Empfang durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Für sie scheint dies der absolute Beweis für meine Schuld zu sein. Merkwürdigerweise wurde der amerikanische Journalist, der mit mir ausgetauscht wurde, ebenfalls vom US-Präsidenten, dem Vizepräsidenten und hochrangigen Vertretern der Geheimdienste seines Landes empfangen. Er ließ sich mit der amerikanischen Flagge und mit amerikanischen Agenten fotografieren. Aber in seinem Fall war das alles völlig normal. In meinem Fall hingegen war es der Beweis für ein Verbrechen.

Sie haben mich ausgetauscht, ohne mich zu verurteilen, und jetzt versuchen sie es über die “befreundete“ Presse. Die tritt, ohne die Akten zu lesen oder wirklich etwas zu untersuchen, als Anklägerin und Richterin auf und verurteilt mich inoffiziell, da sie offiziell niemand dazu in der Lage war. Sie haben mich in vielerlei Hinsicht angegriffen: weil ich in Russland geboren bin, weil ich Baske bin, weil ich ein Linker bin, weil ich nicht mit dem Regime in Kiew sympathisiere. Ich wurde verurteilt, weil ich so bin, wie ich bin. Die Anschuldigungen gegen mich haben nichts mit Spionage zu tun, sondern schlicht mit meiner Arbeit als Journalist, ganz konkret: des investigativen Journalismus.

ANMERKUNGEN:

(*) “Escrito de Pablo Gonzalez – Persecución, derechos humanos y dobles estándares” (Schreiben von Pablo Gonzalez - Verfolgung, Menschenrechte und doppelte Standards), Tageszeitung Gara, 2025-03-16 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Pablo Gonzalez (naiz)

(2) Pablo Gonzalez (arainfo)

(3) Pablo Gonzalez (20minutos)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-03-16)

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