Gründe für die Krise
Die Gründung von Airbnb, einem Vermittlungs-Portal für private Wohnungen an Reisende hat den Tourismus-Sektor revolutioniert und den Wohnungsmarkt in vielen Tourismus-Hochburgen stark beeinflusst. Aus dem Ideal von Nebeneinkünften für Einkommensschwache wurde ein mächtiges Instrument zur Vertreibung von alteingesessenen Mieter*innen. Ein Geschäftsführer von Airbnb hat allerdings eingeräumt, dass das Airbnb-Modell in die Krise gekommen ist und das Unternehmen gerade nicht seine besten Zeiten erlebt.
Vor 15 Jahren wurde das Airbnb-Modell ins Leben gerufen. Seit seinem Aufkommen und seiner Popularisierung hat es sich zu einem der Hauptfeinde der Hotelbranche und der von Massentourismus betroffenen Orte und Nachbarschaften entwickelt.
Zu Beginn protestieren viele Hoteliers dagegen, dass die überwiegende Mehrzahl der über Airbnb und andere vergleichbare Plattformen angebotenen Unterkünfte einen Wettbewerbs-Vorteil habe. Denn sie konkurrieren zwar direkt mit den Hotels, seien aber nicht den gleichen gesetzlichen Verpflichtungen und Kontrollen unterworfen in Bezug auf Sicherheit oder angebotene Dienstleistungen.
Der größere Spielraum bei den Vorschriften für touristische Vermietungen (davon abgesehen, dass ein Drittel bis die Hälfte der angebotenen Unterkünfte nicht angemeldet sind und illegal funktionieren) ermöglichte es dem Airbnb-Modell, günstigere Preise anzubieten, was in hohem Maße zu seinem gigantischen Erfolg beitrug. Alles deutet jedoch derzeit darauf hin, dass das System in die Krise gekommen ist. Dies wird bestätigt durch die Tatsache, dass Brian Chesky, Mitbegründer und Haupt-Geschäftsführer (CEO) von Airbnb, in einem Interview mit Bloomberg selbst zugegeben hat, dass das Unternehmen nicht seine besten Zeiten erlebt.
Was ist Airbnb?
Airbnb ist ein 2008 im kalifornischen Silicon Valley gegründetes US-amerikanisches Unternehmen, das unter dem gleichen Namen ein Online-Portal zur Buchung und Vermietung von Unterkünften, ähnlich einem Computer-Reservierungs-System betreibt. Sowohl private als auch gewerbliche Vermieter vermieten Räumlichkeiten unter Vermittlung des Unternehmens, ohne dass jedoch Airbnb rechtliche Verpflichtungen aus der Vermietung übernimmt. Von der Gründung im Jahr 2008 bis zum März 2020 wurden nach Angaben des Unternehmens mehr als 900 Millionen Übernachtungen gebucht.
Nach eigenen Angaben stehen auf der Website über 5 Millionen Inserate aus mehr als 220 Staaten und mehr als 100.000 Städten zum Angebot (Stand: September 2020). Ein unbekannter aber durchaus hoher Anteil dieser Angebote beziehen sich auf Wohnobjekte, die nicht angemeldet sind und somit illegal funktionieren. Airbnb ist Vertriebspartner der beiden Hotelplan-Töchter Interhome (Schweiz) und Inter Chalet (BRD). Dazu bestehen seit 2016 Kooperationen in 11 Staaten mit Immobilien-Geschäften. Die Migros in der Schweiz wurde dadurch zur größten Anbieterin von durch Airbnb angebotenen Ferienwohnungen. Gut 160.000 der inserierten Unterkünfte befinden sich in Deutschland. (Wikipedia)
Preis-Leistungs-Verhältnis
Airbnb entstand unter der Prämisse und mit der idealistischen Philosophie, dass Haus- oder Wohnungs-Besitzer ein Neben-Einkommen erzielen könnten, indem sie leerstehende Zimmer für kurze Aufenthalte vermieten. Die Gäste und Kund*innen waren bereit, auf bestimmte spezifische Hotel-Annehmlichkeiten zu verzichten, um im Gegenzug niedrigere Preise, eine bessere Lage und die Möglichkeit zu erhalten, in die lokale Kultur einzutauchen.
Die schnell wachsende Popularität hat jedoch auch viele Investoren angelockt, die einen schnellen Profit anstreben. Gleichzeitig ist die Vermieterei komplexer geworden und hat zum Einsatz von Beauftragten geführt, die für Dienstleistungen wie Check-in, Reinigung und Überwachung zuständig sind. Dies wiederum hat zu einem Anstieg der Airbnb-Preise und dem Aufkommen von Gebühren und Zuschlägen geführt, die die Endabrechnung erhöhen und in vielen Fällen dazu führen, dass die Vermietungen die Preise der Hotels erreichen oder sogar übersteigen. Die Rede ist vorwiegend von den Vereinigten Staaten.
Bei den zusätzlichen Kosten sticht die berühmt gewordene Reinigungs-Gebühr am meisten hervor. Viele Gastgeber / Privat-Vermieter verlangen nicht nur diesen Aufschlag (der zwischen 80 und 200 Euro liegen kann), sondern geben auch negative Bewertungen ab, wenn die Reise-Mieter*innen die Betten nicht gemacht oder das Geschirr nicht abgewaschen haben. Ein nicht untypisches Phänomen: wenn die Vermieter erst Lunte gerochen haben, dass da Geld gemacht werden kann, können sie den Hals nicht voll kriegen.
In Anbetracht dessen und aufgrund anderer Dienstleistungen, die von Hotels angeboten werden und im Preis inbegriffen sind (ohne Tricks) wie zum Beispiel Frühstück oder 24-Stunden-Empfang, kommen immer mehr Interessierte zu der Ansicht, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis von Airbnb keinen Anreiz mehr bietet auf den Hotel-Service zu verzichten.
Sinkende Einnahmen: "Airbnbust"
Bei Airbnb selbst ist man sich bewusst, wie wichtig es ist, die Preise unter Kontrolle zu halten. Chesky persönlich hat die Gastgeber dazu aufgerufen, ihre Mietpreise zu senken. Denn es besteht die begründete Befürchtung, dass der Kurzzeit-Vermietungsmarkt in den USA aufgrund des entstandenen Überangebots und der sehr hohen Preise zum Erliegen kommt, was als "Airbnbust" bezeichnet wird. Viele Stimmen sagten die Verlangsamung in diesem Sommer voraus, und obwohl einige Stimmen pessimistischer sind als andere, sind sich alle darin einig, dass es Rückgänge gibt.
Ein Markt-Beobachter stellte auf der Grundlage von Daten von AllTheRooms fest, dass die Einnahmen der Vermieter in einigen US-Großstädten in der ersten Hälfte des Jahres 2023 um bis zu 50% gesunken sind. Andere, wie KeyData, bestätigen den Rückgang, gehen aber von moderatere Zahlen aus (ein durchschnittlicher Umsatz-Rückgang von 3%). Zahlen über den europäischen oder gar spanischen Markt werden nicht genannt, möglicherweise ist die Dynamik hier (noch) anders.
Schlechter Ruf und restriktive Gesetzgebung
Neben rein wirtschaftlichen Aspekten leidet die Plattform auch unter dem Niedergang ihres Ansehens. Ursprünglich wurde Airbnb als eine Form der solidarischen und kollaborativen Wirtschaft vorgestellt, die frischen Wind und persönliche Nähe in das Beherbergungs-Gewerbe bringen sollte. Dieser idealistische Anspruch hat sich schnell als Illusion herausgestellt, weil sofort die Hyänen des Geschäfts auf den Zug aufgesprungen sind. Jene, die Wohnung, Sofa und Kühlschrank teilen, um selbst besser über die Runden zu kommen, sind zu einem Bruchteil des Airbnb-Phänomens geworden.
Mehr noch: Heute wird dieses private Vermietungsgeschäft in den Augen vieler als eine der Hauptursachen für Gentrifizierungs-Prozesse angesehen. Konkret, die Verdrängung der ursprünglichen Bevölkerung durch wohlhabendere Schichten und Klassen, sowie durch steigende Kosten und durch die Verknappung des Wohnungsangebots als Folge des Massentourismus und dem Auftreten von Plattformen wie Airbnb.
“Wusstest du, dass die Zahl der Tourismus-Wohnungen in Bilbao in den letzten Jahren um 35% gestiegen ist und die Mieten um 14%? San Francisco ist die Straße in der Stadt mit den meisten Tourismus-Wohnungen und gleichzeitig die Straße mit den meisten Zwangsräumungen.“ So lautet der Text eines Infoblattes, das von einer Nachbarschafts-Initiative in allen Hauseingängen aufgehängt wurde, um die Wohnungs-Eigentümer*innen zur Gegenwehr aufzurufen und keine lästigen Tourismus-Wohnungen zuzulassen. Entsprechende Änderungen der Satzung der Hausgemeinschaft können dies bewerkstelligen.
Was sich im gleichnamigen Stadtteil abspielt, ist symptomatisch und beispielhaft. Einerseits der beängstigende Anstieg der für Kurzvermietung entfremdeten Wohnungen, andererseits können die dort lebenden Langmieter*innen die gestiegenen Kosten nicht mehr bezahlen und werden über Gerichte herausgeklagt. Der direkte Zusammenhang liegt auf der Hand: weniger Dauer-Miet-Angebote bei größerer Nachfrage lässt die Preise nach oben schnellen. Wer da nicht mithalten kann, muss sich ein anderes, billigeres Barrio suchen, wo der Tourismus noch nicht angekommen ist und noch keine Immobilien-Gentrifizierung provoziert hat.
Zur Unzufriedenheit vieler kommen die Probleme der Koexistenz zwischen den Reisenden und den Einheimischen, deren Interessenlagen häufig völlig gegensätzlich und keinesfalls miteinander zu vereinbaren sind. Urlaub ist lustig und macht Lärm, der berühmte Party-Tourismus – die Einheimischen hingegen müssen schlafen können, um für ihre Arbeit ausgeruht zu sein. Im baskischen Donostia (San Sebastian) ist dieses Problem in der von Touristen völlig überfüllten Altstadt zu einem riesigen Problem angewachsen. In der kalifornischen Metropole San Francisco zum Beispiel versucht das Unternehmen selbst, den durch Partys verursachten Lärm einzudämmen.
Die Unzufriedenheit der Einheimischen hat in zahlreichen Großstädten wie Amsterdam (Niederlande), Paris (Frankreich) oder neuerdings New York (Vereinigte Staaten) zu restriktiveren Vorschriften geführt, welche die Airbnb-Vermietungen gebremst haben. In Bilbao wurde schon vor Jahren die Regel eingeführt, dass die T-Wohnung maximal im 1. Stockwerk eines Gebäudes angesiedelt sein darf, um zu verhindern, dass die Gäste nachts in den fünften Stock nach oben lärmen. Zudem sollte pro Immobilie nur eine Wohnung zur Tourismus-Unterkunft deklariert werden dürfen. Das hört sich gut an, ist aber heiße Luft, wenn man bedenkt, dass ca. 40% der inserierten T-Wohnungen illegal sind und die Kontrollen nur sehr ungenügend.
Auf der anderen Seite der Angebote stehen die Hotels, deren Koexistenz mit den Einheimischen zwar ebenfalls nicht unumstritten ist, aber doch etwas ausgewogener. Auch deren Tarife sind gestiegen, bei internationalen Großevents wie die Tour de France in Bilbao sogar drastisch, aber die Leistungs-Qualität ist ein wichtiges Argument für eine gleich bleibende hohe Nachfrage. Letztendlich treiben Plattformen und Hotelgewerbe gemeinsam den Massentourismus voran beziehungsweise sind seine Folge. Mehr Hotels, mehr Tourismus-Wohnungen, mehr Massentourismus, alles bedingt sich gegenseitig. Eine Stadt, die nicht auf X-Tausend Schlafplätze verweisen könnte, bekäme niemals den Zuschlag für irgendwelche Makro-Veranstaltungen wie eine Fußball-EM oder Championsleague-Finale. Ein teuflisches Zusammenspiel, das die Nachbarschaft mit Schlaflosigkeit und die Hotel-Bediensteten mit prekären Arbeits-Bedingungen bezahlen. Auch und trotz der Krise bei Airbnb.
ANMERKUNGEN:
(1) Information aus: ”Las cuatro claves de la crisis del modelo de Airbnb” (Vier Gründe für die Krise des Airbnb-Modells), Webseite Tourinews, 2023-10-10 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Airbnb-Krise (airbnb)
(2) Gentrifizierung (ecuador etxea)
(3) Airbnb (mkr soluciones)
(4) Massentourismus (confilegal)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-10-16)
