kolu47x00aWieder malochen und regieren

Baskische und katalanische Parteien sind das Zünglein an der Waage, wenn das gespaltene Spanien eine neue Regierung kriegen soll. Im September wird deshalb gefeilscht wie in der Medina von Marrakesch. Ausgerechnet den Moment der größten Glückseligkeit haben spanische Fußball-Funktionäre zur allergrößten männlichen Pleite gemacht. Sexismus nach dem Gewinn der Frauen-Weltmeisterschaft hat einen weltweiten Tsunami ausgelöst, der nur die Basken verschonte, weil sie schon einen Deut besser erzogen wurden.

Iraila ist September, der Monat des Katzenjammers, der Rückkehr zu Schule und Arbeitsplatz. Der Monat mit leerem Konto nach teurem Urlaub. Und: Die Weinlese wird vorgezogen, falls es nach Hagelschlag und Überschwemmungen überhaupt etwas zu ernten gibt.

(2023-09-26)

3.410 OBDACHLOSE

kolu47x26Im vergangenen Jahr schliefen täglich durchschnittlich 3.410 Personen in den Unterkünften von Araba, Bizkaia und Gipuzkoa. Das sind 1,8% weniger als im Jahr 2020, aber immer noch viel zu viele. Bei 638 von ihnen handelt es sich um Personen, die sich in einer Situation schwerwiegender Ausgrenzung befinden und auf den Straßen der Städte und Gemeinden der Autonomen Gemeinschaft Baskenland CAV leben. Nach Angaben des baskischen Statistik-Instituts Eustat lebten im Durchschnitt 638 der in Notunterkünften versorgten Personen auf der Straße und hatten schon lange keine Wohnung mehr.

Unter den Einrichtungen, die sich um Menschen in besonderen Situationen kümmern, fallen die Zentren für Migranten (34,3%) auf, jene für Suchtkranke (26,1%) und die für Frauen, die Opfer sexistischer männlicher Gewalt geworden sind (35,8%). Insgesamt wurden im Jahresdurchschnitt 4.313 Plätze zur Unterbringung von wohnungslosen Personen angeboten, 53 mehr als im Jahr 2020, die Belegungsquote lag bei 79%. Unter diesen Aufnahme-Plätzen ist die Zahl der Unterkünfte für Migranten um 16% zurückgegangen, weil versucht wird, sie in Gemeinschaftswohnungen unterzubringen, dieses Angebot hatte in den vergangenen zwei Jahren mehr Gewicht und stieg um 19%.

Die durchschnittliche Zahl der für Obdachlose verfügbaren Wohnungen stieg ebenfalls, konkret um23%, ebenso der Anteil der betreuten Familien, der sich in den letzten zwei Jahren fast verdoppelt hat. Zudem gab es 1.375 Tagesplätze mit einer Auslastung von 88%. Um diese Leute zu betreuen, beliefen sich die Ausgaben in den Obdachlosen-Betreuungs-Zentren der Sozialdienste von Araba, Bizkaia und Gipuzkoa im Jahr 2022 auf 76 Millionen Euro, 15,8% mehr als im Jahr 2020, dem ersten Jahr der Pandemie.

(2023-09-21)

30. NOVEMBER - FEMINISTISCHER STREIK

Am 8. März rief die Feministische Bewegung des Baskenlandes zu einem Generalstreik auf, um das kollektive Recht auf Pflege einzufordern und zu verteidigen. Diese Absicht wurde bestärkt mit einer Aktion vor dem Sitz der neoliberalen Regierungspartei und einem Aufruf:

kolu47x21Wir haben auf Versammlungen in Stadtvierteln und Städten diskutiert und die Dringlichkeit einer Umkehrung des derzeitigen Pflegesystems auf den Tisch gebracht. Nach und nach entscheiden wir, welche Schritte wir unternehmen wollen, um das System zu ändern. Wir sagen seit Jahren: Um ein Leben in Würde aufzubauen, ist die Pflege von Leben unerlässlich. Einige haben jedoch ein Interesse daran, die Pflegearbeit unsichtbar zu machen: Sie schließen die Pflegearbeit sowohl von der Bezahlung als auch von Arbeitsverträgen aus und machen aus Pflegediensten ein Geschäft. Auf diese Weise wird die Pflegearbeit zwangsläufig von Frauen übernommen und fällt zunehmend Migrantinnen und von Rassismus betroffenen Frauen zu, die unter extremen Bedingungen leben und arbeiten, und hoffnungslos ausgebeutet werden.

Deshalb rufen wir zu einem feministischen Generalstreik auf: um das Recht einzufordern, dass alle Menschen während ihres gesamten Lebens das Recht haben, gepflegt zu werden, und gleichzeitig alle die Verpflichtung zur Pflege haben. Mit dem Prozess “Das Leben im Mittelpunkt“ wollen wir einen politischen Schritt unternehmen. Es geht um ein Leben in Würde, in den Mittelpunkt der Debatte stellen wir: wer kümmert sich wie und warum. Wir wollen zum Ausdruck bringen, dass die Aufgaben der Pflege anerkannt und verteilt werden müssen. Dazu müssen zuallererst faire Bedingungen für die Pflegekräfte erreicht werden.

Die verschiedenen Institutionen und Unternehmen, die mit der Pflegearbeit Geschäfte machen, sind verantwortlich für die Situation, in der wir leben. Wir fordern, dass der Privatisierung und Kommerzialisierung der Pflegearbeit ein für alle Mal ein Ende gesetzt wird. Unser Ziel ist, ein würdiges öffentliches Pflegesystem zu erreichen! Auch die Männer müssen erwähnt werden, wir fordern, dass sie ihre Verantwortung übernehmen und sich diesem Prozess anschließen: der Feministische Streik am 30. November wird ein GENERAL-Streik sein, die Feministische Bewegung, die Vertreter*innen von Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Bereichen, sowie alle baskischen Bürger werden gemeinsam auf die Straße gehen.

Wir stützen uns auf den Sozial-Vertrag, den wir am 7. Oktober vorstellen werden. Dabei werden wir ein baskisches öffentliches und kommunales Versorgungssystem vorschlagen, welches das kapitalistische, rassistische und heteropatriarchale System überwindet und das Leben aller Personen in den Mittelpunkt stellt.

Aus all diesen Gründen haben wir uns in den Hauptstädten von Hego Euskal Herria (Süd-Baskenland) versammelt. Wir rufen alle baskischen Bürgerinnen und Bürger auf, sich den Streikkomitees in den Städten anzuschließen, an den Versammlungen teilzunehmen und zu mobilisieren! Am 30. NOVEMBER für das kollektive Recht auf Pflege – alle zum feministischen Generalstreik!

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, hat die feministische Bewegung in Bilbo eine Straßen-Sitzblockade organisiert vor dem Parteisitz der Regierungspartei PNV, um auf diejenigen hinzuweisen, die mit Pflegediensten lukrative Geschäfte betreiben. Mehr als hundert Frauen aus der Feministischen Bewegung von Euskal Herria haben mit Rollstühlen die Straße vor Sabin Etxea blockiert, um zum Feministischen Generalstreik am 30. November aufzurufen. Die Feministische Bewegung des Baskenlandes zeigt sich bereit zum Generalstreik.

(2023-09-20)

WOHNRAUM FÜR ALLE

kolu47x20Etwas mehr als 800.000 Euro – 800.748 um genau zu sein – kostet eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Zentrum von Bilbao, in einem gar nicht so großen Komplex, der gerade im Bau ist. Das ist der Preis für die billigste und kleinste Wohnung (73 Quadratmeter) in der Luxussiedlung, die das Madrider Unternehmen Grupo Ibosa in der Rodríguez-Arias-Straße 1 begonnen hat. Die Arbeiten begannen mit der Räumung des Geländes und dauern 20 Monate, die Wohnungen sind somit im Frühjahr 2025 fertig. 28 derartige Mini-Luxus-Wohnungen umfasst das Projekt Residencial Acrux – Neider sind es, die nun zu rechnen anfangen: achtundzwanzig mal 800.000 – allein vom Preis eines der Objekte leben manche Bilbo-Nachbarn ein ganzes Leben.

Trotz des ansehnlichen Preises ist das Projekt bereits jetzt "ein großer Erfolg", da nur noch "wenige" Wohnungen zum Verkauf stehen, genauere Zahlen will der Bauträger allerdings nicht angeben. Die Gebäude mit zwei bis vier Schlafzimmern verfügen über Parkplatz und Abstellraum. Trotz ihrer Exklusivität – keine Wohnung gleicht der anderen, da sie "dem Geschmack und den Bedürfnissen des jeweiligen Eigentümers" angepasst wird – stehen den Käufer*innen Gemeinschafts-Einrichtungen zur Verfügung: ein Fitnessstudio, eine Sonnenterrasse mit Chill-Out-Bereich, ein Panorama-Schwimmbad. Die größeren Wohnungen – 123 Quadratmeter – kosten deutlich über eine Million Euro. Egal, Abteilung Portokasse.

Das Projekt hat sich verzögert, Baubeginn war für 2021 vorgesehen, Übergabe Anfang 2023. Doch die Pandemie bremste das Projekt in den alten Büros der Kutxabank. Zu den Pandemie-Umständen kommen der Ukraine-Krieg, der Anstieg der Materialkosten und die Krise zahlreicher Bau-Unternehmen. Der Bauträger musste gewechselt werden, nachdem auch der fünfte Turm in Garellano nach Plan erstellt wurde.

Trotz dieser Rückschläge hat das Interesse an dem Projekt keineswegs nachgelassen. Die Wohnungen sind erheblich teurer geworden, die “billigsten“ wurden ursprünglich für 645.000 Euro angeboten. Doch wer diesen Preis zahlen kann, eventuell zur Geldwäsche in bar, legt bekanntlich auch noch 150Tausend mehr auf den Tisch. Ist ja nicht zum wirklichen Wohnen, eher für Stipp-Visiten, eine Woche Urlaub oder als Ort für eine Cocktail-Party aus Anlass einer Ausstellungs-Eröffnung im Guggenheim, mit auserwählten Gästen versteht sich. Solange das Objekt leer steht, kümmert sich der Edel-Portier darum. Erübrigt sich die Bemerkung, dass in derselben Stadt 200 Personen auf der Straße schlafen, weil sie sich als Arbeitslose oder Migranten nicht einmal 200 Euro Miete leisten können. Die Moral wird gewöhnlich am Flughafen beim Auschecken im Zoll abgegeben.

(2023-09-19)

EUSKARA-FEIERTAG

kolu47x19Für die baskische Sprache, das Euskara, war heute unbestritten ein Feiertag. Doch selbst an Feiertagen läuft nicht alles glatt, wenn spanische Elemente an der Organisation des Festtags beteiligt sind. Allein der Anlass des Feiertages war einer, der auch ein Anlass zur Trauer hätte sein können und es lange genug war. Zum ersten Mal konnte heute im spanischen Parlament Euskara gesprochen werden, ohne dass dies eine Rüge oder eine Ausschlussdrohung nach sich gezogen hätte. Eine absolute Mehrheit der Kammer hatte nämlich beschlossen, dass künftig nicht nur spanische gesprochen werden darf, sondern – ganz hochoffiziell – auch katalanisch, galizisch und baskisch. Ein historischer Moment.

Noch vor einem Jahr war eine ähnliche Initiative noch von der sozialdemokratischen PSOE blockiert worden. Was sich seither verändert hat, sind die Mehrheitsverhältnisse. Denn mehr denn je brauchen die Sozis die peripheren Parteien aus Cat, Gal und Eus, um eine Regierungsmehrheit hinzukriegen. Da fällt es leichter, über den Schatten des sozialdemokratischen spanischen Nationalstolzes zu springen.

Lange nicht alle waren damit einverstanden, dass die Alleinherrschaft des Kastilischen nach Jahrhunderten gebrochen werden sollte. Die vereinigte Rechte plus Ultrarechte sahen, wie nicht anders zu erwarten, die Einheit der “großen Kultur-Nation“ in Frage gestellt und wollten den Absolutismus konservieren. Der Regierungssprecher der PP-Postfranquisten, ausgerechnet ein Baske, ließ es sich nicht nehmen, die neue Freiheit auszunutzen und seinen Beitrag auf Euskara zu halten und mitzuteilen, dass es “Ein Glück sei, in einem Land zu leben, in dem es verschiedene Sprachen gäbe“. Etwas kryptisch und widersprüchlich, nachdem seine Partei am Vortag die Parole ausgegeben hatte, die neuen Sprachen nicht benutzen zu wollen.

Als der PP-Sprecher das Euskara ins Mikro pustete, waren die Parlamentsränge bereits nicht mehr vollständig besetzt. Denn die Faschisten von VOX waren schon nach den ersten Fremd-Worten aufgestanden und hatten der Sumar-Chefin Yolanda Díaz als Zeichen ihrer Missbilligung demonstrativ die Übersetzungs-Kopfhörer auf den Tisch geworfen. Keine größere Überraschung. Für die Ultrarechte muss in diesem Moment ein Teil ihres gedachten Weltgefüges zusammengebrochen sein. Richtig sauer wurden sie dann, als sie vom “Verrat“ des PP-Sprechers erfuhren.

Ein PNV-Abgeordneter kommentierte den neo-franquistischen Abmarsch mit den Worten: “Die da jetzt gehen, haben früher die baskische Sprache verboten und ihre Benutzung unter Strafe gestellt“. Den Nagel auf den Kopf getroffen. Im Franquismus war das Euskara vierzig Jahre lang verboten, es gab Strafen für Erwachsene und solche für Kinder. VOX ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, klarzustellen, dass sich an dieser Verbots-Mentalität nicht geändert hat, aber auch gar nichts. Wenn es irgendwelche Wege gibt, der baskischen Sprache und Kultur (und den anderen beiden) den Garaus zu machen, willkommen. Kein Grund also, Sektflaschen zu entkorken.

Schon gar nicht in Brüssel, wo am selben Tag über ein ganz ähnliches Thema diskutiert wurde: die offizielle Zulassung der drei Sprachen. Hier kam der Widerstand von anderer Seite, international: Was mag das alles kosten? Und wer steht noch in der Warteschlange? Den aufkommenden Widerstand im Auge, übte sich der spanische Außenminister in vorauseilendem Gehorsam und nahm Galizisch und Baskisch gleich wieder aus dem Antrag heraus. Blieb nur Katalanisch, mit der Begründung, das sei jene Sprache, für die in der Vergangenheit die größten Anstrengungen unternommen worden seien. Wie bitte? fragten sich das einige Bask*innen ohne Missgunst.

Im Hintergrund stand offenbar der Sachverhalt, dass Euskara und Gallego von nicht so vielen Sprecher*innen praktiziert wird, im Gegensatz zu den 10 Millionen Katalan*innen, die sich bekanntlich von Valencia über die Balearen bis weit in den französischen Staat ausbreiten. Das Argument, dass es in der EU Sprachen gibt, die über weit weniger Sprecher*innen verfügen – Gälisch, Maltesisch – lag in der Luft. Wieder ohne Missgunst. Das EU-Parlament ist ein unbeweglicher Koloss, der vom Kapitalismus und von Millionen von Rechtsradikalen genährt wird und bei dem die Regionen und Minderheiten nur stören. Also besser doch kein Feiertag.

(2023-09-18)

SELBSTVERBRENNUUNG

kolu47x18Joseba Elósegui Odriozola wurde 1915 in Donostia geboren und starb 1990. Er war Mitglied der PNV, nahm im Krieg von 1936 an der Verteidigung von Euskadi teil, war mehrmals wegen seiner politischen Überzeugungen im Gefängnis und praktizierte im Jahr 1970 vor den Augen des verhassten Diktator Franco eine Selbstverbrennung, die fast zu seinem Tode führte – heute vor genau 52 Jahren, am 18. September.

Joseba Elósegui studierte Handelslehre in San Sebastián und Bildende Kunst in Paris. Als Aktivist der Baskischen Nationalistischen Partei (PNV) war er mit nur 20 Jahren Hauptmann der baskischen Armee, konkret des Bataillons "Saseta" und später Kommandant der Republikanischen Armee in Katalonien. Er wurde 1937 zum Tode verurteilt, kam aber schließlich nach einem Austausch von Kriegsgefangenen frei. Später kämpfte er in der 145. gemischten Brigade der 44. Division. Am Ende des Krieges überquerte seine Einheit die französische Grenze, er ging nach Frankreich ins Exil.

Am 18. Juli 1946 hisste Elósegui auf dem Turm der Kathedrale Buen Pastor in San Sebastián eine baskische Flagge, Ikurriña, die während des Franco-Regimes verboten war. Am 18. September 1970, bei der Eröffnung der Pelota-Weltmeisterschaft in der Anoeta-Sporthalle von San Sebastián, als Franco höchstpersönlich anwesend war, zündete sich Elósegui von der zweiten Tribüne aus an und rief Gora “Euskadi askatuta“ - Es lebe das freie Euskadi. Infolge dieser Aktion, bei der zwei franquistische Polizei-Inspektoren schwer verletzt wurden, schwebte er einige Tage zwischen Leben und Tod und wurde anschließend zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

Im Jahr 1977 veröffentlichte Elósegui das Buch “Quiero morir por algo“ (Für etwas will ich sterben). Darin berichtet er aus erster Hand über die Bombardierung von Guernica während des Spanischen Bürgerkriegs durch die deutsche Legion Condor und die italienische Luftwaffe, die auf Seiten der aufständischen Faschisten Krieg führten, und über seine Aktion, sich 1970 vor Franco in die Flammen zu werfen.

In den ersten drei Legislaturperioden nach Francos Tod wurde Elósegui bei den Wahlen von 1979, 1982 und 1986 für die PNV zum Senator ernannt und übte dieses Amt aus vom 1. März 1979 bis zum 2. September 1989. Am 6. Juni 1984 war er der Protagonist eines berühmten Vorfalls, als er die Ikurriña des Itxarkundia-Bataillons stahl, die im Armeemuseum in Madrid ausgestellt war und zu einer Sammlung mit dem Titel "Fähnchen der republikanischen Seite während des Befreiungskrieges" gehörte. Da er damals Senator war, musste das zuständige Gericht den spanischen Senat um eine Aufhebung der parlamentarischen Immunität ersuchen, der vom Senat im September 1985 abgelehnt wurde, so dass er nicht vor Gericht gestellt werden konnte. Nach der Spaltung der Baskischen Nationalistischen Partei im Jahr 1986 schlug er sich auf die Seite der neuen Partei Eusko Alkartasuna. Er starb am 5. November 1990 im Alter von 74 Jahren an einem Herzstillstand.

(2023-09-13)

VERMALEDEITER TOURISMUS

kolu47x13Der Stadtrat von Donostia, eine homogene Mischung aus neoliberalen Christdemokraten und neoliberalen Sozialdemokraten, will die Erteilung neuer Genehmigungen für Hotels und Touristen-Unterkünfte durch eine Änderung des Allgemeinen Stadt-Entwicklungs-Plans (PGOU) einschränken. Davon ausgenommen sind jedoch die bereits genehmigten Unterkünfte, obwohl die in der Stadt bereits 10% der Wohnungen in Beschlag nehmen. Neue Hotels, Tourismus-Wohnungen oder andere Beherbergungs-Betriebe auf Grundstücken und in Gebäuden für Wohnzwecke soll es in der Concha-Stadt nicht geben, zumindest vorläufig.

Die für “nachhaltige Stadtplanung“ (welch ein Begriff!) zuständige Stadträtin und ein Mitglied der Redaktionsgruppe "Änderung des PGOU zur Regelung der Beherbergungs-Nutzung" haben Einzelheiten zu diesem Ansatz erläutert: Das Projekt muss mehrere Phasen durchlaufen, eine Umweltverträglichkeits-Prüfung, ein erster Entwurf, Präsentation und Bewertung der Einsprüche, bevor es endgültig genehmigt wird. Im April 2024 läuft die Übergangsregelung aus, mit der der Stadtrat die Eröffnungs-Genehmigungen für neue Betriebe (Hotels, Herbergen, Pensionen) und Ferien-Wohnungen ausgesetzt hat. Diese Regelung soll nun um ein Jahr verlängert werden. Der Termin für die endgültige Änderung des PGOU liegt somit im Jahr 2025.

Die wesentliche Konsequenz des vorgestellten Konzepts besteht darin, dass all jene Lizenzen für die Eröffnung von Tourismus-Unterkünften (Hotels, Herbergen oder Ferienwohnungen), Touristenheimen und -zimmern auf Wohn-Grundstücken und in Wohn-Gebäuden "im gesamten städtischen Umfeld der Stadt" unmöglich werden sollen. Vom Geltungsbereich des Plans ausgenommen sind Grundstücke, die nicht für Wohnzwecke deklariert sind und die nach Ansicht des Rates keinem touristischen Druck ausgesetzt sind (sofern sie nicht um-deklariert werden).

Das Projekt unterteilt den städtischen Raum in zwei Bereiche. Der erste, die "rote Zone", besteht aus den Vierteln Antiguo, Centro, Gros, Ibaeta und einem Teil von Egia (Paseo de Francia, Paseo del Urumea und Aldunaene). Dieses Gebiet wird für "gesättigt" erklärt, da es sich um das Gebiet mit “dem größten touristischen Druck“ handelt, hier wird die Errichtung neuer Tourismus-Unterkünfte verboten. Mit einer Ausnahme: denkmalgeschützte Gebäude von kulturellem und historischem Wert kommen für neue Beherbergungs-Betriebe weiter in Frage. Beispiele wären der Satrustegi-Turm oder "kleine" Wohnblocks, wie sie in Ategorrieta und Intxaurrondo zu finden sind. In der zweiten Zone, die aus den übrigen Vierteln oder Teilen davon besteht, betrifft das Verbot neuer Genehmigungen nur die zur Bebauung vorgesehenen Grundstücke oder Gebäude.

10% Touristen

Das Projekt der Stadtverwaltung würde zwar verhindern, dass die Prognosen für das Wachstum der Unterkunfts-Betriebe in der Stadt (laut Mikel Iriondo ein Anstieg von 20% in drei Jahren) erfüllt werden, aber es verringert nicht den Nachfrage-Druck, unter dem die Hauptstadt bereits leidet. Und nach den vorgelegten Daten ist dieser Druck beträchtlich.

Sie zeigen, dass der Anstieg des Tourismus zwischen 2005 und 2019 mehr als 85% und zwischen 2019 und 2022 um die 16,5% beträgt. Der Anstieg der Übernachtungen in denselben Zeiträumen betrug 96% bzw. 14,6%. Die Auswirkungen in den einzelnen Stadtvierteln sind unterschiedlich - fast 45% der touristischen Einrichtungen befinden sich im Zentrum, dem am stärksten betroffenen Gebiet. Derzeit kommen zehn Touristen auf 100 Donosti-Bewohner*innen in der Stadt: macht schlappe 10%.

In der Bevölkerung herrscht große Sorge, wie sich in der Fragerunde nach der Präsentation zeigte. Mindestens drei Personen betonten, dass das Problem bereits ausreichend ernst sei, um eine Überprüfung der bereits geltenden Tourismus-Lizenzen zu fordern. Ein Stadtrat der linken Koalition EH Bildu warnte, dass sich der touristische Druck durch die im Projekt vorgesehene Ausnahme "wie ein Ölfleck ausbreiten könne", wenn es um die Rettung denkmalgeschützter Gebäude gehe. Vor allem deshalb, weil Ategorrieta und Intxaurrondo an die Zonen mit allerhöchster Nachfrage grenzen. (naiz)

(2023-09-09)

DAUERALARM BEI GESCHLECHTS-SPEZIFISCHER GEWALT

kolu47x09Das baskische Netzwerk der Überlebenden von geschlechtsspezifischer Gewalt schreibt: Es ist grotesk zu glauben, dass im Zusammenhang mit einem strukturellen Problem, zu spekulieren, ob die systematische Ermordung von Frauen durch Männer ausreichend hoch ist, um sie als nicht mehr akzeptabel oder normal zu bezeichnen, sondern als bedeutsam oder als Anzeichen für eine Krise".

Am vergangenen Montag, dem 4. September, hat das Ministerium für Gleichstellung einen Krisenausschuss einberufen, um auf die "hohe Konzentration" von Morden an Männern im August zu reagieren. Das Baskische Netzwerk der Vereinigungen von Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt überlebt haben, gibt ein Kommuniqué heraus, um drei Themen anzusprechen, die uns große Sorgen bereiten.

1- Zu den Schlussfolgerungen des oben erwähnten Ausschusses. Mit Erstaunen stellen wir fest, dass bei den beabsichtigten Maßnahmen der Aggressor derart im Hintergrund bleibt, dass er als unveränderliches Element erscheint, gegen das nichts weiter getan werden kann als die Opfer zu schützen. Vorschläge wie die Begleitung des Opfers bei der Abholung ihrer Habseligkeiten, die verstärkte Kontrolle der Voraussetzungen für den Erhalt und die Erneuerung von Waffenscheinen, Warnung vor den Vorstrafen des Partners, offene Türen bei Opfer-Einrichtungen usw. sind Maßnahmen, die zwar notwendig sind, um Risiken zu minimieren Doch vermeiden sie in jedem Fall die Notwendigkeit, direkt auf die Angreifer einzuwirken.

Bei allen Maßnahmen handelt es sich um Situationen, in denen der Staat anerkennt, dass es einen Angreifer gibt, der möglicherweise erneut agieren wird, aber dennoch nicht direkt auf ihn einwirkt. Es ist, als handele es sich um ein unaufhaltsames meteorologisches Phänomen, um einen Tornado, der eben kommt, als wäre es ein Naturgesetz, dass Männer Frauen angreifen. Doch das ist nicht der Fall. Der Staat hat in vielen Fällen die Mittel, die Gewalt zu stoppen. Zum Beispiel im Zusammenhang mit den systematischen Verletzungen von Annäherungs-Verboten. Warum gehen die Behörden nicht gegen die Angreifer vor, wenn dies geschieht?

2- Zum Konzept des "Krisenstabs". Von einer Krise zu sprechen, wenn es sich um ein strukturelles Problem handelt, ist ein schwerwiegender Fehler in der Analyse, der nicht nur die Ausarbeitung von Vorschlägen erschwert, die über das Konjunkturelle hinausgehen, sondern auch ein falsches Signal sendet an eine Gesellschaft, die sich des Ausmaßes des Problems, mit dem wir konfrontiert sind, noch sehr wenig bewusst ist. Männliche Gewalt gehört zum System. Sie ist die direkte Folge des Patriarchats. Wir lassen uns von dieser Vorstellung nicht abbringen.

3- Über den Grund der Einberufung von Krisenausschüssen. Die werden einberufen in Zeiten mit einer hohen Konzentration von Morden, das heißt, fünf oder mehr. In direktem Zusammenhang mit der vorherigen Feststellung ist es grotesk zu denken, dass im Rahmen eines strukturellen Problems, das zur systematischen Ermordung von Frauen durch Männer führt, die Zahl der Opfer eine bestimmte Höhe erreichen muss, damit sie nicht mehr als akzeptabel oder normal betrachtet wird, sondern als signifikant und als Anzeichen für eine Krise. Jedes Opfer zählt. Eigentlich müsste ein andauernder Alarmzustand herrschen.

Das baskische Netzwerk hält einen ständigen Dialog mit den Vereinigungen der Opfer und Überlebenden männlicher Gewalt für notwendig. Eine gemeinsame, ernsthafte und kontinuierliche Arbeit zwischen der Zivilgesellschaft und den öffentlichen Einrichtungen ist unabdingbar, um Fortschritte bei der Entscheidungsfindung zu erzielen und zu verhindern, dass die Aufmerksamkeit immer wieder von der Wurzel des Problems der männlichen Gewalt abgelenkt wird. Zum baskischen Netzwerk der Überlebenden von geschlechts-spezifischer Gewalt gehören: Bizitu Elkartea, Verband der Überlebenden von geschlechtsspezifischer Gewalt (Bizkaia); Guerreras del Alto Deba (Gipuzkoa); Goizargi Emakumeak (Araba).

(2023-09-06)

MIGRATION IN EUSKADI

kolu47x06Ikuspegi (bask: Blickpunkt), die baskische Beobachtungsstelle für Migration, hat neue Daten über den Anteil migrantischer Bevölkerung in den Provinzen Araba, Bizkaia und Gipuzkoa veröffentlicht. Das Stadtzentrum mit dem höchsten Anteil von Migrant*innen ist Vitoria-Gasteiz mit 14,9%, gefolgt von Bajo Bidasoa (Gipuzkoa) mit 14,1%. Insgesamt macht die zugewanderte Bevölkerung in der Autonomen Region Baskenland (CAV) 11,5% der Gesamtbevölkerung aus. Am 1. Januar 2022 waren in der CAV insgesamt 2.208.174 Personen registriert, von denen 253.939 ausländischer Herkunft waren.

Was die Verteilung der Bevölkerung ausländischer Herkunft im Territorium betrifft, so weisen die Hauptstädte den höchsten Prozentsatz auf. Auf die drei Hauptstädte entfallen 68,3% der Gesamt-Bevölkerung der drei Provinzen: 38,2% im Großraum Bilbao, 15,3% in Donostialdea und 14,8% in Vitoria-Gasteiz. Was den prozentualen Anteil der Menschen ausländischer Herkunft an der Gesamtbevölkerung nach Landkreis betrifft, so weisen die folgenden sechs die höchsten Prozentsätze auf, alle über dem Durchschnitt der drei Hauptstädte, was auf wirtschaftliche Faktoren zurückzuführen ist. Zwei davon liegen in Araba: Vitoria-Gasteiz (14,9%) und Laguardia-Rioja Alavesa (12,3%). Die anderen vier liegen in Gipuzkoa: Bajo Bidasoa (14,1%), Bajo Deba (12,2%), Goierri (11,9%) und Donostialdea (11,7%).

Damit heben sich der Landkreis Gasteiz, in dem der höchste Anteil von Personen ausländischer Herkunft konzentriert ist, und der Bajo Bidasoa an der Grenze zu Frankreich ab. In einer zweiten Gruppe finden sich die Landkreise mit einem Migrationsanteil unter dem CAV-Durchschnitt, aber über 10%: Großraum Bilbao (11,3%), Hochebene Araba (11%), Markina-Ondarroa (10,9%), Añana (10,8%), Gernika-Bermeo (10,7%), Tolosaldea (10,6%) und Duranguesado (10,2%).

Der Migrationsstrom hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr zugenommen. Im Jahr 1998 machte die Bevölkerung ausländischer Herkunft 1,3% der Gesamtbevölkerung aus. Dieser Anteil stieg allmählich und lag 2008 bei 6,6%. Seitdem hat die Wirtschaftskrise dazu geführt, dass die Migrationsströme langsamer zunehmen. Im Jahr 2019 erreichte er 10,1% der Bevölkerung. Der Prozentsatz variiert auch je nach Geburtsland. Lateinamerika ist das Ursprungsland, in dem 52% der Migrant*innen geboren wurden. Es folgen die Maghreb-Staaten (14,5%), die Europäische Union (14,2%) und, in geringerem Maße, Afrika südlich der Sahara (7,2%) und Asien (6,5%).

Was die wichtigsten Herkunftsländer für Euskadi betrifft, so ist Marokko das Land mit der höchsten Zahl, Kolumbien an zweiter Stelle, in Vitoria-Gasteiz an erster Stelle. In Donostialdea ist das Haupt-Herkunftsland Honduras. Ikuspegi stellt fest, dass sich Männer und Frauen ungefähr die Waage halten, der Anteil von Frauen liegt mit 52,3% etwas höher. Die Aufteilung nach Geschlechtern hat laut Ikuspegi mit der geografischen Herkunft zu tun: unter den aus Lateinamerika Kommenden sind mehr Frauen als Männer, unter denen aus Afrika südlich der Sahara und Nordafrika ist es umgekehrt, hier überwiegen die Männer.

(2023-09-01)

DAS FUSSBALL-PATRIARCHAT

kolu47x01Ohne Zweifel:die spanischen Fußball-Funktionäre haben den Frauen ihren eben errungenen Weltmeisterinnen-Titel derart mit Dreck überzogen, dass fast niemand mehr darüber zu sprechen wagt. Dass sich der Verbandschef erst aus Freude in die Eier griff, dann eine Spielerin schulterte und schließlich erzwungene Küsse verteilte wurde zum Skandal. War aber nicht genug für seinen Rücktritt. Bei einer außerordentlichen Versammlung teilte er aus, alle andern lügen, allen voran die Frauen. Und erhielt stehenden Applaus von seiner Männerriege. Die baskischen Funktionäre traten schon vorher zurück, weil die Geschichte zum Himmel stank, nur ein einziger spanischen Kicker war in der Lage, den Skandal zu artikulieren. Bis die FIFA einschritt und den Sexisten suspendierte.

Der ist weit davon entfernt, zurückzutreten und benimmt sich wie ein bekannter, besonders ungeschickter, arroganter und sturer argentinischer Politiker, der als „patagonische Ente“ bezeichnet wurde. Der Vergleich rührt daher, dass diese Ente die merkwürdige Angewohnheit hatte, beim Gehen ununterbrochen zu kacken, so dass sie bei jedem Schritt einen kleinen Haufen abließ. Genau das ist der Eindruck, den der abgesetzte Chef des Spanischen Fußballverbands in diesen Tagen mit seiner ungestümen Flucht nach vorn hinterließ. Vom Abpfiff des Frauen-Finales an, als die spanischen Frauen zum ersten Mal in ihrer Geschichte den WM-Titel erlangten, begann der Chef, die patagonische Ente zu imitieren. Daraus wurde ein schändlicher Auftritt eines entfesselten Fanatikers, der Auftritt einer Person, die vor den Augen der Welt den gesamten staatlichen Fußball repräsentierte, absolut unwürdig. Die Erklärung ist einfach. Denn im Stadion von Sydney dachte dieser Chef nicht einen Moment lang daran, dass er jemand anderen als sich selbst repräsentierte. Ein Sonnengott. L’État c’est moi. Narzissmus, Egomanie.

Ein Vernunftmensch wäre im eleganten Hintergrund geblieben und hätte die vorderen Plätze denen überlassen, die sie verdient hatten: Spielerinnen und Trainerstab. Das Gegenteil war der Fall, er machte sich zum Mittelpunkt der Siegesfeier, mit seiner obszönen Geste an den Trainer machte er klar, dass es seine Eier waren, oder sein Ego, die den Erfolg bewirkt haben. Das Bild, das er hinterließ, hätte nicht machistischer und erbärmlicher sein können. Dass er sich dessen nicht bewusst war, erscheint unverständlich, doch ist die Erklärung einfach. Arroganz und Macho-Gehabe waren stärker als der Überlebensinstinkt eines Leaders, der mächtige Feinde und viele Skandale an den Hacken hat, dass er den Verlust seines Amtes und seiner Millionen-Gage fürchten muss.

Alles wäre anders gelaufen, wenn er sich am Final-Abend entschuldigt hätte, als der Kuss noch eine unangebrachte Geste war, ein euphorischer Scherz. Doch Einsicht ist nicht die Stärke den Egomanen. Der zündelte mit Druck nach allen Seiten, brachte das Erdbeben auf die Stufe 10 der Richter-Skala und machte sich vorübergehend zum Staatsfeind Nummer eins.

Die baskischen Clubs, Trainer, und Präsidenten nannten das Gebären unerhört, forderten ein Ende des Spektakels und verweigerten sich. Doch die patagonische Ente war zu euphorisch und blähte die Brust, der Chef ging in die Offensive, und schaufelte sein eigenes Grab. Der letzte Akt war, in einem Schreiben die UEFA aufzufordern, die spanischen Teams und ihre Vereine wegen der Einmischung der Regierung von den europäischen Turnieren auszuschließen. Ein Fehltritt nach dem anderen, bis zur endgültigen Niederlage. Aufs Schlechteste dargestellt hat sich nicht nur der Chef, sondern auch der Verband, der einen solchen Egomanen einst wählte. Der Sonnengott sucht den Weg zum Schafott.


ABBILDUNGEN:

(*) Tagespresse

(ERST-PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-09-01)

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