Rache für Carrero
Von seinen politischen Vertrauten wurde und wird José Miguel Beñaran “Argala“ genannt. Die noch aktiven Geheimdienste der Franco-Diktatur setzten dem Leben des historischen ETA-Führers 1978 ein Ende, noch bevor er sein dreißigstes Lebensjahr erreicht hatte, mit einer Autobombe im französischen Angelu, Argalas Exilort in Iparralde. Wenige Tage vor seinem Tod träumte “Argala“ von einem organisierten Volk. Ohne es zu wissen, war dies sein posthumes Vermächtnis, das er dem Baskenland hinterließ.
José Miguel Beñarán “Argala“ (07.03.1949 Arrigorriaga / 21.12.1978 Anglet, Iparralde), war Mitglied von ETA und einer der wichtigsten marxistisch-leninistischen Ideologen der Organisation. Die rechtsextreme Terrorgruppe Batallón Vasco Español ermordete ihn mit einer Autobombe als Vergeltung für das Attentat auf Francos designierten Nachfolger Carrero Blanco.
Als Kind interessierte sich José Miguel Beñaran nicht besonders für die Frage der baskischen Nation. Als Opfer von Francos Indoktrination in der Schule hielt er sich für einen spanischen Patrioten und war ein Anhänger des Diktators. Doch die Hinweise seiner Eltern, die die baskische nationalistische Partei (PNV) unterstützten, und die nächtlichen Sendungen des illegalen Untergrund-Senders Radio Pirenaica brachten ihn der baskischen Frage näher. Zunächst mit einem kindlichen Interesse, und später, im Erwachsenenalter, war er in der Lage, die Wahrheit zu erkennen über das, was das franquistische Schulsystem ihm einzutrichtern versucht hatte. (1)
Die Journalistin Mertxe Aizpurua erzählt Argalas Geschichte in dem Buch “Argala. Pensamiento en acción“ (Argala. Denken in Aktion, 2019), dass Argala auf den Zugfahrten von und zur Luco-Akademie in Basauri, wo er damals studierte, Josu Urrutikoetxea “Ternera“ kennenlernte und sich mit ihm anfreundete. Mit leiser Stimme und unterstützt durch das Rattern des Zuges kommentierten die beiden die damaligen Ereignisse, die mit ETA in Zusammenhang standen, einer Organisation, die unter den baskischen Jugendlichen für Furore zu sorgen begann.
Beide schlossen sich der Organisation früh an, zwischen 1968 und 1969. “Seltsamerweise“, so heißt es in der Biografie von Argala, die Aizpurua (heute Mitglied von EH Bildu im spanischen Kongress) als Journalistin bei GARA veröffentlichte, “nannten beide (ohne es zu wissen) jeweils den Namen des anderen als Person, die von der Organisation angeworben werden könnte“.
Ende 1968 und Anfang 1969 gab es mehrere Verhaftungen von ETA-Aktivisten, die zu den Justiz-Ermittlungen 31/69 führten, in deren Folge der Prozess von Burgos gegen 16 ETA-Mitglieder angesetzt wurde. Das Ergebnis dieser Polizeiaktionen, so Aizpurua in ihrem Buch, “bedeutete, dass praktisch alle ETA-Kader im Süden des Baskenlandes verhaftet wurden oder in den Norden geflohen sind“. Mehrere Aktivisten, darunter Argala und Josu Ternera, blieben inmitten eines Klimas der Repression, das das Regime 1970 verschärfte, allein zurück.
Paradoxerweise war es ausgerechnet der massive Protest der Bevölkerung gegen den Burgos-Prozess, der die Organisation mit neuen Kämpfern stärken sollte. ETA, die damals zwischen den Anhängern der Fünften und denen der Sechsten Versammlung gespalten war, wollte auf die repressiven Machenschaften Francos reagieren. Argala und andere Genossen begannen tatsächlich damit, “neben dem Gefängnis von Burgos einen Tunnel zu graben, um die sechzehn Angeklagten zu befreien. Eine Stahlbeton-Mauer verhinderte das Vorankommen beim Graben und vereitelte die Flucht der Gefangenen. Doch Argala konnte die Erfahrung beim Graben von Tunneln nutzen.
Die letzten Jahre
Er war eines der Mitglieder des Kommandos Txikia, das drei Jahre später am Attentat auf den Präsidenten der spanischen Regime-Regierung, Luis Carrero Blanco, beteiligt war. Er war es, der die Idee hatte, den Tunnel unter der Straße zu graben, um den Sprengstoff zu deponieren, mit dem der Admiral getötet werden sollte. Diese Aktion sollte die Grundfesten von Francos faschistischem Spanien erschüttern. Zwei Jahre später starb der Diktator und in Spanien begann der so genannte “demokratische Übergang“, der nie wirklich einer war.
Die Tatsache, dass eine Gruppe bewaffneter Basken, die bis dahin nur ein einziges geplantes tödliches Attentat verursacht hatte (den des Folterers Melitón Manzanas) und die bis dahin nicht außerhalb des Baskenlandes agiert hatte, das Attentat ausführen und die Sicherheitskräfte der Diktatur überlisten konnte, war eine Beleidigung für die Mitglieder des Geheimdienstes (SECED), für dessen Erneuerung der Admiral selbst verantwortlich gewesen war. Aus diesem Grund verfolgten die Verantwortlichen des SECED ein klares Ziel: Rache. Der Countdown für den Tod des ETA-Aktivisten hatte bereits begonnen.
Argala, der Mann aus Arrigorriaga lebte im Exil in Ipar Euskal Herria, als er 1976 von der französischen Polizei verhaftet und zusammen mit anderen baskischen Flüchtlingen auf die Insel Yeu verbannt wurde, wo er seine Lebensgefährtin Asun Arana heiratete. Ein wiedergefundenes Video zeigt die Abreise einiger Flüchtlinge von Yeu im Februar 1977, darunter Argala.
Nach seiner Rückkehr nach Euskal Herria nahm er aktiv an den Txiberta-Gesprächen verschiedener baskischen Parteien und Organisationen (über eine mögliche gemeinsame Strategie in der Zukunft) teil, die von Telesforo Monzón organisiert wurden (2). Doch der Tod saß ihm bereits im Nacken. Am 21. Dezember 1978, einen Tag nach dem fünften Jahrestag des Anschlags auf Carrero Blanco, wurde Argala in Angelu getötet, unter Beihilfe der paramilitärischen Gruppe, die gegen die algerische Unabhängigkeit gekämpft hatte. Sie zündeten die Bombe, die sie zuvor unter seinem Auto platziert hatten.
Wenige Tage vor seinem Tod nahm Beñaran eine an seine Heimatstadt gerichtete Botschaft auf, die veröffentlicht werden sollte, nachdem Arrigorriaga den beliebten Nachbarn Argala verloren hatte. Beñaran war sich nicht bewusst, dass seine Botschaft, wie die Aufforderung an das baskische Volk, sich selbst zu organisieren, sein posthumes Vermächtnis werden würde. Dies ist einer der Sätze, die aus dem Text herausragen: “Ich weiß aus Erfahrung, dass die ETA-Kämpfer keine Gewalt mögen. Ihr kennt mich ein wenig, zumindest einige von euch, ihr wisst, wie ich war, als ich dort lebte, und ihr wisst, dass auch ich sie nicht mochte. Das ist die gleiche Situation für alle ETA-Kämpfer, aber wir sind gezwungen zu kämpfen“.
Aufgrund eines Streiks seiner Mitarbeiter berichtete die linke baskische Tageszeitung EGIN erst sechs Tage später, am 27. Dezember 1978, über den Tod des historischen Kämpfers Argala. Aus diesem Grund wurde das Bertso-Gedicht, das der Bertsolari Xabier Amuriza José Miguel Beñaran widmete, erst in der Ausgabe vom 27. Dezember desselben Jahres veröffentlicht, einen Tag nach der Beerdigung in der Bizkaia-Stadt. Dies war der Abschied des Bertsolari von Argala:
Abenduaren hogeita bata / hura berri kriminala / goizean entzun genuenean / bota zutela Argala.
Oraindik gure historia da / luzea eta zabala.
Uste duenak Euskadi bere / mutilarekin hil zala / bizirik utzi zuen herriko / oihua jaso dezala.
Einundzwanzigster Dezember / jene kriminelle Nachricht / als wir am Morgen hörten / dass sie den Dünnen umgeworfen haben.
Noch ist es unsere Geschichte / lang und breit.
Wer glaubt, dass Euskadi / mit diesem Jungen gestorben ist / dem Volk, das am Leben blieb / der soll den Schrei hören.
ANMERKUNGEN:
(1) “Argala', una muerte que legó un país vivo” (Argala, ein Tod, der ein lebendiges Volk hinterlässt), Tageszeitung Gara, 2024-12-21 (LINK)
(2) Die Txiberta-Gespräche im Jahr 1977 waren ein Versuch, die baskischen nationalistischen Kräfte mit den beiden damaligen bewaffneten Organisationen ETA (militar) und ETA (politico-militar) zu vereinen, ein Wagnis, das an der Weigerung einiger Akteure scheiterte, von ihren ursprünglichen Positionen abzuweichen. Es war eine verpasste historische Chance, die, wenn sie geglückt wäre, den Verlauf der baskischen Geschichte in den letzten Jahrzehnten verändert hätte. Ein positiver und einvernehmlicher Ausgang hätte ein gemeinsames institutionelles Vorgehen gegenüber dem spanischen Staat und dem Versuch eine Demokratisierung bedeutet, möglicherweise hätten die beiden ETAs nicht beschlossen, den bewaffneten Kampf weiterzuführen. Vielleicht wirkte sich die Nähe der ersten Wahlen nach Francos Tod, die für den 15. Juni 1977 angesetzt waren, nachteilig auf die Parteien aus, die mehr oder weniger auf diesen Wahlkampf und die Wahlbeteiligung ausgerichtet waren. (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Argala (naiz)
(2) Argala (naiz)
(3) Carrero Attentat (naiz)
(4) Argala Beerdigung (naiz)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-12-21)
