ogro1Das Ende von Carrero Blanco

Keine Aktion in der 60-jährigen Geschichte der baskischen Untergrund-Organisation ETA (Euskadi ta Askatasuna – Baskenland und Freiheit) hat derart tiefe Spuren in der spanischen Geschichte hinterlassen wie das Attentat gegen Francos designierten Nachfolger Carrero Blanco. In einer Epoche, in der sich die franquistische Diktatur angesichts von Volkswiderstand und vielen Streiks in der Krise befand, tötete ETA in einem spektakulären Attentat den Nachfolger. Interview mit der Schriftstellerin Eva Forest.

Carrero Blanco (1904-1973) war ein franquistischer Offizier und Politiker, Graue Eminenz des Franquismus, rechte Hand von Diktator Franco. 1973 wurde er als Regierungschef vereidigt. Die Schriftstellerin Eva Forest interviewte die Carrero-Attentäter und wurde dafür gefoltert und inhaftiert.

Vor 50 Jahren, am 20. Dezember 1973 wurde der designierte Nachfolger von Diktator Franco in Madrid mit einer Autobombe getötet. Der im Folgenden dokumentierte Artikel erschien im Jahr 2005 in der linken Tageszeitung Junge Welt: ein Interview mit der aus Katalonien stammenden und im gipuzkoanischen Hondarribia lebenden Aktivistin und Schriftstellerin Eva Forest – über Spanien und das Baskenland, den Sender “Tele Sur“ und ihre Publikation „Operation Menschenfresser“ (Operación Ogro) zum Attentat auf den franquistischen Politiker Luis Carrero Blanco. Interview: Gerd Schumann. (1)

Attentat auf Carrero Blanco

“Am 11. Juni 1973 wurde Admiral Carrero Blanco als Nachfolger Francos als Regierungschefs vereidigt. Der 80jährige Franco zog sich offiziell aus dem operativen Regierungsgeschäft zurück und fungierte nur noch als Staatsoberhaupt. Carrero Blanco, der schon zuvor an exponierter Stelle an den Planungen zur Überführung des Regimes in eine Monarchie mit König Juan Carlos I. mitgewirkt hatte, wurde als ‘starker Mann‘ und Garant für politische Konitinuität in Spanien über den Tod Francos hinaus angesehen. Tatsächlich aber starb Carrero Blanco knapp zwei Jahre vor Franco: Am 20. Dezember 1973 explodierte in Madrid eine unterirdische Bombe unter seinem gepanzerten Auto. Die Wucht der Explosion war so heftig, dass sein Wagen 35 Meter in die Höhe und über eine Kirche und ein fünfstöckiges Wohnhaus hinweg geschleudert wurde, in dessen Innenhof der Wagen auf einem Balkon im 2. Stock landete. Carrero Blanco hatte in der genannten Kirche des Heiligen Francisco de Borja kurz zuvor an der Morgenmesse teilgenommen. Er starb wenige Minuten nach der Explosion, sein Leibwächter und sein Fahrer sofort.“ So wurde 2005 das Attentat auf Carrero bei Wikipedia geschildert.

Eva Forest, Aktivistin und Schriftstellerin

ogro2Eva Forest wurde 1928 als Tochter des spät-impressionisten Malers und Anarchisten Juan Forest sowie einer Arbeiterin in Barcelona geboren. Die Ärztin und Widerstandskämpferin heiratete 1955 Alfonso Sastre (1926-2021), die beiden hatten drei Kinder. Von 1956 bis 1962 lebten Eva Forest und Alfonso Sastre im Exil in Paris, nachdem Alfonso Sastre während antifranquistischen Protesten 1956 inhaftiert worden war. In Paris schrieb sie ihren Roman “Febrero“ (Februar). Nach ihrer Rückkehr aus dem Exil wurde sie 1962 als Verantwortliche einer Demonstration von Frauen zur Unterstützung streikender Bergarbeiter in Asturien verhaftet. Da sie sich weigerte eine Strafe zu zahlen, blieb sie einen Monat lang im Gefängnis. 1966 besuchte sie zum ersten Mal Kuba.

Am 17. September 1974 wurde Eva Forest wegen der Unterstützung des Widerstandskampfes gegen das Franco-Regime verhaftet und blieb bis zum 20. Mai 1977 inhaftiert, nachdem das neue spanische Parlament eine Amnestie für politische Gefangene beschlossen hatte. In der Haft wurde sie wiederholt gefoltert. Zuvor war unter dem Pseudonym Julen Agirre ihr Buch “Operación Ogro“ (deutsch: “Operation Menschenfresser“) erschienen. Dafür hatte Eva Forest Interviews mit den ETA-Aktivisten geführt, die den Anschlag gegen den designierten Franco-Nachfolger Luis Carrero Blanco organisiert und durchgeführt hatten. Das Buch wurde zu einem Bestseller im Untergrund. Versteht sich, dass in oppositionellen Kreisen des franquistischen Staates eine beträchtliche “heimliche Freude“ herrschte über die gelungene Aktion der baskischen Untergrund-Organisation.

Interview Eva Forest

Frage: Sie leben seit Jahrzehnten im Baskenland. Von dort aus konnten Sie schon so manchen Regierungswechsel in Madrid beobachten – die baskisch-spanische Frage blieb offen. Was tut sich Neues unter Premier Zapatero?

Eva Forest: Nicht viel. Die Repression hält an. Der Widerstand auch. Ministerpräsident José Luis Zapatero könnte in Sachen des uralten spanisch-baskischen Konflikts tatsächlich etwas zum Guten hin bewegen – und dabei mit einer eigentlich recht einfachen Sache beginnen: Dass die über 600 politischen Gefangenen aus dem Baskenland nicht weiter über den spanischen Staat verteilt sind, sondern ins Baskenland verlegt werden. Das wäre eine kleine, aber bedeutsame Geste. Das ist derzeit nicht in Sicht, obwohl es angeblich Verhandlungen zwischen Madrid und der baskischen Unabhängigkeitsbewegung geben soll. (…)

F: Sie gehören gemeinsam mit Ihrem Mann Alfonso Sastre zu den Mitbegründern der “Bewegung zur Verteidigung der Menschheit“ und warnen insbesondere vor der eskalierenden Gewalt im Zuge des US-Weltkriegs (Irak), der vorgeblich “gegen den Terror“ geführt wird. Wie schätzen Sie diese vor zwei Jahren gegründete, von bekannten Schriftstellern und Künstlern getragene Bewegung ein?

Eva Forest: Sie ist sehr jung und wächst rasch. Aber sie ist weitgehend reduziert auf Intellektuelle und Künstler. Diese können allein wenig ausrichten. Sie sollten sich zusammensetzen und mit den Massenbewegungen unserer Zeit, mit den Globalisierungsgegnern, der Sozialbewegung reden. Sie sollten mit Arbeitern und Bauern diskutieren und zusammenarbeiten. Und in dieser Solidarität werden alle Seiten die Probleme der Gesellschaft besser kennenlernen. Es geht wirklich um das Überleben der Menschheit.

F: Das hört sich pathetisch an – und genau so könnte es sicherlich auch von größeren Teilen der Bevölkerung zunächst aufgefasst werden. Oder wie wollen Sie die Dramatik der Weltlage verdeutlichen?

Eva Forest: Wahr ist: Es ist grausam, was im Irak passiert. Aber grausamer noch ist, dass die Leute blind dafür sind. Diese Manipulation der besonderen Art bezeichnet Noam Chomsky als “Gedankenkontrolle“. Das Elend wird also von vielen Menschen akzeptiert. Sie üben dann keine Kritik mehr an den katastrophalen Zuständen, weil sie diese nicht als Problem empfinden. Ich meine, dass Krieg, Unterdrückung und Folter fürchterlich sind, Geißeln der Menschheit, aber schlimmer ist, dass diese Geißeln – und vor allem diejenigen, die sie schwingen – nicht bemerkt, nicht angeklagt, nicht bekämpft werden. Und dass niemand die Systemfrage stellt. Denn: Eine Gesellschaft, die derartiges Elend verantwortet, muss in Frage gestellt werden und verschwinden.

F: Als ein Gegengewicht zur „Gedankenkontrolle“ geht in diesen Tagen der Fernsehsender „tele Sur“ (Fernsehen des Südens) ans Netz. Initiiert von der „Bewegung zur Verteidigung der Menschheit“ soll eine Art alternatives CNN entstehen, also eine Stimme der Aufklärung im besten Wortsinn. Derzeit stellt sich “tele Sur“, wie der Name andeutet, als lateinamerikanisches Projekt dar. Hätte Ähnliches auch im europäischen Raum Perspektive?

Eva Forest: Ich finde es zunächst sehr wichtig, eine mediale Institution zu schaffen, die für eine kritische Linie des Denkens einsteht und Anstöße zum Nachdenken liefert. Die herrschenden Medien sind kontrolliert von den Herrschenden. Von daher gesehen drängt sich der Gedanke auf: Wir müssen unsere eigenen Medien entdecken, entwickeln und gründen.

F: Sie selbst haben dies mit Ihrem Verlag Hiru ebenso getan wie mit Ihrer schriftstellerischen Arbeit. Berühmt wurden Sie unter dem Pseudonym “Julen Aguirre“, dessen Enttarnung für Sie persönlich schreckliche Folgen hatte. Ausgangspunkt des Geschehens war der 20.12.1973, als in Madrid der spanische Ministerpräsident und designierte Nachfolger des Diktators Franco, Admiral Luis Carrero Blanco, von einem Kommando der baskischen Untergrund-Organisation ETA (Baskenland und Freiheit) in die Luft gesprengt wurde. Wie haben Sie dieses Ereignis erlebt?

Eva Forest: Es war so etwas wie eine Befreiung – als wenn ein Korken aus der Flasche fliegt. Oder: Als wenn der Weg aus der Diktatur freigeräumt wird. Carrero Blanco stand zur damaligen Zeit als Person für die Weiterführung des Regimes. Aber abgesehen von der politischen Bewertung rief die Aktion so etwas wie Freude in Teilen der Bevölkerung hervor – einfach so, weil es wirklich gelungen war. Es war perfekt geplant und durchgeführt. Die Aktion hatte gezeigt, dass es möglich war, etwas gegen die Diktatur zu unternehmen. Sie war nicht unverwundbar, so die Lehre.

F: Und Sie selbst bemühten sich darum, den genauen Tathergang zu rekonstruieren und unter illegalen Bedingungen zu veröffentlichen. Warum wollten Sie das?

ogro3Eva Forest: Um der ganzen Sache das Geheimnisvolle zu nehmen. Und um zu zeigen, dass es ganz einfache Leute waren, die diese Tat geleistet hatten. Stellen Sie sich vor: Das ETA-Kommando schaffte es, über Monate eine Straße unbemerkt zu untertunneln, den Alltag von Blanco genau zu beobachten, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun - und das alles unter sehr komplizierten Bedingungen. Schließlich passte dieser Vorgang überhaupt nicht in die Konzeption anderer verbotener Organisationen. Keine von diesen verfügte in ihrer festgefahrenen Analyse über ein Konzept, was denn strategisch gegen die Diktatur zu tun war. Und die Kommunistische Partei meinte gar, dass nicht der Widerstand das Ende des Franco-Nachfolgers herbeigeführt hatte – das müssten andere Kräfte, womöglich Agenten gewesen sein. Auf alle Fälle war von “Terrorismus“ die Rede. Diesen Mythos wollte ich enttarnen.

F: Heute würde sicherlich kaum jemand auf die Idee kommen, die Attentate beispielsweise auf Hitler als “Terrorismus“ zu bezeichnen, wie das in Spanien der Fall war und obwohl es zumindest in der gewalttätigen, offen-terroristischen Herrschaftsform des deutschen und des spanischen Faschismus viele Parallelen gibt ...

Eva Forest: Ein interessanter Vergleich.

F: Es gelang Ihnen, den Kontakt zu den vier Attentätern herzustellen und diese – unter streng konspirativen Bedingungen – zu interviewen. Das Ergebnis war das bekannteste verbotene Buch der Franco-Zeit “Operación Ogro“ (Operation Menschenfresser). Erinnern Sie sich noch an den Tag, als Sie (von der spanischen Polizei) gefangen genommen wurden?

Eva Forest: Es war der 17. September 1974. Die Wohnungstür war halb offen, weil ein Schreiner bei uns arbeitete. Plötzlich traten verschiedene Herren ein, meinten, ich soll mich nicht aufregen, sie hätten einen Haussuchungsbefehl. Ich dachte zunächst an einen normalen Vorgang, wie er häufig zu Francos Zeiten vorkam. Aber dann stellten die Zivilpolizisten den Schreiner in einem separaten Raum mit erhobenen Händen an die Wand, durchsuchten jeden Zentimeter, klopften die Wände ab. Es war anders als bei normalen Razzien. Ich spürte, dass sie mich abholen wollten oder meinen Lebensgefährten.

F: Gefunden wurden bei Ihnen Teile des Buch-Manuskripts. Die Polizei nahm Sie mit, Sie wurden zehn Tage hindurch gefoltert – Ihr späteres “Tagebuch aus einem spanischen Gefängnis“ schilderte die Lage und trug zur Entwicklung einer breiten internationalen Solidaritäts-Bewegung mit Ihnen bei und gegen die Diktatur. Bis zum Tag Ihrer Freiheit. Da war Franco bereits anderthalb Jahre tot.

Eva Forest: Es war ein unbeschreibliches Gefühl im Mai 1977. Wir waren die letzten politischen Gefangenen des Regimes. Neben dem Gefängnis war eine Fabrik. Die Arbeiter haben mich erwartet. Wir wurden herzlich empfangen. In der Kanzlei meines Anwalts gab es noch eine Presse-Konferenz. Ich würde genau dasselbe wieder tun, habe ich gesagt, und dass ich nichts bereue.

Eva Forest

International bekannt wurde Eva Forest mit dem Band “Tagebuch und Briefe aus einem spanischen Gefängnis“, der 1975 auf Deutsch erschien. Aufgrund dieser Publikation formierte sich internationale Solidarität mit Eva Forest, verbunden mit einer Kampagne zu ihrer Freilassung. Möglicherweise trug dies dazu bei, dass sie bei ihrem Prozess 1975 der Todesstrafe entging. Denn ihr war vorgeworfen worden, an einem Sprengstoff-Anschlag auf ein Madrider Polizisten-Café beteiligt gewesen zu sein.

Nach ihrer Freilassung als eine der letzten Gefangenen der Franco-Diktatur 1977, zog Eva Forest ins Baskenland, wo sie auch als Verlegerin tätig wurde. In dem von ihr gegründeten Verlag Hiru (Drei) wurden neben ihren eigenen Werken und den Stücken und Essays ihres Mannes Alfonso Sastre unter anderem Werke von Peter Weiss, Dario Fo, Heiner Müller und Noam Chomsky publiziert, die unter Franco nicht hatten verlegt werden dürfen. Daneben blieb sie weiterhin schriftstellerisch aktiv und politisch engagiert. Eine neuere Erzählung (Alice) von Eva Forest thematisiert zum Beispiel die auch nach Franco noch praktizierte Folter im spanischen Staat. Weltweit engagierte sie sich zugunsten politischer Gefangener. Intensive Kontakte verbanden sie seit den frühen 1960er-Jahren mit Kuba. Am 19. Mai 2007 starb Eva Forest mit 79 Jahren im baskischen Hondarribia an einem Krebsleiden.

Weitere Publikationen

ogro4Baskultur.info publizierte in der Vergangenheit zwei weitere Artikel, die Eva Forest und das Attentat auf Carrero Blanco zum Thema hatten. Am 19-05-2020 erschien ein Artikel zur Erinnerung an Eva Forest mit dem Titel “Eva Forest in Erinnerung – Antifranquistin, Internationalistin“. Am 18-12-2021 folgte ein zweiter Artikel, der sich mit der “zufälligen“ Übereinstimmung der Todestage des Faschisten Carrero Blanco (1973) und des ETA-Führers José Miguel Beñarán "Argala" (1978) beschäftigt. Letzterem wird eine Beteiligung am Attentat zugeschrieben, was auf eine gezielte Racheaktion von Neofaschisten genau fünf Jahre später schließen lässt. Titel: “21.Dezember: Argala / Carrero – Im Schicksal vereinte Feinde“. (2) (3)

Der Verlag Hiru

In Eva Forests Verlag Hiru erschienen neben den Werken von Alfonso Sastre unter anderem die spanischen Ausgaben von Titeln der Autoren Peter Weiss (Die Ästhetik des Widerstands), Heiner Müller, Dario Fo, Noam Chomsky, Howard Zinn. Von Eva Forest wurden auf Deutsch unter anderem folgende Titel veröffentlicht: "Operation Menschenfresser. Wie und warum wir Carrero Blanco hingerichtet haben - ein authentischer Bericht und Dokumente von ETA“ (Schwarzdruck), “Tagebuch und Briefe aus einem spanischen Gefängnis“ (Berlin 1975), “Alice“, Eine Erzählung, Über Repression und Verfolgung im Baskenland“ (Berlin 1988).

ANMERKUNGEN:

(1) “Es war wie eine Befreiung“, Tageszeitung Junge Welt, 2005-07-23 (LINK)

(2) “Eva Forest in Erinnerung – Antifranquistin, Internationalistin“, Baskultur.info, 2020-05-19 (LINK)

(3) “21.Dezember: Argala / Carrero – Im Schicksal vereinte Feinde“, Baskultur.info, 2021-12-18 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Eva Forest (ehs)

(2) Eva Forest (les femmes)

(3) Carrero Blanco, Franco (eldiario)

(4) Forest, Sastre (Michelena KG)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-10-09)

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information