Die radikale Version
Vom Clash-Konzert im Anoeta-Stadion über die Punkband Eskorbuto bis zum Abschied von Kortatu. Der Journalist Javier Jerry Corral hat ein spannendes Buch von 842 Seiten veröffentlicht unter dem Titel “Fiesta und Rebellion. Mündliche Geschichte des radikalen baskischen Rock“ (Fiesta y rebeldía. Historia oral del rock radical vasco) – die Geschichte einer Bewegung, die nach dem Franquismus ebenso kulturell wie politisch inspiriert war. Interviews mit 70 Protagonist*innen der Bewegung “Made in Euskadi“.
Der Baskische Radikale Rock (RRV) war eine musikalische Bewegung Mitte der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre. Eine heterogene soziale und politische Bewegung, die Musikstile wie Punk, Urban Rock, Heavy Metal, Ska oder Reggae umfasste, unter Einfluss der ersten Punk-Gruppen (Sex Pistols, Ramones, The Clash). Euskara hielt Einzug in die Rock-Musik.
Das Konzert von The Clash in Anoeta 1981 und die Auflösung von Kortatu 1988 waren zwei Schlüsselmomente für das Verständnis der musikalischen “Movida“ (Bewegung) im Baskenland in jenem Jahrzehnt. Dokumentiert auf den 842 Seiten des Buches “Fiesta y rebeldía. Fiesta y rebeldía. Historia oral del Rock Radical Vasco“ (Mündliche Geschichte des Radikalen Baskischen Rocks), das aus 71 Interviews mit vielen der Protagonist*innen rekonstruiert wurde, die in den 80er Jahren den Soundtrack zur baskischen Musikszene lieferten. “Ich hatte viel Material, das gekürzt, resümiert und angepasst werden musste, hier ist es, es war wie ein Puzzle“, sagt der Journalist Javier Jerry Corral, stolz auf das Buch mit dem Cover von Niko Vázquez, das derzeit bei Power Records und auf der Website liburuak.org sowie ab 2025 im Buchhandel erhältlich ist.
Jerry erklärt, dass das Buch aus zwei verschiedenen Teilen besteht: “Der erste ist in 12 Kapitel unterteilt, mit Themen wie der wirtschaftlich-industriellen Krise der frühen 80er Jahre, der Einfluss des angelsächsischen Punks auf die Entwicklung des Phänomens. Auch, ob es einen geheimen Plan für die Einführung von Drogen gab, Rolle und Einfluss der nationalistischen Linken bei der Verbreitung des Phänomens. Oder die Meinung der Leute von damals, die nicht Teil der Bewegung waren und die in Anführungszeichen “Dissidenten“ genannt werden, weil sie zu anderen Genres gehörten. Danach ein umfangreicher zweiter Teil, in dem 16 der Protagonist*innen des RRV zu Wort kommen, allesamt Musikerinnen und Musiker der wichtigsten Gruppen: Fermin Muguruza, Evaristo Páramos von La Polla Records, Roberto Moso von Zarama, Pako Galán von Eskorbuto, Loles von Las Vulpes, Jimmi von Tijuana in Blue, Pedro Espinosa von Potato, Txerra von RIP.
Gibt es eine endgültige Antwort auf die Einführung von Drogen?
Javier Jerry Corral: Ich habe bei praktisch allen Themen, nach denen ich gefragt habe, eine Antwort gefunden, und die Antworten sind für alle Geschmäcker. In dieser Frage steckte für die einen Absicht dahinter, die anderen sagen, das sei nur Einbildung, und schließlich gibt es jene mit Zweifeln. Es war meine ursprüngliche Absicht, eine breite Palette verschiedener sozialen Realitäten anzubieten, die in jenen Jahren hier, wie an jedem anderen Ort der Welt, nebeneinander existierten.
Was ist radikaler baskischer Rock?
JJC: Es ist eine Art, eine Reihe von Gruppen zu bezeichnen, die in vielen Dingen übereinstimmten, aber nicht in allen. Die musikalischen Einflüsse selbst können unterschiedlich sein, auch die Herkunft der Gruppen. Aber es gab Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel das, was ich zu Beginn des Buches als “Ärger genannte Muse“ bezeichne: ein Teil der Jugend der frühen 80er Jahre sah, dass sie einer komplizierten Zukunft mit einer großen sozialen und politischen Krise entgegenging.
Und wir hatten gerade die Diktatur hinter uns gelassen.
JJC: Franco hatte gerade das Zeitliche gesegnet, aber es gab noch viele Spuren des Franquismus. Zumindest gab es viele Leute, die so dachten. Der demokratische Übergang wurde hier nicht für bare Münze gehalten, viele Leute gingen davon aus, dass alles nur eine Verlängerung des Franquismus war, oder dass alles viel zu langsam ging. Auf der anderen Seite gab es diese Rückbesinnung auf die baskische Identität oder die Identität der baskischen Nation oder des baskischen Volkes, die langsam dominierte. Es gab eine Reihe von Gruppen, die sich in vielen dieser Dinge einig waren oder zumindest in dieser Atmosphäre lebten. Auch wenn sie später sowohl in ihren Texten als auch in ihrer Musik unterschiedlich damit umgingen.
Kannst du drei oder vier Schlüsselmomente nennen?
JJC: Ein entscheidender Moment war das Konzert von The Clash im Mai '81 im Radrenn-Stadion von Anoeta. 7.000 Anwesende, unter ihnen einige der Musiker, die später zu den Bands dieser Bewegung gehören sollten. Denn beim Radikalen Basken-Rock handelt es sich nicht um ein Musikgenre, sondern um verschiedene mit den bereits erwähnten Merkmalen. Ein weiterer wichtiger Moment war, als im Oktober 1983 der Name als solcher in einem Manifest auftauchte, das in der Tageszeitung EGIN als Ergebnis der Aktionstage veröffentlicht wurde, bei denen die Schließung des Militär-Schießgeländes von Bardenas in Südnavarra gefordert wurde, was im Buch als “Jahr Null“ bezeichnet wird. Bis dahin gab es andere Bezeichnungen, Gruppen wie Zarama oder Eskorbuto, die wir Rock de la Margen Izquierda (Rock vom linken Ufer, Industriegebiet Groß-Bilbao) nannten. Wichtig war auch, dass es ein paar Bands gab, die nicht nur im Untergrund agierten, wo der Rock im Baskenland bis dahin sein Auskommen suchen musste. Die meisten Gruppen spielten in kleinen Lokalen, in Pelota-Frontons, in Gaztetxes (besetzte Jugendzentren). Doch dann gab es ein paar führende Bands des RRV, die Straßen und größere Bühnen eroberten: La Polla Records, Kortatu, Barricada ... Die wichtigen Jahre sind von 83 bis Anfang der 90er. (Die legendäre Punkband Eskorbuto hat nie das Etikett des Radikalen Baskischen Rocks akzeptiert, aber sie wurden in die Bewegung des aufgenommen.)
Dann kam der Niedergang.
JJC: Ja, wir haben alle Interviewpartner nach einer Grabinschrift für diesen Moment gefragt. Es gibt Schlüsselmomente wie die Auflösung von Kortatu und die Gründung von Negu Gorriak, was damals ein radikaler Akt war, denn es war das Ende einer erfolgreichen Gruppe. Aber sie waren der Meinung, sie müssten ein neues und anderes Projekt entwickeln. Dann machte Hertzainak eine Ballade wie “Aitormena“ (bsk: Geständnis), die für einige das Ende des Zyklus markierte. Und in den 90er Jahren tauchten andere Gruppen mit anderen Einflüssen auf.
Vom Tsunami mitgerissen
Aber in der Musikgeschichte der 80er Jahre im Baskenland gab es auch Bands, die aus dieser Bezeichnung herausfielen und alles wie einen Tsunami erlebten, der sie mit sich riss oder sie unsichtbar machte. “Ja, im Buch nennen wir sie in Anführungszeichen Dissidenten oder Antagonisten, Pop, Metal, symphonische Gruppen ... das sind Los Santos, Lavabos Iturriaga, Mikel Erentxun, Baster. Diese Leute kamen damals zusammen, sie gehörten zu dieser Generation, waren aber dennoch in andere Projekte verwickelt. Auch wenn sie darin einig waren, dass es sich um eine Situation des Protests oder der Wut oder des Zorns handelte, spiegelten ihre Texte andere Dinge wider. Denn letztendlich läuft so die Geschichte der Musik und der Menschheit. Es gibt einige, die die Dinge mit Namen nennen, und andere, die über allgemeinere oder intimere Dinge sprechen. Dann gibt es noch die Stile von einer weicheren, ausgefeilteren, ruhigeren Musik, die zu anderen Ausdrucksformen führen. Wir haben auch mit Leuten vor dem Rock Radikal gesprochen, wie Ruper Ordorika, Fran Lasuen von Oskorri, Anje Duhalde von Errobi. Ich habe das Juan Carlos Pérez von Itoiz vorgeschlagen, aber er war nicht motiviert, du bekommst nie hundertprozentig die Leute, die du interviewen willst. Oder mit Niko Etxart, mit dem wir es ebenfalls nicht geschafft haben.“
Jerry Corral hat für dieses Buch auch Musiker aus der späteren Szene kontaktiert, die von neuen Bewegungen beeinflusst wurden, die in den 90er Jahren von Außerhalb kamen, wie Grunge und Indie, zum Beispiel Leute vom Getxo Sound, oder solche aus San Sebastián, wie Nuevo Catecismo Católico, La Perrera, Señor No, die für andere Einflüsse stehen.
“Irgendwie haben seit den 90er Jahren fast alle Musiker ein größeres musikalisches Niveau und sind etwas anspruchsvoller, auch wenn sie zum Teil aggressive Musik machen“. Es gibt auch zeitgenössischere Künstler wie Porco Bravo, Lendakaris Muertos, das Kollektiv Chill Mafia – “was ein Spiegelbild des Phänomens sein kann, das auf die heutige Zeit mit ganz anderer Musik übertragen wird“ – Verde Prato, Tatxers, Vulk, Belako und andere.
Jerry reiste nach Madrid und Barcelona, um die Zeugenaussagen von Servando Carvallar, Jesús Ordovás, Ramoncín, Manolo De La Uvi, Manel de los Decibelios und zwei Personen zu hören, die während der Entstehung des Buches gestorben sind: Morfi Grei von La Banda Trapera del Río, und der Journalist Carlos Tena, der in dieser Geschichte nur am Rande vorkommt. Er war derjenige, der Las Vulpes dazu brachte, “Me gusta ser una zorra“ (Gerne bin ich eine Schlampe) in der Sendung “Caja de Ritmos“ (Rhythmus-Kiste) im spanischen Fernsehen zu singen, was zu einem Skandal führte, der zur Schließung der Sendung führte. Das spiegelt sich im Buch wider.
Apropos Las Vulpes: Wie kamen Frauen und Musikerinnen beim Radikalen Baskischen Rock weg?
JJC: Eine der ersten, die wir interviewt haben, war eine Künstlerin von heute, Ana Arsuaga von Verde Prato, die 27 Jahre alt war, als wir mit ihr sprachen. Sie hat mir unter anderem geantwortet, dass sie im RRV eine sehr maskuline Bewegung sieht.
Männlich oder machohaft?
JJC: Beides. In gewisser Weise kann “männlich“ hier ein Euphemismus für “Macho“ sein. Es ist nicht genau das Gleiche, aber in diesem Fall denke ich, dass es beides ist. Aber nicht nur beim Radikalen Baskischen Rock und auch nicht im Rock im Allgemeinen, sondern in der Gesellschaft als Ganzes. Das geschieht immer noch, aber weniger stark. In der Tat ist eine der großen Veränderungen im Rock, dass in den letzten Jahren diese Männlichkeit oder dieser Machismo, oder wie immer wir es nennen, verschwunden ist. Wir müssen bedenken, dass diese aggressivere Musik logischerweise im Prinzip viel mehr Männer als Frauen angezogen hat. Hier haben wir Las Vulpes, Loles Vázquez stimmt dem absolut zu, sie litt darunter wie alle Frauen. Und Aurora Beltrán, als sie bei Belladona war, und Marieli Poti, von Cicatriz en la Matriz, sie alle sprechen in dem Buch darüber. Es gab weibliche Vertretung, aber sehr wenig.
ESKORBUTO IST PRÄSENT
Was machen wir mit der Gruppe Eskorbuto, die die Bezeichnung RRV immer verabscheut hat?
JJC: Gut, sich zu distanzieren ist eine Sache, andererseits sollen sie einbezogen werden. In der Tat, das Etikett mochte damals niemand. In der Öffentlichkeit sagte niemand etwas Positives dazu. Die ersten, an die ich mich erinnere, die sich als Rock Radikal bezeichneten, allerdings ohne den Zusatz “baskisch“ einen baskischen Nachnamen zu tragen, waren die von Eskorbuto.
Es muss besondere Momente gegeben haben, Zeitreisen, die dich mit dem Erlebten verbunden haben?
JJC: Wir haben Evaristo dort interviewt, wo die ganze Geschichte von La Polla Records begann, in einer Bar namens Otxoa, in Salvatierra, Agurain. Es war ein schöner Anfang, als wir in die Städte oder Dörfer gingen, aus denen die Musiker stammten. Auch im Haus von Pedro Espinosa und Elena López Aguirre von Potato, ein Ehepaar, die in Durana leben, 7 Kilometer von Gasteiz entfernt. Das Interview mit Fermin Muguruza in seiner heimischen Küche … All das spiegelt sich in dem Buch wider, denn in jedem persönlichen Interview gibt es eine kleine Präsentation, in der wir diese Geschichten erzählen. Wie von dem Tag, den wir in Mutriku in einem Fischerhaus verbracht haben, um mit Mitgliedern von Delirium Tremens zu sprechen. Das waren coole Momente, in denen ich den Eindruck hatte, nicht zum Interview gekommen zu sein, sondern in die Unterkunft der Fischer geführt zu werden. Viele dieser Begegnungen wurden auch gefilmt, wer weiß, vielleicht wird irgendwann ein Dokumentarfilm daraus.
Die 16 “Stimmen einer Revolte“
Das Buch enthält neben den Aussagen vieler anderer Musiker und Kenner des radikalen baskischen Rock ausführliche Interviews mit Aurora Beltrán (Belladona, Tahúres Zurdos), Andoni Basterretxea und Txufu (Delirium Tremens), Claus Groten (Vómito), Evaristo Páramos (La Polla Records), Fermin Muguruza (Kortatu, Negu Gorriak), Jimmi (Tijuana in Blue), Josu Zabala (Hertzainak), Kaki Arkarazo (M-ak, Negu Gorriak), Loles Vázquez (Vulpes), Marieli Arroniz, Poti (Cicatriz en la Matriz), Mikel Abrego, Pintza (BAP!!), Niko Vázquez (MCD), Pako Galán (Eskorbuto), Pedro Espinosa (Potato), Roberto Moso (Zarama) und Txerra Bolinaga (RIP).
WEITERE BKI-PUBLIKATIONEN ZU BASKISCHER ROCK-MUSIK:
(*) Baskischer Rock - Berri Txarrak: "Schlechte Nachrichten" / 2015-03-07 (LINK)
(*) Azkena Rock Festival – 15 Jahre Rock-Kultur in Gasteiz / 2016-06-08 (LINK)
(*) Baskische Musikszene – Rock, Txalaparta, Alboka und Triki / 2018-01-02 (LINK)
(*) Musik und Zensur – Die legendäre Freiheit des radikalen Rock / 2018-03-23 (LINK)
(*) Frauen-Punk: Der Zeit voraus – Der frühe Skandal um die Vulpes / 2021-05-09 (LINK)
(*) Fermin Muguruza – 40 Jahre Kortatu / 2024-07-04 (LINK)
(*) Fermin Muguruza im Gespräch – Ich gehöre zur Kulturfront / 2024-11-22 (LINK)
ANMERKUNGEN:
(1) “Del concierto de The Clash en Anoeta al adiós de Kortatu y la canción Aitormena, pasando por Eskorbuto” (Vom Clash-Konzert in Anoeta über Eskorbuto bis zum Abschied von Kortatu und dem Lied Aitormena), Tageszeitung El Correo, 2024-12-27 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Eskorbuto 1984 (elcorreo)
(2) Buch-Cover
(3) Cicatriz en la Matriz (elcorreo)
(4) Eskorbuto (elcorreo)
(5) F+I Muguruza (elcorreo)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-12-30)
