Das baskische Akkordeon
Baskische Volksmusik ist ohne das diatonische Akkordeon Trikitixa kaum vorstellbar. Dabei verdankt das Baskenland diese Trikitixa einem Italiener, der nach Zumarraga in Gpuzkoa kam, um Eisenbahn-Tunnel zu bauen. Dies dokumentiert nun der Dokumentarfilm “Hauspoa & Tunela” (Blasebalg und Tunnel). Filmemacher Iñaki Pinedo und Musiker Gorka Hermosa haben anhand von zwanzig Zeitzeugen-Berichten die Geschichte dieses Instruments nachgezeichnet. Er wurde in einer Bilbiothek in Bilbao uraufgeführt.
Das diatonische Akkordeon ist ein Instrument aus der Familie der Aerophone, zu der auch die Konzertina, die Mundharmonika und das Bandoneon gehören. Es unterscheidet sich vom chromatischen Akkordeon durch die Struktur bestimmter Tonleitern.
Der Dokumentarfilm beginnt mit nebelverhangenen Bergen und tanzenden Menschen bei einem Volksfest, untermalt von baskischer Musik. Der bekannte Schriftsteller Bernardo Atxaga erklärt, dass die Trikitixa bis heute überlebt hat, weil sie immer mit dem im Baskenland so wichtigen Tanz verbunden war. Der Filmemacher Iñaki Pinedo (Bilbao, 1966) und der Akkordeonist und Komponist Gorka Hermosa (Urretxu, 1976) haben in “Hauspoa & Tunela” (Blasebalg und Tunnel) alte Videoaufnahmen und mehr als zwanzig Zeitzeugen-Berichte zusammengetragen, um die Geschichte dieses beliebten Instruments nachzuzeichnen. (1) Die Schriftstellerin Toti Martínez de Lezea, der Rockmusiker Fermin Muguruza, Schauspieler Jon Plazaola aus Urretxu, Schauspieler und Regissur Joseba Apaolaza ebenfalls aus Urretxu, der Bertsolari Jon Maia, der Trikitixa-Spieler Joseba Tapia und andere erzählen die Details. Natürlich darf auch der Triki-Virtuose Kepa Junkera (2) nicht fehlen, der zusammen mit Hermosa und der legendären Band Trikitixa aus Zumarraga den Titelsong des Films komponiert hat, mit einem Text von Jon Maia.
Die kuriose Geschichte, wie das Instrument, das die baskische Kultur wie kaum ein anderes symbolisiert, in den baskischen Lebensalltag trat, beginnt in der Kleinstadt Zumarraga in Gipuzkoa, das sich von einem kleinen Dorf zu einem wichtigen Verkehrs-Knotenpunkt entwickelte, dank der Eisenbahnlinie Ferrocarril del Norte (Nord-Eisenbahn), für deren Bau zeitweise bis zu 10.000 Arbeiter gleichzeitig benötigt wurden. Aus diesem Grund wurde der Ort zu einer Art Western-Stadt, wie Juanjo Olaizola, Initiator und erster Direktor des Baskischen Eisenbahn-Museums in Azpeitia im Film erinnert. Viele Arbeiter kamen von außerhalb, darunter ein Italiener mit Schnurrbart namens Juan Bautista Busca. Er kam im Jahr 1859 an, um an den Arbeiten für den Eisenbahn-Tunnel im Nachbardorf Zegama mitzumachen.
Die Arbeiter blieben nicht nur ein paar Wochen, sondern zum Teil deutlich länger und begannen, im Ort Wurzeln zu schlagen. Juan Bautista heiratete eine Kantinenwirtin und hatte Nachkommen, von denen eine Ur-Enkelin, Uxoa Busca, in dem Dokumentarfilm mitwirkt und sich an ihren Ur-Großvater erinnert. Juan Bautista brachte ein diatonisches Akkordeon mit, und es wird davon ausgegangen, dass Bautistas Instrument das erste seiner Art im Baskenland war. Zusammen mit seinen Kindern, die Klarinette und Klavier spielten, gründete er die Stadtkapelle von Zumarraga.
Die Trikitixa
Die Trikitixa (baskisch: kleines Akkordeon) ist ein diatonisches Knopf-Akkordeon. Es handelt sich um ein Blasinstrument, das seit dem 19. Jahrhundert auch im Baskenland gespielt wird, meistens zusammen mit einem Tamburin. Daher wird weniger das Instrument als vielmehr die Art von Musik, die dieses Duo erzeugt, mit dem Namen Trikiti bezeichnet. Sein Ursprung liegt in Italien, doch seine Verwendung verbreitete sich auch in anderen Regionen Europas, und Amerikas aus, allerdings mit einigen Änderungen. Im Baskenland kam es Ende des 19. Jahrhunderts auf. (3)
Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1889 und bezieht sich auf eine Wallfahrt nach Urkiola in Bizkaia. Die offensten Theorien besagen, dass dieses Musikinstrument aus den Alpen, von der Grenze zwischen Frankreich und Italien, stammt. Die Vereinigung der Trikitixas des Baskenlandes hat ihren Sitz in Zarautz, Gipuzkoa. Die Trikitixa wurde in der Gesellschaft verachtet und missbilligt: Die katholischen Priester sahen sie als “Blasebalg der Hölle”, weil sie die Menschen zum engen Tanz animierte und die Kirche solche Tänze in jenen Jahrhunderten verbot. Die Kirche, die Stadtverwaltung und die Regierung führten gemeinsam einen Feldzug gegen die Trikitixa, verboten Wallfahrten und nahmen in einigen Fällen sogar Tänzer fest, die zu ihrer Musik tanzten und Musiker, die sie spielten. Der baskische Nationalismus, in seinen Anfängen streng katholisch geprägt, nahm dieses Musikinstrument erst nach dem Krieg als eigenes Kulturelement an.
Der Name Trikitixa wird hauptsächlich im Baskenland, in Navarra oder an Orten mit baskischer Kultur verwendet und bezeichnet in der Regel einen Tanz, einen Paartanz und einen Solotanz oder einen Stil traditioneller baskischer Musik, bei dem diese Art von Akkordeon verwendet wird. Im Baskenland hat sich das Instrument im 19. Jahrhundert für die Interpretation populärer Musik durchgesetzt, da es nicht nur einen vollen Klang hat, sondern auch klein und leicht zu transportieren ist: Es ist sehr üblich, dass die Musiker dieses Instrument im Stehen oder Gehen spielen, wenn sie auf einem Volksfest auftreten.
Die Gesellschaft hat seit dem letzten Jahrhundert bis heute große Veränderungen erlebt. Die Trikitixa hat sich zusammen mit der Gesellschaft verändert und sich neuen Einflüssen, Stilen und Interpretationsweisen geöffnet. Der Musikforscher Juan Mari Beltrán ist der Meinung, dass “in der heutigen Gesellschaft der damalige Wunsch nach Tänzen auf dem Dorfplatz nicht mehr vorhanden ist. Die Trikitixa hat neue Räume gefunden und befindet sich noch immer in einem ständigen Wandel. Es entstehen neue Wege, aber im Allgemeinen bleibt sie ein populäres Element. Viele Menschen leben weiterhin von der Trikitixa (als Lehrer, Verkäufer, Musiker, Organisatoren). Es hat sich auf populärer Ebene verbreitet. Es kann festgestellt werden, dass die traditionelle Ausrichtung der Trikitixa Teil des kulturellen Erbes ist. “Wenn sie sich nicht wandelt, bleibt sie nicht bestehen und stirbt“.
Die Taverne von Euxebio
“Juan Batista legte den Grundstein für ein fremdes Instrument, das Akkordeon, das sich mit dem traditionellen Klang der baskischen Tamburine verband und zu dem führte, was wir heute als Trikitixa kennen, eines der markantesten musikalischen Merkmale der baskischen Kultur. Eine Geschichte, die die Bereicherung widerspiegelt, die die Ankunft von Menschen unterschiedlicher sozialer, kultureller und sprachlicher Herkunft für jede Aufnahmekultur mit sich bringt”, meint Gorka Hermosa, der an derselben Stelle lebte, an der sich früher das Gebäude befand, in dem die Taverne von Euxebio untergebracht war. Dort begann Anfang des 20. Jahrhunderts die Geschichte der legendären Band Trikitixa de Zumarraga, die bis heute existiert und einen wichtigen Teil der Geschichte des Instruments darstellt. Es gibt Videos (4), die Menschen zeigen, die in dieser Taverne spielen und tanzen.
Der Filmemacher Iñaki Pinedo verrät, dass die Recherchearbeit viel Zeit in Anspruch nahm: “Die Dreharbeiten waren kompliziert, aber noch komplizierter war der Schnitt. Wir hatten viel Archivmaterial, sowohl Interviews als auch Dokumente, und die Auswahl war schwierig und schmerzhaft, weil man interessante Quellen verwerfen muss, um eine Geschichte zu gestalten, die funktioniert und der geplanten Länge entspricht“, etwa eine halbe Stunde. “Dies ist mein siebter Dokumentarfilm, und es ist immer ein interessantes und bereicherndes Abenteuer“, fügt Pinedo hinzu. Die Premiere fand am 30. Januar 2026 in der Bibliothek von Bidebarrieta statt. Beim Arjuntala Film Festival in Indien wurde der Film als bester internationaler Kurzfilm ausgezeichnet. Danach wurde er in Madrid vor ausverkauftem Haus in einem der Säle des Kinos Embajadores vorgestellt.
Hermosa und Pinedo arbeiteten vor Jahren zusammen, um die Musik für “Ziaboga“ (Wendepunkt beim Rudern) zu komponieren, einen Dokumentarfilm des Filmemachers über die Welt der Ruderboote in der Kantabrischen See, und später schrieb der Musiker die Filmmusik für Pinedos vorheriges Werk “En la línea del horizonte“ (Auf der Linie des Horizonts). Er erklärt: „Während dieser Zeit sprachen wir darüber, etwas zu machen, das mit Zumarraga und dem Musiker José María de Iparraguirre aus Urretxu, dem Akkordeon, den Besonderheiten des Dorfes und seiner Geschichte, der Industrie, der Eisenbahn, der Auswanderung und der kulturellen Vermischung zu tun hat. Wir sahen, dass die Geschichte und Entwicklung der Trikitixa und des Akkordeons im Baskenland all dies vereinte und dass Zumarraga in dieser Geschichte eine entscheidende Rolle spielte.“
Das “Feuer der Hölle”
Unter all diesen Pionieren hebt der Dokumentarfilm die Figur von José Oria hervor, dem Gründer der Band Trikitixa von Zumarraga: “Ein fröhlicher Mann, ein Provokateur von großer Schlauheit”, so die Schriftstellerin Antxiñe Mendizabal, “ein Partylöwe”, erinnert sich der erfahrene Trikitilari Miguel Urteaga. Toti Martínez de Lezea erzählt, dass Columbia Records 1924 Folklore aus aller Welt aufnahm und Secundino Esnaola, den Leiter des Orfeón Donostiarra, bat, ihnen die Trikitixa de Zumarraga zu empfehlen. Diese Platte wurde vom damals neu gegründeten Radiosender Radio San Sebastián eins ums andere Mal gespielt, weil sie nicht viel mehr hatten, erinnert sich die Schriftstellerin, das trug zur Verbreitung dieser Musik bei.
Von da an ist die Geschichte besser bekannt. In den 30er Jahren kam das große Akkordeon auf und wurde bald zum neuen Star der baskischen Musik. Und wenn schon das kleine Akkordeon der Kirche ein Dorn im Auge war, dann dieses große umso mehr, denn es wurde zum Spielen der “eng-umschlungen”-Tänze verwendet und man nannte es das “Feuer der Hölle”. Die Akademien füllten sich mit Schülern, denn das große Instrument wurde bald mit anderen Musikrichtungen, darunter auch der klassischen Musik, und dem Konservatorium in Verbindung gebracht, während das kleine Instrument weiterhin mit der baskischen Folklore verbunden blieb. Der Dokumentarfilm enthält noch viel mehr, bis hin zur Gegenwart, in der Frauen eine Rolle übernommen haben, die ihnen traditionell verwehrt war, da das Instrument lange Zeit nur von Männern gespielt wurde.
ANMERKUNGEN:
(1) “Das Baskenland verdankt die Trikitixa einem Italiener, der nach Zumarraga kam, um den Eisenbahntunnel zu bauen“ (Euskadi le debe la trikitixa a un italiano que vino a Zumarraga a construir el túnel del tren), Tageszeitung El Correo, 2026-01-29 (LINK)
(2) Kepa Junkera Urraza (Bilbao, 10. April 1965) ist ein baskischer Musiker, Komponist und Produzent von Volksmusik in baskischer Sprache. Als Meister der Trikitixa hat er bis 2018 dreißig Alben veröffentlicht. Im Laufe seiner Karriere erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Im Jahr 2003 erhielt er den Folklorepreis Eduardo Martínez Torner “für seine revolutionäre Arbeit im Bereich der Trikitixa“. Im Jahr 2004 wurde er für sein Live-Album K mit dem Latin Grammy Award für das beste Folk-Album ausgezeichnet. Kepa Junkera, der bekannteste baskische Trikitixa-Spieler, erlitt im Dezember 2018 während einer Tournee in Belgien einen schweren Schlaganfall, der zu Aphasie (Sprachverlust) und körperlichen Folgeschäden führte, die ihn künftig von der Bühne fernhielten. Nach einem Koma begann er einen langen Rehabilitations-Prozess und schaffte es, mit technologischer Unterstützung, darunter die Klonung seiner Stimme mittels KI, kreativ und aktiv zu bleiben.
(3) Trikitixa, Wikipedia (LINK)
(4) Video Kepa Junquera: ”Bok-Espok”, Youtube (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Trikitixa-Spieler (turismo)
(2) Trikitixa (noticias gipuzkoa)
(3) Kepa Junquera (opinion)
(4) Joseba Tapia (amigo hifi)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-02-18)
