Mit der Kolumne wird der Artikel-Charakter von BASKULTUR erweitert um Aktualität und kritische Kommentare. Der monatliche Beitrag wird (fast) täglich ergänzt mit derzeitigen Ereignissen.
Vaterlands-Tage
Vor 39 Jahren lehnte die Bevölkerung im Baskenland den Fortbestand des spanischen Staates in der NATO ab, selbiges geschah auch in Katalonien, in Nafarroa und auf den Kanarischen Inseln. Der Staat blieb dennoch im nord-atlantischen Kriegsverband, weil die übrigen Regionen anders stimmten. Nicht nur wegen dieses Erfolgs beim Referendum bleibt die antimilitaristische Bewegung stark. Beklagt wurde zuletzt vor allem die baskische Doppelmoral zwischen Bomben-Opfer der Nazis und aktueller Militärindustrie.
Friede den Hütten
Weihnachten in Valencia, wo der Schlamm noch fußhoch steht. Weihnachten in Gaza, wo weiter Bomben fallen wie Sternschnuppen. Weihnachten in Bilbao, wo 500 Obdachlose verzweifelt einen trockenen Platz für die Nacht suchen. Schon alle Weihnachtsgeschenke besorgt? Black Friday in der Innenstadt. Alles billiger! Nimm drei – Zahl zwei! Kaufrausch-Rennen zum Betäuben künstlicher Konsumwünsche. Nie waren so viele flimmernde Lichter in den Straßen von Bilbao montiert, was sind wir alle doch glücklich.
Arbeit macht krank
Unternehmer, Politik und rechte Medien haben das Thema Krankenstand im Baskenland schon länger als Speerspitze gegen die starken baskischen Gewerk-schaften ausgemacht. Absentismus wird der Sachverhalt genannt, den Begriff “blau machen“ kennen weder die spanische noch die baskische Sprache. Die Hafen-, Kreuzfahrt- und Industriellen-Stadt Getxo schlägt in den Abwesenheits-Statistiken alle Rekorde, vermeidet aber konsequent die Ursachensuche, 16 Prozent Arbeitsausfall ist eine beachtliche Leistung.
Winterliche Mobilisierungen
Die gesellschaftliche Rechts-Entwicklung findet nicht allein in xenophoben oder homophoben Diskursen ihren Ausdruck, auch “mangelnde Sicherheit“ wird in die Schlacht geworfen. Dass Donostia “erstickt“ ist keine fehlgeleitete Metapher, sondern Ausdruck der Folgen des Massentourismus. Das Guggenheim-Projekt im Urdaibai-Schutzgebiet wurde vorübergehend auf Eis gelegt: wegen Hindernissen oder zur Vorbereitung einer Attacke aus dem Hinterhalt. In Grönland schmilzt das ewige Eis. Grönland ist überall.
Kalt wie Grönland
Der Februar ist nicht so kalt wie er sein müsste, aber der August war schließlich auch heißer als er sein müsste. Keine Logik, heiß und kalt. Ein kalter Ofen sorgt in Laudio (Araba) für heiße Gemüter, weil ein US-Multi die Glas-Herstellung einfrieren will, 171 Arbeitsplätze schmoren dabei weg. Auch die Streiks in den Schulen gehen in die heiße Phase, zu viel Stress und Schülerinnen, zu wenig Personal. Bei so viel Kälte sorgt nur noch die Kathedrale San Mames für akzeptable menschliche Wärme.
In der Geschichte graben
Weiter werden im Baskenland Leichen aus dem Krieg ausgegraben und identifiziert. Ein Jahr Völkermord in Palästina hat auch in Euskal Herria tiefe Spuren hinterlassen. Antifaschisten werden vor Gericht gestellt, weil sie gegen faschistische Wahl-Akte protestierten. In den Altstädten von Donosti und Bilbo organisiert sich Widerstand gegen den mörderischen Massen-Tourismus, der normales Leben unmöglich macht. Zur Rettung eines Naturschutz-Gebiets hat sich eine Initiative gegen Haifische aufgemacht.
Gestern am Abgrund
Urte berri on – sagen Baskinnen, wenn sie treuherzig das alte Jahr verabschieden und für das neue von Herzen eine spürbare Besserung wünschen: “Jahr neu gut“. Nichts ist weiter von der Realität entfernt. 2025 beginnt mit einer kräftigen Preiserhöhung, Energie, Lebensmittel, Mieten – nicht jedoch bei den Einkünften. Die Armut-Reichtum-Schere der kapitalistischen Gesellschaften klafft weiter auseinander. Die Hoffnung lebt woanders: Rebellion, weil die Luft zum Atmen knapp wird (Frantz Fanon).
Alltag macht krank
Nach so viel Fiesta und mehr als zwei Monaten Sommer müsste es verboten sein, einfach so ins kalte Wasser geworfen zu werden: zurück an das Montage-Band, das Lehrerpult, den Lieferdienst oder den unbequemen Schulstuhl. Es ruft die Pflicht im Kapitalismus. Malochen oder darauf zuarbeiten. Die Folge: Kurz-Depression, Entzugs-Erscheinungen oder eine erste Krankschreibung wegen eines imaginären Bandscheiben-Vorfalls. Doch das Leben geht weiter, bis zur nächsten Fiesta, bis zur nächsten Demonstration.