Faschistische Netzwerke
Als Identitäre Bewegung (auch Identitäre Generation, Identitäre oder IB) bezeichnen sich aktionistische, völkisch orientierte Gruppierungen, die ihrem Selbstverständnis nach einen sogenannten “Ethno-Pluralismus“ vertreten. Sie gehen von einer ethnisch homogenen “europäischen Kultur“ aus, deren “Identität“ vor allem von einer “Islamisierung“ bedroht sei. Die Bewegung ist Teil der sogenannten “neuen“ Ultra-Rechten – der Versuch, rechtsextreme Ideologien in einem modernen Gewand zu präsentieren.
Zu den Aktivitäten der identitären Bewegung gehört eine Reihe von Unternehmen: Merchandise-Shop, Finanz-Dienstleister und Medien-Dienstleistung: Über das Unternehmens-Geflecht der Aktivisten der Identitären Bewegung. Aus Belltower.
Fachjournalisten, Wissenschaftler und Verfassungsschützer beschreiben Vorstellungen der Identitären Bewegung als “Rassismus ohne Rassen“ und ordnen die Gruppen dem Rechtsextremismus zu. In Deutschland können die Identitären vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) nachrichtendienstlich überwacht werden, weil die Positionen der IB nicht mit dem Grundgesetz vereinbar seien. Auch in Österreich und Frankreich werden sie von den Staatsschutz-Behörden überwacht. (1)
Von Beginn an bemühte sich die IB, sich von vermeintlich “alt-ultrarechten“ Gruppierungen abzugrenzen. Der NPD-Slogan “Deutschland den Deutschen“ wird unter dem Begriff “Ethno-Pluralismus“ oder “Remigration“ neu verpackt – inhaltlich bleibt jedoch alles beim Alten. Mittlerweile haben sich die rechts-extremen Aktivist*innen der IB ein umfangreiches Geflecht aus Unternehmen geschaffen. (2)
Geschichte
Die Identitäre Bewegung entstand in Frankreich und fand Anhänger in weiteren Staaten Europas. Sie wurde auch von der 2003 in Italien gegründeten neofaschistischen CasaPound-Bewegung beeinflusst. In Österreich wurde sie 2012 unter der Bezeichnung Verein zur Erhaltung und Förderung der kulturellen Identität im Vereinsregister eingetragen, in Deutschland seit 2014 als Identitäre Bewegung Deutschland. Für 2021 gab der Verfassungsschutz 500 deutsche Mitglieder an. Erhöhter staatlicher Repressionsdruck nach2010 führte zum Ausweichen der IB von offenem Neonazismus auf unverfänglichere Formen. (1)
In Deutschland ging die Gruppierung aus der “Sarrazin-Bewegung“ hervor, einer kultur-rassistischen Splittergruppe, die sich auf die Schrift “Deutschland schafft sich ab“ des rechtsextremen Publizisten Thilo Sarrazin berief. Sie repräsentiert den deutschen Ableger der Organisation “Génération identitaire“, ursprünglich in Frankreich als Jugendsektion des “Bloc identitaire“ gegründet. Dieser Bloc wiederum ist die Nachfolge-Organisation der rechtsextremistischen Unité Radicale (UR), die 2002 nach einem Attentat eines ihrer Mitglieder am Nationalfeiertag auf den französischen Präsidenten Chirac als staatsgefährdende Vereinigung verboten wurde.
Ideologie
Ideologisch vertreten die Identitären einen Ethno-Pluralismus. Er geht von einer biologisch begründeten Einheitlichkeit einer Volks- und Abstammungs-Gemeinschaft (Homogenität) aus und strebt die kulturelle “Reinhaltung“ der Gesellschaft von äußeren Einflüssen an, die als “fremd“ oder gar “feindlich“ definiert werden. Daher fordert die IB “ethno-pluralistische Vielfalt“ statt eines “kulturellen (supra-nationalen) Einheitsbreis“, eine Position folglich, die eine ethnisch und kulturell homogene Gesellschaft statt einer multi-kulturellen Struktur auf nationaler Ebene anstrebt.
Jedes “Volk“ – gemeint in einer völkisch-nazistischen Bedeutung als ethnisches Kollektiv – habe eine separate gemeinschaftliche Kultur und einen je “eigenen Charakter“, die gegen Bedrohungen und Vermischungen zu schützen seien. Der Begriff “Rasse“ wird zwar vermieden, jedoch ist der Bezug auf die nationalsozialistische Parole “Du bist nichts, dein Volk ist alles“ offensichtlich. In der Rassismus-Forschung wird die von der Identitären Bewegung vertretene “ethno-pluralistische“ Konzeption als “Rassismus ohne Rassen“ (Stuart Hall) definiert. Abgelehnt werden von der IB Möglichkeiten gesellschaftlichen Wandels, Integration und kulturelle Adaption, eine flexible Identitätsbildung oder ein Wandel religiöser Überzeugungen, allgemein individuelle Entscheidungen bezüglich Moderne, Kultur, Werten und Traditionen, sowohl auf Seiten der ansässigen Bevölkerung als auch auf Seiten der Migranten. Den Gruppen werden unveränderliche Charakterzüge zugeschrieben, die durch den Zufall der Geburt in einer bestimmten Weltregion festgelegt seien.
Dem demokratischen Parlamentarismus begegnen die IB-Aktivisten mit kaum verhohlener Ablehnung. Einer Gesellschaftsordnung, die auf einer ethnischen Reinheits-Vorstellung gründet, wird bescheinigt, sie brauche “keinen Parteienstaat“. Die IB strebt eine “identitäre“ Demokratie an – im Gegensatz zur repräsentativen Demokratie. Die IB stellt sich in die Tradition der antidemokratischen, vor allem von bürgerlichen Intellektuellen und Akademikern getragenen “Konservativen Revolution“ der Weimarer Republik.
Strategien
Durch eine möglichst unverfängliche Sprache und eine mitunter subtile Beeinflussungs-Strategie auf den öffentlichen Diskurs sollen in der Gesellschaft negative Assoziationen gegenüber rechtsextremistischen Parolen und Ideen überwunden und eine gesellschaftliche Anschlussfähigkeit erreicht werden. Diesem Ziel dienen neue Begriffs- und Theorie-Konstrukte; zudem sollen Sagbarkeitsfelder erweitert und dadurch eine neue Akzeptanz gegenüber extremistischen Werten und Vorstellungen geschaffen werden.
Im Zentrum der identitären Propaganda steht das Schlagwort vom “Großen Austausch“: Derzeit werde mit dem Mittel der Migration die europäische Bevölkerung gegen eine nichteuropäische “ausgetauscht“, die in wesentlichen Teilen aus Kriminellen und Sozialleistungs-Erschleichern bestehe. Es handle sich bei Migration um einen “reinen Bevölkerungs-Tausch“. Betrieben werde dieses Unternehmen von einer “Sozial-Asyl-Migranten-Lobby“. Die IB ruft dazu auf, “Widerstand zu leisten“. “Das Volk“ sei “die letzte Verteidigungslinie.“ In ihrer Propaganda bedient sich die IB einer martialischen Kriegs-Rhetorik und zieht Parallelen zwischen der heutigen Situation und der sogenannten Reconquista, der schrittweisen Rückeroberung der iberischen Halbinsel aus dem muslimischen Machtbereich durch christliche Kräfte zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert. Die IB benutzt zudem die Strategien der Delegitimierung, Generalisierung, Viktimisierung, Umkehrung sowie der negativen Begriffe, um den Eindruck einer krisenhaften und bedrohlichen Situation aufzubauen. Als Feindbilder und Sündenböcke fungieren explizit Politiker, dagegen werden Migranten und Geflüchtete als Gefahr und Bedrohung dargestellt (Siedler, Invasion, Terror-Refugee, selfugees). (1)
Rechtsextremer Aktivismus und Unternehmertum
Der Online-Shop “Patria Laden“ bietet beispielsweise vieles für den rechtsextremen Lifestyle an: Von Büchern wie “Demokratie ist das Problem“ oder “Kulturrevolution von rechts“, bis hin zu T-Shirts mit rechtsextremen und rassistischen Aufschriften wie “Volkskanzler“ oder “Abschieben rettet Leben“. Laut Impressum gehört der Shop der Uudet Brandshipping UG und wird durch den Aktivisten der Identitären Bewegung Torsten Görke vertreten. (2)
Als ehemaliger Stützpunktleiter der Jugendorganisation der rechtsextremen und in Teilen neonazistischen Partei “Die Heimat“ (ehemals NPD) im Salzlandkreis und als aktives Mitglied der Identitären Bewegung ist Torsten Görke schon lange in der rechten Szene aktiv. Die Identitäre Bewegung wird vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Sie ist dabei gut vernetzt in der deutsch-sprachigen rechten Szene – es gibt viele Querverbindungen, darunter zur AfD und FPÖ.
Görke scheint ein wichtiger Bestandteil der Szene zu sein, auch weil seine Machenschaften über Aktivismus hinausgehen: Er ist nicht nur der Geschäftsführer der Uudet Brandshipping UG, sondern auch verantwortlich für weitere Unternehmen. Görke ist Teil des Gründungs-Vorstands des Filmkunstkollektiv-Vereins. Der Verein hat sich darauf spezialisiert, Proteste, Demonstrationen und Aktionen der rechten Szene zu begleiten. Ziel sei, “die Schönheit des Protests“ zu dokumentieren. Das Filmkunstkollektiv hat bereits für die Junge Alternative, Identitäre Bewegung oder für das rechtsextreme Magazin Compact gedreht, außerdem setzen sie immer wieder den AfD-Faschisten Björn Höcke in Szene.
Zudem gründete Görke gemeinsam mit IB-Aktivist D. Sebbin “Schanze Eins“, ein Unternehmen, das als Finanz-Dienstleister der IB dient. Das Hauptziel dieser Firma bestehe darin, Investoren für Immobilien-Projekte zu gewinnen. Die Immobilien sollen dann als feste Anlaufstellen und Veranstaltungsorte der Identitären Bewegung dienen, um von da aus Aktionen zu koordinieren. Zuletzt ist die Schanze Eins UG & Co. als Mieterin einer 2020 erworbenen Villa in Schkopau in Erscheinung getreten.
Auch für weitere Unternehmen taucht Görke als Geschäftsführer im Handels-Register auf: Darunter für die Kontur & Farbe Görke UG, die Weking Verlag UG und die Grauzone Medien GmbH. Während Grauzone Medien unter dem Motto “keine Zeit für Hässlichkeit“ digitalen Content produziert, sind die anderen Firmen und deren Geschäfts-Tätigkeiten nicht weiter öffentlich dokumentiert.
Weitere Unternehmensgeflechte
Kohorte UG und Phalanx Europa. Auf der Seite “Patria Laden“ findet sich neben dem Impressum außerdem ein Verweis auf die allgemeinen Geschäfts-Bedingungen der Kohorte UG. Die Kohorte UG ist auch verantwortlich für den IB-Shop “Phalanx Europa“. Ähnlich wie auf Patria Laden, werden dort zahlreiche Merchandise-Artikel der Identitären Bewegung verkauft.
Geschäftsführer der Kohorte UG ist D. Sebbin, ebenfalls Mitbegründer der Schanze Eins. Ähnlich wie Görke scheint auch Sebbin ein umtriebiger Geschäftsmann zu sein. Neben der Kohorte UG ist Sebbin Geschäftsführer des Unternehmens Okzident Media, einem Unternehmen, das verschiedene Medien-Dienstleistungen anbietet und verantwortlich für das Design des Merchandising-Shops “Phalanx Europa“ ist. Vertreten wird die Okzident Media UG durch den IB-Aktivisten Daniel Fiß. Fiß engagierte sich in seiner Jugend für die NPD-Jugendorganisation Junge Nationalisten und war von 2016 bis 2019 stellvertretender Vorsitzender der Identitären Bewegung Deutschlands. Seit Dezember des vergangenen Jahres arbeitet er als persönlicher Referent für den Landtags-Abgeordneten der AfD in Mecklenburg-Vorpommern, Nikolaus Kramer.
ANMERKUNGEN:
(1) Identitäre Bewegung, Wikipedia (LINK)
https://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4re_Bewegung
(2) “Netzwerke und Akteure der Identitären Bewegung“, Belltower News, Autor: elix Michaelis, 2025-03-12 (LINK)
https://www.belltower.news/aktivismus-zum-unternehmertum-netzwerke-und-akteure-der-identitaeren-bewegung-159093/
ABBILDUNGEN:
(1) Identitäre Bewegung (weserkurier)
(2) Identitäre Bewegung (aas)
(3) Identitäre Bewegung (dlf)
(4) Identitäre Bewegung (lto)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-03-20)
