evan1Beten für und mit Trump

Evangelikale sind eine weltweite, reaktionär-protestantische Bewegung, die sich durch strenge Bibeltreue, das Dogma der „Wiedergeburt“ und aktives Missionieren auszeichnet. Sie bilden keine eigene Konfession, sondern stammen aus Freikirchen. Im Zentrum steht die unfehlbare Bibel und die Erlösung durch Christus. In Lateinamerika und den USA sind Evangelikale längst zum Machtfaktor geworden. Der evangelikale Prediger und enge Trump-Freund Doug Wilson will, dass Frauen ihren Ehemännern untertan sind.

Der umstrittene Pastor Wilson steht der faschistischen MAGA-Bewegung nahe, er will das Land in eine Theokratie verwandeln, das Frauen-Wahlrecht ist dabei nur hinderlich.

Wilson: „Gott ist in jedem Aspekt jedes Lebens souverän. Deshalb danken wir ihm für diesen Krebs und werden dies auch weiterhin tun. Wir wissen nicht, welchen Plan Gott hat, aber wir sind sicher, dass Er, der sowohl die Spatzen als auch die Haare zählt, auch derjenige ist, der das Verhalten jeder einzelnen Krebszelle kontrolliert.“ Als der evangelikale Pastor Doug Wilson 2018 seinen Anhängern in einem Beitrag auf seiner Website mitteilte, dass er an Krebs erkrankt sei, tat er dies mit Worten, die zweifellos seinen Charakter widerspiegelten. Wenn auch nicht ganz. Wilson ist mehr als nur ein Prediger. Tatsächlich ist er ein sogenannter Post-Millennialist, der glaubt, dass die Aufgabe der Christen darin besteht, das Reich Gottes auf Erden aufzubauen, um das zweite Kommen Christi zu ermöglichen, das nach seinen eigenen Berechnungen in etwa 250 Jahren stattfinden soll. Bis dahin hofft er, dass sich die Vereinigten Staaten zu einer Theokratie, einem Gottesstaat entwickelt haben, die auf der reaktionärsten Auslegung der Evangelien basiert. Die USA sind derzeit auf dem allerbesten Weg in dieser Richtung. (1)

evan2„Alle Gesellschaften sind theokratisch. Die einzige Frage ist: Wer ist ‚Theo‘? In Saudi-Arabien ist es Allah; in einer säkularen Demokratie wäre es ‚Demos‘, das Volk. In einer christlichen Republik wäre es Christus“, erklärte er vor einigen Monaten in einem Interview mit dem US-Sender CNN. Das würde seiner Vision zufolge zu einer schwachen Regierung führen, die keine Kompetenzen in den Bereichen Bildung oder Handel hätte, und zu einem ehrgeizigen Ziel für eine Zukunft, die er selbst wohl nicht mehr erleben wird: eine christliche Verfassung und eine politische Macht, zu der Nichtgläubige schlichtweg keinen mehr Zugang haben würden. Bis dahin könnte das Zitierte zum Profil eines weiteren religiösen Fanatikers gehören, eine schlichte Anekdote in einer immer verrückter werdenden Welt. Doch seine politische Nähe zu Donald Trumps MAGA-Bewegung hat Doug Wilson zu einem Symbol gemacht, aber auch zu einem Symptom.

Tatsächlich war er nie ein Pastor im herkömmlichen Sinne. Nach einem kurzen Abstecher zur Marine trat Wilson in die Fußstapfen seines Vaters, der sich in der Kleinstadt Moscow in Idaho niedergelassen hatte, um zu predigen, wie sein Erzeuger wurde er zu einem der Pastoren der Gemeinde. Unter seiner Führung entwickelte sich die bescheidene Ortsgemeinde im Laufe der Jahre zur „Communion of Reformed Evangelical Churches“, einem Netzwerk mit mehr als 150 Kirchen in 40 Bundesstaaten, aber auch mit 25 Niederlassungen weltweit, von Kanada und Polen bis hin zu Russland und Australien. Zu seinem Imperium gehören zudem ein Netzwerk christlicher Schulen, eine Universität und ein Verlag, der mehr als 50 Bücher zu christlichen Themen veröffentlicht hat.

Bis vor knapp fünf Jahren war Wilson außerhalb der Grenzen Idahos ein fast Unbekannter. Doch wie so viele andere rückte er durch die Pandemie ins Rampenlicht. Seine Messen ohne Masken und die Proteste gegen die Gesundheits-Beschränkungen vor den Toren seiner Kirche gingen in die sozialen Netzwerke. Damit begann der Pastor, nationalen Ruhm zu erlangen und sich nach und nach dem Umfeld der MAGA-Bewegung zu nähern.

Zuerst nahm Wilson am „Believers Summit“ (Gipfel der Gläubigen) teil, der von „Turning Point“ (Wendepunkt), der politischen Organisation des ermordeten republikanischen Aktivisten Charlie Kirk organisiert wurde. Danach interviewte er in seinem Podcast den rechtsextremen Journalisten Tucker Carlton, einen der medialen Vorreiter Trumps. In der Folge hielt der evangelikale Pastor vor einigen Wochen auf Einladung von Pete Hegseth, dem umstrittenen Kriegs-Minister des Präsidenten, einen Gottesdienst im Pentagon ab. Hegseth, der eine turbulente Vergangenheit voller Ehebrüche und Alkoholprobleme hat, ist kürzlich von New Jersey nach Nashville gezogen, damit seine Kinder eine der Schulen besuchen können, die der Kirche von Wilson angegliedert sind, deren Mitglied er ist. Und all das hat nach und nach auch das Weiße Haus durchdrungen. Anfang Februar 2026 nutzte der Präsident seine Anwesenheit bei einem religiösen Frühstück, um anzukündigen, dass Washington am kommenden 17. Mai 2026 eine Veranstaltung ausrichten werde, die darauf abzielt, die Vereinigten Staaten als „eine einzige Nation unter Gott“ zu weihen.

Homophob und rassistisch

evan3Wilson, der sich für ein staatsweites Abtreibungs-Verbot einsetzt, gleichzeitig gegen die gleichgeschlechtliche Ehe eintritt und die Kriminalisierung von Homosexualität befürwortet („Ja, Schwule sollten wieder in den Schrank zurückkehren“, sagte er), zeigt zudem seinen rassistischen Charakter, indem er behauptet, die Sklaverei habe „echte Zuneigung zwischen den Rassen“ hervorgebracht, es habe Sklavenhalter gegeben, die „anständige Männer“ gewesen seien. Dennoch sind immer Frauen das bevorzugte Ziel seiner heftigsten Angriffe, was niemanden weiter überraschen dürfte. Der Pastor vertritt in der Tat ein „biblisches Patriarchat“, in dem Ehefrauen ihrem Ehemann gehorsam unterworfen sein sollen. Er hat sich für ein Familien-Wahlrecht ausgesprochen, das als Einheit der Familie ausgeübt werden soll, um das Frauen-Wahlrecht de facto abzuschaffen. Mehrfach vorgeworfen wurde ihm, Fälle von sexistischer und geschlechts-spezifischer Gewalt innerhalb seiner eigenen Organisation vertuscht zu haben. All das lässt sich auch aus seinen eigenen Worten ableiten. In einem seiner umstrittensten Bücher, „Fidelity: what it means to be one-woman man“ (Treue: Was es bedeutet, ein Mann einer einzigen Frau zu sein), schrieb er: „Ein Mann dringt ein, erobert, kolonisiert, pflanzt. Eine Frau empfängt, ergibt sich, akzeptiert.“ Überdeutlich, keine weiteren Fragen. Es versteht sich von selbst, dass Frauen in seiner Kirche von der Ausübung jeglicher Verantwortungs-Positionen ausgeschlossen sind. Wie er kürzlich in einem Interview erklärte, ist seine Sicht auf die soziale Rolle der Frau deutlich reduziert und das nicht einmal besonders lobenswert: „Es bedarf keines Talents, um sich einfach biologisch fortzupflanzen.“ (1)

Die Bezeichnung evangelikal bedeutet „auf das Evangelium zurückgehend“ und daher auch „bibeltreu“ genannt wird. Daraus folgt eine Distanz gegenüber dem jeweiligen Zeitgeist sowie einer liberalen Theologie. In den USA wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Begriff evangelikal neu definiert. So unterschied ein Religion-Theoretiker 1844 zwischen evangelikal und nicht evangelikal. Mit evangelikal bezeichnete er alle Protestanten, die an der Bibel als verbindlicher Richtschnur festhielten. Nicht Evangelikale waren die Katholiken, Unitarier, Juden, Atheisten und Sozialisten. (2)

Ähnlich wie beim Begriff „Fundamentalismus“ kommt es in den letzten Jahrzehnten insbesondere in den USA auch zu einer Politisierung des Begriffs „evangelikal“, dabei löst sich der eigentlich religiöse Gehalt auf. Bei der Präsidentschafts-Wahl in den Vereinigten Staaten 2016 oder der Präsidentschafts-Wahl in Brasilien 2018 gab es einen politischen Schulterschluss von Evangelikalen und Erzkatholiken im Rechtspopulismus, oder in ultrarechten Bewegungen (Bolsonaro). In Deutschland gibt es eine zunehmende Zusammenarbeit mit ultra-konservativen Katholiken, so etwa beim „Marsch für das Leben“ gegen Schwangerschafts-Abbrüche oder bei der „Demo für Alle“ gegen so genannte frühkindliche Sexualisierung. Unter Evangelikalen verbreitet ist mittlerweile die bedingungslose Unterstützung der Juden als „Gottes auserwähltes Volk“ und seines vom alt-testamentlichen Gott versprochenen Staates Israel.

Bolsonaro, Frauenfeindlichkeit, Trump, Abtreibungs-Ablehnung, Kreationismus, Ablehnung von Wissenschaft – der Evangelikalismus nähert sich damit sehr stark misogynen, neofaschistischen und rassistischen Ideologien.

ANMERKUNGEN:

(1) “Doug Wilson, el predicador que quiere que las mujeres vivan sometidas a sus maridos en Estados Unidos” (Doug Wilson, der Prediger, der will, dass Frauen in den USA ihren Ehemännern untertan sind), Tageszeitung El Correo, 2026-03-07, Übersetzung Baskultur.info (LINK)

(2) Evangelikalismus, Wikipedia (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Evangelikal (WSJ)
(2) Evangelikal (PBS)
(3) Evangelikal (NYT)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-03-22)

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