Kriegs-Vorbereitung und Nazi-Pogrome
Nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt wurden in Litauen Truppen der deutschen Bundeswehr dauerhaft stationiert. Themen des Artikels von Hubert Brieden: Wie ist die Konfliktlage in diesem Grenzgebiet zwischen Polen, Litauen und Weißrussland? Weltkrieg, Judenvernichtung und Pogrome - was geschah in Litauen nach der Nazi-Besetzung 1941. Litauische Kollaborateure waren an den Pogromen beteiligt und werden heute schamlos geehrt. Die aktuelle Geschichtsvergessenheit und Kriegspropaganda.
Antimilitaristischer Essay: “Die Bundeswehr in Litauen, die ‘vergessene‘ Militärgeschichte und der Dritte Weltkrieg“. Publikation AK Regionalgeschichte, Autor: Hubert Brieden.
Ursprünglich erschien der Essay als Ganzes. Zur übersichtlicheren Publikation wurde er für Baskultur.info in drei Kapitel aufgeteilt. Der hier dokumentierte Teil 1 (von 3): “Deutsche Soldaten in Litauen 2025 / Aktuelle Konfliktlage“ ist aufrufbar unter dem Link (AAA). Teil 2 mit dem Titel “Rückblick: Litauen und die Vernichtung von Juden und Slawen im 2. Weltkrieg / Massenmorde / Ehre für NS-Kollaborateure und Judenmörder“ ist einsehbar unter dem Link (BBB). Teil 3 mit dem Titel “Geschichtsvergessenheit und Kriegspropaganda“ ist aufrufbar unter dem Link (CCC).
1. Deutsche Soldaten in Litauen
In einem Abkommen zwischen Litauen und Deutschland vom 13. September 2024 war die dauerhafte Stationierung deutschen Militärs in dem baltischen Staat vereinbart worden. Nachdem am 31. Januar 2025 der Bundestag seine Zustimmung zum Vorhaben erteilt hatte, ging alles Schlag auf Schlag: Am 1. April 2025 wurde die der 10. Panzerdivision unterstellte Panzerbrigade 45 der Bundeswehr, die so genannte Litauenbrigade, in Dienst gestellt; am 22. Mai fand in der litauischen Hauptstadt Vilnius ein öffentlicher "Aufstellungsappell" statt. Bis Ende 2027 soll die Brigade einsatzbereit sein für einen etwaigen Krieg mit Russland. Einen Verstoß gegen die NATO-Russland-Grundakte stelle die dauerhafte Stationierung deutscher Kampftruppen in Litauen nicht dar, heißt es bei der Bundeswehr, denn Russland habe die Vereinbarung mit dem Einmarsch in der Ukraine “eindeutig gebrochen“. (1)
Die Einheit soll aus drei Kampfverbänden bestehen: (*) dem Panzergrenadier-Bataillon 122 aus Oberviechtach (Bayern), (*) dem Panzer-Bataillon 203 aus Augustdorf (Nordrhein-Westfalen) (*) und der Multinational Battlegroup Lithuania (Multinationale Kampfgruppe Litauen), in der neben deutschen auch ausländische Einheiten eingesetzt werden. Niederländische, norwegische, auch kroatische, belgische, luxemburgische und französische Soldaten werden unter deutschem Kommando stehen. Damit soll einerseits die Schlagkraft der neuen Truppe erhöht und andererseits der Führungsanspruch Deutschlands in einer zukünftigen EU-Armee bekräftigt werden. Hinzu kommen "Kampf- und Unterstützungs-Elemente auch anderer Teilstreitkräfte und Organisations-Bereiche": Personal für ein deutsches Sanitätszentrum und Logistik, für Feldjäger, Verwaltung, Militärseelsorge und "Führungsunterstützung". (2) Nach derzeitigen Planungen sollen schließlich ca. 4800 Soldaten und 200 Zivilangestellte dauerhaft in Litauen stationiert werden. Ihr offizieller Auftrag: Verteidigung der Ostflanke der Nato gegen eine angeblich zunehmende Bedrohung durch Russland seit dessen Angriff auf die Ukraine. (3)
Rund 400 Soldaten des Panzergrenadierbataillons 33 aus Neustadt-Luttmersen stellen den "Leitverband" im Rahmen der rotierenden multinationalen so genannten "Enhanced Forward Presence Battlegroup" in Litauen. Diese "Mission" so wird die Bundeswehr in der Presse zitiert, bestehe schon seit 2017 und zeige die "Solidarität innerhalb der NATO mit dem östlichen Bündnispartner". (4) Denn, so wird behauptet, "Russland würde sich nicht nur auf das ukrainische Gebiet beschränken wollen" und die "Sicherheit Europas, wie wir sie kennen", gehöre der Vergangenheit an. Die Truppe aus Luttmersen, ausgerüstet mit "Puma"-Schützenpanzern, befindet sich also bereits im Kriegsmodus. Im Juli 2025 ließ der Fliegerhorst Wunstorf die Presse wissen, dass nun voraussichtlich bald auch der "Puma" mit dem Airbus 400 M transportiert werden könne. (5) Einer schnellen Verlegung der Panzergrenadier-Truppe aus Luttmersen inklusive auch schweren Materials ins Krisengebiet stünde dann also nichts mehr im Wege. Die Straßen zwischen Luttmersen und dem Fliegerhorst Wunstorf, inklusive der Brücken über die Leine bei Neustadt a. Rbge. und Bordenau, sind inzwischen panzertauglich saniert. Die Region um Neustadt a. Rbge. und Wunstorf würde damit im Konfliktfall unmittelbar ins Kriegsgeschehen einbezogen – mit allen verheerenden Konsequenzen für die Zivilbevölkerung. Für 2026 kündigte der deutsche Verteidigungsminister umfangreiche Manöver in Litauen an. (6)
Die deutschen Truppen werden laut Auskunft der Bundeswehr in Rũdninkai (auch: Rudininkai) (7) am Rande eines Truppenübungsplatzes bei Vilnius und in Rukla bei Kaunas stationiert. Darüber hinaus werden auch das bislang von der NATO-Battlegroup benutzte Camp Adrian Rohn beim Truppenübungsplatz Pabradė sowie zwei Depots in Ukmergė und Zapalskiai nahe des Flughafens Šiauliai weiter genutzt. Ein Sanitätszentrum der Bundeswehr gibt es bei Rokantiškės. Der Aufbau militärischer Infrastruktur in Rũdninkai wird zur Zeit massiv vorangetrieben. Sowohl bei Vilnius als auch bei Kaunas werden Wohnheimunterkünfte gebaut. Der Wohnungsmarkt in Vilnius und Kaunas soll attraktive Möglichkeiten für mitziehende Familienangehörige bieten. In Vilnius ist eine Deutsche Schule für Kinder von Bundeswehrangehörigen geplant.
Bis zur vollständigen Etablierung der notwendigen militärischen Strukturen sollen die Deutschen vorübergehend militärische Einrichtungen in Nemenčine und Rokantiškės nahe Vilnius nutzen können.
2. Konfliktlage
Auffallend ist: Die Stationierungsorte liegen nur wenige Kilometer östlich der so genannten Suwalki-Lücke bzw. -Passage, der kürzesten Landverbindung zwischen Weißrussland und der russischen Enklave Kaliningrad (ehemals Königsberg) im Grenzgebiet von Polen, Weißrussland und Litauen. Über diesen Korridor (Luftlinie: 65,4 km, Grenzverlauf: 104 km) läuft einerseits die Versorgung Kaliningrads auf dem Landweg, andererseits wäre es hier im Konfliktfall für Russland am einfachsten, die Verbindung der baltischen Staaten zum übrigen NATO-Gebiet zu kappen. Mehrere kleine Straßen und nur die größere Europastraße 67 verbinden Polen und Litauen. Daneben gibt es eine Bahnverbindung in "Normalspur"-Breite. In den baltischen Republiken ist nach wie vor die russische Breitspur-Bahn gebräuchlich. Dass eine neue Bahnlinie, die "Rail Baltica", in Normalspur geplant wird, hat militär- und geostrategische Gründe und würde den durchgehenden Nachschub auf der Schiene Richtung russischer Grenze erleichtern. (8)
2002 hatten die Europäische Union und Russland in einem Abkommen vereinbart, dass Polen und Litauen verpflichtet sind, Transporte zur Versorgung Kaliningrads über ihr jeweiliges Staatsgebiet zuzulassen. Kaliningrad hat mit seinem Ostseehafen und der Stationierung der Luftabwehr und anderer militärischer Einheiten für Russland strategische Bedeutung. Ein Konflikt um die Enklave würde also sehr schnell zum Atom- und Weltkrieg eskalieren. Zu einer gefährlichen Zuspitzung kam es bereits 2022 nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, als Polen und Litauen die Versorgungstransporte unterbrachen. Transporte über polnisches Gebiet waren bald wieder möglich, während Litauen den Transit mit der Begründung weiter blockierte, es handle sich ausschließlich um Güter, die von den EU-Sanktionen gegen Russland betroffen seien. Das waren 40-50 Prozent aller Güter, darunter Baumaterialien und Metalle. Das russische Außenministerium warf Litauen daraufhin "offen feindselige" Beschränkung des Transitverkehres und Vertragsbruch vor. Sollte der Transit nicht bald vollständig wiederhergestellt werden, behalte sich Russland „das Recht auf Handlungen zum Schutz seiner nationalen Interessen vor“ (9). Für Russland wäre die weitere Blockade also ein legitimer Kriegsgrund gewesen. Die EU bemühte sich in Absprache mit Litauen darum, die Lage zu deeskalieren und beteuerte, Kaliningrad solle nicht blockiert werden. Eine weiter Eskalation konnte vermieden werden.
Ende Juni 2025 spitzte sich die Situation erneut zu, als bekannt wurde, dass ein US-General vor Industrievertretern in Wiesbaden erklärt hatte, der NATO stünden ausreichende militärische Mittel zur Verfügung, Kaliningrad in wenigen Tagen von Land aus militärisch einzunehmen. Ob deutsche Einheiten vor Ort in solche Planungen eingebunden sind, ist nicht bekannt. Sollte ein derartiger Angriff auf russisches Territorium erfolgen, würde die russische Doktrin zum Einsatz von Atomwaffen wirksam. Russische Politiker haben dies nach Bekanntwerden der Rede deutlich gemacht. (10)
Anfang August 2025 meldete die Presse, Litauen habe eine russische Sprengstoffdrohne auf dem eigenen Staatsgebiet gefunden und deswegen die NATO um Beistand angerufen. Genaue Angaben über den Abschussort der Drohne und die näheren Umstände des Vorfalls wurden nicht gemacht. (11) Der ungeklärte Vorfall machte einmal mehr deutlich, wie schnell es in dieser Region versehentlich oder absichtsvoll zur Eskalation kommen kann.
Die Bundeswehr ist in Litauen also an einer Stelle stationiert, an welcher der Beginn eines Großkrieges oder sogar eines atomaren Krieges zwischen Russland und der NATO am wahrscheinlichsten ist. Die Region Hannover mit dem für Nachschub und Drohnenkrieg von Bundeswehr und NATO strategischen Fliegerhorst Wunstorf wäre im Kriegsfall unmittelbar gefährdet. Es wäre höchst unwahrscheinlich, wenn diese Drehscheibe des Krieges nicht attackiert würde, gegebenenfalls auch mit taktischen Atomwaffen.
Bereits Mitte Juni 2025 wurden mögliche militärische Szenarien an der "Suwalki-Lücke" während der Großübung "Jount Cooperation 2025" antizipiert – nicht etwa in Litauen, sondern in Neustadt a. Rbge. und Nienburg/Weser in Niedersachsen. Trainiert wurde, wie schon in den Jahren zuvor, vor allem die zivil-militärische Zusammenarbeit. Doch diesmal, so ließ der Kommandeur des "Kommandos für Zivil-Militärische Zusammenarbeit der Bundeswehr", Oberst Stefan Hofmaier, die Presse wissen, "üben wir erstmals unter den Bedingungen Krise und Krieg" (sic!). Die Teilnehmenden sollten auf "zukünftige Aufgaben der Bündnisverteidigungan der NATO-Ostflanke vorbereitet“ werden. Für die Übung wurde das 'Suwalki-Gap", die strategische Lücke zwischen Litauen und Weißrussland, "in den deutschen Raum zwischen Bremen und Hannover projiziert".
Weiter hieß es in der Presse: "Mit den gewonnenen Daten werden Einflüsse des zivilen Umfeldes auf eine militärische Operation im Bündnisfall der NATO analysiert. Zur Erfüllung dieses Auftrages werden die Übungsteilnehmenden im Rahmen des Selbstschutzes in geschützten Fahrzeugen unterwegs sein. Wie in einem realen Einsatz tragen sie Schutzwesten und führen Waffen mit." (12) Munition werde im Rahmen der Übung nicht eingesetzt, hieß es beruhigend. Bürgerinnen und Bürger – also das zivile Umfeld – könnten "das Gespräch mit den Soldaten suchen, Übungsszenarien quasi live erleben und sich über unsere interessante Übung informieren", so der Kommandeur der Nienburger Heimatschutztruppe.
Eingebunden in die Übung seien auch der Neustädter Bürgermeister Dominic Herbst und die Feuerwehr. Ob der grüne Bürgermeister ebenfalls in einem geschützten Fahrzeug mit Schutzweste und (noch) ungeladener beziehungsweise gesicherter Waffe unterwegs oder virtuell vom Schreibtisch aus eingebunden war, ist dem Zeitungsartikel nicht zu entnehmen. Offensichtlich gehen die verantwortlichen Militärs in ihren Übungen von der engen militärischen Verzahnung der Region Neustadt a. Rbe. / Wunstorf / Nienburg und dem Grenzgebiet zwischen Litauen, Polen, Weißrundland und Russland aus. Dass in Litauen bereits in früheren Zeiten deutsches Militär agierte, scheint für die verantwortlichen Bundeswehr-Angehörigen nicht weiter von Bedeutung zu sein. Die Rede ist vom Zweiten Weltkrieg – konkret: vom Vernichtungskrieg der Wehrmacht. Was passierte damals in Litauen?
ANMERKUNGEN:
(*) “Die Bundeswehr in Litauen, die ‘vergessene‘ Militärgeschichte und der Dritte Weltkrieg“. Publikation bei Arbeitskreis Regionalgeschichte Neustadt am Rübenberge, Autor: Hubert Brieden, 2025-08-09 (LINK)
(1) bundeswehr.de, aufgerufen: 19.6.2025 (LINK)
(2) ebd. bundeswehr.de, aufgerufen: 19.6.2025 (LINK)
(3) vgl. aufgerufen: 19.6.2025 (LINK)
(4) Neustädter Zeitung 18.1.2025
(5) Neustädter Zeitung 19.7.2025
(6) German-Foreign-Policy. com: Die neue Ära, Artikel vom 30.5.2025 7 siehe: Getamap.net, aufgerufen: 10.8.2025 (LINK)
(8) vgl. Wikipedia, aufgerufen: 19.6.2025 (LINK). Außerdem: Lauterbach, Reinhard: Spiel mit dem Atomknopf, Hintergrund Baltikum und NATO, in: Junge Welt 30.7.2025
(9) DLF, aufgerufen: 8.7.2025 (LINK)
(10) Rede des US-Generals Christopher Donahue, vgl. Lauterbach Reinhard a. a. O.
(11) Meldung Bayrischer Rundfunk 5.8.2025 unter (LINK), aufgerufen: 7.8.2025. Vgl. auch: Kunzmann, Marcel: Litauen fordert NATO-Hilfe nach Fund russischer Sprengstoff-Drohne, Telepolis 6.8.2025, unter (LINK), aufgerufen: 7.8.2025
(12) Neustädter Zeitung 14.6.2025
ABBILDUNGEN:
(1) Bundeswehr (bw collage)
(2) Bundeswehr (bw)
(3) Judenverfolgung (yad vashem)
(4) Judenverfolgung (infocenter)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-08-30)
