Es reicht!
Nach der Massen-Mobilisierung auf den Kanarischen Inseln haben nun 25.000 Menschen auf Mallorca gegen Massentourismus und Wohnungsnot demonstriert. Zur Großkundgebung am 25.5.2024 fanden sich Menschen aus der gesamten Insel in der Hauptstadt Palma ein. Ferien-Vermietung, aber auch der Zweithaus-Tourismus führen dazu, dass die Immobilienpreise in dramatische Höhen steigen, Mietpreise sind für Normalbeschäftigte nicht mehr bezahlbar. Normaler Lebens-Alltag der Einheimischen wird unmöglich gemacht.
Massentourismus entsteht durch Pauschal- wie Individualreisen, wenn sich eine Großzahl von Reisenden für dasselbe Ziel entscheidet. Voraussetzung sind hohe Hotelkapazitäten in den Zielgebieten. In bestimmten Orten oder Regionen sind saisonal mehr Touristen als Einheimische zu finden. 2023 hatte Mallorca 20 Millionen Touristen bei lediglich 815.000 ständigen Einwohner*innen. Extrembeispiel Hallstatt im Salzkammergut: 778 Ew erwarten täglich 2000 asiatische Tagestouristen.
Im Zentrum von Palma de Mallorca sind am 25.5. 2024 Tausende Menschen zu einer Großdemonstration gegen den Massentourismus und die Wohnungsnot zusammengekommen. Um 19 Uhr startete die Kundgebung an der Plaça d'Espanya. Die Menschenmassen zogen bei ihrem Umzug über die Avenidas, die Rambla, den Carrer Riera bis zur Flaniermeile Passeig des Born auch die Blicke von Urlauber*innen auf sich. Zumal sich einige der Demonstrant*innen mit bunten Hemden, Sandaletten und Sonnenhüten provokativ als Tourist*innen verkleidet hatten. Die Polizei bezifferte die Zahl der Teilnehmer*innen auf 10.000, die Veranstalter sprachen von 25.000 Menschen.
Initiator der Demonstration unter dem in der katalanischen Regional-Sprache auf Transparenten geschriebenen Motto ("Mallorca no es ven" (Mallorca steht nicht zum Verkauf) war die Bürgerinitiative Banc de Temps de Sencelles. "Wir sind sehr zufrieden, dass so viele Menschen dem Aufruf gefolgt sind. Das war aber auch nötig", so eine der Organisatorinnen vor Ort. Auch zahlreiche andere Gruppierungen nahmen an der Kundgebung teil, darunter die Umweltschutzgruppe GOB, die Gewerkschaften UGT und STEI, aber auch Bürger-Bewegungen wie "Salvem Mallorca" (Retten wir Mallorca) oder "Stop Desahucios" (Zwangsräumungen Stoppen). Die Teilnehmer*innen waren bunt gemischt, Familien mit Kindern und Jugendliche schlossen sich ebenso dem Demonstrationszug an wie ältere Menschen.
"Wo sollen meine Kinder leben?"
Immer wieder waren Rufe wie "Els meus fills a on viuran?" (Wo werden meine Kinder leben?) oder "Qui estima Mallorca no la destrueix" (Wer Mallorca liebt, zerstört es nicht) zu hören. Viele Demonstranten hatten selbstgebastelte Banner und Spruchbänder mitgebracht. Die Parolen gingen von "Turismo sí, pero no así" (Tourismus ja, aber nicht so) über "Si nos niegan el techo nos niegan el futuro" (Wenn sie uns ein Dach über dem Kopf verweigern, verweigern sie uns die Zukunft) bis hin zu "Refugiades SÍ, turistes NO" (Flüchtlinge ja, Touristen nein). In ironischem Bezug auf den deutschen Luxus-Immobilienmakler Matthias Kühn trug ein Demonstrant auch ein Schild mit der Aufschrift "Matthias Kühn me debe un piso" (Matthias Kühn schuldet mir eine Wohnung).
Trommelgruppen sorgten für gute Stimmung, zahlreiche Autofahrer, die am Menschenstrom vorbeifuhren, signalisierten hupend ihre Zustimmung. "Wir können es sehr gut nachvollziehen, dass die Leute hier genug haben, wir haben die drei Kreuzfahrtschiffe im Hafen gesehen, das wäre uns auch zu viel", so ein Urlauber aus Nürnberg, der mit seiner Familie auf der Insel ist und das bunte Treiben als Außenstehender beobachtete. "Die Thematik ist interessant", fand derweil ein anderer Urlauber, Henrik Sigurdson, der aus Schweden kommt, aber am Bodensee lebt. "Dort ist die Nachfrage nach Ferienwohnungen auch enorm und die Preise steigen immer weiter."
"Unverschämte Preise"
"Ich bin hier, weil etwas gegen die Wohnungsnot auf Mallorca getan werden muss", berichtete Demonstrantin Alba Martínez. "Ich habe zwei Kinder, bin alleinstehend und kurz davor, aus meiner Mietwohnung geworfen zu werden. Aber die Preise für eine neue Bleibe sind unverschämt." Ähnlich ging es Rolan, einem anderen Teilnehmer der Demo. "Ich suche seit anderthalb Jahren eine Wohnung, kann mir aber keine leisten, obwohl ich arbeite." Die Ferienvermietung, aber auch der Zweithaus-Tourismus trügen dazu bei, die Immobilienpreise in die Höhe zu treiben.
"Unser Protest richtet sich nicht gegen den Tourismus an sich, sondern gegen die Folgen, gegen den Sauf-Tourismus, gegen die Ignoranz vieler Urlauber, die sich nicht wirklich für die Insel interessieren", sagte eine andere Teilnehmerin, Karen aus Valldemossa. "Und gegen die, die zwar eine Immobilie hier haben, mehrfach im Jahr kommen, aber nicht mal Spanisch sprechen." (1) Geschweige denn die Regionalsprache Katalanisch.
Performance erregt Aufsehen
Für viel Aufmerksamkeit auf der Demo sorgte auch das Künstler-Duo Joan Lluís Caballero und María Jiménez. Er (verkleidet als armer mallorquinischer Landwirt) ließ sich von ihr (verkleidet als Immobilien-Maklerin der imaginären Agentur Helgen & Kölbergs) an einer Kette um den Hals durch die Stadt ziehen. Aussage der Parodie: Der gemeine Mallorca-Bewohner ist den ausländischen Investmentfonds hilflos ausgeliefert.
Umso skurriler wirkt da die Pressemitteilung, die der Dachverband der Immobilienmakler noch am selben Samstagabend, kurz nach der Demo, veröffentlichte. "Wir wollen unseren uneingeschränkten Respekt und unsere Solidarität mit der Demonstration ausdrücken", heißt es darin. Die Kundgebung zeige die "dringendsten Probleme" auf, mit denen die Balearen aktuell konfrontiert seien: die "untragbare Belastung durch den Massentourismus" und die "Unzugänglichkeit von Wohnraum".
Weiter heißt es in der ABINI-Mitteilung: "Die Balearen können den Zustrom von 20 Millionen Touristen pro Jahr nicht verkraften, und es ist inakzeptabel, dass 18 Jahresgehälter benötigt werden, um eine angemessene Wohnung zu erwerben". Eine "gemeinsame Anstrengung aller Branchen" sei daher notwendiger denn je, um "nachhaltige und gerechte Lösungen" für die Menschen auf den Balearen zu finden. ABINI ist die Vereinigung der auf ausländische Zweit- und Luxus-Immobilien spezialisierten Agenturen auf den Balearen
Die Massen-Demonstration stand dementsprechend unter dem Motto "Mallorca steht nicht zum Verkauf“, einer unmissverständlichen Kritik am Immobilien-Erwerb zur Ferienvermietung oder zur Nutzung als Zweit- oder Drittwohnsitz auf Kosten des Wohnraums für die Einheimischen. Der Mietmarkt ist praktisch völlig zum Erliegen gekommen.
Ministerpräsidentin sieht "Limit" erreicht
Tatsächlich sind die Warnungen vor zu hohen Urlauberzahlen auf den Balearen nicht mehr nur aus dem linken politischen Lager zu vernehmen. Vor Kurzem hatte überraschend auch die konservative balearische Ministerpräsidentin Marga Prohens von der postfranquistischen PP einen Richtungswechsel eingeschlagen und betont, dass " ein Limit" erreicht worden sei (was immer das für Konsequenzen haben sollte, wenn überhaupt).
Auch auf den Kanaren waren in den vergangenen Wochen viele Tausend Menschen wegen ähnlicher Probleme auf die Straße gegangen. Die Demonstration in Palma war von einem Tauschring namens "Banc de Temps de Sencelles" initiiert worden. (2)
Fünf Jahre auf Mallorca
Die Kritiker*innen des Massentourismus und Organisatoren der Massendemo haben in der Vergangenheit konkrete Forderungen entwickelt, die bei der Mobilisierung einmal mehr bekannt gemacht wurden. Unter anderem wollen sie ein Moratorium für Ferienvermietung.
Die Organisatoren der Demonstration gegen die Wohnungsnot und die Auswirkungen des Massentourismus stellen sieben Forderungen an die Politik. In ihrem Manifest, das die Aktivisten des Tauschrings "Banc de Temps de Sencelles" zum Abschluss der Protestaktion am Paseo del Borne vorlasen, fanden sich ausschließlich Anspielungen auf den angespannten Immobilienmarkt auf der Insel. Vor allem die Forderung, dass künftige Immobilien-Käufer auf Mallorca zuvor mindestens fünf Jahre auf der Insel gelebt haben müssen, dürfte für Aufsehen sorgen.
Die Forderungen von "Banc de Temps de Sencelles":
(*) Anerkennung der Balearen als Region mit Wohnungsnot, damit dringende Maßnahmen ergriffen werden können, die das Recht auf ein würdiges Zuhause ermöglichen.
(*) Anerkennung der Inseln als Gebiet mit angespannter Wohnsituation, um den Mietpreis regulieren zu können.
(*) Erlass eines Moratoriums für die Ferienvermietung.
(*) Garantien sowohl für Vermieter als auch für Mieter sowie Hilfen für die Renovierung von Wohnungen.
(*) Unterbringung von Opfern von Zwangsräumungen, die keine Miete zahlen können, in anderen Wohnungen, so wie es jetzt schon gesetzlich vorgesehen ist (aber häufig nicht praktiziert wird).
(*) Beschränkung der Möglichkeit, auf den Balearen ein Haus zu kaufen für Leute, die nicht mindestens fünf Jahre fest hier leben.
(*) Beschränkung für große Immobilienbesitzer, die beispielsweise mehr als zehn Objekte besitzen, weitere Immobilien auf Mallorca zu erwerben.
Drama, das alle betrifft
Weiter heißt es in dem Manifest, Mallorca stehe zum Verkauf, die Einheimischen könnten die Preise aber nicht bezahlen. "Dieses Drama betrifft uns alle, einfache Familien, junge Leute, die nicht von zu Hause ausziehen können und ältere Menschen, die dabei zusehen müssen, wie ihre Kinder die Insel verlassen müssen." Und etwas weiter: "Der Zugang zu Wohnraum darf kein Luxus sein, der nur für einige wenige Privilegierte reserviert ist." (3)
Auslands-Berichte
Schlagzeilen: “England und Deutschland sind schockiert über die Demonstration auf Mallorca angesichts des Wohnungsdramas und der Überfüllung der Touristenströme“, oder “Deutsche und britische Medien weisen darauf hin, dass die Lieblingsinsel der Bürger ihrer Länder sie für die steigenden Immobilienpreise verantwortlich macht“. Sensations-Nachrichten. “Viele Spanier haben die Nase voll vom Massentourismus", titelt die Frankfurter Allgemeine. Die internationale Presse, vor allem die deutsche und die britische, hat am Tag nach der historischen Demonstration für das Recht auf Wohnen und gegen die Überbevölkerung das Thema aufgegriffen. Die meisten, darunter Blätter wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Daily Mirror, konzentrierten sich jedoch auf die "Genervtheit der Mallorquiner vom Massentourismus".
Die deutsche Zeitung Express titelte: "Unzufriedenheit wächst: 10.000 Menschen protestieren gegen Massentourismus auf Mallorca", gefolgt von einem Bericht mit dem Hinweis, dass die Menschen auf der "Lieblingsinsel der Deutschen" die Nase voll hätten. Weiter heißt es in dem Bericht, dass die Demonstranten, als sie an den Terrassen "voller ausländischer Besucher" vorbeikamen, "Touristen, geht nach Hause" riefen. Dies ereignete sich, als der Protestzug an Palmas Plaça Weyler vorbeikam, wo Touristen auf den Terrassen der Lokale zu Abend aßen oder einen Drink zu sich nahmen. An diesem Punkt riefen die Demonstranten ihnen diesen inzwischen bekannten Anti-Touristen-Slogan zu und pfiffen sie aus.
Viele Besucher fühlten sich an diesem Punkt der Demonstration sichtlich unwohl, und ein Besucher aus dem Vereinigten Königreich sagte dem Daily Mirror, der Protest sei "einschüchternd für jemanden, der hierher in den Urlaub gekommen ist". Nicht nur die Zeitungen widmeten dem historischen Marsch in Palma ihre Zeilen, sondern auch die Nachrichten-Agenturen. Reuters stellte fest, dass der Protest "vor der Sommersaison" stattfand, mit Schildern, auf denen "SOS der Einwohner, genug Massentourismus" zu lesen war, eine Botschaft, die als Warnung an die Leser verstanden werden könne. Eine Flut von mehr als 25.000 Menschen hatte die Straßen im Zentrum von Palma bei der ersten sozialen Mobilisierung überschwemmt, die auf der Insel als Reaktion auf das Wohnungsdrama organisiert wurde. Tausende von Bürgern aus ganz Mallorca kamen in den Parc de ses Estacions.
"Britische Störenfriede"
Der Daily Mirror berichtete: "Britische Touristen sehen sich anti-touristischen Protesten gegen britische und deutsche Randalierer gegenüber". Der Daily Mirror stellte fest, dass bei der Demonstration Plakate mit der Aufschrift "SOS Tourismus" und "Der Tourismus frisst uns auf" getragen wurden und dass sie nur 24 Stunden nach "ähnlichen Szenen" auf Ibiza und Teneriffa stattgefunden hatte.
Interessant ist, dass die britische Zeitung einige Fakten über den Protest durcheinander bringt. Sie gibt an, dass die Organisatoren des Protests "eine Gruppe namens Mallorca No Es Ven", in Wirklichkeit lag die Organisation in Händen der Gruppe Banc del Temps de Sencelles, und der Satz, auf den der Mirror anspielt, entspricht dem Slogan der Demonstration, der auch das Haupt-Transparent zierte.
Ebenfalls bezeichnend ist, wenn in der Zeitung festgestellt wird, dass die Organisatoren darauf hinwiesen, dass "lärmende Touristen, vor allem Briten und Deutsche, die Preise in die Höhe treiben und die Einheimischen vertreiben", und dass "sie eine Begrenzung der Fahrzeuge im Sommer und ein Verbot der Verwendung von Geldern der Einwohner fordern, um die Insel als Ort für Partys zu bewerben".
Es sei daran erinnert, dass die Rufe während des historischen Marsches sehr unterschiedlich waren und von Parolen wie "Qui estima Mallorca no la destrueix" (Wer Mallorca liebt, zerstört es nicht) über Transparente mit Aufrufen wie "Ohne Dach gibt es keine Zukunft" bis hin zu Gesängen reichten, die versicherten, dass "sie uns nicht von der Insel Mallorca vertreiben werden". Die Teilnehmer*innen der Mobilisierung, darunter Kinder, junge und alte Menschen, bestanden hartnäckig auf ihren Forderungen nach dem Recht auf Wohnen und gegen die touristische Übersättigung der Insel.
Die Frankfurter Allgemeine berichtete ausführlich über die Geschehnisse am Samstagnachmittag in Palma. Sie beschreibt, wie "Tausende von Menschen gegen den übermäßigen Tourismus auf Mallorca" protestierten, wo, wie es heißt, "die Mieten in die Höhe schießen" und "betrunkene Besucher aus aller Welt die Nachtruhe stören". Die Organisatoren des Protests verweisen insbesondere auf die durch den Massentourismus verursachten steigenden Wohnkosten".
Auch die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Ereignisse. In ihrem Fall titelt sie "Tausende protestieren gegen Massentourismus" und bemerkt, dass die Zahl der Teilnehmer "die Erwartungen" der Organisatoren übertroffen habe. Bemerkenswert ist der Untertitel des Artikels, in dem es heißt, dass "der Protest unter dem Eindruck des Einsturzes des Restaurants" stehe, der sich zwei Tage zuvor in Platja de Palma ereignete. Gemeint ist der "Ballermann", der Name des Balneario 6 in der Gegend, "besonders berühmt unter den Deutschen", wie ein Nutzer in den sozialen Netzwerken erklärte.
Erwähnenswert auch die alarmierende Schlagzeile in The Independent, hier wird die Geschichte mit einem markanten "Tourist warning as thousands of angry residents block streets against mass tourism" überschrieben – Warnung an Touristen: Tausende wütende Einwohner blockieren Straßen wegen Massentourismus. (4)
ANMERKUNGEN:
(1) “Über 10.000 Menschen demonstrieren auf Mallorca gegen Massentourismus und Wohnungsnot“, Mallorca-Zeitung, 25-05-2024 (LINK)
(2) "Reaktionen auf die Massendemo: Sogar die Immobilienmakler bekunden ihre Solidarität“, Mallorca-Zeitung, 26-5-2024 (LINK)
(3) "Vor Hauskauf fünf Jahre auf Mallorca leben: Die Forderungen der Aktivisten der Massendemo", Mallorca-Zeitung, 27-5-2024 (LINK)
(4) "Inglaterra y Alemania, en shock por la manifestación en Mallorca ante el drama de la vivienda y la masificación turística" (), Diario de Mallorca, 27-5-2024 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Mallorca gegen Massen-Tourismus (m-zeitung / diario de m)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-05-28)
