gohome1Eine internationale Bewegung

Der Ausdruck "Yankees go home" bringt in verschiedenen Teilen der Welt zum Ausdruck, dass US-amerikanische Institutionen nicht beliebt sind und besser nach Hause gehen. In den letzten Jahren hat sich der Satz "Tourist, go home" verbreitet, vor allem in Orten, die sich zu wichtigen touristischen Attraktionen entwickelt haben und deren Bewohner*innen sich darüber beklagen, dass alles eine Grenze haben muss: auch die Zahl der Reisenden, die die Städte derart vereinnahmen, dass sie unbewohnbar werden.

Die Parole “Tourist go home“ wird in vielen Medien polemisch mit Tourismus-Feindlichkeit in Zusammenhang gebracht. Doch dahinter steckt in Wirklichkeit die Verteidigung von grundlegenden Interessen der von Massentourismus betroffenen Personen: das Recht auf Ruhe, das Recht auf Schlaf und auf einen normalen Alltag ohne tausendfache Selfie-Belästigung.

Die Nachrichten bestätigen es: Die Einheimischen haben die Nase voll von der Touristen-Invasionen. Unter Druck hat der Stadtrat von Venedig beschlossen, eine 5-Euro-Abgabe für Besucher des historischen Zentrums zu erheben, wobei solche ausgenommen sind, die in Hotels an den berühmten Kanälen eingemietet sind. Viele Venezianer*innen beklagen sich bitterlich über die Überfüllung der engen Gassen dieses UNESCO-Weltkulturerbes. Sie beschweren sich über den Lärm und den Schmutz, den die Scharen von Kurzbesucher*innen verursachen, die tagsüber sowieso und nachts ebenfalls durch die auf einem Archipel von 118 Inseln erbaute italienische Stadt ziehen und ein halbwegs normales Alltagsleben zur Illusion werden lassen.

Dolce Vita

gohome2Weiter nördlich, in Mailand, wurde der Verkauf von Pizza und Eiscreme nach Mitternacht verboten. Denn der laute Trubel in den frühen Morgenstunden hindert die Mailänder*innen am Schlafen. Und in Rom weiß man im Sommer nicht, ob es die Hitze ist oder die Heerscharen von Besucher*innen auf den Straßen, die diese alltägliche Hölle darstellen. Viele der zügellosen Reisenden werden – nicht allzu erfolgreich – daran gehindert, die berühmte Dolce-Vita-Szene mit Anita Ekberg beim Baden im Trevi-Brunnen nachzuahmen. Sicher ohne eine Vorahnung zu haben, hat Regisseur Federico Fellini ein einladendes Ritual für die Rom-Besucher in die Welt gesetzt, vor allem während der Hitze des römischen Sommers.

Doch nicht nur in Italien gibt es eine wachsende Bewegung gegen die touristischen Wellen. Auch im spanischen Staat, einem der beliebtesten Reiseziele der Welt, regt sich allmählich und immer mehr der lokale Protest und Widerstand. Kürzlich gab es auf den sieben Inseln des Kanarischen Archipels im Atlantik lautstarke Proteste gegen den Massentourismus. Der Slogan auf den Transparenten lautete "Kanarische Inseln haben eine Grenze". Die Aktivist*innen fordern die lokale Regierung auf, eine Ökosteuer zu erheben, den Bau von Hotelkomplexen zu regulieren und erschwinglichen Wohnraum für die Bevölkerung zu garantieren, die unter den hohen Preisen leidet, die durch saisonale Vermietungen mit Geschäftsmodellen wie AIRBNB entstehen. Sicher keine revolutionären Forderungen, wie das Recht auf würdige Unterkunft eher Selbstverständlichkeiten.

Neben den Kanarischen sind auch die Balearen-Inseln stark von den Konsequenzen des Massen-Tourismus betroffen, Mallorca ist zusätzlich bekannt durch die Variante des Sauf- und Macho-Tourismus. Hier wurde zuletzt versucht, durch Alkoholverbot am Strand für Erleichterung zu sorgen, sicher nur ein Tropfen auf den heißen Stein. In Barcelona ist das Kind längst in den Brunnen gefallen, ganze Viertel im Hafengebiet wurden von Normalpersonen “entvölkert“, um sie dem touristischen Drachen in den Rachen zu werfen.

Baskenland?

Im Baskenland ist man von solchen Exzessen noch ein Stück entfernt, aber auf dem besten Weg dahin. Doch die Bewohner*innen in der geschundenen Altstadt von San Sebastian (Donostia) leiden ebenfalls schon an Schlaflosigkeit, hier hat sich die Hochsaison schon lange auf 12 Monate im Jahr ausgedehnt. Einkaufen gehen ist zur Wühlerei in den Massen, der Krach ist unerträglich, die Mieten unbezahlbar geworden. Das musste sogar die neoliberale Stadtregierung eingestehen, die ansonsten alles tut, um noch mehr Gäste anzuziehen. Die Stadt wurde in Zonen aufgeteilt, in den besonders Tourismus-belasteten Zonen soll es keine neuen Genehmigungen mehr für Airbnb-Wohnungen geben, dem illegalen Wildwuchs ist auf diese Art aber nicht beizukommen. Noch ein Tropfen auf den heißen Stein.

Seit Donostia ein Jahr lang den fragwürdigen Titel einer “Europäischen Kultur-Hauptstadt“ tragen durfte, ist der Tourismus vollends aus dem Ruder gelaufen. Die französische Grenze ist nur ein paar Kilometer entfernt und die französischen Staatsbürger*innen sind glücklich, Ferien machen zu können in einer Gegend, in der Benzin, Tabak, Unterkunft und Alkohol billiger sind als zu Hause. In Bilbao konzentrieren sich die Besuchsmassen (neben dem Guggenheim-Museum) in der netten Altstadt, die so klein ist, dass zwanzig Reisebus-Ladungen ausreichen, die autofreien Sträßchen unpassierbar zu machen. Der Vergleich mit einem Erlebnispark macht schon länger die Runde. Die Folgen sind dieselben wie in Venedig, Rom oder Amsterdam: hohe Preise, hohe Mieten, kein Wohnraum.

In ländlichen Gebieten des Baskenlandes ist die Nachricht von den verheerenden Folgen des Massentourismus noch nicht angekommen. Wer irgendeine Attraktion auf den Markt werfen kann, tut dies. Zum Beispiel Salinas im Süden der Provinz Araba, dort wird seit dem Mittelalter auf Terrassen Salz gewonnen. Der Wettbewerb um das schönste Dorf des Staates und der fehlgeschlagene Versuch einer Aufnahme in die Liste des Welt-Kulturerbes haben den 140-Einwohner-Miniort so bekannt gemacht, dass jetzt Dutzende von Reisegruppen Halt machen, um sich die Salinen reinzuziehen. Komplett versaut wurde auch das malerische Atlantik-Inselchen Gaztelugatxe. Seit dort vor zehn Jahren Games of Throne abgedreht wurde, fahren Zehntausende dort vorbei, um ein Selfie zu machen. Was vorher ein gemütlicher Wochenend-Ausflug für die Einheimischen war, ist jetzt unter den Massen kollabiert, der Weg auf die Insel wurde gesperrt, nur mit Voranmeldung ist sie noch begehbar. Beispiele baskischer Misswirtschaft.

Hoch, höher …

gohome3Etwas weiter entfernt, am anderen Extrem des Globus in Nepal, herrscht Besorgnis über die wachsende Anhäufung von Plastik-Müll, die das Everest-Gebirge bedroht. Im Gespräch ist der Versuch, die Verwendung von Plastikbehältern, die in den sogenannten Basiscamps die Hänge und Gipfel des Everest verschmutzen, so weit wie möglich einzuschränken. Es handelt sich um giftige Hinterlassenschaften von selbst-definierten Sportler*innen und Natur-Liebhaber*innen, die bevorzugt in die entlegensten Orte der Erde reisen, um dort ihre egomanischen Abenteuer durchzuziehen.

Tourismus bedeutet nicht nur Verschmutzung, Belästigung, Preistreiberei und Vertreibung, er ist auch die Quelle eines gewissen Wohlstands und Existenzgrundlage für diejenigen ist, die in diesem Sektor beschäftigt sind. Historisch gesehen ist das Phänomen der Ablehnung des Massentourismus letztendlich ein Produkt der “Demokratisierung“ dieser Freizeit-Beschäftigung – des Reisens als Vergnügen – die in der Vergangenheit ausschließlich den wohlhabenderen oder reicheren Schichten vorbehalten war. Demokratisierung heißt in diesem Fall, dass der Zugang zu diesem “Luxus“ breiteren Schichten der Bevölkerung eröffnet wurde: die bürgerliche Reise-Gesellschaft.

Pioniere

Das moderne Konzept des Tourismus geht auf das 17. Jahrhundert zurück, als Adlige in Europa eine so genannte “Grand Tour“ unternahmen, eine große Reise, die in der Regel auf die kulturellen Zentren Europas gerichtet war: Frankreich, Deutschland, Italien und Kroatien und dem Zweck diente, Kultur und zivilisatorische Errungenschaften zu studieren oder aufzunehmen. Mitte des 18. Jahrhunderts beflügelten die industrielle Revolution und der Fortschritt im Bereich der Transportmittel (insbesondere der Eisenbahn) das Bürgertum, die Mobilität des wohlhabenden Teils der Bevölkerung wurde stark erleichtert.

Im Baskenland ist man bis heute dankbar dafür, dass erst Louis-Lucien Bonaparte (ein Cousin von Napoelon III.) und später Wilhelm von Humboldt sich in die Mühen verschiedener Reisen nach Euskal Herria stürzten, um Kultur und Sprache zu studieren und zu dokumentieren – als Zeichen des damaligen Forschungs-Tourismus in Kutschen und den ersten schlichten Zügen.

Urknall

1851 gelang dem Missionar und Unternehmer Thomas Cook, dem Vorläufer der Reiseagenturen, qualitativ und zahlenmäßig ein großer Schritt, als er Ausflüge für 165.000 Personen zur Weltausstellung in London organisierte. Der britische Geschäftsmann bot die ersten Pauschalreisen mit Reiseveranstaltern an, die bis heute der breiten Masse der Mittelschichten für ihren Urlaub zur Verfügung stehen.

Wenn wir in einer Menschenmenge die Akropolis bewundern, wenn wir in einen überfüllten Aufzug steigen, um auf den Eiffelturm zu gelangen, wenn wir mühselig einen guten Blick (mit dem entsprechenden Fotomotiv) auf die Pyramiden von Gizeh suchen, oder wenn wir uns vergeblich abmühen, unser Handtuch in einem überfüllten Strandparadies in Thailand abzulegen – in jenen Momenten werden wir in Versuchung geführt, uns über die viel zu große Anzahl der Touristen zu beschweren, die sich aus demselben Grund wie wir selbst am Platz aufhalten und eine harte Konkurrenz um die Blicke und Plätze darstellen. Dabei vergessen wir gerne, dass wir alle zu dieser Übersättigung beitragen, wenn wir Ziele besuchen, von denen wir – wie Millionen andere – schon immer geträumt haben. Bleibt die Frage: wer hat uns nur diesen Floh ins Ohr gesetzt?!

Betroffen – getroffen

gohome4Die Einheimischen an den erträumten Zielen, falls sie mit irgendeiner Beschäftigung nicht direkt am Handel beteiligt sind, treten eher als störende Elemente in Erscheinung. Sie beklagen sich ihrerseits über die Anwesenheit der Reisemassen, obwohl der Tourismus weltweit etwa 300 Millionen Arbeitsplätze schafft. Bezeichnend ist, dass 98% der am besuchten Reiseziel im Tourismus beschäftigten Personen den Besuch nicht erwidern kann, weil die Bezahlung so schlecht ist, oder weil die Reise in die “reichen Regionen und Länder“ völlig unbezahlbar ist. Man stelle sich nur eine durchschnittliche Nepalesin in New York vor, oder einen Vietnamesen in Island.

Lukrativ

Tourismus ist ein lukrativer Wirtschaftszweig, zumindest für jene, die an der Spitze von Hotels, Investment-Fonds, Autoverleihern oder Reiseveranstaltern stehen. Weil der Sektor vor allem ein Saisongeschäft ist, gibt es wenige Fest- Angestellte, die “Temporären“ sind gewerkschaftlich kaum organisiert und haben schlechte Tarifverträge, alles bleibt prekär und sehr zum Vorteil der Arbeitgeber.

Was in der Konsequenzen-Aufzählung fehlt sind die Bereiche Ökologie und Klimakatastrophe. Die durch Reisen verursachte weltweite Fliegerei trägt maßgeblich zur Luft-Verschmutzung und Erderwärmung bei, die Folgen der Kreuzfahrerei auf die Ozeane ist allgemein bekannt. Ob es Wege gibt, den Tourismus-Sektor wirtschaftlich, sozial und ökologisch akzeptabel zu gestalten, ist fraglich. Eine Rückkehr zu den Zeiten, in denen nur ein paar Auserwählte nach Klassenzugehörigkeit und Kaufkraft in den Genuss der Wunder der Welt kamen, ist nicht denkbar. Alkoholverbote, Vermietungs-Kontrollen und Zugangsgebühren lösen das Problem nicht – das spielt sich in den Köpfen ab. (1)

Gute Nachrichten

… kommen aus der Kleinstadt Irvine bei Los Angeles. Dort häuften sich die Beschwerden über hohe Mietpreise. Per Verordnung wurde deshalb vom Stadtrat beschlossen, zur Bekämpfung von Airbnb und Konsorten keine Mietverhältnisse von weniger als 30 Tagen mehr zu zulassen. Schlicht aber wirksam.

ANMERKUNGEN:

(1) Einige Überlegungen stammen aus dem Text “Turistas, go home“, publiziert bei La Prensa de Nicaragua, Autorin: Tina Montaner, 2025-05-15 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Tourismus (nav confidencial)

(2) Tourismus (guardian)

(3) Tourismus (new docs)

(4) Tourismus (x)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-05-18)

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