nov79x00Ein dunkler Monat der Geschichte

November ist der Todes- und Faschisten-Monat. Vor 46 Jahren stirbt der Diktator und Massenmörder Franco und macht Platz für eine zweifelhafte Monarchie-Demokratie, es folgt ein von Franco bestimmter König. Spanische Faschisten erinnern mit zwei Morden an baskischen Politikern an das Erbe der Diktatur. Tod eines weiteren Faschisten durch legale Hinrichtung und eines Taxifahrers durch extralegale Folter. In Deutschland organisieren die Nazis die blutige Reichs-Pogrom-Nacht, die Berliner Mauer fällt.

Franco, Josu Muguruza, Ernest Lluch, George Steer, Santi Brouard, Primo de Rivera, Wilhelm Wakonnig, Arnaldo Otegi, Carlos Palomino, Mikel Zabaltza, Tomas Meabe, Juan Carlos de Borbon, Sabino Arana, Mikel Arregi, Fidel Castro – machen nur Männer Geschichte?

INHALT:

* (30-11) Gitana-Frauen beim Einkauf * (29-11) Systematischer Raub der Kirche * (28-11) Prima Klima en Urdaibai * (27-11) Die Blicke der Aggressoren * (26-11) Polizeiversion zu Mikel Zabalza ist falsch * (25-11) Gegen Gewalt gegen Frauen * (24-11) Servini ist die letzte Hoffnung * (23-11) Kapitalistentreffen in Bilbo * (22-11) Gesucht wird eine Leiche * (21-11) Die Blaue Division im 2.WK * (20-11) Tag des spanischen Faschismus * (19-11) In politischer Quarantäne * (18-11) Unzureichende Renten-Vereinbarung * (17-11) Mehr Rassismus in Euskadi * (16-11) Messen zu Führers Todestag * (15-11) Spekulation in Bilbao * (14-11) Der Abschied des Pelotaris * (13-11) Streik im Guggenheim * (12-11) Viele Missbrauchsopfer unter Kindern und Jugendlichen * (11-11) Kein Blick zurück im Zorn * (10-11) Vermeidbare Migrations-Schicksale * (09-11) Klimagerechtigkeit, der neue Slogan * (08-11) Frauen weg von der Front * (07-11) 1980 Spurlos verschwunden * (06-11) Wer verschmutzt hier am meisten? * (05-11) Airbnb wirbt mit Piraten-Wohnungen * (04-11) Der Überflieger-Zug * (03-11) Faschistische Strategien * (02-11) Die 39 Erschossenen von 1936 * (01-11) Auswirkungen des Baskisch-Lernens *

(2021-11-30)

GITANA-FRAUEN BEIM EINKAUF

Im Oktober 2019 besuchten dreizehn Roma-Mädchen (Eigenbezeichnung Gitana) und drei Pädagoginnen von Amuge das Kino im Einkaufs-Zentrum Zubiarte in Bilbao – Amuge ist der Verein der baskischen Gitana-Frauen in Euskadi. Nach dem Kino gingen sie durch ein Modegeschäft und bemerkten, dass ein Wachmann ihnen durch die Gänge folgte. Als sie in ein anderes Stockwerk hinuntergingen, folgten ihnen zwei weitere Sicherheitskräfte. Die Erzieherinnen fühlten sich machtlos, die Mädchen empfanden Angst und Wut, sie wusste, dass sie verfolgt wurden, weil sie Gitanas waren. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In ihrer Hilflosigkeit wandten sie sich an Frauen von SOS Racismo Bizkaia, die erzählten von Testing, einer Untersuchungstechnik, die sie eingesetzt wird, um die Diskriminierung von Rassismus betroffener Menschen aufzuzeigen, in Bereichen wie dem Nachtleben, bei Immobilien-Agenturen und Stellenangeboten.

nov79x30Zwischen dem 26. Oktober und dem 15. November organisierten sie Gruppen von Gitanas und weißen Freiwilligen in ähnlichem Alter, die fünfzehn Supermärkte und fünf Einkaufszentren in Bizkaia aufsuchten, um Reaktionen zu untersuchen, von Seiten von Ladenbediensteten und privatem Sicherheitspersonal. Bei sechzehn dieser Besuche (80% der Besuche) wurden die Gitanas kriminalisiert, was bei den weißen Freiwilligen nie der Fall war. An jedem Testing-Tag gab es Verfolgung und Diskriminierung, ohne Ausnahme. Jede der vierzehn Gitana-Frauen, die an der Untersuchung teilnahmen, hat irgendwann einmal einen Vorfall erlebt.

“Die Verkäufer verfolgten uns durch die Gänge, entfernten den Schinken von der Feinkosttheke, riefen Verstärkung, als wir zur Parfümerie kamen, riefen den Sicherheitsdienst, weil sie dachten, wir hätten uns Kleider zu lange angeschaut, und machten in unserer Gegenwart Kommentare wie ‘Sind die immer noch da‘. Ich ging in die Umkleidekabine eines bekannten Modegeschäfts und sie ließen meinen Rucksack durch den Detektor laufen. Als ich die Verkäuferin fragte, warum sie den Rucksack des Mannes vorher nicht gecheckt habe, antwortete sie, er sei ja ein Mann. War ihre Haltung war also nicht rassistisch, sondern sexistisch?“

Was während des Tests geschah, war für die weißen Freiwilligen eine größere Überraschung als für die Gitanas, die darauf vorbereitet waren, weil es ihnen täglich passiert. “Die Tatsache, dass das normal ist, bedeutet jedoch nicht, dass uns das nicht schadet. Der durch Rassismus verursachte Schmerz ist mit dem einer körperlichen Verletzung vergleichbar. Das macht uns buchstäblich krank. Auch das Schweigen der Weißen verletzt uns, wenn sie sehen, wie wir verfolgt werden, wie wir als Verdächtige, als potenzielle Kriminelle behandelt werden, anstatt als Kunden. Sie sind nicht überrascht, wenn ein Sicherheitsbeamter eine Gitana im Supermarkt oder in der Parfümerie verfolgt“.

Denn das Stereotyp von Dieben hat sich seit Cervantes "La gitanilla" oder der von Victor Hugo geschriebenen und von Disney umgesetzten Figur der Esmeralda in der kollektiven Vorstellung festgesetzt. Es handelt sich um ein soziales Konstrukt, das ideologischen und politischen Interessen Rechnung trägt. “Uns Verbrechen vorzuwerfen, die wir nicht begangen haben, und den Begriff Gitano als Synonym für Dieb zu verwenden, sind Strategien, die zur Rechtfertigung unserer historischen Verfolgung eingesetzt werden. Wir brauchen die Bevölkerung, um jene marginalisierenden Privilegien in Frage zu stellen, um gegen dieses kapitalistische, patriarchalische und rassistische System zu kämpfen und es zu stürzen“. (Tamara Clavería, Leiterin des Amuge-Vereins Bilbao) (QUELLE)

RÜCKBLICKE: * (1930) Im Baskenland wird die Partei EAE-ANV gegründet (span: Acción Nacionalista Vasca, bask: Eusko Abertzale Ekintza). Sie versteht sich als links, republikanisch und steht für die baskische Unabhängigkeit. Während des Spanienkrieges ist sie Teil der baskischen Regierung, wird während des Franquismus verboten und im “demokratischen Übergang“ nach Francos Tod wieder legalisiert. Von 1978 bis 2001 ist sie Teil der links-nationalistischen Koalition Herri Batasuna (HB), 2008 wird sie von der spanischen Justiz erneut illegalisiert. * (1986) Bei den Wahlen zum baskischen Parlament erreicht die PNV die meisten Stimmen, aber nur die zweitmeisten Sitze. Zum Ministerpräsidenten gewählt wird PNV-Kandidat Jose Antonio Ardanza, in Koalition mit der PSE (Sozialdemokraten). Ergebnis: PNV 24%, PSE 22%, HB 17%, EA (nationalistisch-sozialdemokratisch) 16%, EE (sozialdemokratisch) 10%, CP (postfranquistisch) 4,8%, CDS (konservativ) 3,5%. * (1992) In Madrid wird ein Zivilgardist Opfer eines ETA-Anschlags.

(2021-11-29)

SYSTEMATISCHER RAUB DER KIRCHE

Ein Expertenteam wird ermitteln, wie viele kommunale Grundstücke und Gebäude die katholische Kirche sich in den vergangenen Jahren in Navarra unrechtmäßig angeeignet hat. Seit dem Jahr 1900 haben navarrische Bischöfe mehr als 4 Millionen Quadratmeter ländliche und städtische Grundstücke der Region sowie Immobilien als Eigentum registriert, wie aus einem neuen und umfassenden Bericht des regionalen Justiz-Ministeriums hervorgeht. Bei den umstrittenen Besitztümern handelt sich um historische Güter ohne klar definierte Eigentumsverhältnisse, deren Nutzung und Genuss dem einfachen Volk als ergänzende Ressource für die ländliche Wirtschaft zustand. Die Kirche hatte und hat diese “Nichtdefinition“ dazu genutzt, die Ländereien und Gebäude in ihren Besitz einschreiben zu lassen.

nov79x29Bereits im Kommunalgesetz von 1986 wurde ihr "sozialer Charakter" proklamiert, die Immobilien wurden zu "unveräußerlichen, unübertragbaren und unpfändbaren Vermögenswerten" erklärt, die denselben rechtlichen Status haben wie die Ländereien in öffentlichem Besitz. Denkmalschutz-Verbände sind der Meinung, dass viele der von der Kirche immatrikulierten Grundstücke zum historischen Gemeingut der Dörfer gehören. Der neue Bericht des Senators Santos ist der vollständigste und detaillierteste Bericht über bischöfliche Besitztümer, der jemals in einer autonomen Gemeinschaft erstellt wurde. Aus der umfangreichen Dokumentation geht hervor, dass die Kirche dreimal so viele Immobilien auf ihren Namen immatrikuliert hat, wie bisher bekannt waren. Konkret sind 2.952 Immobilien in Navarra dokumentiert. Die Regionalregierung will es bei der Erfassung der “gestohlenen“ Immobilien nicht belassen, Rückgabe ist angesagt. “Wir werden Lösungen für die mögliche Rückholung der Vermögenswerte suchen". Zu diesem Zweck wird ein Expertenteam gebildet.

Die Plattform zur Verteidigung des Kulturerbes von Navarra, jene Initiative, die vor 14 Jahren die kirchlichen Aneignungen aufdeckte, hat eine klare Vorstellung von der Situation. "Wenn in ländlichen Gebieten eine Immobilie angeeignet wurde, dann deshalb, weil kein Eigentümer eingetragen war. Die Immobilien, die keinen Besitzer haben, sind kommunal", erklärt ihr Sprecher Andrés Valentín und fügt hinzu: "Die Frage des Kommunal-Eigentums in Navarra ist entscheidend. Nach den Plünderungswellen ist mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche immer noch kommunal, in den Orten, wo die meisten armen Menschen lebten".

Die Prüfung der neuen Liste der Immatrikulationen bietet einige auffällige Elemente. Zwischen 1900 und 1975 gab es nur 195 bischöfliche Einschreibungen. Mehr als die Hälfte davon fand zwei Monate nach der Ausrufung der Zweiten Republik im Jahr 1931 statt. Dasselbe geschah 1981, ein Jahr vor dem historischen Sieg der PSOE, und 2004, nach der Machtübernahme durch Zapatero. In allen drei Fällen kam es zu einem "frenetischen" Aufschwung. 63% der 2.952 immatrikulierten Immobilien sind nicht religiöser Natur. Es gibt 981 Gotteshäuser, 879 landwirtschaftliche Flächen, 50 Waldgebiete, 397 städtische Grundstücke und Wohnungen und 38 alte Friedhöfe. Die Einschreibungen wurden in über 267 Orten durchgeführt. Für den Vertreter der Denkmalschutzgruppe stellt die Erstellung einer umfassenden Liste von Immatrikulationen einen historischen Meilenstein dar. "Wir haben 14 Jahre Arbeit hinter uns. Endlich haben wir alle Registrierungsvermerke". Der Kirchenraub soll rückgängig gemacht werden.

RÜCKBLICKE: * (1890) Massaker von Wounded Knee auf dem Gebiet der heutigen Ortschaft Wounded Knee in der Pine Ridge Reservation in South Dakota. Dabei wurden 300 wehrlose Angehörige verschiedener Sioux-Indianerstämme von Angehörigen des 7. US-Kavallerie-Regiments ermordet. * (1976) Tod des katholischen Priesters José María Arizmendiarrieta Madariaga, der 1956 maßgeblich an der Gründung der Kooperative in Mondragon (bsk: Arrasate) beteiligt war, die später zu einem multinationalen Unternehmen wurde. * (1979) Nachdem im Oktober das neue baskische Autonomie-Statut per Referendum im Baskenland verabschiedet wurde, wird es nun auch im spanischen Parlament bestätigt. * (1980) Im gipuzkoanischen Oñati startet die erste Korrika, ein Solidaritätslauf für die baskische Sprache – Euskara. Der Lauf geht Tag und Nacht und wird von interessierten Gruppen in Kilometer-Etappen gelaufen. Sie endet neun Tage später in Bilbao. * (1997) Das spanische Sondergericht Audiencia Nacional verurteilt den Parteivorstand der linken Herri Batasuna, weil dieser ein Jahr vorher ein ETA-Video veröffentlicht hatte.

(2021-11-28)

PRIMA KLIMA IN URDAIBAI

Nicht alle Nachrichten zum Thema Klima-Änderung sind schlechte Nachrichten. Experten für Klima-Risiken des Politechnischen Instituts Bragança (Portugal) haben sich mit einem Projekt zur Verbesserung der Wasserversorgung im Biosphären-Reservat Urdaibai befasst, das im Rahmen eines EU-Projekts durchgeführt wurde. Das Projekt wird vom baskischen Forschungs-Zentrum Neiker koordiniert und zielt darauf ab, Quantität und Qualität des Wassers für den menschlichen Gebrauch in Urdaibai durch nachhaltigere Forstwirtschaft zu verbessern, in einer Region, die an Wassermangel leidet. Das Bragança-Institut befasst sich mit vier Risiken, die sich aus dem Klimawandel ergeben: Überschwemmungen, Dürre, Brände und Erosion. Ziel dieses Projekts ist es, wirksamere Methoden zu entwickeln und bewährte Praktiken zu wiederholen, die im Hinblick auf die Anpassung an den Klimawandel in Südwesteuropa ermittelt wurden.

nov79x28Die baskische Provinz Bizkaia weist ein Wasserdefizit auf. Obwohl es in der Region viel regnet, wird das Wasser nicht gespeichert, sondern fließt in Flüsse, die im Sommer austrocknen. Neiker: "Das Risiko einer Dürre aufgrund des Klimawandels steht in engem Zusammenhang mit der potenziellen Trinkwasserknappheit“. Die Neiker-Vertreter begleiteten ihre Besucher zum Busturia-Becken des Mape-Flusses, der jeden Sommer austrocknet. Vor Ort erfuhren diese, dass sich die Flächennutzung oberhalb der Wasserfassung für den menschlichen Gebrauch quantitativ wie qualitativ auf das gesammelte Wasser auswirkt. Die Idee ist entsprechend einfach: die Nutzungen oberhalb der Einzugsgebiete zu skizzieren und Gebiete "mit Richtlinien für die Landwirtschaft" zu schaffen, die die Nutzung einschränken.

Das EU-Projekt soll zeigen, dass eine andere Art der Forstwirtschaft mit alternativen Methoden die Menge und Qualität des Wassers an den Stellen verbessern kann, an denen es für den menschlichen Verbrauch gesammelt wird. Zu diesem Zweck werden in den Wassereinzugs-Gebieten drei "Ringe" zum Schutz eingerichtet, in denen jeweils ein anderes forstwirtschaftliches Konzept umgesetzt wird. In den letzten Tagen haben sich die Verantwortlichen mit den Bürgermeistern der Gemeinden Ea, Bakio und Busturia getroffen, um den Inhalt des Projekts vorzustellen, die Resonanz war "sehr gut".

RÜCKBLICKE: * (1973) In Algorta/Getxo sterben die ETA-Aktivisten José Etxebarria “Beltza“ und José Luis Pagazaurtundua, als eine Bombe vorzeitig explodiert. * (1978) In einer Diskothek in Doneztebe (Navarra) erschießt ein Guardia Civil in zivil einen Besucher und verletzt zwei schwer, bevor er selbst schwer verletzt wird. * (1979) Ein ETA-Kommando tötet in Azpeitia drei Zivilgardisten.

(2021-11-27)

DER BLICK DES AGGRESSORS

Die Delegation in Navarra der Zentral-Regierung veranstaltete in Iruñea (Pamplona) eine Konferenz zum Thema “Gewalt gegen Frauen“ mit dem Arbeitstitel "Der Blick des Aggressors". Expert*innen warnten davor, dass die Aggressoren immer jünger sind. Ein Vertreter des Instituts für Rechts- und Gerichts-Psychologie PSIMAE sprach über die psychologische Intervention bei Aggressoren und wies auf den "auffälligen" Rückgang des Alters der Aggressoren hin. Dreißig Prozent der von PSIMAE behandelten Personen sind unter 30 Jahre alt. Darüber hinaus ist die Hälfte der Aggressoren arbeitslos, 60% haben psychologische Probleme, insbesondere mit Sucht.

nov79x27"Auslösende" Faktoren sind fehlendes Grenzempfinden, sensible Reaktionen bei Frustration, Eifersucht oder Alkohol- und Drogenkonsum. "Die Arbeit mit Männern ist der beste Weg, um Missbrauch vorzubeugen", so der Experte, der feststellte, dass psychologische Programme mit Aggressoren in Freiheit effektiver sind als im Gefängnis. Das System zur Überwachung von Fällen geschlechtsspezifischer Gewalt VioGen hat in Nafarroa 1.141 aktive Fälle registriert, in 24 davon wird von extremer Gefährdung ausgegangen. Im letzten Jahr wurden 382 neue Fälle registriert. "Es wurden Schritte in Bezug auf die Gleichstellung und die Rechte der Frauen unternommen, aber wir sehen, dass die geschlechts-spezifische Gewalt nicht aufhört", wurde beklagt. Gewarnt wurde, dass Gewalt gegen viel junge Frauen “nicht immer physisch ist", sondern dass in vielen Fällen "von psychologischer Gewalt oder Kontrolle ausgegangen werden muss".

Bis zum 30. September sind in Navarra 680 Anrufe bei der Notruf-Nummer eingegangen, 11% mehr als 2020 und 41% mehr als 2019, Zahlen, die von der Zentralregierung als "skandalös" bezeichnet wurden. Auch beim Telefondienst für die Betreuung und den Schutz von Opfern geschlechtsspezifischer Gewalt waren im September 124 Frauen registriert, 12% mehr als im Vorjahr. Seitdem Daten verfügbar sind (2003), haben Männer in Navarra insgesamt 13 Frauen getötet, eine davon in diesem Jahr in der Stadt Murchante.

RÜCKBLICKE: * (1978) ETA tötet einen Guardia Civil in Villabona. * (1980) In Donostia ermordet ETA einen spanischen Militär. * (1981) Schmutziger Krieg: Unbekannte entführen und foltern in Donostia Jose Manuel Mendizabal, Bruder eines toten ETA-Aktivisten.

(2021-11-26)

POLIZEIVERSION ZU MIKEL ZABALZA IST FALSCH

36 Jahre nach seiner Verhaftung, Folterung und späteren Ermordung durch die Guardia Civil demontieren der Gerichtsmediziner Paco Etxeberria und der Anwalt Iñigo Iruin in einem neuen Kapitel der vom Ahotsa-Fernsehen (Navarra) produzierten Serie "Galdutako objektuak" (Verlorene Objekte) an Ort und Stelle im Endarlatsa-Tunnel die Polizei-Version vom Tod Mikel Zabalzas. Heute ist es 36 Jahre her, dass der Busfahrer Mikel Zabalza von der Guardia Civil als vermeintliches ETA-Mitglied verhaftet und in die Kaserne Intxaurrondo (Donostia) gebracht wurde. Dort wurde er zu Tode gefoltert, danach blieb seine Leiche zwanzig Tage lang verschwunden, bis man sie im Fluss Bidasoa fand, in einem Gebiet, das zuvor abgesucht worden war.

nov79x26Anlässlich des Jubiläums hat Ahotsa-TV das zehnte Kapitel seiner Reihe "Galdutako objektuak" veröffentlicht, das aus Zusatzmaterial des Films "Non dago Mikel?“ besteht (Wo ist Mikel?). In diesem Kapitel wird der Fund der Leiche von Zabalza in Endarlatsa analysiert, die Aussagen des Gerichtsmediziners Paco Etxeberria und des Anwalts Iñigo Iruin, die die offizielle Version an Ort und Stelle widerlegen, werden einbezogen. "Wenn man hierher kommt und die offizielle Version an diesen Ort überträgt, stellt man schnell in Frage, was von der Polizei erzählt wurde. Im Gegensatz dazu lautet die wahre Version, von der in der baskischen Gesellschaft mehrheitlich ausgegangen wird, dass Mikel Zabalza gefoltert wurde und in der Kaserne von Intxaurrondo an den Folgen starb", so Iruin.

Für dieses Wochenende hat Mikel Zabalza Herri Ekimena (Volksinitiative MZ) eine Gedenk-Veranstaltung organisiert, die am Samstag um 12.00 Uhr in Altza, im "Txoko" von Zabalza, stattfindet. Wie jedes Jahr werden seine Familie und seine Freunde am Sonntag eine einfache Zeremonie in seinem Dorf Orbaitzeta abhalten, am Gedenkstein neben der alten Fabrik. (Gara) (VIDEO)

RÜCKBLICKE: * (1918) In Berlin wird Fritz Teppich geboren, der nach 1936 im Spanienkrieg als einzelner Freiwilliger in baskischen Milizen gegen die Faschisten kämpft. * (1978) In Amorebieta erschießt ETA einen Taxifahrer, ehemaliges Mitglied der persönlichen Wache des Diktators Franco. * (1985) Die Guardia Civil verhaftet in Gipuzkoa fünf Personen, einer von ihnen, der Busfahrer Mikel Zabalza, stirbt an Folter und wird in einem Fluss gefunden.

(2021-11-25)

GEGEN GEWALT GEGEN FRAUEN

25. November, Internationaler Tag gegen Gewalt gegen Frauen. Jeder Tag müsst so ein Tag sein. Das Bewusstsein für diese weit verbreitete Art der Gewalt steigt, aber ungenügend. Die baskische Regierung legt eine Studie vor: "Gewalt gegen Frauen im Baskenland: gesellschaftliche Wahrnehmung und Einstellungen", vorgestellt von der Senatorin für Gleichstellung, Justiz und Sozialpolitik, Beatriz Artolazabal. Daraus geht hervor, dass 37 % der Bevölkerung angeben, eine Frau zu kennen, die von ihrem Partner in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft misshandelt wurde.

nov79x25Der erste Teil der Studie zeigt, dass die Bedeutung der Gleichstellung von Männern und Frauen bei den Personen der Region (auf einer Skala von 0 bis 10) bei 5,8 liegt. Unter Frauen liegt dieser Indikator bei 5,5 und bei Männern bei 6,1. In der Studie von 2015 lag das Ergebnis bei 6,4, das heißt, die Wahrnehmung der Gleichstellung ist zurückgegangen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Personen, die Ungleichheit mit Gewalt in Verbindung bringen. 89% der Bevölkerung stimmen zu, dass "solange die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen anhält, es weiterhin Gewalt gegen Frauen geben wird" (59% sind völlig einverstanden, 30% weitgehend). Zum Vergleich: Im Jahr waren es 77%.

Die am häufigsten vorkommenden Arten von Gewalt sind Mobbing und Belästigung über soziale Netzwerke sowie psychische Gewalt durch einen Partner oder Ex-Partner. Ausdiesem Grund ist die überwiegende Mehrheit der baskischen Bevölkerung der Ansicht, dass die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen eine Priorität sein sollte (84%), und 14 % halten dies zwar für wichtig, aber im Moment gäbe es andere Prioritäten. In diesem Sinne sagen 37% der Menschen, dass sie eine Frau in ihrer Familie, in ihrem Freundeskreis, am Arbeitsplatz oder in ihrer Nachbarschaft kennen, die von ihrem Partner misshandelt wurde. Dieser Prozentsatz stieg von 18% im Jahr 2004 auf 27% im Jahr 2015. 38% der Befragten kennen einen Mann, der eine Frau misshandelt hat (28% im Jahr 2015).

STEREOTYPEN

In dieser Studie wird festgestellt, dass einige Stereotypen im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischer Gewalt gültig bleiben, dass zum Beispiel "Alkohol- und Drogenmissbrauch hinter den meisten Akten geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen stehen" (50%), dass "es viele Falschmeldungen in Fällen geschlechtsspezifischer Gewalt gibt" (27%) und dass "die meisten Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt Migrantinnen sind" (24%). Für 67% der Bevölkerung werden heute mehr Nachrichten über Aggression, Missbrauch und Mord an Frauen publiziert als früher, weil mehr Fälle angezeigt werden; 19% gehen davon aus, dass der Grund dafür darin liegt, dass die Gewalt zugenommen hat. Außerdem würde die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger, die Zeugin/Zeuge einer Aggression oder Misshandlung einer Frau werden, die Polizei rufen (54%), ein Viertel würde den Aggressor zur Rede stellen und 13% würden andere Personen, die helfen könnten, darauf aufmerksam machen. Jeder Tag ist ein Internationaler Tag gegen …

RÜCKBLICKE: * (1903) Tod von Sabino Arana Goiti, ideologischer Begründer des baskischen Nationalismus und Parteigründer der Baskisch Nationalistischen Partei. * (1975) In Legutio wird Angel Esparza von der Guardia Civil beim Spaziergang erschossen. * (1981) Lateinamerikanische Feministinnen rufen den 25. November zum Gedenktag der Opfer von Gewalt an Frauen aus, in Erinnerung an die Schwestern Mirabal, die in der Dominikanischen Republik durch Militärangehörige des Diktators Trujillo ermordet wurden. * (2016) Tod des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro. * (2020) Tod von Diego Armando Maradona durch Herzinfarkt nach einer Operation.

(2021-11-24)

SERVINI IST DIE LETZTE HOFFNUNG

Der Stadtrat Gasteiz fordert den spanischen Staat auf, mit der argentinischen Richterin Servini im Fall Martín Villa im Zusammenhang mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Franquismus zusammenzuarbeiten. Dazu haben die Abgeordneten von PNV, EH Bildu und Elkarrekin Gasteiz eine Erklärung verabschiedet, in der sie ihre Unterstützung für Servinis rechtliche Schritte bekunden und die spanische Regierung auffordern, im Fall Martín Villa "aktiv" mitzuarbeiten. Villa wird vorgeworfen, am Tod von (wenigstens) vier Personen, darunter drei der fünf Opfer vom 3. März 1976 in Gasteiz, verantwortlich zu sein.

nov79x24Der ehemalige franquistische Minister Rodolfo Martín Villa soll für Tote bei Polizeiaktionen angeklagt werden, die zwischen 1976 und 1978 von seinem Ministerium geschickt worden waren. Drei der Opfer sind Pedro María Martinez Ocio, Francisco Aznar und Romualdo Barroso, die zusammen mit Bienvenido Perea und José Castillo am 3. März 1976 starben. Der vierte Mord, der ihm vorgeworfen wird, ist der an Germán Rodríguez, der 1978 während der Sanfermin-Fiestas von der spanischen Polizei getötet wurde.

"Nach Prüfung aller Möglichkeiten in Alava bleibt das von der Richterin in Argentinien eingeleitete Verfahren der einzige offene Weg, um den Opfern des 3. März Gerechtigkeit widerfahren zu lassen". Die Erklärung, die die Ereignisse "in den Kontext der vom Franco-Regime begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit" stellt, wurde von den Sozialdemokraten (PSE) und den Postfranquisten (PP) nicht unterstützt. In der vergangenen Legislaturperiode stimmten diese Parteien auch gegen einen Antrag, der Martín Villa zur "Persona non grata" erklärte.

RÜCKBLICKE: * (1522) Der navarrische Militär und Politiker Pedro wird in einem kastilischen Kerker ermordet, nachdem er Kollaboration verweigerte. * (1912) Eine Massenpanik bei einer Filmvorstellung im Zirkus-Theater Bilbao fordert 46 Todesopfer, die große Mehrheit Kinder, die bei der Flucht aus dem vollbesetzten Saal zu Tode getrampelt wurden. * (1975) ETA erschießt den Bürgermeister von Oiartzun Antonio Echverria Albisu, erstes tödliches Attentat nach dem Tod des Diktators Franco (vier Tage zuvor): alle Bürgermeister aus der Franco-Zeit sollen zurücktreten.

(2021-11-23)

KAPITALISTENTREFFEN IN BILBO

Wieder einmal in Bilbo, ausgerechnet in Bilbo! Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich am Wochenende die Creme de la Creme des europäischen Kapitalismus in der Bizkaia-Hauptstadt getroffen: Die 60 Spitzenmanager der europäischen Industrie. European Round Table heißt das informelle Gremium, das mit Sicherheit mehr Macht in den Schubladen hat als jede Merkel oder jeder Macron. Spürbar war das Gipfeltreffen im Iberdrola-Turm eigentlich nur an der enormen Anzahl von Helikoptern, die drei Tage lang über der Stadt kreisten. Antikapitalistische Reaktion gab es nicht, die Geheimhaltung war zu gut!

Zum European Round Table (ERT), kam auch den Vizepräsident der Europäischen Kommission Timmermans. Am Montag nahm König Felipe VI. zum Abschluss des Industriegipfels an einem Mittagessen teil im Iberdrola-Turm. Das Elektrizitäts-Unternehmen (federführend bei den skandalösen Strompreis-Erhöhungen der vergangenen Monate) war die treibende Kraft hinter diesem Treffen, der Vorsitzende Ignacio Galán ist einer der vier Führungskräfte aus dem spanischen Staat, die dem ERT angehören.

nov79x23Einige Zahlen geben eine Vorstellung von der Größe der Strukturen, die von dieser 1983 gegründeten Vereinigung der Wirtschaftselite abhängen. Von ihnen hängen weltweit 5 Millionen Arbeitsplätze ab, die jährlichen Investitionen der Unternehmen in Forschung und Entwicklung betragen über 60 Milliarden Euro. Offizielle Zielsetzung des Monstertreffens war die “Energiewende“ und der künftige “Verzicht auf Kohle“ – dieselben Themen also genau eine Woche nach dem faktischen Scheitern der Glasgow-Konferenz zum Klimaschutz.

Der European Round Table (Sitz in Brüssel) hält zwei Sitzungen pro Jahr ab, um als Lobby für die europäische Industrie bei den EU-Behörden aufzutreten. Auch um eine stabile Verbindung der führenden Industrievertreter des Kontinents zu schaffen. Zusätzlich gibt der ERT Berichte heraus mit Stellungnahmen zu Themen, die für die Branche von Bedeutung sind. In den letzten Monaten befasste man sich stark mit der Energiewende und den daraus folgenden Herausforderungen. Das Treffen mit Timmermans konzentrierte sich auf diese Aspekte, da der Übergang zur Dekarbonisierung mit aktuellen Problemen wie den hohen Energiepreisen (Milliardengewinne), geopolitischen Konflikten, hohen Gaspreisen zusammenhängen. Sowie mit den unterschiedlichen Auffassungen über das Tempo, in dem dieser Übergang ablaufen sollte.

ANTRIEB DURCH IBERDROLA

Laut Presseberichten soll der Vorstandsvorsitzende des Energieriesen Iberdrola, Ignacio Galán, treibende Kraft gewesen sein sich ausgerechnet in Bilbao zu versammeln, dem Sitz des Unternehmens. Zu den Mitgliedern des ERT gehörten Nils Smedegaard (Unilever) sowie die Vorstands-Vorsitzenden von BASF (Martin Brudermüller), Nestlé (Paul Bulcke), Rolls-Royce (Ian Davis), von Ericsson (Börje Ekholm), von Airbus (Guillaume Faury), Deutsche Telekom (Timotheus Höttges), Daimler Benz (Ola Hällenius), Volvo (Martin Lundstedt), Michelin (Florent Menegaux), von Siemens (Jim Hagemann), Orange (Stéphane Richard) und von Heineken (Dolf van den Brink). Die spanische Vertretung in diesem europäischen Verband ist klein. Nur vier Führungskräfte gehören zu diesem erlesenen Club von Millionären, die selbstverständlich alle mit luxuriösen Privatjets angereist sind. Neben Galán (Iberdrola) sind dies Pablo Isla von Inditex, Rafael del Pino, Vorstandschef von Ferrovial, und José María Álvarez-Pallete, der Chef von Telefónica.

RÜCKBLICKE: * (1980) Bei einem Attentat der parapolizeilichen Gruppe BVE sterben in einer Bar in Hendaye Jean Pierre Haramendi und Joxe Camio. * (1984) In der von Schließung bedrohten und deshalb besetzten Euskalduna-Werft in Bilbao, stirbt der Arbeiter Pablo González Larrazabal an einem Herzinfarkt, nachdem die Polizei begonnen hatte, scharf zu schießen.

(2021-11-22)

GESUCHT WIRD EINE LEICHE

Weil bisher alle anderen Maßnahmen gescheitert sind, wird nun auch mit einem Dokumentarfilm nach der Leiche gesucht. Dass José Miguel Etxeberria Álvarez tot ist, daran hat niemand einen Zweifel. Nur die Leiche fehlt, um definitive Sicherheit zu haben. Sie zu finden und den Fall von “Naparra“ erneut ins Gedächtnis zu rufen, dabei soll der Film helfen: “Geschichte eines Lenkrads“ ist der Titel, er befasst sich mit den zuletzt bekannt gewordenen Staatsgeheimnissen.

“Ich möchte Frieden finden, ich möchte meinen Sohn nicht mit der Hypothek seines Onkels zurücklassen". Dies ist der Wunsch einer Person, die wieder in die Anonymität zurückkehren möchte. Nicht mehr "der Bruder von …" sein. Das will Eneko Etxeberria Álvarez, Biologe und Mathematiklehrer. Wieder er selbst sein kann er nur, wenn die sterblichen Überreste seines Bruders José Miguel, alias Naparra, alias Bakunin, Mitglied der Autonomen Antikapitalistischen Kommandos, gefunden werden. Naparra, politischer Flüchtling aus dem Süden, verschwand am 11. Juni 1980 in Iparralde unter ungeklärten Umständen, die ultrarechte Gruppe Batallón Vasco Español erklärte sich dafür verantwortlich, die Polizei ermittelte nicht besonders viel.

nov79x22"Wir wollen seinen Leichnam bei dem Gedenkstein begraben, den wir für ihn errichtet haben, neben unserer Mutter und unserem Vater, die 40 Jahre lang nach ihm gesucht haben, bis sie beide starben", sagt der Bruder. Die Mutter war Tochter eines Republikaners, der 1931 in der Stadtverwaltung von Iruñea arbeitete. Letzte Hoffnung war die Aussage eines ehemaligen Geheimdienst-Mitarbeiters, der auf angebliche Fundstellen der Leiche hingewiesen hatte. An einer Stelle wurde vergeblich gesucht, eine Suche an der zweiten lässt der französische Staat nicht zu. Diese Details werden in dem bewegenden Dokumentarfilm “Bolante baten historia“ (Geschichte eines Lenkrads) beleuchtet, der auf dem Filmfestival von Donostia uraufgeführt wurde und diese Woche in die Kinos kommt. Es ist ein getreues Abbild der Schilderungen aus dem Buch “Naparra, kasu irekia“ (Naparra, ein offener Fall) von Jon Alonso.

Im Dokumentarfilm kommen verschiedene Gesprächspartner zu Wort, der historische ETA-Führer Antxon Etxebeste, ehemalige Kollegen aus den Kommandos CAA, Kike Zurutuza und José Ángel Zinkunegi, der Journalist Iñaki Errazkin. Die Hartnäckigkeit der Angehörigen hatte kein Ende, sie fühlen sich müde, desillusioniert, enttäuscht, ungläubig gegenüber jedem neuen Hoffnungsschimmer, pessimistisch. "Dass sich die Leiche in Luft aufgelöst haben soll, ist am schlimmsten zu ertragen". Dennoch bleibt die Hoffnung, dass der Fall ein Ende findet. "Wir wechseln ständig zwischen Wut und Hoffnung".

Der Gerichtsmediziner Paco Etxeberria ruft zum Handeln auf. Gänsehaut verursachende Wahrheiten bestimmen den Film. Die UNO erinnert daran, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit (wie dieses) nicht verjähren und geht noch weiter: "Kein Staat hat das Recht, eine Person aus irgendeinem Grund verschwinden zu lassen. Es gibt keine Not- oder Kriegssituation, die ein gewaltsames Verschwinden rechtfertigt". Der Bruder von Naparra zieht eine Parallele zum Bürgerkrieg. "Der Fall meines Bruders erinnert mich an die Kinder, Neffen und Enkelkinder, die immer noch in den Massengräbern nach ihren Angehörigen suchen, die im Krieg erschossen wurden. Die UNO erklärt, dass die Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen ein Verbrechen erleiden, das über einen langen Zeitraum andauert und dessen Ausführung nicht endet, bis die Person lebend oder ihre Überreste gefunden werden. Sie weisen auch darauf hin, dass in diesen Fällen nicht nur die direkt Betroffenen, sondern auch deren Angehörige zu Opfern werden.

SPUREN

Einer der Protagonisten des Dokumentarfilms bringt zum Ausdruck, dass perfekte Verbrechen nur von einem Staat begangen werden. "In den übrigen Fällen bleiben Spuren ", so Zurutuza abschließend. In Naparras Auto, das in der Nähe der Gendarmerie in Ziburu auftauchte, wurden keine Spuren gesucht. "Unsere Eltern waren dort. Nachdem sie es zu einem Schrottplatz gebracht hatten, wollten sie das Lenkrad als Andenken an José Miguel behalten". Dieses Lenkrad spielt im Film die stumme Hauptrolle. Der damals 22-Jährige war ein junger Revolutionär und Intellektueller, der am 14. April geboren wurde und der anarchistischen Abspaltung von ETA angehörte, den antikapitalistischen Kommandos (CAA). In der Presse wurde behauptet, ETA selbst stünde hinter dem Verschwinden. Etxebeste widerspricht dem im Film. "Es gab Unterschiede in der Ideologie, aber nicht mehr. Er hat sein Leben für Euskal Herria gegeben".

Die sozialliberale spanische Regierung ist im Begriff, die Verschlusszeit für Amtsgeheimnisse auf 50 Jahre zu verlängern. “Dann wären diejenigen, die Staatsterrorismus praktiziert haben, bereits unter der Erde". Institutionen wie Amnesty International haben sich dagegen ausgesprochen, da ihrer Meinung nach "die Zeit gekommen ist, das Vorhängeschloss der Staatsgeheimnisse zu öffnen". Es ist an der Zeit, Licht ins Dunkel zu bringen und das Gesetz über Staatsgeheimnisse von 1968 zu reformieren. Fünfzig Jahre nach seiner Verabschiedung und 40 Jahre nach dem “demokratischen Übergang“. In solchen Gesetzen steckt die dreiste Maxime, die auch im Film verbreitet wird: "Es gibt Dinge, die nicht getan werden sollten, wenn sie getan werden, sollten sie nicht gesagt werden, wenn sie gesagt werden, sollten sie geleugnet werden", so der Anwalt der Familie. Naparras Fall wird zusammen mit hundert anderen Fällen "staatlicher Gewalt" in dem Buch “Gogoan izateko izenak“ (Namen zum Erinnern, 2017von der Stiftung Euskal Memoria) dargestellt. Der jüngste der Familie, Oier, ist 11 Jahre alt und kennt den Fall seines Onkels gut. Sein Vater, der "Bruder von Naparra", träumt davon, dass der Junge nicht zum "Neffen von Naparra" wird. Dass er ein eigenes Leben haben soll, nachdem die gesuchte Leiche gefunden wurde. (Quelle)

RÜCKBLICKE: * (1909) Geburt von George Steer, späterer Kriegsreporter, der die Vernichtung der baskischen Stadt Gernika durch die Nazis von 1937 weltweit bekannt machte. * (1975) Der von Diktator Franco designierte Juan Carlos de Borbon wird zum spanischen König, Staatsoberhaupt und obersten Befehlshaber des Militärs ernannt.

(2021-11-21)

BLAUE DIVISION IM ZWEITEN WELTKRIEG

Die Blaue Division (spanisch: División Azul), offiziell “División Española de Voluntarios“ (Spanische Freiwilligen-Division), war eine Infanterie-Division aus spanischen “Freiwilligen“, die unter der Führung der deutschen Wehrmacht als 250. Infanterie-Division von 1941 bis 1943 am Krieg gegen die Sowjetunion teilnahm. Quellen zufolge bestand die Blaue Division aus insgesamt 15.000 Kräften, darunter tausend Basken, von denen viele durch das franquistische Regime Francos zwangsverpflichtet wurden, alles andere als freiwillig.

nov79x21Der Ursprung der antikommunistischen Mission der Blauen Division war eine Forderung Hitlers an Franco, im Zweiten Weltkrieg auf seiner Seite zu kollaborieren, nachdem die Nazis ihn im Krieg von 1936 bis 1939 unterstützt hatten. Dazu hatte auch die Vernichtung der baskischen Stadt Gernika durch die Legion Condor gehört. Die Blaue Division wurde zusammen mit dem Rest der Nazi-Armee an der russischen Front zerschlagen.

Diese historischen Tatsachen halten die spanische Armeeführung nicht davon ab, in ihrer Donostia-Kaserne im Stadtteil Loiola eine Dauerausstellung über die Blaue Division zu zeigen. Der im Baskenland regierenden christdemokratischen PNV (im Krieg auf Seiten der Republik) gefällt das gar nicht. Eine offizielle Mitteilung über diese Ausstellung gibt es nicht, es könnte sich somit um eine "geheime" Ausstellung handeln, von deren Existenz die PNV nur über eine undichte Stelle erfahren hat.

Die PNV-Sprecherin betonte in einer Pressemitteilung, diese Ausstellung verstoße "gegen das Gesetz der historischen Erinnerung", mit dem die Verherrlichung von franquistischen Personen, Symbolen und Institutionen verboten wird. Sie hat deshalb eine schriftliche Anfrage eingereicht und den Minister für Präsidentschaft und Historische Erinnerung aufgefordert, die Dauerausstellung "unverzüglich zu schließen". Sonderlich überraschend ist die Existenz der Ausstellung nicht, denn spanische Militärs sind als Faschisten-Freunde bekannt. Viele sympathisieren mit Vox, eine politische Säuberung nach dem offiziellen Ende des Franquismus gab es nie.

RÜCKBLICKE: * (1980) Ein ETA-Attentat in Donostia kostet einen Zivilgardisten das Leben. * (1984) Schmutziger Krieg: In Lasarte (Gipuzkoa) zünden Unbekannte Bomben am Auto und im Laden von Jokin Olano, der zuvor von der Guardia Civil festgenommen und gefoltert wurde. * (2000) Der ehemalige Gesundheits-Minister Ernest Lluch (PSOE) wird von ETA in Barcelona erschossen. Zur Konfliktbeendigung im Baskenland befürwortete Lluch den Dialog.

(2021-11-20)

TAG DES SPANISCHEN FASCHISMUS

In mehrfacher Hinsicht ist der 20. November in den vergangenen 85 Jahren zum Tag der spanischen Faschisten geworden. Es begann 1936, kurz nach dem Militärputsch faschistischer Generäle. Jose Antonio Primo de Rivera, Gründer und Führer der faschistischen Falange Española wurde als Putsch-Unterstützer erwischt, verurteilt und hingerichtet. Die Franquisten hatten ihren ersten Märtyrer, ihre Diktatur dauerte fast vierzig Jahre, bis am selbigen Tag 1975 der Generalisimo Franco an Altersschwäche starb. Darauf folgte der sog. demokratische Übergang, der nicht viel Neues brachte, außer der Legalisierung aller Parteien. Auch die der baskischen Linken. Die offene faschistische Repression musste einer anderen weichen, einer weniger sichtbaren. Es schlug die Stunde der Paramilitärs, Nazi- und Terrortrupps, die sich unter verschiedenen Namen bemerkbar machten und einen nicht erklärten “Schmutzigen Krieg“ führten. Im Auftrag der Guardia Civil oder direkt von der Regierung, unter Beteiligung von Militärs und bezahlten Killern.

nov79x20Nicht das erste, aber eines der spektakulären Opfer wurde 1984 der linke Kinderarzt und Abgeordnete von Herri Batasuna im baskischen Regional-Parlaments, Santi Brouard. Er wurde in seiner Praxis von zwei angeheuerten Söldnern erschossen, die von der Terrorgruppe GAL beauftragt waren. Sicher kein Zufall, dass es ein 20. November war, eine Art von Gedächtnis-Mord zum neunten Todestag des Caudillo. Noch weniger Zufall war, dass 1989 der ebenfalls HB-Politiker Josu Muguruza in Madrid ermordet wurde, als er im Begriff war, seinen Sitz im spanischen Parlament einzunehmen – ein weiteres Erinnerungsgeschenk für den versammelten spanischen Faschismus. Beschert von zwei Rechtsradikalen, die außerdem zwei der Begleiter Muguruzas schwer verletzten.

Ein eher schwarzer Tag für die Franquisten war 1945 der Beginn der Nürnberger Prozesse, bei denen die Organisatoren des Holocaust und des zweiten Weltkriegs von Alliierten-Richtern verurteilt wurden. Nicht zur Verhandlung stand, dass dieselben Kriegsverbrecher wenige Jahre zuvor mit ihrer Legion Condor auch im Spanienkrieg (1936-1939) Massaker an der Zivilbevölkerung organisiert hatten, um ihre Waffen für den bevorstehenden Großkrieg zu testen und auf den neuesten Stand zu bringen.

RÜCKBLICKE: * (1936) Der Falange-Gründer Jose Antonio Primo de Rivera, wird nach dem Franco-Putsch verurteilt und hingerichtet. * (1975) Diktator Franco stirbt. * (1984) Der linke Arzt und Parlaments-Abgeordnete von Herri Batasuna, Santi Brouard, wird von angeheuerten Killern erschossen. * (1989) Josu Muguruza, Abgeordneter von Herri Batasuna im spanischen Parlament, wird von zwei Rechtsradikalen erschossen. * (2011) Die linke baskische Wahlkoalition Amaiur zieht mit sieben Abgeordneten ins spanische Parlament ein.

(2021-11-19)

IN POLITISCHER QUARANTÄNE

Das Parlament von Gasteiz wurde zu Antiforum für eine weitere rassistische Aktion der faschistischen Vox-Partei, die sich diesmal gegen unbegleitete jugendliche Migranten richtete und sie direkt mit Kriminalität in Verbindung brachte. Alle übrigen Fraktionen sprachen sich gegen die Absicht der rechtsextremen Abgeordneten aus, das Protokoll abzulehnen, das die baskische Regierung mit der Regierung der Kanarischen Inseln unterzeichnet hat, zur Aufnahme von 15 minderjährigen Migranten. Wie bei den meisten Vorschlägen der rechtsextremen spanischen Partei zeigten die Fraktionen von PNV, EH Bildu, PSE und Elkarrekin Podemos-IU ihre Ablehnung gegen die rassistische Initiative, indem sie sich weigerten, sich am Debatten-Spiel von Vox zu beteiligen. Die PP hielt zwar einen kurzen Beitrag, aber nur, um sich klar gegen den Vorschlag der Faschisten auszusprechen.

nov79x19Die Vox-Sprecherin: "Es tut mir leid, dass ich die Schlagzeilen verderbe, aber wir sind nicht gegen die 'Menas' (menores no acompañados, unbegleitete minderjährige Migranten), sondern gegen diejenigen, die sie zum Kommen ermutigen". Danach folgenden Worte verdeutlichten ihre wahren Absichten. Etwa als sie sagte, dass für die Behörden "illegale Einwanderer wichtiger sind als die Basken und Spanier selbst"; oder indem sie diese Jugendlichen mit Kriminalität in Verbindung brachte; oder die Hilfe für diese Minderjährigen, mit der Hilfe verglich, die einheimische Familienangehörige, ältere Menschen und Wohnungssuchende erhalten. Spanier zuerst! Sie sprach von den 18.000 Kindern, die in staatlichen Waisenhäusern leben, bei denen behördliche Hindernisse Adoptionen verhindern: "An die erinnert sich niemand, das sind unsere Kinder".

GELD UND "ILLEGALE EINFUHR“

Zudem beschuldigte die Vox-Frau die Regierung, sich solche Abkommen über die Betreuung unbegleiteter Migranten Zentralregierung bezahlen zu lassen. Am Redepult wagte es die Rechtsextreme nicht, die abenteuerlichste Behauptung aufrechtzuerhalten, die sie in ihrem schriftlichen Antrag formuliert hatte: dass die nationalistische Linke diese Minderjährigen für ihre Reihen rekrutieren will. Dort war die Rede von "illegaler und unkontrollierter Einfuhr von Menschen", als ob es sich um eine Ware handele. Nur die PP antwortete: "Wenn eine autonome Gemeinschaft um Hilfe bittet, können wir ihr nicht den Rücken zuwenden". Von den 71 Abgeordneten, die an der Abstimmung teilnahmen, stimmten 70 dagegen. Nur die Vertreterin von Vox unterstützte ihren Vorschlag.

RÜCKBLICKE: * (1936) Vollstreckung des Todesurteils gegen den Unternehmer und ehemaligen Honorarkonsul von Österreich in Bilbao Wilhelm Wakonnig wegen Spionage für die Nazis und die Aufständischen. * (1980) Die marxistisch-leninistische Organisation GRAPO erschießt in Zaragoza einen Armeeoffizier. * (1991) In Galdakao wird ein Zivilgardist von ETA erschossen.

(2021-11-18)

UNZUREICHENDES RENTEN-ABKOMMEN

Wenn in Madrid die Renten für das nächste Jahr verhandelt werden, kommen aus dem Baskenland die unterschiedlichsten Stimmen. Mit der Zentralregierung verhandelt haben die beiden stärksten spanischen Gewerkschaften: CCOO (ehemals kommunistisch, heute sozialdemokratisch) und UGT (ehemals sozialistisch, heute sozialdemokratisch). Über den Applaus der baskischen Sektionen dieser beiden Arbeitnehmerinnen-Vertretungen muss nichts weiter gesagt werden. Beifall kommt auch aus den Reihen der christdemokratisch-sozialdemokratischen Koalitions-Regierung von Euskadi. Die Vereinbarung sei "aus öffentlicher Sicht sehr positiv", da sie "die Zweifel bezüglich des Rentensystems ausräumt, die erstens in der Neubewertung entsprechend dem realen Preisanstieg bestanden, und zweitens darin, mit dem Aufbau einer Garantie für künftige Renten zu beginnen". Zweckoptimismus, den die baskischen Arbeitgeber überhaupt nicht teilen.

Die schließen sich ihren Unternehmer-Kollegen aus dem Staat mit ihrer Total-Ablehnung an. Ebenfalls komplett unglücklich sind die baskischen Mehrheits-Gewerkschaften, die in Madrid gar nicht erst gefragt wurden. LAB und ELA bezeichnen den Abschluss aus einer ganz anderen Perspektive als “völlig unzureichend“. Die beiden Organisationen, die zusammen 55% der Betriebsträte im Baskenland stellen, stehen hinter der Bewegung der baskischen Rentner*innen, die seit vier Jahren jeden Montag auf die Straße gehen: für ein Minimum von 1.080 Euro pro Kopf und eine Zahlung von 1.200 im Fall von Betreuungs-Notwendigkeit. Der neue Abschluss ist davon weit entfernt.

nov79x18Das Problem ist vielschichtig. Erstens hinken die Rentenerhöhungen seit Jahren (oder Jahrzehnten) hinter der Preissteigerung zurück, die Pensionärinnen haben also immer weniger Kohle im Beutel. Zweitens werden Frauen weiterhin stark benachteiligt, weil sie angesichts von Haus- und Erziehungsarbeit von den Rentenansprüchen ihrer Ehemänner abhängen, viele leben von einer Hungerrente. Drittens zahlen weniger Arbeitnehmer*innen in die Rentenkasse, weil es weniger Arbeit gibt. Und viertens steigt bei den Rentner*innen die Lebenserwartung, sie kassieren länger ihre Renten, was der Kasse ebenfalls nicht gut tut. Fünftens wird mit den Milliarden aus der Rentenkasse spekuliert, das heißt, sie liegen nicht einfach auf der Bank, sondern sind in anderen Haushaltsbereichen unterwegs, um die Staatsverschuldung zu erleichtern, sie sind also nicht einfach greifbar. Deshalb werden die Rentner*innen, die ihr Arbeitsleben lang eingezahlt haben, mit einem billigen Nachtisch abgespeist.

Die baskischen Arbeitsgeber von Confebask kamen zu der Einschätzung, die Erhöhung der Beiträge sei "Blei in den Flügeln der wirtschaftlichen Erholung und des Konjunktur-Aufschwungs". Keine Überraschung, wenn Profite in Gefahr sind. Der baskische Arbeitgeberverband erklärte, er schließe sich "voll und ganz den Worten" der spanischen Kollegen an, die zuvor ihre Ablehnung der Erhöhung der Sozialversicherungs-Beiträge zum Ausdruck gebracht und den Verhandlungstisch verlassen hatten. Nach Ansicht von Confebask stellt die Vereinbarung eine "Erhöhung der Belastungen für die Unternehmen" dar, die "ihrer Wettbewerbsfähigkeit schaden" wird.

"UNZUREICHEND" FÜR LAB

LAB wies darauf hin, dass die Grenzen dieser Maßnahme "offenkundig sind: Das Geld, das wir erhalten, erlaubt uns nicht, den derzeitigen und zukünftigen Rentnern einen Schutz zu bieten, geschweige denn, die Zahlungen zu erhöhen". Kritisiert wird deshalb, dass "man weit von der Forderung nach einer Mindestrente von 1.080 Euro oder den notwendigen Maßnahmen zur Überwindung der geschlechtsspezifischen Unterschiede entfernt ist" und weist darauf hin, dass "wir in diesen Entscheidungen eine klare Richtung sehen: das öffentliche Rentensystem soll ein Gerippe bleiben, das gerade zum Überleben reicht“, wer mehr haben will, soll in eine “ergänzende private Altersvorsorge“ getrieben werden. Einer der zentralen Punkte, an dem sowohl neoliberale Regierungen wie die Arbeitgeber arbeiten: weg von der staatlichen Rente, hin zum amerikanischen Privatmodell.

LAB vertritt "ein öffentliches, universelles und unabhängiges System als einzige reale Möglichkeit, die gegenwärtigen und zukünftigen Renten zu garantieren“. Dazu soll ein eigenes System der Arbeitsbeziehungen und des Sozialschutzes aufbaut werden. “Die Arbeits- und Renten-Reformen der Rajoy-Regierung muss zurückgenommen werden, die Prekarisierung wartet auf eine Lösung, dabei hilft nur soziale Mobilisierung und Kampf. Es gibt viele Gründe, in Euskal Herria einen Generalstreik zu organisieren".

ELA WARNT VOR WEITEREN KÜRZUNGEN

ELA ist ähnlicher Ansicht, dass die Beitragserhöhung "nicht ausreichen wird, um die unzureichende Struktur des öffentlichen Rentensystems zu ändern". ELA warnt davor, dass der Mechanismus der “Generationen-Gerechtigkeit" zu einer weiteren Kürzung der Renten führen wird und geht davon aus, dass “die Vereinbarung die Verpflichtung Regierung enthält, den Prozentsatz der Rentenausgaben im Verhältnis zum BIP ab 2023 zu senken. Mit anderen Worten, sie hat sich verpflichtet, die Renten zu kürzen". Die Gewerkschaft fordert, Schluss zu machen mit der Bindung der Renten an die geleisteten Beiträge, "sie durch eine wesentliche Verbesserung der öffentlichen Renten zu ersetzen und das System in erheblichem Maße auch durch Steuern zu finanzieren". Aus diesem Grund rief ELA die Parteien dazu auf, "keine dieser Maßnahmen mit ihrer Stimme zu unterstützen, die Rentenreformen von 2011 und 2013 rückgängig zu machen und ein neues Rentensystem für die Zukunft zu schaffen".

RÜCKBLICKE: * (1512) Der für das Königreich Navarra kämpfende Pedro de Rada wird von den kastilischen Invasionstruppen gefangen, gefoltert und ermordet. * (1984) Bei einem GAL-Attentat wird Christian Olaskoaga getötet, sein Bruder verletzt. * (1985) Die baskische Ertzaintza-Polizei erschießt in Loiu das ETA-Mitglied Angel Irazabalbeitia. * (1985) in der baskischen Grenzstadt Irún stellt die später zur Legende gewordene Rockband Kortatu (Schneiden) ihre erste LP vor. * (1999) Bei einem Überfall von Paramilitärs stirbt in Kolumbien der Brigadist Iñigo Egiluz aus Bilbao.

(2021-11-17)

MEHR RASSISMUS IN EUSKADI

Euskadi galt bislang als eine Art von “Insel“ im Meer des spanischen Rassismus bekannt, ein aufnahmefreudiges Land, mit eigener Flucht- und Migrations-Geschichte, und mit vielen Organisationen, die sich um Integration bemühen. Ändert sich daran etwas? Fremdenfeindliche Straftaten stiegen um sieben Prozentpunkte im Vergleich zu Dezember, bereits jede dritte steht im Zusammenhang mit der islamischen Gemeinschaft. Weil Rassismus zu “Hassverbrechen“ führt, befürwortet die baskische Regierung Sanktionen, um das Ganze "im Keim zu ersticken". Dabei müsste sie bei ihrer eigenen Polizei anfangen ...

nov79x17Rassismus ist in der baskischen Gesellschaft zunehmend präsent, was sich in den (ausgerechnet) von der Ertzaintza registrierten “Hassverbrechen“ widerspiegelt. Fremdenfeindlichkeit ist die Ursache für die meisten dieser Straftaten. Dies bestätigte der Innensenator bei der Eröffnung der Konferenz "Abbau von Vorurteilen über den Islam". Er sagte, die öffentlichen Behörden würden die Arbeit gegen diesen Rassismus durch eine Strategie von "Diskurs und Sanktionen“ bekämpfen. "Vorurteile sind unvereinbar mit dem Respekt gegenüber Anderen, das ist das Fundament einer pluralistischen und offenen Demokratie", sagte der christdemokratische Politiker, der ansonsten auf seine umstrittene Polizei setzt. "Es beginnt mit Ignorieren, was folgt ist Ablehnung, am Ende der Hass. Von Hass zu strafrechtlich relevantem Verhalten ist es nicht weit, Hassreden oder die Aufforderung zur Gewaltanwendung gegen bestimmte Gruppen", warnte er.

DEFINITION VON HASSDELIKTEN

Aber was unter diesem neuen Begriff von “Hass-Delikten“ verstanden werden? Reichen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nicht mehr aus zur moralischen Ablehnung und zur strafrechtlichen Verfolgung? Als Hass wird heute definiert, wenn zum Beispiel im Fußballstadion ein schwarzer Spieler beleidigt oder mit Bananen beworfen wird. Hass ist aber auch, wenn am gleichen Ort faschistische Ultrafans von linken Fans beschimpft werden – da stimmt doch was nicht! Hass ist, wenn auf offener Straße Migranten verbal angegriffen werden, Hass ist (nach der offiziellen Definition) aber auch, wenn Antifaschisten Parolen rufen gegen eine Wahlveranstaltung der faschistischen Vox-Partei. Niemand wird in Zweifel ziehen, dass Xenophobie vorwiegend ein Merkmal rechter Gesinnung ist, wo ausgrenzender Nationalismus zum Selbstverständnis gehört und jegliche andere Kultur als minderwertig betrachtet und ausgrenzt wird. Rassismus und Antifaschismus per Definition in einen Topf zu werfen ist fragwürdig, weil bisherige Definitionen aufgeweicht werden und “alles in einen Topf geworfen“ wird. Am Ende ist der angreifende und beleidigende Faschist gleichzeitig Opfer von Hass!

Gipfel des Zynismus ist die Ertzainza-Polizei des Innensenators, jene, die die Hass-Anzeigen entgegen nehmen – außer sie sind gegen die Einheit selbst gerichtet. Schon vorher, aber nie so heftig wie während der Pandemie, wird die baskische Polizei von verschiedensten Menschenrechts-Organisation (SOS, Amnesty, etc.) wegen ihres praktizierten Rassismus angegriffen (mit und ohne Hass.

BESTRAFUNG UNTERGRÄBT NICHT DIE MEINUNGSFREIHEIT

Der Senator ergänzte, "Verbot und Bestrafung von Hassreden bedeute nicht, die Meinungsfreiheit zu untergraben, eine der wesentlichen Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft". Das Recht auf Kritik und Meinungsfreiheit endet dort, wo es um Ausgrenzung geht. Der EGMR vertritt, dass diese Freiheit keine Hassrede decken kann, und erklärt, dass "die Verwendung von Symbolen, Botschaften oder Elementen, die eine politische, soziale oder kulturelle Ausgrenzung darstellen, aufhört, eine einfache ideologische Äußerung zu sein, und zu einem Akt der Ausgrenzung wird, und daher nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt werden kann".

Der Bericht für das Jahr 2021 über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Auftrag der baskischen Regierung wird derzeit erstellt. Eine der wesentlichen Fragen ist, ob der Rassismus tatsächlich zugenommen hat, oder ob eine stärkere soziale Sensibilisierung für das Thema und die entsprechende Ausbildung der Ertzaintza und lokaler Polizeibeamter ein extra Grund für den Anstieg der Zahlen sein könnten". Die Zahl der Hassverbrechen, die sich ausschließlich gegen die muslimische Gemeinschaft richten, sei jedenfalls seit Anfang des Jahres um sieben Prozentpunkte von 25% auf 32% der Gesamtdelikte gestiegen. "Ich denke, das Bild ist klar und aussagekräftig", warnte der Senator.

RÜCKBLICKE: * (1980) Beim ETA-Angriff auf einen Konvoi der Guardia Zivil wird ein Agent erschossen. * (1989) Bei einem ETA-Angriff in Madrid wird ein Armee-Offizier erschossen. * (2008) Eine Gruppe um den ETA-Führer Garikoitz Azpiazu “Txeroki“ wird in Südfrankreich verhaftet. * (2019) In China wird der erste Fall von Covid-19 entdeckt.

(2021-11-16)

FÜHRERS TODESTAG

Eigentlich ist die Verherrlichung von Zeichen und Personen aus dem Franquismus und der Diktatur im spanischen Staat per Gesetz verboten, über das sogenannte Memoria-Gesetz. Aber das kümmert echte Faschisten wenig, schon gar nicht am Todestag des Massenmörders Franco am 20. November. Dazu steht die katholische Kirche Gewehr bei Fuß, ganz so, wie sie es auch während der Diktatur getan hat, die damals begangenen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gehen also auch auf deren Konto.

Ein Dutzend Kirchen werden am 20. November Franco und anderen Faschisten huldigen, rechtsextreme Gruppen rufen dazu auf, Gottesdienste zu besuchen und zu beten "für die Seele von Francisco Franco und alle für Gott und für Spanien Gefallenen". Die Bischöfe schweigen zum Thema, die Bistümer dulden solche Feiern zur Weißwaschung des Franquismus. Nur eine Veranstaltung, in Alicante geplant, wurde aus Angst vor Bußgeldern abgesagt. Die Aufrufe kommen von der Spanischen Katholischen Bewegung und der Nationale Stiftung Francisco Franco (FNFF) und werden von anderen Ultra-Organisationen unterstützt: der versammelte spanische Faschismus.

nov79x16Die Warnungen der Generalitat Valenciana, dass die Messe einen Verstoß gegen das regionale Gesetz der demokratischen Erinnerung darstellen könnte, das die Verherrlichung Francos mit Geldstrafen ahndet, haben die anonym gebliebenen Organisatoren zu Rückschritt bewogen. Doch nur hier. "Ich bin froh, dass sie sich zurückgezogen haben, denn als ich das Plakat sah, hat es mich verletzt", sagte der Pfarrer der Kathedrale von Almeria. Mit "sie" meint der Priester "eine kleine Gruppe", die jedes Jahr diese Messe für Franco organisiert. "Es sind etwa 15 Personen. In der Regel kommen Priester, die diese Messe feiern: niemandem soll das Recht verweigert werden, für seine Toten zu beten", sagt der Pfarrer, der zugibt, dass es in dieser Frage "Verwirrung" gibt. Die Messe", so betont er, "ist das Gebet, das die Kirche an Gott richtet, damit er sich der Verstorbenen erbarmt. Es ist keine Verehrung Tribut oder Ähnliches".

Der Vorsitzende der Spanischen Katholischen Bewegung stellt fest, dass seine Anhänger in Alicante an der umstrittenen Messe teilnehmen werden, "egal was der Priester sagt". "Unsere Leute werden am 18. zur Kathedrale gehen, um für Franco und José Antonio zu beten". Dieser Ultra-Vertreter ist der Ansicht, dass die Annullierung des Aktes "ein Zeichen für den Totalitarismus und das Sektierertum dieser marxistischen und revanchistischen Leute ist, die immer weniger Schamgefühl haben".

Weitere Ehrenmessen sind in Zaragoza geplant, ebenso in Malaga, Madrid, Badajoz. In der von der Franco-Stiftung veröffentlichten Liste der "Messen in Spanien für die Seele von Francisco Franco und allen für Gott und für Spanien Gefallenen" sind auch Messen in Ceuta, Zamora und Albacete aufgeführt. Nach Angaben der Spanischen Katholischen Bewegung könnte die Liste der Kirchen, die sich den Gedenkgesetzen widersetzen, in den kommenden Stunden noch länger werden. Laizistische Organisationen finden deutliche Worte und prangern die "komplizenhafte Zusammenarbeit" der Kirche "mit dieser liturgischen Verherrlichung" an.

VOM GEFALLENEN-TAL NACH MINGORRUBIO

Die wichtigste Veranstaltungen findet im “Tal der Gefallenen“, wo Franco bis vor zwei Jahren im selbst geschaffenen Mausoleum lag (die Regierung will den Ort umdefinieren, um ihm seinen Nimbus zu nehmen. Doch die Benediktiner-Mönche sind ausgewiesene Franco-Fans und ziehen ihre Messe durch. Danach werden die Teilnehmer aufgefordert, zum Friedhof von Mingorrubio zu gehen, um dem Diktator vor dem Pantheon, in dem seine sterblichen Überreste mittlerweile aufbewahrt werden, Ehre zu erweisen. "Wir erinnern an unsere Leute. Aus christlicher Sicht ist es fromm und edel, bei der Messe für ihre Seelen zu beten, was keine Huldigung an jemanden ist, sondern eine Bitte an Gott, den Verstorbenen die Fehler oder Sünden zu vergeben und sie in den Himmel aufzunehmen. Die Behauptung, dies sei eine Verherrlichung, ist eine Verdrehung der Realität", verteidigt sich einer der Faschisten.

In Madrid ist für den 20. November eine Großdemo geplant gegen Faschismus. Erinnert wird auch im Baskenland, in umgekehrter Richtung. Denn an jenem Datum – 1984 und 1989, sicher kein Zufall – wurden baskische Politiker von faschistischen Kommandos ermordet: Santi Brouard und Josu Muguruza.

RÜCKBLICKE: * (1975) Bombenanschlag gegen den baskischen Flüchtling Txomin Irurbe und seine Familie in Baiona, es bleibt bei Verletzungen. * (1978) Ein Richter des Obersten Spanischen Gerichts (Supremo) wird von einem ETA-Kommando erschossen. * (1979) Ein Handwerker wird in Arrasate von den Autonomen Kommandos (UCCAA) erschossen, unter dem Vorwurf, Polizeispitzel zu sein. * (1984) Ein Transport-Unternehmer wird in Irun von ETA erschossen, er galt als Verbindungsmann zu den GAL-Todesschwadronen. * (1987) Schmutziger Krieg: In Santutxu wird die junge Irantzu Mugeta entführt, auf ihrem Arm wird ein Hakenkreuz geritzt.

(2021-11-15)

SPEKULATION IN BILBO

Erribera, Hausnummer 9: Ein ganzes Gebäude in der Altstadt von Bilbao wird gekauft, um mit seinem Wert zu spekulieren - Laut AZET Etxebizitza Sindikatua (Autonome Wohnungs-Gewerkschaft) war das Gebäude jahrzehntelang das Zuhause von fünf Familien. Wenigstens 2 Familien werden im Dezember ihre Häuser und das Viertel verlassen müssen.

WORIN BESTEHT DIESE SPEKULATIONS-OPERATION?

Ein Spekulant, der in der Nachbarschaft viele Immobilien besitzt, hat einen ganzen Block in der Erribera-Straße gekauft. Wenigstens zwei Familien sollen ihre Wohnungen verlassen. Dieser große Spekulant ist mit klaren Zielen ins Viertel gekommen: die Nachbarn zu vertreiben, den Wert der Häuser zu steigern, zu spekulieren und weiterhin von unserem Elend zu profitieren.

WELCHE FOLGEN HATTE DIES FÜR DIE BEWOHNER*INNEN?

nov79x15Die Bewohnerinnen von Erribera 9 erfuhren von einem Tag auf den anderen vom Verkauf ihrer Wohnungen. Zwei der fünf Familien hatten kaum zwei Monate Zeit, um ihr Hab und Gut in Kisten zu packen und eine andere Unterkunft zu suchen, da ihre Verträge ausgelaufen und nicht verlängert worden waren. Bewohner, deren Verträge noch in Kraft sind, haben keine Informationen über den neuen Besitzer, auf den ihre Verträge übergegangen sind, sie wissen auch nicht, was dessen Absichten sind. Sie verstehen weder die Eile des Käufers, den Rest der Nachbarn zu vertreiben, noch wissen sie, was mit den Häusern geschehen soll, die bald leer stehen werden. Es ist absehbar, dass der neue Eigentümer versuchen wird, sie aus dem Gebäude zu vertreiben, indem er ihre Mieten (in einigen Fällen handelt es sich um Altmieten) deutlich erhöht.

WIE IST SPEKULATION IM AKTUELLEN KONTEXT ZU VERSTEHEN?

Leider ist Erribera kein Einzelfall. Seit Jahren erleben wir, wie unsere Viertel, unsere Straßen und unser Leben zum Verkauf angeboten und zu Waren gemacht werden. Diese Art von Spekulations-Geschäften ist nicht nur ein Manöver skrupelloser Vermieter. Die Wohnungsnot ist ein strukturelles Problem, es ist Teil einer allgemeineren Strategie der Besitzer-Klasse einordnen, die eine Offensive gegen die Nichtbesitzerinnen führt, unter dem Schutz und der Komplizenschaft der Institutionen. Das Wohnungsproblem ist strukturell und für das Funktionieren des Kapitalismus unerlässlich. Spekulation ist keine Störung dieses Systems, sondern ein Mechanismus zur weiteren Ansammlung von Kapital, insbesondere in Krisenzeiten. Das bedeutet, wie in La Ribera geschehen, dass immer mehr Nachbarinnen gezwungen sein werden, ihre Häuser und Wohnviertel zu verlassen.

WAS KÖNNEN WIR IN DIESER SITUATION TUN?

Angesichts dieser Barbarei haben die Bewohnerinnen von Erribera beschlossen, sich zu organisieren, das Problem bekannt zu machen und gemeinsam mit der AZET-Gewerkschaft einen Kampf zu beginnen. Für uns ist klar: Unser Leben steht über ihrem Eigentum. Wir werden mobilisieren.

RÜCKBLICKE: * (1971) Im Rahmen der Energiepolitik beschließt der franquistische Ministerrat, an der baskischen Küste das AKW Lemoiz bauen zu lassen (span: Lemoniz). Weitere Atomanlagen sind vorgesehen in Deba (Gipuzkoa), Tutera (Navarra) und Ispaster (Bizkaia). * (1978) Nach einem Attentat der Comandos Autonomos Anticapitalistas gegen die Guardia-Zivil-Kaserne Aretxabalaga werden bei einem Schusswechsel in Arrasate zwei der Attentäter erschossen, eine Passantin tödlich verletzt.

(2021-11-14)

DER ABSCHIED DES PELOTARIS

Außerhalb der Grenzen des Baskenlandes ist die gestrige sportliche Abschiedsfeier schwer verständlich – eine Direktübertragung im öffentlichen Fernsehen, die den ganzen Nachmittag dauerte. Der sich da verabschiedete ist einer der Größen des baskischen Pelota-Sports: Olaizola II, mit vollem Namen Aimar Olaizola. An seinem 42. Geburtstag und nach 23 Jahren Erfolgskarriere trat der Pilotari auf höchstem Niveau zurück. Für sein Agur hatte er sich seine Heimatstadt Goizueta ausgesucht – der ganze Ort war unterwegs, um dem Sohn und Idol eine adäquate Feier zukommen zu lassen. Auch ein Pelota-Spiel gab es zu sehen, im Doppel gewann Aimar das letzte seiner 1.321 Matches auf dem Fronton der örtlichen Baskisch-Schule, wo eine Tribüne für 800 Personen improvisiert worden war.

nov79x14Pelota ist schon lange keine reine Männergeschichte mehr, wie dies lange der Fall war. Schon in den 1920er Jahren gingen jungen Baskinnen mit ihren Raquetas in die USA, um dort professionell zu spielen. Die eigentlich traditionelle Version des Pelota wird mit den gekrümmten Körben gespielt, die an der Hand festgebunden sind. Diese Variante erreichte zuletzt in den USA ein großes Publikum – Aimar spielte hingegen nicht diese Cesta Punta (Spitzkorb), sondern mit der Hand. Bis in die 1960er Jahre war Pelota Mano (Hand) eine authentische Männerveranstaltung, ein Exklusiverlebnis für die jeweils Anwesenden. Dies veränderte sich mit dem öffentlichen Fernsehen nach dem Franquismus. Seither erreicht die Hand-Version ein großes Publikum und stellt den einzigen Sport im Baskenland dar, der es mit dem Fußball aufnehmen kann.

Gespielt wird ein aus Leder und Wolle handgearbeiteter kleiner Ball, der gegen eine linke Wand und den Frontis vorne gedroschen wird. Einzel und Doppel. Das Pilota-Jahr ist von vier Großereignissen gepägt: Im Herbst wird das Viereinhalb-Turnier gespielt, mit verkürzten Spielraum; danach das lange Doppelturnier; im Frühjahr das Manomanista-Turnier und im Sommer verschiedene Auftritte bei Kleinturnieren auf Fiestas. Aimar hat diese Turniere alle mehrfach gewonnen, genau 14 Mal wurde ihm die überdimensionale Baskenmütze aufgesetzt, die Txapela, das Zeichen für den Erfolg.

Aber die emotionalste Txapela wurde ihm gestern von seinen Kindern überreicht, vor den Augen der Stadtbewohner*innen, der versammelten Pelota-Funktionäre und der alten Meister des Sports. Darunter sein großer Rivale Juan Martinez de Irujo, mit oder gegen den Aimar legendäre Finale ausspielte und der wegen eines Herzfehlers zurücktreten musste. Mit Aimar veränderte sich das Esku-Pilota-Spiel, es wurde aggressiv, dynamisch, technisch brilliant, spannend anzuschauen, kein einfaches Gebolze gegen die Wand. Immer zurückhaltend und freundlich, mit einem Lächeln im Gesicht wurde Aimar zu Everybody`s Darling. Auch die Tatsache, dass sich Aimar für die Rechte der baskischen politischen Gefangenen einsetzte, tat seiner Beliebtheit keinen Abbruch. Im Gegenteil.

RÜCKBLICKE: * (1921) Bei einem Kongress vereinigen sich die beiden Kommunistischen Parteien Spaniens zur PCE. * (1980) Das ultrarechte Bataillon Vasco-Español BVE bekennt sich zum Anschlag in Urnieta gegen zwei vermeintliche ETA-Mitglieder, einer davon überlebt schwer verletzt. * (2004) Die baskische Linke organisiert in der Sporthalle Anoeta in San Sebastian eine Veranstaltung, bei der Arnaldo Otegi eine neue politische Strategie bekannt gibt.

(2021-11-13)

GUGGENHEIM – EINMAL ANDERS

Seit 150 Tagen sind die Reinigungskräfte des legendären Guggenheim Museum in Bilbao im Streik für bessere Arbeitsbedingungen, Bezahlung und Arbeitsumfang. Dieser Streik und die mit ihm verbundenen Forderungen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit 99% der Museums-Besucher*innen nicht bekannt. Wie auch! Am 150. Streiktag haben sich die streikenden Reinigungskräfte vor dem Gericht versammelt, um endlich ernsthafte Verhandlungen zu fordern. Die Verantwortlichen des Museum und der Stadtverwaltung wurden wegen Verletzung des Streikrechts verklagt.

marz71x11Nach einer Beschwerde der Gewerkschaft ELA fand am 9. November ein Prozess wegen der Verletzung des Streikrechts der Reinigungskräfte statt. Seit Beginn des Streiks im Juni haben sowohl die Museumsleitung als auch die öffentlichen Einrichtungen, die Teil des Kuratoriums sind, die Rechte der Beschäftigten mehrfach verletzt. So wurden beispielsweise die Arbeitsplätze der Streikenden im Sommer illegal durch andere Arbeitnehmer*innen ersetzt. Die Stadtverwaltung von Bilbao begann, den Vorplatz des Museums vom Personal der Straßenreinigung reinigen zu lassen, obwohl dies bis dahin Aufgabe der Museumskräfte gewesen war. Diese und weitere Verstöße wurden von der Gewerkschaft ELA im Rahmen des Prozesses angeprangert, der nun zur Urteilsfindung ansteht.

Die Kundgebung vor dem Gericht diente auch dazu, um die Situation anzuprangern und ernsthafte Verhandlungen zu fordern. Die Beschäftigten, die bereits 150 Streiktage hinter sich haben, warten immer noch auf Vorschläge der Unternehmensleitung und des Subunternehmers, um das Lohngefälle und die prekären Arbeitsbedingungen des Reinigungsdienstes zu überwinden. Aus diesem Grund fordern sie sowohl die Museumsleitung als auch das beauftragte Unternehmen auf, sich an einen Tisch zu setzen und Vorschläge zur Lösung des Problems zu unterbreiten. In der Zwischenzeit werden sie mit den Mobilisierungen und dem Streik fortfahren.

RÜCKBLICKE: * (1494) Kastilische Eroberer besiegen die kanarischen Ureinwohner (Guanchen) und besetzen zum zweiten Mal Teneriffa.

(2021-11-12)

20% JUGENDLICHE OPFER VON MISSBRAUCH

Einer von fünf baskischen Minderjährigen hat möglicherweise sexistische Gewalt erlitten. Im Jahr 2018 registrierten die regionalen Sozial-Dienste rund 90 Fälle von Gewalt gegen Minderjährige, 151 Erwachsene wurden wegen Sexualverbrechen gegen Minderjährige unter 16 Jahren verurteilt. Die Ertzaintza-Polizei registrierte 2018 mehr als 275 Sexualverbrechen gegen Minderjährige unter 16 Jahren. Das bedeutet: im Baskenland gibt es heute zwischen zwei- und viertausend Achtzehnjährige, die Opfer dieser Geißel geworden sind. Dies erklärte die baskische Senatorin für Gleichheit, Justiz und Sozialpolitik, Beatriz Artolazabal bei einer von Save the Children und der baskischen Regierung organisierten Konferenz, um den Bericht "Unter demselben Dach: Betreuung von Mädchen, Jungen und jugendlichen Opfern sexueller Gewalt im Baskenland; Verbesserungsbedarf und Beiträge des Barnahus-Modells" zu diskutieren.

nov79x12Artolazabal erläuterte die empfohlenen Verhaltensregeln bei einem Verdacht oder Fall von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen. Als Beispiel beschrieb sie einen hypothetischen Fall in einer Schule, bei dem ein Lehrer ein Opfer unter seinen Schülern entdeckt. Der Prozess "der Ungewissheit und des Unbehagens" könne mehr als drei Jahre dauern, in denen das Opfer mit mindestens acht Personen über das Geschehene gesprochen habe. Durch die Anwendung des Barnahus-Modells, einem umfassenden Betreuungsmodell für Opfer von sexuellem Missbrauch, "soll das Opfer seine Geschichte mit weniger Personen teilen und sofort Zugang zu einer spezialisierten Betreuung haben", ein Prozess, der auch bei der Lehrkraft beginnt, die die Schulleitung informiert, die sich wiederum um das Programm kümmert.

Dort wird das Opfer von einem professionellen Team betreut, das auf die Viktimisierung von Kindern spezialisiert ist und dem unter anderem Psychologen, Mediziner und Polizisten angehören. Gleichzeitig erhält die Familie während des gesamten Prozesses professionelle Unterstützung und ausführliche Informationen. In einem altersgerechten Vernehmungsraum wird das Opfer von einem gerichtlichen psycho-sozialen Team befragt. Über einen Einwegspiegel nehmen Richter und Staatsanwälte indirekt an der Befragung teil, auch die Personen, gegen die ermittelt wird und ihre Verteidiger. Als Beweismittel wird das Ganze aufgezeichnet. Die Aussage wird später vor Gericht als Beweismittel verwendet, wenn das Gericht dies beschließt, muss das Opfer nicht zur Gerichtsverhandlung erscheinen.

PILOTPROJEKT IN GASTEIZ

"Auf diese Weise folgt das Baskenland zusammen mit einer Reihe von anderen Ländern der Empfehlung der Vereinten Nationen und des Europarats", so die baskische Senatorin, die darauf hinwies, dass die Entwicklung und Einführung von Barnahus im Baskenland etwa zwei Jahre Arbeit erfordert. Artolazabal gab bekannt, dass Gasteiz als Ort ausgewählt wurde, um ein Pilotprogramm für Barnahus zu entwickeln, das im nächsten Jahr beginnen wird. Sie betonte, dass es sich dabei um einen Raum "fernab von Polizeistationen und Krankenhäusern, in einer kinderfreundlichen Umgebung" handelt, der eine detaillierte und vollständige Aussage über die Erlebnisse der einzelnen Opfer ermöglicht.

EUSKADI AUF DEM WEG ZUM BARHAHUS-MODELL

Barnahus, das isländische Kinderhaus, ist das nordische Modell für eine umfassende Betreuung von Kindern, die sexistische Gewalt erlitten haben. Dieses Modell, das bereits in Katalonien, den Vereinigten Staaten und einigen europäischen Ländern angewandt wird, hat die Zahl der Strafverfolgungen und Verurteilungen verdoppelt. Der Begründer der Methode und Mitglied des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes, Bragi Gudbrandsson, betonte, dass die "Schaffung eines kinderfreundlichen Umfelds" die Botschaft vermittelt, dass "ihre Stimme wirklich zählt; das ist der Kern des Barnahus-Modells, dem Kind zuzuhören". Die Direktorin von Save the Children Euskadi, Charo Arranz, betonte ihrerseits, wie wichtig es sei, dass "alle beteiligten Stellen in dieser Sache zusammenarbeiten, um das Wohl der Kinder und Jugendlichen zu gewährleisten", denn sexuelle Gewalt sei "eine der schlimmsten Formen von Gewalt, unter der Kinder leiden".

RÜCKBLICKE: * (1977) Ein Guardia Civil wird in Guadarrama von der bewaffneten Gruppe GRAPO erschossen. * (1986) In Algerien beginnen Verhandlungen zur Konfliktlösung zwischen ETA und der spanischen Regierung. * (1989) Tod der legendären baskischen Kommunistin Dolores Ibarruri Gomez “Pasionaria“aus Gallarta in Bizkaia. * (2002) Vor der galicischen Küste zerbricht der Öltanker Prestige, die Ölpest reicht über das Baskenland bis zur französischen Atlantikküste. * (2010) In Bilbao wird der baskisch-deutsche Kulturverein BASKALE gegründet.

(2021-11-11)

KEIN BLICK ZURÜCK IM ZORN

Eduardo Madina war Vorsitzender der baskischen Jungsozialisten, als ihm 2002 eine von ETA im Unterboden seines Autos platzierte Haftbombe schwere Verletzungen verursachte, darunter die Amputation eines Beins ab dem Knie. Trotz dieser traumatischen Erfahrung wurde Madina nie zum Hardliner oder Hassprediger. In einem Interview bei der Sendung “Café d'idees“ wurde der Sozialdemokrat zur aktuellen Polemik um die baskische Linke und den 10. Jahrestag der Aiete-Konferenz befragt. Seine Antwort auf die Regional-Präsidentin Isabel Ayuso (PP, Postfranquisten), deren politische Analyse daruf hinausläuft, ETA sei so lebendig wie nie: "Das ist erbärmlich".

nov79x11Demnächst werden die ETA-Aktivisten aus der Haft entlassen, die vor 19 Jahren die verhängnisvolle Bombe gelegt hatten. Madina versichert, dass diese Freilassung keine negativen Gefühle bei ihm auslöst und dass er auf die Justiz vertraut. Seine überraschende Antwort: "Das Gesellschaftsmodell, das ich verteidige, hatte immer einen Platz für sie, im Gegensatz zu dem Gesellschaftsmodell, das sie verteidigt haben und das nie einen Platz für mich hatte". Während Personen wie Madina oder Maria Jauregi, die Tochter des von ETA erschossenen PSE-Politikers Juan Mari Jauregi, Lektionen in Sachen Respekt erteilen, benutzten die spanische Rechte und Ultrarechte ETA weiterhin als politische Waffe. Zehn Jahre nach dem Ende von ETA und nach den Entschuldigungen der abertzalen Linken behauptet die Rechte weiterhin, die Organisation sei "lebendiger denn je". Auf Twitter erntete Madinas Beitrag viel Beifall: "Ein wirkliches Beispiel. Eine Lektion in Bescheidenheit und Größe, die in diesem grauen Panorama der Nutzung von ETA durch die Rechte aufleuchtet".

RÜCKBLICKE: * (1979) Mikel Arregi, Stadtrat von Etxarri (Navarra) wird bei einer Polizei-Kontrolle erschossen. * (1979) Der UCD-Politiker Javier Ruperez wird von ETA entführt und 31 Tage festgehalten. * (1995) Eröffnung der Metro in Bilbao. * (1996) ETA entführt in Zamudio (Bizkaia) den Unternehmer Cosme Delclaux. * (2004) In Paris stirbt der PLO-Gründer Yaser Arafat. * (2007) In Madrid wird der 16-jährige Antifaschist Carlos Palomino von einem Neonazi und Berufsoldaten in der Metro erstochen, im Vorfeld einer von Faschisten organisierten Anti-Migrations-Demonstration. * (2009) Der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bestätigt die Illegalisierung von Batasuna als legalem Arm von ETA.

(2021-11-10)

VERMEIDBARE MIGRATIONS-SCHICKSALE

Zakaria, ein junger Marokkaner, lebt seit elf Monaten im Baskenland. Ein Weg hierher führte vom Hafen von Dakhla in der besetzten Westsahara zu den Kanarischen Inseln, von da auf die Halbinsel und nach Euskal Herria. Vier Familienmitglieder wollten seinen Spuren folgen, kamen aber nie an. Auf einem kleinen Schiff fuhren am 23. September 31 Personen Richtung Kanaren, darunter Bruder, Schwester, Schwager und Nichte von Zakaria. Am 30. Oktober, eine Woche danach, meldeten die kapverdischen Behörden die Entdeckung eines Bootes am Strand der Gemeinde Ribeira Brava. An Bord befanden sich drei stark verweste Leichen, drei marokkanische Staatsangehörige im Alter zwischen 19 und 48 Jahren handelt. Es war das Boot von Zakarias Familie. Gestrandet 1.500 Kilometer südlich des eigentlichen Ziels.

nov79x10UNTERGANG

Die Hoffnung war gering. Einen Monat auf einem treibenden Boot zu überleben, ist mehr als unwahrscheinlich, wie der 27-Jährige aus eigener Erfahrung weiß. Normal ist, die Kanaren in drei oder vier Tagen zu erreichen, so war es bei seiner Fluchtfahrt. Doch im Fall seiner Familie blieb die Bestätigung aus. "Wir glauben eigentlich, dass sie tot sind, aber wir akzeptieren es nicht", sagte er vor drei Wochen in einem Zeitungs-Interview. Die Rettung von 24 Menschen am 9. Oktober auf einem anderen Boot, das am Vortag denselben Hafen in der Sahara verlassen hatte, ließ eine kleine Hoffnung wieder aufleben. Aber die Zeit hat die Wunden nicht geheilt. Nach Angaben der kapverdischen Presseagentur sind die drei Toten aus dem Boot an Hunger und Wassermangel gestorben.

ENDE DES WARTENS

Obwohl er alle möglichen Quellen angerufen hat, das Rote Kreuz, Anwälte, die Polizei, NGOs und die kanarischen Behörden, hatten weder Zakaria noch seine Cousins, die ebenfalls im Baskenland leben, bis vor knapp einer Woche irgendeine Nachricht über den Verbleib des Schiffes. Die Angehörigen der Vermissten müssen "an jede Tür klopfen", um herauszufinden, ob ihre Verwandten "tot oder lebendig" sind. "Wir haben nur Unterstützung von Kollektiven gefunden, aber keine von Institutionen". Sie fordern die Einrichtung einer Stelle für die Familien von Verschwundenen, die Informationen von Krankenhäusern, NGOs und Migrantinnen zentralisiert.

Nach einem Monat des Bangens und Wartens musste Zakaria das Unvermeidliche bestätigen. Seine Verwandten, die wie er vorher "viel Geld" bezahlt und das Meer riskiert haben, um "im Leben weiterzukommen", sind tot. Das Rote Kreuz arbeitet nun daran, alle Angehörigen der 31 Personen ausfindig zu machen, die sich am 23. September in Dakhla eingeschifft haben.

RÜCKBLICKE: * (1985) Schmutziger Krieg: Txema Tolosa aus Renteria wird von Unbekannten entführt, an seinem Arm werden die Buchstaben GAL (Todesschwadronen) eingeritzt. * (2010) In der Stadt Gdeim, in der von Marokko besetzten Westsahara, kommt es zu einem Volksaufstand, der brutal niedergeschlagen wird: 36 Tote unbekannt viele Verschwundene, 4.500 Verletzte, 2.000 Festnahmen.

(2021-11-09)

KLIMAGERECHTIGKEIT – DER NEUE SLOGAN

Nicht nur in Glasgow beim COP-21-Klimagipfel werden grundlegende Änderungen in der weltweiten Energiepolitik gefordert. Auch in Bilbao (und anderen baskischen Städten) wurde kräftig mobilisiert. Von Bilbao aus wurden die Mitglieder des COP26-Kongresses aufgefordert, den Worten Taten folgen zu lassen, so COP26 ALDAKETALDIA (Änderung), eine Plattform verschiedener Organisationen, die vor dem Klimawandel warnen und dem Ruf folgen: "Keine Zeit! Klimagerechtigkeit jetzt!“.

nov79x09Vom 1. und 12. November, ein Jahr nach dem ursprünglich geplanten Termin, treffen sich Staats- und Regierungschefs vieler Länder erneut zur 26. Konferenz wegen eines Rahmen-Vertrags der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (COP26). Seit 1995 haben 25 Konferenzen stattgefunden, fünf davon seit dem Pariser Abkommen von 2015, in dem das Ziel vereinbart wurde, die globale Erwärmung auf deutlich unter +2°C zu begrenzen und Anstrengungen zu unternehmen, um +1,5°C nicht zu überschreiten. ALDAKETALDIA beklagt, dass es sich um einen unvollständigen Gipfel handelt, bei dem Länder des Südens, die am meisten unter den Folgen des Klimawandels zu leiden haben, aufgrund von Beschränkungen und fehlender Impfungen kaum vertreten sind.

“Wir stellen fest, dass der Neoliberalismus trotz der Vereinbarungen der 25 vorangegangenen Gipfeltreffen weiterhin die Grundlagen des Lebens und der Gesellschaft zerstört und dass die Treibhausgas-Emissionen jedes Jahr neue Rekorde erreichen. Infolgedessen ist die globale Durchschnitts-Temperatur bereits um 1,1°C höher als in der vorindustriellen Zeit. Der Klimawandel ist also bereits Realität, und seine Auswirkungen sind nicht nur etwas, unter dem künftige Generationen leiden werden, wir erleben sie bereits jetzt. Beispiele dafür sind der Verlust der biologischen Vielfalt, immer häufiger auftretende Extremereignisse – Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen, Brände, das Schmelzen der Permafrost-Gebiete und von Gletschern, Ernteausfälle und die globale Apartheid gegen Flüchtlinge. Die kürzlich veröffentlichten kurzfristigen Prognosen des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) sind erschreckend.“

“Die Klimakrise geht mit dem Ende der Verfügbarkeit von fossilen Brennstoffen einher. Erneuerbare Energiequellen sind für die Dekarbonisierung notwendig, wie der IPCC warnt, können sie jedoch unseren derzeitigen Verbrauch nicht garantieren, geschweige denn ein Wachstum. Der Klimanotstand ist also ein soziales und globales Problem, das die Schwächen des gesamten kapitalistischen Produktions- und Konsumsystems aufzeigt. Die Logik des kontinuierlichen Wachstums kollidiert mit den Grenzen des Planeten und den Bedürfnissen der Mehrheit, der Klimawandel ist eine der Begleiterscheinungen dieses irrsinnigen Wachstums. Um dieses tief verwurzelte Problem anzugehen, reicht es nicht aus, oberflächliche Veränderungen vorzunehmen; der Energie- und Materialverbrauch muss reduziert und das Ziel des globalen Wirtschaftswachstums aufgegeben werden.“

“Wir können Lösungen zur Milderung des Problems nicht länger hinauszögern. Auf dem Weg, die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden, tragen die Länder des globalen Nordens eine große Verantwortung; ihre Eliten haben eine noch größere Verantwortung. So wurden 2018 im Baskenland pro Einwohner 8,7 Tonnen CO2 produziert, was über dem EU-Durchschnitt (8,6t) und dem Weltdurchschnitt (6,6t) liegt; außerdem verursachen die reichsten 10% der Welt die Hälfte der Gesamtemissionen. Es ist dringend erforderlich, die Reduzierung des Material- und Energieverbrauchs auf demokratische und sozial gerechte Weise zu planen. Der Kapitalismus ist die Ursache der Klimakrise und wird nicht die Lösung sein, auch wenn er grün gestrichen wird (Greenwashing, Industrie 3.0, CO2-Emissionsmarkt, ...). Zu diesem Zweck schlagen wir die konkrete Maßnahmen vor.“

RÜCKBLICKE: * (1938) Reichspogromnacht, von den Nazis Reichskristallnacht genannt, organisierte Übergriffen gegen Juden und jüdische Einrichtungen. * (1967) An der Grenze von Zugarramurdi stirbt der junge Miguel Iturbide durch Schüsse der Guardia Civil. * (2012) Kurz vor der Zwangsräumung ihrer Wohnung stürzt sich Amaia Egaña in Barakaldo vom Balkon, neun Jahre später wurden in der Stadt 1.723 Zwangsräumungen durchgeführt. * (2014) Referendum in Katalonien, von der spanischen Regierung verboten, ersatzweise von zivilen Organisationen durchgeführt. Eine Mehrheit spricht sich für die Unabhängigkeit Kataloniens vom spanischen Staat aus.

(2021-11-08)

FRAUEN WEG VON DER FRONT

Obwohl viele von ihnen an der Front blieben, wurden Frauen ab 1937 aus den republikanischen Milizen verbannt, mit Argumenten wie der Verbreitung von Geschlechts-Krankheiten oder der Tatsache, dass sie die Männer bei der Arbeit ersetzen sollten. Dies wird dargestellt im Projekt “Virtuelles Museum der kämpfenden Frauen (Museo Virtual de la Mujer Combatiente). Geschichte: Bewaffnete Frauen an der Front, die versuchen, den Vormarsch des Faschismus in der spanischen Republik nach dem 18. Juli 1936 aufzuhalten. Obwohl das übliche Bild des Bürgerkriegs männlich ist, bildeten sie keine Ausnahme. Tausende von Frauen entschieden sich vom ersten Moment an, sich zum Kampf gegen Francos Truppen zu melden und widersetzten sich damit einer traditionellen Rolle der Weiblichkeit, die immer noch galt, obwohl die Zweite Republik versucht hatte, sie in Frage zu stellen. Das “Virtuelle Museum der kämpfenden Frauen“ ist ein Online-Projekt, das vom Staatssekretariat für Demokratische Erinnerung und dem Ministerium für Gleichstellung unterstützt wird, seit April der Öffentlichkeit zugänglich ist, aber erst letzte Woche offiziell vorgestellt wurde.

nov79x08Das Projekt stützt sich auf die Forschungsarbeit “Frauen im Krieg:Leben und Erbe der kämpfenden Frauen im Spanienkrieg“ (Mujeres en guerra: vida y legado de las mujeres combatientes en la guerra civil española). Dafür wurde in nationalen, internationalen und familiären Archiven geforscht, um die Lebenserfahrungen der 3.226 Milizionärinnen darzustellen, die bisher dokumentiert wurden. Aber auch, um eine kollektive Geschichte zu erzählen, von der ansonsten wenig die Rede ist: von der Teilnahme von Frauen im Krieg und ihrer anschließenden Vertreibung von der Front. Tatsache ist, dass ihr Abzug nach diesen Untersuchungen zwischen Ende 1936 und Frühjahr 1937 frühzeitig kam, denn der Krieg sollte noch zwei Jahre dauern.

Es war eine generelle Entscheidung, auch wenn nicht alle Frauen zurückgerufen wurden. "Wir haben bis jetzt 360 Frauen in der republikanischen Armee dokumentiert, die an wichtigen Schlachten wie in Belchite oder am Ebro teilgenommen haben. Sicher gibt es noch mehr ", erklärt der Historiker und Hauptverantwortliche des Projekts, Gonzalo Berger. Ein entscheidender "Wendepunkt" für den Rückgang des Frauenanteils bei den republikanischen Kräften waren die Militarisierungs-Dekrete. Von da an wurden viele Frauen hinter die Front geschickt, zu Hilfsarbeiten oder sie kehrten zur Arbeit oder in die häusliche Arbeit zurück, wie das “Virtuelle Museum der Kämpferinnen“ dokumentiert.

"Es gab keinen Befehl, der die Teilnahme von Frauen in den militarischen Einheiten ausschloss oder verbot. Der Beweis ist, einige weiter an der Front waren. Aber die Säuberung fand dennoch statt", sagt Berger, Mitglied der Nexus Research Group an der katalanischen Pompeu Fabra Universität. Sie kämpften nur dann weiter, wenn die Leiter der Einheiten oder die gewerkschaftlichen oder politischen Organisationen, denen sie angehörten, es ihnen erlaubten. "Aber ihre Einberufung wurde nicht gefördert und die Rekrutierung verhindert". Dieser Trend setzte sich im Laufe der Zeit auf "subtile" Weise fort, erklärt der Historiker, auf der Grundlage von "Befehlen" der Kolonnenführer und "sozialem und medialem Druck".

Der Grund lag "klar auf der Hand", so Berger: "Patriarchale Vorstellungen und der Stolz der Männer, nach dem Frauen den “ihnen zugeordneten Platz“ einnehmen sollten. Denn Schlachtfeld und Armee sind Räume für die Sozialisation von Männlichkeit ". Dies galt auch für linke und antifaschistische Aktivisten. "In gewisser Weise war dies die Hauptmotivation der Frauen, die in den Kampf zogen: Sie wollten ihre Präsenz und ihre Rechte in einer Gesellschaft einfordern, die sich im Aufbau befand", so Berger. Dies zeigte sich an den reinen Frauenmilizen, die in einigen Territorien gegründet wurden.

HETZKAMPAGNE

Eine der am weitesten verbreiteten Propagandastrategien, mit denen für ihre Ausgrenzung argumentiert wurde, war, dass ihre Anwesenheit die Ausbreitung von übertragbaren Geschlechts-Krankheiten in der Truppe begünstige, so die Untersuchung. Eine Idee, die "allgegenwärtig war auf der Straße, in den Rekrutierungszentren, in den Gewerkschaften", so Berger. "Frauen an der Front wurden systematisch mit Prostitution in Verbindung gebracht, deshalb sollten sich alle von der Front zurückziehen. Es hieß, dass Krankheit die militärischen Kräfte erschöpft und nicht gut sei für das militärische Leben“. (…) (eldiario)

RÜCKBLICKE: * (1939) Hitler überlebt im Hofbräukeller das Bomben-Attentat des Kommunisten Georg Elser. * (1978) Im Zentrum Bilbaos wird das ETA-Mitglied Ritxi von der Polizei erschossen. * (1984) Ein GRAPO-Mitglied erschießt in Madrid einen Unternehmer.

(2021-11-07)

1980 SPURLOS VERSCHWUNDEN

Der Verlag Txalaparta hat soeben eine spanische Fassung des Buchs veröffentlicht, das zuerst auf Baskisch herausgegeben wurde. Es geht um José Miguel Etxeberria, Spitzname Naparra, der Fall seines Verschwindens ist bis heute ungeklärt. Naparra verschwand am 11. Juni 1980 in Iparralde, für immer. Nur sein Auto tauchte auf. José Miguel Etxeberria wurde in Pamplona geboren, war 22 Jahre alt und Mitglied der Autonomen Antikapitalistische Kommandos (Comandos Autónomos Anticapitalistas), einer anarchistisch inspirierten bewaffneten Organisation. Zu seiner Ermordung bekannte sich das Spanisch-Baskische Bataillon (BVE), eine ultrarechte parapolizeiliche Organisation, bestehend aus Neonazis und Militärs, die den GAL-Todesschwadronen in der Praxis des Staatsterrorismus vorausging. "Wir übernehmen die Verantwortung für die Entführung von Naparra in Ciboure, Frankreich. Er ist in Spanien. Nach den jüngsten ETA-Attentaten ist sein Schicksal besiegelt. Das Spanisch-Baskische Bataillon ist die einzige Lösung. Es lebe die Einheit Spaniens. Spanisch-Baskisches Bataillon, Kommando Esteban Beldarrain", sagte eine Stimme am Telefon bei der Zeitung Deia am 22. Juni 1980.

nov79x07Ein paar Wochen ein erneuter Anruf bei der Zeitung, diesmal der Nachricht: Naparra sei getötet worden. "Unsere Kommandos werden weiterhin in Frankreich gegen die marxistischen Terroristen von ETA vorgehen", warnte der Anrufer und versicherte, dass die Leiche in Saint-Jean-de-Luz, einer baskisch-französischen Stadt nahe der Grenze, vergraben wurde. In weiteren Anrufen bei Deia und Egin wurde behauptet, die Leiche sei von französischen Gendarmen ausgegraben und weggebracht worden. 1982 ordnete die französische Justiz an, den Fall abzuschließen, ohne den Verbleib der Leiche oder die Täter zu kennen. Währenddessen wurde in Spanien eine unüberwindbare Mauer des Schweigens und der Straffreiheit um diesen Fall errichtet. Wie bei anderen Verbrechen des schmutzigen Krieges gab es in Madrid nicht den geringsten Willen, die Geschehnisse aufzuklären. Mehr noch: Als der Fall an die Öffentlichkeit gelangte, ging man so weit, eine Version zu verbreiten, Entführung und Verschwinden seien das Werk der ETA oder von Naparras Kollegen der Comandos Autónomos gewesen, was beide Organisationen bestritten.

"In Südamerika ist diese Art des Verschwindenlassens eine Taktik, die häufig angewandt wurde", sagt der Buchautor in Bezug auf die Kampagne, die versuchte, die ETA oder die Comandos Autónomos mit diesem Mord in Verbindung zu bringen. Dies geht auch aus dem Bericht über das Verschwinden von Naparra hervor, der 2020 vom UNESCO-Lehrstuhl für Menschenrechte und öffentliche Gewalt der Universität des Baskenlandes (UPV) im Auftrag der Regierung von Iñigo Urkullu erstellt wurde. "In den ersten Jahren des schmutzigen Krieges, Mitte der 1970er Jahre, versuchten die Behörden, die Aufmerksamkeit von den Anschlägen abzulenken, die von rechtsextremen Gruppen unter Beteiligung der Polizei verübt wurden, indem sie die These vertraten, dass alles auf eine interne Abrechnung zwischen ETA-Mitgliedern zurückzuführen sei", heißt es in dem Dokument. Darin ist auch die Feststellung zu finden, dass im Fall Naparra "nach den von der Agentur Efe am 28. Juni 1980 verbreiteten Informationen die Autonomen Kommandos beschuldigt wurden, ihren Kollegen getötet zu haben, obwohl der Bekenntnis-Anruf der BVE bereits vorher veröffentlicht worden war".

Naparras Familie konnte 1999 erreichen, dass die Audiencia Nacional eine Untersuchung einleitete, bevor die Verjährungsfrist ablief, aber näher an die Wahrheit kam man nicht: 2004 ordnete Richter Moreno die Einstellung der Untersuchung an, indem er die Vermutung äußerte, dass Naparra möglicherweise aus freien Stücken verschwunden war. Im Jahr 2014 erkannte die UN-Arbeitsgruppe für das Verschwindenlassen von Menschen José Miguel Exteberria als Opfer an, ein großer Schritt, dem ein Jahr später ein Anruf folgte, der wieder Hoffnung machte: Ende 2015 erhielt ein Journalist Informationen von einem ehemaligen CESID-Agenten, der behauptete, zu wissen, wo die Leiche vergraben sei. Im April 2017 führte die französische Gendarmerie auf Ersuchen der Audiencia Nacional eine Durchsuchung in dem angegebenen Gebiet in Mont-de-Marsan durch. Keine neuen Erkenntnisse. Nun muss dieselbe Prüfung an einem anderen Punkt durchgeführt werden, der von dem renommierten baskischen Anthropologen Paco Etxeberria angegeben wurde, er hatte eine erste Inspektion der vom CESID-Agenten angegebenen Gebiet vorgenommen.

An dieser Stelle hört die Geschichte auf. "Der Richter schickte eine Rechtshilfe-Anfrage nach Paris, um diesen zweiten Punkt zu untersuchen. Seither sind drei Jahre vergangen, bis heute kam keine Antwort ", so der Autor von “Caso abierto“ (Der offene Fall). Naparras Mutter, Celes Álvarez, starb im November 2018, als es noch Hoffnung gab, die Leiche ihres Sohnes zu finden. Vater Patxiku war 2006 verstorben, ohne so etwas wie Gerechtigkeit erfahren zu haben. (gara)

RÜCKBLICKE: * (1980) Ein Frauen-Kommando von ETA zündet eine Bombe im Haus eines bekannten Gynäkologen, der einen Verein gegen Abtreibung gründete und in seiner Privatpraxis gleichzeitig für praktizierte Abtreibungen kassierte. * (1986) Schmutziger Krieg: In der Buchhandlung Bilintx in Donostia explodiert eine Bombe. * (1991) Beim Attentat mit Autobombe gegen einen Zivilgardisten in Erandio wird dessen Sohn Fabio Moreno getötet.

(2021-11-06)

WER VERSCHMUTZT HIER AM MEISTEN?

Das öffentliche baskische Fernsehen EITB hat einen kleinen Fahrrad-Pulk auf die Reise geschickt, um am Klimagipfel in Glasgow teilzunehmen. Nach jedem Reiseabschnitt (mit Rad, Zug und Schiff) wird in einem Kurzbericht auf Maßnahmen hingewiesen, die Energie sparen. Gut gemeint und pädagogisch angelegt, doch angesichts der wüsten Reisekampagne nach der Pandemie ein Tropfen auf den heißen Stein. Deutlicher wird die Tageszeitung Gara (bask: “wir sind“, sollte angesichts der Klimakatastrophe nicht bald ein “wir waren“ daraus werden): Schuld an der Klimakatastrophe sind nicht alle in gleichem Maße, die Reichen verschmutzen ungleich mehr.

nov79x06Dazu hat Oxfam Intermón eine neue Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass das Kohlenstoff-Erbe der reichsten 1% der Weltbevölkerung 30-mal höher ist als erforderlich, um das Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen (die Erderwärmung bis 2030 auf 1,5°C zu begrenzen). 2015 einigten sich die Regierungen auf das Ziel, die globale Erwärmung auf 1,5°C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Die derzeitigen Zusagen zur Emissions-Senkung sind jedoch "unzureichend", um dieses Ziel zu erreichen, da jeder Mensch bis 2030 durchschnittlich 2,3 Tonnen CO2 pro Jahr ausstoßen müsste – die Hälfte des derzeit durchschnittlichen Wertes.

Die Studie analysiert die Emissionen der Weltbevölkerung und der verschiedenen Einkommensgruppen ohne Staats-Grenzen. Sie kommt zu dem Schluss, dass die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung im Jahr 2030 immer noch deutlich weniger zur Verschmutzung beiträgt und weit weniger ausschlaggebend ist, um den Temperaturanstieg auf 1,5°C zu begrenzen. Die Emissionen der reichsten 1% Weltbevölkerung hingegen werden um das 30-Fache höher sein, die der reichsten 10% um 9 Mal höher als die ökologisch gesehen erforderlichen Werte. Eine Person, die zu den reichsten 1% gehört, müsste ihre derzeitigen Emissionen um 97% reduzieren, um das angestrebte Emissions-Niveau zu erreichen. Bis 2030 erwarten Experten, dass 40% der Bevölkerung ihre Emissionen im Vergleich zu 2015 um 9% reduzieren – eine große Veränderung für diese Gruppe, die hauptsächlich aus Ländern mit mittlerem Einkommen wie China und Südafrika stammt, jene Länder, die zwischen 1990 und 2015 den schnellsten Anstieg der Pro-Kopf-Emissionen verzeichneten.

Aus dem Oxfam-Bericht geht hervor, dass die reichsten 1% (weniger als die Bevölkerung Deutschlands) bis 2030 für 16% der weltweiten Gesamt-Emissionen verantwortlich sein werden, während es 1990 noch 13% und 2015 15% waren. Darüber hinaus werden die Gesamtemissionen der reichsten 10% der Weltbevölkerung im Jahr 2030 voraussichtlich das Emissionsniveau überschreiten, das erforderlich ist, um das 1,5°C-Ziel zu erreichen, unabhängig davon, was die übrigen 90% der Weltbevölkerung tun.

"FREIBRIEF FÜR EINE KLEINE ELITE".

Der Leiter der Klimainitiative von Oxfam Intermón weist darauf hin, dass "die Emissionen, die durch den Flug eines Milliardärs ins Weltall entstehen, die Emissionen übersteigen, die eine Milliarde der ärmsten Menschen auf dem Planeten im Laufe ihres Lebens verursachen können". - "Es hat den Anschein, als ob eine kleine Elite die Umwelt verschmutzen kann, wie sie will. Diese enormen Emissionen sind die Ursache für die extremen Wetterereignisse auf der ganzen Welt und gefährden das globale Ziel der Begrenzung der Erderwärmung". - "Allein die Emissionen der reichsten 10% könnten uns in den nächsten neun Jahren über das Limit bringen. Dies hätte katastrophale Folgen für einige der am meisten gefährdeten Menschen auf der Erde, die bereits unter lebensbedrohlichen Stürmen, Hunger und Armut leiden", warnt er.

Auch die geografische Verteilung dieser Ungleichheit bei den Emissionen dürfte sich in naher Zukunft ändern, wobei ein größerer Anteil der Emissionen, die von den reichsten 1% und 10% der Weltbevölkerung verursacht werden, aus Ländern mit mittlerem Einkommen stammen wird. Bis 2030 werden die Menschen in China für fast ein Viertel (23%) der Emissionen der reichsten 1% verantwortlich sein, gegenüber 19% und 11% für die Menschen in den USA und Indien. Der Autor des Berichts: "Die Emissionslücke, die entsteht, um das Ziel des Pariser Abkommens (Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5°C) zu erreichen, ist nicht das Ergebnis des Konsumverhaltens der Mehrheit der Menschheit. Stattdessen spiegelt sie die übermäßigen Emissionen einer kleinen Elite wider".

"Um diese Ungleichheit bei den Emissionen bis 2030 zu beenden, müssen die Regierungen ihre Maßnahmen auf die reichsten und größten Verschmutzer ausrichten. Die Klima- und Ungleichheits-Krise muss parallel angegangen werden. Dazu gehören Maßnahmen zur Begrenzung der Emissionen von Luxusgütern und Luxus-Dienstleistungen wie Mega-Yachten, Privatjets und Raumfahrt sowie kohlenstoffintensive Investitionen wie der Kauf von Aktien von Erdöl-Unternehmen", fügt er hinzu.

RÜCKBLICKE: * (1979) Bei einer Polizeikontrolle in Bilbao wird der junge Francisco Caballero von der spanischen Polizei erschossen. * (1980) In Eibar werden zwei Nationalpolizisten von ETA erschossen. * (1989) In Getxo stirbt ein Zivilgardist durch eine Autobombe von ETA.

(2021-11-05)

AIRBNB VERMARKTET "PIRATEN"-WOHNUNGEN

Wenn es um Tourismus und um Profit geht, fallen alle moralischen Bedenken. Noch schlimmer, wenn beides zusammenkommt. AIRBNB ist berüchtigt dafür, Wohnviertel zu zerstören, um Profite anzuhäufen. Dabei wird auch vor illegalen Praktiken nicht Halt gemacht. Im Gegenteil, sie werden benutzt, wie jetzt einmal mehr in Bilbao zu sehen. Die Haifisch-Plattform ermöglicht die Vermietung von Wohnungen als "ganze Unterkünfte", obwohl die behördlich erteilte Lizenz nur die Nutzung von einzelnen Zimmern erlaubt.

nov79x05AIRBNB, die weltweit führende Plattform für die Vermietung von Touristen-Wohnungen, hat Bilbao zusammen mit drei anderen Hauptstädten - Valencia, Sevilla und Girona - in eine Kampagne aufgenommen, um für die Rückkehr des Städtetourismus zu werben und “die lokale Wirtschaft der mittelgroßen Städte“ anzukurbeln. Im Rahmen des Programms "First Night on Us" erhalten Gäste, die sich seit dem 18. Oktober für eines dieser Reiseziele entscheiden, einen Gutschein in Höhe von 100 Euro, der den "durchschnittlichen Kosten einer ersten Nacht" entspricht.

Es überrascht allerdings, dass unter den acht angebotenen Vermietungen, die in der Hauptstadt Bizkaias auch eine "Piraten"-Wohnung befindet. Konkret handelt es sich um eine "gemütliche und ruhige Wohnung, die nur 5 Gehminuten" von der Altstadt entfernt liegt. Das Objekt, das "bis zu zwei Personen oder ein Paar mit einem Baby" beherbergen kann, wird auf der Plattform als "gesamte Unterkunft" beworben, obwohl die Lizenz (LBI-299) nur für ein Zimmer gilt. Diese Lizenz verpflichtet den Eigentümer, selbst in der Immobilie zu wohnen, eine Voraussetzung, die ebenfalls nicht erfüllt ist. AIRBNB-Sprecher haben versprochen, die Angelegenheit "intern zu überprüfen", lehnten es aber ab, sich gegenüber der Presse weiter zu äußern.

Bilbao hat unter den mittelgroßen Städten den dritthöchsten Anstieg an Suchanfragen in diesem Jahr. Es ist nicht das erste Mal, dass AIRBNB für das Angebot illegaler Touristen-Unterkünfte in Bilbao verantwortlich gemacht wird. Ein Blick auf das breit gefächerte Angebot reicht aus, um in dem umfangreichen Katalog Dutzende von Ferien-Wohnungen zu entdecken, die aus verschiedenen Gründen illegal arbeiten. "Es ist unglaublich, dass das immer noch geschieht, denn es handelt sich um Immobilien, die bei der Tourismus-Behörde registriert sind. Es wäre daher sehr einfach, gegen sie vorzugehen, wenn der Wille zur Legalisierung des Sektors vorhanden wäre", argumentierte der Baskische Verband der Ferienhäuser bei verschiedenen Gelegenheiten und kritisiert die mangelnde Kontrolle durch die baskische Regierung.

Im September letzten Jahres sagte der Präsident dieser Organisation, dass in Bilbao vier von zehn Wohnungen dieser Art illegal vermietet werden. Er bestätigte, dass die Besitzer sie vermieten, ohne sie in das Register der Regionalregierung einzutragen. Nach dem letzten Zensus sind in Bilbao 566 der 1.284 Touri-Wohnungen. Zu dieser Zahl von legalen Objekten kommen 370 weitere, die sich jeglicher Kontrolle entziehen. Unternehmer aus dem Sektor beklagen sich, dass die verschiedenen kommunalen Vorschriften die Vermietung dieser Unterkünfte manchmal erschweren. Die Stadtverwaltung von Bilbao ist in dieser Hinsicht eine der restriktivsten im Baskenland, da sie die Vermietung ganzer Wohnungen nur in der untersten Etage von Wohngebäuden zulässt. Aus gutem Grund! Außerdem ist in bestimmten Gebieten, wie der Altstadt und Bilbao la Vieja, nur eine Touristen-Wohnung pro Wohnblock erlaubt. Trotz dieser Einschränkungen verzeichnet Bilbao nach Soria und San Sebastian den drittstärksten Zuwachs an AIRBNB-Suchen im Vergleich zum Vorjahr.

RÜCKBLICKE: * (1605) In England wird Guy Fawkes festgenommen, Teil einer Verschwörung, bei dem das Parlament angezündet werden sollte. * (1933) Referendum über ein baskisches Autonomie-Statut, Mehrheit in Bizkaia und Gipuzkoa, Ablehnung in Araba, Folge: kein Statut. * (1975) Schmutziger Krieg: In ihrer Wohnung in Zarautz werden Angehörige des kurz zuvor hingerichteten ETA-Mitglieds Jon Paredes angegriffen und verletzt. * (1976) In Tolosa wird ein Zivilgardist von ETA auf dem Fußballplatz erschossen.

(2021-11-04)

DER ÜBERFLIEGER-ZUG

Dass im Baskenland eine neue Zugstrecke gebaut werden soll (wird), erfreut mit Sicherheit das Publikum beim Klimagipfel in Glasgow. Denn der Autoverkehr ist einer der schwerwiegendsten Gründe für den Treibhauseffekt und den Klimawandel. Doch ist dieser Zug (wegen seines Verlaufs das baskische Ypsilon genannt) im Baskenlandselbst äußerst umstritten. Linke, Ökologinnen, Gewerkschaften, aber auch Verkehrsexpertinnen sprechen dem Milliarden-Projekt jeglichen Nutzen ab. Denn ein Hochgeschwindigkeits-Zug soll es werden, und die erreichen ihre Hochgeschwindigkeit bekanntlich nicht, wenn sie in jeder Kleinstadt halten müssen.

nov79x04So wird der TAV-AHT eher zu einem Überflieger-Zug, der nur die Hauptstädte bedient, die Nicht-Metropolen ignoriert und keine Alternative zur Straße bietet. 1989 wurde mit der Planung begonnen und 17 Jahre später (2006) mit dem Bau. Die Bauaufträge teilten sich die spanische und die baskische Regierung, schließlich ist die Bauindustrie ein wichtiger Industriebereich, in dem alle ihre parteipolitischen Klienten bedienen wollen. 3,8 Milliarden sind bereits ausgegeben, nachdem etwa 70% der Strecke fertiggestellt sind. Insgesamt soll der unnütze Zug, der vor allem Paris mit Madrid verbinden soll, 6,5 Milliarden kosten, was bereits 2,3 Milliarden über dem ursprünglichen Plan liegt. Keine Kleinigkeit.

Nun hat die baskische Regierung erreicht, den Rest der Bauaufträge vergeben und bezahlen zu dürfen, um die leidige Umweltzerstörung auf den geplanten 170 Kilometern endlich zum Ende zu bringen. Wer Euskadi kennt, weiß, dass hier vor allem Berge und Täler zu finden sind, auf die Strecke bezogen bedeutet das: 80 Tunnel und 71 Viadukte, ebene Strecken gibt es fast nicht. Das macht die Sache erstens teuer und die baulichen Eingriffe ökologisch gesehen besonders gravierend. Egal, Zement ist das Zauberwort jeglichen wirtschaftlichen Aufschwungs.

Neben der Ökofrage gibt es zudem noch Aspekte von Stadtplanung, insbesondere in Bilbo, die Stadt mit einem Sackbahnhof mitten im Zentrum. Hier ist es schwierig, den lahmen Schienen schnelle hinzuzufügen. Die rechte Stadtverwaltung will deshalb aus dem neuen Bahnhof ein urbanistisches Spekulationsprojekt erster Güte machen: der Bahnhof soll unter die Erde, darüber soll ein riesiges Wohngebiet entstehen (Luxuswohnungen), das sicher viele Investoren mobilisiert. Weil diese Konstruktion im Stadtkern jedoch schwierig ist, hat der zuständige Senator der baskischen mit der Ministerin der spanischen Regierung einen Deal verabredet: Um in Bilbo in Ruhe bauen zu können, soll die Bizkaia-Endhaltestelle vorläufig vorverlegt werden, in die Industriestadt Basauri. Aber wie Politik eben so funktioniert, wurde weder der Bürgermeister von Bilbao in die Entscheidung einbezogen, noch jener von Basauri, beide erfuhren davon “aus der Presse“, und sind entsprechend angefasst. Was nicht heißen soll, dass sie gegen die Pläne sind, denn Parteibücher schweißen letztlich schnell wieder zusammen.

In Madrid wird derweil um den Haushalt für 2022 gefeilscht. Dort findet sich die baskische Linke mit der Rechten ganz plötzlich in einer gemeinsamen Abstimmungsfront. So sehr die Linke das Hochgeschwindigkeits-Modell immer abgelehnt hat, so sicher sind nunmehr ihre Stimmen für den Einsatz entsprechender Haushaltsmittel für den TAV. Längst hat sich die Linke von alten Forderungen und Inhalten verabschiedet, Realpolitik steht auf der Tagesordnung. Es geht um Hafterleichterungen für die politischen Gefangenen und darum, dass die aktuelle sozialliberale Regierung gestützt werden soll (muss), um nicht die Postfranquisten mit den Faschisten von Vox ans Ruder kommen zu lassen. TAV, Militärhaushalt und Millionen für die korrupte Monarchie sind dabei das kleinere Übel.

RÜCKBLICKE: * (1915) Tod des baskischen Sozialisten Tomas Meabe, Politiker und Journalist. * (1982) In Madrid wird ein Armee-General von ETA erschossen. * (1988) Schmutziger Krieg: Ein parapolizeiliches Kommando entführt und foltert in Hondarribia drei Tage lang einen Stadtrat von Herri Batasuna.

(2021-11-03)

FASCHISTISCHE STRATEGIEN

Gasteiz, Stadtteil Mendizorrotza, Sonntag vier Uhr früh, viele junge Leute wollen nach der wieder gewonnenen “Freiheit“ noch nicht nach Hause gehen. Vier junge Männer, die Rede ist von Migranten, fallen über eine junge Frau her und verprügeln sie. Sie kommt ins Krankenhaus und erstattet Anzeige. In der Gesellschaft brodelt es, die Empörung ist groß nach einem wiederholten Fall von Geschlechtergewalt. Politiker*innen werden nicht müde, ihrer Abscheu Ausdruck zu verleihen. Rechte und ultrarechte Parteien nehmen den Fall zum Anlass, einen migrations-feindlichen Diskurs zu praktizieren und polizeiliche Härte zu fordern, die Medien berichten gefällig. Im Visier sind erneut die “Menas“, jugendliche Migranten ohne Erwachsenen-Begleitung. Das Opfer steht den Medien für Interviews zur Verfügung. Mit einem ganz speziellen Diskurs.

nov79x03Sie betont, dass es sich nicht um eine Macho-Aggression handelte, und versucht, die Herkunft der mutmaßlichen Angreifer in den Mittelpunkt zu stellen. In einem rechtsgerichteten Fernsehsender sagte sie: "Ich bin überzeugt, wenn es vier Typen aus Madrid wären, würden alle sagen, dass es vier Typen aus Madrid waren. Aber es waren vier Nordafrikaner. Man muss die Dinge beim Namen nennen. Es waren vier Nordafrikaner, Punkt. Mit Hass sind sie losgezogen, um Schaden anzurichten. So weit ist es gekommen. Ich möchte nicht, dass das morgen einem 15-jährigen Mädchen passiert. Entweder wir schmeißen sie raus oder wir reagieren, sonst wird es so weitergehen. Sollen sie doch in ihr Land zurückgehen! Wenn ich ihr Land besuche, akzeptiere ich ihre Kultur. Wenn ich einen Schleier tragen muss, dann mache ich das gerne. Aber wenn sie zu uns kommen, sollen sie mich nicht so behandeln, wie sie die Frauen in ihrem Land behandeln".

Derartige Diskurse waren selbst der Polizei suspekt, es begannen Nachforschungen. Die Untersuchungen hätten "keine Daten oder Spuren" ergeben, die den Angriff von vier jungen Männern auf eine Frau am 24. Oktober bestätigen, sagte der Innensenator. Die Möglichkeit einer falschen Anschuldigung kam ins Spiel. Sollte es etwa ein Komplott sein, hinter dem der Schatten der faschistischen Vox-Partei zu erkennen ist? Zwei Faktoren sprechen dafür: das Opfer war erstens Wahlkandidatin für jene Partei, und zweitens wurde der “Vorfall“ von den Faschisten dazu genutzt, um einmal mehr unbegleitete Minderjährige nordafrikanischer Herkunft zu stigmatisieren.

Der Film wird zurückgespult, von Anfang gab es Zweifel, obwohl es in den Medien schnell große Aufmerksamkeit erlangte. Auffallend war nicht nur der Diskurs des Opfers, sondern vor allem die Eile von PP und Vox, den Vorfall anzuprangern und die Protest-Kundgebung am Tag danach zu vereinnahmen. Der Bürgermeister der Stadt versuchte, die Botschaft der jungen Frau teilweise zu korrigieren, indem er den Vorfall als Geschlechter-Gewalt bezeichnete. Am nächsten Tag musste der Oberstaatsanwalt der Provinz aufs Parkett, um zu versichern, dass es keinen Anstieg der Kriminalität gäbe, wie von der Rechten (von der PP bis zur PNV) behauptet. Der Bürgermeister steigerte sich zu der Aussage, dass "diese Unmenschen eine exemplarische Strafe verdienen", während eine PP-Frau hinzufügte, dass "diese Art von Gesindel in unserer Stadt überflüssig ist".

Eigentlich müssten sie sich nun, da die Lüge aufgeflogen und eine neue Untersuchung eingeleitet ist, für ihre Statements öffentlich entschuldigen. Das werden sie sicher nicht, weil sie daran interessiert sind, dass in der öffentlichen Meinung von Lügen und Hetze “irgendetwas hängen bleibt“. Für den Bürgermeister muss die Sache peinlich sein, weil er zu großspurig auf die Fake News reagiert hat. Der größte Schaden wurde jedoch im Lager von bedrohten Frauen und jugendlichen Migranten angerichtet, denn jeder künftige Übergriff wird die Geister dieses Falles wachrufen. Genau das will die Ultrarechte. Einen Überwachungsstaat, in dem zuerst die Migrantinnen bedroht, dann die Gewalt gegen Frauen ignoriert und am Ende die linke Opposition mundtot gemacht werden soll. Mit Maulkorb, Zensur, Folter, Strafgeldern und Schlagstöcken. Wenn es keine Gründe gibt für “mehr Polizei“, werden sie eben geschaffen.

RÜCKBLICKE: * (1949) Tod des US-amerikanischen Multimillionärs und Kunstsammlers Solomon Guggenheim, Gründer der gleichnamigen Stiftung, die 1997 eine Zweigstelle in Bilbao eröffnete. * (1980) Bei einem Attentat in einer Bar von Zarautz werden vier Zivilgardisten erschossen, mehrere Personen verletzt. * (1987) Schmutziger Krieg: Eine Gruppe namens “Freies Vaterland“ zündet eine Bombe in einem Restaurant in Donostia.

(2021-11-02)

DIE 39 ERSCHOSSENEN VON 1936

Wie jedes Jahr am 1. November (seit 42 Jahren) hat die Kulturgruppe Muga eine Gedenkfeier für die 39 Menschen organisiert, die nach der franquistischen Besetzung im Jahr 1936 in der Stadt Cortes in Süd-Navarra erschossen wurden. Die Gedenkfeier fand auf dem örtlichen Friedhof statt, für jene Opfer des Faschismus, die nach dem Staatsstreich vom Juli 1936 "für die Verteidigung der Ideen von Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit" ermordet wurden. Zum Gedenken an die Toten hängten die Organisatoren die Flagge der spanischen Republik auf, begleitet von der Musik der Gaiteros de Cortes (Pfeifer von Cortes). Seit dem Fund der sterblichen Überreste im Jahr 1978 wird diese Ehrung jedes Jahr am 1. November wiederholt, erklärte Angel Rincón, ehemaliger Bürgermeister von Cortes.

nov79x02Anschließend ergriff Iñaki Egaña, Historiker der Stiftung Euskal Memoria (Baskische Erinnerung) das Wort und rief dazu auf, "unseren Söhnen und Töchtern, Enkeln und Enkelinnen" die Erinnerung und Wahrheit über das zu vermitteln, was vor 85 Jahren geschah. Egaña erinnerte daran, dass die 39 erschossenen Personen 1,6% der Stadtbevölkerung ausmachten. "Wenn wir das auf die heutige Zeit übertragen, bedeutet das in Nafarroa 11.000 Tote, in Spanien 800.000, zwölf Millionen in Europa ... was in Cortes und Nafarroa geschah, war Völkermord", stellte er fest.

Erinnerung und die Vermittlung der historischen Wahrheit bestehen laut Egaña aus verschiedenen Elementen. "Das erste ist die Straffreiheit für die Kriegsverbrecher und Franquisten, die 1977 beschlossen wurde und bis heute existiert. Zweitens müssen wir bedenken, dass nichts von dem, was geschehen ist, von der folgenden demokratischen Klasse verurteilt wurde, auch juristisch gesehen hat sich 85 Jahre später nichts bewegt. Drittes Thema ist der historische Negationismus, der heute sowohl in Spanien wie auch in Nafarroa oder Euskal Herria besteht. Es gibt eine Veränderung der Geschichts-Vermittlung, die sehr subjektiv ist". Die Ehrung endete mit einem Auftritt des Musikers und Sängers Roberto Urra aus Tudela, der das Lied "Maravillas" von Fermin Balentzia und "El sonajero de Martín" von Joaquín Carbonell interpretierte.

RÜCKBLICKE: * (1977) Ein Beamter der Stadtpolizei in Irun wird von ETA erschossen. * (1978) Ein Unternehmer wird in Irun von ETA erschossen. * (1986) Bei der Befreiung eines entführten Unternehmers wird ein baskischer Polizist von ETA erschossen.

(2021-11-01)

AUSWIRKUNGEN DES BASKISCH-LERNENS

In der Wissenschaft ist bekannt, dass das Erlernen einer zweiten Sprache Veränderungen im Gehirn hervorruft, die auf die Fähigkeit des zentralen Nervensystems zurückzuführen sind, sich an Veränderungen in der Umwelt anzupassen und ihre Struktur und Funktionalität zu verändern. Die Anpassung des Gehirns an Veränderungen erfolgt sowohl aufgrund von Umweltfaktoren wie beim Erlernen einer Sprache, als auch aufgrund von pathologischen Prozessen, wie bei einer neuro-degenerativen Krankheit oder einer Verletzung. So wie nicht alle Menschen mit der gleichen Leichtigkeit Sprachen lernen, so entwickeln sich auch nicht alle Menschen im Angesicht einer Krankheit auf die gleiche Weise.

nov79x01Auf dieser Grundlage hat das Baskische Zentrum für Kognition, Gehirn und Sprache (BCBL) in Donostia eine Studie gestartet, um die Auswirkungen des Erlernens des Euskara als Zweitsprache auf Gehirn-Struktur und Gehirn-Funktionalität zu analysieren. Die Studie wird in Zusammenarbeit mit AEK, der Baskisch-Schule für Erwachsene durchgeführt, teilnehmen werde Studierende der Lernstufe A2 (zwei von fünf), 18 und 50 Jahre alt, die sich verpflichten, mindestens 80% des Unterrichts zu besuchen. Die Teilnehmenden werden verschiedenen Tests unterzogen, bei denen kognitive Funktionen wie Gedächtnis oder Aufmerksamkeit mit Hilfe von Instrumenten wie Magnetresonanz-Tomographie, Magneto-Enzephalographie und Verhaltens-Techniken untersucht werden.

Diese Tests werden zu Beginn und am Ende des Schuljahres durchgeführt, um die Veränderungen zu messen, die sich in diesen Monaten durch das Sprachenlernen ergeben haben. Eine Wissenschaftlerin des Zentrums wies darauf hin, dass "die Besonderheit dieser Forschung darin besteht, dass zum ersten Mal eine Person über einen längeren Zeitraum hinweg untersucht wird, um die Entwicklung zu messen, die bei ein und demselben Individuum als Folge des Lernens stattfindet". Einer der Schlüssel zu dieser Studie ist, dass sie nicht auf den sprachlichen Bereich beschränkt ist, sondern versucht, Faktoren zu identifizieren, die es uns ermöglichen, die Entwicklung des Gehirns vorherzusagen und zu versuchen, dieses Wissen auf andere Bereiche wie neurologische Verletzungen zu übertragen. "In dieser Studie wollen wir untersuchen, ob die Veränderungen, die im Gehirn während des Spracherwerbs auftreten, zu Erkenntnissen führen, die sich auf andere Szenarien wie Verletzungen übertragen lassen“. (naiz)

RÜCKBLICKE: * (1910) In Spanien wird die CNT gegründet, die anarcho-syndikalistische Confederación Nacional de Trabajo. * (1954) In Algerien beginnt die Nationale Befreiungsfront mit bewaffneten Aktionen, die in den algerischen Befreiungskrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich mündet. * (1987) Ein Zivilgardist in Zivil wird von einem ETA-Kommando in Ordizia erschossen.

ABBILDUNGEN:

(00) Collage (FAT) (01) Baskisch lernen (02) 1936 erschossen (03) Fascho-Strategien (04) Überflieger-Zug (05) Airbnb (06) Dreck (07) Verschwunden (08) Frauen an der Front (09) Klima-Gerechtigkeit (10) Migration (11) Blick zurück (12) Missbrauch (13) Guggenheim-Schmutz (14) Pelotaris Abschied (15) Spekulation (16) Führers Todestag (17) Rassismus (18) Renten (19) Quarantäne (20) Faschismus (21) Blaue Division (22) Leiche gesucht (23) Kapitalistentreffen (24) Letzte Hoffnung Servini (25) Gewalt gegen Frauen (26) Mikel Zabalza (27) Aggressoren (28) Klima Urdaibai (29) Kirchenraub (30) Gitana-Frauen

ERST-PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2021-11-01)

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information