frageno1Andauernde Spuren

“Viele Leute verstehen nicht, dass der Franquismus ein Völkermord war, der unauslöschliche Spuren hinterlassen hat.“ – Mónica Puertas leitet ein Projekt, das damalige Exilanten aus dem spanischen Staat mit symbolträchtigen Orten in Buenos Aires verbindet. Sie äußert sich überrascht darüber, dass weite Teile der baskischen Bevölkerung die typischen Merkmale des “Völkermords“ während der Franco-Diktatur nicht kennen, wie beispielsweise die “Übertragung der Schuld auf die Opfer selbst“.

Die argentinische Soziologin und Autorin Mónica Puertas mit ihrem Werk “España bajo libertad vigilada“ (Spanien unter Bewährungsauflagen), ein Werk über die Konsequenzen des spanischen Faschismus.

“Während der Monate des Lockdowns in der Covid-Pandemie habe ich viel über den spanischen Bürgerkrieg gelesen und viele Zeitleisten erstellt, um zu zeigen, was in Spanien und in Argentinien geschah. Als ein Freund sie sah, kam ihm eine Idee: Warum bereitest du nicht einen Rundgang über die spanischen Exilanten vor, die nach Argentinien kamen? Und so habe ich damit angefangen”, erzählt Mónica Puertas, Soziologin und seit einigen Wochen in Madrid wohnhaft. (1)

Als Tochter argentinischer politischer Flüchtlinge, die während der Militärdiktatur (1976 bis 1983) nach Amsterdam ins Exil gingen, kam Mónica Puertas im Alter von drei Jahren zurück nach Buenos Aires, bis sie sich mit 18 entschied, nach Barcelona zu gehen. Als Kellnerin erlebte sie den Wechsel von der Peseta zum Euro und das Katalonien vor dem Unabhängigkeits-“Procés”. 2004 kehrte sie in die Stadt ihrer Jugend zurück, schloss ihr Soziologie-Studium ab, wurde Gewerkschafterin und arbeitete im Espacio ESMA, dem einstmals blutigsten Konzentrationslager Argentiniens, das zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einem Zentrum für historische Erinnerung umgebaut wurde.

In den letzten vier Jahren führte Mónica Puertas Schüler durch das riesige Gelände der ESMA, um ihnen den Ort zu zeigen, an dem Folterungen stattfanden und der für viele Menschen zum Ausgangspunkt der sogenannten “Todesflüge” wurden, bei denen die Opfer über dem Mündungsgebiet des Río de la Plata aus den Flugzeugen geworfen wurden. In der Zwischenzeit entwickelte sie ein Projekt, das Tourismus und historische Aufklärung verbinden und die beiden Länder Spanien und Argentinien miteinander verbinden sollte, denen sie sich zugehörig fühlt.

“Der spanische Bürgerkrieg in Buenos Aires” (2) ist der Name des etwa dreistündigen Rundgangs, der zu Orten in der argentinischen Hauptstadt führt, die mit den Hunderttausenden von Exilanten aus Spanien in Verbindung stehen, die aus wirtschaftlichen und politischen Gründen die Flucht gewählt hatten. Der Rundgang führt durch Bars, in denen es Geschichten über Auseinandersetzungen zwischen Republikanern und Franco-Anhängern gibt, und kommt an der Avenida de Mayo vorbei, wo nur wenige Meter voneinander entfernt das Centro Laurak Bat (die älteste baskische Einrichtung außerhalb des Baskenlandes), das Centro Gallego (galicisches Kulturzentrum) und das Casal de Catalunya (Katalanisches Kulturzentrum) liegen.

frageno2Letztes Jahr (2024) veröffentlichte sie das Buch “España bajo libertad vigilada” (Spanien unter Bewährungsaufsicht, Verlag Esquina del Zorro) und fasste damit den gesamten Rundgang und die Anekdoten der Teilnehmer*innen in einem Buch zusammen. Ihre Dokumentationsarbeit und ihre akademischen Studien über Menschenrechte veranlassten sie auch dazu, den Franquismus ohne zu zögern als “Völkermord-Prozess” zu bezeichnen. Sie macht keinen Hehl aus ihrer Überraschung darüber, dass diese Diktatur nicht als solche bezeichnet wird, und sagt, dass “die Spanier viel mehr Stolz” auf ihre antifaschistische und republikanische Geschichte aufbringen sollten, als sie es aktuell tun.

Es ist unmöglich, ihre persönliche Geschichte nicht mit ihrem Interesse an diesem Projekt über den Spanischen Bürgerkrieg in Verbindung zu bringen. “Wer geboren wird, ist sich als Kind natürlich nicht bewusst, dass die eigene Geschichte etwas Besonderes ist“, stellt sie fest. “Ich habe immer alles als selbstverständlich hingenommen und erst als ich älter wurde, wurde mir bewusst, was das Exil, die argentinische Diktatur und all das bedeuteten. Als ich nach Barcelona ging, hatte ich die Sekundarschule noch nicht abgeschlossen, arbeitete als Kellnerin in einem Fastfood-Restaurant und hatte auch keine große Ahnung von der argentinischen oder spanischen Geschichte.“

“Ich beginne mein Buch mit der Erinnerung an jene Nacht des 1. Januar 2002, als meine Freundin Sandreta und ich als Kellnerinnen mit einem Taschenrechner Peseten in Euro umrechneten und Angst hatten, Fehler zu machen“, bei dieser Erzählung lacht sie. “Später, als ich in Buenos Aires als Führerin in der ESMA-Erinnerungsstätte arbeitete und durch diese Straßen ging, durch das Gebäude des Militärkasinos, wo sich die Folterkammern befanden und von wo aus die Menschen zu den Todesflügen gebracht wurden ... heute muss ich sagen, dass ich mich ein wenig von all dem distanziere. Das einzige Mal, dass mir das nicht gelang, war, als ich das Buch von Paul Preston “El holocausto español” (Der spanische Holocaust) las ... da habe ich mich mit großer Traurigkeit schlafen gelegt.

“Erzählen Sie uns, worum es bei dem Projekt geht und wie es entstanden ist,“ wird die gefragt. “Das Leben in Barcelona hat mich auf eine andere Art und Weise mit Spanien verbunden. Als ich nach Argentinien zurückkehrte, wollte ich immer wissen, was in Spanien geschah, ich hatte immer Sehnsucht und fand keinen Weg, in Verbindung zu bleiben. Während der Pandemie blieb ich viele Monate zu Hause und begann, Bücher über den Spanischen Bürgerkrieg zu lesen und Zeitleisten zu erstellen, viele davon, die mir halfen, zu verstehen, was passiert war. Ein Freund sah meine Zeitleisten und schlug mir ein Projekt vor. “Warum stellst du nicht einen Rundgang über den Spanischen Bürgerkrieg zusammen?”, sagte er mir. Das brachte mich zum Nachdenken, und schließlich tat ich es.

Ich begann mit sieben Stationen, dann wurden es neun, und es kamen immer mehr Leute. Es waren zwei Touren pro Monat, und schließlich machte ich bis zu acht. Es kamen viele Argentinier, die sich für das Thema interessierten, und Leute aus Spanien, aber keine Touristen. Diejenigen, die kamen, waren Einwohner von Buenos Aires, die von dem Rundgang gehört hatten und ihn kennen lernen wollten.“

“Als ich mich intensiv mit dem Thema befasste, wurde mir klar, dass das kein Bürgerkrieg war, sondern dass es sich um einen Völkermord handelte. Alles, was ich an der Universität über internationale Menschenrechts-Konventionen und die so genannte argentinische Klage (3) gelesen hatte, half mir beim Verständnis. Ich glaube, dass der Begriff Völkermord den Sachverhalt besser trifft. Ich möchte das Konzept nicht ersetzen, aber ich glaube, dass man es auf den Tisch bringen muss, da es ein umfassenderer konzeptioneller Rahmen ist und ein besseres Verständnis der Gegenwart ermöglicht.

Avenida de Mayo als Mittelpunkt der Tour

“Bei all meinen Recherchen stellte ich fest, dass die Avenida de Mayo, die Hauptverkehrsader des Stadtteils Monserrat in Buenos Aires, der früher als ‘das Viertel der Spanier‘ bekannt war, der Ort war, an dem sich vieles im Leben der Einwanderer abspielte. Außerdem gibt es dort viele Restaurants und Einrichtungen, die von ihnen gegründet wurden. Man bedenke nur, dass nur wenige Minuten entfernt, in derselben Gegend, das Laurak Bat (baskisches Kultur-Zentrum), das Centro Galego (galicisches Kultur-Zentrum) und das Casal de Catalunya liegen (katalanisches Kultur-Zentrum). Zu Beginn des Rundgangs, den ich am Kongress beginne, setze ich die Zeit der großen Einwanderung in einen Kontext, das heißt, wie die damaligen Flüchtlinge oder Auswanderer ankamen und warum das, was in Spanien geschah, einen so großen Einfluss auf die Gesellschaft von Buenos Aires hatte.“

“Im Grunde genommen möchte ich dazu anregen, dass die Teilnehmenden der Tour über den Begriff Völkermord nachdenken, damit sie sich Gedanken machen, dass ihnen eine verzerrte spanische Geschichte verkauft wurde. Denn es gab eine Seite, die einen Staatsstreich verübte und einen Völkermord beging, der auf soziologischer Ebene nicht nur mit einer Ausrottung zu tun hat. Es gibt noch andere Variablen, die sich in der Gemeinschaft abspielen und als genozidale Prozesse bezeichnet werden müssen. Es werden Erzählungen erstellt, um die Vergangenheit neu zu bewerten.“ (4)

“Und ich widme einen Großteil des Rundgangs der Avenida de Mayo, auch weil mir viele Menschen per E-Mail aus erster Hand berichtet haben, dass ihre Väter, Großväter oder Urgroßväter an diesen Straßenecken angegriffen worden waren oder Auseinandersetzungen erlebten, einer erzählte mir sogar von einer Messerstecherei. In diesem Viertel Montserrat standen sich die beiden Seiten gegenüber, obwohl die meisten, die nach Buenos Aires kamen, keine Franco-Anhänger waren. Viele waren der Meinung, dass die Zweite Republik verteidigt werden müsse, und diese Verteidigung war ein Vorwand, um in einem weit entfernten Land eine Gemeinschaft zu bilden.

frageno3“Dieses Nichtwissen hat nichts mit Ignoranz zu tun, sondern damit, dass die Vergangenheit neu interpretiert und die Schuld übertragen wurde. Und wenn viele Leute wiederholen, es habe sich um einen ‘Krieg zwischen Brüdern‘ gehandelt, wird die Geschichte entpolitisiert.”

Frage: “Stimmt es, dass Sie öfter gefragt wurden: “Welcher Bürgerkrieg in Spanien?“ – Mónica Puertas: “Ja, es gab viele Menschen, die nicht wussten, dass es einen Bürgerkrieg gab. Ich glaube, das hat nichts mit mangelndem Willen zu tun. Ich versuche, verständlich zu machen, dass ein Völkermord-Prozess die Menschen zutiefst erschüttert und die Festplatte einer Gesellschaft zurücksetzt. Dieses Nichtwissen hat nichts mit Unwissenheit zu tun, sondern damit, dass die Vergangenheit umgedeutet und die Schuld auf die Opfer übertragen wurde. Die Nachkommen der Republikaner übernehmen einen Teil der Verantwortung, was ich nicht schlecht finde, aber bis heute ist es ihnen unmöglich, bestimmte Trauerprozesse zu durchlaufen und Zeichen zu setzen. Es gab viel symbolische Unterdrückung. Ich finde, die Spanier sollten stolz auf das sein, was in der Republik geleistet wurde, aber ich sehe, dass sie es nicht sind.“

Frage: “Was meinen Sie mit stolz”? – Mónica Puertas: “Nun, es stimmt, dass die Dinge im Baskenland und in Katalonien anders gelaufen sind, sie haben ihre Sprache und Geschichte verteidigt. Ich denke, dass dies zwei Ausnahmen sind, weil sie sich in der Frage der Gemeinschaft gut auskennen, das ergibt einen anderen Blick auf eine gemeinsame Vergangenheit. Aber abgesehen von diesen beiden Fällen, in denen die historische Erinnerung anders verstanden und gelebt wird, denke ich, dass es im übrigen Spanien keine ähnliche Entwicklung gibt.“

“Eine der Folgen des Völkermords ist, dass (von den Kriegs-Gewinnern) eine bestimmte Geschichts-Darstellung etabliert wurde. Ich habe mich intensiv mit den Arbeiten des Soziologen Daniel Feierstein beschäftigt und verwende diesen theoretischen Rahmen für meine Arbeit und mein Buch. Es zeigt sich, dass dieser Völkermord-Prozess mit der Geschichts-Darstellung, die er etabliert hat, relativ erfolgreich war, indem er Schuld und Verantwortung verteilt und die Identität der Opfer leugnet. Wenn beispielsweise viele wiederholen, dass es ein ‘Krieg zwischen Brüdern‘ war, wird das Geschehene entpolitisiert und der Völkermord geleugnet.“

“Der Franquismus wird mit der Darstellung unterschätzt, dass Stalin und Hitler die Schlimmsten waren. Ich werde keine Rangliste erstellen, aber offensichtlich hat der Franquismus aufgrund seiner äußerst brutalen Vorgehensweisen sehr viel Schaden angerichtet. Er wird nicht in Relation zu den unauslöschlichen Spuren bewertet, die er hinterlassen hat.

Jetzt ein Rundgang in Madrid

“Ja, ich werde eine ähnliche Route wie in Buenos Aires machen und versuchen, denselben Argumentations-Strang zu verfolgen. Der Rundgang beginnt im Stadtteil Lavapiés und endet an der Puerta del Sol. Ich bin noch dabei, die Route zu organisieren, denn ich möchte, dass es keine akademische Vorlesung wird, sondern dass sie für die Menschen zugänglich ist, dass sie zur Aufklärung beiträgt.“ – Frage: “Sie sind jetzt nach Madrid gezogen, aber Sie sind Argentinierin, und die Regierung Milei hat eine völlig andere Sichtweise auf die Politik der historischen Erinnerung. Gibt es Rückschritte?“ – Mónica Puertas: “Ja, definitiv. Bei Espacio ESMA erhielten wir unsere Gehälter mit bis zu drei Wochen Verspätung. Sie haben ein Erinnerungs-Zentrum namens Haroldo Conti geschlossen und die Gehälter der befristet Beschäftigten um 50% gekürzt. Das beunruhigt mich, ich finde das sehr bedenklich ... aber ich denke, dass es Momente in der Geschichte gibt, in denen es zu einer heftigen Gegenreaktionen kommt, zu Versuchen, die Geschichts-Darstellungen zu ändern.“ (5)

ANMERKUNGEN:

(1) “Muchos no entienden que el franquismo fue un proceso genocida que dejó huellas indelebles” (Viele verstehen nicht, dass das Franco-Regime ein Völkermord war, der unauslöschliche Spuren hinterlassen hat), Tageszeitung Gara, Autor: Daniel Galvalizi, 2025-09-10 (LINK)

(2) Die meisten Quellen bezeichnen den krieg von 1936 bis 1939 als „Spanischen Bürgerkrieg. Zwei wichtige Fakten stehen dem entgegen: erstens waren von Beginn an ausländische Kräfte beteiligt (Mussolini, Hitler, UdSSR); zweitens spielte sich der Krieg nicht im ganzen Staat ab, sondern nur in den republik-treuen Gebieten (Madrid, Katalonien, Bizkaia). Der in der Linken benutzte Begriff ist deshalb “Spanienkrieg“.

(3) Paul Preston: El Holocausto español (Der spanische Holocaust). Hass und Vernichtung im Spanienkrieg und danach ist eine eingehende Analyse der Unterdrückung und der Verbrechen, die von beiden Seiten während und nach dem Krieg begangen wurden. Der renommierte britische Historiker Paul Preston untersucht in diesem Buch den Hass und die Ausrottung, die diese dunkle Periode der spanischen Geschichte prägten. Auf 859 Seiten bietet diese Ausgabe des Círculo de Lectores einen detaillierten und dokumentierten Überblick über die Ereignisse und Folgen des Krieges.

(4) Seit dem Völkermord Israels in Gaza wird der Begriff häufig benutzt. Zur Klarstellung: um einen ethnischen Völkermord hat es sich im Franquismus nicht gehandelt, sondern um eine massive politische Säuberung, der Hunderttausende zum Opfer fielen. Die andere Ebene, von der Mónica Puertas spricht, ist das Auslöschen der Geschichte und der Erinnerung daran, zum Beispiel die historische Lüge der Franquisten, dass die Basken selbst Gernika vernichtet hätten, eine Darstellung, die 40 Jahre lang offiziell Bestand hatte, gegen die kein Widerspruch geduldet wurde und die bis heute (2025) noch von keiner “demokratischen“ Regierung eine Gegendarstellung kam, de facto auch nicht von der aktuellen Sanchez-regierung, auch wenn diese mittlerweile Vertreter zu den Gedenkfeiern in Gernika schickt.

(5) Während linke oder progressive Kräfte an einer relativ objektiven Aufarbeitung der Geschichte interessiert sind, ist Geschichts-Umschreibung oder Geschichts-Revisionismus eine Strategie von Rechten, Ultrarechten oder autoritären Regimen, um ihre Repression zu rechtfertigen. Mitunter leisten auch bürgerliche, demokratisch genannte Parteien einem solchen Revisionismus Vorschub. Etwa die aktuelle Bundesregierung (CDU-SPD), indem sie in Ungarn nazistische Umtriebe ignoriert, oder in der Ukraine oder Litauen mit Kräften zusammenarbeitet, die Nazi-Kollaborateure verehren. Revisionismus ist somit kein Monopol von Ultrarechten. In Spanien hat die postfranquistische PP (Volkspartei), die organisch und personell aus der Diktatur hervorging, eine Aufarbeitung des spanischen Faschismus systematisch verhindert. Die derzeit erfolgreiche neo-franquistische VOX-Partei will alle vorsichtigen Schritte zur Aufarbeitung des Franco-Regimes sofort rückgängig machen (die so genannten Memoria-Gesetze), wenn sie an die Regierung kommt; in einigen Regionen des Staates ist dies bereits geschehen.

ABBILDUNGEN:

(1) Mónica Puertas mit Buch (naiz)

(2) Buch Mónica Puertas

(3) Paul Preston: El Holocausto español

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-09-16)



logo2

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information