gudari11Mateo Balbuena starb mit 110

16. Juli 2024 – ein historischer Tag für die vor 87 Jahren aus dem Nichts zusammengestellte baskische Armee, Euskadiko Gudarostea. Denn an diesem Tag stark im Alter von 110 Jahren Mateo Balbuena, der letzte Gudari-Kämpfer der baskischen Verteidiger, ein unbeugsamer Kommunist. Der Kommunist hinterlässt nicht nur ein lebendiges Beispiel von Überzeugung und Militanz, sondern auch ein Vermächtnis von 15 veröffentlichten Büchern, darunter das Buch, mit dem er 1964 in die Endrunde des Planeta-Preises kam.

Nach dem faschistischen Militäraufstand im Juli 1936 musste die baskische Regierung aus dem nicht eine Verteidigungsarmee aufbauen, um sich gegen die anrückenden Aufständischen zu schützen. Dies geschah über Parteien und Gewerkschaften, die Bataillone gründeten. Mateo Balbuena war Kommunist.

Er war der letzte Gudari. Es gibt keine Aufzeichnungen über weitere noch lebende ehemalige Kämpfer des Euzkadiko Gudarostea, der baskischen Armee, die nach dem Staatsstreich des spanischen Militärs am 18. Juli 1936 aus dem Stehgreif gegründet wurde. Der letzte Gudari war Mateo Balbuena Iglesias, der am 16. Juli “um 21.30 Uhr“ starb, wie die Familie mitteilte.

Gudari Eguna

gudari22Der Begriff “gudari“ (Soldat) leitet sich ab vom baskischen “guda“ (Krieg), von dem auch das Wort “gudarostea“ (Armee) abstammt. Gudari ist nicht nur der Name für Kriegsteilnehmer, er ist im baskischen Sprachgebrauch auch ein Ehrenbegriff für solche, die großen Einsatz gezeigt haben für die Verteidigung und die Rechte des Baskenlands, sei es im Krieg von 1936 oder später. Auch gefallene ETA-Kämpfer*innen werden als Gudaris bezeichnet. Zum Beispiel die zwei ETA-Militanten, die am Ende des Franquismus (am 27. September 1975) vom dahinsiechenden Regime hingerichtet wurden: Angel Otaegi und Jon Paredes “Txiki“. Seither ist jener Septembertag für die baskische Linke der Gudari Eguna, der Tag der Erinnerung an die baskischen Gefallenen.

Die rechte nationalistische PNV hingegen feiert ihren eigenen Gudari Eguna am 28. Oktober, in Erinnerung an die während des Spanienkriegs von den Faschisten ermordeten 42 Soldaten der baskischen Armee. Nach dem Fall von Bilbao in die Hände der Franquisten waren die verbleibenden Bataillone nach Kantabrien geflohen, ein Teil hatte sich in Santoña ergeben. Trotz gegenteiligen Versprechens wurden 42 Gudaris des Gudarostea von den Putschisten hingerichtet.

Mateo Balbuena

Im September wäre Mateo Balbuena, letzter Kämpfer der baskischen Armee, ein unbeugsamer Kommunist 111 Jahre alt geworden. Der in León geborene und in Araba aufgewachsene Kommunist war bis zu seinem letzten Atemzug Leutnant im Bataillon Leandro Carro (PC), der gleichen Einheit, in der auch der Großvater des ehemaligen Lehendakari Juan Jose Ibarretxe kämpfte (baskischer Ministerpräsident von 1998 bis 2011). (1)

Balbuena war auch Leutnant der Carabineros in der Republikanischen Armee. Bis zu seinem 105. Lebensjahr hielt er Vorträge über Wirtschaftsfragen, eine Gruppe von Personen besuchte ihn in seinem Bauernhaus im Stadtteil Santa María de Lezama in Amurrio (Araba), um dieses kollektive Denken am Leben zu erhalten. Balbuena, ganz und gar ein Intellektueller, stand 1964 mit einem seiner mehr als fünfzehn veröffentlichten Bücher in der Endauswahl für den Planeta-Preis (ein seit 1952 vom gleichnamigen Verlag verliehener Preis für das beste Werk in spanischer Sprache). Das Werk “Die Unterwerfung der Massen“ (Original: La sumisión de las masas) veröffentlichte er im Alter von 102 Jahren. Sein letztes Buch, ” Politische Ohnmacht der Lohnabhängigen“ (Original: Impotencia política de las fuerzas asalariadas), erschien 2017.

Als der Autor dieses Artikels ihn und seine liebenswürdige Tochter Alicia das letzte Mal traf, war der Antifaschist bereits 110 Jahre alt, aber immer noch auf den Beinen, er jätete gerade das Unkraut in den Erdbeeren seines Gemüsegartens. Jahrzehnte zuvor hatte er auch in Barakaldo und Basauri gelebt.

“Ich hatte ihn vor Jahren persönlich kennen gelernt, an einem Wochentag in Vitoria-Gasteiz, wo er mit seiner Frau lebte. Die Frau – ebenfalls eine herzliche intellektuelle Frau – wurde in jenen Tage der Pandemie hundert Jahre alt. Mehr als 76 Jahren waren die beiden damals verheiratet.“

Der Kapitalismus bringt keine Gleichheit

gudari33“Bevor der Aufzug ihre Wohnung erreichte, war ausreichend Zeit, darüber nachzudenken, warum die Medien nur Mateos Leben gewürdigt haben: Warum nicht das von Consuelo Lopetegui, die ebenfalls im antifranquistischen Widerstand gewesen war und im Exil Picassos “Guernica“-Bild sehen konnte, das 1937 auf der Welt-Ausstellung in Paris zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurde? Es gibt noch vieles zu berichten.“

Die Türklingel. Sie kamen beide zur Tür. Sie stellte sich als Lehrerin vor, Freidenkerin und Agnostikerin (eine Weltanschauung, die die Begrenztheit menschlichen Wissens, Verstehens und Begreifens betont). Sie stammte aus Lasesarre. Mateo, geboren in Villamartín de Don Sancho, blieb seiner undogmatischen kommunistischen Ideologie treu. Er hatte sogar beschlossen, nicht mehr wählen zu gehen. „Aus reiner Menschenwürde gehe ich nicht wählen“, sagte der sanftmütige Mann.

In Massenmedien und Büchern wird die Arbeit von Balbuena in den Jahren vor dem Krieg von 1936, während des Konflikts und während des Franco-Regimes dargestellt. Er wurde 1913 geboren und hatte schon während seines Militärdienstes versucht, “wenigstens Unteroffizier zu werden“, wie er sagte. Nach dem Militärputsch war er mit der Aufstellung von drei sehr unterschiedlichen Bataillonen der baskischen Armee beauftragt: dem Bataillon Leandro Carro der Kommunistischen Partei PCE, in dem er selbst Leutnant war, dem Bataillon Bakunin der CNT und dem Bataillon Araba der rechts-nationalistischen PNV.

Balbuena, ein massvoller und gleichzeitig temperamentvoller Mensch, wollte jedoch nicht weiter über die Vergangenheit sprechen, über seine Vergangenheit. “Das steht bereits in den Büchern“. Ihm ging es vielmehr um die Gegenwart, sehr stark sogar. „Wir sind mit dem Thema der Subsistenz geboren. Wir sind 8 Milliarden Menschen auf der Welt, die alle unterschiedlich sind. Es ist daher nicht selbstverständlich, dass es nur ein System für alle gibt: den Kapitalismus. Er bringt keine Freiheit und Gleichheit hervor“, analysierte er.

Er lächelte, als er nach seiner Beziehung zu seiner Partnerin gefragt wurde. „Das sind private Dinge, die keine Rolle spielen“, er bestand darauf, über aktuelle Themen und den Antikapitalismus zu sprechen. Unbeugsam, wie bei einer Ehrung der letzten Gudaris und Milizionäre, hob er den Finger und forderte die dringende Ausarbeitung eines neuen Manifests, auf das sich die Intellektuellen einigen sollten. Das ist seine “Besessenheit“, sagte seine Frau.

Kampf im Baskenland, in Katalonien und im Exil

Doch schließlich willigte er ein. “Wir lernten uns bei einem Tanz in Amurrio kennen, vor dem Krieg“. Consuelo widersprach: “Das kam von früher“. Mateo fragte: “Erinnerst du dich nicht daran, dass ich mit meinem Pferd in eine Bar geritten bin, weil du dort warst?“ 1944 heirateten sie in einer Einsiedelei. “Sie sorgte dafür, dass wir wegen unserer Denkweise weder zur Beichte noch zur Kommunion gingen“, betonte Mateo vor seiner Bibliothek, die von Karl Marx “Kapital-Bänden“ dominiert waren.

Mateo war das älteste von zehn Geschwistern. Als Kind wurde er zum Arbeit in einem Handelsgeschäft geschickt. “Warum musste ausgerechnet ich von zu Hause weggehen?“ fragte er sich. In jenen Tagen prägte sich ihm ein Satz ein: “Was in Russland geschieht, ist sehr wichtig“. Er begann, viel zu lesen und das Ateneo Obrero, eine kommunistische Bibliothek in Gijón zu besuchen. Im Jahr 1932 trat er der Kommunistischen Jugend bei und wurde zum Sekretär für Agitation und Propaganda ernannt. Er nahm am revolutionären Streik von 1934 in Oviedo teil und zog nach Barakaldo in den Stadtteil Cruces. Dort beteiligte er sich am Zusammenschluss der Vereinigten Sozialistischen Jugend des Baskenlandes und war der örtliche Sekretär.

gudari44Am 17. Juli 1936, dem ersten Putschtag, berief er eine Dringlichkeits-Sitzung seiner Organisation ein, um in den Bilbao-Stadtteilen Olabeaga und Lutxana Waffen zu beschaffen. „Am 22. verließ ein Dutzend Milizionäre Bilbo in Richtung Donostia, um die Rebellen im Hotel María Cristina zu bekämpfen. Am 24. nahmen wir an der Belagerung der (von Faschisten besetzten) Loiola-Kaserne in Donostia teil“.

Angesichts der Bedrohung der süd-bizkainischen Stadt Urduña wurden hundert kommunistische, anarchistische und sozialistische Milizionäre in sechs Lastwagen unter dem Befehl von Hauptmann Espías mobilisiert, der zum Leutnant des Bataillons Leandro Carro ernannt wurde.

„Die höheren Offiziere ließen uns im Stich oder verrieten uns, aber meine Abteilung war weiterhin bereit, Widerstand zu leisten“. Nach der Evakuierung von Bilbo (19. Jni 1937) wurde er an der linken Hand verwundet und nach Santander und Gijón beordert. Nachdem auch die asturische Stadt in die Hände der Faschisten fiel, verließ er das Krankenhaus und wurde mit einem Fischerboot nach Le Havre (Frankreich) gebracht.

Über Figueres (Katalonien) kehrte er jedoch nach Spanien zurück, um wieder am Krieg teilzunehmen. Er wurde zum Ausbilder der 65. Brigade ernannt. Angesichts der definitiven Niederlage der Republik rief er seine Truppen auf, nach Frankreich zu fliehen und von dort den Kampf fortzusetzen.

Nach einer 28-tägigen Irrfahrt in Zivilkleidung wurde er in Broto (Huesca, Aragon) gefangen genommen, in Jaca vor Gericht gestellt und inhaftiert. Und wieder freigelassen. Für vormittags fand er Arbeit in einem Bergwerk “oberhalb von Bilbao“ und gab nachmittags Unterricht. Den Kampf mit der Partei EPK-PCE nahm er im Untergrund wieder auf, wurde 1942 verhaftet und im Larrinaga-Gefängnis in Bilbo-Santutxu inhaftiert. “Franqui (für Franco) nahm uns alles, wir lebten von Ersparnissen, dem Gemüsegarten und dem Schreiben, abseits des Kapitalismus“, schloss der Mann, der in seinem Bauernhaus in San Martín de Lezama (Araba) starb, einem Anwesen, das lange Zeit der Musikerfamilie Arriaga gehört hatte.

ANMERKUNGEN:

(1) Agur a Mateo Balbuena, último combatiente del Ejército vasco, un comunista indomable (Abschied von Mateo Balbuena, letzter Kämpfer der baskischen Armee, ein unbeugsamer Kommunist) Tageszeitung Gara 2024-07-18 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Mateo Balbuena (naiz)

(2) Mateo Balbuena (el templete)

(3) Consuelo Lopetegui (eitb)

(4) Mateo Balbuena (sahagon digital)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-07-19)



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