kornach1Euskara: mehr als eine Sprache

Nach dem großen Erfolg des Korrika-Solidaritätslaufs durch das gesamte Baskenland mit einer geschätzten Million Teilnehmer*innen, haben die Euskara-Kritiker und Gegner zum Gegenschlag ausgeholt. Vorwürfe, Unterstellungen, Anzeigen, alle von rechts und ultrarechts, sollen das bunte Vorzeige-Bild der Korrika beflecken. Unbeabsichtigt ist Euskara zur Sprache des Widerstands geworden, zum Stein des Anstoßes statt Kommunikationsmittel, zur Peitsche gegen den baskischen Selbstbestimmungs-Willen.

 

Korrika ist, wenn Kinder, Erwachsene, Alte und Migrant*innen, Euskaldune und solche, die es nie geschafft haben, 10 Tage und 9 Nächte lang durch das Baskenland rennen, unter Sonne, Regen und Schnee. Für die Gleichstellung der baskischen Sprache Euskara.

Anstatt den Veranstaltern der Baskisch-Schule AEK ein Kompliment für das Gelingen der 24. Ausgabe ihrer Korrika zu machen, hagelt es von verschiedenen Seiten teilweise heftige Kritik. Die einen werfen AEK den Elitismus und Ausschluss gesellschaftlicher Kreise vor, die nächsten wollen öffentliche Subventionen streichen, die dritten wollene s nicht wahrhaben, dass auch ehemalige ETA-Gefangene (mit abgesessenen Strafen) das Recht zur Teilnahme haben und die letzten würden die Sprache ohnehin am liebsten verbieten, wie dies in Francos Zeiten gehandhabt wurde.

Eine politisierte Sprache

Nicht Eingeweihte werden sich fragen, wie es möglich ist, dass eine einfache Sprache nicht einfach als Kommunikationsmittel verstanden werden kann, sondern in den Mittelpunkt eines verbitterten Streits mit politischen Färbungen gerät. Die Antwort ist nicht einfach, weil sie vielschichtig ist und weil jeder Euskara-Gegner eine andere Motivation mit sich durch den spanischen Staat schleppt.

kornach2Um es platt zu sagen: Korrika ist der unumstrittene Erfolg einer Privatschule und einer Bewegung von Tausenden von Freiwilligen, die nicht aufhören, sich gegen Sprachverbote, Benachteiligungen und Diskriminierungen zu wehren. Das Kürzel dieser Kette von Privatschulen ist AEK, was auf Baskisch „Alfabetatze Euskalduntze Koordinakundea“ heißt und übersetzt „Koordination zur Alphabetisierung und Euskaldunisierung“ bedeutet. Nach den Sprech-Verboten im Franquismus gründeten Euskara-Willige seit 1976 eine Vielzahl von Baskisch-Schulen für Erwachsene, so genannte Euskaltegis, „Orte des Euskara“, um die Verbreitung der vom Aussterben bedrohten Sprache zu sichern.

Dass sich dieser uneigennützige Aktionismus mit der Zeit zum erfolgreichen Basismodell entwickelte, gefiel der konservativen Baskisch Nationalistischen Partei PNV-EAJ ganz und gar nicht, weil das Kind nicht unter Kontrolle zu bringen war. Nach dem hegemonialen Motto: „Was ich nicht selbst kontrollieren kann, darf gerne verschwinden zu Gunsten meiner eigenen Alternative“. Die PNV begann, als Konkurrenz eine eigene regierungsnahe und subventionierte Kette von Euskaltegis aufzubauen. Der folgende anonyme Text, der durch soziale Medien kreist, bezieht sich auf den Vorsitzenden dieser Partei und eine (unbekannte) Aussage, die dieser nach Ablauf der Korrika getätigt hat. Geschrieben von einer Person, die an den Anfängen von AEK beteiligt war und mittlerweile in Rente gegangen ist.

Anonymer Brief an den PNV-Vorsitzenden

Sehr geehrter Herr Esteban. Sie sind Mitglied einer Partei, die in den 80er Jahren die AEK einer hartnäckigen Verfolgung aussetzte und versuchte, sie auszurotten und finanziell zu ruinieren. Anstatt die Infrastruktur zu nutzen, die die AEK mit ihren Sprachschulen (euskaltegis) und Abendschulen (gau-eskolas) im gesamten Gebiet des Baskenlandes aufgebaut hatte, um die Aufgabe der Euskaldunisierung und Alphabetisierung von Erwachsenen in der baskischen Sprache anzugehen, entschied sich Ihre Partei und die von ihr geführte Regierung für deren Missachtung und Zerstörung, und schuf als Gegenpol zu AEK die HABE-Schulen – etwas, das damals wie heute schwer zu verstehen ist. (*)

Ich erinnere mich, wie es in meinem Dorf, Muskiz in der Bergbau-Zone von Bizkaia, in den frühen 80er Jahren zu einem explosionsartigen Anstieg der Anmeldezahlen von Menschen kam, die Baskisch lernen wollten. Wir hatten bis zu 160 bis 180 Schülerinnen pro Kurs und bis zu fünf oder sechs Lehrkräfte, die Unterricht gaben, wobei unser Dorf das größte Wachstum in der Bergbau-Region und am linken Nervion-Ufer verzeichnete. Nun, in Muskiz richtete ihre Partei, die PNV, eine kommunale Sprachschule in einer Gemeinde mit rund 7.000 Ew ein, während es in Bizkaia Gemeinden gab, die doppelt oder dreimal so viele Einwohnerinnen hatten wie Muskiz und keine kommunale Sprachschule besaßen. Es war offensichtlich, dass mit zwei Sprachschulen in einer kleinen Gemeinde das Angebot die Nachfrage übersteigen würde und dass bei einem subventionierten und einem nicht subventionierten Angebot die Auslöschung der zuletzt genannten Schule, der von AEK, mehr als wahrscheinlich war.

Glücklicherweise gelang der PNV das nicht, trotz der vorhandenen Absicht. Wir, die wir uns damals die Hacken abliefen, um Infrastrukturen aufzubauen, neue Sprachschulen zu gründen und unter wirklich erbärmlichen Bedingungen Unterricht zu erteilen, haben das Verhalten ihrer Partei nicht vergessen. Wir vergessen nicht das völlige Fehlen von Subventionen, ihre ständigen und zermürbenden Inspektionen, die uns das Leben unmöglich machten. Ich erinnere mich noch an die Namen einiger dieser Inspektoren, die uns mit aller Härte wegen irrelevanter Kleinigkeiten an den Pranger stellten, wie etwa der Installation eines einfachen Wasserhahns. Jeder Vorwand reichte aus, um ein Protokoll zu erstellen, ohne jemals die titanische Arbeit zu berücksichtigen, die AEK unter extrem harten Bedingungen im gesamten Baskenland und vor allem in besonders schwierigen Gebieten wie Enkarterri (unzugänglicher Süden von Bizkaia), dem Bergbaugebiet und dem linken Nervion-Ufer von Bizkaia leistete.

kornach3Ich erinnere mich, dass wir Lehrerinnen eine Lagunaro-Versicherung der Sparkasse (Caja Laboral Popular) hatten, eine Unfallversicherung, die wir kündigen mussten aufgrund des wirtschaftlichen Würgegriffs, den uns ihre Partei ansetzte. Wir mussten zusätzlich zu unserem täglichen Einsatz auf die Organisation von Tombolas zurückgreifen, den Verkauf von Losen und Lotterien sowie das Aufstellen von Ständen bei allen möglichen Festen, um in einer Kriegswirtschaft überleben zu können. Ich erinnere mich, wie Euskaltegi-Schülerinnen uns Papierbögen aus ihren Unternehmen mitbrachten, um sie auf der noch unbenutzten Seite wieder zu verwenden. Ich erinnere mich an die Kopfschmerzen, die uns allein schon die Beschaffung von Papier und das Anfertigen von Fotokopien des vielfältigen Materials bereiteten, das für den Unterricht verwendet wurde, und dass wir es dank der Zusammenarbeit und Solidarität von Schülerinnen und einigen Unternehmen mühsam schafften, das Projekt über die Runden zu bringen. Ich erinnere mich daran, wie wir in Geschäfte und Supermärkte gingen, um Werbeprospekte und Angebotsflyer zu sammeln, um sie auszuschneiden und als Unterrichtsmaterial zu verwenden. Alles war nützlich. Uns blieb nichts anderes übrig, als zu lernen, aus dem Elend das Beste zu machen.

Herr Esteban, die Regierung unter der Führung Ihrer Partei hat zusätzlich zu dem oben Beschriebenen viele Millionen Peseten an finanziellen Hilfen eingespart, die uns ohne jeden Grund verweigert wurden, abgesehen von dem Versuch, das zu vernichten, was sie nicht kontrollieren und / oder manipulieren konnte. Darüber hinaus steht Ihre Partei in der Schuld aller damaligen Lehrerinnen, die AEK am Leben erhalten haben und die mehr als ein Jahrzehnt lang gearbeitet haben, ohne Sozialversicherungs-Beiträge leisten zu können, was unserer persönlichen Existenz-Grundlage im Hinblick auf unseren Ruhestand einen schwerwiegenden Schaden zugefügt hat. Wir hatten die Hoffnung, dass irgendwann, so wie es bei den Lehrkräften der ersten Ikastolas (nicht offizielle Baskisch-Schulen in Privatwohnungen) während des Franquismus der Fall war, auch den Lehrkräften von AEK die Arbeitsjahre anerkannt würden, für die wir aus Gründen, die wir nicht zu verantworten hatten, keine Beiträge gezahlt haben.

Wie naiv von uns, das zu glauben! Sie haben uns ins Elend gestürzt, Herr Esteban, und bis heute leiden wir unter den Folgen. Es ist traurig, dass wir nach so viel und so harter Arbeit in eine Form von Armut getrieben werden, durch Ihre Partei und deren Besessenheit, die totale Kontrolle über alles zu haben, einschließlich des Baskischen. Ich habe den Eindruck, dass Sie angesichts des Phänomens Korrika und der uneingeschränkten Akzeptanz durch die gesamte baskische Bevölkerung (Anm: eine Übertreibung) keine andere Wahl haben, als sie zu unterstützen, aber mir scheint, dass der unermessliche Erfolg ein wenig stört, dass er Sie und Ihre Partei nervt. Eine andere Interpretation fällt mir nicht ein, um Ihre Äußerungen zu den jungen Verfassern der in Bilbao verlesenen Korrika-Botschaft zu verstehen. (Anm: am Ende der Korrika hatten sieben Jugendliche aus den sieben baskischen provinzen eine gemeinsame Botschaft verlesen.)

kornach4Ich kenne die politische Zugehörigkeit dieser jungen Leute nicht, Sie scheinen sie zu kennen (eine traurige Obsession von Ihnen, alles kontrollieren zu wollen), aber ich kann Ihnen sagen, dass es wahrscheinlich junge Menschen sind, die ein baskisches Herz haben und politisch links stehen, und dass es junge Menschen sind, die sich mit Leib und Seele für ein baskisches Euskal Herria einsetzen – etwas, das weder Sie noch die regierenden Institutionen tun oder zumindest nicht in ausreichendem und wirksamen Maße. Deshalb glaube ich, dass die Wahl für diesen Abschluss der Korrika nicht treffender hätte ausfallen können: junge Leute, Vertreter der sieben Provinzen des Baskenlandes und Aktivistinnen für die baskische Sprache. Wem das nicht passt, der soll sich selbst helfen. Allerdings sollte sich mehr als eine Person aus Ihrer Partei angesichts des Verhaltens Ihrer Partei gegenüber der AEK fragen, ob er oder sie es überhaupt verdient, die Fackel der Korrika zu tragen. Denn ich denke, dass Ihre Partei zuallererst den verursachten Schaden anerkennen und wiedergutmachen sollte. Tipi-tapa, tipi-tapa, aurrera. Vorwärts Korrika, vorwärts AEK! (*)

Nachwort

Sprachen könnten und sollten eigentlich Mittel zur Verständigung sein. Im Laufe der Geschichte wurde jedoch deutlich, dass Sprachen auch Ausdruck bestimmter Kulturen sind. Im Zeitalter des Kolonialismus, als Völker, Gebiete und Kontinente unterworfen und erobert werden sollten, wurde auch deren Kultur, Sprache verboten und vernichtet und zum Vergessen gebracht, um Widerstand zu verhindern. Das Verdrängen und Auslöschen von Kulturen war vor allem in Lateinamerika und Afrika vorherrschend, dort wurden Tausende von lokalen und regionalen Sprachen zum Verschwinden gebracht, als Teil eines groß angelegten und über Jahrhunderte andauernden Genozids. Auch das Baskenland wurde kolonisiert. Dank der baskischen Topografie hat das Euskara überlebt in einem Europa von Kolonial- und Dominanz-Sprachen – Englisch, Französisch, Holländisch, Deutsch, Portugiesisch, Spanisch – die sich über alle Kontinente ausgebreitet haben.

ANMERKUNGEN:

(1) Text von einer unbekannten Person, die offenbar Baskisch-Lehrkraft in Muskiz / Bizkaia war und nun in Rente ist, wiedergegeben in sozialen Medien, 2026-04-03, Übersetzung: baskultur.info

ABBILDUNGEN:

(*) Korrika 24 (2026) (naiz)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-04-03)

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information