FIFA-Imagepflege für Trump
Weil der Start der Fußball-Weltmeisterschaft kurz bevorsteht, werden zahlreiche Stimmen gegen Trump und den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino laut und warnen vor dem „Sportwashing“ durch den amerikanischen Magnaten. Andrea Florence, Direktorin der britischen Menschenrechts-Organisation „Sport and Rights Alliance“ (SRA), hat kürzlich einen offenen Brief an Infantino geschickt, mit fünf konkreten Forderungen und Auflagen, die „die Behörden im Sinne der Achtung der Menschenrechte erfüllen sollten“.
SRA setzt sich als Menschenrechts-Organisation dafür ein, die Interessen im Sport und der körperlichen Erziehung zu fördern. Sie arbeitet fern von staatlicher Kontrolle, verteilt keine Mittel und ist überparteilich.
Sport and Rights Alliance ist eine „globale Koalition“ der wichtigsten Menschenrechts-Organisationen, die „die Kraft des Sports“ nutzen wollen, um „Menschenrechte im Gefüge der Gesellschaft zu stärken“. Im Gespräch mit der baskischen Tageszeitung Gara beklagt die Direktorin Andrea Florence die Komplizenschaft der FIFA im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, und warnt vor den humanitären Risiken.
Was sind die konkreten Forderungen an die FIFA?
Als Erstes fordern wir einen Migrationsfrieden in den USA während der Weltmeisterschaft. Das heißt, dass die ICE an keinem der Austragungsorte in den USA Razzien durchführt; wir fordern razzien-freie Zonen für die Fans. Ebenso fordern wir die Aufhebung von Visums- und Einreise-Verboten für Fans aus WM-qualifizierten Ländern, deren Fans aufgrund der aktuellen Kontrollprioritäten der US-Behörden einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Die FIFA sollte zudem das Recht auf Privatsphäre respektieren, weshalb die Forderung nach Überwachung sozialer Netzwerke jeglicher Rechtsgrundlage entbehrt. Ebenso haben wir Infantino aufgefordert, einen Mechanismus zur Überwachung der Menschenrechte mit unabhängiger Kontrolle und öffentlicher Berichterstattung während des gesamten Turniers einzurichten. Und schließlich ist eine Kinderschutz-Politik erforderlich, die gewährleistet, dass Familien, einschließlich solcher mit gemischtem Migrationsstatus, die Weltmeisterschaft 2026 besuchen können, ohne Angst haben zu müssen, getrennt zu werden. Wir haben keine Antwort erhalten.
Wie ist die politische und soziale Lage in den USA?
Amnesty International, einer der Gründungspartner von SRA, hat gerade einen Bericht veröffentlicht, in dem die zunehmende Menschenrechts-Krise angeprangert werden und ein deutlich erkennbares Muster autoritärer Praktiken. Die US-Regierung hat sich aktiv darum bemüht, bestehende internationale Kooperationssysteme zu zerschlagen und ihnen die Finanzierung zu entziehen, hat einen Angriff auf Venezuela verübt und mit Unterstützung Israels groß angelegte Angriffe gegen den Iran gestartet, sowie Massenabschiebungen und Angriffe gegen Migranten, Demonstranten und die Pressefreiheit durchgeführt. Diese missbräuchlichen und autoritären Praktiken gefährden ernsthaft die Möglichkeit, in den USA eine Weltmeisterschaft auszurichten, bei der die Menschenrechte geachtet werden.
In dem genannten Bericht „Die Menschlichkeit muss gewinnen“ werden auch die Pressefreiheit und das Recht auf freie Information in Frage gestellt.
Seit Präsident Trump sein Amt angetreten hat, wurden Journalisten von den Ordnungskräften angegriffen, während sie über Demonstrationen oder Einwanderungs-Verfahren berichteten. Die Pressefreiheit in den USA steht unter starkem Druck. Der Journalist Mario Guevara wurde festgenommen und inhaftiert, weil er politische Demonstrationen in Atlanta, einer der Austragungs-Städte, gefilmt hatte. Er wurde in die Obhut der ICE überstellt und anschließend nach El Salvador abgeschoben.
Sie erwähnen die Migrations-Behörde ICE. In einem Kontext, in dem die Rechte von Migranten und Flüchtlingen nicht respektiert werden, wie viele Abschiebungen gab es?
Wie Human Rights Watch, ein Partner der Sport & Rights Alliance, in seinem aktuellen „Leitfaden für Journalisten“ zur FIFA-Männer-Weltmeisterschaft 2026 berichtet, hat die ICE zwischen Januar 2025 und dem 10. März 2026 mindestens 167.000 Menschen in den elf US-amerikanischen Austragungs-Städten und deren Umgebung festgenommen. Seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 hat US-Präsident Donald Trump eine brutale Kampagne zur Unterdrückung der Einwanderung gestartet, die den Einsatz von maskierten Beamten sowie gewalttätige, diskriminierende und irreführende Praktiken umfasst. Laut einer Studie von Amnesty International hat die Trump-Regierung im Jahr 2025 mehr als 500.000 Menschen abgeschoben. Diese Zahl entspricht mehr als dem Sechsfachen der Zuschauerzahl, die beim anstehenden WM-Finale im MetLife-Stadion in New Jersey erwartet wird.
Was halten Sie von der ICE?
Die ICE und andere Einwanderungs-Kontroll-Maßnahmen basieren darauf, Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen nationalen Herkunft festzunehmen, wobei Rasse und ethnische Herkunft als Indikatoren für den Einwanderungs-Status herangezogen werden. Die Präsenz der ICE bei der Weltmeisterschaft ist kein Sicherheitsplan, sondern eine Bedrohung. Deshalb fordern wir die FIFA auf, von den US-Behörden eine Zone zu erwirken, die an allen Austragungsorten des Turniers frei von ICE-Einsätzen ist.
Ist die Fußball-WM zu einer Bedrohung für die Fans geworden?
Dies ist die erste Weltmeisterschaft, bei der während des gesamten Prozesses – von der Bewerbung über die Vergabe bis hin zur Austragung – Menschenrechts-Standards angewendet wurden; das allein stellt einen enormen Unterschied zu der Situation dar, in der wir uns befanden, als 2010 die WM an Katar vergeben wurde. Doch dies muss sich in der Praxis niederschlagen, insbesondere angesichts der autoritären Praktiken eines Gastgeberlandes wie den Vereinigten Staaten unter der Trump-Regierung. Die FIFA hat sich nicht nur nicht gehandelt, sondern sich auch aktiv an Trumps „Sportswashing“ beteiligt, indem sie ihm den sogenannten „FIFA-Friedenspreis“ verlieh. Das ist besorgniserregend, nicht nur für diese WM, auch für zukünftige. Deshalb fordern wir die FIFA auf, sich an ihre eigenen Regeln zu halten. Das bedeutet im Moment, klare und öffentliche Zusagen von den USA einzuholen, um die Sicherheit aller Menschen zu gewährleisten, die bei der WM 2026 arbeiten, daran teilnehmen oder sie besuchen.
Sie sagen, die FIFA habe sich aktiv an den Sportswashing-Bemühungen beteiligt. Trägt sie Mitschuld an der Situation?
Die Weltmeisterschaft 2026 sollte eigentlich die größte und inklusivste aller Zeiten werden. Derzeit ist sie auf dem besten Weg, durch Ausgrenzung zu bestechen: ein Turnier, das unter dem Motto der Einheit beworben wird, während die Gastgeber-Regierung Fans festnimmt, Visa verweigert und die Überwachung ausweitet. Die FIFA ist keine einfache Zuschauerin. Sie hat den Einfluss und die rechtliche Verpflichtung zu handeln: Ihre eigenen Menschenrechts-Richtlinien verlangen von ihr, ein sicheres und inklusives Turnier zu gewährleisten.
Nur wenige der Austragungsstädte haben einen Plan zur Achtung der Menschenrechte vorgelegt. Dies haben lediglich Atlanta, Dallas, Houston und Vancouver getan. 4 von 16.
Die Komitees der WM-Austragungs-Städte haben die von der FIFA versprochenen Aktionspläne zum Thema Menschenrechte nicht vorgelegt; diejenigen, die Pläne ausgearbeitet haben, ignorieren die wichtigsten Risiken für die Menschenrechte – darunter solche, die Migranten, LGBTI-Personen und Journalisten betreffen – oder sie gehen nicht angemessen darauf ein.
Wie sollten wir auf dieses Skandalon reagieren?
Milliarden von Kindern werden diese Weltmeisterschaft sehen. Sie verdienen es, einen positiven Teil der Menschheit zu sehen, nicht ein Turnier, das Fans aufgrund ihrer Herkunft ablehnt. Der Sport war schon immer ein Ort, an dem Migranten der Welt gezeigt haben, wozu sie fähig sind. Die Weltmeisterschaft sollte dies feiern und nicht zu einer Plattform für die Ausgrenzung oder Dämonisierung von Migranten-Gemeinschaften werden.
Welche Botschaft möchten Sie vermitteln?
Wenn Sie die Weltmeisterschaft verfolgen, wenn Sie vorhaben, sie zu besuchen, wenn Sie besorgt sind, dass der Sport, für den Sie sich begeistern, als Vorwand für Ausgrenzung genutzt wird, haben Sie eine Möglichkeit: Melden Sie die Verletzung grundlegender Menschenrechte und zwingen Sie die FIFA zum Handeln.
ANMERKUNGEN:
(*) „Die FIFA beteiligt sich an der Schönfärberei von Trump“, Original-Titel: „La FIFA está participando en el blanqueamiento de Trump“, Tageszeitung Gara, 2026-06-08, Interview mit Andrea Florence, Direktorin der Sport and Rights Alliance (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) WM 2026 (la times)
(2) WM 2026 (naiz)
(3) WM 2026 (instagram)
(4) WM 2026 (instagram)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-06-09)
