genoku1Palästina reduzieren und löschen

Völkermord (Genozid) ist der Versuch, “eine nationale, ethnische oder religiöse Gruppe ganz oder teils zu zerstören“. Die militärische Praxis Israels gegen Gaza (2023-2024) wird als Völkermord bezeichnet. Weniger geläufig ist der Begriff “kultureller Völkermord“, definiert als: Ethnozid oder Entnationalisierung, bezeichnet den Versuch, die kulturelle Identität einer bestimmten ethnischen Gruppe zu zerstören, ohne ihre Angehörigen zu töten wie beim Genozid. Beide Formen werden auch zusammen praktiziert.

Hintergrund von kulturellem Völkermord ist ein durch Rassismus gespeistes Überlegenheitsgefühl dominanter Gesellschaften gegenüber anderen Ethnien. Ziel ist Eingliederung oder Vernichtung der anderen durch Abschaffung der kulturellen Eigenarten.

Israel will nicht nur die Zukunft Palästinas zerstören, sondern auch die Vergangenheit des palästinensischen Volkes und seine Geschichte auslöschen. Der zionistische Staat hat nicht nur 30.000 Menschen getötet und eine Rückkehr in den Gazastreifen unmöglich gemacht, sondern auch die palästinensische Geschichte und Erinnerung angegriffen. Historische Moscheen, Kirchen und archäologische Stätten wurden zerstört.

Neben Bombardierungen, Massakern, Hungersnöten und Zwangsumsiedlungen hat Israel, um die Palästinenser zu unterwerfen, auch deren Geschichte und Gedächtnis ins Visier genommen. Durch einen kulturellen Völkermord wurde ein Teil des historischen Erbes in drei Monaten Angriffen stark beschädigt bzw. zerstört.

Zahlreiche Zivilisationen hatten ihre Spuren im historischen Palästina hinterlassen: Ägypter, Perser, Griechen, das Römische Reich, Byzantiner, Türken ... und obwohl die vom kolonialen Israel in den vergangenen Jahren verhängte Blockade und die Führung der Hamas-Regierung die Situation dieses Erbes erschüttert haben, ist seit dem aktuell drei Monaten andauernden Krieg ein weiterer weitgehender Verlust zu verzeichnen.

Laut einer von der Regierung des Gazastreifens im Dezember erstellten Bilanz hat die israelische Armee 200 historische Gebäude, archäologische Stätten und Kulturgüter in Gaza zerstört. Alte Moscheen, Kirchen, Schulen, Museen, alte Häuser und mehrere Stätten von historischem Kulturerbe wurden in Schutt und Asche gelegt. Den Zahlen zufolge wurde mehr als die Hälfte der 325 historischen Stätten im Gaza-Streifen zerstört. "Dies ist ein Versuch, die Kultur und das kulturelle Erbe der Palästinenser auszulöschen", beklagt die Regierung.

Zu den bei Angriffen zerstörten Objekten gehören die Al-Omari-Moschee in Gaza, die größte und älteste Moschee im Gazastreifen, sowie die Otman Bin Qashqar-Moschee, ein weiteres der ältesten Gotteshäuser der Enklave, beide in der zerstörten Altstadt von Gaza-Stadt. Die Omari-Moschee wurde vor mehr als 1.400 Jahren gegründet und umfasste eine Fläche von 4.100 Quadratmetern. Zuvor war auch ihr Minarett durch israelische Artillerieangriffe zerstört worden.

Einige byzantinische christliche Bauwerke im Gazastreifen wurden ebenfalls beschädigt oder zerstört. Zum Beispiel die byzantinische Kirche von Jabalia oder die orthodoxe Kirche des Heiligen Porphyr in Gaza. Diese Kirche wurde im November von israelischem Granatenbeschuss getroffen, dabei wurden 18 Christen getötet, die dort Zuflucht gesucht hatten. St. Porphyrios ist die älteste Kirche in Gaza-Stadt, eine der drei ältesten der Welt und wurde im 5. Jahrhundert gebaut. Die Fassade und ein angrenzendes Gebäude wurden bei dem Angriff beschädigt.

Ein weiteres zerstörtes Gebäude ist das Zentralarchiv von Gaza-Stadt, das Manuskripte und alte Dokumente enthielt, die von der Geschichte der Stadt zeugen. "Die zerstörten Kulturgüter und archäologischen Stätten stammen aus der Zeit der Phönizier, einige aus der Römerzeit, andere aus der Zeit um 800 vor Christus, einige aus der Zeit vor 1.400 Jahren und andere aus der Zeit vor 400 Jahren", so das Pressebüro der Regierung von Gaza.

Hinzugefügt wird, dass die israelischen Angriffe auf das Jahrhunderte und Jahrtausende alte Erbe des Gazastreifens ein "klares internationales Verbrechen" darstellen, das auch gegen das Haager Übereinkommen von 1954 über den Schutz von Kulturgütern bei bewaffneten Konflikten verstößt. Insgesamt hat die israelische Armee 104 Moscheen und drei Kirchen im Gaza-Streifen zerstört.

"Die Angriffe zerstörten den größten Teil der Altstadt von Gaza-Stadt, einschließlich historischer Gebäude, Moscheen, Museen und archäologischer Stätten", erklärte der palästinensische Kulturminister Atid Abu Seif. Auch die Zerstörung der Al-Azhar-Universität, des Generalarchivs der Stadtverwaltung von Gaza-Stadt, von neun Verlagen und Bibliotheken sowie von 21 Kulturzentren unterstreicht die Entschlossenheit des zionistischen Regimes, das Erbe, die Symbole und die Identität des palästinensischen Volkes und seiner Zivilisation zu zerstören.

"Die Beschädigung von Zentren, die das historische Gedächtnis des Gazastreifens bewahren, zeigt sich auch in anderen Angriffen, wie etwa der Zerstörung des allgemeinen Archivs des Rathauses von Gaza", so die Birzeit-Universität, ein palästinensisches akademisches Zentrum im Westjordanland.

Die zionistische Armee rechtfertigte ihren Angriff auf den Campus der Al-Azhar-Universität mit der Behauptung, die Hamas nutze ihn für militärische Aktivitäten – ein ständig wiederkehrendes Argument der israelischen Besatzer, um ihre wahllosen Angriffe zu legitimieren, ohne dafür Beweise vorzulegen. Auch bei Krankenhäusern, Schulen und Moscheen wurden dieselben Argumente vorgebracht. Diese Argumentation hat sich in den vergangenen Wochen selbst entlarvt und sich selbst ad absurdum geführt. Denn sie dient einzig und allein dazu, palästinensisches Leben zu vernichten – und dazu die palästinensische Identität und Geschichte.

Israelische Soldaten haben diese Zerstörungen oft mit Stolz zur Schau gestellt. So zeigten beispielsweise Nathaniel Melchior und Alon Segev, zwei Reservisten des 404. Bataillons der 282. Artilleriebrigade der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), eine alte byzantinische Öllampe. "Ihre runde Form erregte meine Aufmerksamkeit", erinnerte sich der Soldat Nathaniel. "Sie war mit Schlamm bedeckt, ich säuberte sie und als ich erkannte, was es war, rief ich die Israelische Altertumsbehörde an". Er sagte, dass sie an der Grenze zum Gazastreifen "arbeiteten". Als die Experten eintrafen, bestätigten sie, dass es sich um eine antike Öllampe aus der byzantinischen Zeit in hervorragendem Zustand handelte.

"Die Stimme von Gaza" zum Schweigen gebracht

Nicht nur das materielle Erbe, sondern auch kulturelle Zeugnisse sind Ziel der Angriffe. Unter den unzähligen Opfern der Angriffe und Bombardierungen hat der Tod von Refaat Alareer, einem bekannten Dichter und Aktivisten und einer der aktivsten Stimmen der Palästinenser, einen besonderen Schock ausgelöst. Refaat Alareer war einer der Initiatoren eines Projekts “We Are Not Numbers" – Wir sind keine Zahlen, das jungen Menschen in Gaza helfen sollte, Schriftsteller in englischer Sprache zu werden. Projekt-Leiter Ramy Abdu, berichtete, dass Alareer "vorsätzlich getötet" wurde. Zuvor hatte er die schreckliche Nachricht erhalten, dass Refaat Alareer als Erster getötet werden würde.

Refaat "erhielt einen Anruf vom israelischen Geheimdienst, der ihm mitteilte, dass er in der Schule, in der er Zuflucht gesucht hatte, entdeckt worden war. Sie sagten ihm, dass sie ihn umbringen würden. Er verließ die Schule, weil er andere nicht gefährden wollte", berichtete Abdu. Aber sie bombardierten die Wohnung der Schwester, die ihren Wohnort verlassen hatte, und töteten zwei Personen und ihre vier Kinder", so Abdu. Alareer war 44 Jahre alt und Vater von sechs Kindern.

Der als "Stimme des Gazastreifens" bekannte palästinensische Dichter und Gelehrte Alareer war eine der führenden Persönlichkeiten einer Generation von Autoren aus dem Gazastreifen, die in englischer Sprache die Geschichte ihres Gebietes erzählten. Das Projekt "We are not Numbers" brachte Autoren aus dem Gazastreifen mit ausländischen "Mentoren" zusammen, die ihnen halfen, auf Englisch über ihre Realität zu schreiben. Anfang November veröffentlichte Alareer im sozialen Netzwerk X ein virales Gedicht mit dem Titel “If I must die" – “Wenn ich sterben muss“. Die letzten Zeilen lauten: “If I must die, let it bring hope, let it be a story" – “Wenn ich sterben muss, soll es Hoffnung bringen, soll es eine Geschichte werden“.

Wenige Tage nach Beginn der israelischen Bodenoffensive weigerte sich Alareer, seine Heimatstadt Shujayea im Norden des Streifens zu verlassen, obwohl seine gesamte Familie ihn darum gebeten hatte. "Ich bin nur ein Akademiker, ein Zivilist, der zu Hause bleibt. Ich gehe nicht weg", antwortete er, wie sich sein Freund Mohamed al-'Arair erinnert. "Es gibt keinen sicheren Ort in Gaza und er hat sich entschieden, zu Hause zu bleiben", erklärte der Freund.

genoku3Alareer dokumentierte im sozialen Netzwerk X das tägliche Leben nach Beginn der wahllosen und zugleich zielgerichteten israelischen Bombardierungen des Gazastreifens. "Wir sind in dicke Schichten von Schießpulver und Zement gehüllt", schrieb er in einer seiner letzten Nachrichten am 4. Dezember. "Viele sind immer noch in Shejaiya eingeschlossen, darunter einige meiner Kinder und Verwandten", schrieb er am selben Tag.

Zwei Tage vor seinem Tod stellte er ein Video in die sozialen Medien, in dem mehrere Explosionen zu hören sind. "Das Gebäude wackelt. Trümmer und Granatsplitter schlagen in die Wände ein und fliegen durch die Straßen", schrieb Alareer. Er aktualisierte die Nachrichten regelmäßig und nutzte alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel, um seine Erfahrungen bekannt zu machen. "Die Grausamkeiten sind unbeschreiblich", sagte Alareer in einem Interview mit dem Podcast The Electronic Intifada.

Kurz nach dem Angriff auf die Hamas am 7. Oktober zeigte sich Alareer in einem Interview mit der BBC empört und bezeichnete den Angriff als "legitim und moralisch". Er sagte, dies sei "wie der Aufstand im Warschauer Ghetto". Daraufhin beschloss die BBC, ihn nicht mehr zu interviewen.

Stadien zerstört, oder in Haftanstalten verwandelt

Seit dem 7. Oktober hat Israel nach Angaben des Palästinensischen Fußballverbands 88 palästinensische Sportler bei Angriffen auf den Gaza-Streifen getötet, darunter 67 Fußballspieler. Darüber hinaus fanden 24 Sportfunktionäre, Verwalter und Techniker bei den Angriffen den Tod. Zu den Toten gehören der Fußballtrainer Yahya Manhal, die Nationalspieler Rashid Dabour und Ahmed Awad, der Schiedsrichter Omar Al-Kilani sowie die Sportler Haitham Al-Arair und Mohammed Al-Ghazal.

Vergangene Woche tötete die israelische Armee Hani Al-Masdar, den Trainer der palästinensischen Olympiamannschaft. Der Palästinensische Fußballverband (PFA) teilte auf seiner Website mit, dass der ehemalige Spieler von Al-Maghazi und Gaza Sports bei einem Bombenangriff durch israelische Flugzeuge getötet wurde. Im vergangenen Monat forderte der Palästinensische Fußball Verband das Internationale Olympische Komitee und den Internationalen Fußball Verband FIFA auf, die israelischen Verbrechen gegen Athleten und Einrichtungen in Gaza entschieden zu verurteilen. Anders als im Fall Russlands wurden bisher jedoch keine Sanktionen verhängt.

Gleichzeitig hat der Hohe Sportrat des Gazastreifens die Zerstörung Dutzender Stadien durch Israel angeprangert. Gleichzeitig hat die zionistische Armee einige Vereinslokale und Stadien in "Haft-, Folter- und Hinrichtungs-Zentren" umgewandelt. Unter anderem wurde das Yarmouk-Stadion in Gaza-Stadt als Gefangenenlager genutzt. "Dutzende von Zivilisten wurden gezwungen, sich vor den Augen der Welt nackt auszuziehen, was ein Verbrechen darstellt", so der Rat. "Die Besatzungsarmee begeht flagrante Verstöße gegen den palästinensischen Sport, die Kriegsverbrechen darstellen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleichkommen“, so der Sportrat.

Schon vor dem 7. Oktober war die Situation der Sportler im Gazastreifen äußerst kompliziert, aufgrund der strengen Blockade, die Israel über den Gazastreifen verhängt hatte. Dadurch war es für Sportler und Verbände schwierig, Gaza zeitweise zu verlassen, um an internationalen Wettkämpfen teilzunehmen, oder alle Materialien zu erhalten, die sie zum Praktizieren ihrer Sportarten benötigten.

ANMERKUNGEN:

(1) “Palestinako genozidioa kulturala ere bada” (Der Genozid gegen Palästina hat auch eine kulturelle Dimension), Tageszeitung Gara, 2024-01-20 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Gaza (naiz)

(2) Moschee (heraldo aragon)

(3) Gaza (naiz)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-01-21)

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