Der Treibstoff des Krieges
Die Demokratische Republik Kongo (DR Kongo) ist eine der instabilsten und umkämpftesten Regionen des afrikanischen Kontinents. Seit dem Einmarsch der Armeen der Nachbarländer Uganda und Ruanda 1996 und 1998 wird das Land von einem ununterbrochenen Konflikt heimgesucht, welcher in den vergangenen Jahrzehnten das Leben von mehr als 6 Millionen Menschen gefordert hat. Heute kämpfen unzählige Milizen-Verbände und Warlords um die Vormachtstellung und Einflussgebiete in dem zentralafrikanischen Land.
Die Bodenschätze der Demokratischen Republik Kongo wecken die Begehrlichkeiten ihrer Nachbarn und der internationalen Bergbau-Konzerne. Zahlreiche bewaffnete Gruppen finanzieren sich mit dem Schmuggel von Diamanten und Edelmetallen. Nachbarland Ruanda raubt und destabilisiert mit Rückendeckung der EU.
Die Demokratische Republik Kongo (1971 bis 1997 Zaire, auch bekannt als Kongo-Kinshasa, Kongo-Leopoldville, in Unterscheidung zum Nachbarstaat Kongo-Brazzaville) ist eine Republik in Zentralafrika. Die DR Kongo ist an Bevölkerung der viertgrößte Staat Afrikas (110 Millionen) und an Fläche der nach Algerien zweitgrößte (vier Mal Frankreich). Aufgrund von Separatisten-Bewegungen und weiteren andauernden politisch-gesellschaftlichen Verwerfungen ist der Kongo heute als einheitliches, souveränes Staatsgebilde praktisch nicht mehr existent. (1)
Im Land am Äquator herrscht tropisches Klima, große Teile sind von tropischem Regenwald bedeckt. Die 110 Millionen Bewohner*innen teilen sich in mehr als 200 Ethnien, entsprechend groß die Sprachenvielfalt, Verkehrssprache ist Französisch. Etwa die Hälfte der Menschen bekennt sich zum Katholizismus, die andere Hälfte verteilt sich auf andere christliche Kirchen, traditionelle Religionen und den Islam. Hauptstadt und Wirtschafts-Zentrum Kinshasa ist mit ca. 16 Millionen noch vor Lagos, die größte Stadt Afrikas.
Das Gebiet des heutigen Staates kam im Jahr 1885 unter belgische Kolonial-Herrschaft. Der belgische König Leopold II. etablierte ein Kolonial-Regime, das für seine extreme Grausamkeit bekannt ist. Nach der Unabhängigkeit 1960 wurde das Land nach mehrjährigen Konflikten 32 Jahre lang von Mobutu Sese Seko diktatorisch regiert. 1997 wurde Mobutu vom Rebellenchef Laurent-Désiré Kabila gestürzt. Auf den Machtwechsel folgte ein weiterer Bürgerkrieg, der aufgrund der Verwicklung zahlreicher afrikanischer Staaten als Afrikanischer Weltkrieg bekannt wurde. Trotz oder zynischerweise gerade wegen seines Rohstoffreichtums zählt der Staat, bedingt durch jahrzehntelange Ausbeutung, Korruption, Kriege und ständige Bevölkerungszunahme, heute zu den ärmsten Ländern der Welt. (1)
Aktualität
Allein in den östlichen Provinzen der Demokratischen Republik Kongo (DRK), welche derzeit das Zentrum der Auseinandersetzungen darstellen, operieren mehr als 120 verschiedene bewaffnete Organisationen. Gleich einem Flickenteppich kontrollieren die Milizen die Gebiete nahe der ugandischen und ruandischen Grenze. Den Milizen geht es dabei vor allem um die Kontrolle der Minen und Schürfgebiete im Ost-Kongo. So finanziert sich ein Großteil von ihnen durch den illegalen Abbau und Schmuggel seltener Erden und anderer Bodenschätze. (2)
Die schlagkräftigste und wohl bekannteste unter den bewaffneten Gruppen ist die im Jahre 2012 gegründete “Bewegung 23. März“. Der mehrheitlich aus der ethnischen Gruppe der Tutsi zusammengesetzte Organisation, die zumeist schlicht unter dem Namen “M23“ firmiert, gelang es seit dem Beginn ihrer neuerlichen Offensive gegen die Streitkräfte der DRK, weite Teile der Provinz Nord-Kivu unter ihre Kontrolle zu bringen und der kongolesischen Armee schwere Verluste zuzufügen.
Die Kämpfe konzentrieren sich vor allem auf die strategisch wichtige Provinzhauptstadt Goma, welche schon 2012 für kurze Zeit unter die Kontrolle der “M23“-Miliz geraten war. Ende Juni gelangen der “M23“ strategische Geländegewinne im Norden der Provinz. Die Vereinten Nationen werfen der Rebellengruppe systematische Kriegsverbrechen, Vergewaltigungen und Massen-Hinrichtungen vor. Laut UNO sollen 2,8 Millionen Menschen durch die Kampfhandlungen in Nord-Kivu vertrieben worden sein.
Spannungen mit Ruanda
Das benachbarte Ruanda gilt als der wichtigste Sponsor der Rebellengruppe. Die Regierung in Kinshasa wirft den ruandischen Streitkräften vor, die Kämpfer der “M23“ mit Waffen, Geld und Ausbildung zu unterstützen. Die ruandische Regierung unter Dauerpräsident Paul Kagame hingegen bezichtigt die Armee der DRK ihrerseits, die Milizen der sogenannten Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas (FDLR) in Schutz zu nehmen. Die Hutu-Milizen, deren Führer sich aktiv am Genozid an den Tutsi im Jahre 1994 beteiligt haben sollen, haben nach ihrem Abzug aus Ruanda im Osten der DRK ein Rückzugsgebiet gefunden.
Während sich die Kampfhandlungen in den vergangenen Jahren auf Gefechte zwischen den Regierungstruppen mit und unter den Milizen selbst beschränkt haben, hat Ruanda seit Anfang des Jahres seine Truppen im Grenzgebiet zusammengezogen und soll laut einer Untersuchung der Vereinten Nationen vom Juli mittlerweile sogar mit eigenen Truppen in den umkämpften Regionen der DRK präsent sein. Relativ unbeachtet von der westlichen Öffentlichkeit ließ Kigali (Hauptstadt Ruandas) im Februar Flugabwehr-Batterien und schwere Waffen im Grenzgebiet stationieren. Ein Teil der Truppen soll dabei innerhalb der völkerrechtlich anerkannten Grenzen der DRK stationiert sein. Die USA riefen zur Deeskalation auf, doch die Regierung Kagames (Ruanda) dementierte, eine Aggression gegen das Nachbarland zu planen. Bei den Truppenverschiebungen handle es sich lediglich um Verteidigungs-Maßnahmen angesichts der Präsenz der FDLR im Grenzgebiet.
Ganz so defensiv, wie die Regierung in Kigali glauben lassen möchte, scheinen die Aktivitäten der ruandischen Streitkräfte allerdings nicht zu sein. So kam eine Untersuchungs-Kommission der Vereinten Nationen in einem am 9. Juli dem UN-Sicherheitsrat vorgestellten Bericht zu dem Schluss, dass die Regierung Ruandas die Operationen der “M23“ nicht nur de facto kontrolliert, sondern auch, dass nach “konservativer“ Schätzung bereits jetzt zwischen 3.000 und 4.000 ruandische Soldaten auf der Seite der Rebellen im Ost-Kongo im Einsatz sind.
Weißes Gold
Der nordöstliche Nachbar Uganda soll laut Bericht ebenfalls die “M23“ unterstützen und ihnen freies Geleit durch ugandisches Territorium gewähren, obwohl ugandische Truppen seit November 2021 gemeinsam mit der Armee der DRK gegen ugandische Milizen im Grenzgebiet beider Staaten vorgehen.
Trotz des schwerwiegenden Völkerrechtsbruchs, den der Einsatz ruandischer Soldaten im Ost-Kongo darstellt, tun sich die USA und die EU schwer, Ruanda zurechtzuweisen und entsprechend zu sanktionieren. Die zögerliche Haltung seitens des Westens in dieser Frage dürfte auch mit dem Rohstoff-Reichtum der DRK und der ruandischen Exportpolitik zu tun haben. Ging es den belgischen Kolonialherren im 19. und 20. Jahrhundert neben Kautschuk vor allem um die Ausbeutung der kongolesischen Gold- und Diamanten-Vorkommen, so stehen heute auch verschiedene andere Mineralien, Metalle und seltene Erden im Fokus der Aufmerksamkeit.
So besitzt die DR Kongo geschätzte drei Millionen Tonnen an Lithium-Reserven, etwa drei Prozent des weltweiten Vorkommens des mittlerweile als “weißes Gold“ gehandelten Metalls (Aluminium, Glas, Keramik und Akkus). Vor dem Hintergrund der globalen Umstellung auf “grüne Energie“ steigt der Bedarf an Lithium, das vor allem in der Batterie-Produktion verwendet wird, ins Unstillbare. Laut dem United States Geological Survey (USGS - Geologische Übersicht der Vereinigten Staaten), einer Behörde des US-Innenministeriums, stieg die globale Produktion von 2022 auf 2023 um 23 Prozent auf 180.000 Tonnen.
Kupfer und Kobalt
Im politisch etwas stabileren Süden des Landes werden im großen Stil Kupfer und Kobalt abgebaut, heute vor allem in der Produktion von Elektro-Autos verwendet. Mit rund 150.000 Tonnen im Jahr 2023 stellte die DRK etwa 70 Prozent der weltweiten Kobalt-Förderung und ist heute der drittgrößte Kupfer-Produzent weltweit. In den umkämpften Gebieten im Osten des Landes finden sich große Mengen Zinn, Gold und vor allem Coltan, aus dem das für Elektrogeräte benötigte Tantal gewonnen wird.
Die kongolesische Regierung sieht in der illegalen Ausbeutung der Ressourcen das entscheidende Motiv für die ruandische Aggression im Ost-Kongo. So erklärte der Vertreter der DRK im April vor dem UN-Sicherheitsrat, die Regierung Ruandas habe durch ihre “Besessenheit von den wertvollen strategischen Ressourcen, die sich unter der Erde befinden, jeglichen Sinn für die Vernunft verloren“. Beobachter vermuten, dass vor allem Gold und Coltan den größten Teil des Schmuggels ausmachen. Laut veröffentlichten Wirtschafts-Daten erzielte Ruanda mit Gold 2022 und 2023 rund ein Drittel seiner gesamten Exporterlöse. Der Verkauf von Coltan, das in Ruanda gar nicht abgebaut wird, wurde dem USGS zufolge im vergangenen Jahr um fast 50 Prozent gesteigert.
Rohstoff-Raub
Der UN-Expertenbericht vom Juli spricht von einer direkten Versorgungs-Linie, die von den unter der Kontrolle der “M23“-Minen nahe der Stadt Rubaya im Ost-Kongo bis nach Ruanda verläuft. Die DRK ist bislang der führende Produzent von Tantal, das vor allem in der Elektrotechnik und im medizinischen Bereich Verwendung findet. Während immer offensichtlicher wird, wie Ruanda vom Rohstoff-Raub in der DRK profitiert, hat die EU erst im Februar 2024 ein Memorandum über eine “strategische Partnerschaft für nachhaltige Rohstoff-Wertschöpfungs-Ketten“ mit dem ostafrikanischen Land unterzeichnet.
Die Europäische Kommission bezeichnete Ruanda als “wichtigen Akteur in der weltweiten Tantal-Gewinnung“ und benannte auch die Produktion von Zinn, Wolfram und Niob. Ruanda habe das Potential, eine “Drehscheibe für die Wertschöpfung im Mineralien-Sektor“ zu werden, so die Kommission. Der kongolesische Präsident Félix Tshisekedi verurteilte das Abkommen, als “eine geschmacklose Provokation“ und erklärte angesichts der anhaltenden Kampfhandlungen, dass es scheine “als ob die EU stellvertretend Krieg gegen (die DR Kongo) führen würde“. Die Absichts-Erklärung folgt den jüngsten “Rohstoff-Partnerschaften“ der EU mit der DR Kongo, mit Sambia, Namibia, Argentinien, Kanada, Chile, Grönland, Kasachstan und der Ukraine.
In den vergangenen Jahren finanzierte die Europäische Union zudem die ruandische Interventions-Truppe in Mosambik. Angesichts des steigenden Drucks wurde die finanzielle Unterstützung der ruandischen Streitkräfte zwar vorerst eingestellt, am lukrativen Raub der kongolesischen Rohstoffe scheint man in der EU allerdings weiterhin interessiert zu sein. Berichte, wonach Ruanda hochentwickelte Waffen, Störsender, Flugabwehr-Systeme und Bodentruppen in den östlichen Provinzen der DR Kongo stationiert hat sowie in den von der “M23“ besetzten Gebieten eine Art Parallel-Verwaltung errichtet, lassen vermuten, dass es der ruandischen Führung darum gehen könnte, eine langfristige (ausbeutbare) “Pufferzone“ zwischen beiden Ländern zu errichten.
Weltweit steigende Nachfrage und verschärfte Konkurrenz werden die Rohstoffe und seltenen Erden im Osten der Demokratischen Republik Kongo wohl auch weiterhin zum Treibstoff des Krieges machen. Sollte die Lage weiter eskalieren, ist auch eine direkte Konfrontation zwischen Ruanda und der DR Kongo nicht auszuschließen – mit verheerenden Folgen für die Menschen dort, die nach Jahrzehnten des Horrors Ruhe und Stabilität bitter nötig haben. (2)
ANMERKUNGEN:
(1) Demokratische Republik Kongo, Wikipedia (LINK)
(2) “Afrikas Bodenschätze. Der Treibstoff des Krieges“, Tageszeitung Junge Welt, 2024-08-28, Autor: Tim Krüger (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Rohstoff-Raub (jw / mbuji mayi)
(2) Afrika (etsy)
(3) Rohstoffe RD Kongo (jw)
(4) DR Kongo (AI CH)
(5) DR Kongo Flagge
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-09-05)
