kuku1Mehr als nur besetzt

Kukutza war ein besetztes Sozialzentrum (baskisch: gaztetxe) im Bilbao-Stadtteil Rekalde in. Es fungierte als freier, besetzter und selbstverwalteter Raum und wurde von 1996 bis 2011 als Jugend-, Kultur- und Freizeitzentrum genutzt, das sich über drei verschiedene Gebäude erstreckte. Kukutza I existierte 1996 drei Monate lang, Kukutza II folgte 1998 für zwei Monate und schließlich Kukutza III, das von 1998 bis 2011 in einer verlassenen Fabrik bestand und von der Polizei gewaltsam geräumt wurde.

Gasteiz und Bilbo sind die Hochburgen im Baskenland was besetzte Sozialzentren betrifft. Das Haus in der Altstadt Gasteiz und Kukutza III in Bilbo sind international bekannt geworden, Ausdruck der nicht erlahmenden basksichen besetzungs-Bewegung.

Der Beginn der baskischen Hausbesetzungs-Bewegung geht auf die 1980er Jahre zurück. Dabei ging es in den Anfangsjahren nicht um Wohnen, sondern um die Nutzung der Squats als Sozialzentren. In der Altstadt von Vitoria-Gasteiz wurde 1988 ein Komplex besetzt, der sich bis heute halten konnte, trotz mehrfacher Rechts-Regierung und Jahrzehnten von Repression. Zwei Jahre zuvor war in Bilbo ebenfalls in der Altstadt bereits ein Gaztetxe besetzt worden, das sechs Jahre lang existierte und schließlich 1992 geräumt wurde. Der baskische Begriff “gaztetxe“ (gazte + etxe = Jugend + Haus) ist dabei eher irreführend, denn die großen Besetzungen dienten nicht nur als Jugendtreff, sondern auch für die Nachbarschaft in den jeweiligen Stadtvierteln. Das gilt für Gasteiz wie für Bilbo, vor allem für das Gaztetxe Kukutza III, das 13 Jahre lang der Bevölkerung eines von der Stadtverwaltung völlig vernachlässigten Arbeiter-Stadtviertel als Treffpunkt diente.

Barrio Rekalde

kuku2Von Anfang an bot sich das Kukutza genannte Besetzungs-Projekt dem Stadtteil an, um die Lücke der öffentlichen Einrichtungen für Kultur und Freizeit zu füllen, bis heute hat das 50.000 Personen zählende Barrio kein städtisches Kulturzentrum. Insbesondere im Fall des Gaztetxe Kukutza III wurde es zum Treffpunkt zahlreicher Gruppen aus Rekalde. Gleichzeitig war es ein bekannter und beliebter Treffpunkt in ganz Bilbao und wurde als Bezugspunkt für Hunderte von Kulturschaffenden aus dem gesamten Baskenland angesehen. Es förderte alle Arten von Aktivitäten, darunter Tanzgruppen, Klettern, Bibliothek, Speisesaal, Taverne, Siebdruck, Theater, Kampfsport, eine kleine Bierbrauerei und war der Treffpunkt für verschiedenste kulturelle und politische Gruppen, die keine eigenen Räumlichkeiten hatten.

Im Jahr 2011 wurde seine Räumung mit der Begründung angeordnet, dass dort Wohnungen gebaut werden sollten, doch nach seinem Abriss stand das Grundstück jahrelang leer, ohne dass gebaut wurde. Die Gewerbetreibenden des Viertels beschwerten sich darüber, dass durch die Kukutza-Räumung viel Leben und Warenverkehr verloren ging.

Kukutza I

1996 wurde das erste Gaztetxe im Stadtteil von Jugendlichen aus Rekalde, Irala, Indautxu, Basurto und Zornotza besetzt, in einem Gebäude, das elf Jahren lang leer gestanden hatte. Drei Monaten später, zwei Tage vor Beginn der Fiestas von Rekalde Anfang Juli, wurde Kukutza I ohne vorherige Ankündigung geräumt und abgerissen. Zwei Tage nach der Räumung wurde auch das Gaztetxe Mina del Morro im Stadtteil Santutxu auf Anordnung der Stadtverwaltung von Bilbao abgerissen. Zuvor, im Jahr 1992, hatte der damalige Bürgermeister von Bilbao, Josu Ortuondo, ebenfalls die Räumung und Schließung des seit 1986 besetzten Gaztetxe im Altstadt-Viertel Alde Zaharra (span: Casco Viejo) von Bilbo sowie des besetzten Chalets de Hiedra im Barrio Irala angeordnet, sodass zu jenem Zeitpunkt nur noch das Gazte Lokala von Deusto als einziger Ort der Besetzungs-Bewegung in Bilbao übrig blieb, bis heute.

Kukutza II

Das Jugendzentrum Kukutza II war das Gebäude der ehemaligen Unzeta-Fabrik, das am 27. Mai 1998 in der Straße Larraskitu, ebenfalls im Stadtteil Rekalde besetzt wurde. Die baskische Regionalpolizei (Ertzaintza) versuchte vom ersten Tag an, es zu räumen, was jedoch nicht gelang. Im Juni 1998 wurden dort giftige Substanzen aus dem Fabrikbetrieb gefunden und die Stadtverwaltung wurde aufgefordert, diese zu entfernen. Bis dies geschehen war, wurde beschlossen, das Gebäude zu schließen, um gleichzeitig auch die Rattenplage zu beseitigen, die dort herrschte. Am 16. Juli 1998 kam es schließlich zur Räumung, bei der vier Personen festgenommen wurden.

Kukutza III

Kukutza III wurde nur drei Wochen später, am 6. August 1998, mit der Besetzung der ehemaligen Maschinenfabrik Cerezo im Stadtteil Rekalde “eingeweiht“. Das Gebäude war in den 1950er Jahren vom Architekten Anastasio Arguinzoniz entworfen worden und stand seit 1991 leer, nachdem sein Eigentümer, Agustín Cerezo wegen seiner Verwicklung in einen großen Drogenhandel auf der Flucht war. Die riesige Gebäude bot auf vier Stockwerken eine Vielzahl von Möglichkeiten der Nutzung, wodurch es zum Orientierungspunkt für den Stadtteil und für viele sozial-kulturelle Gruppen und Bewegungen der Stadt wurde.

Irgendwann wurde das Gebäude verkauft an das korrupte Unternehmen Cabisa. Im September 2011 erteilte die Stadtverwaltung von Bilbo die vorgeschriebene Genehmigung zum Abriss des besetzten Gebäudes Kukutza III. Dieses Bau-Unternehmen, das in einem Korruptionsfall in Castro Urdiales (Kantabrien) verurteilt wurde, hatte die ehemalige Fabrik 1994 erworben und konnte dank des 1995 von der Stadtverwaltung von Bilbao verabschiedeten Allgemeinen Stadt-Entwicklungs-Plans eine beträchtliche Wertsteigerung seiner Investition erzielen, da die Klassifizierung des Grundstücks geändert wurde. Bis dahin war es als Industriegelände definiert, ausschließlich für industrielle Aktivitäten. Doch mit dem neuen Plan wurde es als Bauland klassifiziert, mit einem deutlich höheren Wert für Wohnungsbau. Korruption also auch auf Seiten der Stadtverwaltung. Diese Plan-Änderung wurde von der Nachbarschafts-Vereinigung Rekalde als Fall von Immobilien-Spekulation angeprangert, ihre Forderungen nach einer sozialen Nutzung des Geländes wurden jedoch ignoriert. Viele andere qualifizierte Personen aus dem Bereich der Universität und der Kultur sowie der Direktor für Kultur-Förderung der baskischen Regierung (damals in Händen der Sozialdemokraten) forderten ebenfalls eine Einigung und eine konfliktfreie Lösung.

Auch der baskische Verband für Industrie-Erbe und öffentliche Bauwerke wies auf die Notwendigkeit hin, das Gebäude trotz des Abriss-Antrags von Cabisa zu erhalten, da es in der Autonomen Gemeinschaft Baskenland “im Verzeichnis des Industrie-Erbes und der öffentlichen Bauwerke des Ministeriums für Kultur und Baskische Sprache der baskischen Regierung“ aufgeführt und somit in die Liste der durch die Stadtplanung zu erhaltenden Gebäude aufgenommen worden war. Darüber hinaus sei, wie dieser Architekten-Verband erklärte, eine der möglichen Nutzungen jene als Kulturzentrum, also eine Verlängerung der bisherigen Nutzung, da sich Industriegebäude wegen ihrer Raumaufteilung und Höhe besonders gut für solche Zwecke eigneten. Doch all die Fürsprecher bissen sich an der Sturheit des Bürgermeisters die Zähne aus. Die Stadtverwaltung gewährte dem Gebäude nicht den geforderten Schutz.

Räumung und Abriss

kuku3Nachdem die Räumung im Bereich des Möglichen erschien, begannen in Kukutza III frenetische Aktivitäten mit Solidaritäts-Veranstaltungen aller Art, Info-Veranstaltungen, Konzerte, Märkte. Die Rockgruppe Zea Mays komponierte eine Kukutza-Hymne, die bis heute bei Fiestas und im Radio gespielt wird, gedreht wurde eines in jener Zeit üblichen Lip-Dups mit Beteiligung von mehr als 100 Kukutza-Freundinnen. Die gesamte relevante Kultur-Szene Bizkaias gab sich ein Stelldichein, zu Demonstrationen kamen bis zu 10.000 Personen.

Alles war umsonst. Der PNV-Bürgermeister, ein bekannter Rassist, der über Marokkaner in bekannter Faschisten-Manier im Plural von “Messerstechern“ sprach, bestand auf seinen korrupten Machenschaften und zog es vor, seine Schlägertrupps zu schicken, um den Spekulanten zu ihrem Eigentums-Recht zu verhelfen. Das besetzte Zentrum war verbarrikadiert, auf der Dachterrasse hatte sich eine Gruppe von Personen verschanzt.

Am 21. September 2011 sperrte die Stadtpolizei von Bilbao mit der Ertzaintza zusammen die Umgebung ab, um das Gebäude zu räumen, um mit den Abrissarbeiten beginnen zu können, was von der Gewerkschaft ELA (bei der auch Polizisten organisiert sind) kritisiert wurde. Die Protestkundgebungen eskalierten, in den folgenden zwei Tagen kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstrantinnen, bei denen mehr als 800 Müllcontainer gekippt wurden, von denen 80 verbrannt und weitere 50 unterschiedlich stark beschädigt wurden. Zudem wurden 10 Privatfahrzeuge in Brand gesetzt und die Partei-Kneipen der regierenden PNV (Batzoki) in Rekalde und im Casco Viejo angegriffen, daneben mehrere Bank- und Geschäfts-Einrichtungen.

Die nach der Kukutza-Räumung von der Polizei und Demonstrant*innen verursachten Schäden beliefen sich auf 140.000 Euro. Insgesamt 64 Personen wurden festgenommen (darunter zwei Deutsche) und 76 Personen wurden als verletzt gemeldet, 53 Beschwerden wegen Polizeibrutalität wurden registriert. Tatsächlich war die Polizei durch die in den Stadtteil kommenden Massen völlig überfordert, Beobachterinnen sprachen von Drogenkonsum bei den Ertzaintza-Beamten, die Überstunden fahren mussten und die Situation dennoch nicht unter Kontrolle brachten. Teilweise wurden flüchtende Demonstrantinnen durch den Stadtteil gehetzt, Geschäfte, die den Flüchtenden Einlass boten, wurden zertrümmert. Die Lage geriet völlig außer Kontrolle, auch ausländische Demonstrant*innen waren präsent. In Rekalde herrschte Ausnahmezustand.

Sowohl der rassistische Bürgermeister von Bilbao, Iñaki Azkuna, als auch der baskische Innenminister Rodolfo Ares in Noske-Manier verteidigten das Vorgehen der Polizei bei der Räumung. Der Ombudsmann (Ararteko) Iñigo Lamarca sah das anders, angesichts der hohen Zahl von ärztlichen Verletzungs-Berichten, und anhand der Bilddokumente und der fehlenden Rechtfertigung durch die Ertzaintza bezeichnete er den Polizei-Einsatz als völlig unverhältnismäßig. Der Abriss konnte schließlich erst drei Tage nach der Räumung erfolgen, am 24. September.

kuku4Gerichtsverfahren

Obwohl die meisten Anzeigen gegen die Ertzaintza eingestellt wurden, da es unmöglich war, die beteiligten Beamten zu identifizieren, wurde einer von ihnen zur Zahlung einer Geldstrafe und einer Entschädigung verurteilt, weil er eine junge Frau “unnötigerweise” angegriffen hatte, wie das Provinzgericht von Bizkaia im November 2013 bestätigte. Die meisten Personen, die wegen ihrer Teilnahme an den Mobilisierungen vor Gericht standen, wurden freigesprochen. Im Februar 2015 wurde einer der bei der Räumung Festgenommenen wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu drei Jahren Haft verurteilt; 2017 reduzierte das Provinzgericht von Vizcaya die Strafe jedoch auf 18 Monate, sodass der Betroffene nicht ins Gefängnis musste. Die 23 Personen, die sich zum Zeitpunkt der Räumung auf dem Dach des Gebäudes befanden, wurden hingegen von dem Vorwurf des Hausfriedensbruchs freigesprochen, den die Staatsanwaltschaft gegen sie erhoben hatte. Darüber hinaus wurde in dem Urteil auch auf die kulturellen Aktivitäten hingewiesen, die in Kukutza stattfanden, sowie darauf, dass das Eigentümer-Unternehmen Cabisa, das auf die Ausübung einer Anklage verzichtete, “weder die Absicht hatte, das Gebäude zu verkaufen noch zu vermieten”.

Im September 2015 wurden weitere 19 Personen vor Gericht gestellt und in erster Instanz wegen öffentlicher Unruhen zu jeweils neun Monaten Haft und einer gemeinsamen Geldstrafe für Schäden verurteilt. Gegen das Urteil wurde Berufung eingelegt, und schließlich reduzierte das Provinzgericht von Bizkaia die Strafe für einen der Angeklagten auf vier Monate und sprach die übrigen frei. Die gerichtliche Bilanz der Verfahren gegen die Kukutza-Solidarischen wurden für die Polizei zum Desaster, weil viele der übertriebenen oder erfundenen Beschuldigungen nicht einmal die Gerichte ernst nahmen. In einem Fall behaupteten Polizeibeamte steif und fest, ganz konkrete Personen beim Anzünden eines Containers gesehen zu haben. Die Feuerwehr attestierte jedoch, dass die ersten Container erst gegen 18:30 zu brennen begannen – peinlicher Freispruch. In dieser Preislage bewegte sich eine ganze Reihe von Verfahren. Auch die beiden Deutschen, die festgenommen und wegen Fluchtgefahr 10 Tage inhaftiert blieben, wurden zwei Jahre später aufgrund mangelnder Beweise freigesprochen.

BOM – Bilboko Okupazio Mugimendua

Für viele soziale Bewegungen in Bilbo war der Verlust des Sozialzentrums Kukutza III ein harter Schlag, der die Möglichkeiten politischer Arbeit einschränkte. Für viele aus dem Stadtteil Rekalde, die sich jahrelang im Zentrum engagiert hatten, bedeutete dieser Verlust auch eine persönliche Krise. Für andere war es nicht nur eine Niederlage, sondern auch ein Neubeginn, der zu weiteren Besetzungen in der ganzen Stadt führte: die Etxarri-Fabrik und das erste feministische Okupa-Projekt Oiuka (baskisch: Schrei), zwei Wohn-Besetzungen in der Altstadt. Bereits 2004 wurde eine ehemalige Diskothek in der Altstadt besetzt, das 7Katu-Gaztetxe, ein Projekt, das verschiedene Generationen gesehen hat und trotz vier Räumungen weiter existiert (Zazpi Katu bedeutet auf Baskisch Sieben Katzen, Katzen haben sieben Leben).

Auf der im Umbruch befindlichen ehemaligen Industrie-Insel Zorrotzaurre (Stadtteil Deustu) wurde das Bürogebäude der Kettenfabrik Vicinay als Nachbarschafts-Zentrum besetzt, weil die Gefahr bestand, dass es zum Drogenzentrum und von “Metallsuchern“ ausgeschlachtet wird. Ähnliches gilt für das Karmela-Zentrum, das im November 2015 im Stadtteil Santutxu besetzt wurde: eine ehemalige Schule, die wegen eines Neubaus umgezogen war und zwei Jahre leer stand. Besetzungen dienen somit auch der Konservierung von leerstehenden Gebäuden und der Drogen-Prävention. An dieser Besetzung waren auch Kukutza-Erfahrene beteiligt. Dieses mittlerweile legalisierte Projekt belegt die unteren beiden Stockwerke eines 8-Etagen-Wohnblocks, für die die Stadtverwaltung derzeit keine Verwendung hat und deshalb zu einer 10-jährigen Nutzungs-Überlassung bereit war. Kukutza ist 14 Jahre her, die Besetzungs-Bewegung lebt. (*)

ANMERKUNGEN:

(*) Kukutza, Wikipedia (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Kukutza III (argia)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-09-21)

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