Wohnung Schule Militär
Das Panorama erinnert an Mai 1968, an die Bewegung gegen den Vietnam-Krieg: internationale Rebellion. Von Spanien über Belgien bis Frankreich, von Portugal über Albanien bis Italien. Ohne gemeinsame Koordination: Die europäische Jugend ohne Zukunft rebelliert. Gegen kaputte Schulen, gegen Wohnungs-Notstand, gegen Militarisierung, gegen Armut und Ausgrenzung. Gegen eine Zukunft ohne Zukunft. Im Bündnis mit anderen Bewegungen bringt eine politisierte Jugend die Echos der Revolutionen der Generation Z nach Europa.
Generation Z, um die Jahrtausendwende geboren. Sichtbarer Ausdruck der Aufstände, die das politische Leben erschütterten, in Ländern wie Bangladesch, Nepal, Indonesien, Marokko, Madagaskar, Peru, Bulgarien, Philippinen, Kamerun, Osttimor, Indien.
In Nepal, Madagaskar, Bangladesch und Bulgarien trugen die Rebellionen zum Sturz der Regierung bei oder verursachten ihn direkt. In anderen Fällen führten die Aufstände dazu, dass Privilegien abgeschafft wurden (Timor oder Indonesien), dass beispiellose Verbesserungen im öffentlichen Dienst erreicht wurden (Marokko) oder dass Minister zurücktraten (Indien). Es waren nicht nur junge Menschen, die sich mobilisierten, doch in all diesen Fällen standen sie im Mittelpunkt breiterer Koalitionen mit anderen unzufriedenen Bevölkerungs-Gruppen, um gegen Ungleichheit, Privilegien, Korruption, den Rückgang des Lebensstandards, Armut und die Wirtschaftskrise zu protestieren.
Das Muster wiederholt sich in diesem Herbst in vielen europäischen Ländern – einem Kontinent, der die Auswirkungen jener Aufstände bisher kaum zu spüren bekommen hatte. Spanien ist, genau wie vor 15 Jahren, zu einer Inspirationsquelle für andere Länder geworden – mit der Wohnrechts-Revolte, die von der Mietervereinigung nach der Zwangsräumung von Maricarmen am 23. September ausgelöst wurde. Obwohl die Proteste anfangs generations-übergreifend waren, wurden und werden die Zeltlager nach wie vor von jungen Menschen dominiert, die bereits im 21. Jahrhundert geboren wurden, nicht älter als 25 Jahre sind und mit Argwohn auf ihre Zukunft blicken – auf ihre Fähigkeit, unabhängig zu werden oder sich ein eigenes Leben aufzubauen.
Die Bewegung gegen den Wohnungs-Notstand – die weit über die Generation Z hinausgeht – hat es geschafft, Bündnisse mit anderen großen Bewegungen der letzten Jahre zu schmieden: dem Kampf für das Gesundheitswesen und für die öffentliche Bildung. Diese Anliegen sind in den letzten Wochen in historischen Mobilisierungen zusammenflossen, an denen nicht nur Arbeitnehmer und Rentner, sondern auch eine Flut von jungen Menschen, die in diesem Jahrhundert geboren wurden, maßgeblich beteiligt waren – eine Vielfalt, die vereinfachende Definitionen in Frage stellt. Die Mobilisierungen im Rahmen des Bildungsstreiks in Madrid, insbesondere an der Madrider Universidad Complutense, haben Bilder von Besetzungen, Blockaden, Streikposten, Demonstrationen, Protesten und einer ungezügelten polizeilichen Repression hinterlassen.
Die Bündnisse haben sich auf die Arbeitswelt ausgeweitet, mit dem Aufruf zum Generalstreik am 11. November 2026 und der Gründung von Hunderten von Komitees zur Vorbereitung des Streiks. Auch wenn sie nicht alles erklären, weder beim Wohnungs-Notstand noch im Bildungswesen, spielen die sogenannte Generation Z und in einigen Fällen die Generation Alpha – die nach 2010 Geborenen – eine entscheidende Rolle und zeigen sich als eine Jugend, die weitaus politisierter und mobilisierungs-bereiter ist, als es die Stereotypen und die Mainstream-Medien vermuten ließen. Noch deutlicher wird dies am Beispiel Frankreichs und der Revolte an den Gymnasien.
FRANKREICH
Neben Spanien ist Frankreich der andere große Brennpunkt der Proteste in Europa, wo die Reaktion der Schüler auf das Sparpaket Premierminister Emmanuel Macron erneut in eine Regierungskrise gestürzt hat. Die von Schülern der Sekundarstufe im Norden von Paris – die eher zur Generation Alpha gehören – ins Leben gerufene Bewegung breitete sich auf mehr als tausend Schulen aus, griff auf die Universitäten über und fand Anklang bei den Gewerkschaften sowie den Elternverbänden. Am 6. Oktober 2026, gingen mehr als eine halbe Million Menschen auf die Straße, um gegen Macrons neoliberale Maßnahmen zu protestieren. Wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen, bei denen Umfragen einen knappen Sieg der extremen Rechten prognostizieren, haben die Blockaden an Hunderten von Schulen und die Demonstrationen, an denen sich immer mehr Bevölkerungs-Gruppen beteiligen, ein Szenario verändert, das bereits festzustehen schien.
Bei der Demonstration am 13. Oktober gingen erneut Hunderttausende Menschen, überwiegend Jugendliche, auf die Straße, um gegen die angekündigten Kürzungen in Höhe von 54 Milliarden zu protestieren und Verbesserungen in einem Bildungssystem zu fordern, das soziale Ungleichheiten fördert und zementiert. Bei dem Marsch zog die Klimaaktivistin Greta Thunberg Parallelen zwischen der Mobilisierung der französischen Schüler, der indischen „Cucaracha“-Bewegung, die unter Studenten entstand, die Reformen im Bildungssystem forderten, und der Wohnungsbewegung in Spanien – einer neuen Protestwelle junger Menschen, die zusehen müssen, wie ihnen „die Zukunft gestohlen wird“.
Die französische Studentenbewegung forderte zunächst die Modernisierung der Bildungseinrichtungen, mehr Personal und mehr Stipendien, bessere Gehälter sowie Studentenwohnheime. Doch die Revolte an den Gymnasien ist über die ursprünglichen Forderungen hinausgewachsen und hat sich zu einer Rebellion gegen die Sparpolitik der Regierung Macron entwickelt. Die CGT, größte Gewerkschaft des Landes, die Sozialistische Partei und die „La France Insoumise“ von Jean-Luc Mélenchon haben sich den Protesten angeschlossen. Die Mobilisierungen wurden mit Polizeigewalt beantwortet, bei der mindestens 387 Schüler, Demonstranten und Lehrkräfte verletzt wurden. Vier dieser Übergriffe führten zu Verstümmelungen. Bei einem Polizeieinsatz verlor ein 15-Jähriger durch eine Blendgranate eine Hand. Seit Beginn der Proteste am 17. September wurden mehr als 8.000 Menschen festgenommen, 90% Minderjährige.
Am 17. Oktober, versammelte eine neue Mobilisierung – nach Angaben der Organisatoren – fast eine Million Menschen bei 500 Aktionen und 90 Demonstrationen im ganzen Land, darunter Studenten, „Gelbwesten“ und von den großen Gewerkschaften mobilisierte Arbeitnehmer. Die Zusammenstöße mit der Polizei führten in mehreren Städten zu Ausschreitungen. Mehr als 1.800 Personen wurden festgenommen. In Lyon wurde das Fremdenverkehrsamt in Brand gesetzt. In Limoges verschlang das Feuer das Rathausgebäude. Umgestürzte Autos, geplünderte Kaufhäuser, zerstörtes Mobiliar und die für französische Unruhen typischen Pflastersteine prägten einen chaotischen Tag, an dem die lokalen Behörden und die Zentralregierung völlig überfordert waren.
Hintergrund ist die Verabschiedung eines Gesetzentwurfs, der darauf abzielt, ein Defizit von 5% einzudämmen, indem ein Teil des Bildungsbudgets zur Finanzierung der Renten verwendet wird, während gleichzeitig massive Kürzungen im öffentlichen Dienst vorgenommen werden. Ein Entwurf, dessen endgültige Verabschiedung nach den Protesten auf den Straßen immer weiter in die Ferne rückt.
Der Analyst und Korrespondent von „The Guardian“, Jon Henley, stellte eine Verbindung zwischen den Mobilisierungen in Spanien und Frankreich her. Auch wenn sie unterschiedliche Ursprünge und Verläufe haben, „veranschaulichen die beiden Protestwellen, die hauptsächlich von jungen Menschen angeführt werden, ein wachsendes Problem für die Regierungen Westeuropas: eine Generation junger Menschen, die sich zunehmend der grundlegenden sozioökonomischen Sicherheit beraubt fühlt, die ihre Eltern im Allgemeinen genossen haben“. Während sich Mélenchons Partei auf die Seite der Demonstranten gestellt hat und ihre Popularität unter einer Jugend wächst, die sie massiv unterstützt, erklärt der Analyst, spielt die extreme Rechte um Marine Le Pen „die Karte der öffentlichen Ordnung“ aus, indem sie Bilder von Ausschreitungen, Bränden und Barrikaden verbreitet. Nach Angaben der Polizei wurden fast tausend Beamte verletzt. Der Einfluss der Revolte an den Gymnasien hat sich auf andere Nachbarländer ausgeweitet, insbesondere auf Italien und Belgien.
BELGIEN
Die Protestbewegung in Frankreich griff auf das Nachbarland Belgien über, wo Tausende von Schülern auf die Straße gingen, um gegen die Erhöhung der Schulgebühren, überfüllte Klassenzimmer und den Mangel an Ressourcen an den Schulen zu protestieren. Bei den Zusammenstößen am 7. Oktober wurden in Lüttich 107 Jugendliche festgenommen. Seit Beginn der Proteste im Land wurden mehr als 200 Jugendliche in Polizeigewahrsam genommen. Zu den am häufigsten skandierten Slogans gehörten „Wir kämpfen für ein Recht, nicht für ein Privileg“ oder „Ich entscheide mich für Bildung, nicht für die Hungerspiele“. Auch die von den Gewerkschaften gegen die Sparpolitik organisierte Demonstration am 9. Oktober in Brüssel, an der zwischen 30.000 und 50.000 Menschen teilnahmen, endete mit Ausschreitungen, Polizeieinsätzen und dem Einsatz von Tränengas.
Ähnlich wie in Frankreich bildet die Debatte über die jährlichen Haushaltspläne den Hintergrund, die darauf abzielen, die Staatsverschuldung zu senken, während gleichzeitig die Studiengebühren, die Fahrpreise und die Lebenshaltungskosten steigen. Die Gewerkschaften drohen mit einem Generalstreik Ende November, sollte die Regierung an ihren Reform-Vorschlägen festhalten, die eine automatische Indexierung der Löhne, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, eine jährliche Berechnung der Arbeitszeit sowie Kürzungen bei Sozialleistungen und öffentlichen Dienstleistungen vorsehen. In Belgien, Frankreich, Spanien und anderen Ländern wurde ein Generalstreik im Bildungswesen ausgerufen, um weiter gegen Kürzungen an Schulen, Gymnasien und Universitäten zu protestieren.
ITALIEN
Wie „Il Manifesto“ berichtet, gingen am 17. Oktober Hunderttausende italienischer Studierender in einer spontanen Demonstration gegen Kürzungen im Bildungswesen, prekäre Arbeitsverhältnisse und Krieg auf die Straße und vereinten dabei Forderungen aus den Bereichen Bildung, Soziales und Umwelt zu einer gemeinsamen Front gegen die Politik der Rechten. In Mailand, Turin und Bologna kam es bei Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten zu gewalttätigen Ausschreitungen, bei denen Tränengas und Wasserwerfer zum Einsatz kamen, während junge Menschen gegen die steigenden Lebenshaltungs-Kosten und die Regierung von Giorgia Meloni protestierten. In Rom riefen die Gewerkschaft CGIL und mehr als hundert Organisationen zu einem Marsch auf, um höhere Löhne, öffentliche Dienstleistungen, gerechtere Steuern und geringere Militärausgaben zu fordern. Sie haben für den 20. November einen Generalstreik ausgerufen, der mit dem europaweiten Generalstreik im Bildungswesen zusammenfällt.
Bereits am Vortag, dem 16. Oktober, hatte es in der Hauptstadt Studenten-Demonstrationen gegeben, bei denen dringende Maßnahmen gegen die Klimakrise und strukturelle Verbesserungen im Bildungssystem gefordert wurden. Die Mobilisierungen fanden auch in Mailand, Bologna, Turin, Genua, Pisa und Neapel statt und konzentrierten sich darauf, die hohen Lebenshaltungskosten anzuprangern und die Aufrüstung abzulehnen. In Rom (Italien) errichteten Wohnungs-Initiativen am 15. Oktober ein Zeltlager auf der Piazza dei Cinquecento gegenüber dem Bahnhof Termini, der in „Piazza Maricarmen Abascal“ umbenannt wurde.
SERBIEN
Kurz vor dem zweiten Jahrestag des 1. November 2024 – dem Tag, an dem am Bahnhof von Novi Sad ein Dach einstürzte und 16 Menschen ums Leben kamen – steht die durch den Vorfall ausgelöste soziale Bewegung vor einer neuen Herausforderung: die Parlamentswahlen zu gewinnen. Diese dezentrale Bewegung ohne bekannte Gesichter, die größtenteils aus Jugendlichen der Generation Z besteht, hat Zeltlager, Hochschulblockaden, Straßenblockaden, Märsche und Demonstrationen organisiert, um die Korruption der Regierung von Aleksandar Vučić anzuprangern, die sie für den Einsturz jener Überdachung verantwortlich macht.
Vor einem Jahr gedachten mehr als zehntausend junge Menschen an jenem Bahnhof der Opfer und forderten mehr Investitionen in das Gesundheits- und Bildungswesen, strafrechtliche Verantwortung für die Todesfälle sowie den Rücktritt von Vučić. Nun, da die Parlamentswahlen am 25. Oktober näher rücken, führt eine Liste aus Lehrkräften, Wissenschaftlern und Aktivisten in den Umfragen. Am 7., 10. und 11. Oktober demonstrierten Zehntausende junger Menschen, um ihre Unterstützung für die Kandidatur „Studentska lista – Studenti pobeđuju“ (Studentenliste – Die Studenten siegen) zu bekunden, deren Vertreter von den Studierenden in offenen Versammlungen gewählt wurden. Am 22. Oktober wird eine große Mobilisierung zur Unterstützung dieser aus der Studentenbewegung hervorgegangenen Liste erwartet – eine historische Chance, die Macht herauszufordern, die Vučić seit mehr als einem Jahrzehnt im Land innehat.
PORTUGAL
Am 10. Oktober riefen mehr als 30 portugiesische soziale Organisationen unter dem Motto „Não Dá Mais para Viver Assim“ (So kann man nicht mehr leben) zu Demonstrationen in Lissabon, Porto, Funchal, Braga und Aveiro auf. Bei einer Mobilisierung, die von den Unruhen in Spanien und Frankreich inspiriert war, gingen Tausende Menschen auf die Straße, um gegen die hohen Wohnkosten und Lebenshaltungskosten zu protestieren. „Jung zu sein ist wie in eine Partie Monopoly einzusteigen, bei der alle Straßen bereits gekauft und überall Hotels gebaut wurden“, sagte der portugiesische Soziologe Alessio Motta.
Die Transparente erinnerten an die Proteste auf der Plaza del Sol und auf so vielen anderen spanischen Plätzen: „Wir wollen ein Gehalt, mit dem wir unsere Wohnung bezahlen und leben können“, „Weniger Tourismus. Mehr Nachbarschaft“, „Kannst du die Miete nicht bezahlen? Dann schlag dein Zelt auf“ oder „Das ist keine Krise. Es ist ein Notfall“. Auch in den Sprechchören „Es lebe Maricarmen!“ und „Wie in Spanien, alle auf die Straße“ wurde der Einfluss des Nachbarlandes deutlich. Die Demonstranten protestieren gegen den Verlust der Kaufkraft, aber auch gegen die Reform des Mietrechts, die den Vermietern noch mehr Spielraum bei Preiserhöhungen geben und Zwangsräumungen erleichtern soll. Nach Ende des Demonstrations-Marsches in Porto am 10. Oktober, an dem rund 2.000 Menschen teilnahmen, schlugen die Demonstranten auf der Praça D. João I im Stadtzentrum ihre Zelte auf. Zwei Tage später räumte die Polizei den Platz und baute die Zelte ab, doch die Demonstranten kehrten schon bald mit Schlafsäcken auf den Platz zurück, um den Raum zu besetzen und dort die Nacht zu verbringen.
In einer Versammlung beschlossen die Besetzer, sich der Anordnung der Stadtverwaltung zu widersetzen und die Zelte wieder aufzubauen. In den frühen Morgenstunden des 15. Oktober, um 3 Uhr, ging die Polizei gegen das Zeltlager vor. Die Brutalität des Polizeieinsatzes wurde in Dutzenden von Videos festgehalten. Mindestens 37 Menschen wurden durch die Polizeigewalt verletzt. Die Reaktion der Bevölkerung von Porto war massiv, und sie eroberte den Platz mit einer großen Menschenmenge zur Unterstützung zurück. Am 17. Oktober demonstrierten Tausende Menschen in Lissabon gegen die steigenden Lebenshaltungskosten und für das Recht auf Wohnraum. Die Demonstranten versammelten sich auf dem zentral gelegenen Rossio-Platz, wo sie ein großes Zeltlager errichteten. Nach dem Vorbild Spaniens und Frankreichs fordern sie die Ausrufung eines Generalstreiks.
ALBANIEN
Vor dem Hintergrund einer bereits seit vor dem Sommer bestehenden hohen Konfliktlage trat am 13. Oktober die Studentenbewegung mit massiven Mobilisierungen auf den Plan, die in heftigen Zusammenstößen mit der Polizei endeten. Die Studierenden protestieren gegen die schlechten Bedingungen an den Universitäten, die steigenden Studienkosten, den Mangel an Stipendien und wirtschaftlichen Perspektiven sowie gegen Ungleichheit und Korruption. Die brutale Unterdrückung mit Wasserwerfern und Tränengas führte zu einer Eskalation der Mobilisierungen, die sich am nächsten Tag zu einem regelrechten Aufstand gegen die Regierung entwickelten.
Am 14. Oktober gingen Zehntausende Studierende in Tirana auf die Straße. Medienberichte und Videos zeigten Teilbrände im Bildungsministerium, in Regierungsbüros und Bankfilialen. Seit Premierminister Edi Rama im Mai seine vierte Amtszeit antrat, sieht er sich mit wachsender Unzufriedenheit wegen der Korruption in seinem Kabinett und unter anderen hohen Beamten konfrontiert. Die Vorwürfe der Vetternwirtschaft, die die Chancen auf einen Arbeitsplatz im Land einschränken, und das Ausmaß, das das wirtschaftliche Exil erreicht hat – 44% der Albaner leben im Ausland –, haben die Unzufriedenheit der jüngeren Generation über den Mangel an Perspektiven noch verstärkt. Zu den auffälligsten Beispielen für Korruption gehört der Bürgermeister von Tirana, Erion Veliaj, der derselben Partei wie der Ministerpräsident angehört: Er wurde wegen Geldwäsche und Vermögens-Verschleierung festgenommen und regiert nun aus dem Gefängnis heraus. Ein KI-generiertes Avatar verkündet seine Maßnahmen.
Der Widerstand gegen die Regierung Rama ist nicht neu. Er wird durch eine massive Ablehnung in der Bevölkerung gegenüber einem von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von Donald Trump, vorangetriebenen Luxusresort an der Südküste Albaniens angeheizt. Was als lokaler Umweltkonflikt begann, entwickelte sich zu einer Protestwelle, die das Land erschüttert und die nationale Stimmung aufgewühlt hat. Die sogenannte „Flamingo-Revolution“ erlebte im vergangenen Juni einen Wendepunkt, als ein Video verbreitet wurde, das die Prügelattacke auf einen Demonstranten auf dem Gelände des Resorts zeigte. Die Proteste entwickelten sich rasch zu einer Welle der Ablehnung gegenüber der Regierung mit Parolen wie „Rama, tritt zurück“ – ein Ruf, der in diesen Tagen wieder lauter zu hören ist. Am Mittwoch weiteten sich die Proteste auf die Universitäten von Elbasan und Shkodra aus. Am Donnerstag stellte die Studentenbewegung ein Ultimatum: Sie werden nicht aufhören, bis Rama zurücktritt. Und am Samstag, dem 17., kam es erneut zu Protesten, bei denen an mehreren Stellen in der Stadt Brände ausbrachen, darunter am Sitz des Obersten Gerichtshofs und der Zentralbank.
NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND, IRLAND, GRIECHENLAND
Die Zwangsräumung von Maricarmen und die Reaktion der Wohnungsbewegung sorgten nicht nur in Portugal, sondern auch in den Niederlanden für großes Aufsehen, wo Aktivistengruppen zu Protesten aufriefen und punktuell in Amsterdam, Almere und Den Haag Zelte aufstellten. Es geht nicht nur um Solidarität. Die Wohnungsprobleme in Spanien wiederholen sich in den Niederlanden: nicht eingehaltene Versprechen zum Bau neuer Sozialwohnungen, während die Mieten „rasant“ steigen, das Angebot an bezahlbarem Wohnraum „immer knapper“ wird, die Zahl der Obdachlosen zunimmt und „Migranten“ für die Krise verantwortlich gemacht werden, wie Woonopstand (Aufstand für Wohnraum), eine Plattform sozialer Organisationen, anprangert. Am 10. Oktober forderte eine große Demonstration in Amsterdam am Tag der Obdachlosen „Wohnungen für Menschen, nicht für das Geschäft“.
Am 10. Oktober demonstrierten auch in Potsdam (Deutschland) etwa 2.000 Menschen gegen Zwangsräumungen und unerschwingliche Mieten. Unter dem Motto „Gebt uns die Wohnungen! Mietpreissenkung!“ protestierten die überwiegend jungen Demonstranten gegen Immobilienentwickler, die städtische Gebäude aufkaufen, um anschließend die Bewohner zu vertreiben: „Wir sind wütend, dass die Stadt Potsdam diesen Immobilienhändler weiterhin den roten Teppich ausrollt.“ Darüber hinaus gab es Anfang Oktober Solidaritäts-Kundgebungen mit Spanien in London, Dublin und Brüssel.
Die Proteste für Bildung und gegen Kürzungen und Sparmaßnahmen finden vor dem Hintergrund einer Remilitarisierung Europas statt, die mit einem erheblichen Anstieg der Militärausgaben und Vorschlägen zur Wiedereinführung der Wehrpflicht in vielen Ländern einhergeht. In Deutschland gingen am 25. September in hundert Städten rund 45.000 junge Menschen auf die Straße, um gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht zu protestieren. Außerdem protestierten sie gegen Sozial- und Bildungskürzungen, während das Land gleichzeitig seine Rüstungsausgaben erhöht.
Auch in Griechenland kam es zu Protesten um Wohnraum. In der Nacht vom 13. Oktober schlugen Mitglieder von Studenten-Organisationen aus Athen auf dem Syntagma-Platz Zelte auf, um gegen die Schwierigkeiten zu protestieren, mit denen junge Studierende bei der Suche nach angemessenem Wohnraum konfrontiert sind – ein Kampf, der von den spanischen Zeltlagern und der Jugendauflehnung in Frankreich inspiriert war. Unter dem Motto „Studieren oder überleben?“ wurden die Demonstranten von der Kommunistischen Jugend Griechenlands (KNE) und Syriza unterstützt. „So kann es nicht weitergehen“, hieß es von der improvisierten Tribüne aus in einer Rede, die die Unzufriedenheit zum Ausdruck brachte, die sich offenbar in weiten Teilen des europäischen Subkontinents widerspiegelt.
ANMERKUNGEN:
(*) „Von Spanien bis Frankreich und von Portugal bis Italien, über Albanien: Die europäische Jugend ohne Zukunft bricht aus“ (De España a Francia y de Portugal a Italia, pasando por Albania: estalla la juventud europea sin futuro), Internet-Zeitung El Salto, Autor: Martín Cúneo, 2026-10-18 (LINK)
https://www.elsaltodiario.com/europa/juventud-protagoniza-una-primavera-otono-luchas-toda-europa
ABBILDUNGEN:
(*) Rebellion France (yahoo)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-10-20)
