Tod des Architekten
Frank Gehry (*1929), der Architekt, der mit seinen titanischen Museum-Plänen Bilbao revolutionierte, starb am 5. Dezember 2025 im Alter von 96 Jahren. Der Kanadier entwarf unter anderem das Guggenheim-Museum von Bilbao. Mit den Jahren wurde das Museum zum wesentlichen Werkzeug für die Bizkaia-Hauptstadt, die Industrie-Krise der 1980er Jahre zu überwinden. Gehrys Guggenheim wurde zum Flaggschiff für die Wende von der Industrie zur Dienstleistung und sorgte für die weltweite Bekanntheit der Stadt.
Frank Owen Goldberg, bekannt als Frank Gehry, war ein in den USA lebender kanadischer Architekt, Gewinner des Pritzker-Preises und bekannt für die innovativen und eigenwilligen Formen der von ihm entworfenen Gebäude.
“Das Guggenheim hat den Mann verloren, der Bilbao in die Welt hinausgetragen und seinen Erfolg im Ausland begründet hat. Mit den organischen Formen von Frank O. Gehry war nichts mehr so wie zuvor. Das Museum hätte nicht den Platz in der ausländischen Presse und im Fernsehen eingenommen. Und umgekehrt: ohne das gewundene Gebäude im Bilbo-Stadtteil Abandoibarra wäre Gehry auch nicht zu einer weltweiten Berühmtheit geworden.“ So schwülstig heißt es in einem Nachruf in der baskischen Presse, der sicher schon in der Schublade lag.
Zum Zeitpunkt der Einweihung des Guggenheim-Museums im Oktober 1997 hatte der kanadische Architekt, der seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten lebt, bereits den Pritzker-Preis erhalten, die höchste Auszeichnung in seinem Beruf. Er hatte bahnbrechende Projekte realisiert, die ihn berühmt gemacht hatten, wie beispielsweise die Renovierung seines Hauses in Santa Monica, Kalifornien. Die aus Metallgitter, Sperrholz und schwarzem Asphalt für den Boden gefertigte Konstruktion stellte eine humorvolle Herausforderung an den Hollywood-Glamour der Gegend dar, in der er lebte, doch die Nachbarn verstanden dies nicht und verklagten ihn.
Wer sich die zwischen 1992 und 2003 gebaute Walt Disney Concert Hall in Los Angeles betrachtet wird zweifellos gewisse Ähnlichkeiten mit dem Bilbo-Museum erkennen. Obwohl das Guggenheim in Bilbao früher gebaut wurde, sind die Entwürfe für die Walt Disney Concert Hall älter. Der Bau verzögerte sich zum Leidwesen seines Architekten aufgrund fehlender Finanzmittel. Doch die Frustration über die Entwicklung in Los Angeles wirkte sich positiv auf das Museum in Bilbao aus. Gehry passte seinen Entwurf an, den kühnsten Plan, den er mit dem Computer-Programm Catia erstellt hatte, das bis dahin ausschließlich in der Luftfahrt eingesetzt worden war. Er wollte beweisen, dass das Projekt einen Wert hatte und tat dies in Bilbao. Dort waren die politisch Verantwortlichen derart verzweifelt über die Zukunft der niedergehenden Stadt, dass sie dem Kanadier mit seinen Innovationen freie Hand ließen. Sie hätten das Museum zwar gerne mit dem alten Weinlager Alhondiga im Zentrum der Stadt in Verbindung gebracht, doch Gehry hatte seine eigenen Vorstellungen.
Jenes Alhondiga-Gebäude von Anfang des 20. Jahrhunderts war wenige Jahre nach seinem Bau ausgebrannt und musste renoviert werden. In den 1980ern wurde es geschlossen, seine weitere Nutzung war unklar, Abriss kam wegen der historischen Bedeutung nicht in Frage. Das neue Museum auf die alte Struktur zu setzen, hätte bedeutet, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen – doch Gehry widersetzte sich der Idee. Er hatte für sein Projekt nicht nur ein Design parat, sondern auch einen Bauplatz, der ihm nach ausführlichen Besichtigungen der Stadt als geeigneter erschien: der Standort der nur wenige Jahre zuvor geschlossenen Euskalduna-Werft am Fluss. Dort wollte er die Schiffs-Tradition, das Wasser und seine geschwungenen Linien zu einer neuen spektakulären Komposition zusammenfügen.
Kontaktfreudig, direkt, praktisch, ehrgeizig in seinen Werken, aber mit einer strengen Kontrolle über das Budget. So beschrieben Freunde und Kollegen den Architekten, der nun im Alter von 96 Jahren abgetreten ist. Es heißt, dass er das Baskenland so sehr liebte, dass er ernsthaft darüber nachdachte, sich ein Haus in Urdaibai oder Artxanda bauen zu lassen. Auf einem der Arbeitstische seines Ateliers stand eine kleine Skulptur von Jorge Oteiza (1908-2003), dem Bildhauer, der so sehr gegen das Guggenheim und Gehrys Gebäude wetterte und mit dem er schließlich Freundschaft schloss.
Gehry wurde 1929 in Toronto, Kanada, geboren. Sein Vater stammte aus Brooklyn, New York, und seine Mutter aus Lodz, Polen. Beide waren Juden und beschlossen 1947, nach Los Angeles zu ziehen, um ihre Lebensqualität zu verbessern. Gehry stand um vier Uhr früh auf, um den Lieferwagen zu starten und in die Häuser der Reichen Frühstück zu liefern. Er brauchte das Geld, um sein Architektur-Studium an der University of Southern California zu finanzieren.
Bevor er sich für dieses Studium entschied, hatte er Radio-Werbung gemacht und sich für Kurse in Elektrotechnik eingeschrieben. Er hatte das Gefühl, dass er in diesen Bereichen nicht über Mittelmäßigkeit hinauskam, und gab sie auf. Architektur war für ihn immer eine Option, seit er mit 17 Jahren eine Vorlesung des Finnen Alvar Aalto in Toronto über ein Sanatorium für Tuberkulosekranke besucht hatte, in dem dieser geschwungene Linien, gerade Linien und Farben kombinierte. Das sprach seine Vorliebe für Kunst an, die er schon immer gehabt hatte.
In der Armee
Nach seinem Studium trat er in die Armee ein und schrieb sich für einen Masters-Studiengang in Stadtplanung in Harvard Universität ein, den er jedoch nicht abschloss, da seine Professoren weit von dem entfernt waren, was er für notwendig hielt: eine sozial verantwortliche Architektur und Stadtplanung. Jahrzehnte später kehrte er ironischerweise als Professor für denselben Master-Studiengang nach Harvard zurück.
In Los Angeles begann er im Büro von Victor Gruen zu arbeiten, einem Juden österreichischer Herkunft, der 1938 vor den Nazis geflohen war. Er erfand den Prototyp eines zweistöckigen Einkaufszentrums mit Rolltreppen, die die beiden Stockwerke miteinander verbanden, in der Mitte etwas wie ein Platz mit Springbrunnen, Bäumen, einem riesigen Käfig voller bunter Vögel, einem Teich und einem Café. Er wollte die kommerziellen Räume, die für Einkäufe und Freizeit-Aktivitäten bestimmt waren, menschlicher gestalten. “Die Arbeit in diesem Büro in den 1950er Jahren vermittelte Gehry einen praktischen Einblick in das Bauwesen. Er lernte, Arbeitsgruppen zu organisieren und ein Unternehmen zu leiten”, so Iñaki Begiristain, Professor an der baskischen Universität UPV/EHU – der erste, der im Baskenland eine Dissertation über Gehry verfasste, die 2011 fertiggestellt wurde.
Anfang der 1960er Jahre eröffnete Gehry sein eigenes Büro und Mitte des Jahrzehnts begann er, Kontakte zu Pop-, Konzept- und Povera-Künstlern zu knüpfen, die Kenntnisse darin hatten, einfache Materialien wiederzuverwerten. Von ihnen ließ er sich im folgenden Jahrzehnt für sein “Low-Cost“-Haus in Santa Monica inspirieren, das heute in den Geschichtsbüchern der Architektur als Höhepunkt des dekonstruktivistischen Trends gilt. Nachdem er die Grundlagen seines Berufs erlernt hatte, wollte er die Erfahrung, die er sich in seinen Jahren im Büro Gruen erworben hatte, in seine Arbeit einfließen lassen. Zu diesem Zeitpunkt tauchten erstmals Kurven in seinen Plänen und Modellen auf.
“Seine Gebäude sind Collagen aus Räumen und Materialien, die sowohl das Theater als auch den Backstage offenbaren”, argumentierte die Jury, die ihm 1989 den Pritzker-Preis verlieh. Als Leser von “Don Quijote“ – nach Gehrys Ansicht “das größte Werk der Geschichte über das menschliche Wesen“ – kam er nach Bilbao, ausgewählt von den Institutionen, die das Projekt Guggenheim Museum unterstützten, dem Provinzrat von Bizkaia und der baskischen Regierung. Er konkurrierte mit dem Japaner Arata Isozaki und den Österreichern von Coop Himmelblau.
Eine Familie in Bilbao
Gerne und oft wiederholte er, in Bilbao habe er eine Familie gefunden. Deshalb wollte er seinen 85. Geburtstag im Museum feiern, begleitet von seinen Freunden, darunter der Dirigent Daniel Barenboim, der ihm ein Konzert mit Werken von Schubert schenkte. Juan Ignacio Vidarte, damaliger Generaldirektor des Museums von Bilbao, erinnerte sich, wie Gehry in den Planungsjahren auf einem Stuhl saß, mitten auf dem Grundstück, auf dem heute das Guggenheim steht, und Edelstahl-Platten mit verschiedenen Legierungen bewegte, um zu prüfen, wie sie sich bei Kontakt mit Licht verhielten. Die endgültige Entscheidung für Titan sorgte für einige Aufregung. Die Kosten für dieses Material drohten das Budget zu sprengen. Zum Glück begann genau zu dieser Zeit der Preis für Titan zu fallen.
“Wir frühstückten zusammen. Wir besichtigten die Baustelle alleine. Ich habe noch Pläne von ihm für Abandoibarra. Ich weiß, dass er ein weiteres Gebäude in Bilbao bauen wollte”, erinnert sich César Caicoya, Architekt bei IDOM, Gehrys rechte Hand beim Bau des Guggenheim-Museums und auch bei einem Hotel in Eltziego. Als Caicoya in sein Studio ging, um jenes Projekt vorzubereiten, fand er Fotos von indischen und marokkanischen Tänzerinnen, deren Bewegungen er in ein Gebäude mit silbernen, rosafarbenen (weinrot) und goldenen Titanplatten umsetzte. Das “Titanjuwel an der Ría von Bilbao“ wurde von Frank Gehry somit auch ins baskische Rioja-Gebiet transportiert, als er für die Weinkellerei Marqués de Riscal in Eltziego (span: Elciego) ein Hotel im Guggenheim-Stil entwarf, ein Gebäude, das in den ersten Jahren den Tourismus in der etwas entlegenen Region ebenfalls revolutionierte.
Legendenbidlung
Manche bezeichnen Gehry als Vater des modernen Bilbao. Das ist sicher übertrieben. Der kanadische Architekt Frank Gehry hat dank des Guggenheim-Museums, dem weitere architektonische Kreationen folgten, zweifellos seine Spuren hinterlassen in der Skyline der Hauptstadt der Provinz Bizkaia. Das Guggenheim sollte nicht seine einzige Kreation im Baskenland sein. Tatsächlich hatte er eine zweite “große Anlage“ geplant, die jedoch aufgrund der Immobilienkrise um 2008 nie realisiert wurde, wie die Stadtverwaltung von Bilbao 2014 ohne weitere Angaben mitteilte. Legendenbildung. Gehry selbst wies darauf hin, als er den Grundstein für die Brücke nach Zorrotzaurre legte, die zudem seinen Namen trägt.
Zwei bekannte internationale Umfragen aus dem Jahr 2010 stuften das Guggenheim-Museum in Bilbao als eines der wichtigsten architektonischen Wahrzeichen des 20. Jahrhunderts weltweit ein, es folgten internationale Auszeichnungen, die für das Bilbo-Curriculum als Reisestadt elementar waren. Zu diesem Zeitpunkt stand es bereits seit dreizehn Jahren, aus dem “Guggenheim-Effekt“ war der “Bilbao-Effekt“ gemacht geworden, dem später das Attribut “Architektur-Stadt“ beigefügt wurde. Tatsächlich hat das Gebäude bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Das ist angesichts der heutzutage dominierenden Tourismus-Industrie kein Zufall, auf diesen Zug ist Bilbao auf Gedeih und Verderb aufgesprungen – zum Nachteil vieler ihrer Bewohner*innen.
Die Stadt Bilbao hat sich enorm verändert, seit Gehry zum ersten Mal seinen Fuß in die Stadt setzte: positiv wie negativ. Sie hat den Schmutzgürtel abgeschüttelt, der sie seit der Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts umgab. Gleichzeitig hat sie ihren Charakter als Arbeiterstadt verloren, der damit einherging. Kennzeichnend dafür steht der Standort am Fluss, der erst die Werft und dann das Museum beherbergte. Die Werft als Symbol der Arbeiterschaft, die die Stadt zum Stillstand bringen konnte, wenn es sein musste. Das Museum als Zeichen für Dienstleistung und Gastronomie, prekäre Arbeitsbedingungen und nicht organisierte Arbeitnehmer*innen, die auf dem kapitalistischen Schachbrett nach Belieben verschoben werden.
Gehrys Guggenheim hat in dieser Entwicklung eine tragende Rolle gespielt, als Initialzündung, weniger als Museum, mehr als Spektakel und Magnet. Denn heute geht es nicht mehr um Kunst, sondern um teure Dienstleistung, internationale Großevents, touristische Massen, die durch die Welt geschleust werden, um Orte wie Eltziego oder Bilbao zu konsumieren. Das Guggenheim, das Hotel in Eltziego und die nach ihm benannte Brücke, die die Bilbo-Stadtteile Deusto und Zorrotzarurre verbindet, werden immer an einen Mann mit mutigen Entscheidungen erinnern, der keine Gelegenheit ausließ, auf das Grün der Berge rund um Bilbao und die Persönlichkeit, die sie der Stadt verleihen, hinzuweisen.
ANMERKUNGEN:
(*) “Muere a los 96 años Frank Gehry, el arquitecto que revolucionó Bilbao” (Frank Gehry, der Architekt, der Bilbao revolutionierte, stirbt im Alter von 96 Jahren), El Correo, 2025-12-05, die Übersetzung wurde an wesentlichen Stellen ergänzt (LINK). / “Fallece Frank Gehry, un arquitecto que ha dejado huella de Bilbo a Arabako Errioxa“ (Frank Gehry verstorben, ein Architekt, der von Bilbao bis Arabako Errioxa seine Spuren hinterlassen hat), Gara, 2025-12-06 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Frank Gehry (elcorreo)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-12-06)
