rentee1aWürdige Existenz im Alter

“Der Kampf der Rentnerinnen und Rentner und die Zukunft der Renten im Baskenland“ – Zweiter Teil eines Interviews mit Ana Mezo Basaras über die Geschichte und Zukunft dieser sozialen Bewegung. Sie ist Mitglied und Koordinatorin der MPEH, der Frauen-Versammlung der baskischen Renten-Bewegung (Mujeres Pensionistas de Euskal Herria), sowie von deren Pressekonferenzen. Ana Mezo ist seit ihrer Gründung in der Bewegung aktiv. Zuletzt leitete sie die internationale Renten-Konferenz in Bilbao im Mai 2024.

Seit Januar 2018 gehen Rentner*innen im Baskenland (und einigen anderen spanischen Städten) für eine würdige Rente auf die Straße. Die Bewegung fordert eine Mindest-Rente von1.080 Euro, die vor allem der weit verbreiteten Armut unter Witwen und Rentnerinnen Abhilfe schaffen soll. Zweiter Teil eines ausführliches Interviews.

Der erste Teil des Interviews mit Ana Mezo erschien am 31-09-2024 bei Baskultur.info unter den Titel “Renten-Bewegung. Kampf gegen Alters-Armut“. Es folgt der zweite Teil des bei Gaurgeroa (2) publizierten Interviews. 

Interview zur baskischen Rentner*innen-Bewegung, Teil 2:

Gaurgeroa: Es gab eine Klage staatlicher Verbände, dass das Baskenland den die Einheits-Kasse der Renten auflösen wollte. Ist dieses Hindernis überwunden?

Ana Mezo: Es gab Leute und Medien, die aus wenig respektablen Gründen behaupteten, die Bewegung der Rentnerinnen und Rentner des Baskenlandes wolle den Einheitlichen Sozialversicherungs-Fonds auflösen. Wir als Rentner*innen sagen, dass angesichts der Plünderung der Einheitskasse die Renten aus dem allgemeinen Haushalt bezahlt werden sollten, so wie auch Bildung, Gesundheit.

Die Renten sind ein Gut, auf das wir Anspruch haben, es ist ein Recht, das nicht der willkürlichen Plünderung der Einheitskasse unterworfen werden darf. Vergessen wir nicht, wie und mit welchem Geld die Rettung der Banken vor mehr als einem Jahrzehnt (2008) durchgeführt wurde. Von den 60 Milliarden, die aus dem Einheits-Fonds entnommen wurden, ist nur ein kleiner Teil zurückgeflossen. Kurzum, die Auflösung der Kasse hat mit dem Betrug begonnen, der damals begangen wurde, indem die Einlagen für Zwecke verwendet wurden, die nicht ihrer Funktion entsprechen. Es ist also klar: Wenn jemand die Einheits-Kasse der Sozial-Versicherung auflösen will, dann ist es nicht die Rentner*innen-Bewegung des Baskenlandes.

rentee2Gaurgeroa: Zum internationalen Renten-Kongress in Bilbao kamen auch europäische Vertreter, französische, deutsche?

Ana Mezo: Am 23. und 24. Mai waren einige europäische Vertreter präsent. Es gab eine kleine Schwierigkeit, die Anwesenheit dieser Vertreter und Vertreterinnen zu organisieren. Das Problem ist, dass die Rentner*innen in Europa nicht in entsprechenden Plattformen oder Verbänden organisiert sind. Es gibt viele sehr aktive Rentner, die sich für ihre spezifischen Forderungen einsetzen, aber auch im Kampf für andere soziale Rechte engagiert sind.

Ihre Arbeit wird durch ihre Gewerkschafts-Organisationen geleistet. Ein deutliches Beispiel dafür ist der Kampf, den sie im französischen Staat geführt haben. Die Renten-Bewegung des Baskenlandes hat sich kontinuierlich mit diesem Kampf solidarisiert und hat mit deutlichen Redebeiträgen am Ende von einigen Demonstrationen sogar aktiv teilgenommen.

Gaurgeroa: Es ist klar, dass es in Europa die Gewerkschaften sind, die den Kampf um die Renten anführen. Einerseits gibt es eine klare Verbindung zwischen Löhnen und Renten …

Ana Mezo: Das war es, was ich in der vorhergehenden Frage meinte. Es liegt auf der Hand, dass eine Gewerkschaft Löhne und Renten leichter miteinander verknüpfen kann. Vorausgesetzt, die betreffende Gewerkschaft verfügt über eine Abteilung, die sich mit Renten beschäftigt. Ich denke, dass sich unsere Bewegung im Baskenland darüber im Klaren ist, dass Löhne und Renten miteinander verbunden sind. Einerseits ist ein würdiger Lohn die Grundlage für eine würdige Rente. Andererseits decken die Beiträge der Beschäftigten derzeit unsere Renten ab. Wir sprechen ständig von Lohn und Rente. Diese beiden Konzepte gehen Hand in Hand.

Gaurgeroa: Andererseits, stellen Sie bei Ihrer Analyse Unterschiede in der Renten-Frage fest, wenn Sie die Situation im Baskenland, im Staat oder in Europa vergleichen?

Ana Mezo: Obwohl die Problem-Diagnosen viele Überschneidungen haben, konnten wir bereits auf der Mai-Konferenz sehen, dass die Situation in den verschiedenen Staaten, Gemeinschaften und Völkern Europas unterschiedlich sein kann und ist. Die Situation von Rentner*innen kann sehr unterschiedlich sein, denn eine gute oder schlechte Lebenslage hängt nicht nur von der Höhe der Rente ab. Sie hängt auch von den Sozialleistungen ab, die der Staat gewährt.

Ich möchte das erklären: Ein Rentner könnte von einer mittleren bis niedrigen Rente leben, wenn andere Bedürfnisse abgedeckt wären, wie eine angemessene Wohnung, die seiner Autonomie-Situation oder Abhängigkeit entspricht, mit einem kostenlosen Gesundheits- und Sozialdienst, mit der Möglichkeit zu Freizeit-Angeboten, die das Gefühl von Einsamkeit verhindert. Mit einer würdigen integralen Begleitung. Leider wurde jedoch deutlich, dass die Situation im Allgemeinen immer prekärer wird. Der Rückgang der Löhne und der Mangel an sozialem Schutz nehmen zu.

rentee3Gaurgeroa: Soweit uns bekannt, gibt es derzeit eine Debatte über die Zukunft der Mobilisierungen. Können Sie uns dazu etwas sagen?

Ana Mezo: Ich denke, dass diese Debatte nach sechseinhalb Jahren des Kampfes, nach der Präsenz auf der Straße jeden Montag und nach vielen anderen Initiativen geführt werden musste. Aber wie ich meine und sehe, werden wir den Kampf fortsetzen. Es kann sein, dass sich einige der Methoden ändern, das werden wir ab September diskutieren, dann sehen wir weiter.

Es gibt eine wichtige Tatsache, an der wir uns orientieren: Die Verpflichtung, die wir am 23. und 24. Mai 2024 zusammen mit den anderen Teilnehmern und Teilnehmerinnen des Kongresses eingegangen sind, unseren Kampf fortzusetzen und die verschiedenen Regierungen (Madrid, Iruñea, Gasteiz) und die verschiedenen politischen Parteien weiterhin in die Pflicht zu nehmen. Da der Wahlzyklus (im Staat und in den baskischen Regionen) soeben zu Ende gegangen ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um den politischen Parteien zu sagen, dass es an der Zeit ist, zu handeln und alle Versprechen der Wahl-Kampagnen umzusetzen.

Gaurgeroa: Werden wir in Zukunft weiter kämpfen müssen?

Ana Mezo: Ich denke ja, wir sollten weiter kämpfen. Wir haben Räume für den Kampf und Glaubwürdigkeit in den Augen der Bürgerinnen und Bürger gewonnen, auch wenn Informationen zurückgehalten oder Daten in einer Art und Weise weitergegeben werden, die auf der Grundlage bestimmter Interessen interpretiert werden.

Unser Kampf steht auf der Tagesordnung der politischen Parteien, die sozialen und gewerkschaftlichen Akteure berücksichtigen uns, und vor allem wurden Räume und Momente geschaffen, in denen die zum Schweigen gebrachten Rentnerinnen auf der Straße ihre Stimme erheben und eine führende Rolle spielen können. Das Problem ist unser Alter, wir sind verletzliche Menschen, mit leichten oder schweren gesundheitlichen Problemen. In den letzten Jahren haben wir den Verlust von aktiven Kolleginnen und Kollegen erlebt. Daher ist es wichtig, dass sich neue Generationen von Rentner*innen diesem Kampf anschließen. Auf jeden Fall gibt es noch viel Kraft, Lust und Gründe, diesen Kampf fortzusetzen.

Gaurgeroa: Wie fühlen Sie sich nach diesem Interview – wenn ein junger Mann mit 73 mit einer jungen Frau mit 69 Jahren spricht?

Ana Mezo: Ich fühle mich ausgezeichnet. Es ist ein bisschen merkwürdig, wenn Interviews zwischen Menschen gemacht werden, die Teil derselben Aktivität und desselben Kampfes sind.

Gaurgeroa: Eskerrik asko, Ana, uns dieses Interview zu geben. Tschüss und beste Wünsche für diesen Weg!

ANMERKUNGEN:

(1) “Entrevista a Ana Mezo: La Lucha de los Pensionistas y el Futuro de las Pensiones en Euskal Herria” (Interview mit Ana Mezo: Der Kampf der Rentner*innen und die Zukunft der Renten im Baskenland) Teil 2. Gaurgeroa, 2024-08-13 (LINK)

(2) Gaurgeroa ist der Name der Webseite der baskischen Rentnerinnen-Bewegung. Gaurgeroa ist Baskisch und bedeutet “heutzutage“. (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Renten-Protest (FAT)

(2) Ana Mezo (gaurgeroa)

(3) Renten-Protest (FAT)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-09-10)

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