kolu70x00Bis zum Umfallen

Wer im Baskenland dem Massen-Tourismus entfliehen will, macht im August Urlaub und fährt weit weg, um dem Massen-Tourismus an anderer Stelle am Laufen zu halten. Manche müssen im August Urlaub nehmen, weil der Betrieb schließt, ob sie nun Geld haben für eine Reise oder nicht. Wieder andere haben Urlaub, können aber auf keinen Fall weg, weil sie die örtlichen Fiestas auf keinen Fall verpassen wollen, das gilt für Gasteiz, Donosti und Bilbo, und für so manche anderen Orte wie Gernika oder Portugalete.

Die Zeiten, als Fiestas aus einem katholischen Umzug, zwei Gottesdiensten und einem Empfang des vom Regime auserwählten Bürgermeisters bestanden, sind vorläufig vorbei. Noch finden in Kirchen Rockkonzerte und feministische Kabarets statt, wer weiß ...

(2025-08-31)

BEFREIUNG DONOSTIA 31. AUGUST

kolu70x31Am 31. August 1813 erlebte die baskische Küstenstadt Donostia (San Sebastian), wie eine “Befreiung“ in einer Vernichtung enden kann. Seit Jahren war die Stadt unter der Herrschaft der napoleonischen Truppen, es lief der spanische “Unabhängigkeits-Krieg“, der von Engländern und Portugiesen unterstützt wurde. Im Jahre 1808 hatte Kaiser Napoleon seinen älteren Bruder Joseph Bonaparte als Joseph I. in Spanien auf den Königsthron gesetzt. Donostia hatte im Jahre 1813 ca. 9.100 Einwohner*innen. Die Belagerung wurde vom 7. Juli bis zum 8. September 1813 durch Truppen unter dem Kommando von General Wellington durchgeführt. Als Ergebnis wurde die baskische Stadt mit der französischen Garnison, kommandiert von Général Rey, erobert, anschließend geplündert und durch Feuer zerstört.

Nachdem die Alliierten (Spanien, Portugal, England) die Schlacht bei Vitoria (Gasteiz) am 21. Juni 1813 gewonnen hatten, stieß die die Armee Wellingtons westlich der Pyrenäen an der Grenze auf französische Truppen unter Maréchal Soult. Er beschloss, San Sebastián zu belagern. Die britische Marine blockierte zwar den Golf von Bizkaia, die Franzosen konnten dennoch Nachschub über das Meer heranschaffen. Wellington sah sich nicht in der Lage, die Stadt auszuhungern, und entschied sich daher zum Angriff im Sturm. Am 25. Juli erfolgte ein erster erfolgloser Angriff, dabei erlitten die Briten Verluste von 693 Gefallenen und Verwundeten, sowie 316 Gefangenen, die Franzosen hatten 58 Gefallene und 258 Verwundete.

Zweiter Angriff auf San Sebastián

Nachdem Soult über die französische Grenze zurückgedrängt worden war, richtete Wellington seine Aufmerksamkeit ab dem 8. August wieder auf San Sebastián. Die Franzosen hatten die Verteidigungskräfte in der Stadt um 3.600 Soldaten verstärkt, die Angreifer hatten 18.000 Soldaten. Ab dem 26. August wurde Donostia mit schweren Kanonen beschossen der. Angesichts der Tiden begann der Angriff am 31. August um 11 Uhr bei Ebbe. Die Franzosen antworteten mit mörderischem Feuer, die Verluste der Angreifer waren hoch. Eine portugiesische Brigade überquerte den Urumea-Fluss, das Vorhaben schlug fehl.

Die Angreifer feuerten erneut auf die innere Barrikade, der Beschuss zeigte Wirkung, sie stürmten die Stadt. Die Franzosen zogen sich in die Festung auf dem Urgull-Berg zurück. Um die Mittagszeit war die Stadt in den Händen der Briten und Portugiesen. Die Überlebenden erbaten die Bedingungen für eine Kapitulation, Tage später wurde die militärische Gewalt offiziell an die Briten übergeben.

Plünderung und Brandschatzung

Nach der Erstürmung wurden die Soldaten, sogar Unteroffiziere und teilweise Offiziere zu einer völlig unkontrollierbaren Masse. Eine ganze Woche lang wurde geplündert und nach Schätzen gesucht, Einwohner, die verdächtigt wurden, Geld versteckt zu haben, wurden gefoltert, Frauen wurden geschändet und getötet. Einer Schätzung nach dieser Plünderung fielen 1.600 Einwohner zum Opfer. Es gibt eine Anzahl von Aussagen über diese Gräueltaten, 75 Berichte wurden gesammelt die die Ereignisse des 31. August ausführlich beschreiben. Der Überlebende Zeuge Gabriel Serres berichtete: “Die Angreifer begingen die schlimmsten Gräueltaten, töteten und verletzten viele Menschen und vergewaltigten die meisten Frauen“. Der Brand der Stadt brach am gleichen Abend in mehreren Häusern aus und war zweifellos auf die Angreifer zurückzuführen, auch wenn die britischen Generäle versuchten, das den Franzosen in die Schuhe zu schieben.

Die allgemeine Meinung der Einheimischen kann in der Aussage des Bewohners Domingo de Echave zusammengefasst werden, welcher einen britischen Soldaten, der aus einem brennenden Haus kam, sagen hörte: “Vois cette maison en feu? Rappelez-vous, demain, elles seront toutes comme ça“ (Sehen sie dieses Haus brennen? Denken Sie daran, morgen werden alle so aussehen). Die Ordnung konnte erst nach sieben Tagen wiederhergestellt werden, nur eine Handvoll Gebäude waren unversehrt geblieben. Der Rest der Stadt war völlig zerstört, 600 Gebäude, einschließlich des Rathauses und der Registratur-Behörde wurden eingeäschert. Der Rat der Stadt und die Überlebenden kamen in Zubieta zusammen und beschlossen den Wiederaufbau. Von den Alliierten wurde ein neuer Rat ernannt, der von den britischen Behörden sogleich Ersatz für den angerichteten Schaden verlangte. Das wurde von Wellington abgelehnt. Der Tragödie wird jährlich am 31. August mit einer Kerzenprozession gedacht.

Fazit

Die französische Garnison hatte 1.900 Gefallene zu beklagen, 1.200 gingen in die Gefangenschaft. Die Angreifer zählten 1.200 Gefallene, 3.800 Verletzte und 300 Vermisste. Nunmehr im Besitz von San Sebastián konnte Wellington die Franzosen nach Frankreich zurückdrängen. Als Folge wurde am 7. Oktober die Schlacht am Bidasoa und im November die Schlacht an der Nivelle geschlagen. Die französische Garnison von Pamplona verließ die Stadt am 30. Oktober. (wikipedia-baskultur)

(2025-08-30)

GOÑI, DAS FAMILIEN-MASSAKER

kolu70x30Gaztelu ist ein kleines Dorf im Nordwesten von Nafarroa, eine schönes Wandergebiet im Malerreka-Tal, mit einer schrecklichen Geschichte, die an das heutige Gaza erinnert und deutlich macht, wozu Faschisten in der Lage sind. Die Familie Goñi lebte in Gaztelu unter prekären Bedingungen, insbesondere nachdem der Vater von den faschistischen Putschisten-Truppen rekrutiert worden war. Die Familie verschwand und als die Ermittlungen begannen, war es nicht möglich, das Verbrechen zu bestätigen, aber die Geschichte war in der ganzen Region bekannt. Die Exhumierung der Leichen im September 2016 (unendliche 80 Jahre später) bestätigte schließlich, dass der Schrecken wahr ist, auch wenn es keinen endgültigen Konsens über die Beweggründe gibt, in denen sich soziale und religiöse Vorurteile, sowie politische Fragen vermischen.

Der Schriftsteller José María Esparza hat sich in seinem Buch "La Sima, ¿qué fue de la familia Sagardía?" (Die Grube. Was wurde aus der Familie Sagardia?), das er nach einer hartnäckigen Untersuchung der Geschehnisse vor mehr als 80 Jahren geschrieben hat, mit diesem gewaltigen Thema befasst. Esparza veröffentlichte sein Buch auf der Grundlage langer Gespräche mit den Cousins und Cousinen von Juana Josefa Goñi, nach der Analyse der Akte "Causa 167" (die zwischen 1937 und 1946 dreimal geöffnet und geschlossen wurde) und der Kontextualisierung des "Mythos", dass die Frau und sechs ihrer sieben Kinder von ihren eigenen Nachbarn in die Grube gestürzt wurden. Ohne Fotos in Erinnerung zu haben, scheint Juana Josefa eine schöne Frau gewesen zu sein, eine Frau, die lesen und schreiben konnte, und eine Frau, die nicht zur Messe ging.

Der Ehemann von Juana Josefa, Pedro Sagardía, war von Beruf Köhler, und es ist vermerkt, dass er sich beim Tercio de Santiago, bei den karlistischen Requetés, meldete, die ihn an die Kriegsfront brachten. Ein Jahr später, im August 1937, bat er darum, nach Hause zurückkehren zu dürfen, um vom Verbleib seiner Familie zu erfahren, von der er ein ganzes Jahr lang keine Nachricht erhalten hatte. Esparza schreibt in seinem Buch, dass dem Verschwinden seiner Frau und sechs seiner sieben Kinder am 30. August 1936 eine Versammlung der Dorfbewohner vorausgegangen war, bei der man sich darauf geeinigt hatte, die Familie aus dem Dorf zu vertreiben, nachdem man sie beschuldigt hatte, in der Dorfgärtnerei einen kleinen Diebstahl begangen zu haben. Als Pedro Sagardía nach Gaztelu zurückkehrte, wurde ihm der Klage zufolge "nicht erlaubt, das Dorf zu betreten", und die Dorfbewohner, darunter der damalige Bürgermeister, verhafteten ihn. Er wurde eine Woche lang inhaftiert, ohne eine Aussage zu machen und ohne eines Verbrechens beschuldigt zu werden. Nach seiner Entlassung wurde er gewarnt, nicht nach Gaztelu zurückzukehren.

Nur eine Nachbarin, Teodora Larraburu, ging zu ihm und erklärte ihm, dass Juana Josefa auf Anweisung der "Behörden" Gaztelu mit ihren Kindern und einigen Habseligkeiten verlassen hatte, um sich in den Bergen zwischen Santesteban (bask: Doneztebe) und Legasa in einer Hütte niederzulassen, die sie als Unterschlupf gebaut hatte. Teodora Larraburu erzählte Pedro Sagardía, dass sie am letzten Sonntag im August 1936 Schüsse im Busch gehört hatte, dass die Hütte am nächsten Morgen niedergebrannt war und dass sie seit diesem Tag nichts mehr von Juana Josefa gehört hatte. Pedro Sagardía starb 1952, ohne zu wissen, was aus seiner Familie geworden war.

Erst 2017 wurde in der Schlucht selbst und später in der Stadt Gaztelu eine Gedenkfeier für die Familie Sagardía abgehalten, bei der die sterblichen Überreste der Familie zur Beisetzung auf dem städtischen Friedhof übergeben wurden. In der von der Regionalregierung beschlossenen Vereinbarung heißt es: "Ein Verbrechen dieser Größenordnung, einschließlich der Ermordung von sechs Kindern, und das Fehlen von Verantwortlichkeiten lassen sich nur durch das Klima der Straflosigkeit erklären, das nach dem Militärputsch von 1936 herrschte, um eine Atmosphäre des Terrors zu verbreiten, die jegliche Dissidenz oder Opposition verhindern sollte". Die Frau und sechs ihrer sieben Kinder wurden erschossen und am Hang unweit des Dorfes in eine wenige Meter tiefe Grube geworfen. Dort wurden sie 80 Jahre danach geborgen. Eine Gesellschaft, die mit diesen Gebeinen und einer solchen Geschichte 80 Jahre lang leben kann, ohne darüber zu sprechen, hat mehr als ein Problem. (baskultur)

(2025-08-29)

kolu70x29b50.000 GEGEN DAS LEMOIZ-AKW

Am 29. August 1976 versammelten sich mehr als 50.000 Menschen zum Anti-Atomkraft-Marsch zwischen Plentzia und Gorliz an der baskischen Küste, neun Monate nach dem Tod des Diktators und Massenmörders Franco, der das Atom-Programm für Bizkaia und Nafarroa mit insgesamt 5 Meilern auf den Weg gebracht hatte. Die Slogans für ein atomkraftfreies Baskenland standen im Vordergrund. Auch andere Symbole wie die Amnestie der politischen Gefangenen oder die noch nicht legalisierte baskische Ikurriña-Fahne fanden ihren Platz. Der Kampf gegen das Kernkraftwerk Lemoiz gewann an Stärke. Die Kämpfe und Mobilisierungen dauerten bis 1982 bzw. 1984, als die neu gewählte sozialdemokratische Regierung auf den Bau weiterer Atomkraftwerke verzichtete.

Das ehrgeizige Atomkraftwerks-Programm im Baskenland sollte die Region, die aufgrund der starken Industrialisierung ein hohes Energiedefizit aufwies, in Bezug auf den Energieverbrauch unabhängig machen. Das Kernkraftwerk wurde von der Elektrizitäts-Gesellschaft Iberduero S.A. (später Iberdrolaseit 1992) gebaut, aber als die Arbeiten abgeschlossen waren und die Anlage betriebsbereit war (es fehlte nur noch die Einführung des Kernbrennstoffs), wurde sie stillgelegt und anschließend abgebaut, was insgesamt 6.000 Millionen Euro kostete.

Nach dem Aufkommen der Atomprojekte bildeten sich Umwelt- und Anti-Atomkraft-Gruppen, um den Bau zu verhindern, sie erreichten eine enorme gesellschaftliche Unterstützung, da sich ein großer Teil der baskischen Gesellschaft gegen die Atomenergie aussprach. Die breite Unterstützung der wichtigsten politischen Parteien für das Projekt verhinderte jedoch, dass die Proteste der Bürger, die ein Referendum über die Zukunft der Atomenergie im Baskenland forderten, berücksichtigt wurden. Dennoch wurden die Meiler in Lemoiz, Deba, Ispaster und Tutera verhindert. (baskultur)

(2025-08-29)

HISTORISCHE ETA-AKTIVISTIN GESTORBEN

Die baskische Aktivistin Arantza Arruti, die 1970 in Burgos vor Gericht stand, ist am Morgen des 29. August 2025 gestorben. Als eine der wenigen Frauen, die in den 1960er Jahren der baskischen Untergrund-Organisation ETA angehörten, wurde sie inhaftiert und gefoltert. Sie war ihr ganzes Leben lang eine leidenschaftliche Feministin. Sie starb im Alter von 79 Jahren. Arantza Arruti Odriozola wurde 1946 in Zarautz geboren und trat in den 1960er Jahren der ETA bei, wo sie eine der wenigen militanten Frauen war. Die beiden anderen Frauen, die in Burgos vor Gericht standen, waren Ione Dorronsoro und Itziar Aizpurua. Seitdem blieb sie ihr ganzes Leben lang aktiv. Nach langer Krankheit ist sie in den frühen Morgenstunden am heutigen Freitag gestorben.

Der Burgos-Prozess im Jahr 1970 gegen 16 Basken und Baskinnen war ein Versuch des faschistischen Regimes in Spanien, den militanten Widerstand zu zerschlagen. Er endete mit 6 Todesurteilen (die kurz danach aufgehoben wurden), mit einer internationalen Solidaritäts-Bewegung für die angeklagten und mit eine enormen Sympathiewelle für die Organisation ETA. In einem Interview mit dem Journalisten Martin Garitano im Jahr 2016 bei Info7 Irratia erklärte sie, dass damals “die ETA die einzige Gruppe war, die Nationalismus und Arbeiterwelt vereinte”. Tatsächlich war ihr Vater Arbeiter. Und auch abertzale. Arruti wurde dreimal von der Guardia Civil festgenommen und, wie sie selbst berichtete, gefoltert. Im November 1968 wurde sie zusammen mit ihrem Ehemann Goio López Irasuegi festgenommen. Sie war schwanger und verlor das Kind aufgrund der Folterungen.

Fluchtversuch aus dem Gefängnis von Pamplona

Arruti befand sich im Januar 1969 im Gefängnis von Pamplona. Ihr Mann, der auf freiem Fuß war, organisierte zusammen mit Xabier Izko de la Iglesia eine Befreiungsaktion. Dazu fesselte Arruti eine Nonne, die als Wachfrau im Gefängnis tätig war, doch die Aktion schlug fehl und die Beteiligten wurden verhaftet. Auch im Gefängnis von Martutene hatte Arruti Nonnen als Wächterinnen. Im Interview bezeichnete sie die Nonnen klar und deutlich als “Foltererinnen” – Alltag unter dem Regime des Franquismus.

Arruti wurde zusammen mit López Irasuegi, Izko de la Iglesia und anderen Mitstreitern im Prozess von Burgos angeklagt. Es wurden sechs Todesurteile verhängt, darunter auch gegen Izko de la Iglesia. Arruti war die einzige Angeklagte, die freigesprochen wurde. Ihr Mann blieb hingegen im Gefängnis. Als er 1977 im Gefängnis von Puerto de Santa María (Andalusien) saß, erhielt sie die Nachricht von seiner Freilassung und machte sich auf eine tausend Kilometer lange Reise, um ihn zu empfangen. Sie wurde festgenommen, weil sie angeblich zwei Zivilgardisten in Chiclana de la Frontera getäuscht haben soll, und in das Gefängnis von Jerez de la Frontera gebracht. Als ihr Mann freikam, saß Arantza Arruti im Gefängnis.

Für Feminismus

Arruti hat sich immer für den Feminismus eingesetzt und war Teil einer der ersten Gruppen mit den Namen Aizan. “Wenn die Gesellschaft nicht anti-patriarchalisch ist, sind wir verloren”, betonte sie. Sie hat sich immer gegen die dreifache Unterdrückung (national, sozial und patriarchalisch) eingesetzt und war auch Teil von Bilgune Feminista (Feministischer Treffpunkt), einer feministischen Gruppe der Unabhängigkeits-Bewegung.

“Damals waren alle machistisch. Die Gesellschaft war machistisch, die ETA war machistisch und die meisten Frauen waren es auch”, sagte sie in einem Interview mit der Stiftung Iratzar im Jahr 2020. “Die Revolution wird feministisch sein oder sie wird nicht sein”, betonte sie. Als Beispiel dafür erinnerte sie daran, dass der Prozess von Burgos genutzt wurde, um zahlreiche Forderungen auf internationaler Ebene zu verbreiten. „Wir waren Patrioten, Sozialisten, Internationalisten usw. Aber die Forderungen der Frauen wurden nicht erwähnt“, erzählte sie. 1998 kandidierte sie für das baskische Parlament mit der linken Plattform Euskal Herritarrok. 2015 kandidierte sie erneut, diesmal auf den Listen von EH Bildu.

Zuvor hatte sie 1977 die “Plattform von Alsasua“ ins Leben gerufen und 2010 ein Manifest für ein neues Organisations-Projekt der baskischen abertzalen Linken verlesen. Sie nahm an zahlreichen Demonstrationen und Stellungnahmen zugunsten einer gesellschaftlichen Veränderung teil.

Außerdem war sie Französisch- und Englisch-Lehrerin und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Kindermädchen und Krankenpflegerin im baskischen Gesundheits-System Osakidetza. Gleich nach ihrem Tod, kursierten in den sozialen Netzwerken Beileidsbekundungen. (naiz-baskultur)

(2025-08-28)

INSTITUTIONELLER RASSISMUS IN VALTIERRA

kolu70x28Der rechte Bürgermeister von Valtierra (Süd-Navarra) bekräftigt seine Fremdenfeindlichkeit und greift Migranten an. Der Rat von Navarra hält die in Valtierra beschlossenen Geburtenhilfen, die eine 20-jährige Meldepflicht voraussetzen, für “diskriminierend”. Bürgermeister Manuel Resa hingegen bekräftigt, diese beibehalten zu wollen, und greift minderjährige Migranten an, die er als “Fräuleins” bezeichnet. Der UPN-Bürgermeister prophezeit eine Revolution in Erribera, wenn die Einwanderung nicht gestoppt werde.

„Wir müssen Geld bereitstellen für Menschen mit Wurzeln hier, in unserer Region, denn wir nehmen viele Einwanderer auf, die uns ein Vermögen kosten, wie zum Beispiel diese Minderjährigen.” Die Rede ist von unbegleiteten minderjährigen Migranten (meist männlich), die von den baskischen Institutionen betreut werden. Valtierra hatte laut Daten aus dem Jahr 2024 ca. 2.460 Einwohner*innen. Nach Angaben der Generaldirektion für Migrationspolitik von Navarra beträgt der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund etwa 15% (eine Zahl über dem Durchschnitt, weil in der Gegend viele in der Landwirtschaft arbeiten). Allerdings weist diese Behörde darauf hin, dass in diesem Prozentsatz diejenigen Personen nicht berücksichtigt sind, die in einem anderen Land geboren sind, aber die spanische Staatsangehörigkeit erworben haben. Im Jahr 2023 gab es laut derselben Quelle 23 Geburten, von denen 14 (60%) von ausländischen Müttern ohne spanische Staatsangehörigkeit waren.

Vor diesem Hintergrund hat Manuel Resa, der Bürgermeister von Valtierra (UPN), eine Beihilfe von 3.000 Euro pro Geburt beschlossen, was eine heftige Kontroverse ausgelöst hat, da sie einen ununterbrochenen Wohnsitz von zwanzig Jahren in der Gemeinde und darüber hinaus einen weiteren Aufenthalt von zwanzig Jahren in der Gemeinde voraussetzt. 40 Jahre also, da könnten sogar einheimische Familien Probleme bekommen. Die Regionalregierung brachte den Fall vor den Rat von Navarra, um zu beurteilen, ob es sich um eine diskriminierende Maßnahme handelte und “ob sie mit der Rechtsordnung und insbesondere mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung und Nichtdiskriminierung vereinbar ist”.

Die Regierung war der Ansicht, dass die Bestimmungen, die mindestens 60% der 2023 geborenen Kinder ausgeschlossen hätten, eine “indirekte Diskriminierung von Personen aufgrund ihrer nationalen, rassischen oder ethnischen Herkunft” darstellen könnten. Die Zeitung Diario de Navarra gab gestern die Entscheidung des Rates bekannt. Darin kommen die Mitglieder zu dem Schluss, dass die Festlegung einer zwanzigjährigen Meldepflicht nicht dem Grundsatz der Vernünftigkeit entspricht, diskriminierend sein kann und „kaum mit der Rechtsordnung vereinbar ist”.

Das mehr als 30 Seiten umfassende Urteil bewertet Verstöße gegen die Erklärung der Menschenrechte, das Gesetz gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit von Navarra und die Charta der Grundrechte der EU. Der Rat von Navarra argumentiert, dass der Bürgermeister durch die Anwendung dieser Anforderungen “Personen, die zu dem gemäß den Bedingungen der Ausschreibung angestrebten Ziel beitragen”, von der Hilfe ausschließt. Das Ziel, die Steigerung der Geburtenrate in der Gemeinde. Nach Veröffentlichung des Urteils wandte sich das Radio Cadena Ser an den Bürgermeister, der sich jedoch weigerte, das Urteil zu akzeptieren, und stattdessen versicherte, er erwäge, die Beihilfen “um tausend Euro” zu erhöhen, ohne die diskriminierenden Anforderungen zu ändern.

“MIGRANTEN KOSTEN UNS EIN VERMÖGEN”

Daraufhin äußerte sich Resa wütend mit Aussagen wie “wir nehmen viele Einwanderer auf, die uns ein Vermögen kosten” oder “diese Minderjährigen, diese jungen Fräulein, die wir hier haben und die uns 4.950 Euro im Monat kosten”. Die Aussagen des Bürgermeisters waren nicht nur entmenschlichend, da er sich immer abfällig über Migranten äußerte, indem er Ausdrücke wie “diese Leute“ verwendete, sondern auch bedrohlich. So warnte Resa den Journalisten, dass es in Erribera “zu einer Revolution kommen wird“, wenn es so weitergeht. Die Faschisten von VOX hören das sicher gerne und machen sich Notizen für die nächste Hetzjagd nach dem Vorbild Torre Pacheco in Murcia.

Die Äußerungen von Resa hatten folgen die wöchentliche Pressekonferenz der Regierung von Navarra. Die zweite Vizepräsidentin, Ana Ollo, erklärte, dass die Worte des Bürgermeisters “unerträglich“ seien und “zu Hass aufstacheln“, weshalb sie die Möglichkeit einer Klage gegen den Bürgermeister wegen Hassverbrechen in Betracht zog, falls eine rechtliche Analyse dies bestätigen sollte. Auch die Ministerin für soziale Rechte, Mari Carmen Maeztu, reagierte und bezeichnete Resas Äußerungen als “inakzeptabel“ und “unangemessen für ein öffentliches Amt“. Maeztu erinnerte daran, dass 13% der Beitragszahler in Navarra heute Migranten sind. Der Vorfall zeigt, dass die Illusion der “faschistenfreien baskischen Oase“ längst zu bröckeln begonnen hat und allerhöchste Vorsicht angesagt ist. Dass die stramm rechten Parteien UPN und PP einen ähnlich rassistischen Diskurs betreiben wie die Neo-Franquisten, ist ohnehin längst klar. (naiz-baskultur)

(2025-08-27)

UMSTRITTENES BAU-PROJEKT IN KANBO (IPARRALDE)

kolu70x27Die Gegner*innen des Immobilienprojekts Marienia in Kanbo (Cambo-les-Bains) in der baskischen Provinz Lapurdi fordern die öffentliche Verwaltung auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und das Projekt zu stoppen, das den Bau von 94 Wohnungen auf landwirtschaftlichen Flächen vorsieht. Vertreter der Bauern-Gewerkschaft Euskal Herriko Laborarien Batasuna, des Kollektivs der Umweltschutz-Verbände des Baskenlandes und der südlichen Landesteile (Cade), von Lurzaindia, des Ostia-Netzwerks und der oppositionellen Gemeinde-Gruppe Nahi Dugun Herria (Das Land, das wir wollen) erschienen am Dienstag auf dem Landgut Marienia in Kanbo, um den baskischen Gemeinde-Verband (Mancomunidad) unter dem Vorsitz von Jean-René Etchegaray aufzufordern, den Verkauf dieses Grundstücks an Bouygues Immobilier zu stoppen.

Der Vertrag zwischen den Miteigentümern - Francis Salagoïty und Raoul Colbert - und dem Bauträger wurde im vergangenen Juli für 2,62 Millionen Euro unterzeichnet. Das Projekt von Bouygues Immobilier sieht den Bau von 94 Wohnungen - die Hälfte davon subventioniert - auf einer Fläche von 3,5 Hektar vor. Es wurde daran erinnert, dass die Mancomunidad 2019 grünes Licht für einen lokalen Stadtentwicklungs-Plan (PLU) gegeben hat, der den Bau auf landwirtschaftlichen Flächen erlaubt. Die Gegner des Projekts fordern die Mancomunidad nun auf, "ihre Verantwortung zu übernehmen" und "ihre Fehler zu korrigieren".

Der Erhalt des Marienia-Geländes hat bereits mehrere juristische Rückschläge erlitten. Juristische gesehen ist nur eine Berufung gegen die zweite Baugenehmigung noch anhängig (die erste wurde wegen Nichteinhaltung der Auflagen aufgehoben) und der Verwaltungsgerichtshof wird voraussichtlich bis Ende des Jahres entscheiden. Am 6. September, drei Tage vor dem Prozess in Baiona gegen drei Aktivisten, die nach einer Aktion vor dem Rathaus von Kanbo am 10. April 2024 angeklagt wurden, wird als Protest eine kollektive Kartoffelernte organisiert. (naiz-baskultur)

(2025-08-26)

DIE BÖSEN SIND IMMER DIE GÄRTNER

kolu70x26Wer heute durch das Zentrum der baskischen Hauptstadt Vitoria-Gasteiz schlendert, kann vor der Kirche ein großes Transparent hängen sehen, auf dem “5 meses greban. Hemen lan egin, hemen erabaki“ zu lesen ist. Eine Mischung aus Baskisch und Spanisch, die auf einen bereits länger andauernden Streik hinweist. „5 Monate im Streik. Hier arbeiten und hier entscheiden“ bedeutet der Transparent-Spruch, aufgehängt haben ihn die streikenden Gärtnerei-Arbeiter*innen der Stadt. Wie die mehrheit der städtischen Beschäftigten sind sie nicht mehr direkt bei der Stadt angestellt, sondern wurden privatisiert. Enviser heißt das Unternehmen, das derzeit bestreikt wird und verantwortlich ist für das Transparent an der Kirche. Denn auch nach so vielen Monaten ist die Bereitschaft zu ernsthaften Verhandlungen nicht vorhanden.

Auf nichts ist die Stadt mehr stolz als auf den Titel „Grüne Hauptstadt“, den sie vor einem Jahrzehnt von der EU verliehen bekam. Tatsächlich sticht keine baskische Metropole so sehr mit Grünflächen, Parks und Bäumen heraus wie VG. Das ist die Arbeit der Gärtner*innen der Stadt, die im Streik sind. Die Arbeiter von Enviser fordern menschenwürdige Arbeitsbedingungen und werden auch weiterhin streiken, "bis sie ihren eigenen menschenwürdigen Vertrag bekommen". Das große Transparent auf dem zentralen Platz La Blanca erinnert die allgemeine Öffentlichkeit an den Streik.

Obwohl sich der Konflikt in die Länge zieht, zeigen sich die Gärtner*innen entschlossen, "den Streik fortzusetzen, bis sie eine eigene, würdige Vereinbarung erreicht haben". Sie forderten Enviser und die Stadtverwaltung von Gasteiz auf, "ihre Verantwortung zu übernehmen, um zur Normalität zurückzukehren und die prekären Arbeitsbedingungen zu überwinden". Pessimismus ist vorerst angesagt "angesichts des letzten Angebots der baskischen Regierung“, deren Vermittlungs-Rolle zunächst wohlwollend aufgenommen wurde, die aber dann doch nicht zustande kam. “Ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht".

Darüber hinaus haben sie die von der Exekutive seit Juni auferlegten Mindest-Dienstleistungen kritisiert und als "Missbrauch" denunziert. Stattdessen fordern sie, "eine Lösung zu suchen, die den Konflikt wirklich beendet". Die Gewerkschaften LAB, ELA und ESK, die das im Juli vorgelegte Angebot abgelehnt hatten, kritisierten sowohl Enviser als auch die sozialdemokratische Stadtverwaltung für ihr "völlig unverantwortliches Verhalten". Erst vor wenigen Tagen hatten die Arbeitnehmer die "Arroganz und das Ego" der Bürgermeisterin von Gasteiz (Maider Etxebarria) kritisiert, weil sie dem Ersuchen um ein Treffen mit den Streikenden nicht nachgekommen war.

Beklagt wird von den Streikenden, dass die Gehälter "sehr niedrig" seien und dass sie sich weiterhin wehren würden "angesichts der unsicheren Arbeitsplätze, unter denen sie leiden". Der Öffentlichkeit dankten sie für ihre Unterstützung. Die Gewerkschaften werden am kommenden Donnerstag nach La Blanca zurückkehren, um weiterhin Unterschriften zur Unterstützung ihrer Forderungen zu sammeln. (naiz-baskultur)

(2025-08-25)

DIE HÄUSER WEGGEBRANNT

kolu70x25Spanien brennt, das Baskenland brennt nicht. Das ist kein Zufall, denn im Baskenland funktioniert der Wand- und Brandschutz noch halbwegs. Im Gegensatz zu spanischen Regionen, wo die Haushalte für Waldbrand-Prävention von den reaktionären Spar-Regierungen auf ein Minimum gekürzt wurden, sind im Baskenland die notwendigen Mittel noch vorhanden. Auch wenn die Brandschützer warnend den Zeigefinger erheben. Das kleine Baskenland hat gegenüber dem großen Staat einen weiteren Vorteil: dass die Region überall besiedelt ist, und es nicht wie in Galicien, Extremadura oder Kastilien riesige verlassene Gebiete gibt, in denen Feuerteufel sich austoben können.

Dennoch sind Basken von den Rekord-Feuersbrünsten betroffen. Zum Beispiel Cernego, das von Bränden verwüstete “baskische Dorf“ in der galicischen Provinz Ourense. In einem der am stärksten betroffenen Dörfer der Gemeinde Vilamartín de Valdeorras, leben viele Leute aus Bizkaia. Es handelt sich um Kinder von galicischen Migrant*innen, die in den 1960er Jahren zur Arbeit ins Baskenland gekommen waren und den Kontakt zur alten Heimat nie haben abbrechen lassen. Eine davon ist Cristina Rodríguez, sie leidet an Asthma und weiß, dass es am besten wäre, sich von Rauch und Asche fernzuhalten. Aber sie kann es nicht lassen. Die Bewohnerin von Sestao, 10 Klometer von Bilbao entfernt, setzt ihre Maske auf und steigt die steilen Hänge hinauf zum oberen Teil des Ortes. Ihre Bronchien pfeifen, aber es gibt einen alten Baum, der ihr Sorgen bereitet.

Das Feuer in Cernego wurde vor einigen Tagen gelöscht, als die Bewohner endlich in ihre Häuser zurückkehren konnten, aber die Flammen lodern immer wieder aus den Wurzeln dieser alten Kiefer hervor. Sie befürchtet, dass sich das Feuer erneut ausbreiten und jene Häuser erreichen könnte, die verschont geblieben sind. Man sagt ihr, sie solle sich keine Sorgen machen. Aber sie traut dem Frieden nicht. Sie schüttet mehrere Eimer Erde und legt Steine darauf, um jegliche Glut zu ersticken.

Im oberen Teil von Cernego wurden die Häuser, Ställe und Gärten von den Flammen zerstört. Verbrannte Häuser und Erinnerungen, die zu Asche geworden sind. Cristina ist untröstlich, hier wurden ihr Großvater und ihr Vater geboren, bevor sie auf der Suche nach einer besseren Zukunft nach Bizkaia auswanderten.

Ihr Haus ist verschont geblieben, zwölf andere wurden zerstört, ein Drittel des Dorfes, in dem im Winter kaum ein Dutzend Menschen leben, dessen Bevölkerung sich im Sommer jedoch verzehnfacht. Fast alle sind aus Bizkaia, die in den Ferien in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehren. In Galicien erfolgte die Auswanderung nach Dörfern: Während an der Costa da Morte einige Ortschaften leer standen, nachdem ihre Bewohner in die Schweiz gezogen waren, fanden viele derjenigen, die Cernego verließen, Arbeit in den Fabriken am linken Nervion-Ufer vor Bilbao.

Die Kinder der Cernego-Arbeiter wurden in Bizkaia geboren, kehren aber jeden Sommer ins Dorf zurück. Gorane kommt aus Portugalete und besucht ihre galicische Großmutter, wann immer sie kann. Tomás kommt aus Barakaldo. Loli aus Santurtzi. Es ist dieses kleine Dorf, das sie verbindet, das eine unzerstörbare Bindung zwischen ihnen geschaffen hat.

Loli war mit ihren Kindern und Enkeln zu Hause, als am 16. August das Feuer von zwei Seiten des Dorfes hereinbrach. “Lauf, wir verbrennen!“, schrie ihre Enkelin. Sie nahmen, was sie konnten, und rannten los. Drei Tage lang schliefen sie in der Sporthalle von Vilamartín. Als sie zurückkehrten, fanden sie ihr Haus zerstört vor. Die Frau aus Santurtzi ist bis heute nicht in der Lage, sich selbst ein Bild von den Verwüstungen des Feuers in dem Haus zu machen, in dem so viele Generationen ihrer Familie aufgewachsen sind. Auch das Haus von Tomás aus Barakaldo ist zu Asche geworden. Auch das von Isidoro aus Salamanca. Und das von Jorge, einem der wenigen, die das ganze Jahr über mit ihrer Familie hier lebten und nun nicht wissen, wie es mit ihrem Leben und dem ihrer Angehörigen weitergehen soll.

“Das leere Spanien“

Das Feuer in der Region Valdeorras ist bereits das drittgrößte in der Geschichte Spaniens. Und es ist zu einem Symbol für die Welle von Bränden geworden, die in nur zwei Wochen vier Menschenleben gefordert, Hunderttausende Hektar in Kastilien und León, Galicien und Extremadura zerstört und kleine ländliche Dörfer in Schutt und Asche gelegt haben. “Was passiert ist, wird sich von Zeit zu Zeit wiederholen”, warnt Alejandro Cantero, Dekan der Ingenieurs-Kammer für Forstwirtschaft des Baskenlandes. Die Brände, erklärt er, hatten verschiedene Ursachen. Einige seien durch Gewitter entstanden, viele seien vorsätzlich gelegt worden. Aber seiner Meinung nach ist der Schlüssel zu dem, was passiert ist – und was seine These stützt, dass sich solche Ereignisse wiederholen werden –, dass ein Großteil der Brände auf “vergessenen“ Flächen ausgebrochen ist, an Orten, an denen kaum noch menschliche Aktivitäten stattfinden und an denen sich über Jahre hinweg Tonnen und Tonnen von trockener Vegetation angesammelt haben. Tatsächlich sind viele Feuer im sogenannten “leeren Spanien” ausgebrochen, wo die Berge nicht “rentabel” sind und auch keine “vorbeugenden Maßnahmen” durchgeführt werden. Unter diesen Umständen gibt es, wenn die Flammen erst einmal an Stärke gewinnen, “niemanden, der sie aufhalten kann”.

Die Umstände der Brände waren sehr unterschiedlich. Ebenso wie die Schäden. Verbrannt sind Kiefern, Jahrhunderte alte Kastanienbäume, Weiden und Tonnen von Gestrüpp. Es gibt Menschen, die ihr Land oder ihre Ernte verloren haben, aber es gibt auch Nachbarn, die bei dem Versuch, ihre Dörfer zu retten, ums Leben gekommen oder verletzt worden sind. Viele haben ihr Haus und ihren Besitz verloren. Wie Ángel Barrio und seine Frau Maite, die seit 35 Jahren in Castrocalbón lebten.

Eines der vorherrschenden Gefühle unter den Betroffenen ist das Gefühl der „Verlassenheit”, das sie empfanden, als das Feuer kam. In vielen Orten waren es die Nachbarn selbst, die mit Schaufeln und Wassereimern gegen die Feuerfront kämpften. Das Gleiche geschah auch in Cernego, wo sie keine professionelle Hilfe erhielten. Sie betonen, dass das Feuer anfangs langsam voranschritt, aber weder Feuerwehr noch Hubschrauber oder Löschflugzeuge kamen. “Hier kam niemand“, beklagen die Anwohner. “Was vom Dorf gerettet wurde, verdanken wir den Freiwilligen. Einige kamen mit Motorrädern, um uns zu helfen“.

Die Enttäuschung über die Reaktion der Behörden ist ein Gefühl, das die meisten Betroffenen teilen. Ebenso wie die Dankbarkeit gegenüber den Nachbarn, die ihnen geholfen haben. Sowohl gegenüber denen, die ihr Leben riskiert haben, um das Feuer zu stoppen, als auch gegenüber denen, die sich nach dem Verlust ihrer Häuser für sie eingesetzt haben.

In Cernego haben sich die Nachbarn organisiert, um die Familien der Obdachlosen aufzunehmen. Jeden Tag treffen sie sich im Casa do Pobo des Dorfes, um gemeinsam zu essen. Loli kann immer noch nicht hinaufgehen, um ihr zerstörtes Haus zu sehen, aber gemeinsam fühlen sie sich besser aufgehoben und können sogar ein wenig scherzen. Niemand weiß, was in den nächsten Monaten passieren wird, da viele dieser Häuser nicht versichert waren. In einigen Fällen gibt es nicht einmal Grundbucheinträge. „Hoffen wir, dass die Behörden ihre Versprechen einhalten und uns helfen”. (elcorreo-baskultur)

(2025-08-24)

FUSSBALL UND ZIONISMUS

kolu70x24Viele behaupten bis heute, Sport sei unpolitisch, Fußball eingeschlossen. Diese Haltung ist ignorant, Sport ist ein Geschäft, Fußball ein Milliarden-Geschäft, Kapitalismus mit Massen-Manipulation und sklavenähnlichem Umgang. Rassismus von der Tribüne gegen schwarze Spieler sind eine weitere negative Seite der Medaille, doch es gibt auch Positives zu berichten. Der Ghana-Baske Iñaki Williams ist wegen seiner Positionierung zum Inbegriff des antirassistischen Widerstands geworden. Die Mehrheit der baskischen Fußballfans zögert seit zwei Jahren nicht, auf den Rängen ihre Sympathie und Unterstützung für das palästinensische Volk deutlich zu machen.

Die Fans von Fortuna Düsseldorf haben kürzlich auf deutliche Art die Ablehnung eines zionistischen Spielers demonstriert und seine Verpflichtung verhindert. Jetzt war der navarrische Club CF Osasuna an der Reihe, Schlagzeilen zu schreiben. Martín Corera ist als Funktionär von Osasuna zurückgetreten, ohne sein Amt überhaupt angetreten zu haben, nachdem bekannt wurde, dass er Tweets publiziert hatte, in denen er trotz des Völkermords das zionistische Israel unterstützte. Bei den Fans hatte das für enorme Empörung gesorgt. Weder Corera noch der Verein haben Erklärungen abgegeben.

Corera war gerade als Vorstandsmitglied im Team des neu gewählten Club-Präsidenten Luis Sabalza vorgestellt worden, hat sein Amt jedoch noch nicht angetreten. Gleich nach der Vorstellung kursierten in den sozialen Netzwerken Nachrichten, in denen ihm Botschaften mit eindeutig zionistischem Inhalt vorgeworfen wurden. Sofort wurden viele Fans von Osasuna in den sozialen Netzwerken mobilisiert, um seine sofortige Entlassung zu fordern, da sie jede Form der Unterstützung für den Völkermord in Gaza für inakzeptabel halten. Die linke Ultragruppe Indar Gorri (Rote Kraft) hatte sich besonders aktiv für die Kritik am Genozid und die Unterstützung Palästinas eingesetzt. Dafür musste die Gruppe hohe Geldstrafen zahlen.

Corera, von Beruf Rechtsanwalt, hat bislang nicht auf die Vorwürfe reagiert, ebenso wenig wie Präsident Sabalza. Der neue Geschäftsführer löschte jedoch zunächst sein Profil bei X, was bereits aufschlussreich erscheint. Screenshots mit seinen zionistischen Botschaften beweisen jedoch, was der Netanjahu-Freund gepostet hatte. Am Freitag Nachmittag hat der Verein nun seinen Rücktritt bekannt gegeben, ohne Hinweis auf den Hintergrund. Darin heißt es lediglich, Corera habe seinen Rücktritt und dieser sei “vom Präsidenten angenommen worden”. An seiner Stelle wurde bereits ein neuer vorübergehender Geschäftsführer berufen.

Sadar Bizirik (Das Stadion lebt), eine Plattform, die Fanclubs und Fans von Osasuna vereint, hatte eine Erklärung veröffentlicht, in der bekräftigt wird, dass “Personen, die explizit und öffentlich die Militärstrategie des zionistischen Staates Israel verteidigen, unseren Verein nicht vertreten können, geschweige denn als Teil des Vorstands. Eine Militärstrategie, die den Völkermord am palästinensischen Volk vorantreibt, mit besonderer Grausamkeit gegenüber Kindern, und die von einem breiten Konsens unserer Gesellschaft, einschließlich der Welt des Fußballs, abgelehnt wird. Aus diesem Grund fordern wir den Rücktritt oder die sofortige Entlassung von Martín Corera als Mitglied des Vorstands von Osasuna“. Corera ist zudem Dozent für einen Masterstudiengang in Rechtswissenschaften an der öffentlichen Universität UPNA. Dort wurde bisher keine Kritik laut an der umstrittenen Person. Fußballfans haben eben mehr politische Sensibilität als Stunden*innen. (baskultur)

(2025-08-23)

GENTRIFIZIERUNG RAUBT DEN SCHLAF

kolu70x23Was sich im ehemaligen Arbeiterviertel von Bilbo Zaharra abspielt, dem “Alten Bilbao“, ist beispielhaft für immer mehr Orte, Stadtteile oder Straßenzüge im Baskenland. Die Einrichtung von Bars und Straßencafés in einer ehemals völlig verlassenen Meile führt zu einer unerträglichen Lärmbelästigung, die den dort lebenden Nachbar*innen den Schlaf raubt: "Das ist unerträglich". Deshalb gehen die Anwohner*innen auf die Straße.

Marzana-Mole heißt der Streifen, der einstmals von Fischern bevölkert war. Davon zeugen bis heute die hohen Treppen, die neben dem Fluss in die Gebäude reichen: überschwemmungs-sicher. In der folgenden Epoche der Industrialisierung und des Eisenerz-Abbaus standen dort Verladekräne, die das geschürfte Erz auf Barkassen verfrachtete, um den Rohstoff zur Verarbeitung zu bringen. Nach dem Ende der Minen blieben einige Garagen, Büros, ein Edel-Restaurant, ein linker Buchladen und ein Txoko, alles Einrichtungen, die die Ruhe des Barrios bewahrten. Das endete auf brachiale Weise, als das Rathaus Lizenzen für Bars verteilte, die in der gesättigten Altstadt keinen Platz mehr hatten. Dabei handelt es sich nicht um irgendwelche Bars für die Nachbarschaft, sondern um solche für Yuppies aus Bilbao und Umgebung und Touristen, die in jenem Stadtteil über Tourismus-Wohnungen ebenfalls stark vertreten sind.

Fortan stieg der Lärmpegel beachtlich, bis er nun ein unerträgliches Niveau erreichte. Denn während der 9-tägigen Fiesta-Woche haben die Bars die Lizenz erhalten, die Miele bis halb fünf Uhr morgens zu beschallen. Das heißt, Lautsprecher auf der Straße, die noch im Abstand von einem halben Kilometer zu hören sind. Wer genau darüber seine Wohnung hat und zu schlafen versucht, ist angeschmiert.

Deshalb werden die Anwohner*innen von Marzana am heutigen Samstag (23.8.) um 21 Uhr am Kai wegen des Lärms demonstrieren, der während der Aste Nagusia in der Gegend zu hören ist. In einem Kommuniqué sprechen die Betroffenen von einer "unerträglichen Situation, die uns die Stadtverwaltung von Bilbao zumutet". Denn die Lautsprecher dürfen "von 16 Uhr bis 4.30 Uhr in der Nacht" aufgestellt werden und der Lärm "verhindert jeden Schlaf". Einige haben sogar festgestellt, dass sie einen Lautsprecher "weniger als einen Meter von ihrem Haus entfernt" aufgestellt haben. Und wem nützt die Lärmbelästigung? "Alles dient dem Profit der Bars" in der Gegend. Selbst die angestellten könnten ein Lied davon singen, wenn sie sich trauen würden. Der Bürgermeister von Bilbao, Juan Mari Aburto, zeigte sich ignorant, wie immer, wenn es um Tourismus und Gentrifizierung geht. Bei Radio Euskadi erklärte er, dass "wir immer die Nachbarn schützen müssen, aber wir befinden uns in der Semana Grande (Fiesta-Woche) und in einem Festgebiet ist es kompliziert". So werden Arschkarten verteilt.

Transparente an Häusern

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Anwohner*innen mit diesem Problem auseinandersetzen müssen. Bereits im Juli prangerten einige Anwohner den Lärm der Bars an und forderten mit Transparenten an den Fassaden einiger Häuser in der Gegend ihr "Recht auf Ruhe". Damals forderten sie auch von der Stadtverwaltung Bilbao "sofortige" Kontrollmaßnahmen, um die Einhaltung der städtischen Vorschriften zu gewährleisten. Denn die Belästigung hört nicht mit der Fiesta auf.

Die Anwohner*innen stellen fest, dass sie den Lärm der Terrassen seit ihrer "massiven" Installation nach der Pandemie ertragen haben und kritisieren die "Untätigkeit" der Institutionen. "Seit 2020 haben wir zunehmend an Lebensqualität verloren", beklagte Pilar Carrasco, Vertreterin der Nachbarschafts-Vereinigung Bilbao la Vieja, im vergangenen Monat. Marga Rodríguez, Anwohnerin des Viertels, erklärte, dass "die Situation unerträglich ist". "Die Musik donnert und geht einem auf die Nerven. Wir sind nicht gegen Bars oder Terrassen, wir wollen nur, dass die Vorschriften eingehalten werden. Wir wollen eine gute Koexistenz zwischen der Nachbarschaft und dem Hotel- und Gaststätten-Gewerbe. Doch das bedeutet nicht, dass wir unser Recht auf Ruhe verlieren". (baskultur)

(2025-08-22)

MITGLIED NUMMER 1 GESTORBEN

kolu70x22Der Fußball-Club Athletic Bilbao ist einmalig: nur im Baskenland ausgebildete Spieler*innen tragen das rot-weiße Trikot, keine Spanier, keine Brasilianer oder Tasmanier. Keine Philosophie des Ausschlusses, sondern der Nähe. Deshalb haben wenig Fangemeinden eine so innige Beziehung zu ihren Teams wie in Bilbao, in guten wie in schlechten Zeiten. Besondere Aufmerksamkeit weckt Athletic, wenn sich das Team (wie 2025) für die Champions-League qualifiziert – oder – wenn das Mitglied Nummer eins stirbt, was nicht häufig vorkommt. Doch kürzlich hat es Juan Antonio Virumbrales getan, als er im Alter von 99 Jahren starb. Sein Ausspruch "Athletic wird im Herzen getragen, nicht auf dem Tribünenplatz" wurde zu einem Symbol für die rot-weißen Fans.

Athletic und seine Fans trauern nach dem Tod von Juan Antonio Virumbrales, der Nummer 1 des Vereins, im Alter von 99 Jahren. Der Fan war in seinen letzten Jahren ein rot-weißes Symbol und eine beliebte Figur auf der Tribüne. Unvergessen ist seine Rede bei der außerordentlichen Generalversammlung im Jahr 2023 zur Reform der San Mamés-Tribüne. Zur Verteidigung der Initiative sprach er mit fester Stimme den Satz aus, der durch die Medien ging und sich in die Erinnerung der Fans einprägte: "Athletic wird im Herzen getragen, nicht auf dem Tribünenplatz". Athletic ist nicht nur Sport, sondern eine Philosophie, eine Lebenshaltung. Klassenübergreifend, versteht sich.

Der Vereins-Vorstand hat eine Erklärung publiziert, in der Virumbrales Tod bedauert wird. Hervorgehoben wird, dass der langjährige Fan "eine echte Referenz für die Athletic-Familie war und sich durch seine Vitalität und seinen Enthusiasmus" bei der Verteidigung seines Clubs auszeichnete. Virumbrales wurde 1939, nach dem Ende des Bürgerkriegs, als Kind Mitglied von Athletic. Von welcher Ideologie seine Familie war, ist nicht überliefert, jedenfalls erlebte er die Zeit, als aus dem Namen Athletic das H gestrichen wurde, weil die traditionell englische Schreibweise in der faschistischen Gedankenwelt keinen Platz hatte. Seitdem war er regelmäßig in San Mamés zu sehen. Im Laufe von neun Jahrzehnten erlebte er den Verein in verschiedenen Phasen, bis er am 2. August 2018 nach dem Tod von Federico Urieta Medrano an die Spitze der Mitgliederliste rückte.

Er nahm regelmäßig an den Clubversammlungen teil, war stets respektvoll und konstruktiv und erhielt 2022 die Ehrung von ganz San Mamés für sein Engagement in der Populären Animations-Kurve durch die Fangruppe Herri Harmaila. Er spielte auch eine Hauptrolle in dem Spiel, in dem Atlético de Madrid seinen Club Athletic für sein 125-jähriges Bestehen ehrte. Virumbrales trat im Metropolitano-Stadion (Madrid) an der Seite des damaligen Kapitäns Iker Muniain und in Begleitung von Atléticos Nummer eins an.

1990 ging er in den Ruhestand und wurde in seinen letzten Lebensjahren ermutigt, grundlegende Computerkenntnisse zu erlernen. Ein Beispiel für den Geist, den er vermittelte. Juan Antonio, der nun in die Geschichte von Athletic eingegangen ist, hinterlässt Momente und Sätze, die den Fans von Athletic in Erinnerung bleiben werden: "Wenn sie mich in ein Altersheim bringen, dann bitte zu Misericordia, damit ich auch dann noch zum Spiel gehen kann, wenn ich mich schleppen muss“ – Misericordia liegt nur einen Steinwurf vom Stadion entfernt. (baskultur)

(2025-08-21)

FAMILIEN-ZUSAMMENFÜHRUNG NACH 90 JAHREN

kolu70x21Er hieß Ignacio Francisco Caneda Deza, war Amerikaner galicischer Abstammung und wurde 1936 nach einem Fluchtversuch aus dem Gefängnis von San Cristóbal erschossen. Dort war er als Anarchist inhaftiert und es hat fast 90 Jahre gedauert, bis er in einem Gemeinschaftsgrab seine "Würde" wiedererlangte. Er wird im galicischen O Grove in der Nähe seiner Familie beigesetzt. In einem offiziellen Akt der Regierung von Nafarroa wurden die sterblichen Überreste des in Ezkaba erschossenen Ignacio Francisco Caneda seiner Familie übergeben.

Dies geschah in einem emotionalen Akt, der in Berriozar organisiert wurde, auf dessen Friedhof seine sterblichen Überreste seit Jahrzehnten ruhten, bis sie letztes Jahr mit denen seiner Verwandten verglichen und als die des jungen Amerikaners identifiziert werden konnten, der sowohl in New York als auch in O Grove (Galizien) Familie hat. Auf dem Friedhof des galicischen Ortes wurde er an diesem Wochenende neben seinen Eltern und Geschwistern endgültig beigesetzt.

Wegen des Regens musste die Zeremonie vom Friedhof der Altstadt von Berriozar, wo sie geplant war, auf einen überdachten Platz unter freiem Himmel verlegt werden, wo eine ergriffene Mauricia Caneda und ihre Tochter Rosa González Caneda, die Nichte und Großnichte von Ignacio Francisco Caneda Deza, anwesend waren. Nachdem sie jahrzehntelang nichts über den Verbleib ihres Onkels wussten, nur dass er irgendwann während des Krieges von 1936 gestorben sei, nachdem er 1934 wegen der Revolte in Galicien inhaftiert worden war, schickten ihnen Verwandte aus O Grove im vergangenen Jahr zufällig einen Bericht aus einer galicischen Zeitung, in dem das Institut für das Gedächtnis Navarras darum bat, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Im November wurde er dann identifiziert.

Die Familie empfing die sterblichen Überreste mit "großer Ergriffenheit". Die Großnichte Rosa González Caneda gab den Gefühlen der Familie Ausdruck, der "großen Ergriffenheit", mit der sie die sterblichen Überreste ihres Großonkels in Empfang nahm, und der "tiefen Anerkennung" der Institutionen und Personen, die "diesen Tag, den wir so lange erwartet haben und der für uns so wichtig ist", möglich gemacht haben. "Professionalität, wissenschaftliche Strenge und menschliches Einfühlungsvermögen" sind die drei Säulen, nach denen Wissenschaftler, Politiker und Mitglieder von Gedenkvereinen in "diesen Monaten des Hoffens und Erwartens" gehandelt haben, bis die Identität der Überreste bestätigt wurde.

Da Ignacio Francisco - genannt Frank - in den Vereinigten Staaten geboren wurde, stammte er aus einer großen und weit verzweigten Familie und war zusammen mit mehreren Geschwistern der Sohn galicischer Auswanderereltern. Als seine Mutter in den USA starb, kehrte er um 1920 nach Galicien zurück, wo sein Vater erneut heiratete und weitere Kinder bekam. Caneda arbeitete als Seemann und beschäftigte sich mit anarchistischen Ideen. Er wurde 1934 in Galizien verhaftet und inhaftiert, 1936 wurde er in der Festung von San Cristóbal vor den Toren von Pamplona gebracht. Dort verliert sich seine Spur, seine Brüder und Schwestern "hielten die Erinnerung an ihn durch ihre Erzählungen an ihre Kinder und Enkelkinder wach". "Das Familiengedächtnis bewahrt den Schmerz, das Leiden unseres Urgroßvaters - und Franks Vaters. Die Angst, die ihn verzehrte, als er seinen Sohn nach seiner Verhaftung 1934 nicht finden konnte", sagte die Großnichte, die daran erinnerte, dass die US-Botschaft damals wegen der doppelten Staatsangehörigkeit ihres Onkels ohne Erfolg intervenierte.

Erfüllung eines Familienwunsches

Für die Nichten ist dieser transzendentale Moment die Erfüllung eines Familien-Wunsches, den wir seit fast 90 Jahren hegen, nämlich “die Bergung der sterblichen Überreste unseres geliebten Onkels". "Für uns geht dies über den Akt hinaus, ihm die Würde eines ordentlichen Begräbnisses zu geben. Es ist die spirituelle Wiedervereinigung mit dem Vater, der in der Angst starb, das Schicksal seines Sohnes nicht zu kennen. Nach fast 90 Jahren der Trennung und des Schmerzes wird Ignacio Francisco endlich im selben Grab wie sein Vater und zweier seiner Brüder in O Grove beigesetzt werden".

Er wird "in dem Frieden ruhen, den er so sehr verdient hat und der ihm jahrzehntelang verwehrt wurde", betonte die Nichte, um ihre "ewige Dankbarkeit" gegenüber denjenigen zum Ausdruck zu bringen, die "diesen Moment der Gerechtigkeit, der Würde und der Familienzusammenführung" möglich gemacht haben. Ihre emotionale Rede wurde begleitet durch einen Aurresku Tanz und die Übergabe der Exhumierungsberichte und der sterblichen Überreste ihres Onkels, die sie und ihre Mutter in einer Kiste mit seinem Namen umarmten und die am kommenden Samstag in O Grove begraben werden.

Ein weiteres Kapitel aus der Geschichte des Spanienkrieges findet so sein Ende. Trotz der emotionalen Worte bleibt die Tatsache, dass Frank eine traurige Geschichte verkörpert, die er mit hunderttausend anderen ermordeten Verteidigern der Republik teilt. Dass dies 90 Jahre gedauert hat, liegt an der Kontinuität der franquistischen Mächte, die eine Aufarbeitung Jahrzehnte lang verhindert haben. Die heutigen Neo-Faschisten, die im spanischen Parlament mit 13% vertreten sind, betrachten Leute wie den toten Frank als Verräter. Die Geschichte wiederholt sich. (naiz-baskultur)

(2025-08-20)

KRANKSCHREIBUNG HAT IHRE GRÜNDE

kolu70x20Eines der Lieblingsthemen der baskischen Rechtspresse – und der Unternehmerschaft ohnehin – sind Krankschreibungen der Arbeitnehmer*innen. Dabei ist wenig von Krankschreibung und viel von Absentismus die Rede – Abwesenheit vom Ort der kapitalistischen Ausbeutung, und sei es bei einer öffentlichen Behörde. Simulations-verdächtig sind alle, das ist das Arbeitgeber-Prinzip. Die Arbeitnehmerschaft im Baskenland scheint besonders hartnäckig bei der Wahrnehmung von Rechten, hier ist die Zahl der Ausfälle höher als anderswo. Doch die Gegenseite schlägt zu. Die hohe Fehlzeitenquote hat auch im Baskenland zur Beauftragung von Privatdetektiven geführt: “Es gibt verzweifelte Unternehmer“, schreibt die Kapitalistenpresse. Die Entscheidung einer Behörde in Malaga, einige krank geschriebene Beamte zu “überwachen“, rückt eine Praxis in den Fokus, die im Baskenland (angeblich) nur im privaten Sektor vorkommt.

Die Gesundheit am Arbeitsplatz ist für viele Unternehmen ein wichtiges Thema, lange nicht für alle. Aber auch die Krankmeldungen der Arbeitnehmer und die Annahme, dass diese in betrügerischer Absicht erfolgen. Zeugen davon sind die im Baskenland tätigen Detektivbüros, die einen Anstieg ihrer Aufträge zur Untersuchung dieser Praxis verzeichnen. Obwohl sie dementieren, dass die baskische Verwaltung ihre Dienste in Anspruch genommen hat, wie in Málaga der Fall, wo letzte Woche ein Auftrag zur Überwachung der Mitarbeiter ausgeschrieben wurde. Eingeräumt wird allerdings ein “explosionsartiger Anstieg“ der Nachfrage.

“Das macht derzeit etwa 90% unserer Aufträge aus”, heißt es bei der Agentur Besaide, wo berichtet wird, dass sich einige “verzweifelte” Unternehmer gemeldet haben. “Wir haben eine Kundin mit einem Unternehmen mit 16 Mitarbeitern, von denen sechs krankgeschrieben sind. Sie sagt, dass das unhaltbar sei”. Wie es zu dieser hohen Zahl von Ausfällen kommt, interessiert die Detektive nicht, Gewerkschaften vielleicht schon, falls die Beschäftigten organisiert sind. Solche Extrem-Fälle sollen häufiger sein als allgemein bekannt, dahinter wird ein “Ansteckungseffekt“ vermutet. “Wenn man sieht, dass mehrere Kollegen der Arbeit fernbleiben, zum Beispiel während einer Hitzewelle, und ihnen nichts passiert, entsteht ein schlechtes Arbeitsklima. Am Ende breitet sich das Phänomen aus und es gibt Leute, die das ausnutzen“, argumentieren sie.

Die Inanspruchnahme dieser Dienste weckt das Misstrauen der Gewerkschaften, die den Unternehmen vorwerfen, die Arbeitnehmer zu “kriminalisieren“ und Unsicherheit unter den Mitarbeitern zu schaffen. Dies gilt umso mehr im Baskenland, das nach wie vor die höchste Fehlzeitenquote des ganzen Landes aufweist, einschließlich Urlaub und Bildungsmaßnahmen. In diesem Jahr stieg sie um drei Zehntel auf 9,1% gegenüber 7,2% im Landes-Durchschnitt. Auch die Zahl der Krankmeldungen liegt über dem Landesdurchschnitt. Sie erreicht 5,8% gegenüber 4,1% in Spanien und im öffentlichen Sektor sogar 7,4%. Obwohl die Gewerkschaften dieses Problem auf den Einfluss des Industriesektors (der zu bestimmten krankheitsbedingten Fehlzeiten neigt), die Alterung der Bevölkerung (die die Genesungszeiten verlängert) oder die Wartelisten bei der Gesundheits-Behörde Osakidetza zurückführen, handelt es sich um Bedingungen, die auch in anderen Regionen vorliegen, in denen die Fehlzeiten nicht so hoch sind.

Tatsächlich mangelt es den Detektiven im Baskenland nicht an solchen Aufträgen. Um diese auszuführen, sind ihre Werkzeuge die Überwachung und die Aufnahme von Bildern möglicher Beweise. “Wir berichten, was wir sehen. Wir bewerten nicht. Auf gerichtlicher Ebene gelten wir als qualifizierte Zeugen”, wird bei der Privatdetektei Arkos erklärt. Wie der Leiter erklärt, arbeiten sie für neun Versicherungs-Gesellschaften und haben derzeit 19 Fälle von mutmaßlich betrügerischen Krankmeldungen, die in einigen Fällen durch ihre Spitzeldienste widerlegt wurden.

„Wir suchen nicht nach Fehlern”

„Wir suchen nicht nach Fehlern. Es geht nicht darum, eine Person mit Rückenschmerzen dabei zu erwischen, wie sie sich bückt, um einen Geldschein aufzuheben. Wir suchen nach einer Gewohnheit, etwas, das über mehrere Tage hinweg auftritt, und nicht nach einem gelegentlichen Vorfall“, warnen sie bei Arkos. Ihre Arbeit erfordert das Sammeln von Bildmaterial – Fotos oder Videos –, das eine Tendenz zeigt. Und das nicht nur bei Krankmeldungen aufgrund von Verletzungen, auch wenn dies die häufigste Situation ist. Bis vor knapp einem Jahr waren auch Aufträge im Zusammenhang mit Telearbeit üblich, obwohl dieses Phänomen inzwischen zurückgegangen ist.

Wenn ein Betrug nachgewiesen wird, sind die Gründe dafür vielfältig. Die Agenturen erkennen an, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass Unternehmen sich für außergerichtliche Lösungen entscheiden, wenn sie feststellen, dass die Abwesenheiten ihrer Mitarbeiter auf Schwierigkeiten mit der Kinderbetreuung, Suchtproblemen oder Depressionen zurückzuführen sind. Allerdings können ihre Berichte im Falle eines Gerichtsverfahrens Gewicht haben, und sogar die Gebühren der Agentur können als Gerichtskosten auf diejenigen übertragen werden, die gegen die Entscheidung Berufung einlegen. “In solchen Fällen bittet uns der Richter um die Rechnungen, um sie an die andere Partei weiterzuleiten”.

Die Arbeitsrechts-Anwältin Raquel Abajas betont, dass die Aussagen der Detektive in einem Gerichtsverfahren zwar kein besonderes Gewicht haben, da sie keine Sachverständigen sind, sondern nur als Zeugen der Partei auftreten. “Sie haben aufgrund ihrer speziellen Ausbildung und weil sie ihre Aussagen mit Berichten und Beweisen untermauern, eine qualifizierte Stellung, was als Verstärkung wirkt“. Sie erinnert jedoch daran, dass bei der Inanspruchnahme ihrer Dienste viele Vorsichtsmaßnahmen zu treffen sind. “Es gibt keine rechtlichen Hindernisse, sie zu beauftragen. Auf Ebene der Rechtsprechung wurde verlangt, dass es begründete Hinweise geben muss, aber ein Urteil des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 2023 hat dem ein Ende gesetzt. Allerdings muss jederzeit das Recht auf Privatsphäre, Ehre und das eigene Bild der untersuchten Personen gewahrt bleiben“, erinnert die Anwältin, die ebenfalls keine Fälle im öffentlichen Sektor kennt und der Anwendung solcher Methoden skeptisch gegenübersteht. “Es wäre ein Fehler, diese Hyperüberwachung systematisch anzuwenden“, sagt sie.

Der Grund für die Zunahme der Aufträge könnte in dem wachsenden Misstrauen der Unternehmer liegen, dass Betrug bereits “normalisiert“ ist. “Man sieht es auf der Straße. Die Leute sprechen darüber in der Schlange im Supermarkt. ‘Ich nehme mir ein paar Tage frei, um aufs Land zu fahren‘. Das ist gesellschaftlich akzeptiert“, erklären sie bei der Agentur Winterman. Dort hat man den Auftrags-Anstieg ebenfalls bemerkt, führt aber auch präventive Untersuchungen durch, wenn Führungskräfte eingestellt werden oder deren Lebensläufe überprüft werden. “Manchmal scheint es, als gäbe es einen Kampf. Die Arbeitnehmer haben ihre Gewerkschaften, und die Unternehmen haben uns“, vergleicht er. (elcorreo-baskultur)

(2025-08-19)

UNERTRÄGLICHE MIETEN

kolu70x19In Bilbo, Gasteiz und Donostia müssen Mieter*innen im Durchschnitt mehr als 50% ihres Bruttogehalts für die traditionelle Miete aufwenden. Laut einer von pisos.com veröffentlichten Analyse müssen die Einwohner der Hauptstädte von Hego Euskal Herria mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Miete ausgeben. In Donostia müssen Mieter*innen 77,41% ihres Gehalts aufwenden, während der Anteil in Bilbo bei 63,68%, in Gasteiz bei 50,64% und in Iruñea bei 40% liegt.

Laut einer Analyse des Immobilienportals pisos.com müssen in Spanien durchschnittlich 52,61% des Bruttogehalts für die Miete einer typischen 90 QM großen Wohnung aufgewendet werden. Die Miete für ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft ist hingegen deutlich geringer und reduziert den Anteil auf 18,46%. Diese Daten, die auf der Grundlage des durchschnittlichen Bruttogehalts in Spanien (2.290,46 Euro laut dem letzten Bericht des INE für das erste Quartal 2025) berechnet wurden, unterstreichen “die zunehmende Schwierigkeit, eine komplette Wohnung zu finden”. Tatsache ist, dass angesichts der hohen Mieten alle, die es irgendwie als realistisch betrachten, sich zum Kauf einer Immobilie entscheiden. Wer allerdings nur 1.000 Euro verdient (oder wenig mehr), kann daran nicht im Traum denken Insofern gilt das angegebene Durchschnittsgehalt nicht für Mieter*innen, sondern liegt darunter.

Laut dem Immobilienportal wird die Kluft zwischen den Mietkosten und der Kaufkraft “immer größer”, was “viele Bürger dazu veranlasst, günstigere Alternativen wie die Anmietung von Zimmern in Betracht zu ziehen”. Der Sprecher von pisos.com, Ferran Font, hält es für “entscheidend zu verstehen, dass diese Prozentsätze auf dem Bruttogehalt basieren, was bedeutet, dass die tatsächliche Situation für den Geldbeutel der Spanier nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben noch prekärer ist”.

Unzureichend

Der Bericht zeigt, dass in einigen der wichtigsten Provinzhauptstädte das durchschnittliche Bruttogehalt einer Person nicht ausreicht, um die Miete für eine 90 QM große Wohnung zu bezahlen. Dies ist beispielsweise in Barcelona der Fall, wo die traditionelle Miete 114,07% des durchschnittlichen Bruttogehalts ausmacht, oder in Madrid mit 100,98%. Zum Leben bleibt also nichts, oder: nichts als Schulden. Die Studie hebt hervor, dass die Kosten für ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in allen Provinzhauptstädten Spaniens “deutlich erschwinglicher“ sind und in keiner von ihnen 30% des durchschnittlichen Bruttogehalts übersteigen. Aber wer will schon freiwillig in einer Wohngemeinschaft wohnen. (naiz-baskultur)

https://www.naiz.eus/es/info/noticia/20250818/bilbo-gasteiz-y-donostia-exigen-destinar-mas-del-50-del-salario-bruto-al-alquiler-tradicional

(2025-08-18)

NICHT GERADE BELIEBT

kolu70x18Fiesta-Zeit, Vergnügens-Zeit. Für die Jugend eine Gelegenheit, sich ausgelassen die Nächte um die Ohren zu schlagen und anzubendeln, für die Konpartsas geht es um die Einnahmen für die Arbeit des Jahres und für die Manteros (manta = Teppich) geht es ums Ganze, ums Überleben, um den Verkauf am Boden, egal, ob die T-Shirts nun gefälscht sind oder nicht. Diesen Interessen gegenüber treten die Polizeikräfte in Erscheinung. “Mucha policia, poca diversión“ (Viel Polizei, wenig Vergnügen) sang die legendäre Punk-Gruppe Escorbuto (Skorbut) in den 1980er Jahren und brachte es auf den Punkt, wer die Vergnügens-Verhinderer sind.

Seither ist viel Wasser den Bidasoa oder den Nervion hinuntergeflossen und die repressive Schlinge der “Ordungshüter“ (wessen Ordnung bitte schön?) wurde eher enger gezogen als gelockert, kein Wunder also dass sich das umstrittene Motto ACAB auf Hochkonjunktur befindet. Bisher wurde vielfach noch ein Unterschied gemacht zwischen der Prügeltruppe der Ertzaintza (Cipayos), der Regional-Polizei, die mittlerweile stramm rechts aufgestellt ist und mehr als eine zivile Leiche im Verzeichnis hat – und der Stadtpolizei (Munipas), die einen eher freundlichen Umgang pflegten. Doch überall wurde hochgerüstet, auch bei den Munipas sitzt der Colt immer lockerer. Jegliche mögliche Volksnähe wird durch unhinterfragte Autorität ersetzt. Spätestens seit dem brutalen Überfall auf einen Mantero in der Bilbo-Altstadt ist jeglicher Kredit verspielt. Die Konflikte häufen sich. All Cobs Are Bastards zu singen, schreiben oder auf dem Hemd zu tragen wird ohnehin seit Jahren mit Maulkorb-Bußgeld von mindestens 600 Euros belegt, was das Kürzel jedoch im Gegenteil ungemein populärer machte.

Zurück zur Fiesta-Zeit. Die Jugend wehrt sich gegen “represión statt diversión“, der Obrigkeit schwimmen die Felle davon. In Azpeitia wurde ein Polizeibüro gestürmt nach der Festnahme eines Sprayers, in Hernani tauchten Graffitis gegen den Innensenator auf (von denen manche behaupten, sie seien von den Angegriffenen selbst angebracht worden), und im abertzalen Ondarru wurde ein Munipa außer Dienst aus der Fiesta-Meile rausgeworfen. Das Problem ist nämlich, dass es “außer Dienst“ gar nicht gibt. Denn sobald ein AD etwas Verbotenes sieht, muss er standesgemäß eingreifen oder Anzeige erstatten, selbst bei einem billigen Plakat gegen Massentourismus oder einem schwarz-verkauften Trikot von Athletic.

Auf Fiesta-Plakaten, die einen prügelnden Ertzaina darstellen, steht deshalb zu Recht: “du wählst keinen Beruf, sondern die Seite“ – im Sinne von: alle haben die Möglichkeit, sich auf die richtige oder die falsche Seite zu stellen. Bisher kam die Rückendeckung gegen die Polizei-Repression von der baskischen Linken. Doch seit EH-Bildu-Leader Arnaldo Otegi für “seine Jugend“ eine Berufswahl bei der Prügeltruppe angedacht hat, ist auch darauf kein Verlass mehr. So wandte sich die Bürgermeisterin von Ondarru (von EH Bildu) energisch gegen den Ausschluss ihres Munipa-Beamten.

Wer wie die baskische Linke eine regierungs-Übernahme anstrebt, muss sich selbstverständlich mit dem Thema “Polizei, Repression, Rassismus“ auseinandersetzen. Ein Konzept in dieser Frage ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: ein Versagen wahrscheinlich: Das zeigte die katalanische Linke (ERC, mit EHB verbandelt), die drei Jahre lang die Regierung stellte und bei den rassistischen Mossos-Prügelknaben keinen Fuß in die Tür brachte. Solange die Verhältnisse sind wie sie sind und die Gruppe SOS Rassismus jede Woche eine Presse-Konferenz einberufen muss, um den Polizei-Rassismus zu beklagen, wird auf den Straßen weiter ACAB zu sehen sein. (baskultur)

(2025-08-17)

WAS FIESTA GENANNT WIRD

kolu70x17Die Fiesta in Bilbao ist noch keine 24 Stunden alt, die erste Bilanz ist ernüchternd: Dutzende von Diebstählen, vor allem von Handys, Alarm wegen einer Macheten-Auseinandersetzung am Rummelplatz, 14 Verhaftungen, zwei davon wegen sexistischer Gewalt – das ist die Bestandsaufnahme der ersten Nacht der Aste Nagusia, der großen Woche. Die Stadtpolizei verhaftete sieben Personen innerhalb des Festgeländes, drei wegen Diebstahls, eine wegen geschlechts-spezifischer Gewalt, eine weitere wegen häuslicher Gewalt, Verstoß gegen die öffentliche Ordnung und eine wegen Betatschens zweier Frauen. Eine 60-jährige Frau stellt fest, dass sie bisher noch nie bei einer Fiesta ausgeraubt wurde.

Gestern noch durften alle offiziellen VertreterInnen laut in die Mikros sagen, dass sie sich eine Fiesta ohne Gewalt und Exzesse wünschen, angefangen beim Bürgermeister bis hin zu den Konpartsa-Gruppen. Bereits im Moment des Aussprechens der frommen Wünsche war klar, dass die Realität eine andere Sprache spricht. Die realitätsfremden Interview-Partner tragen sicher keine Verantwortung für die Vorkommnisse, am allerwengisten die ehrenamtlichen Fiesta-Gruppen, die seit 10 Tagen ihr Bestes geben, bunte und antisexistische Feste vorzubereiten.

Die Ursache für die Übel ist vielmehr im Konzept zu suchen: das Massen-Konzept. Massen bieten Anonymität, Anonymität und Dunkelheit ist die ideale Umgebung für Sexisten und andere Regelverletzer. Je weniger sich die Fiesta-Beteiligten untereinander kennen, je weniger die zwischenmenschliche soziale Kontrolle funktioniert, desto geringer ist der Respekt, die Idioten denken, sie können machen, was sie wollen.

Die Fiesta in Bilbao ist zwar international nicht so bekannt wie die in Pamplona, dennoch kommen aufgrund der Berühmtheit Leute aus dem ganzen Staat. Zehntausende, Hunderttausende. Unübersichtliche Massen, überfüllte Konzerte, bei denen der Unterschied zwischen unabsichtlicher Berührung und absichtlichem Betatschen auf ein Minimum reduziert wird. Die Fiesta lebt von Ausgelassenheit, die auf Vertrauen basiert, eine Vertrauenshaltung, die viele im normalen Alltag nicht praktizieren und die von dritten ausgenutzt wird, zum Klau von Nierentaschen, Handys, Geldbeutel.

Mittlerweile stöhnen immer mehr Baskinnen über den Massen-Tourismus, der unerträgliche Ausmaße angenommen und dazu geführt hat, dass die Einheimischen im August in den Innenstädten in der Minderheit sind. Nicht der Tourismus an sich wird in Frage gestellt, sondern die Masse. Und bei der Fiesta? Bislang stellt niemand das Konzept in Frage, obwohl es auf der Masse basiert. Ein Widerspruch, an dem niemand zu rühren traut, um nicht das Konzept in Frage zu stellen. Die Masse macht Kasse, nicht nur für die professionellen Gastronomen, sondern auch für die Fiestagruppen, die bei der Aste Nagusia ihre Jahres-Arbeit finanzieren. Niemand traut sich, das in Frage zu stellen. Der Preis ist hoch. “Sexueller Übergriff von hoher Intensität” werden Vergewaltigungen seit der letzten San-Fermines-Fiesta in Pamplona genannt. Ein Euphemismus. Tatsache ist: Die Hauptstadt-Fiestas sind unerträglich und inakzeptabel geworden. (baskultur)

(2025-08-16)

UND PLASTIK-MÜLL?

kolu70x16Mehr als zehn Tage wurde in Genf verhandelt. Jetzt ist klar: ohne Ergebnis. Die Teilnehmer der UN-Konferenz, die ein globales Plastikabkommen aushandeln sollten, konnten sich nicht auf einen abschließenden Vertragstext einigen. Das globale Abkommen gegen Plastikmüll der Vereinten Nationen ist somit gescheitert. 180 Staaten konnten sich nicht einigen, um weltweit weniger Plastikmüll zu produzieren und zu vermieden, das ein Teil davon in die Weltmeere gelangt und inzwischen zu Plastikinseln von immenser Größe geschaffen hat. Der kapitalistische Egoismus einiger Länder, verbunden mit der Brutalität im Umgang mit natürlichen Lebensgrundlagen hat einen Konsens verhindert.

Baskischer Anteil

Auch Euskal Herria leistet einen bedeutenden Beitrag zur Müllproduktion. Das Bewusstsein zum Problem ist wenig entwickelt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Recycling-Systeme Jahrzehnte hinter denen von mitteleuropäischen Ländern hinterherhinken. Statt Vermeidung, Trennung und Wiederverwendung wird weggeworfen, deponiert und verbrannt. Die Fiesta-Kultur hat dabei ihre Finger im Spiel. Denn selbstverständlich werden Getränke bei den Straßenfesten nicht in Gläsern ausgeschenkt, sondern in Plastikbechern. Tausende von Jugendlichen praktizieren Sauf-Exzesse mit Litronas, große Limo-Flaschen mit Dosen aller Art gemischt, deren Reste samt riesigen Plastikflaschen in irgendwelchen Parks liegen bleiben.

Unversöhnliche Positionen in Genf

Auf der einen Seite standen bei der Plastik-Konferenz mehr als 100 Länder mit ehrgeizigen Zielen (High Ambition Coalition), die eine Beschränkung der Produktion auf ein nachhaltiges Niveau forderten. Darunter die EU und Dutzende Länder in Südamerika, Afrika und Asien. Sie wollen Einwegplastik wie Becher oder Besteck aus dem Verkehr ziehen, Plastikprodukte zur Mehrfach-Verwendung und eine Kreislaufwirtschaft fördern, bei der die Rohstoffe eines Produkts aufbereitet und erneut verwendet werden. Gegenüber standen Länder, die vom Rohstoff für das Plastik leben: Öl. Darunter sind Saudi-Arabien, Iran und Russland. Sie nennen sich Gruppe der Gleichgesinnten (Like-Minded Group). Diese Länder wollen sich lediglich auf ein besseres Abfall-Management beschränken. Der Auftrag, den die UN-Länder sich selbst 2022 gegeben hatten, war eigentlich klar: Im Mandat heißt es, der rechtsverbindliche Vertrag sollte den ganzen Existenz-Zyklus des Plastiks umfassen, von der Produktion bis zur Entsorgung.

Millionen Tonnen Plastikmüll

Wenn Fiestas am Fluss stattfinden, wie in Bilbao, ist der Weg von der Verkaufstheke ins Wasser noch kürzer. Auch wenn es Ökologie-Gruppen sind, die an den Fiestas teilnehmen im Fluss und im Meer sind alle Plastikflaschen gleich. Die Fische, die Mikroplastik fressen, bevor sie wieder auf den menschlichen Speiseplan kommen, fragen nicht, wer für die Verschmutzung verantwortlich ist. Es gibt zahlreiche Zahlen zur Verschmutzung: Die Kunststoff-Produktion hat sich von den 1970er Jahren bis 2020 auf 367 Millionen Tonnen im Jahr versiebenfacht und wird ohne Maßnahmen bis 2050 fast 600 Millionen Tonnen erreichen. Der Pro-Kopf-Verbrauch im Baskenland ist mit Sicherheit höher als in Stockholm, Köln oder Rotterdam.

Was Plastik mit Ökosystemen und Menschen macht 

Plastik vermüllt Meere und Umwelt und vergiftet Ökosysteme, tötet Fische und andere Lebewesen und gefährdet die menschliche Gesundheit. Auch beim Fisch-Konsum im Baskenland. Kleinste Partikel werden vermehrt in Organen und auch im Gehirn gefunden. Die Nano- und Mikroplastik-Partikel beeinträchtigen nach Studien unter anderem das Immunsystem, können sich in Arterien absetzen und fördern Entzündungen. Einen großen Teil machen demnach Einwegprodukte aus, darunter Verpackungen. Kann sich jemand eine Tonne Plastikmüll vorstellen? In der Geschichte wurden bislang 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff produziert, von denen 6,3 Milliarden Tonnen zu Abfall wurden, der großenteils auf Deponien landete. In Flüssen und Ozeanen haben sich nach Schätzungen weltweit 152 Millionen Tonnen Plastikabfälle angesammelt. Auch von der Fiesta in Bilbao. (baskultur)

(2025-08-15)

GUGGENHEIM, NATUR, BANKEN, PARTEIEN

kolu70x15In seinen Ausführungen erinnert uns der Architekt Iñaki Uriarte an eine hundertjährige Geschichte, die Einweihung des Monumental-Komplexes der Kinderkolonie Nuestra Señora de Begoña im Naturpark Urdaibai, der 2015 vor dem Abriss gerettet wurde, und dessen heutige Verformung von seinen Gründungsprinzipien abweicht. Heute vor 100 Jahren, am 13. August 1925, wurde die Kinderkolonie Nuestra Señora de Begoña in einer außergewöhnlichen Naturlandschaft von enormem ökologischen Reichtum und höchster landschaftlicher Schönheit eingeweiht, damals unter dem Namen Pedernales, heute Busturia, im Einzugsgebiet des Oka-Flusses, in der Nähe von dessen Mündung in den Atlantik.

Die Kolonie wurde von der Sparkasse Bilbao und einer karitativen Organisation als Präventivstation für eine gesunde Erziehung gegründet. 1982 wurde der Komplex vom Sozialwerk der Sparkasse auf Umwelt-Erziehung ausgerichtet, bis vor wenigen Jahren (2014) die Stiftung dieser Sparkasse, vergiftet vom Bestreben nach Privatisierung und Touristifizierung, der aktuellen Politik der baskischen rechten (PNV) von diesem vorbildlichen Konzept abgerückt ist.

Berauscht vom architektonischen Erfolg des Guggenheim-Museums in Bilbo (1997) sollte das Museums-Projekt mit der Einrichtung einer weiteren Guggenheim-Filiale wiederholt werden und auf diesem Weg die Kolonie, ihre Umgebung und ihre Funktion zerstört werden. Im Jahr 2010 startete die Sparkasse BBK eine politische Medienkampagne, um für ihr unsinniges Vorhaben zu werben. Doch gab es eine wichtige gesellschaftliche Reaktion von prominenten Persönlichkeiten aus verschiedenen sozialen und ideologischen Bereichen, die eine Erinnerung und Dankbarkeit für diese pädiatrische Gesundheits-Mission deutlich machten, die ihnen in ihrer Kindheit zur Verfügung stand und sie mitunter sogar von gesundheitlichen Defiziten geheilt hatte.

Unter diesen Umständen beantragte ich (Iñaki Uriarte) am 12. April 2010 bei der baskischen Regierung, die Aktivitäten der Pedernales-Kolonie zum immateriellen Kulturgut und das Gelände mit den Gebäuden zum architektonischen, städtebaulichen und landschaftlichen Denkmal-Ensemble zu erklären. Dies wurde am 28. März 2011 beschlossen, als es von der damaligen Kulturministerin Blanca Urgell der Regierung unter Patxi López (PSE) in das Allgemeine Verzeichnis des baskischen Kulturerbes aufgenommen wurde.

Die rechte PNV war mit dieser Entscheidung nicht einverstanden und legte über ihre Verwaltungsbehörden, die Provinzregierung und die Stadtverwaltung von Sukarrieta Berufung ein, bis das Verwaltungsgericht des TSJPV am 20. Februar 2013 entschied, dass “das Verfahren verjährt ist und zu den Akten gelegt wird”. Da dies meiner Meinung nach unvernünftig war, beantragte ich am 13. August 2015 erneut die Aufnahme in das Verzeichnis, was am 30. Oktober 2015 erneut abgelehnt wurde. Bis heute ist die Kolonie nicht als baskisches Kulturerbe geschützt. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Kultur, die das städtebauliche, architektonische und landschaftliche Erbe darstellt mit der neoliberalen PNV-Partei unvereinbar ist.

Die aktuelle Situation der ehemaligen Kolonie ist völlig verzerrt. Im Hauptgebäude werden ohne jede Erklärung, verdächtig und unkontrolliert Bauarbeiten durchgeführt, die unter Ausnutzung dieses Mangels an rechtlichem Schutz verheimlicht werden. Darüber hinaus zeugen sie von mangelnder Weitsicht, da ihr Ende mit dem hundertjährigen Jubiläum hätte zusammenfallen können.

Entlarvt

Der Zugang zu den Einrichtungen des fortan BBK Klima genannten Geländes wurde mit einer Seilrutsche und einem Würstchen-Karavan auf öffentlichem Land- und Meeresgebiet bestückt er wurde privatisiert, es wird Einritt kassiert, obwohl zuvor alles pädagogischen und sozialen Zwecken diente. Das ursprüngliche Mehrzweck-Gebäude für sportliche und kulturelle Aktivitäten und Versammlungen wurde in ein riesiges Hotel- und Bar-Restaurant umgewandelt. Die Gemüsegärten, die in der Natur einen pädagogischen Zweck hatten, sind verschwunden, ebenso wie die Umweltschule. Die Funktion der Sozialarbeit der BBK-Stiftung wurde gestrichen, eine weitere Tragödie im Dienste des Konsums und des Tourismus.

Vor diesem unheilvollen Hintergrund kam es 2018 zu einer neuen Absurdität, als die Provinzregierung, die touristische Immobilien-Interessen verteidigt, mit einer Zweigstelle des Guggenheim Bilbao drohte. Die entschiedene Ablehnung, nicht nur seitens der Bevölkerung von Busturialdea, erfolgte umgehend. Das baskische Volk hat endlich ein Umweltbewusstsein entwickelt und eine weit verbreitete Haltung gegenüber der aktuellen Tourismusplage eingenommen, die den sozialen, kulturellen, identitären und sprachlichen Ruin des Baskenlandes zum Vorteil von Spekulanten und dem Hotel- und Gaststätten-Kartell bedeutet.

Heute feiern einige von uns mit Urdaibai Zain Dezagun (Urdaibai, das wir schützen können), der historischen und gemeinnützigen Umweltplattform, den Sieg, der das materielle, architektonische, städtebauliche und landschaftliche Erbe der Kolonie gerettet hat. Derzeit hoffen wir, mit der Unterstützung eines Großteils der Gesellschaft, von Umweltgruppen, der Plattform Guggenheim Urdaibai Stop (GUS), soziokulturellen Einrichtungen und engagierten Persönlichkeiten, diesen neuen absurden Angriff verhindern zu können. Unter keinen vernünftigen Umständen kann ein zivilisiertes Land und eine bewusste Gesellschaft tolerieren, dass in einem UNESCO-Biosphären-Reservat versucht wird, eine touristische Immobilien-Kolonisierung unter dem Deckmantel eines fremden, privaten, willkürlichen und unnötigen Museums politisch durchzusetzen.

Unter keinem vernünftigen Konzept kann ein Land und eine zivilisierte Gesellschaft dulden, dass in einem UNESCO-Biosphärenreservat der Versuch unternommen wird, eine Immobilien-Tourismus-Kolonisation politisch durchzusetzen, die als nachhaltig, ökologisch dargestellt wird, jedoch von einem privaten, willkürlichen und völlig unnötigen Charakter geprägt ist. (naiz-baskultur)

(2025-08-14)

DIE LETZTEN HINRICHTUNGEN UNTER FRANCO

kolu70x14Am 27. September 1975 wurden in Barcelona und Madrid auf Francos Befehl fünf militante Aktivisten hingerichtet, zwei Basken von ETA und drei Mitglieder der bewaffneten Gruppe FRAP. Zwei Monate später war der Diktator tot, die Hinrichtungen gelten als die letzten des spanischen Faschismus. Im Baskenland wurde danach der 27. September zum Gudari Eguna erklärt, zum Tag der gefallenen Soldaten, so werden nicht nur im Krieg Gefallene bezeichnet, sondern auch ETA-Mitglieder, die im Kampf ihr Leben verloren.

Es waren langwierige Anstrengungen, bis diese fünf Personen zu Opfern des Franquismus erklärt wurden und die Ehrungen am Gudari Eguna legalisiert wurden. Doch die Geschichte macht Wendungen, zuletzt wurden die entsprechenden Kundgebungen verboten oder behindert – ausgerechnet 16 Jahre nach der letzten Aktivität von ETA, sieben Jahre nach der Auflösungs-Erklärung.

Der Staat hat in den verflossenen 50 Jahren “Demokratie“ wenig geleistet, um die Diktatur aufzuarbeiten, die alten Franquisten sitzen bis heute fest im Sattel und kontrollieren, zuletzt mit feister Unterstützung durch Faschisten neueren Typs. Die Aufarbeitung musste von einer zivilen Bewegung geleistet werden, die Memoria-Arbeit, von der Exhumierung von Kriegstoten bis hin zur Aufdeckung von Täterschaften. Dreißig Jahre danach übernahm die baskische Regierung mit der PNV die Initiative, das neu gegründete Gogora-Institut wurde mit der weiteren Aufarbeitung beauftragt. Die ging nach den letzten Wahlen in die Hand der (spanisch-orientierten) Sozialdemokraten über, die sich bis vor zehn Jahren einen feuchten Kehricht für die Aufarbeitung interessiert hatten.

Die geben der Sache nun eine andere Richtung und relativieren, was vorher beschlossen wurde. Unter anderem wurde ein abgestürzter Pilot der Legion Condor als Opfer bezeichnet, die beiden hingerichteten Basken werden nun wieder in den Terrorismus-Topf befördert. Der Direktor von Gogora, Alberto Alonso, forderte jetzt, dass man die vor 50 Jahren vom Regime hingerichteten ETA-Mitglieder Jon Paredes Manot “Txiki“ und Ángel Otaegi nicht mit Tausenden anderer Franco-Gegner in einen Topf geworfen werden dürfen. "Eine Sache ist es, ihren Status als Opfer des Franquismus anzuerkennen, eine andere ist es, ihnen zu huldigen", sagte er und betonte, dass sie "Gewalt, Angst und Terror" einsetzten. Gegen eine faschistische Diktatur, die Hunderttausende ermordet und Zehntausende gefoltert hatte und eine beispiellose ideologische Säuberung durchführte.

"Gewalt, Angst und Terror" werden nicht diesem Regime zugeschrieben, sondern jenen, die sich dagegen aufgelehnt haben – selbstverständlich mit Gewalt, denn andere Ausdruckformen gab es in der Diktatur nicht. Nicht wenige im Baskenland sehen in diesen Worten Geschichts-Revisionismus und ein Kurzzeit-Gedächtnis. Geflissentlich übersehen hat der Gogora-Sprecher, das auch seine Partei im Franquismus verboten war und die Aktivisten mit Repression überzogen wurden. Geflissentlich übersehen hat er, dass seine alten Parteikollegen heimlich Beifall klatschten, als der designierte Nachfolger Francos mit einer Autobombe ins vorzeitige Jenseits befördert wurde. 1973, nur zwei Jahre vor der Hinrichtung von Txiki und Otaegi.

Der Gogora-Funktionär äußerte sich gegenüber der Presse, nachdem Plakate von Txiki und Otaegi bei Festen in baskischen Städten aufgehängt wurden und nachdem die linke Partei Sortu die "institutionelle Anerkennung" der beiden Exekutierten forderte. Zuvor war in Zarautz, Txikis Geburtsort, ein großes Transparent vom Santa Bárbara Berg entfernt worden war, das dort zum 50. Jahrestag aufgehängt worden war. Dutzende von Menschen hatten das abgerissene Banner in Txikis Wohnviertel Azken Portu bewusst zur Schau gestellt.

Keine Demokraten

Der Direktor von Gogora erklärte, dass Txiki und Otaegi, die zusammen mit drei Mitgliedern der FRAP (Revolutionäre Antifaschistische und Patriotische Front) erschossen wurden, "natürlich Opfer des Franquismus sind, eines diktatorischen Regimes, das beschlossen hatte, sie in einem militärischen Schnellverfahren zu verurteilen, ohne irgendeine Art von Rechtsgarantie". Und: "Sie hatten keinen fairen Prozess, sie hatten keinerlei rechtliche Garantien und sie wurden willkürlich zum Tode verurteilt und erschossen", sagte er.

Seiner Meinung nach "macht sie das zu Opfern des Franco-Regimes, und das müssen wir anerkennen". Aber er sagte, dass "es ein großer Schritt ist, im gleichen Atemzug zu sagen, dass sie Kämpfer für die Freiheit und gegen die Diktatur sind". Denn "sie haben gegen die Diktatur gekämpft, aber mit denselben Mitteln, die die Diktatur eingesetzt hat, nämlich mit Gewalt, Terror und Angst", sagte er. Wir kennen diese Vergleiche von Hitler und Stalin, die dazu dienen, die Faschisten zu entschuldigen – Franco dankt aus seiner Gruft dafür.

Der Gogora-Mann warnte, sei Ziel es, "das Bild einer guten ETA und einer späteren schlechten ETA zu malen". In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass ETA 1974, ein Jahr vor denHinrichtungen, in einer Cafeteria in Madrid eine Bombe gelegt hatte, die 13 Menschen tötete und fünfzig verletzte. "Die ETA war vom ersten Moment an eine terroristische Gruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Terror zu verbreiten und durchzusetzen", sagte er. Zwischen faschistischer Diktatur und der folgenden Schein-Demokratie macht er keinen Unterschied.

Wenn jemand behaupte, dass "sie Anti-Franco-Kämpfer waren, Vorsicht, denn nicht alle Anti-Franco-Kämpfer verdienen eine Ehrung". Denn "es gab Anti-Franco-Kämpfer, die dieselben Mittel der Angst und Gewalt wie der Franquismus einsetzten, um Franco zu bekämpfen. Weder Txiki noch Otaegi wollten eine demokratische Gesellschaft nach Franco, sie wollten ihre eigene Vision von Euskadi durchsetzen, ihr eigenes Projekt als Alternative zu Franco", sagte er. Er forderte, dass "Txiki und Otaegi und Hunderttausende von Parteiaktivisten, die in diesem Land Demokratie forderten, nicht in einen Topf geworfen werden sollten. Wir sollten das nicht verwechseln". (naiz-baskultur)

(2025-08-13)

GELD WIE HEU

kolu70x13Ondarroa oder baskisch: Ondarru ist eine kleine Fischerstadt an der Küste von Bizkaia mit etwas mehr als 8.000 Einwohner*innen. Sportlich ist die Stadt in der Regatta-Liga mit einem Boot in der obersten Klasse vertreten, was Fußball betrifft, ist der Ort, in dem 90% der Bevölkerung Baskisch spricht – einschließlich der senegalesischen Migrant*innen – eher schwach vertreten, irgendwo in der dritten Division. Doch das schließt nicht aus, dass der Mini-Club eine gute Nachwuchs-Arbeit macht und deshalb bereits mehrfach in die globalen Schlagzeilen der Fußballwelt gelangte. 2018 machte das Ondarru-Talent Kepa Arrizabalaga von sich reden, als er sich von Chelsea London überreden ließ, das Tor von Athletic Bilbao zu verlassen, was dem Bizkaia-Club schlappe 80 Millionen in die Kassen spülte.

Als ebenfalls 2018 Aymeric Laporte den Weg von Bilbao nach England machte wurde der Millionen-Erlös benutzt, um mit Iñigo Martínez ein anderes Ondarru-Talent vom baskischen Erz-Konkurrenten Real Sociedad San Sebastian nach Bilbo zu holen. Auch wenn im Fußball häufig demonstrativ die Trikots geküsst werden, ist doch nichts für die Ewigkeit gedacht. Fünf Jahre später wechselte Iñigo kostenlos zum FC Barcelona, um dort Erfolge zu feiern. Dieses Glück des Ondarutarra dauerte zwei Jahre, bis Millionen von saudischen Öldollars lockten und einen neuen Wechsel in die Wege leiteten: von Ondarru also nach Saudi Arabien. Mit einem Supervertrag von zwanzig Millionen netto pro Jahr. Andere verdienen ihr Leben lang nicht so viel. Unterschrift für eine Saison, mit Option auf eine zweite, je nach Leistung. Al-Nassr heißt der Club, bei dem auch Cristiano Ronaldo für eine schwindel-erregende Summe spielt. Geld spielt dort keine Rolle, die Vereine müssen nicht wirklich wirtschaften, ein Finanzpool zahlt, was notwendig ist, um große Namen aus Europa und Südamerika herzuholen.

Erneut kreuzen sich somit die Wege von Iñigo Martínez und Aymeric Laporte mit denen von Athletic. Im Winter 2018 zahlte Manchester City 65 Millionen für Laporte, was die Verpflichtung von Martinez für 32 Millionen Euro zur Folge hatte - die teuerste Verpflichtung in der Geschichte von Athletic. Die letzten zwei Jahre spielte Laporte bei Cristianos Team, jetzt will er zurück ins geliebte Bilbao. Dass Iñigo Martínez dort anlandet, erhöht die Chancen der Bilbainos, den gebürtigen Franzosen als alten und neuer Verteidiger wieder begrüßen zu dürfen. Sieben Jahre nach dem ersten Domino-Spiel tauschen Laporte und Iñigo erneut die Positionen. Um neue Trikots küssen zu können. Was wäre Athletic ohne Ondarroa! (baskultur)

(2025-08-12)

BASKEN VOR 70.000 JAHREN

kolu70x12Dima ist ein kleiner Ort in Bizkaia am Aufstieg zum Urkiola-Naturpark. In der dortigen Axlor-Höhle werden jeden Sommer archäologische Ausgrabungen gemacht. Erforscht wird dabei die Geschichte der dort lebenden Neandertaler, der ersten Basken. Ein Ergebnis: Diese Neandertaler planten bereits vor 70.000 Jahren ihre Jagd. Die in Dima lebende Gruppe war keineswegs opportunistisch und wartete auf irgendeine Gelegenheit, sondern konzentrierte ihre Jagdaktivitäten auf das Frühjahr, den Sommer und den Herbst und mied bewusst den Winter.

Ein Team unter der Leitung des Internationalen Instituts für Prähistorische Forschung Kantabriens (IIIPC) hat ein faszinierendes Kapitel aus dem Leben der Neandertaler entschlüsselt, die vor etwa 70.000 Jahren die Höhle von Axlor (Dima, Bizkaia) nutzten. Damals, im Übergang zwischen den Klimaperioden MIS 5 und MIS 4, zeigten diese Hominiden eine bemerkenswerte Fähigkeit, ihr Territorium zu bewirtschaften, indem sie ihre Jagd- und Mobilitäts-Strategien an die saisonalen Zyklen ihrer Beute anpassten.

In ihrer in ”Scientific Reports” veröffentlichten Studie legen die Forscher Antigone Uzunidis, Audrey Roussel, Jesús González-Urquijo und Talía Lazuen dar, wie die Neandertaler von Axlor ihre Aktivitäten entsprechend der Verfügbarkeit von Jagdtieren organisierten und den Ort während der warmen Jahreszeit strategisch nutzten, um von der Vielfalt der Pflanzenfresser in der Region zu profitieren.

Axlor ist eine halb eingefallene Höhle, die sich 315 Meter über dem Meeresspiegel und etwa 30 Kilometer von der heutigen Küste entfernt im Tal des Indusi-Flusses befindet, einem Nebenfluss des Ibaizabal-Nervión-Systems. Der alte Archäologe José Miguel de Barandiarán entdeckte sie 1932 und arbeitete dort zwischen 1967 und 1974. Die Höhle war im Mittelpaläolithikum bewohnt, der Zeit, in der die ersten bekannten menschlichen Siedlungen auf dem Gebiet des heutigen Bizkaia entstanden. Tatsächlich wurden zwei dort gefundene Zähne auf ein Alter von 100.000 Jahren datiert.

Diese Fundstätte war entscheidend für das Verständnis der Dynamik der Neandertaler im atlantischen Norden der Iberischen Halbinsel, einer Region, in der Arten lebten, die sowohl an gemäßigtes als auch an kaltes Klima angepasst waren. Die Ebene D von Axlor, die auf 70.400 plus-minus 5.400 Jahre datiert wurde, ist besonders reich an archäologischen Funden. Mit mehr als 140.000 Knochenfragmenten und etwa 11.000 Steinwerkzeugen zeugt sie von einer intensiven menschlichen Besiedlung.

Die Tierreste deuten darauf hin, dass die Neandertaler eine bemerkenswerte Vielfalt an Pflanzenfressern jagten, darunter Hirsche, Bergziegen, Bisons, Pferde, Rehe, Gämsen und Panzernashörner. Das deutliche Fehlen von Überresten von Fleischfressern sowie die Spuren intensiver Knochenbearbeitung lassen darauf schließen, dass die Neandertaler für die Ansammlung dieser Überreste verantwortlich waren. Die Analyse der Zahnreste von 802 Exemplaren hat ein detailliertes Bild der Subsistenz-Strategien der Neandertaler geliefert. Die Bergziege war mit einem Anteil von über 50% der Überreste die häufigste Beute der Gruppen, die Axlor bewohnten, gefolgt von Rotwild, Bison und Pferd. Andere Arten wie Gämse, Reh und Nashorn kommen in geringerem Umfang vor, was auf eine gelegentliche Jagd auf diese Tiere hindeutet.

Hinweise aus der Zahnabnutzung

Die Untersuchung der Zahnabnutzungsmuster ermöglichte es, die Ernährung der Pflanzenfresser und daraus die Umweltbedingungen der Region zu rekonstruieren. Die meisten Arten, wie die Bergziege, der Rothirsch, das Reh und die Gämse, ernährten sich hauptsächlich von Sträuchern, Bäumen und Gräsern. Der Bison hingegen zeigte eine abwechslungsreichere Ernährung, wobei Gräser überwogen. Dieser Kontrast lässt darauf schließen, dass die Umgebung von Axlor von Heide- oder Eichenwäldern mit Weideflächen geprägt war, einer typischen Landschaft für den Klimawandel zwischen MIS 5 und MIS 4, der durch Schwankungen zwischen kalten und warmen Perioden gekennzeichnet war.

Das Bemerkenswerteste an der Studie ist jedoch der Nachweis, dass die Neandertaler Axlor während der warmen Jahreszeit (Frühling, Sommer und Herbst) bewohnten und im Winter mieden. Die Rekonstruktion der Sterblichkeitsraten der Beutetiere zeigt ein klar saisonales Muster. Bergziegen wurden während der gesamten warmen Jahreszeit gejagt, mit Spitzenwerten im Frühjahr/Sommer und Sommer/Herbst. Rotwild wurde vor allem im Sommer und Frühherbst gejagt, während Bisons im Frühjahr und Herbst gejagt wurden. Pferde, Gämsen und Rehe wurden ebenfalls im Sommer und Herbst gejagt, wenn auch eher sporadisch. Dieses Muster deutet darauf hin, dass die Neandertaler ihre Jagdstrategien an die saisonalen Wanderungen der Beutetiere anpassten. Die Lage von Axlor, wahrscheinlich an einem Kreuzungspunkt von Wanderrouten, dürfte den Zugang zu einer Vielzahl von Pflanzenfressern erleichtert haben, insbesondere im Herbst, wenn die Vielfalt der gejagten Arten ihren Höhepunkt erreichte.

Die Ergebnisse der Studie in Axlor stellen die traditionelle Wahrnehmung der Neandertaler als Gelegenheits-Jäger mit wenig Planung in Frage. Im Gegenteil offenbaren die Funde und ihre Auswertung ein komplexes Verhalten mit einer geplanten territorialen Bewirtschaftung. Die Auswahl der Beute und die Organisation der Jagdaktivitäten spiegeln eine tiefe Kenntnis der Umgebung und die Fähigkeit wider, sich an deren Veränderungen und Zyklen anzupassen. (elcorreo-baskultur)

(2025-08-11)

DIE RECHTE DER POLITISCHEN GEFANGENEN

kolu70x11ETA und der bewaffnete Kampf sind unzweifelhaft Geschichte, doch die Kampagnen der spanischen Ultrarechten gegen die Rechte für die politischen Gefangenen hat nicht nachgelassen. Die Solidaritäts-Organisation SARE stellt alles andere als radikale Forderungen, sondern bezieht sich ausschließlich auf die allgemeinen Bestimmungen des Strafvollzugs, der für alle gelten sollte. Doch das ist nicht der Fall, politische Gefangene werden nach wie vor mit Sonder-Maßnahmen bedacht, ihre rechte werden in Frage gestellt. Es scheint, heute mehr als vor 40 Jahren, als die Haftentlassung nach 2/3 der Haftzeit auch für ETA-Leute noch üblich war.

Die ultrarechte COVITE-Gruppe spitzelt besonders gerne bei Fiestas herum, weil sie weiß, dass genau dort eine Vielzahl von Bekundungen für die gefangenen zu finden sind. Demgegenüber erinnert SARE daran, dass ihre Forderungen eine demokratische Basis haben und bedauert, dass die Opfer von politischer Gewalt gegen diese Forderungen instrumentalisiert werden. Doch genau das ist die absicht der spanischen Ultrarechten, die keine Geöegenheit auslassen, die Aktivitäten von Organisationen wie SARE als terroristisch zu markieren.

Die Fiestas in Gasteiz waren Schauplatz einer Kampagne gegen legitime Forderungen für die Rechte von politischen Gefangenen. SARE hat darauf reagiert. Nach dem Ende der Feierlichkeiten von La Blanca (mit den Fiestas in Donostia in vollem Gange und denen von Bilbo am Horizont) hat SARE der in Gasteiz aufgezogenen Kampagne gegen ihre Forderungen energisch wiedersprochen.

In der Fiesta-Woche standen Plakate und Transparente im Bereich der Txosnas (Fiestastände) im Mittelpunkt der Polemik, sodass die Stadtverwaltung mitteilte, diese täglich von städtischen Reinigungsarbeitern entfernen zu lassen. Der Provinz-Präsident Ramiro González (PNV) war einer der Hauptakteure dieser Offensive und argumentierte, dass die Sichtbarmachung der Forderungen für die ETA-Gefangenen die Opfer ”verletzt”. Auch Sprecher der PP und Vox schlossen sich dieser Meinung an. Vor diesem Hintergrund betonten die SARE-Sprecher Joseba Azkarraga und Beñat Uribe-Etxeberria am Sonntag, dass ”die Forderung, die wir seit unserer Gründung vor 11 Jahren zugunsten der Rechte der baskischen Gefangenen stellen, eine demokratische Forderung ist”.

”Es geht darum, der Verletzung von Rechten ein Ende zu setzen, die diesen Gefangenen aus dem politischen und juristischen Bereich heraus und durch außergewöhnliche Rechts- und Strafvollzugs-Politiken weiterhin auferlegt wird”, fügten sie hinzu. Sie zeigen sich überrascht über diese politische Kampagne, da ”wir diese Forderung schon seit Langem gestellt haben, mit Demonstrationen, Pressekonferenzen, Plakaten oder Transparenten. Das war in den letzten elf Jahren unsere Vorgehensweise und wird es auch weiterhin bleiben, bis diese ungerechte Behandlung beendet ist“. Vor diesem Hintergrund bedauert SARE ”die politische Absicht hinter dieser Kritik, deren Ziel es ist, eine demokratische Forderung zu kriminalisieren, die zu keinem Zeitpunkt die Solidarität beeinträchtigt hat, die wir stets den Opfern aller Formen von Gewalt entgegenbringen“. „Hören Sie endlich auf, den Schmerz und das Leid der Gewalt-Opfer zu instrumentalisieren“, forderte das Netzwerk.

”Wir werden weiter kämpfen“

”Statt unserer Transparente mit dem Slogan ‘Etxera’ (nach Hause) sollten Sie sich damit beschäftigen, ob unsere Forderungen gerecht sind oder nicht“, sagten die SARE-Sprecher. Angesichts dieser Versuche der Kriminalisierung sind sie der Meinung, dass ”es demokratisch gesehen besorgniserregend ist, sich nicht darum zu bemühen, gegen diese Verletzung von Rechten anzugehen“. Ihre Botschaft endete mit dem Aufruf: ”Wir werden weiterhin die Notwendigkeit einfordern, zu einem echten Frieden zu gelangen, der auf einer Lösung basiert und uns dem Zusammenleben näher bringt.“

Wie die Stadtverwaltung von Gasteiz erklärte, wurden die Plakate täglich aus dem Bereich der Txosnas entfernt, tauchten aber später wieder auf. In der diese Woche gestarteten Kampagne wurden Forderungen aller Art aufgestellt, von der zentralen SARE-Botschaft ”Etxera“bis zu anderen, die eine ”Amnestie“ fordern, oder sogar Gedenk-Bekundungen für Txiki und Otaegi (die letzten vom Franquismus hingerichteten Basken) am Vorabend des 50. Jahrestags ihrer Erschießung. (naiz-baskultur)

(2025-08-08)

ANARCHISTISCHES ATTENTAT IN BERGARA

kolu70x08Am 8. August 1897 (vor genau 128 Jahren) ermordete der italienische Journalist und Anarchist Michele Angiolillo Lombardi in der baskischen Stadt Bergara (Vergara) den Präsidenten des spanischen Ministerrats, Antonio Cánovas del Castillo. Dafür wurde er zum Tode verurteilt und 12 Tage nach dem Attentat am selben Ort hingerichtet. Angiolillo war am 5. Juni 1871 in Foggia geboren worden.

Biografie

Nach Angiolillos Version während des Prozesses wegen des Attentats auf Cánovas del Castillo marschierte er von Paris über London nach Spanien, um den Präsidenten des Ministerrats zu töten. Sowohl in Paris als auch in London hatte er Verbindungen zu kubanischen Pro-Unabhängigkeits-Kreisen, die durch den kubanischen Unabhängigkeits-Krieg gegen Spanien ins Exil getrieben worden waren. Sein Motiv war die Rache für die Folter und die übermäßigen Strafen, die seiner Meinung nach gegen die anarchistischen Terroristen verhängt worden waren, die an dem antiklerikalen Anschlag auf die Fronleichnams-Prozession von 1896 beteiligt waren.

Angiolillo hatte offenbar die Absicht, mindestens ein junges Mitglied der spanischen Königsfamilie zu töten, wurde aber von dem puerto-ricanischen Revolutionär Ramón Emeterio Betances überredet, nur einen Anschlag auf Cánovas zu verüben. Betances verschaffte Angiolillo unter falscher Identität freie Fahrt nach Spanien, und einige Historiker behaupten, er habe seine Reise mit einer Überweisung von tausend Francs finanziert. Dem katalanischen Journalisten Josep Pla (1897-1981) zufolge war Angiolillos Reise nach Spanien ein Erfolg.

Gemäß Pla verbrachte Angiolillo einige Zeit in Barcelona und mischte sich unter das Milieu der katalanistischen Zeitung L'Avenç. Offenbar interessierte er sich nur für kulturelle Angelegenheiten, und dieses Milieu erfuhr nie den wahren Grund für seinen Aufenthalt in Barcelona. Kurz nach seinem Treffen mit Betances kam er in Madrid an, auf der Suche nach Cánovas. Anfang August nahm Angiolillo den Zug vom Nordbahnhof in Madrid und stieg in der Stadt Zumarraga aus. Dort nahm er einen Wagen, der ihn zum Kurort Santa Ageda bei Bergara brachte. Er stellte sich als Emilio Rinaldi, Buchhalter und Korrespondent der italienischen Zeitung Il Popolo, vor.

Der Prozess gegen Angiolillo

Am 8. August 1897, wenige Tage nach seiner Ankunft, beging er das Attentat auf Cánovas. Er schoss dreimal auf ihn, als der gerade eine Zeitung las. Angiolillo wurde verhaftet und sofort vor Gericht gestellt. Er rechtfertigte die Tat als Rache für die Folterung der Täter des Anschlags auf die Fronleichnams-Prozession in Barcelona auf der Burg Montjuic. Außerdem hielt er ein Plädoyer für die anarchistische Ideologie der damaligen Zeit. Obwohl bekannt war, dass er nicht allein gehandelt hatte, gab er die Namen seiner Komplizen nicht preis, so dass er als Einziger zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil wurde am 19. August 1897, nur elf Tage nach dem Mord, durch die Garrotte vollstreckt. Die Hinrichtung wurde vom Scharfrichter aus Burgos, Gregorio Mayoral Sendino, vollstreckt. Im ehemaligen Gefängis von Bergara, heute ein besetztes Jugendzentrum (Gaztetxe) wird bis heute an den Raum erinnert, in dem Angiolillo seine letzten Tage verbrachte. Er wurde nur 26 Jahre alt. (wikipedia-baskultur)

(2025-08-07)

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kolu70x07Gegen die Festung Europa – seit einem Monat reist eine baskische Karawane mit dem Namen ”Abriendo Fronteras-Mugak Zabalduz” (Grenzen öffnen) durch Mitteleuropa, um die Todespolitik der europäischen Staaten anzuprangern. Diese zehnte Ausgabe der Karawane startete am 11. Juli in Girona und Irún. Nach einem Zwischenstopp in der französischen Hauptstadt und der Teilnahme an der Antirassismus-Demonstration zusammen mit den Sans-Papiers-Gruppen aus Paris kam sie am 15. Juli in Calais an, um den wichtigsten französisch-britischen Grenzübergang kennenzulernen. Dort wurde sie im Zentrum Secours Catholique von einem Dutzend Organisationen und Aktivisten empfangen, mit denen sie in drei Tagen zwischen Calais und Dünkirchen Aktivitäten durchführte.

Die ersten Worte von Léa Biteau, die die Gruppe von Aktivisten empfängt, gelten einem Mann, der am selben Morgen bei dem Versuch, die Grenze in einem Lastwagen zu überqueren, ums Leben gekommen ist. Sie gedenkt ihm mit einer Schweigeminute und lädt zur Gedenkfeier ein, die am nächsten Tag stattfinden wird. Das Zentrum Secours Catholique verfügt über Einrichtungen, in denen sich die Menschen, die an verschiedenen Orten in Calais leben, waschen, ihre Handys aufladen und Zeit verbringen können. Es bietet „eine Atempause und ein wenig Menschlichkeit in einem Alltag, der durch das Leben auf der Straße unter extrem schwierigen Bedingungen geprägt ist, mit ständiger Schikane durch die Polizei und körperlicher und moralischer Erschöpfung”. Es wird nicht nur als Ort der Aufnahme und Solidarität angesehen, sondern auch als Ort des Kampfes gegen Grenzpolitik, Gewalt und Schikane. Ein Ort, der sich für eine ”bedingungslose und würdige Aufnahme von Migranten” einsetzt.

Dieses Zentrum ist neben ”La MER“ (Maison d'Entraide et de Ressources) der wichtigste Treffpunkt für die Kollektive, die die Karawane aufnehmen, und der Ort, an dem die verschiedenen in Calais geplanten Aktivitäten stattfinden. Ein Ort, der aufgrund finanzieller Schwierigkeiten von der Schließung bedroht ist. Die Fragilität dieser Orte, die durch Spenden und ehrenamtliche Arbeit finanziert werden, steht im Gegensatz zu den enormen Ressourcen und Anstrengungen der Regierung, die für die Grenzkontrolle und die Abschreckung von Migranten aufgewendet werden, wobei Gesetze verdreht und Rechte verletzt werden.

Todesfälle und Verschwundene

Am nächsten Tag fand die Gedenkfeier statt, eine feierliche Zeremonie zum Gedenken an den Menschen, der gerade beim Versuch, unter einem Lkw den Eurotunnel zu durchqueren, ums Leben gekommen war. Sie gedenken ihm und den 462 Menschen, die seit 2020 bei dem Versuch, nach Großbritannien zu gelangen, an der Grenze ums Leben gekommen sind. In Stille und unter den Blicken von hundert Menschen entrollen sie eine Liste mit all diesen Namen. Am Ende der Liste fügen sie das Sterbedatum und das Alter des zuletzt Verstorbenen hinzu. Sein Name wird erst geschrieben, wenn es gelungen ist, seine Angehörigen zu kontaktieren, um sicherzustellen, dass sie die Nachricht aus erster Hand erhalten. Offene Mikrofonrunde.

Fatima Maleki ist eine von ihnen. Sie ist aus Deutschland angereist, um zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester teilzunehmen. Fatima erinnert sich an ihren Onkel, ihre Tante und ihre Cousins, die zusammen mit 90 weiteren Menschen im Februar 2023 beim Schiffsunglück von Cutro (Kalabrien, Italien) ums Leben kamen. Sie war auf dem Weg von Afghanistan nach Deutschland, um sich dort mit ihrer Familie zu vereinen, als das Schiff sank. Die Untätigkeit der Rettungskräfte hat dazu geführt, dass sechs Küstenwächter und Soldaten wegen Totschlags vor Gericht stehen.

Karawane ”Grenzen öffnen Calais 4”

Danach ergreift Ibrahima Konate das Wort, ein Aktivist und unabhängiger Forscher, der in Senegal lebt, aber ständig in Westafrika und Europa unterwegs ist. Mit der Organisation Missing Voices REER möchte er Migranten und ihren Familien eine Stimme geben und sie unterstützen. Er ist zum ersten Mal in Calais, aber er kennt zwei Personen aus der Liste. Als sie 2022 und 2024 starben, vermittelte er den Kontakt zu ihren Familienangehörigen, eine Aufgabe, die aufgrund der Untätigkeit der Regierung oft von Organisationen und Aktivisten übernommen wird. Ibrahima erinnert sich an all die Schwierigkeiten, mit denen er oft zu kämpfen hat, wenn er daran arbeitet, die Angehörigen der Verstorbenen zu identifizieren und ihre Leichen zu repatriieren.

Es sind anonyme, oft namenlose Todesfälle, die durch Listen wie die in Calais in Erinnerung bleiben. Dennoch betont Ibrahima, dass ”die identifizierten Personen nur einen sehr kleinen Teil der Verstorbenen ausmachen”, da die europäischen Regierungen sich weigern, die Todesfälle aller Vermissten zu untersuchen. Menschen, die im Mittelmeer, im Atlantik und vor allem in den Wüsten sterben. Aber ”niemand spricht über die Toten in der Wüste, in Libyen, Tunesien, Marokko oder Mauretanien. Man spricht nur über die Toten in Europa oder vor den Toren Europas.“

Von der Internierung zur Abschiebung

Am selben Tag veranstaltet die Karawane auch eine Kundgebung vor dem CRA in Calais: dem Verwaltungs-Internierungs-Zentrum, das den Internierungs-Zentren für Ausländer in Spanien entspricht. Mit Musik, Gesängen und Lärm versucht sie, die Mauern des von der Gendarmerie abgesperrten Zentrums zu überwinden, die die Busse der Karawane auf ihrem Weg zur Protestaktion eskortiert hat.

Ibrahima kennt diese Zentren gut und bestätigt aus eigener Erfahrung, was verschiedene Organisationen immer wieder anprangern: Manchmal unterbrechen diese Zentren die Kommunikation mit den Familien. So hat er mit Familien zu tun gehabt, die, nachdem sie eine Zeit lang nichts von ihren Angehörigen gehört hatten, diese an den Grenzen für tot gehalten haben. Sie trauern sogar, bis ihnen mitgeteilt wird, dass eines dieser Zentren ihre Angehörigen festhält. Der nächste Schritt nach der Inhaftierung ist in der Regel die Abschiebung. Missing Voices holt viele der Menschen, die aus europäischen Ländern, vor allem aus Deutschland, abgeschoben werden, am Flughafen von Dakar ab. Oft werden sie nach einem mehrstündigen Flug ohne Geld und Mittel am Flughafen ausgesetzt, oft ohne Wasser und Essen.

Die Situation dieser Menschen bei ihrer Rückkehr in ihre Heimatländer ist von Entwurzelung geprägt. Manchmal werden sie erst zehn Jahre nach ihrer Ankunft in Europa zurückgeschickt, wenn sie sich dort bereits ein Leben aufgebaut haben. Dies führt zu vielen psychischen Problemen, sozialer Stigmatisierung oder Selbstmord, und einige sehen sich gezwungen, den Migrationsweg erneut anzutreten. Zeugnisse wie das von Ibrahima ermöglichen es uns, zu sehen, was auf der anderen Seite der Grenze geschieht. Sie ermöglichen es uns, die ganze Gewalt zu erkennen, der Menschen nach ihrer Abschiebung ausgesetzt sind, Prozesse, die aus europäischer Sicht oft unsichtbar sind.

Grenzen sind veränderliche Konstrukte, die sich je nach den Menschen, die sie überqueren, formen und anpassen. Sie halten Menschen zurück und versetzen sie in einen Zustand des Wartens; sie immobilisieren sie in Internierungslagern und Abschiebungsflugzeugen; oder sie töten sie durch Netzwerke indirekter Gewalt. Es handelt sich um Apparate und Netzwerke, die darauf bedacht sind, die Bewegungen von Migranten zu kontrollieren, sie abzufangen und aufzuhalten. Systeme, die die grundlegendsten Rechte verdrehen und einen enormen Teil unserer Ressourcen verschlingen. Grenzen, die versuchen zu verbergen, was auf der anderen Seite geschieht. (elsalto-baskultur)

(2025-08-06)

KRIEGSBUNKER WERDEN AUSGEGRABEN

kolu70x06Bei einem Besichtigungs-Rundgang in Bilbao mit dem Thema Spanienkrieg (besser nicht Bürgerkrieg, weil es keiner war) sagte der begleitende Historiker Borja einen tiefsinnigen Satz: “Der Spanienkrieg war der letzte romantische Krieg, weil es der erste war, der von der Luft aus entschieden wurde.” Er führte aus, dass die baskische Regierung bei ihren Verteidigungs-Plänen von der romantischen Vorstellung ausging, dass der Feind am Boden anrücken würde und das Land deshalb am Boden verteidigt werden müsste. Generell war das richtig, doch womit die Basken nicht rechnen konnten, war der Luftkrieg, der zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte eine entscheidende Rolle spielte. Erst die bescheidene franquistische Luftwaffe, dann die italienische, die bereits schlagkräftiger war, und schließlich die Legion Condor der Nazis, die das modernste war, was es damals gab. Eusko Jaurlaritza, die baskische Regierung, ließ einen Schutzwall bauen in weitem Abstand rund um Bilbao, um die Verteidigung organisieren zu können. Doch wurde die Stadt bereits Tage nach dem Militärputsch von der faschistischen Luftwaffe bombardiert, da half kein Schutzwall, der ohnehin angesichts von Materialmangel und fehlender Zeit nie fertig wurde.

“Eiserner Gürtel” (Cinturón de Hierro) wurde der Schutzwall später von den aufständischen Faschisten genannt, einige seiner Ruinen auf den Bergen Bizkaias sind bis heute sichtbar, manche noch begehbar. Jetzt wird ein wichtiger Punkt dieses Schutzwalls, der Bilbao im Krieg vor 89 Jahren verteidigen sollte, ausgegraben. Der Verein Edestiaurre beginnt seine dritte Kampagne archäologischer Arbeiten in einem Bunker in Gaztelumendi, beim Dorf Larrabetzu. “Seht am, hier haben wir schon die erste Kugel der Jahres". Eines der Mitglieder des Vereins Edestiaurre Arkeologia Elkartea hält die Hülse einer mit Erde gefüllten Gewehrpatrone in der Hand, die soeben neben dem Bunker Gaztelumendi aufgetaucht ist, wenige Stunden nach Beginn der dritten Ausgrabungs-Kampagne an diesem Schlüsselpunkt des Eisernen Gürtels. Es war der wichtigste Teil des baskischen Verteidigungssystems, das während des Bürgerkriegs den Vormarsch der aufständischen Truppen nach Bilbao nicht aufhalten konnte, weil diese ständige Luftunterstützung hatten, gegen die es keine Verteidigung gab.

Das Geschoss wurde tatsächlich abgefeuert, der Abdruck des Schlagbolzens ist auf dem Zündhütchen zu sehen. "Es ist in gutem Zustand. Sobald sie gereinigt ist, können wir das Modell sehen und herausfinden, mit welcher Art von Waffe sie benutzt wurde", sagt der Archäologe Iñaki Líbano. "Es werden sicher noch mehr auftauchen", fügt er am Fuße der Festungsanlage hinzu.

Im Eisernen Gürtel - so nannte ihn das Franco-Regime, in Wirklichkeit war es der Vorläufige Verteidigungsgürtel von Bilbao oder der Verteidigungsgürtel von Bilbao - war jeder dieser Bunker anders. “Je nach Erfordernissen und Beschaffenheit des Geländes entschied sich der mit dem Bau beauftragte Ingenieur für die eine oder andere Anordnung", die auf gemeinsamen Elementen beruhte. "In der Regel handelte es sich um einen Betonbau mit einem Maschinengewehr-Ausgang und einem Pulvermagazin, in dem die gesamte Munition, Bomben, Granaten usw. gelagert wurden. Die Anlage in Gaztelumendi ist genau das: ein nach Norden ausgerichteter Geschützstand und ein Zugang zum Pulvermagazin auf einer niedrigeren Ebene. "In Urduliz zum Beispiel haben wir einen Bunker mit drei Schießscharten ausgegraben.”

Nachdem Gipuzkoa an die Aufständischen gefallen war, beauftragte die provisorische Regierung des Baskenlandes im Oktober 1936 Oberstleutnant Alberto Montaud Noguerol, einen Experten für Festungsanlagen, mit dem Bau eines Verteidigungsgürtels um Bilbao. Montaud wurde von den Hauptmännern Pablo Murga und Alejandro Goicoechea unterstützt. Mehr als 14.000 Menschen arbeiteten am Bau des Systems, einem Netz aus Gräben, Bunkern, Maschinengewehr-Nestern, Stacheldraht-Zäunen und Unterständen, das Bilbao auf einer Länge von etwa 80 Kilometern in fünf Sektoren umgab.

Im Februar 1937 (der Krieg war im siebten Monat) beging der Ingenieur Goicoechea Verrat und wechselte zur Seite der Faschisten, denen er die Pläne der Verteidigungsanlagen übergab und die Schwachstellen des Systems aufdeckte. Besonders im Sektor Gaztelumendi, dem "schwächsten Punkt". Die Verteidigungs-Elemente waren noch nicht vollständig gebaut", sagt der Archäologe. "In diesem Bunker, in dem wir jetzt arbeiten, gab es wahrscheinlich eine Kommandozentrale. Und als der Gürtel am 12. Juni 1937 durchbrochen wurde, war hier niemand mehr. Das Kommando hier und die gesamte Verteidigung waren weg. Sie waren abgezogen worden.

Kriegstourismus

Hier gab es keine Kämpfe. Der Bunker überlebte den Durchzug der Aufständischen. Aber er scheint auch absichtlich erhalten worden zu sein. "Viele dieser Bauwerke wurden abgebaut, um den darin enthaltenen Stahl wiederzuverwenden", nach dem Krieg war Material knapp. Aber diese Festung und die anderen in der Nähe wurden intakt gelassen, als Attraktion für den Kriegstourismus, den die Franquisten inmitten des Konflikts organisierten. Am 19. Juni 1937 war der Krieg in Bizkaia zu Ende, am 1. Juli 1938 starteten die franquistischen Behörden die so genannten Kriegsrouten, die es den Besuchern ermöglichten, die Spuren des Krieges im Baskenland, in Kantabrien und Asturien zu besichtigen. Die Bunkeranlagen von Gaztelumendi, die mit einem Denkmal versehen waren, gehörten zu diesen "Spuren", die unter faschistischer Aufsicht besucht werden konnten. Dazu gehörte auch Gernika.

"Dies ist die dritte und letzte Ausgrabungskampagne hier", sagt der Archäologe. Im Laufe der Zeit hat sich das Innere des Gebäudes mit Erde gefüllt, die nun entfernt werden muss. "Wir müssen die Sedimente entfernen und werden auch das Äußere anpassen. Wir werden auch Photogrammetrie mit Drohnen durchführen, um eine 3D-Komposition des Geländes zu erstellen". Edestiaurre führt diese Arbeiten in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung von Larrabetzu, der baskischen Regierung, der Denkmalschutz-Behörde der Provinz Bizkaia und dem Memoria-Institut Gogora durch. (elcorreo-baskultur)

(2025-08-05)

TOURISTEN JA, STRASSENVERKÄUFER NEIN

kolu70x05Das Polizeikonzept in Bilbao: In Zeiten der großen Fiesta-Woche, der Aste Nagusia, verschärft die Polizei ihre Razzien gegen schwarze Straßenverkäufer, um die Stadt für den Tourismus zu "säubern", das beklagen antirassistische Gruppen. Manteros werden sie in freundlichem Umgangston genannt, weil sie ihre Ware auf Teppichen, mantas, verkaufen.

Die Stadt bereitet sich darauf vor, die Fiesta-Figur Marijaia mit Konzerten und Feuerwerk zu begrüßen, aber nicht alle Realitäten werden gefeiert. Am vergangenen Mittwoch, dem 30. Juli, gegen 13.00 Uhr, wurde ein Kollege der Organisation Mbolo Moye Doole, ein Straßenverkäufer, von zwei Beamten der Stadtpolizei von Bilbao gewaltsam angegriffen, als er im Casco Viejo unterwegs war. "Ohne Grund oder Erklärung", so die antirassistische Plattform Manteroekin Bat (Gemeinsam mit den Manteros), die am Montag eine Erklärung abgab und von den Rathaus-Verantwortlichen Erklärungen forderte.

Nach den von der Plattform gesammelten Zeugenaussagen wurde der junge Mann niedergeschlagen und in Handschellen auf den Boden geworfen, bis zu drei Beamte knieten auf ihm, er auf die Polizeiwache gebracht und die ganze Nacht festgehalten, bevor er am nächsten Morgen freigelassen wurde. Die Geschichte ist eindeutig: "ein unerklärlicher und klar rassistischer Eingriff". Der Vorfall sei kein Einzelfall, sondern Teil eines Musters struktureller Polizeischikanen gegen von Rassismus betroffene Straßenverkäufer in Bilbao gewesen.

Razzien, Beschlagnahmungen und Verhaftungen

Dies war nicht der einzige Fall. Nur wenige Tage zuvor, am Samstag, den 26. Juli, kam es in der Nähe des Kaufhauses El Corte Inglés auf der Gran Vía zu einer polizeilichen Verfolgung und Beschlagnahmung der Waren einer anderen Gruppe von Straßenverkäufern. Ein "repressiver Einsatz", wie sie anprangern, der sich in den Tagen vor der Aste Nagusia noch verstärkt hat. Die Strategie, die angeprangert wird, ist weithin bekannt: Die Straßen sollen von der Armut “gesäubert” werden, um sie dann den Touristen zu überlassen.

Nach dem geltenden Ausländergesetz haben diese Straßenverkäufer, die Mehrheit aus Afrika stammend, weder die Möglichkeit, ihre Arbeitsverhältnisse zu regularisieren, noch eine Genehmigung für den Straßenverkauf zu erhalten oder Sozialversicherungs-Beiträge zu entrichten. Das Überleben in der informellen Wirtschaft ist daher keine Option, sondern Notwendigkeit und Zwang. Viele Menschen leben vom Sammeln von Schrott oder der Wiederverwendung von Gegenständen, die von der weißen Mehrheit weggeworfen werden. "Wir werden kriminalisiert, weil wir Müll sammeln und ihn gegen Lebensmittel verkaufen. Das ist die Realität derjenigen von uns, die auf der Straße leben und die für die Institutionen nicht existieren", prangern sie an.

Rassismus in Uniform

Die Plattform Manteroekin Bat zögert nicht, diese Aktionen als "institutionellen Rassismus" zu bezeichnen, sie prangert systematische Übergriffe, rassistische Profilierung, willkürliche Beschlagnahmungen, Aggression und unmenschliche Behandlung von Migranten an. "Die für diese Razzien verantwortlichen Politiker müssen wissen, dass wir ein Teil dieser Stadt sind und das Recht haben, in ihr in Würde und ohne Diskriminierung zu leben". Die Forderungen an den Stadtrat von Bilbao und die Stadtpolizei sind klar: ein Ende der rassistischen Verhaftungen, die Untersuchung von Missbräuchen und die Achtung der Menschenrechte aller Menschen, einschließlich derjenigen, die auf der Straße verkaufen.

Das verborgene Gesicht von Aste Nagusia

Das Manifest befasst sich auch mit der paradoxen Situation einer Stadt, die bei Fiestas ihre Vielfalt feiert, aber diejenigen, die diese Vielfalt am meisten repräsentieren, unter den Teppich kehrt. "Während sie sich nur um die Touristen kümmern, sollen sie wissen, dass wir weiterhin in Prekarität und unter unmenschlichen Bedingungen leben, dazu leiden wir täglich unter Polizeischikanen".

Sie sind dankbar für die Unterstützung von antirassistischen Kollektiven und Bürger*innen, die sich auf die eine oder andere Weise an der Verteidigung von Menschenleben beteiligen, jenseits von Grenzen, Pässen und Dokumenten. "Überleben ist kein Verbrechen. Auf der Straße zu verkaufen ist auch kein Verbrechen". Zwei Slogans, die laut widerhallen in diesem ungleichen Bilbao, das sich für die Fiesta schön macht, während auf der anderen Seite des Schaufensters Unterdrückung und Ausgrenzung ebenso präsent wie unsichtbar bleiben. (ecuadoretxea-baskultur)

(2025-08-04)

DIE BASKISCHE RECHTE VERSCHÄRFT IHREN MIGRATIONS-DISKURS

kolu70x04Die baskische Rechtspartei PNV verschärft ihren Migrationsdiskurs, um "die Straßen nicht zu verlieren" und um sich von der linken Partei EH Bildu zu unterscheiden. Ihr Vorsitzender Esteban bestreitet, dass es sich um ein "Problem an sich" handelt, betont aber die Pflicht der Ausländer, sich durch Arbeit und Sprache zu integrieren – eine zynische Forderung angesichts der Beschränkungen, die für Migrantinnen gelten und der Tatsache, dass sie keine Zeit und kein Geld haben, die Kosten für die Euskara-Kurse aufzubringen.

Die Rede von Aitor Esteban auf der Veranstaltung zum 130-jährigen Bestehen der PNV überraschte Insider und Außenstehende wegen des Anteils, den er der Einwanderung widmete. Der Präsident der PNV, der sich an das Jaialdi-Fest anschloss, das die baskische Diaspora in Boise (USA) zusammenführte, begann mit einer kalkulierten Botschaft, in der er die "Kriminalisierung" von Ausländern anprangerte, in der er aber auch deren Verpflichtung zur Integration, vor allem durch Arbeit und Sprache, betonte. Diese Hinweise sollen zur aktualisierten Doktrin der Partei angesichts einer Herausforderung werden, die die baskischen Bürger zunehmend beunruhigt (eine Behauptung ohne Belege).

Der Parteivorsitzende nutzte die Veranstaltung in Anwesenheit von organischen Kadern und institutionellen Referenten als zweiten Versuch, sein Engagement in der Migrationspolitik zu bekräftigen. Er hatte dies bereits bei seinem ersten Aberri Eguna (baskischer Nationalfeiertag) im April versucht, aber alles wurde von der Formulierung überschattet, dass sein Nachfolger "Hassan, Diop oder vielleicht Popescu" heißen könnte, eine Anspielung auf den Multikulturalismus, die in einigen Sektoren der Partei ein gewisses Unverständnis hervorrief. Jetzt vermied er solche Reizworte, um seine Position ohne das Risiko einer Kontroverse zu begründen.

In einer ausführlichen Erklärung bestritt er, dass die Einwanderung "ein Problem an sich" sei, und verurteilte fremdenfeindliche Botschaften, die Ausländer als "Gefahr" für die Einheimischen darstellen oder sie direkt mit Kriminalität in Verbindung bringen. Unter Verwendung mehrerer "Aber" konzentrierte er sich dann jedoch auf die Pflichten von Migrant*innen: "Die Integration erfolgt im Wesentlichen durch Arbeit und den Willen, zur Kenntnis zu nehmen, dass sie sich in einer anderen Gesellschaft befinden, die sie willkommen heißt, aber keine Ghettos will".

Innerhalb der Partei wird versucht, progressive, humanistische und konservative Seelen um eine gemeinsame Botschaft zu versöhnen

Die Partei will offensiv werden und ein Phänomen angehen, das „immer mehr Bürger besorgt“. Laut dem jüngsten Soziometer der baskischen Regierung ist es bereits das fünftgrößte Problem nach den Bereichen Wohnen, Beschäftigung, Gesundheit und Unsicherheit. Esteban hat dies bei seinem Amtsantritt deutlich angesprochen. “Es ist ein Thema, über das die Menschen tagtäglich sprechen, und wir dürfen die Straße nicht verlieren", räumte die PNV-Führung ein, die in ihrer neuen Zusammensetzung einen eigenen Bereich für Migration geschaffen hat, vorher war er unter dem Dach der Sozialpolitik angesiedelt.

"Flexibler Nationalismus

In der nationalistischen Führung ist man sich darüber im Klaren, dass der Diskurs über Migrationsfragen nicht durch eine Annäherung an Ultra-Ideen geführt werden darf, im Stil der neo-faschistischen Aliança Catalana oder über eine Rückkehr zu den Zeiten, als der Vorsitzende Xabier Arzalluz den negativen Rhesus-Faktor als Zeichen der baskischen Besonderheit pries und beklagte, dass die Ankunft von Kastiliern, Galiziern oder Andalusiern die Unabhängigkeit behindern würde. Vielmehr führt die PNV nun die Integration von Spaniern aus anderen Regionen in das Baskenland als Beispiel an. Ein Prozess, der Esteban an die Spitze der PNV und Pradales an die Spitze der Regierung gebracht hat.

Er wirft Otegi vor, die Einwanderung als "Gefahr für die nationale Identität" zu betrachten

Der "flexible Nationalismus", den der neue Führer der PNV befürwortet, versucht, die verschiedenen Seelen, die in der Partei in Bezug auf die Einwanderung existieren, unter einen Hut zu bringen. Grob gesagt gibt es drei: eine humanistische, rein christlich geprägte, eine konservativere und eine fortschrittlichere, die der Nachbarschafts-Bewegung nahesteht. Letztere hat in den letzten Jahren an Einfluss gewonnen und (so die Diagnose der Parteiführung) dazu geführt, dass der Diskurs zu diesem Thema "unausgewogen" geworden ist und sich mehr auf die humanistischen Elemente konzentriert. "Wir sind in der Äußerung bestimmter Dinge eher unterdrückt worden", sagt ein Parteiführer.

Die Verhärtung zielt darauf ab, diese Position "wieder ins Gleichgewicht zu bringen" und ein weiteres Thema zu nutzen, das, wie sich zuletzt mit der Debatte über den Rassismus in der Ertzaintza (baskische Regionalpolizei) gezeigt hat, als Unterscheidungs-Merkmal gegenüber EH Bildu dienen kann, inmitten des Kampfes um die nationalistische Hegemonie. "Wir müssen unser Profil markieren und den Menschen die Unterschiede deutlich machen", wird im Parteivorstand betont. In einer vorhergehenden Rede hatte Esteban eine versteckte Anspielung gemacht, indem er sich verpflichtete, (in Bezug auf Arnaldo Otegi) "nicht wie andere anzudeuten, dass die Ankunft von Migranten im Baskenland automatisch die nationale Identität unseres Volkes gefährdet" – ebenfalls eine falsche Behauptung. (elcorreo-baskultur)

(2025-08-03)

WENN POLIZEI UNERTRÄGLICH WIRD

kolu70x03Es gab Zeiten, in denen die baskische Linke stolz auf die eigene Regionalpolizei war, als Zeichen der Unabhängigkeit und Ablehung der franquistischen Guardia Civil. Diese Zeiten sind alnge vorbei, der Stolz hat sich in sein gegenteil verwandelt, die baskische Ertzaintza-Polizei ist der Dynamik aller Polizeikräfte gefolgt: Corps-Geist, Schlägertrupps, rechtsradikale Orientierung, völlig unverdauliche Gewerkschaften.

Es vergeht keine Woche, ohne dass Migrations- und Antirassismus-Gruppen, die rassistische Praxis baskischer Polizeikräfte beklagen, angefangen bei der Ertzaintza (das baskische wort bedeutet zynischerweise Hüter des Volkes). Gerade recht für die Saure-Gurken-Zeit im Sommer wurde – von wem auch immer – ein Polemik-Kaninchen aus dem Hut gezaubert, das für Wochen reichen dürfte, die Schlagzeilen zweiter Kategorie zu füllen. In verschiedenen baskischen gemeinden haben Jugendliche auf die nächtliche Verhaftung von Freunden reagiert, die wegen Garffitis verhaftet wurden, oder bei den Fiestas über die Stränge geschlagen haben. Der Einsatz der Polizei zeichnete sich nicht durch Vermittlung aus, sondern durch brutales Eingreifen, was wiederum zu gewaltförmigen Reaktion führte. Die Polizei, ob Stadt- oder Regional-Einheiten, durften sich als Opfer darstellen, eine bekannte Version, bei der Beamte von ihren Vorgesetzten wegen eines Kratzers ins Krankenhaus geschickt werden (nicht wie die Arbeiter in der Fabrik).

Die Freunde der Repression und Autorität unter den Parteien verabschiedeten Resolutionen, denen sich die baskische Linke (sozialdemokratisch gewendet) zusammen mit Podemos nicht anschloss. Mehr noch: in Frage gestellt wurde das “Modell” der Ertzaintza insgesamt – zu Recht, den was die “Blauen” mit ihren roten Helmen seit Jahren praktizieren läuft knapp unter der Schwelle “faschistisch”: anti-links, anti-Migration, Anti-Islam.

Scheinbar wollen die Stadtpolizisten bei diesem schlechten Ruf nicht nachstehen, so geht derzeit ein Video durch die sozialen medien, in em drei Udalas zu sehen sind, die sich auf einen schwarzen “Teppichverkäufer” geworfen haben, dessen Ware sie beschlagnahmen wollten. Die Blilder erinnerten an die USA und es war zu berfüchrchten, dass am Ende ein toter Schwarzer auf dem Pflaster liegt, dazu kam es glücklicherweise nicht. Dafür zu einem sommerlichen Aufschrei der Basis-Linken, die für Montag zu einer antirassistischen Kundgebung aufgerufen hat.

Das “Strafregister” der verächtlich “Cipayos” genannten Einheit ist beträchtlich, ein toter Fußballfans nach einer Siegesfeier, einem Demonstranten gezielt die Eier weggeschossen,obwohl es keinerlei Konflikte gab, Prügelstrafe für bekannte Kandidaten, die nichtsahnend an der Straßenecke erwischt werden – die Spitze des Eisbergs. Umso überraschender, dass die baskische Links-Parteien ausgerechnet den Sommer für ihre abweichende Position gewählt haben.

Wenn Jugendliche Rabbatz machen, kursiert inm Baskenland sofort das Gespenst der “kale borroka”, jener Straßenkampf, mit dem die Jugend der baskischen Linken vor Jahren den Kampf von ETA unterstützte. Das Kürzel ACAB macht seither die Runde, und weil das Zeigen mit Bußgeld-Androhung verboten ist, wird auf die Zahlen-Kombination 1312 zurückgegriffen. All Cobs Are Bastards, vielleicht nicht ganz alle, aber die meisten, und potenziell auf jeden Fall. Wie der alte Sprcuh von Kurt Tucholsky: “Alle Soldaten sind Mörder”, gegen den heftig polemisiert und geklagt wurde. Nicht alle Soldaten sind Mörder, aber sie werden datuz ausgebildet, welche zu sein. So verhält es sich auch mit den “Bullen”, nicht alle sind Schläger oder ultrarechts, aber die Gruppen-Dynamik drängt eindeutig in diese Richtung. “Hüter des Volkes” ist die letzte Interpretation, die den Nagel auf den Kopf treffen könnte für die rassistischen Stürmer. (baskultur)

(2025-08-02)

TOURISMUS-STEUER

kolu70x02In Bilbao wird gerne Geld gezählt, egal um was es geht. Steht ein Großevent an, wird die Rechung bereits vorher gemacht, so schnell es geht wird geschätzt, wie viel Kohle in den Kassen hängen bleibt. Jetzt geht es um eine Tourismussteuer, sie in verschiendenen Orten kassiert werden soll, Bilbao spekuliert auf eine Mehr-Einnahme von 10 Millionen Euro jährlich. Ohne die immer stärker werdende Kritik am Massen-Tourismus, den auch die Bizkaia-Hauptstadt erleidet, wäre diese Steuer überhaupt nie in die Diksussion gekommen. Jetzt wurde sie eingeführt und gehandelt, als wäre es eine Maßnahme gegen den Tourismus. Der erste Zwist ging darum, wer kassieren soll, der zweite, in welche Kassen die neuen Einnahme flieén soll. Klar ist nur eines: sie wird nicht denen zugute kommen, die unter dem Tourismus leiden.

Die Steuer wird je nach Reise-Unterkunft zwischen 1 und 6 Euro betragen, wobei die Stadtverwaltung die Möglichkeit hat, auf Wunsch Aufschläge festzulegen.

Die Steuer auf touristische Aufenthalte, auch als Tourismussteuer bekannt, wird im Baskenland zwischen 1 und 6 Euro betragen, von den Stadtverwaltungen erhoben und nicht auf regionaler Ebene geregelt, sondern durch drei regionale Vorschriften, eine für jede Provinz. Dies ist die Vereinbarung, die die beteiligten Institutionen – die Provinzialräte, die baskische Regierung und die Stadtverwaltungen – nach einer intensiven und langwierigen Debatte getroffen haben. Darüber hinaus können die baskischen Hauptstädte und Gemeinden mit einer hohen Beherbergungs-Kapazität auch Aufschläge auf diese Beträge festlegen. Gleichzeitig haben kleinere Orte mit weniger Hotelbetten ausnahmsweise die Möglichkeit, bis zu 100% der Steuer einzubehalten, um Touristen für die Übernachtung in ihren Einrichtungen keine Gebühren zu berechnen.

Die Steuer wird progressiv berechnet, das heißt, Besucher einer Herberge bezahlen nicht dasselbe wie Hotel-Übernachter. Um den Betrag festzulegen, legt die Provinzregierung eine Preisspanne für die Art der Unterkunft fest (wie in Katalonien der Fall), wobei es den Gemeinden freigestellt bleibt, zu entscheiden, ob sie den höchsten oder den niedrigsten Satz jeder Preisspanne anwenden. In Barcelona beispielsweise hat die Stadtverwaltung einen Aufschlag von vier Euro auf die regionale Steuer erhoben. Für die Übernachtung in einem Fünf-Sterne-Hotel werden 7,50 Euro und für eine Ferienwohnung 6,25 Euro berechnet.

Quellen aus dem Stadtrat von Bilbao behaupten, es sei ”noch zu früh” zu wissen, ob ein Aufschlag erhoben wird oder nicht, da die Steuer ”noch in Ausarbeitung” sei. Auch wurde vermieden, Schätzungen darüber abzugeben, wie viel eingenommen werden wird, wie es vor etwas mehr als einem Jahr der damalige Stadtrat für wirtschaftliche Entwicklung, Xabier Ochandiano (PNV) getan hat. Während einer Stadtratssitzung versicherte der ehemalige Stadtrat, dass die Stadtverwaltung bis zu 11 Millionen Euro durch die Steuer einnehmen könnte. Damals wurden jedoch andere Preisklassen diskutiert. Es war von einer Gebühr zwischen 3 und 5 Euro die Rede, eine Spanne, die inzwischen verworfen wurde.

Nach der neuen Festlegung der Preisspanne lässt eine vorsichtige Berechnung auf der Grundlage der Zahl der Touristen und Übernachtungen im Jahr 2024 und unter der Prämisse, dass 90% der Besucher in Hotels übernachten – der Kategorie mit der höchsten Steuerbelastung – den Schluss zu, dass die Hauptstadt der Provinz Bizkaia mindestens 10 Millionen Euro einnehmen könnte. Im vergangenen Jahr empfing die Stadt 1,2 Millionen Touristen – drei Mal so viel wie sie EinwohnerInnen hat. Diese verbrachten im Durchschnitt zwei Nächte in der Stadt. Insgesamt wurden 2,4 Millionen Übernachtungen gezählt. Um zu berechnen, wie viel die Stadtverwaltung einnehmen könnte, wurde ein Durchschnittsbetrag von 4 Euro pro Nacht zugrunde gelegt.

Mehr Übernachtungen in Ferienwohnungen

Alles deutet darauf hin, dass der zu zahlende Betrag höher ausfallen wird. Erstens, weil Bilbao einen Steuerzuschlag erheben kann. Und zweitens, weil zum ersten Mal auch Aufenthalte in Tourismus-Wohnungen besteuert werden (AIRBNB), ein expandierendes Geschäft mit mehr als 1.300 Ferienhäusern und -zimmern und 5.444 Betten im Angebot.

Außerdem verbringen Familien, die in Ferienwohnungen übernachten, in der Regel mehr Nächte als diejenigen, die sich für ein Hotel entscheiden. Dies zeigt sich an der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer in Ferienwohnungen, die sich von Ferienappartements unterscheiden – in der Regel handelt es sich um ganze Gebäude –, aber eine ähnliche Kundengruppe haben. Im Jahr 2024 verbrachten Touristen, die in Hotels übernachteten, durchschnittlich 1,96 Tage, während die Aufenthaltsdauer in Ferienwohnungen 2,28 Nächte betrug. Diese Frage ist wichtig, da Ausländer pro Nacht und nicht pro Aufenthalt bezahlen. Darüber hinaus stieg die Nutzung von Ferienwohnungen im letzten Jahr um 23%, im Gegensatz zu Hotels, die einen Rückgang von 2% verzeichneten.

Offen ist, wann all dies in Kraft treten wird und ob Minderjährige den gleichen Preis wie Erwachsene zahlen müssen. Bizkaia will die Steuer noch in diesem Jahr verabschieden. Tatsächlich hofft die Provinzregierung, dass der Gesetzentwurf im September fertig ist. Die Regionalregierung begründet die Einführung dieser neuen Steuer mit dem Boom im Tourismus. Der Gesetzentwurf betont, dass der Sektor zwar ”wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt generiert”, sein Wachstum aber auch zu einer ”übermäßigen Ausbeutung der öffentlichen und ökologischen Ressourcen” führt, sodass die Einnahmen aus der Steuer dazu dienen werden, die kommunalen Einrichtungen nach dem Besucheransturm in gutem Zustand zu halten. (elcorreo-baskultur)

(2025-08-01)

COVID MACHT SPRACHLOS

kolu70x01Die Auswirkungen der Pandemie überfordern die Sprechstunden der baskischen Logopäden. Die Berufsvereinigung dieser Berufsgruppe im Baskenland beklagt, dass die Wartelisten im öffentlichen Gesundheitswesen ”zwischen 8 und 12 Monaten” lang sind. Die Logopädie ist ein boomender medizinischer Fachbereich, der in den letzten Jahren in der Gesellschaft an Bedeutung gewonnen hat. Die Praxen der Fachleute dieses Gesundheitszweigs, die sich mit Problemen im Zusammenhang mit dem Sprechen oder Schlucken befassen, sind seit einiger Zeit völlig überlastet. Dies bestätigt Unai Pequeño, Präsident des Berufsverbands der Logopäden des Baskenlandes (CLPV), der die Auswirkungen der durch das Coronavirus ausgelösten Pandemie als einen der Faktoren nennt, die die steigende Nachfrage nach diesen medizinischen Fachkräften erklären.

Pequeño, der bereits über langjährige Erfahrung in diesem Bereich verfügt, freut sich, dass ”die Logopädie in den letzten zehn Jahren an gesellschaftlicher Anerkennung gewonnen hat”. Er weist aber auch darauf hin, dass ”wir im öffentlichen Bereich, bei Osakidetza, viel zu wenige sind, um die große Nachfrage zu bewältigen”. Der Präsident des CLPV nennt Zahlen, die Rechnung geht nicht auf. ”Bei Osakidetza gibt es kaum mehr als ein Dutzend Fachkräfte, die sich auf die drei Gebiete verteilen”. Die Berechnungen dieser Vereinigung zeigen, dass „die Quote der Logopäden pro 1.000 Personen bei 0,18 liegt”. Das sind “wenige für mehr als zwei Millionen Einwohner”, urteilt er.

Die steigende Nachfrage nach diesen medizinischen Dienstleistungen ”und die knappen Ressourcen im öffentlichen Gesundheitswesen“ haben zu Wartelisten geführt, ”die zwischen 8 und 12 Monaten liegen“, versichert Pequeño. Das baskische Gesundheitsministerium hat auf diese Beschwerde nicht reagiert. Die lange Wartezeit auf einen Termin im öffentlichen Gesundheitswesen für eine logopädische Behandlung veranlasst die Patienten, sich an den privaten Sektor zu wenden. Eine typische Entwicklng, die von den baskischen Behörden sicher auch erwünscht ist. ”Selbst im privaten Sektor gibt es Wartelisten, aber das ist eine andere Geschichte. Die Termine werden viel schneller vergeben”, fügt Pequeño hinzu. Derzeit gibt es laut Daten des Nationalen Instituts für Statistik 414 zugelassene Logopäden im Baskenland, von denen die überwiegende Mehrheit Frauen sind – 91,55%.

In Bezug auf Kommunikation und Sprache werden die schädlichen Auswirkungen der Pandemie, die die Welt zwischen 2020 und 2022 erschütterte, jetzt spürbar. In dieser Zeit lernten Hunderttausende von Kleinkindern auf ungewöhnliche und ”unangemessene“ Weise sprechen. ”Sie beobachteten die Erwachsenen. Sie hörten ihre Stimmen, sahen aber ihre Münder nicht, weil diese den größten Teil des Tages von Masken verdeckt waren. Zu allem Überfluss war der Klang, der sie erreichte, aufgrund der Masken nicht klar“, erzählt Unai Pequeño. Diese Diskrepanz zwischen dem Gehörten und dem Gesehenen hat dazu geführt, dass die Sprachtherapie-Sprechstunden in den letzten drei Jahren mit Patienten im Alter von knapp über 6 Jahren überfüllt waren. ”Es ist keineswegs ungewöhnlich, ein Kind in der Sprechstunde zu haben, das seit der Pandemie Sprachprobleme hat”, verrät er.

Der im November 2024 aufgenomme Problem-Dialog mit dem baskischen Gesundheits-Ministerium erbrachte ”nichts Konkretes”, betont der Logopäde, der resigniert auf die geringe Beachtung hinweist, die ihnen zuteil wird.

Sprachprobleme bei Kindern

Aber wie viele Logopäden sollte es zusätzlich bei Osakidetza geben? Das ist eine Frage, ”deren Beantwortung kompliziert ist”, räumt Pequeño ein, der klarstellt: ”bevor man eine Zahl nennt, die auf jeden Fall höher wäre als die derzeitige, müsste man viele Berechnungen darüber anstellen, wie viele Menschen diese Dienstleistung in Anspruch nehmen”. Was sie fordern, ist ”eine bessere Koordination zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor“. Der Vorsitzende der Vereinigung hat eine eigene Praxis und gibt unumwunden zu: ”Es ärgert mich, und das sage ich ganz offen, dass jemand eine Privatpraxis aufsuchen muss, weil die Wartezeiten im öffentlichen Gesundheitswesen bis zu einem Jahr betragen können.“

Kommunikationsstörungen

Alles, was ”mit der neurologischen Entwicklung in der Zeit der kindlichen Reife zu tun hat macht deutlich mehr als 40% der Fälle aus “. Der Fachmann bezieht sich dabei auf ”anormale Sprachentwicklungen, verzögertes Auftreten von Kommunikations-Fähigkeiten, andere Kommunikationsstörungen“. Auf Bildungsebene machen sich diese Störungen auch in den Schulen des Baskenlandes bemerkbar. ”Ich habe einen Freund, der im Nachhilfe-Unterricht arbeitet, er sagt mir, dass es allein in seiner Einrichtung bis zu 35 Kinder mit Sprach- und Kommunikations-Problemen gibt“, betont der Vorsitzende des Berufsverbands. (elcorreo-baskultur)

ABBILDUNGEN:

(*) Tagespresse

(ERST-PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-08-01)

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