Die Anti-WM-Kolumne
Machismus, Gewalt auf den Rängen, Heulerei auf dem Spielfeld, Millionen Dollars hinter den Kulissen, Gentrifizierung, Milliarden-Profite – eigentlich bereits ausreichend Gründe, die beliebteste Sportart der Welt zu hassen. Dazu kommen Trump, hyper-nationalistische Arroganz, Sexismus, Rassismus, ICE und Kriegstreiberei auf dem Planeten. Und ein Weltverband, der den Massenmördern eine Plattform liefert und großzügig Friedenspreise verteilt. Viele Gründe zum Boykott, vor dem die Mehrheit zurückschreckt.
Die dreiteilige Fußball-WM in Nordamerika (USMEKA) wird die längste in der Geschichte und zur größten kapitalistischen Geldmache seit Pele. Die Rede ist von „Völkerfreundschaft“, Kriege werden auf dem Spiel- und Schlachtfeld ausgetragen.
(2026-07-20)
DAS BASKISCHE FINALE
Es soll tatsächlich Leute geben, die meinen, im Baskenland und in Navarra hätten sich alle über den Erfolg der „Roten“ gefreut, des spanischen Nationalteams in New Yersey. Sie liegen weit von der Realität entfernt. Es gab sie tatsächlich, eine kleine aber lautstarke Minderheit, die das entscheidende Tor gefeiert hat. Doch der breiten Mehrheit wäre lieber gewesen, eine baskische Auswahl wäre im Viertelfinale ausgeschieden, denn genau das hätte dem Erfolg eiens spanischen teams eine ganz andere Qualität gegeben. Dass dies nicht geschehen kann, liegt am spanischen Verband, der gegen die baskische Beteiligung (und die katalanische) ein Veto einlegt. Ausgesprochen demokratisch. Stattdessen wurden öffentlich Leinwände aufgestellt, um mit der Fußball-Feier so richtig zu provozieren. Mit ultranationalen Sprüchen und gestrecktem Mittelfinger. So kam es, wie es kommen musste.
Vier Festnahmen, angegriffene Soldaten mit Nazi-Symbolik und verschiedene Ausschreitungen beim Finale. Die Aufstellung von Großbildschirmen zur Übertragung des WM-Finales war der Auslöser für verschiedene Auseinandersetzungen in Bilbo, Berriz, Donostia und Gasteiz, bei denen mindestens vier Personen festgenommen wurden. In Berriozar ermittelt die Guardia Civil wegen eines Angriffs auf eine Gruppe von Soldaten mit Nazi- und spanisch-nationalistischen Symbolen – Fans des spanischen Teams, versteht sich.
Die Übertragung des WM-Finales zwischen Spanien und Argentinien war der Auslöser für verschiedene Zwischenfälle und Auseinandersetzungen in mehreren Gemeinden des Baskenlandes. Die Ertzaintza hat vier Personen festgenommen und gegen sieben weitere Ermittlungen eingeleitet, denen vorgeworfen wird, spanische Fans bedroht und angegriffen zu haben. In Berriozar in Navarra kam es während der Übertragung des Spiels zu einer Attacke auf einer Kneipen-Terrasse. Konkret untersucht die Guardia Civil einen Übergriff auf eine Gruppe von Soldaten, die in einer Bar das Spiel verfolgten, als sie von einer Gruppe vermummter Personen angegriffen wurden. Einige der Soldaten trugen, wie auf Bildern in den sozialen Netzwerken und einem beigefügten Foto zu sehen ist, T-Shirts mit Nazi-Symbolik, konkret der neo-faschistischen und spanisch-nationalistischen Organisation „Núcleo Nacional“ (Nationaler Kern), die in den letzten Monaten immer häufiger von sich reden macht. (Bild der Gruppe von Soldaten vor den Vorfällen, auf dem Symbole der Ultra-Gruppe „Núcleo Nacional“ zu sehen sind. / naiz)
Der Übergriff ereignete sich gegen 22:15 Uhr in einem Gastronomiebetrieb in Berriozar, den offenbar regelmäßig Soldaten der nahegelegenen Kaserne von Aitzoain besuchen. Die hatten sich ebenfalls versammelt, um gemeinsam das Fußballspiel auf einer Terrasse zu verfolgen, auf der sich noch weitere Gäste befanden. Auf anderen Terrassen, auf denen das Finale ebenfalls übertragen wurde, kam es zu keinen Zwischenfällen. Quellen der Guardia Civil teilten mit, dass mindestens drei Soldaten verletzt wurden, einer von ihnen mit einer offenen Kopfwunde und mehreren gebrochenen Rippen. Außerdem wurde eine Frau mit einem Nasenbruch gemeldet. Insgesamt gibt es ein halbes Dutzend Personen mit Verletzungen unterschiedlichen Schweregrades, von denen einige vor Ort versorgt wurden, während andere in ein Krankenhaus gebracht werden mussten.
Bislang wurden noch keine Festnahmen vorgenommen, da die Angreifer vom Tatort flohen. Einige der Opfer haben Anzeige erstattet, zunächst bei anderen Polizeibehörden, doch alles deutet darauf hin, dass – da es sich um ein Verbrechen gegen Militärangehörige handelt – die Kriminalpolizei der Guardia Civil die Ermittlungen übernehmen wird. Der Bürgermeister von Berriozar, Iker Mariezkurrena, bedauerte die Vorfälle und betonte, dass „sie in unserem Ort niemals vorkommen dürften“. Zudem rief er zu „demokratischem Zusammenleben und Respekt“ auf. Ebenso zeigte er sich besorgt über das Auftauchen neonazistischer Elemente und Symbolik in der Gemeinde und bekräftigte, dass „diese in Berriozar keinen Platz haben“. Soldaten sind Mörder und Faschisten.
FESTNAHMEN IN GASTEIZ UND DONOSTIA
In Gasteiz hat die Ertzaintza drei junge Männer im Alter von 25, 19 und 18 Jahren festgenommen. Zwei von ihnen werden der Hassverbrechen beschuldigt, dem Dritten wird zudem ein Angriff auf Polizeibeamte zur Last gelegt. Nach Angaben des Innensenats ereignete sich der Vorfall nach 1 Uhr morgens auf der Avenida Judimendi, als die Ertzaintza alarmiert wurde, weil mehrere Personen eine andere Gruppe angriffen. Zu diesen Festnahmen in Gasteiz kommt die Identifizierung von drei weiteren Personen im Alter zwischen 22 und 29 Jahren, die bereits vor Beginn des Finales ebenfalls wegen ihrer mutmaßlichen Beteiligung an einem Angriff mit Pfefferspray auf einen spanischen Fan identifiziert worden waren. In Donostia wurde ein Mann festgenommen, dem Widerstand gegen die Staatsgewalt vorgeworfen wird, gegen sechs Personen wird wegen Drohungen und Beleidigungen gegenüber Fans der Nationalauswahl ermittelt, darunter ein Minderjähriger. Nach Polizeiangaben.
ZWANZIG PERSONEN IN BILBAO IDENTIFIZIERT
In Bilbao wurden im Rahmen der Sicherheitsmaßnahmen zum WM-Finale insgesamt 20 Personen von der Ertzaintza identifiziert. In der Hauptstadt der Provinz Biskaya versuchte eine Gruppe von Personen, die Übertragung des Spiels auf der von der PP aufgestellten Großbildleinwand zu stören. Die in Bilbao und in Araba identifizierten Personen sind zwischen 15 und 46 Jahre alt. Zu den Ausschreitungen in Bizkaia kam es etwa vierzig Minuten vor Spielbeginn, als sich bereits Hunderte spanischer Fans unter der Pergola im Doña-Casilda-Park versammelt hatten, um das Spiel auf der von der rechten PP-Partei aufgestellten Großbildleinwand zu verfolgen. Nach Angaben des Innensenats gingen einige Teilnehmer der von Zazpi Baietz am Nachmittag zur Unterstützung der „Euskal Selekzioa“ organisierten Demonstration in Richtung des Parks. Sie warfen Absperrungen um, verursachten Sachbeschädigungen und warfen Gegenstände, während einige der Spanien-Fans aus dem Bereich flohen. Alles nach Polizeiangaben.
Während des Protests wurde die Übertragung auf der Großbildleinwand durch das Durchtrennen einiger Kabel unterbrochen. Die Ertzaintza errichtete eine Polizeisperre, und der Innensenat der Regierung gab bekannt, dass 20 Personen identifiziert wurden. Zudem wird gegen einen spanischen Fan wegen Drohungen mit einer Stichwaffe gegenüber baskischen Demonstranten ermittelt. Nach Polizeiangaben. In Berriz wurde ein Ermittlungsverfahren gegen einen 40-jährigen eingeleitet, der heute früh um 01:30 Uhr mit seinem Fahrzeug gegen das Auto zweier Personen gerast ist, die den Sieg der Spanier feierten. Nach Angaben der Polizei riss der Verdächtige „eine spanische Flagge vom PKW ab und packte anschließend einen der beiden fest, wodurch dieser eine Verletzung am Handgelenk davontrug“. Die Erfahrung des spanischen Faschismus sitzt tief, auch 50 Jahre nach der so genannten Demokratisierung.
„SCHEISS-SPANIEN“ IN EIBAR
In Eibar verbrannten vermummte Personen eine spanische Flagge und entrollten bei einer Großbildleinwand Transparente zur Unterstützung der Euskal Selekzioa und gegen Spanien. Vor dem Spiel tauchten Graffiti auf, auf denen „Puta España“ oder „Espainolismoa borrokatu“ zu lesen war. Auch wurde ein Transparent mit den Aufschriften „Inposiorik ez“ und „Gazte langileok espainolismoari aurre egin“ angebracht, neben einer Zeichnung des durchgestrichenen spanischen Wappens. Die Regierung hat die verzeichneten Übergriffe verurteilt. „Solche Verhaltensweisen sind unvereinbar mit den Werten des Respekts und des Zusammenlebens, die unser Land ausmachen“, wurde betont. Schuld hat immer nur eine Seite. So bekundete die Exekutive ihre Solidarität mit den angegriffenen Personen und bekräftigte ihr „Bekenntnis zu einem Zusammenleben, das auf Respekt, Bürgersinn und der Ablehnung jeglicher Form von Gewalt basiert“. Auch die PNV verurteilte die Vorfälle: „Die Übergriffe und intoleranten Verhaltensweisen von gestern sind inakzeptabel, wir verurteilen sie.“
In einer in den sozialen Netzwerken veröffentlichten Botschaft betonte die PNV, dass sie das Recht der baskischen Nationalauswahl auf die Teilnahme an internationalen Wettbewerben verteidige. „Das ist unser Team, aber immer im Zeichen von Respekt und Zusammenleben“, betonen sie. Die linksliberale Koalition EH Bildu verurteilte „die Angriffe auf mehrere Fans des spanischen Teams“ und rief gleichzeitig dazu auf, „das Recht der Nationalauswahl von Euskal Herria auf Teilnahme an internationalen Wettbewerben auf friedlichem und demokratischem Wege zu verteidigen“. EH Bildu will „gesellschaftliche, politische und institutionelle Dynamiken vorantreiben, die die breite gesellschaftliche Mehrheit, die dieses Ziel befürwortet, politisch artikuliert und umsetzbar macht“. Die PP vertrat die Ansicht, dass die von der Ertzaintza getroffenen Sicherheits-Vorkehrungen nicht ausreichend waren, um die Vorfälle in Bilbao zu verhindern, das sei „eine ganz offensichtlichen Fehler“ der baskischen Regierung. Schuld haben immer die anderen. (naiz-baskultur)
(2026-07-19)
NATIONALISTISCHE IDIOTEN
Eines meiner Lieblingswörter aus dem alltäglichen Sprachgebrauch der Argentinier ist „fehl am Platz“. In unserem Alltagswortschatz kommt es nicht vor, und mir fällt es nicht immer auf Anhieb ein. Aber wenn es mir in den Sinn kommt, trifft es meist ziemlich treffend: Die Personen, auf die ich mich beziehe, sind meiner Meinung nach wirklich „fehl am Platz“. Es handelt sich um Personen, die unpassende, unangebrachte Dinge sagen oder tun, die ihrer Funktion oder Position nicht angemessen sind. Maider Etxeberria, Bürgermeisterin von Gasteiz, und María Chivite, Ministerpräsidentin von Navarra, sind „fehl am Platz“. Die Videos, welche die beiden baskischen Politikerinnen der sozialdemokratischen PSOE in Trikots der spanischen National-Auswahl gedreht haben, um die Stimmung vor dem WM-Finale anzuheizen, erscheinen mir ziemlich unangebracht. Obwohl sie wissen, dass dies nicht der Wahrheit entspricht, tun sie so, als würden alle ihre Bürger*innen die spanische Auswahl unterstützen, als könne es gar nicht anders sein. Ein Einwohner von Gasteiz? Für Spanien. Leute aus Navarra? Für die „Roja“.
Dabei wissen sie doch, dass viele Basken – ganz zu schweigen von unseren Nachbarn, den Argentinierinnen – heute für Argentinien sind. Und die Welt verändert sich. Es gibt junge Leute, die Messi verehren. Lateinamerikaner, die, obwohl sie die Argentinier „hassen“, nicht auf der Seite der Metropole stehen wollen. In Navarra leben fast 70.000 Lateinamerikaner*innen, Maradona-Nostalgiker*innen, Leute, die Tangokurse besuchen. Die Realität ist, dass mehr als 60% der baskischen Bevölkerung für die Legalisierung eines eigenen Auswahl-Teams sind, nicht nur im Fußball, sondern in allen Sportarten. Nur 15% sind dagegen, dem Rest geht die Angelegenheit am Arsch vorbei.
Manchmal lässt sich etwas am einfachsten anhand eines Gegenbeispiels erklären. Wäre Pamplona-Bürgermeister Joseba Asiron (offizielle baskische Linke) bei der Ankündigung, dass auf dem Castillo-Platz Großbildschirme aufgestellt werden, in einem Messi-Trikot erschienen und hätte die Bürger dazu aufgerufen, den alten Weltmeister zu unterstützen, hätten die Fans von Chivite und Etxeberria dies als Provokation, wenn nicht gar als Beleidigung empfunden. Hätte der Bürgermeister von Iruñea, um seine Unterstützung für die „Himmelblauen“ zu rechtfertigen, eine Erklärung über die baskisch-navarrische Diaspora in Argentinien abgegeben, über die Herkunft des Nachnamens Otamendi (argentinischer Spieler), darüber, wie sehr ihm das Spiel von Chimy Ávila (umstrittener argentinischer Kicker bei Osasuna) gefiel, hätten sie gesagt, er sei ein Heuchler, der Argentinien in Wirklichkeit nur unterstützt, um Spanien zu ärgern.
Und sie hätten Recht gehabt. So wie umgekehrt wir Anhänger einer baskischen und-oder navarrischen Auswahl es sind, die sagen, dass man uns nichts vormachen kann. Dass wir die spanische Auswahl nicht unterstützen, weil wir uns nicht als Spanier fühlen, egal was in unserem Personalausweis steht. Dass wir nicht wollen, dass das spanische Team gewinnt – nicht, um ihnen eine Ohrfeige zu geben, sondern damit sie uns nicht eine Ohrfeige geben. Denn es nicht mit Gerechtigkeit zu tun und ist nicht zu rechtfertigen, dass Sportler*innen nicht wählen können, welches Trikot sie verteidigen und unter welcher Flagge sie den Rasen oder die Sporthalle betreten wollen. Baskische Sportler*innen können das nicht, weil spanische Politiker*innen und Sport-Verbände dagegen ein Veto einlegen. Die eine eigen Auswahl fordern, werden als Nationalisten betitelt. Von Nationalisten und Ultra-Nationalisten. Und von Faschisten. Was das rote Trikot angeht, sitzen die erwähnten Politiker*innen mit dem Faschisten Santiago Abascal in einem Boot.
Zum Schluss die Millionen-Frage: Sind wir „Unangepassten“ alle Nationalisten? Ich würde sagen, dass heutzutage alle auf ihre Weise Nationalisten sind. Du musst kein kein Fanatiker und kein Heuchler sein, die nationale Zugehörigkeit muss nicht zu deinen Prioritäten gehören, du kannst dich von deinen Wurzeln lossagen oder das Land verabscheuen, in das du hineingeboren wurdest, du magst dich überhaupt nicht für Fußball oder Eiskunstlauf interessieren … aber es ist fast unmöglich, kein Nationalist zu sein. Und dann sind da noch die „Idioten“: Die Kosmopoliten sind in Wirklichkeit Snobs, die Multikulturalisten sind in Wirklichkeit Salon-Kolonialisten, die Staatenlosen sind Leute, die versuchen, sich interessant zu machen … Und Nationalisten sind wir alle und von jeder Art, von Mistkerlen bis hin zu Lichtwesen. Fehl am Platz? Zweifellos, alle und jede einzelne.
Wie könnte es auch anders sein? Wir müssen uns nur vorstellen, dass abseits der spanischen Leidenschaft und der argentinischen Wildheit Tausende von Bask*innen, die in diesem Spiel nichts zu verlieren haben, Argentinien anfeuern werden. Und wenn wir verlieren – egal, ob die echten Argentinier oder die opportunistischen Unterstützer*innen – ist das kein Problem, wir nehmen es sportlich. So wie Asiron es hingenommen hat, die Bildschirme aufstellen zu müssen, weil die Mehrheit des Stadtrats dies gegen seine Stimme so beschlossen hat. Denn eine wichtige baskische Erfahrung lautet: Wir haben nach und nach gelernt und verstanden, dass man öfter verliert als gewinnt, und das hat uns zu einem besseren Volk gemacht. (naiz-baskultur)
(2026-07-19)
DER GESTOHLENE SPORT
Bereits vor dem Finale sind die Rollen verteilt: die meisten Tore, die beste Abwehr, der brillanteste Star, Kapitalisten-Freunde, die größten Versager, Friedens-Preisträger, das längste Spiel einer WM, Kriegsminister, Kapitalisten-Feinde, die treueste Fangemeinde, der korrupteste Verband der Welt … auffällig bei diesem Global-Turnier ist, dass es die für Fußball so typischen Fan-Ausschreitungen nicht gab, die Gründe dafür liegen sicher nicht allein darin, dass die superteuren WM-Reisen maximal 1% der Welt-Bevölkerung vorbehalten sind (die 98% der Welt-Ressourcen kontrollieren), sondern auch daran, dass die Yankee-Polizisten keine Schwächlinge sind, sondern scharf schießen. Fußball war ein Arbeitersport, auf dem Platz und auf der Tribüne, in den meisten Orten ist das so geblieben. Doch das wichtigste aller Turniere wurde den Massen geklaut und zu einem kapitalistischen Spektakel gemacht. Keinem Geringeren als Diego Armando Maradona wird der Satz nachgesagt: „Die FIFA ist eine Mafia, eine Sekte. Der Fußball ist korrumpiert“ – nie war dies so real wie heute.
Auch auf persönlicher Ebene sind die Rollen verteilt: zwischen Einzelstars und Kollektivspielern, Genialitäten und Brutalitäten, Überraschungen und Enttäuschungen, Sexismus-Verdächtigen und Verteidigern des Frauen-Fußballs. Der schwarze Katalane Jamal agiert gegen Rassismus und stellt fest, der Fußball habe eine integrative Dynamik – das Gegenteil wagt sich im Turnier-Lager niemand auszusprechen (Gedanken sind frei), weil der verlogene Weltverband in seinen Propaganda-Kampagnen den globalen Soft-Anti-Rassismus auf seine buntesten Fahnen geschrieben hat. Der Schwabe Jürgen Klopp (künftiger Deutschland-Retter) outet sich als einer der wenigen als Linker, der den Sozialstaat verteidigt und trotz Millionen-Einkünften keine private Krankenversicherung hat. Der Galicier Borja Iglesias spricht Klartext über die Ticketpreise für das WM-Finale: „Eine Schande“. Der iberische Nationalspieler hat in den sozialen Medien ein Bild geteilt, auf dem zu sehen ist, wie viel auf verschiedenen Plattformen gezahlt wird, um im MetLife Stadium das Endspiel zu verfolgen: nichts für 98% der Welt-Bevölkerung.
Borja Iglesias entspricht nicht dem Klischee eines Elite-Fußballers. Der Spieler von Celta Vigo und Angreifer der „Roten“ (das Trikot, nicht die politische Haltung), die am heutigen Sonntag in New York um den Titel aller Titel kämpfen werden, hat sich stets dafür entschieden, aus der reaktionären Normalität auszubrechen, in der ein Großteil seiner Berufskollegen lebt. Stattdessen bezieht er öffentlich zu vielen Themen des Alltags Stellung zu, die mit Fußball scheinbar wenig zu tun haben. Nicht einmal vor dem Finale hält er sich zurück. Stunden vor dem Spiel, das die Aufmerksamkeit der Fans auf der ganzen Welt auf sich zieht, hat der aus Santiago de Compostela stammende Fußballer auf seinem Instagram-Profil den Grundriss des Stadions geteilt, in dem das Spiel stattfinden wird – das MetLife Stadium in New Jersey, die Heimstätte zweier Clubs der NFL – zusammen mit den Preisen, die die Tickets auf Weiterverkaufs-Plattformen derzeit erreichen. Dazu die klare Botschaft: „Eine Schande“.
Auf dem von Borja Iglesias geteilten Plan sind die Beträge in Dollar zu sehen, die Fans, die noch in letzter Minute einen Platz ergattern wollen, zahlen müssen, um das Finale live mitzuerleben. Laut Daten von „SeatGeek“ liegen die Preise für Tickets für das WM-Finale bei den Wiederverkaufs-Plattformen im Durchschnitt bei 12.751 Dollar und übertreffen damit sogar die 10.540 Dollar der Super Bowl 2024. Diese exorbitanten Zahlen treiben die von der FIFA selbst festgelegten Preise, die für die große Mehrheit ohnehin unerschwinglich sind, noch weiter in die Höhe. „Fußball ist der größte Bankraub der Sportgeschichte“, hätte Eduardo Galeano vielleicht gesagt, wenn er noch leben würde. Trotz seiner großen Liebe zum Spiel übte Galeano scharfe Kritik an der Kommerzialisierung und den "Technokraten" des Sports. Er verabscheute die Gier nach Profit, die Angst vor dem Verlieren, die den Fußball zu einem reinen Spektakel verkommen ließ, sowie korrupte Strukturen wie die FIFA. Er sah die Gefahr, dass die Bürokratie und der Zwang zur Effizienz die Schönheit und die Unschuld aus dem Sport vertreiben. Dabei war Galeano kein Hellseher. Der Kapitalismus hat den Massen den Fußball geklaut. (baskultur)
(2026-07-18)
DER VERSTECKTE PROFIT DER FIFA
Fußball ist ein Arbeitersport. Die Eintrittskarten für das Finale passen allerdings überhaupt nicht zu dieser Tradition. Der Mindestpreis für einen Platz im MetLife-Stadion liegt bei fast 7.500 Dollar, die besten Plätze kosten über 30.000 Dollar, auf der offiziellen Wiederverkaufs-Plattform wurden sogar Angebote in Millionenhöhe geschaltet – mit einem Kleingedruckten, das nur wenige kennen. – Wenige Tage vor dem WM-Finale kostet der Eintritt ins MetLife-Stadion mindestens 7.380 Dollar (6.450 Euro). Dabei handelt es sich weder um einen Platz direkt am Spielfeldrand noch um eine Loge oder ein exklusives Erlebnis mit Catering und privatem Zugang. Es ist einer der Plätze der Kategorie 2, die die FIFA in letzter Minute freigegeben hat, um einer Nachfrage gerecht zu werden, die letztendlich alle Prognosen übertroffen hat. Dieser Preis allein erklärt bereits einen Großteil der schlimmsten Preistreiberei eines Finalspiels in der Geschichte. Darüber liegen Plätze der Kategorie 1, die bis zu 19.995 Dollar kosten, in den vorderen Bereichen sogar bis zu 32.970 Dollar. Die offiziellen Hospitality-Pakete steigen auf etwa 34.500 Dollar pro Person. Und auf dem von der FIFA selbst genehmigten Weiterverkaufs-Markt, auf dem jeder Verkäufer den Preis selbst festlegen kann, haben die Zahlen jeglichen Bezug zur Realität verloren.
DAS TROPHY-LOUNGE-PAKET FÜR 29.000 DOLLAR
Vor einigen Monaten tauchten vier Plätze hinter einem der Tore im unteren Rang des Stadions auf, die für jeweils fast 2,3 Millionen Dollar angeboten wurden. Das Gesamtpaket überstieg neun Millionen. Das bedeutet nicht, dass sie verkauft werden sollten, und der Preis lag weit entfernt vom tatsächlichen Wert des Platzes. Aber die Anzeige blieb auf der offiziellen Plattform bestehen und verdeutlichte besser als jedes andere Bild den Markt, der rund um das Spiel entstanden ist. Tage vor dem Finale bewegt sich die Preisspanne der Anzeigen auf dem FIFA-Portal weiterhin zwischen 7.440 Dollar und Beträgen nahe 11,5 Millionen.
Das MetLife-Stadion hat sich zu einer Profit-Skala entwickelt. Im oberen Bereich finden sich noch die günstigeren Optionen, auch wenn man Tickets für über 7.000 Dollar nur mit vielen Anführungszeichen als „günstig“ bezeichnen kann. Die zweite Ebene umfasst einen Großteil der mittleren Plätze und der Kategorien, die am schwierigsten abzugrenzen sind, da die Einstufung der FIFA nicht immer exakt mit den drei Tribünen-Ringen des Stadions übereinstimmt. Ein und dieselbe Kategorie kann je nach Nähe zum Spielfeld-Mittelpunkt, zu den Toren und den für jedes Spiel festgelegten Begrenzungen auf verschiedene Höhen und Sektoren verteilt sein. Im unteren Ring schießt der Preisunterschied in die Höhe. Die zentralen Sitzplätze und die ersten Reihen gehören zu den teuersten Kategorien. Dort hat die FIFA sogar neue Tickets – keine aus dem Wiederverkauf – zu Preisen zwischen 19.995 und 32.970 Dollar verkauft. Das heißt, der offizielle Preis selbst kann den Ausgangswert eines Tickets der Kategorie 1 – dessen Verkaufspreis zu Beginn bei etwa 6.730 Dollar lag – aufgrund des während des Turniers angewandten variablen Preissystems fast verfünffachen.
Das Finale hat daher keinen einheitlichen offiziellen Preis mehr. Er hängt vom Zeitpunkt des Kaufs, von der Verfügbarkeit, die die FIFA freigibt, von der Kategorie, dem Sektor und der zu diesem Zeitpunkt bestehenden Nachfrage ab. Zwei Fans, die in ähnlichen Bereichen sitzen, können sehr unterschiedliche Beträge für den Besuch desselben Spiels bezahlt haben. Und dann ist da noch die oberste Ebene des Geschäfts. „Hospitality“-Pakete ersetzen die Eintrittskarte durch ein „Erlebnis“. Sie umfassen Empfangsbereiche, Verpflegung, Getränke, persönliche Betreuung und je nach Art des Pakets Parkplätze, bevorzugten Zugang oder private Bereiche. Einige Logen werden an Unternehmen vermarktet und geben keinen öffentlichen Preis pro Sitzplatz an. Die für das Finale verfügbaren Einzelpakete haben jedoch einen Preis von etwa 34.500 Dollar erreicht – eine Summe, die das Spiel in die Liga der großen Luxusveranstaltungen rückt. Das sind nicht gerade Preise, die man sich in der Arbeiterklasse leisten kann.
DREIMAL KASSIEREN … FÜR DIESELBE KARTE
Der Schlüssel des Verkaufs-Systems liegt nicht nur darin, wie viel der wohlhabende Fan bezahlt, sondern auch darin, wer jedes Mal Geld erhält, wenn eine Eintrittskarte den Besitzer wechselt. Die FIFA erhält Geld aus dem Erstverkauf. Wenn der Besitzer anschließend beschließt, dieselbe Eintrittskarte auf dem offiziellen Sekundärmarkt anzubieten, erhebt der Weltverband eine Provision von 15% vom Verkäufer. Dazu kommen weitere 15% vom Käufer. Die Organisation kassiert somit dreimal für ein und denselben Platz: beim Erstverkauf und an beiden Enden des Weiterverkaufs. Dieses Modell ist in den Vereinigten Staaten legal, wo der Weiterverkauf von Eintrittskarten mit Gewinn erlaubt ist. Es schützt den Käufer zudem vor Fälschungen und illegalen Geschäften. Doch es hat einen Widerspruch geschaffen, der kaum zu übersehen ist: Die Organisation, die den Markt ordnen und kontrollieren soll, ist gleichzeitig die oberste Profiteurin des Preisanstiegs.
Die FIFA behauptet, dass sie nicht bestimmt, welchen Preis jeder Nutzer auf ihrer Wiederverkaufs-Plattform verlangt. Das stimmt. Allerdings erhebt sie einen Prozentsatz auf diesen Betrag. Sie legt die zwei Millionen nicht fest, aber wenn jemand sie bezahlt, erhält sie ihren Anteil. Inmitten dieses Wettlaufs tauchte diese Woche ein unerwartetes Problem auf. Das Landgericht Frankfurt gab einer von Ticombo (in Deutschland ansässige Weiterverkaufs-Plattform) beantragten einstweiligen Verfügung statt und wies die FIFA an, bestimmte Praktiken auf ihrem Sekundärmarkt einzustellen. Der Beschluss erklärt nicht die gesamte FIFA-Plattform für rechtswidrig, macht bereits getätigte Verkäufe nicht ungültig und wird auch keine praktischen Auswirkungen auf das Finale am Sonntag haben. Seine Reichweite ist auf Deutschland beschränkt. Er verpflichtet die FIFA jedoch, den Käufer vor Abschluss der Transaktion über die Identität und die Anschrift jener Verkäufer zu informieren, die gewerblich tätig sind.
Die deutsche Front ist nicht die einzige. Die Staatsanwaltschaften von New York und New Jersey haben am 27. Mai eine Untersuchung zu den Verkaufspraktiken der FIFA für die im MetLife Stadium ausgetragenen Spiele eingeleitet und formelle Anfragen an den Verband gerichtet. „Niemand darf dazu manipuliert werden, überhöhte Preise für Sitzplätze zu zahlen“, kritisierte die Staatsanwältin von New York, Letitia James, bei der Ankündigung der Untersuchung. „Die Fans müssen darauf vertrauen können, dass sie genau die Tickets erhalten, die sie gekauft haben.“ Der Fall kam ins Rollen, nachdem sich Fans beschwert hatten, sie hätten andere Plätze erhalten als die, die sie zu kaufen dachten. Einige Kunden bezahlten Tickets der Kategorie 1, die als dem Spielfeld am nächsten gelegenen Bereiche beworben wurden, wurden aber in weiter hinten liegende Bereiche der Kategorie 2 eingeteilt. Die Behörden untersuchen zudem, ob die Art und Weise, wie die FIFA die Tickets freigab und deren Verfügbarkeit kommunizierte, dazu beigetragen haben könnte, die Preise künstlich in die Höhe zu treiben. Fußball war einmal ein Arbeitersport. (marca-baskultur)
(2026-07-18)
PALÄSTINA-SOLIDARITÄT BEI WM
Fußball-WM in USMEKA, 48 Länder sind am Start, so viele wie nie zuvor. Die große Mehrheit macht sich keine Hoffnungen auf große Erfolge, allenfalls einmal eine vorrübergehende Überraschung. Einmal dabei sein, wer weiß, wann wieder. Das Schaufenster nutzen, Geschichte schreiben, und sei es nur nach innen. Wer dabei ist, steht im Rampenlicht, doch das gilt seltsamerweise auch für einige Abwesenden. Wie Welt-Fußball-Macht Italien zum Beispiel konnte sich nicht qualifizieren. Russland hätte gekonnt, durfte aber nicht, wegen des politischen Bannstrahls aufgrund des Ukraine-Krieges. Nicht alle, die Krieg führen – oder gar einen Völkermord vollziehen – wurden von der Qualifikation ausgeschlossen: Israel könnte in USMEKA dabei sein, ebenso wie Palästina, das in der Qualifikation ebenfalls gescheitert ist. Von diesen bekannten Abwesenden ist ausgerechnet das kleinste und machtloseste Land stark präsent, auch wenn die bürgerlichen Medien nichts unversucht lassen, diese Präsenz so minimal es geht zu halten. „In den WM-Stadien ist die Palästina-Solidarität sehr präsent, in Deutschland wird darüber nicht berichtet. Das ist ein Armutszeugnis“, resümiert ein WM-Kommentar in der deutschen Tageszeitung taz:
Am letzten Spieltag der Vorrunde war es wieder so weit: Bei Bosnien-Herzegowina gegen Katar hielten Fans palästinensische Flaggen, riefen „Free Palestine“-Chants und marschierten vorab mit Palästina-Rufen durch die Stadt. Die globale Palästina-Solidarität ist eine große Tradition dieser Vorrunde geworden; vor allem bei Partien mit arabischer oder muslimischer Beteiligung, aber durchaus auch bei anderen Fans. In Mexiko gab es zum WM-Start Demos zum Thema, in Kanada eine Aktion für einen Ausschluss Israels. Wer die WM in deutschen Medien verfolgt, wird vieles davon nicht mitbekommen haben. Denn über die größten Stadionproteste beim Turnier schweigen sie. Überraschend ist das angesichts von Deutschlands Rolle nicht, aber ein Armutszeugnis. Dass während der WM der Völkermord an den Palästinenserinnen weiterläuft und Hauptgastgeber USA ihn maßgeblich finanziert, ist nicht mal Thema. Als gebe es die Toten nicht, darunter viele Fußballer. In postkolonialen Staaten ist das anders. Während der WM stellte ein UN-Report fest, dass Israels Tötung palästinensischer Kinder seit dem Waffenstillstand ein Beleg für fortlaufenden Genozid sei. Laut UNICEF wird im Schnitt jeden Tag ein palästinensisches Kind getötet.
PROTESTE GEBEN HOFFNUNG
Der Druck auch auf die FIFA für Sanktionen steigt. Die spielt dabei ein doppeltes Spiel: Sie verweigert sich gegen Sanktionen und arbeitet mit Trump und dessen „Friedensrat“ in Gaza zusammen. Sie ist mitschuldig. Gleichzeitig erlaubt sie Palästina-Flaggen als vermeintlich unpolitisch; eine Israelflagge dagegen wurde von einem Ordner entfernt. Die FIFA sucht den Weg des geringsten Widerstands. Doch die Proteste geben Hoffnung, dass sie damit vielleicht nicht durchkommt. Dass Menschen nicht vergessen sind. Die Proteste, die es auch schon zur Katar-WM gab, haben vielfältige Wurzeln. Bei Marokkos Fans sind sie Protest gegen den Kuschelkurs der eigenen Regierung mit Israel auf dem Rücken der Palästinenser:innen. In Bosnien erwächst die Solidarität aus der eigenen Erfahrung mit Genozid. Die Bewegung ist heterogen, fehlerhaft und eine politische Querfront. Aber sie ist wichtig. Sie passt zu einer WM, in der sich außereuropäische Staaten auch sportlich ermächtigen. Die Flaggen tauchten in der KO-Runde wieder auftauchen, nicht zuletzt bei den Ägypten-Spielen. Und es ist armselig, dass es in Deutschland jenseits von Social Media weder Haltung noch Diskurs dazu gibt. (taz-baskultur)
(2026-07-17)
UNERWARTETE BEDROHUNG FÜR WM-FINALE
Seit die Weltmeisterschaft in USMEKA begonnen hat, treiben dunkle Wolken über dem Austragungs-Verband, der FIFA. Falsche Entscheidungen, Rote Karten kapitalistische Exzesse und politische Einmischung sorgen dafür, dass der Himmel nicht aufhellt. Nun, wo das skandalöse Turnier vor seinem Finale in New Jersey steht, kommt eine besonders dunkle Wolke dazu, in Form eines Fragezeichens: Kann das Finale überhaupt stattfinden? Dieses Mal ist es kein Skandal, der diese ätzende Wolken in den Yankee-Osten getrieben hat. Es ist eine Tatsache, die für den Friedenspreis-Vergeber Trump überhaupt nicht existiert: die Klimakatastrophe und ihre Folgen. Denn im 600 Kilometer entfernten Kanada brennt es, an 600 verschiedenen Stellen, auf einer Fläche von 2 Millionen Hektar, 100 Brandherde sind außer Kontrolle. In einigen Regionen des riesigen Landes hat dies dazu geführt, dass die Alarmstufe für schädliche Luftverschmutzung auf der höchsten Stufe liegt: 10 von 10.
Im südlichen Nachbarland hat die Umweltschutz-Behörde (EPA) im gesamten Gebiet, das sich von den Großen Seen bis zur Ostküste erstreckt, schädliche Luftverschmutzungs-Werte gemessen. Die EPA verfügt über ein System zur Messung der Luftqualität, wonach ein Wert über 150 als „gesundheitsschädlich“ und ein Wert über 300 als „gefährlich“ gilt. In einigen Gebieten des Mittleren Westens, beispielsweise in Minneapolis, wurde am Mittwoch ein Wert von 287 erreicht. In New York City, wo der Rauch zu sehen und zu riechen war und wo die Behörden Warnungen wegen Luftverschmutzung herausgaben, lag der Wert bei „nur“ 192. Die Luftqualität hat bereits zu Flugverspätungen in der gesamten Region geführt. Eine riesige Rauchwolke, die den gesamten Himmel verdeckt, verbreitet sich mit dem Wind in alle Richtungen und kam auch in New York an. Als die Metropole am Donnerstag erwachte, war sie kaum wiederzuerkennen. Die Skyline von Manhattan verschwand hinter einer dichten bräunlichen Wolke, und die seit der Pandemie fast in Vergessenheit geratenen Masken tauchten auf den Straßen wieder auf. Drei Tage vor dem WM-Finale haben die Waldbrände in Kanada das größte Sportereignis der Welt einer unerwarteten Bedrohung ausgesetzt.
Die Behörden überwachen die Luftqualität stündlich … und die Prognosen sind optimistisch, doch die endgültige Entscheidung hängt davon ab, was sich am Sonntag am Himmel über New Jersey abspielt. „Man sollte nicht im Freien trainieren, wenn die Luftqualität gefährliche Werte erreicht. Ich würde eine überdachte Anlage mit sauberer Luft suchen“, empfiehlt– Courtney Howard, Notärztin und Vertreterin der „Global Climate and Health Alliance“. Die Sorge ist da, aber bei der FIFA spricht niemand von einer drohenden Absage – hier ist man es gewohnt, den Ball auf die Tribüne zu schießen. Dennoch hat der Rauch der Waldbrände in Kanada das MetLife-Stadium unter ständige Beobachtung gestellt. Nicht, weil die unmittelbare Gefahr einer Absage besteht, sondern weil die Luftqualität zum Faktor geworden ist, der den Gesundheits- und Wetterbehörden in New York und New Jersey die größten Sorgen bereitet. Abgesehen von der Luftverschmutzung war es am Mittwoch in New York sehr heiß, mit einer gefühlten Temperatur von vierzig Grad.
All diese drohenden Zahlen sind noch weit entfernt von dem, was im Juni 2023 in New York zu erleben war – auch aufgrund einer Rauchwolke, die von den Bränden in Kanada herübergetrieben worden war. Damals stieg der Verschmutzungs-Grad auf 465, die Stadt war in ein seltsames Orange getaucht, wie man es aus Science-Fiction-Filmen kennt. Doch zeigt jener Juni 2023, wohin sich die Bedrohung entwickeln kann.
DER AQI – DIE ENTSCHEIDENDE ZAHL
Die Behörden haben Luftverschmutzungs-Warnungen herausgegeben und empfehlen, körperliche Aktivitäten im Freien einzuschränken und besondere Vorsichts-Maßnahmen zu treffen, insbesondere Menschen mit Atemwegs-Erkrankungen. Hochleistungs-Sport sollte tabu sein. Der Index, den alle im Auge behalten, ist der AQI (Air Quality Index – Luft Qualitäts Index), eine Skala, die die Konzentration von Schadstoff-Partikeln in der Luft misst und die sich je nach Windlage innerhalb weniger Stunden drastisch ändern kann. Es sind jedoch nicht die Bilder des grauen Himmels, die darüber entscheiden werden, ob das Finale stattfindet. Auch nicht der Gestank von Rauch, der bereits in weiten Teilen des Großraums New York deutlich wahrnehmbar ist. Was wirklich zählt, ist der AQI. Wenn dieser Index bestimmte Werte überschreitet, gehen die Gesundheits-Behörden davon aus, dass die Luft für „intensive körperliche Betätigung“ nicht mehr zumutbar ist. Am Donnerstag stuften verschiedene Mess-Stationen die Luftqualität in Teilen von New Jersey zu bestimmten Tageszeiten als „gesundheits-schädlich für empfindliche Personen-Gruppen“ oder sogar als „gefährlich“ ein.
Hier taucht jedoch eine der großen Unbekannten der Weltmeisterschaft auf: Die FIFA hat nie öffentlich erklärt, wo genau die Grenze liegt, ab der ein Spiel wegen Luftverschmutzung verschoben würde. Alles läge angeblich in den Händen der Gesundheits- und Wetterbehörden … und hänge davon ab, ob zu irgendeinem Zeitpunkt ein gesundheits-schädlicher Wert erreicht werde. Trotz der Besorgnis sprechen die Wettermodelle noch für die Austragung des Finales. Trump, die Evangelikalen und verschiedene ausgeschiedene Spieler beten dafür. Die Wetterdienste sagen für Samstag starke Regenfälle und in den frühen Morgenstunden des Sonntags das Eintreffen einer Kaltfront voraus, die einen Großteil des über New York und New Jersey angesammelten Rauchs noch vor Spielbeginn vertreiben könnte.
Aus diesem Grund ziehen weder die Behörden noch die FIFA derzeit eine Verschiebung in Betracht. Allerdings weisen die Expertinnen darauf hin, dass die Entwicklung des Rauchs vom Wind abhängt und sich die Lage schnell ändern kann. Deshalb werden die Messwerte praktisch in Echtzeit aktualisiert. „Es handelt sich um Spitzensportler, die enorme Luftmengen durch ihre Lungen befördern. Sie sollten nicht im Freien trainieren, wenn die Luftqualität gefährliche Werte erreicht. Ich würde eine überdachte Anlage mit sauberer Luft suchen“, erklärte Doktorin Courtney Howard, Notärztin und Vertreterin der Global Climate and Health Alliance, gegenüber der Presse nach dem Training des spanischen Nationalteams im Freien unter einer dichten Rauchdecke. „Die blöden Kanadier“, wird Trump sich denken. „Sie können einfach nicht mit Streichhölzern umgehen und wollen uns den Spaß beim Finale nehmen, weil sie es nicht bekommen haben. Fucking Kanada!“ (marca-elcorreo-baskultur)
(2026-07-17)
VOR GERICHT STELLEN
Die Wogen schlagen weiterhin hoch wegen des umstrittenen politischen Jubels mehrerer argentinischer Spieler nach dem Halbfinale gegen England, die auf dem Rasen ein Transparent entrollten, auf dem stand: „Die Falklandinseln gehören zu Argentinien“. Die Forderung nach einer Bestrafung der Aktion bietet der FIFA eine hervorragende Gelegenheit, einmal mehr ihr Gesicht zu verlieren, indem sie ihre eigenen Regeln missachtet. Die britische Regierung hat die FIFA am Donnerstag aufgefordert, gegen das argentinische Team und die Spieler zu ermitteln, die die argentinische Herrschaft über die umstrittenen Falklandinseln einforderten. Der britische Wirtschaftsminister Peter Kyle bezeichnete das Verhalten der Spieler als „völlig unangemessen“. „Ich hoffe, dass die FIFA ihre Untersuchung gründlich durchführt“, erklärte er. Der argentinische Präsidenten-Faschist Milei hingegen unterstützt die Forderung argentinischer Spieler bezüglich der Falklandinseln: „Berechtigt und rechtmäßig“ – wer etwas anderes erwartet hätte, lebt auf einem anderen Planeten. Schließlich verteidigt Milei die Militärdiktatur, die 1982 den Falkland-Krieg mit ihrer Invasion auslöste.
Einen Schritt weiter ging ein Brief an die FIFA, unterzeichnet von Ed Davey, dem Vorsitzenden der Liberaldemokraten (der drittgrößten britischen Partei), in dem gefordert wird, dass die argentinischen Spieler, die an der Feier mit dem Transparent teilgenommen haben, vom Finale am kommenden Sonntag gegen Spanien „ausgeschlossen“ werden. Diese Forderung sollte mit allen Mitteln unterstützt werden, schließlich wäre es für alle Boykott-fordernden Erdbewohnerinnen eine wahren Freude, zu sehen, wie am Sonntag in New York eine argentinische B-Auswahl von ihrem Finalgegner niedergewalzt wird – ohne ihre Millionäre wie Messi, Julian oder Lautaro. Davey for president – wo auch immer! Der Mann ist schlau und kennt sich aus, er führt das Beispiel der UEFA aus dem Jahr 2024 an, als „die spanischen Spieler Morata und Rodri für ein Spiel gesperrt wurden“, weil sie den Spruch „Gibraltar español“ (Gibraltar ist spanisch) gesungen hatten. Damit hat unser englischer Freund die „spanische Karte“ gezogen. Denn kein Geheimnis ist es, dass es im spanischen Kader ebenfalls gestandene Rechtsradikale gibt. Denn was für die einen Falkland ist für die anderen Gibraltar (und für die Marokkaner Ceuta): Die Argentinier wollen das Archipel im Krieg einnehmen, die Spanier „den Felsen“ annektieren.
PRÄZEDENZFÄLLE
Die FIFA selbst bestrafte 2012 einen südkoreanischer Spieler mit einer Sperre von zwei Spielen, weil er bei den Olympischen Spielen in London ein ähnliches Transparent zu einem Territorialstreit mit Japan gezeigt hatte. Und die Argentinier sind sogar Wiederholungstäter. Bei einem Vorbereitungsspiel im Juni 2014 in Buenos Aires hatten sie bereits denselben Slogan „Die Malvinas gehören zu Argentinien“ gezeigt, wenige Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft in Brasilien. Damals verhängte die FIFA gegen den argentinischen Verband eine Geldstrafe in Höhe von 30.000 Schweizer Franken oder 37.000 Dollar – wie billig das doch sein kann. Doch das ist noch nicht alles. Bei der Weltmeisterschaft 2022 verhängte die FIFA gegen den serbischen Verband eine Geldstrafe in Höhe von 20.000 Schweizer Franken (24.800 Dollar), weil der Verband vor dem Spiel gegen Brasilien im Umkleideraum ein politisches Transparent zum unabhängigen Nachbarstaat Kosovo aufgehängt hatte. Darauf war eine Karte Serbiens zu sehen, die das seit 2008 unabhängige Gebiet des Kosovo einschloss, daneben hing der Spruch „Nicht aufgeben“.
Genug Gründe für eine Strafe im Wiederholungsfall. Die FIFA kann Sanktionen gegen Spieler und argentinischen Fußballverband verhängen, da ihr Disziplinar-Reglement jegliche „für eine Sportveranstaltung unangemessene Botschaft“ in den Stadien verbietet, einschließlich solcher „politischer, ideologischer, religiöser oder beleidigender Art“. Kann – wenn sie sich getraut. Bislang hat ein Sprecher laut BBC bestätigt, dass „wie üblich der unabhängige Disziplinar-Ausschuss der FIFA die Spielberichte auswertet und die relevanten Umstände prüft, bevor er auf der Grundlage des FIFA-Disziplinar-Reglements über weitere Maßnahmen entscheidet“.
Der argentinische Präsident Javier Milei begann einen Eiertanz: einerseits unterstützte er die Fußballer, mahnte jedoch auch, Politik und Sport voneinander zu trennen. Der Faschist versicherte: „Die Malvinas gehören zu Argentinien, und wir werden sie auf diplomatischem Wege zurückgewinnen“. Dieses Gefühl sei in allen Argentiniern verankert, und es sei vollkommen legitim und rechtmäßig, dass sie sich dazu äußern wollen und dies auch tun“, fügte er hinzu. Ja was denn nun? Sport und Politik trennen oder nicht? Milei, der über Trump die besten Kontakte zur FIFA, weiß auch schon, wie der Fall ausgehen wird. In Hinblick auf eine mögliche Sanktion durch die FIFA prophezeite er: „Was auf dem Spielfeld mit den Spielern geschieht, ist kein Teil der Diplomatie. Im schlimmsten Fall wird Argentinien mit einer Geldstrafe von 30.000 Dollar belegt.“ Vielleicht wird vorher auch noch Finalgegner Spanien disqualifiziert. Warum? Weil sie im Halbfinale einen falschen Einwurf gemacht haben. Zum Beispiel. (marca-baskultur)
(2026-07-16)
LINKE UND FUSSBALL
Was machen eigentliche Linke während der Fußball-Weltmeisterschaft? Heimlich alleine im Keller zukucken? Auf eine entlegene Insel ohne Fernsehen reisen? Eine Bezugsgruppe gründen und gemeinsam die Spiele und ihre gesellschaftliche Funktion analysieren? Eine Kolumne für Boykott und Rote Karten schreiben? Oder sich das Trikot überziehen und nationalistischen Exzessen frönen? Ein wahres Dilemma, wo doch sonst alles verteufelt wird, was im Gewand des verhassten Kapitalismus daherkommt. Aber Fußball ist eben auch Droge – und wer mag Drogen schon zu widerstehen? Dass die Leute im Gastgeberland Mexiko fanatisch agieren, versteht sich fast von selbst – aber was machen die Zapatistas in Chiapas. Sind das Mexikaner*innen oder Revolutionäre? Der folgende Text (abgekupfert aus der taz) wirft einen Blick, über den Ozean, über die Grenze, über den Zaun.
Vor langer Zeit besuchten Kickerinnen von den Easton Cowboys and Cowgirls Chiapas. Fußballplätze in entlegenen Dörfern in der südmexikanischen Provinz Chiapas, Orte wie Morelia, 10 Abril und La Garrucha. Bis endlich Zapatisten auf Pferden auftauchten, erinnert sich Beth. „Es sprach sich herum in den autonomen Gebieten, dass wir da waren. Es hieß: Kommt und schaut euch die weißesten Weißen an, die ihr je sehen werdet.“ Und dann wurde gekickt. Meist gegen zapatistische Teams, ausschließlich Männer. Erschöpfend und berauschend. Abends zusammensitzen und über das Leben sprechen, die indigenen Zapatisten in ähnlich holprigem Spanisch wie die Gäste aus Übersee. „Es hat unsere Leben verändert,“ sagt Beth. Aber wie kamen englische Hobby-Kickerinnen überhaupt dazu, gegen revolutionäre Zapatisten Fußball zu spielen? Eine Geschichte, in denen klar wird, dass Fußball viel mehr ist als eine profitgetriebene WM.
2026 wird die Erinnerung verblasst sein, an die Zeit der 1990er und 2000er Jahre, „als Widerstand und Weltfußball einander in Chiapas für kurze Zeit begegneten. Weil Fußball auch ein gutes Vehikel für linke Politik sein kann. Und natürlich, weil auch Zapatisten den Fußball lieben“. Zur Erinnerung: Im Jahr 1994 besetzten im mexikanischen Chiapas an der Südgrenze zu Guatemala überraschend 5.000 Aufständische sieben Bezirks-Hauptstädte. Die indigene Bewegung mit dem militärischen Arm EZLN forderte Landbesitz, Anerkennung ihrer indigenen Rechte und Selbstverwaltung. Der Aufstand wird brutal niedergeschlagen, es kommt zu einem Paradigmenwechsel mit Vorbildfunktion: Die Zapatisten setzen als Ziel nicht mehr den militärischen Sieg, sondern errichten „ein paralleles Gesellschafts-System“. Sie zahlen keine Steuern, entwickeln eine alternative Gerichtsbarkeit, radikale Rätedemokratie, eine antikapitalistische Ökonomie mit Kollektiveigentum und Subsistenz, hohe Geschlechter-Gerechtigkeit, unabhängige Schulen. „Chiapas wird zu einem globalen linken Sehnsuchtsort wie seither vielleicht nur noch Rojava. Zur selben Zeit gründet sich um 1992 in Bristol ein ungewöhnlicher Fußballklub. Viele kommen aus der Hausbesetzungsszene. Eine unübliche Kombination, Linke rümpften damals über Fußball meist die Nase.“
REVOLUTIONÄRE FITNESS
1998 veranstalteten die Easton Cowboys and Cowgirls eine alternative WM. Ein paar Aktivistinnen hatten eine wilde Idee: Nach Chiapas fahren und Soli-Partien gegen die Zapatisten austragen. „Die mexikanische Regierung erlaubte keine Reisen aus dem Ausland in die zapatistischen Gemeinden“, erinnert sich die heute 56-jährige Beth. „Außer für Sport. Das war ein Schlupfloch.“ So reisten sie im Mai 1999 zum ersten Mal, es folgen weitere Besuche. Bei einem ist auch ein Graffiti-Künstler aus Bristol dabei. „Banksy stand im Tor“, erinnert sich Beth. Die Zapatisten verstehen sofort, welchen PR-Wert der Fußball für sie hat. „Sie waren klug. Sie wussten, dass ihr Überleben davon abhing, in den Medien zu bleiben.“ Auch sei Fußball dort als gute Möglichkeit betrachtet worden, sich fit zu halten. Die zapatistischen Teams mit schillernden Namen wie Die Tiger oder Neue Revolution seien starke Gegner gewesen, erzählt Beth. „Sie tranken keinen Alkohol, arbeiteten in Handwerksjobs, viele waren im Krieg von 1994 bei der EZLN.“
INTER MAILAND SPENDET
Mit Fußball sicherten sie sich globale Aufmerksamkeit. Am 15. März 1999 spielte eine Auswahl der EZLN in Mexiko-Stadt ein Freundschaftsspiel gegen mexikanische Ex-Profis, darunter den heutigen Nationaltrainer Javier Aguirre („der Baske“), damals Trainer beim Erstligisten CF Pachuca. „Das muss selbst auf globaler Ebene beispiellos sein“, erinnerte sich 2024 der Sportjournalist Carlos Nava. „Ich habe noch nie von einer revolutionären Gruppe gehört, die im Zentrum des Landes auf einem Fußballplatz auftritt.“ Für ihn ein Zeichen, „dass sich das Land schon an das Zusammenleben mit dem Zapatismus gewöhnt hatte“. Die Zapatisten spielten in Sturmhauben und mit Trikots, die einen roten Stern und die Aufschrift EZLN tragen. Sie unterlagen mit 3:5, vermutlich lassen die Altstars Gnade walten. „Wir haben nicht verloren, uns fehlte nur die Zeit, um zu gewinnen“, kommentierte Subcomandante Marcos in einem gewohnt ironischen Schreiben.
Kurz betrat der zapatistische Fußball sogar die Weltbühne. Inter Mailands Spielerlegende Javier Zanetti, heute Vizepräsident, überredete sein Team 2004 dazu, 5.000 Euro, einen Krankenwagen und Sportutensilien an die EZLN zu spenden – heute kaum vorstellbar für einen Weltklub. Auf Vereinspapier schreibt Zanetti einen Brief. „Wir glauben an eine bessere Welt, eine unglobalisierte Welt. Wir wollen euch in eurem Kampf für eure Wurzeln und eure Ideale unterstützen.“ Keine leeren Worte, nach eigenen Angaben besuchten Vertreter von Inter Mailand bis 2016 zehnmal Chiapas, der Klub finanzierte Bildungsprojekte. „Unser Team spielt nicht nur Playstation“, kommentierte Teammanager Bruno Bartolozzi das ungewöhnliche politische Engagement.
DIE AUFMERKSAMKEIT SCHWINDET
Für die zapatistische Bewegung ein PR-Geschenk. Subcomandante Marcos schrieb 2005 an Inter-Präsident Massimo Moratti – und lud Inter zu einem Spiel gegen die Zapatisten ein. Eine gelungene Social-Media-Kampagne. Der Brief, in dem Marcos sich als Chef der Intergalaktischen Beziehungen des Zapatista-Nationalteams vorstellte und Partien mit Maradona und Sócrates als Schiri vorschlug, deren Erlöse an politische Zwecke gehen sollten, schlug hohe Wellen. „Vielleicht würden wir den Weltfußball revolutionieren, und vielleicht würde Fußball aufhören, nur ein Geschäft zu sein“, schrieb Marcos. Für einen irrwitzigen Moment sah es aus, als würde die Partie wirklich stattfinden. Zanetti nahm die Einladung an, Moratti schrieb einen Antwortbrief mit Zusage. „Jede Revolution beginnt im eigenen Strafraum und endet zwischen den Pfosten des Gegners“, hieß es dort etwas ungelenk. Doch dann wurde nichts daraus. Vermutlich, weil Inter ahnte, dass die mexikanische Regierung und Sponsoren nicht amüsiert wären. So wurde es still um Inter und die Zapatisten.
Und auch sonst verschwand die Aufmerksamkeit für Chiapas. Die Eastern Cowboys and Cowgirls machen 2006 mit einer Basketball-Tour ihren letzten Trip. Bis heute existiert ihre Soli-Organisation Kiptik, die laut Beth bisher insgesamt 150.000 Pfund für Wasserprojekte in Chiapas gesammelt habe. Doch auch Kiptik ist nicht mehr vor Ort tätig. Denn die Lage dort hat sich drastisch verschlechtert. Kartelle, Paramilitärs, staatliche Sicherheitskräfte und Konzerne auf der Jagd nach Rohstoffen schnüren den Zapatisten die Luft ab. NGOs sprechen von einem „Krieg niedriger Intensität“.
WIE VIEL REVOLUTION KANN FUSSBALL?
Auch intern gab es Probleme mit der Rätedemokratie und ihren langwierigen Prozessen. 2023 kündigte die EZLN eine Umstrukturierung mit mehr Fokus auf Lokalem an. Heute hat Beth keine Kontakte mehr. Wegen der Sicherheitslage ist ein Besuch der entlegenen Dörfer kaum mehr möglich. Was bleibt? Wie viel Revolution kann Fußball? „Was wir geschafft haben, sind Verbindungen. Wir haben Freundschaften geschlossen. Politik auf Graswurzelebene.“ Ganz konkret sei erst durch den Fußball die Organisation Kiptik entstanden, die in Chiapas Leben rettete. Und was Fußball nicht kann? „Weltpolitik lösen.“ (Der Text wurde gekürzt und verändert) (taz-baskultur)
(2026-07-16)
FUSSBALL IST KRIEG
Inmitten der argentinischen Extase nach dem Sieg über den Erzrivalen England hielten die Trikot-Zieher ein Plakat mit einer politischen Botschaft hoch, die von der FIFA eigentlich strengstens verboten ist: „Die Malvinas gehören zu Argentinien“. Die Engländer springen natürlich im Dreieck! Tatsache ist, dass es einen Präzedenzfall für vergleichbare Polit-Sünden gibt, weil eine ähnliche Aktion zu einer Sanktion geführt hat. Die Frage ist nur, ob die FIFA den Mut hat, das Team des Faschisten Milei vor den argwöhnischen Augen des Faschisten Trump zu bestrafen.
MALVINEN ODER FALKLAND ?
Malvinen steht für Krieg. Keiner der WM-Kicker von 2026 verpestete damals schon die Luft auf dem Planeten, nicht einmal der alte Messi. Im Jahr 1982, vier Jahre nach der skandalösen WM im eigenen Land, wurde Argentinien von einer Militärdiktatur regiert, die mit einer schweren Wirtschaftskrise und starker gesellschaftlicher Ablehnung konfrontiert war. Um von den innenpolitischen Problemen abzulenken und das Land in einem nationalistischen Taumel zu einen, beschloss die Militärjunta, auf den Falklandinseln (ein britisches Überseegebiet aus der Kolonialzeit) einzumarschieren. Die Condor-Mörder machten geltend, dass die Inseln historisch gesehen zu Argentinien gehörten. Am 2. April übernahmen argentinische Streitkräfte ohne nennenswerten Widerstand die Kontrolle über die Inseln. Die britische Hardlinerin Margaret Thatcher entsandte sofort eine große Marine- und Streitmacht in den Südatlantik. Trotz der großen Entfernung und der rauen Wetterbedingungen wurden sowohl auf See als auch an Land Schlachten ausgetragen. Darunter die Versenkung des argentinischen Kreuzers „General Belgrano“ durch ein britisches U-Boot mit 300 toten Soldaten und die anschließende Versenkung mehrerer britischer Kriegsschiffe durch argentinische Raketen. Den britischen Truppen gelang eine Landung, die argentinischen Streitkräfte kapitulierten am 14. Juni.
So viel zur Geschichte, bei der alle Beteiligten schärfstens zu verurteilen sind: Die Engländer für ihren Kolonialismus, die Argentinier für ihren Militarismus. Es ist müßig, festzustellen, dass den Preis wie so oft die Arbeiterklassen beider Länder bezahlten, die die Soldaten stellen für die Schlächtereien. Messis Vater war nicht unter den Opfern, sonst wäre Argentinien 2026 nicht im Finale. In England (nicht Großbritannien) sollte man das Maul halten, die Milei-Freunde mit ihrem Transparent sollten zu lebenslangem Putzdienst in Armenküchen verurteilt werden. Und was könnte den Tretern wirklich drohen?
Bei den Olympischen Spielen 2012 in London kämpften Südkorea und Japan um die Bronzemedaille. Beim Siegesjubel der Koreaner stach einer aus der Masse hervor. Park Jong-woo hielt ein Plakat hoch, auf dem „Dokdo ist unser Territorium“ stand, womit er auf den Konflikt beider Länder um die Kontrolle einer Inselgruppe anspielte. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) traf eine klare Entscheidung, nachdem der Vorfall als politische Handlung eingestuft wurde: Dem Spieler wurde verboten, das Podium zu betreten, um seine Medaille entgegenzunehmen. Eine kompromisslose Maßnahme, die Argentinien jetzt ebenfalls befürchten könnte, ja müsste. Wenn da nicht die FIFA wäre, die selbst keine Gelegenheit auslässt, Machtpolitik in ihre Entscheidungen einfließen zu lassen.
Angesichts der ergriffenen Maßnahmen im Vergleichsfall müsste Argentinien von der Medaillenverleihung ausgeschlossen und nach der Weltmeisterschaft sanktioniert werden. Wir wagen gar nicht, uns das vorzustellen … Der International Football Association Board (IFAB), der über die Fußball-Regeln wacht, könnte Geldstrafen für den argentinischen Fußballverband (AFA) wegen Verstoßes gegen die Wettbewerbsregeln aussprechen, oder Geldstrafen für die Spieler, die das Transparent gezeigt haben; oder Sperren, falls das Verhalten als schwerwiegend oder als Wiederholungstat eingestuft wird. Davon kann bei den Argentiniern getrost ausgegangen werden. Sperre! Am besten noch vor dem Finale am Sonntag. (marca-baskultur)
(2026-07-15)
WENN DIE BANLIEUE VERLIERT
Frankreich ist Vergangenheit. Zumindest bei der aktuellen Weltmeisterschaft. Das Team der europäischen Spitzenstars erlebte gestern eine bittere Abfuhr von Seiten einer Auswahl von Lokalkickern und Afrikanern, deren Namen bis vor Kurzem kaum jemand buchstabieren konnte. Der spanische Reaktionär Mariano Rajoy hatte die Partie angeheizt mit seiner rassistischen Feststellung, bei Frankreich „spielen gute Kicker, nur keine Franzosen“, in Anspielung auf die vielen Schwarzen im Trikolor-Team. Die Antwort war, diese interkulturelle Mischung sei Hoffnung und Ergebnis der Millionen von Hoffnungslosen aus den Pariser und Lyoner Vorstädten. Eine etwas zynische Antwort, denn klar ist, dass in einer Fußball-Elf nur elf Platz haben, und die Hoffnung der Millionen somit reine Illusion ist. Dennoch ist diese multikulturelle Peripherie Frankreichs angesichts des Aufstiegs der extremen Rechten erneut den WM-Traum hinterhergejagt, den großen Namen wie Mbappe oder Dembele.
Viele hofften, der Triumph der vom Algerier Zidane angeführten Generation im Jahr 1998 würde den rassistischen Sturm eindämmen. Dem war nicht so. So nahm eine neue Generation von Kickern den Traum wieder auf, bestehend aus Jugendlichen aus den „Banlieues“, den Traum, den Titel zu wiederholen – während die extreme Rechte davon träumt, das Land zu regieren. Der Banlieue-Traum fand ein abruptes Ende, der zweite erlebte einen Aufschwung. Während Mbappé und Dembélé den Traum Marokko beendeten, bewaffneten sich 6.000 Kilometer entfernt im Zentrum von Paris Tausende von Polizisten. Die Auswahl gewann zwar, doch wurden unabhängig vom Ausgang des Spiels Zwischenfälle erwartet. Bei einem Sieg bei der WM 2022 kam ein Jugendlicher ums Leben, es gab 300 Festnahmen. Präventiv unterband die Polizei den Verkehr aus den Vororten ins Zentrum, sperrte die U-Bahn und schränkte den Straßenverkehr ein. Dazu eine Ausgangssperre für Minderjährige unter 16: Maßnahmen wie im Krieg. Damit gelang es, die Brennpunkte auf die Banlieue, die Vororte der Hauptstadt, zu beschränken. Dort, wo eigentlich alles begann.
Das Stade de France in Saint-Denis wurde für die Weltmeisterschaft 1998 erbaut. Zudem wurde ein weiteres Ziel verfolgt: die Wiederbelebung eines Ortes, an dem die enormen Ungleichheiten spürbar waren, Ergebnis der Migration aus den ehemaligen Kolonien. Der Name verlieh einen patriotischen Charakter: Stade de France. Doch die knapp zehn Kilometer, die das Stadion vom Triumphbogen trennen, vervielfachen sich, wenn es um Lebensstandard und Entwicklungsindex geht. Fußball konnte diese Kilometer symbolisch verkürzen – und tat dies mit Erfolg: Frankreich gewann seine erste WM gegen Brasilien. Mit einer multikulturellen Auswahl unter der Führung von Zinedine Zidane, die unter dem Motto „Black-Blanc-Beur“ (Schwarz-Weiß-Butter) in die Geschichte einging. Der Sieg vertrieb in politischer Hinsicht das Gespenst der extremen Rechten um Jean-Marie Le Pen, der sich von einer Randfigur zu einem Kandidaten entwickelt hatte und bei den Wahlen drei Jahre zuvor 15% der Stimmen erreicht hatte. Der Gewinn der Weltmeisterschaft sollte den Sturm eindämmen, so die Hoffnung.
Mehr als eine Million Menschen versammelten sich in jener Nacht auf den Champs-Élysées. Es hagelte Superlative zur Integration. „Der Triumph der Vielfalt und des friedlichen Zusammenlebens“, titelte die Presse. Es gab sogar Vergleiche mit der Menschenmenge, die sich nach der Befreiung von Paris im August 1944 versammelt hatte. Ähnliches spielte sich in Zidanes Marseille ab, im postindustriellen Norden, im touristischen Süden. Sogar auf Guadeloupe, in Guyana und in Saint-Denis selbst. Die idyllische Postkarte zeigte Polizisten, die singend junge Menschen umarmten, denen die Flagge ins Gesicht gemalt war, und die die Rückkehr der alten französischen „Grandeur“ bejubelten. Präsident Chirac empfing die Weltmeister im Élysée-Palast – das perfekte Bild. Die Rhetorik des neuen, weltmeisterlichen Frankreichs ließ sich leicht und schnell verkaufen, doch der fußballerische Lorbeer verwandelte sich in eine Illusion, da der Erfolg weder das soziale Versagen noch den bevorstehenden politischen Sturm überdecken konnte: 2002 überholte der Patriarch der Le Pens die Sozialdemokratische Partei und schaffte es in die Stichwahl, während auf den Straßen die Lage eskalierte. Im Jahr 2005 geriet das Departement Seine-Saint-Denis erneut in die Schlagzeilen, nicht wegen der Auswahl. Drei Wochen lang setzte eine Welle der Wut den Ort nach dem Tod zweier von der Polizei verfolgter Jugendlicher in Brand und breitete sich auf die Vororte anderer Städte aus wie eine mit Benzin getränkte Zündschnur.
All das erlebte ein 7-jähriger Junge hautnah mit, geboren in den Monaten nach der WM 1998. Er hieß Kylian Mbappé und lebte in Bondy, einem Vorort im selben überbevölkerten Departement wie Saint-Denis, der Wiege von Spitzenfußballern mit Migrationshintergrund. Ein Ort, an dem Begriffe wie Stigma oder Armut keine Fremdwörter sind, ebenso wenig wie die Graffitis an den Wänden, die von Ghetto und Apartheid erzählen. Im Herbst 2005 lieferten sich Jugendliche aus Bondy Auseinandersetzungen mit der Polizei vor Gebäuden, an denen Jahre später Wandgemälde von Mbappé zu sehen sein sollten, oder neben Plätzen, auf denen Kylian, Sohn eines kamerunischen Trainers und einer Handballerin algerischer Abstammung, mit dem Fußballspielen begann. 2002 und 2006 waren WMs zum Vergessen. 2010 in Südafrika brach ein interner Konflikt aus, der in einer Meuterei der Spieler gipfelte. Niederlage, interne Beleidigungen, Indiskretionen, Dominoeffekt: der Star Nicolas Anelka wurde mitten im Turnier nach Hause geschickt, das Team streikte beim Training, Ergebnis: mit einem Skandal im Gepäck nach Hause.
Der nächste Skandal drehte sich um einen weiteren Sohn algerischer Einwanderer: Karim Benzema, eng mit seinem ursprünglichen Umfeld in seinem Viertel in Lyon verbunden, er sang die Marseillaise nicht mit, wenn sie vor den Spielen erklang. Ausschluss aus der Nationalmannschaft, später ein Jahr Haft wegen Erpressung eines Kollegen. Der Innenminister beschuldigte den in Spanien erfolgreichen Kicker als radikalen Islamisten. In einem Interview sagte Benzema: „Wenn ich Tore schieße, bin ich Franzose. Wenn nicht, bin ich Araber.“ Zu wenig für einen echten Franzosen. Das Wunderkind Mbappé wuchs heran. 2018 gewann Mbappé, damals 19, seine erste WM. Bei diesem Turnier verstärkte ein deutlich sichtbarer Trend: Eine große Anzahl von Spielern entscheidet sich – obwohl in Frankreich geboren – dafür, für die Auswahl ihrer familiären Herkunft zu spielen. Die Entscheidung zeugt von einem Überangebot an Talenten in den französischen Vororten, aber auch von einer Entwurzelung gegenüber dem Zielland der familiären Migration, inmitten eines feindseligen politischen Umfelds. Le Pen – mittlerweile die Tochter Marine – profitierte davon: Bei den Wahlen 2017 gelang ihr der große Sprung: Stichwahl und 33% der Stimmen, mehr als zehn Millionen Franzosen. Die Pandemie brachte keine gesellschaftliche Versöhnung; im Gegenteil, neue Unruhen, bei den Wahlen 2022 gewann die extreme Rechte noch mehr Macht, während die traditionellen Parteien zerschlagen wurden. Macron gewann die die Stichwahl gegen Le Pen, die 41% erhielt, Frankreich erreichte erneut das Finale. Doch ein Außerirdischer namens Messi verwehrte Frankreich den Triumpf.
In einem Video ist der 12-jährige Mbappé zu sehen, mit jenem Gesicht, das sich in 15 Jahren kaum verändert hat –, wie er auf einem staubigen Feld in die Kamera sagt: „Die besten französischen Spieler sind alle Schwarze oder Araber, außer Platini und Cantona.“ Stürme von Hass fegen durch die Kommentare – Zeichen der Zeit, doch die Botschaft bleibt bestehen. Nicht das WAS, sondern das WIE und das WARUM – warum ein Jugendlicher diese Unterschiede in einem Interview auf den Punkt bringen muss. Wie in einem widersinnigen Krieg ohne Namen kommen die Zusammenstöße bei jeder Fußballfeier zum Vorschein. Der Club PSG hat die letzten beiden Champions-League-Titel gewonnen, das Ritual aus Zwischenfällen und Zerstörungen hat sich wiederholt. Bei der diesjährigen Feier forderten die Ausschreitungen einen Toten, 200 Verletzte und 900 Festnahmen in 70 Städten eines Landes, das in Flammen stand. Bis gestern war die Spannung groß, ob das Team von Mbappé, dem Anführer einer Gruppe von Jugendlichen aus Familien der ehemaligen Kolonien, das Finale erreicht. Die Antwort lautet nein. Ausschreitungen, so oder so. Gleichzeitig läuft die Wahlmaschinerie im Hinblick auf 2027 auf Hochtouren, in der Luft hängt die Frage: Was wird passieren, wenn die extreme Rechte an die Macht kommt? Keine Hoffnung für die Banlieue. (eldiario-baskultur)
(2026-07-14)
HEUTE SOLLTE RUSSLAND GEWINNEN
Die Botschaft der rechts-baskischen PNV-Partei wenige Stunden vor dem entscheidenden Spiel Spanien gegen Frankreich: Die Partei des Ministerpräsidenten veröffentlicht einen Tweet in den sozialen Netzwerken, in dem sie an die vor einigen Wochen durch Imanol Pradales ausgelöste Kontroverse erinnert. Spanien und Frankreich spielen an diesem Dienstag um einen Platz im WM-Finale, das am Sonntag in New Jersey (USA) ausgetragen wird. Und die PNV wollte in ihren sozialen Netzwerken daran erinnern, dass ihre Auswahl die „Euskal Selekzioa“ sei. „Gurea, Euskal Selekzioa!“, ist neben einem Bild der baskischen Auswahl aus ihrem letzten Freu ndschaftsspiel zu lesen. Eine Botschaft, die an die Linie anknüpft, die Lehendakari Imanol Pradales erst vor wenigen Wochen vorgegeben hatte, als er nach der Möglichkeit gefragt wurde, dass die „Roja“ im Stadion San Mamés spielen könnte, er antwortete: „Ich würde mir wünschen, dass sie gegen das Baskenland spielen.“
Vor einigen Jahren, im Jahr 2008, setzte sein Vorgänger Urkullu bei der Europameisterschaft auf Russland, die dann schließlich von der „Roja“ unter Luis Aragonés gewonnen wurde. „Da das Baskenland nicht mitspielt, bin ich für Russland“, erklärte er vor dem Halbfinale, in dem das mittlerweile ausgeschlossene Land gegen Spanien antrat. Die Wette ging schief, da die „Roten“ mit einem Kantersieg (3:0) ins Finale einzogen. In jüngerer Zeit, bei der Europameisterschaft 2021, bei der der Austragungsort in Spanien wegen der Coronavirus-Pandemie von Bilbao nach England verlegt wurde, versicherte der damalige Vorsitzender der PNV, Andoni Ortuzar, dass er „auf England“ setze. Warum eigentlich nicht. Alles, nur nicht Spanien und Frankreich (baskultur)
(2026-07-14)
KEINE RIESENLEINWAND IN PAMPLONA
Ausgerechnet! Ausgerechnet die Auswahlteams des spanischen und des französischen Staates (so die baskische Sprachregelung) stehen sich im WM-Halbfinale gegenüber. Ausgerechnet. Was spanische und französische Nationalisten zum Kochen bringen kann, macht baskisch-navarrische Gemüter eher depressiv. Sicher: auf beiden Seiten ist baskische Beteiligung garantiert, doch tröstet das keinen, solange sie nicht im Trikot der Euskal Selekzioa auflaufen dürfen. Die Begeisterung vor dem Spiel ist somit relativ einseitig. Nicht nur deshalb hat der örtliche Zivilschutzausschuss von Iruñea die Möglichkeit geprüft, am heutigen Dienstag, dem 14. Juli, im Japanischen Park Yamaguchi einen Riesenbildschirm aufzustellen, um das Spiel der beiden Auswahlen zu verfolgen.
Dies war von der PSN vorgeschlagen worden, nachdem es von rechten, spanisch-orientierten Kräften die üblichen Forderungen in diese Richtung gegeben hatte. Der Ausschuss hält dies für gefährlich, es stehen nicht genügend Einsatzkräfte zur Verfügung. Deshalb rät er von der Aufstellung dieser Leinwand an diesem konkreten Datum ab, aus Sicherheitsgründen, aufgrund von sanitären Vorkehrungen. Spanien gegen Frankreich: für viele Leute aus dem Baskenland und Navarra ist dies ein Spiel, das – egal wer gewinnt – immer die Basken verlieren, weil sie keine eigene Auswahl ins Rennen schicken können. Vor zwei Jahren, ebenfalls am 14. Juli, wurde auf dem Yamaguchi-Platz bereits eine Großbild-Leinwand anlässlich des EM-Finales zwischen Spanien und England aufgestellt, erinnert die Stadtverwaltung. Doch diesmal haben sich die Umstände jedoch geändert.
Der Zivilschutz-Ausschuss hat zwei Faktoren berücksichtigt: Zum einen ist der Gegner im Halbfinale Frankreich, und zum anderen handelt es sich um den französischen National-Feiertag – zur Erinnerung: der Sturm auf die Bastille löste die Französische Revolution aus. Die heutige Fußball-Gemeinschaft wird davon wenig Ahnung haben, dennoch handelt es sich um einen Tag, an dem viele Franzosen zu Feierlichkeiten strömen, wenn es sein muss im Ausland. Das könnte zu Problemen der öffentlichen Ordnung führen. Zum anderen werden in der Stadt kurz vor dem Spiel 35 Grad erwartet, was auf einem Platz wie dem Yamaguchi, auf dem es kaum Schatten gibt, aufgrund der Hitzewarnungen ein Gesundheitsrisiko mit sich bringt. Hinzu kommen weitere Aspekte im Zusammenhang mit polizeilichen und sanitären Vorkehrungen, da das WM-Halbfinale mit dem Beginn des Stierkampfs in der Arena zusammenfällt und, falls dieser länger dauert, auch mit dem Feuerwerk und sogar dem „Pobre Mí“, dem Abschluss der Sanfermines. Das sind zu viele Großevents im Rahmen der Fiesta, für deren reibungslosen Ablauf reichen die personellen Ressourcen nicht aus. Nicht einmal die Reinigungsdienste zur Säuberung des Areals vor und nach der Veranstaltung sowie die Verfügbarkeit öffentlicher Toiletten können garantiert werden. Also keine Leinwand. Die Españolistas wittern eine anti-spanische Verschwörung, die Basken-Navarrer sind froh, dass der Kelch an ihnen vorbeigeht.
FRAGE NACH DEM FINALE
Im Zivilschutz-Ausschuss wurde bereits erörtert, eine Großbildleinwand in der Stadt aufzustellen, falls die umstrittene spanische Nationalauswahl das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft erreicht. Dieses Finale wäre am Sonntag, dem 19. Juli, um 21 Uhr. Angesehen von der bekannten Ablehnung wären die sonstigen Bedingungen und Umstände anders, da die Sanfermines bereits vorbei sind und es keine Überschneidungen bei Einsatzplänen von Polizei und Rettungskräften gäbe, zudem wäre der Andrang geringer, da nicht mehr so viele Besucher und Touristen in der Stadt wären. Dieses Szenario für das Finale wird ab Mittwoch geprüft, sobald das Halbfinale beendet ist und feststeht, wer sich für das Finale qualifiziert hat. Erst dann sollen die polizeilichen, medizinischen und Reinigungs-Ressourcen organisiert werden, damit alles risikofrei ablaufen kann. In jedem Fall ohne baskische Auswahl. (naiz-baskultur)
(2026-07-13)
OBDACHLOS UND HILFSBEDÜRFTIG
Kansas City gehört zum Bundesstaat Missouri der USA und hat wenig mehr Einwohnerinnen als Bilbo. Die Zahl variiert, wenn Groß-Kansas-City in den Blick genommen wird: zwei Millionen. KS war im US-Bürgerkrieg hart umkämpft und ist heute für seine Jazz- und Blues-Festivals berühmt. Daneben wurde die Stadt von der Geschäfts- und Finanz-Zeitschrift Forbes zu einer der besten US-Städte erklärt, wessen Qualität dabei im Vordergrund steht, lässt sich bei der Ausrichtung der Zeitung leicht vorstellen. Aktuell ist Kansas City auch Schauplatz der sportlich-kommerziellen Auseinandersetzungen um den Titel „Kings oft he World“. Sechs Partien wurden im Arrowhead Stadium ausgetragen: Argentinien + Algerien, Algerien + Österreich, Tunesien + Niederlande und Ecuador + Curaçao, dazu zwei Spiele der Zwischenrunde. Neben dem Medien-Glamour hat die Kriegs-Ersatz-Veranstaltung auch eine ziemlich dunkle, wenn nicht sogar schwarze Seite. Dazu ein Kommentar der Tageszeitung taz:
In der WM-Stadt Kansas City ist die große Zahl der Obdachlosen nicht zu übersehen. Das Turnier hat deren Lage teils verschlimmert, teils verbessert. Das Camp liegt im Wald an einer Schnellstraße verborgen. Ein matschiger Pfad führt steil abwärts; man muss den Ort kennen, um ihn zu finden. Im Schutz einer Brücke an einem trüben Bach stehen Zelte, Menschen haben sorgsam Sitzgelegenheiten aufgebaut und Pappen ausgelegt. Habseligkeiten und Müll liegen herum. Ein Obdachlosen-Camp in Kansas City, etwa zehn Männer und Frauen sind an diesem Vormittag dort. Die Organisation Care Beyond the Boulevard (CBB) reist heute auf Wunsch an. Es gab eine Bitte aus dem Camp, Wunden sollen versorgt werden. Die Helfer:innen kündigen sich laut an. „Medizinisches Team!“ Niemand soll sich überrumpelt fühlen. Oberhalb führt die Brücke zum WM-Stadion. „Ich wette, keiner der Fans hat die Leute bemerkt“, sagt Russell Kohl.
Er ist Arzt und heute ehrenamtlich hier. „Care Beyond the Boulevard“ soll ein wenig von der Dysfunktionalität des US-Gesundheits-Systems auffangen. Die Organisation, die sich durch Freiwilligenarbeit, Spenden und Fördermittel finanziert, bietet kostenlosen medizinischen Service vor allem für Obdachlose, Wohnungslose und Menschen ohne Krankenversicherung. Es gibt einen festen Ort namens „Beehive“ (Bienenstock), wo Betroffene Ärzt:innen aufsuchen können, aber auch Hilfe bei psychischen Problemen und Sucht, beim Beantragen von Papieren oder bei der Wohnungssuche erhalten. Und mehrfach pro Woche fährt ein Team eine Liste von Straßenvisiten ab wie heute. CBB versorgt nach eigenen Angaben mithilfe von etwa 300 Ehrenamtlichen und 30 Festangestellten rund 3.500 Patient:innen. In einer Stadt, die geschätzt 4.000 Obdachlose zählt, übernimmt sie eine quasi-staatliche Funktion.
Obdach- und Wohnungslosigkeit, das ist in den Medien kein Thema bei dieser USMEKA-WM. Und das, obwohl es in vielen US-Gastgeber-Städten Debatten über Vertreibungen und Räumungen gab, auch in Kansas City. Doch die offiziell über 770.000 Menschen in den USA, die auf der Straße oder in Notunterkünften leben, empören wenige. Obdachlosigkeit als Normalität, nicht als Verbrechen am Menschenrecht auf Wohnraum und ein würdevolles Leben. Ihre Zahl entspricht etwa der Bevölkerung Frankfurts. Die Zahlen steigen seit Jahren, zuletzt um einen Rekordwert von 18 Prozent innerhalb eines Jahres. Fehlender Wohnraum und explodierende Mieten, Inflation und stagnierende Gehälter, die Ursachen sind ähnlich wie in Deutschland. Verschärfend hinzu kommt eine hohe Straßen-Obdachlosigkeit, sie betrifft etwa ein Drittel der Menschen ohne Wohnung. In der Gastgeberstadt Kansas City leben 95 Prozent der chronisch Obdachlosen auf der Straße. So viele wie in keiner anderen US-Stadt.
ALLES VERLOREN NACH DEM TOD IHRES MANNES
Ihre Geschichten sind oft die von Menschen, die lange Teil der Gesellschaft waren. „Vor sechs Jahren ist mein Mann an Krebs gestorben“, erzählt eine Frau. „Ich hatte alles, und plötzlich hatte ich nichts mehr.“ Dreimal sei sie verheiratet gewesen, zwei schlechte Ehen darunter. „Ich passe auf mich selbst auf.“ Alle möglichen Jobs habe sie gehabt, sechs Jahre lang sei sie Lehrerin gewesen. „Sie fanden mich unorthodox, denn statt des vorgeschriebenen Lehrplans habe ich den Kindern Themen zur Auswahl gegeben. Die Kinder haben das geliebt.“ In ihrer zweiten Ehe sei ihre Stieftochter erschossen worden. Der Mörder sei im Gefängnis, aber sie selbst habe einen Nervenzusammenbruch gehabt und sei kurz in einer Anstalt für psychisch Kranke gewesen. „Ich habe dort Dinge gesehen, die ich nicht hätte sehen sollen.“ (…) Im Camp hat sie wieder einen festen Freund, sie möchte ihn symbolisch heiraten, CBB will ein Kleid organisieren. Ein Mann, ihre Hunde, eine Gitarre, was sonst, fragt sie, brauche man zum Glück? „Ich will wieder auf die Füße kommen und arbeiten. Ich will nicht, dass sich jemand um mich kümmert.“ Sie hat eine Aussicht auf eine Wohnung. Der neue Freund soll mitkommen. „Es wird ein volles und glückliches Haus.“
„Die meisten unserer Patient:innen sind durchs Raster gefallen“, sagt der Arzt Russell Kohl. Nach offiziellen Angaben waren 2025 rund 28 Millionen US-Amerikaner:innen unter 65 Jahren ohne Krankenversicherung. Das entspricht 10 Prozent der Bevölkerung. „Die allgemeine Ansicht unter Regierenden ist: Wer jung und gesund ist, soll arbeiten.“ Unter seinen Patient:innen beobachte er einen Teufelskreis: Etwa ein Drittel habe psychische Probleme, oft Schizophrenie, zumeist schon vor dem Wohnungsverlust. „Medikamente würden helfen, aber sie können sich die Medikamente nicht leisten. Und solange es ihnen nicht besser geht, nehmen sie diese nicht regelmäßig.“ Dann konsumierten viele, die lange auf der Straße leben, Meth, um wach zu bleiben. „Denn wer nachts einschläft, wird ausgeraubt, vergewaltigt oder verprügelt.“ Die Droge aber verunmögliche es, einen Job zu bekommen. „Bei quasi jedem Job gibt es vorab einen Drogentest. Ohne Job kriegen sie keine Krankenversicherung. Und ohne die kommen sie nicht von den Drogen los.“
HILFSPROGRAMM ANLÄSSLICH DER WM GESTARTET
Was helfen kann? Wenn es nach Russell Kohl geht, vielleicht die WM. Kansas City habe die Obdachlosigkeit der Welt nicht zeigen wollen. Der Arzt hatte befürchtet, es würde zu Vertreibungen kommen. Zwar sei etwas passiert; aber vor allem habe Kansas City konstruktiv agiert und ein Housing-First-Programm für zentrale Viertel gestartet. Sechs bis neun Monate könnten die Menschen in ihren neuen Wohnungen bleiben, inklusive etwa Suchthilfe. Vielleicht gehe das Programm danach weiter und werde ausgeweitet. „Hoffentlich wird die WM eine Starthilfe für Housing First.“ Turniere sind vielschichtig: Sie können Ausgangspunkt für weitere Gentrifizierung und Vertreibung sein. Oder für Lösungsideen. Vielleicht in diesem Fall eine Mischung aus beidem. Jaynell Assmann ist die Gründerin von CBB und „nurse practitioner“, in den USA ein Job zwischen Krankenschwester und Ärztin. Heute bietet ihre Organisation auch eine Kurzzeitpflege, wo Menschen ohne Obdach nach Krankenhaus-Aufenthalten bleiben können. Kansas City sei im vergangenen Jahr in der US-Spitze bei steigenden Wohnraumkosten gewesen, sagt Assmann. „Es gibt sehr viel Gentrifizierung. Wir haben das erste Stadion weltweit nur für Frauen im Profifußball gebaut, und die Stadt ist stolz darauf. Aber in der Gegend haben viele Obdachlose gelebt. Sie wurden vertrieben.“
Busfahrten seien bislang kostenlos gewesen, sehr wichtig für ihre Klient:innen. „Aber kurz vor der WM haben sie wieder Bezahlung eingeführt. Und man muss entweder eine spezielle Karte, eine Kreditkarte oder ein Handy haben. Das ist fast unmöglich für die meisten unserer Patient:innen.“ In einer Suppenküche seien die Besuchszahlen seither um 200 bis 400 Personen pro Woche eingebrochen. „Manche haben das Gefühl, dass sie zur WM mehr Geld machen wollen. Vielleicht wollen sie es auch für Menschen ohne Obdach schwieriger machen, in den Bus zu steigen, wo Ausländer sie sehen.“ Sie hofft, die Regel bleibe nicht. Lokale Politiker:innen seien andererseits auch engagiert. CBB habe gerade von der Stadt eine große Geldsumme erhalten, um eine niedrigschwellige Notunterkunft zu integrieren. Und bei Housing First etwa sei das Problem nicht die Stadtregierung, sondern vor allem die US-Regierung, die das Thema blockiere.
UMFASSENDE BETREUUNG HILFT
Jaynell Assmann wünscht sich, was naheliegend scheint: eine allgemeine Gesundheitsversorgung, Regulierung der Mieten, weniger Steuervorteile für Überreiche. „Wir müssen aufhören, die Reichen zu schützen, und anfangen, uns um unsere Community zu kümmern.“ Vor allem brauche es Bildung. „Viele Leute in den USA sagen: Ach, die wollen obdachlos sein. Nein, die meisten wollen das nicht. Aber wenn man obdachlos ist, ist es so schwer, da wieder herauszukommen.“ Welche Chancen in umfassender Betreuung liegen, zeige ihre medizinische Kurzzeitpflege. 60 Prozent der Patient:innen 2025 seien nicht auf die Straße zurückgekehrt. Die Bandbreite von Menschen in prekärer Lage ist groß, wie die Fahrt mit dem Team zeigt. Sie reicht vom zufriedenen älteren Mann im Wohnwagen bis hin zu schwer Süchtigen im verarmten Osten von KS, dabei ein Mann mit SS-Tattoo und Messer, der von Genozid fantasiert. Am anderen Ende der Skala liegt vielleicht das Camp eines Mannes, der eine Legende unter Obdachlosen ist und, so wird erzählt, bemerkenswert organisierte Camps führt, in denen LGBT-Menschen geschützt leben. Wie der Mann im Wagen lebe er freiwillig so.
(All das in der Nähe des WM-Stadions und der Hotels und Pensionen, die reiche Fußball-Touristen aus aller Welt beherbergen. Die, wie gesagt nicht sehen, was sich hinter den Kulissen der Scheinwerfer abspielt. Sie es auch nicht wissen wollen, weil sie sich allein für den Sieg ihres National-Teams interessieren. Wobei die Betonung auf „National“ liegt.) (taz-baskultur)
(2026-07-13)
HALBFINALE DER RASSISTEN
Mehrere französische Minister gehen hart gegen die rassistischen Äußerungen von Rajoy über die französische National-Auswahlmannschaft vor und fordern rechtliche Schritte. „Absolut inakzeptabel“, „unerträglich“ oder „methodischer und banalisierter Hass“ sind nur einige der Begriffe, mit denen Minister der rechten französischen Regierung die Äußerungen des reaktionären Ex-Regierungschefs in seiner jüngsten „Kolumne“ bezeichnet haben. Nachdem das Halbfinale der WM ein Duell von Spanien und Frankreich ergab, sah sich der PP-Politiker veranlasst, seine Analyse der französischen Auswahl in die Medien zu streuen. „Sie hat ein extrem hohes Niveau, allerdings ohne Franzosen“. Harter Tobak. Mariano Rajoy findet also keine Franzosen im französischen Team. Anders gesagt: alle Spieler mit Migrations-Hintergrund sind „keine wirklichen Franzosen“. Rassismus pur. Rajoys Maßstab ließe sich im Übrigen auch perfekt auf andere WM-Teams anwenden, nicht zuletzt auf sein geliebtes Spanien. Die „Roja“ mit „immer weniger Spaniern“ könnte das Fazit lauten. Dem spanischen Neofaschisten Vito Quiles fiel es bereits schwer, Spanier in der „Roja“ zu finden (zu viele Basken, Katalanen, Kanaren, Andalusier). Was nach wie vor ziemlich leicht ist: Fußball mit Rassismus in Zusammenhang zu bringen. Die Faschisten-Partei VOX hat es ohne Umschweife geäußert: „spanischen“ Kickern wie Nico Williams oder Lamine Jamal sollte umgehend der Pass entzogen werden.
In diese Kerbe schlägt die Äußerung von Rajoy in seiner jüngsten „Kolumne“ über den Einzug der spanischen Auswahl ins Halbfinale. Die Botschaft kam bei den Franzosen schnell an. Nach der Kontroverse mit Paraguay aufgrund der Äußerungen einer Rassisten-Senatorin, schlägt Rajoy ein neues Kapitel auf. Drei Minister der französischen Regierung haben sich zu Wort gemeldet, um gegen die Äußerungen von Rajoy zu wettern, 48 Stunden bevor die Teams beider Länder um einen Platz im Finale der WM 2026 kämpfen.
Für Innenminister Lauren Núñez, dessen Vorfahren aus dem spanischen Almería stammen und vor ihrer Ankunft in Frankreich in Algerien lebten, sind die Rajoys Äußerungen „absolut inakzeptabel“. „Die Aussage spiegelt in keiner Weise wider, was Frankreich ausmacht“, erklärte der Minister in einem Interview im TV, in dem er zu den Äußerungen von Rajoy befragt wurde. Zu diesen Äußerungen sagte der französische Minister: „Frankreich ist ein vielfältiges Land, in dem sich jeder entfalten kann.“ Nun ja, übertreiben wollen wir auch nicht! „Wir vermitteln vielen jungen Menschen, die in den Vororten leben und Bürger der Republik sind, ein Bild der Hoffnung“, sagte der französische Minister. Da trifft er sicher ins Schwarze. Doch leider ist für die Millionen Marginalisierten aus den Vororten nicht genug Platz in WM- oder Olympia-Auswahlen. Es ist eine bekannte Tatsache, dass es sehr einfach ist, einen französischen (oder spanischen oderdeutschen oder schweizer) Pass zu erlangen, wenn der National-Coach dies wünscht.
Die französische Botschaft in Madrid hat ebenfalls eine kurze Mitteilung bei X veröffentlicht, in der sie daran erinnert, dass „von den 26 Spielern 23 in Frankreich geboren wurden“. Auch andere Mitglieder der französischen Regierung, wie die Staatssekretärin für Geschlechtergleichstellung und Bekämpfung von Diskriminierung haben sich Rajoy geäußert. Sie erklärte, dass „die wiederholten rassistischen Ausrutscher unerträglich sind“, und zeigte ihren Stolz auf ihre Auswahl. „Das französische Team zeigt das Beste von uns: ein Frankreich, das gewinnt, das Mut beweist, das als Team spielt und das Widrigkeiten trotzt. Ein Team, das wir lieben und auf das wir stolz sind“. Wenn sich Anti-Rassismus in Chauvinismus verwandelt, wird das Unerträgliche noch unerträglicher.
Pikant könnte es werden, wenn zum Beispiel die französischen Faschisten von Le Pens Rassemblement National zum Thema befragt würden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde sich die Antwort der Tochter des Algerien-Mörders decken mit Rajoy. Was Abascal in Spanien ist Le Pen in Frankreich: Ultra-Nationalismus lässt sich schon immer an der Akzeptanz der Hautfarbe messen.
Die Ministerin für die Überseegebiete forderte den französischen Fußballverband auf, „alle möglichen rechtlichen Schritte“ gegen den ehemaligen Präsidenten Rajoy einzuleiten. Euro-Haftbefehl, Auslieferung, Gericht – das wäre doch eine Abwechslung im tristen Alltag. Der Verband hat sich bislang nicht dazu geäußert. „Mit jedem Sieg der Blauen tauchen dieselben rassistischen Obsessionen und Beleidigungen auf. Das sind keine Ausrutscher. Es ist ein methodischer und banalisierter Hass auf Frankreich“, erklärte sie. Auch Pedro Sánchez ließ die Gelegenheit nicht aus, die „fremdenfeindlichen Äußerungen“ von Rajoy zu beklagen. Auch heute gäbe es Leute, die „die Zugehörigkeit anhand des Nachnamens, des Geburtsorts oder der Hautfarbe“ bemessen. Er riet stattdessen, Migrant*innen „anhand der Verwurzelung in einem Land und dem Willen, zu diesem beizutragen“ zu urteilen. „Beim Fußball und beim Kümmern um unsere Älteren“. Sánchez versicherte, dass Spanien „denen gehört, die es lieben und dafür arbeiten“ und nicht „denen, die es mit fremdenfeindlichen Äußerungen blamieren“. Bei den nächsten Wahlen wird sehr wahrscheinlich eine Koalition von reaktionären und Faschisten gewinnen, die diese Meinung absolut nicht teilen und sich an Trump und ICE orientieren. Zum „Halbfinale“ gegen Frankreich meinte Sanchez: „Möge der Bessere gewinnen und der Rassismus verlieren“. Den Franzosen wird das gefallen. (eldiario-baskultur)
(2026-07-12)
SCHULTER AN SCHULTER MIT ICE
Die Nachricht wurde von der englischen Tageszeitung „The Guardian“ recherchiert, sie wies darauf hin, dass das französische Nationalteam Charterflüge der Fluggesellschaft genutzt hat, die von Trump als „politische Polizei“ eingesetzt wird. Doch sie wäre nicht die einzige … Sie heißt Global Crossing Airlines, besser bekannt als GlobalX, und ist eine US-amerikanische Charter-Fluggesellschaft. Ein Name, der an sich nichts aussagt, Privatkunden nutzen sie für ihre Reisen, mehr nicht. Bei dieser WM in den USA hatte das Unternehmen mehrere Kunden unter den Nationalteams: Frankreich dreimal, der Iran und möglicherweise England. Doch in der jüngeren Vergangenheit hat das Unternehmen noch eine andere Art von Kunden, von der schrecklichen Art: die gefürchtete ICE, Immigration and Customs Enforcement, die „politische Polizei“ des Faschisten Trump, eine militärische Einheit, die in mehrere rassistische und gewalttätige Aktionen verwickelt war, bis hin zu Morden.
VON PHILADELPHIA NACH BOSTON
Technisch gesehen kann nicht behauptet werden, dass GlobalX die Fluggesellschaft der ICE sei. Richtig ist, dass diese Gruppe GlobalX 44 Mal genutzt hat. Und zwar nicht für Freizeit- oder Vergnügungs-Reisen, auch nicht, um Fußballspiele zu besuchen, sondern um Gefangene gewaltsam zu transportieren. Die Nachricht wurde von der englischen Tageszeitung „The Guardian“ recherchiert und bestätigt, und zwar auf einfache, fast schon naive Weise. Man sah sich die Bilder an, die französische Spieler in den sozialen Netzwerken hochluden, als sie ihre Flugreisen filmten. Dort, in den Gängen, war das Logo der Fluggesellschaft zu sehen. Anschließend wurden die Flugpläne und die Flugzeug-Kennungen mit jener App abgeglichen, die wir am Flughafen so häufig nutzen, um zu überprüfen, ob alles nach Plan und pünktlich verläuft: Flightradar.
In diesem Zusammenhang hat GlobalX laut „The Guardian“ keine Rücksicht genommen: Am 1. Juli hat das Unternehmen Migranten von einem Abschiebezentrum in Louisiana zu einem in Kalifornien befördert, genau drei Tage später wurden Mbappé und die anderen nach Boston zurückgebracht, nach dem WM-Viertelfinale gegen Paraguay in Philadelphia. Niemand wollte sich zu dieser Nachricht äußern. Vielleicht weil es bitter wäre, zu bestätigen, dass eine Gruppe politisch engagierter Spieler in Flugzeugen gereist ist, die wenige Stunden zuvor noch fliegende Gefängnisse waren.
Weder das Unternehmen noch die Delegation der „Bleus“ äußerte sich zu dieser Nachricht. Es ist offensichtlich, dass es zumindest bitter wäre zu wissen, dass eine Gruppe politisch engagierter Spieler, wie Kylian Mbappé höchstpersönlich, mit Flugzeugen gereist ist, die wenige Stunden zuvor vorher wie fliegende Gefängnisse genutzt wurden. Denn ICE hat mit GlobalX Gefangene bis El Salvador oder Venezuela transportiert – mit Kapuzen über dem Kopf und ohne Kontakt zur Außenwelt. Laut anderen englischen Zeitungen wie „Daily Mail“ sollen auch England und Iran Flugzeuge dieser Gesellschaft genutzt haben. Im Falle der Briten aufgrund eines seit langem bestehenden Vertrags. Für die Iraner hingegen wäre es ein makabrer Scherz des Schicksals, in Bezug auf die äußerst gespannten Beziehungen zwischen beiden Ländern: schikanierte Fußballspieler oder Migrations-Häftlinge in den „ICE-Flugzeugen“. (naiz-baskultur)
(2026-07-12)
DIE UNTYPISCHE SCHWEIZ
Als Dauergast ist die Schweiz nicht gerade berühmt, wenn es um die vordersten Plätze bei Weltmeisterschaften geht. Die Bewohnerinnen des Landes sind bekannt für eigentümliche Traditionen, seit Langem ist das Land zwar eine Ausgeburt des Banken-Kapitalismus, doch hat dessen Aggressivität bislang nicht zur Beteiligung an Weltkriegen geführt. Wie das Baskenland wird die Schweiz von Bergen und Tälern dominiert. Statt NATO-Mitgliedschaft Sitz der Vereinten Nationen und des Roten Kreuzes. „Eidgenossen“ ist der Begriff, der der Bevölkerung nachhängt. Er leitet sich vom mittelalterlichen Wort für "Verschworene" ab und bezeichnete Menschen, die sich durch einen feierlichen Eid miteinander verbanden. Die ersten Bündnisse gehen auf das 13. und 14. Jahrhundert zurück, die frühen Eidgenossen waren unabhängige Talschaften und Städte, die sich verbündeten, um ihre Autonomie zu schützen. Die Eidgenossen bei der WM in USMEKA fallen nicht durch Krawatten und Seitenscheitel auf, auf dem Rasen findet sich eine bunte Truppe, die an Frankreich erinnert. Argentiniens gestriger Gegner ist eines der auffallendsten Teams des Turniers: zwei Drittel des Kaders haben Migrationshintergrund.
72 Jahre danach stand die Schweizer Auswahl wieder mal unter den acht Besten einer WM – und das mit einem der multikulturellsten Kader des Turniers. 19 der 26 Spieler, mehr als 70% des Schweizer Kaders, haben ausländische Wurzeln oder sind nicht in der Schweiz geboren. Beispiele: Embolo, Mvogo (Kamerun) und Keller (England) – ein Kontext, der typisch ist für ein Land, das Ziel vieler Nationalitäten war, die in dem Alpenland eine Lebensqualität suchten, die sie in ihren eigenen Ländern nicht fanden. Kamerun, Senegal, Spanien, Italien, die Türkei, die Balkanstaaten oder die Dominikanische Republik sind neben der Schweiz selbst die Ursprünge, die dem Überraschungsteam einen multi-ethnischen und multi-kulturellen Charakter verleihen.
Genau diese Mischung war es, die dem Schwarzen Embolo Probleme mit dem Visum für die Einreise in die USA bereitete, glücklicherweise fand Trumps Paranoia ein vorzeitiges Ende. Da ist Ndoye mit einem senegalesischen Vater. Der Evangelikale Vargas vom FC Sevilla, dessen Mutter Schweizerin und dessen Vater Dominikaner ist. Der ehemalige Betis-Spieler Ricardo Rodríguez, Vater Spanier und Mutter Chilenin. Jaquez, Mutter Schweizerin und Vater Dominikaner. Akanji, Mutter Schweizerin und Vater Nigerianer. Xhaka, mit Eltern aus dem Kosovo, ebenso wie Shaqiri eine Schweizer Legende, die das Nationalteam nach der EM 2024 verlassen hat. Oder einer der Senkrechtstarter des Turniers, Manzambi, dessen Vater aus dem Kongo und dessen Mutter aus Angola stammt.
In den letzten Jahrzehnten spiegelt die Schweizer Auswahl das demografische Modell eines Landes voller Licht und Schatten wider, geprägt von Migrationsbewegungen, wie es der Film „Brot und Schokolade“ von Franco Brusati deutlich zeigt. Italienische Migranten machen 7% der gesamten Schweizer Bevölkerung aus und, Sprache ist eine der vier Amtssprachen der Schweiz. Italien erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Massenabwanderung von Landsleuten in die Schweiz, doch bereits Ende des 19. Jhs hatte es im Zuge der zweiten industriellen Revolution die erste große Migrationswelle erlebt.
Später folgten weitere Einwanderungswellen aus Afrika, Süd- und Mittelamerika sowie vom Balkan, wo der Krieg der 1990er Jahre dieses Exil ausgelöst hatte. Aus diesen Wellen gingen bereits die „Secondos“ hervor, wie man in der Schweiz die Kinder von Einwanderern nennt oder diejenigen, die als sehr kleine Kinder dorthin kamen. Paradoxerweise wird dieser kulturelle Reichtum, den die Schweiz birgt, intern heftig diskutiert, wenn es um die Migrationspolitik oder um die Erlangung einer „Express-Staatsbürgerschaft“ geht – eine Praxis, die häufig bei Spitzensportlern angewendet wird, die das nationale Interesse wecken. Einige politische Parteien sind der Ansicht, dass die „Secondos“ kein Nationalgefühl haben, und führen als Argumente an, dass sie die Nationalhymne nicht mitsingen oder kontroverse Gesten zeigen, die für die Länder ihrer Vorfahren typisch sind – wie dies beispielsweise bei Xhaka oder Shaqiri mit dem doppelköpfigen Adler schon geschehen ist.
Ein weiterer Faktor, der neben der multiethnischen Komponente das fußballerische Niveau der Schweiz in den letzten Jahren revolutioniert hat, ist das Akademie-System des Schweizer Fußballverbands mit einem Talent-Förderungs-Programm, aus dem Spieler wie Akanji, Embolo, Xhaka, Kobel, Zakaria oder Rodríguez hervorgegangen sind – alle Stammspieler und unumstrittene Größen bei dieser WM. Das Programm „Footuro“, das sich auf die individuelle Entwicklung und den Sprung junger Schweizer Spieler in den Profifußball konzentriert, entstand zu Beginn des Jahrhunderts in den Arbeitervierteln des Landes mit einem hohen Anteil an Einwanderern und verfolgte ein Ziel, das zwei Jahrzehnte später erreicht wurde: ein Nationalteam, das die Schweiz auf die Landkarte des Weltfußballs gebracht hat und in Kansas vergeblich den Weltmeister Argentinien herausforderte. (elcorreo-baskultur)
(2026-07-11)
"SCHEISS SPANIEN"
Das spanische WM-Team steht im Halbfinale, doch im Baskenland lässt sich die Mehrheit nicht begeistern vom Erfolg der „Roja“, der Roten, wie die Truppe wegen ihrer Trikots in den Medien genannt wird. In der Frage der Sympathie für das Team scheiden sich die Geister. Auch die Tatsache, dass nie zuvor mehr Basken in jenem roten Kader stehen, ändert daran etwas, auch nicht der Fakt, dass mit Mikel Merino ein Navarro zur Sensation aufgestiegen ist (keiner braucht weniger Zeit, um entscheidende Tore zu machen). In baskisch-nationalistischen Kreisen wird eifrig der Eindruck vermittelt, als gäbe es gar keine WM.
Eine Reihe von Ländern hätten liebend gerne in USMEKA ihren Auftritt gehabt und mussten sich mit dem Zuschauen im Schwimmbad zufrieden geben. Allen voran der vierfache Weltmeister Italien, oder die Afrika-Größe Nigeria, oder Ex-Europameister Dänemark, um nur die bekanntesten zu nennen. Curacao ja, Italien nein muss den Transalpini wie ein Schlag auf die Nase vorkommen. Aber selbst schuld, wer die Qualifikation nicht schafft, bleibt eben zu Hause. Anders liegt der Fall bei jenen, die die Qualifikation gar nicht erst mitspielen dürfen. Voraussetzung dafür ist nicht einmal einen eigenen unabhängigen Staat zu repräsentieren. Das zeigen die Beispiele Schottland – und Wales, Nordirland, wenn sie dabei wären. Sogar die Färöer-Inseln könnten mitmachen, würden sie die Q-Hürde schaffen. Was für Schottland gilt, könnte auch für das Baskenland gelten – nicht einmal die UEFA (FIFA) hätte etwas dagegen. Doch legt der spanische Verband sein Veto ein und verhindert somit (wie auch im Fall von Katalonien) jegliche Teilnahme an internationalen Turnieren.
Deshalb haben Unai Simon, Nico Williams, Mikel Oyarzabal, Mikel Merino, Aymeric Laporte und Martin Zubimendi keine Wahl: wenn sie internationale Erfolge feiern wollen, müssen sie in den roten Apfel beißen. Und niemand schaut zu. Bei Gelegenheit wird die Ablehnung auch lautstark auf die Straße getragen, oder in die Stierkampf-Arena, wie gestern in Iruñea-Pamplona. Auf einem deutlich sichtbaren Transparent war zu lesen: „Puta España. Puta Selección“. Puta steht für Hure, so viel zur Übersetzung. Die Provokation führte dazu, dass dem Stiermorden zeitweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die einen schrien ihren Hass hinaus, die andern verteidigten die roten Träume, die in politischen Farben ausgedrückt eher rabenschwarz daherkommen.
Abgesehen von Hasstiraden existieren auch positiv getrimmte Initiativen für eine eigene und international anerkannte Auswahl. Die Organisationen Zazpi Baietz, Gu Ere Bai und Gure Esku (7 Ja / Wir auch / Unser Recht) haben für den 14. Juli um 17 Uhr eine Menschenkette zugunsten der Euskal Selekzioa angekündigt, auf der Brücke, die das südbaskische Irun mit dem nordbaskischen Hendaia verbindet, unter dem Motto „Unser Volk, unser Nationalteam, unsere Farben“. Einer Erklärung ist zu entnehmen, dass die drei Akteure in den letzten Wochen im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft verschiedene Initiativen zugunsten einer baskischen Auswahl vorangetrieben und beschlossen haben, ihre Kräfte zu bündeln, um am kommenden 14. „eine klare Botschaft zu senden: Wir sind eine Nation, unser Nationalteam ist die Euskal Selekzioa, das sind unsere Farben“.
Als Ort wurde als „symbolträchtiger Ort“ die Brücke gewählt, denn auch Kicker aus dem baskischen (französischen) Norden sollen zu dieser Auswahl gehören. Damit soll betont werden, dass „hier ein Volk lebt“, dass das Baskenland aus sieben Gebieten mit eigener Sprache und Kultur besteht“, und dass „dieses Volk seine Auswahl offiziell an internationalen Wettbewerben teilnehmen sehen will“. Und nicht nur zwischen Irun und Hendaia, auch in vielen Dörfern und Stadtvierteln des Baskenlandes wurden diesen Sommer Kundgebungen und gemeinsame Fotos zugunsten der Euskal Selekzioa organisiert. Dieser Aufruf habe in den letzten Wochen „große Resonanz“ gefunden: In Algorta, Plentzia, Portugalete, Leioa, Basauri, Rekalde, Vitoria-Gasteiz, Oiartzun, El Antiguo, Egia und der Altstadt von Donostia, Elgoibar, Bergara, Lasarte-Oria und anderen Orten.
Der spanische Verband wird alles Trump-Mögliche tun, eine baskische Anerkennung zu verhindern. Für die spanischen Nationalisten ist es ein Alptraum, sich vorzustellen, wie die ELF bei Abzug aller baskischen und katalanischen Spieler auf eine VIER oder FÜNF reduziert würde. Bezeichnend bei der „Roja“ ist, dass das große Real Madrid mit keinem Spieler vertreten ist, die baskischen „Dörfler“ hingegen in beachtlicher Zahl. Die wenigsten schauen nach USMEKA, sie hoffen auf ein Aufeinandertreffen bei der nächsten WM: Euskal Selekzioa gegen Spanien. (baskultur)
(2026-07-11)
SCHÜSSE IN HOUSTON
Während in den USA unter dem Motto der Völkerverständigung die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird, lässt der MAGA-Präsident erneut den WM-Teilnehmer Iran bombardieren, von zivilen Zielen ist die Rede. Während in Houston / Texas WM-Spiele ausgetragen werden, tut die Schießtruppe der US-Einwanderungs-Behörde ICE, was sie tun soll: die Anzahl unliebsamer Migranten reduzieren, wenn es sein muss mit Todesfolge. In eben diesem Houston-Texas (bis zur US-Eroberung 1848 mexikanisch) wurde ein mexikanischer Arbeiter auf dem Weg zur Arbeit von einem ICE-Vollstrecker erschossen, vielleicht nur drei Häuserblocks neben dem WM-Stadion. Nun fordert die Liga der vereinigten lateinamerikanischen Bürger (LULAC), die größte lateinamerikanische Bürgerrechts-Organisation in den USA, eine Untersuchung des Todes des mexikanischen Staatsbürgers.
Am vergangenen Dienstag wachte Lorenzo Salgado, geboren am 3. März 1974 in Tlatlaya (Mexiko), wie üblich um fünf Uhr morgens auf, um sich in den Norden von Houston zu begeben, wo er beim Bau einiger Häuser arbeiten sollte. „Um 6:55 Uhr, ohne dass es einer von uns wusste, wurde mein Vater in seinem Pick-up von einem Mitarbeiter der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) erschossen, der mit anderen Beamten in zivilen Fahrzeugen unterwegs war“, berichtete Lorenzos Sohn Ronaldo Salgado, der über die sozialen Medien von der ICE-Razzia im East End erfahren hatte, einem historischen Arbeiterviertel von Houston, in dem sich seit Jahrzehnten Einwandererfamilien, vor allem lateinamerikanischer Herkunft, niedergelassen haben.
„Ich sah ein Facebook-Video, in dem gesagt wurde, dass auf ihn geschossen worden sei. Ich habe ihn sofort erkannt. Nicht an seinem Aussehen, sondern an seiner Stimme, als er laut um Hilfe rief, während er auf der Straße lag und verblutete“, erklärte er. In dem Video sind weitere Männer zu sehen, die mit dem Gesicht nach unten liegen – vermutlich Arbeiter. Über humanitäre Organisationen erfuhr der Sohn, dass sein Vater ins Ben-Taub-Krankenhaus gebracht worden war, in dem er und seine beiden Brüder zur Welt gekommen waren. Auch dort sagte man ihm nichts. „Ich erfuhr vom Tod meines Vaters durch eine Meldung in den sozialen Netzwerken“, beklagte er.
OFFIZIELLE STELLUNGNAHME
Das US-Ministerium für Innere Sicherheit behauptete, ICE-Beamte hätten versucht, Lorenzos Fahrzeug anzuhalten, doch der Mann habe „versucht, sich der Festnahme zu entziehen“. „Er rammte ein ICE-Polizeifahrzeug (…) und setzte sein Fahrzeug als Waffe ein, um einen ICE-Beamten zu überfahren, was dazu führte, dass unser Beamter in Notwehr seine Waffe abfeuerte“, hieß es in der Erklärung. Erneut tödliche Schüsse, an der Bundesbeamte beteiligt sind, seit im Januar die US-Amerikaner Renee Good und Alex Pretti in Minneapolis ermordet wurden – inmitten der Offensive von Präsident Donald Trump gegen die Einwanderung.
„Mein Vater wurde von zwei Autos ohne Kennzeichen verfolgt. Hätte er das Kennzeichen einer Behörde gesehen, hätte er angehalten (…) Er fuhr schnell, weil er dachte, man würde ihm seine Arbeitsgeräte stehlen, mit denen er seinen Lebensunterhalt verdient“, erklärt der Sohn. Obwohl Lorenzo seit 35 Jahren in den USA lebte, besaß er keine Aufenthaltsgenehmigung, er hatte sie gerade beantragt. Domingo García, Vorstandsmitglied der Liga der vereinigten lateinamerikanischen Bürger (LULAC), erklärte: „Es wurde kein Einwanderer ohne Papiere ermordet. Ermordet wurde Lorenzo Salgado. Ein Vater, Ehemann und Inhaber eines kleinen Unternehmens in Houston, der auf dem Weg zur Arbeit war. Die gezielte Repression ist ein Angriff auf Latinos aufgrund ihrer Hautfarbe.“ Er forderte eine unabhängige Untersuchung. „Wir erwarten die Wahrheit weder vom Justizministerium noch vom FBI. Wir befürchten eine Vertuschung“, betonte er.
KEINE UNTERSUCHUNG DURCH DIE STADTVERWALTUNG
Die Stadtverwaltung von Houston teilte mit, dass sie keine lokale Untersuchung zum Tod von Salgado einleiten werde. Der Bürgermeister der Stadt, John Whitmire, erklärte in einer Sitzung des Stadtrats, er stehe in „ständigem“ Kontakt mit den Bundesbehörden, es würden jedoch keine lokalen Ermittlungen eingeleitet, da „es keine zwei parallelen Ermittlungen geben kann“. „Es ist eine Tragödie, aber die Polizei von Houston war nicht daran beteiligt“, versicherte er. Doch die Familie von Araújo sowie von Aktivisten und Abgeordneten fordern, eine „unabhängige und transparente“ Untersuchung der Umstände seines Todes einzuleiten. „Lorenzo Salgados Familie und seine Angehörigen verdienen die Wahrheit, und die Amerikaner verdienen Rechenschaft“, erklärte der Vorsitzende der hispanischen Fraktion im Kongress, Adriano Espaillat, in einer Stellungnahme.
Doch solange nicht Menschenrechts-Organisationen selbst aktiv werden, wird es keine Untersuchung geben, weder von der Stadt noch vom FBI, am allerwenigsten von ICE. Sollte jemand den Versuch machen, wird er von Trumps Vasallen zurückgepfiffen werden. Migranten sollen keine Rechte haben, außer dem Recht, durch die Hand der ICE-Mörder zu sterben. Die Stadt ist in Aufruhr, Empörung macht sich breit – der Fußball-Alltag geht weiter. Auch da wird geschossen, bisher nur auf Tore. Von den Tausenden von Zuschauern wird niemand mitkriegen, was in der Stadt passiert. Interessiert auch nicht. Was sollte ein illegaler toter Mexikaner die Gemüter beunruhigen, die nichts als den WM-Titel im Kopf haben. (naiz-baskultur)
(2026-07-10)
NOCH EIN WELTKRIEG VERLOREN
Die DFB-Auswahl ist bei der WM längst ausgeschieden, doch für ein zynisches Nachtreten ist es nie zu spät. Titelchancen hatte man sich im Vorfeld nicht ausgerechnet, nur insgeheim einen Überraschungs-Coup. Denn „Deutschland stand schließlich schon mehrmals mit Gurkentruppen im WM-Finale: 1982, 1986 oder 2002: Dreimal Vizeweltmeister mit Eisenlungen und Panzern“, wie ein Overton-Kommentator treffend erinnert. Die 11 war so zuverlässig wie ein Trabant, der Auftritt ein Spiegelbild eines verkorksten Landes. Lineker meinte einst ironisch, Fußball sei ein Spiel, das am Ende immer die Deutschen gewinnen. Doch Lineker ist mega-out. Nicht einmal in ihrer Parade-Disziplin Elfmeterschießen konnten die 11 aus Stahl, Blut und Schweiß noch an bessere Zeiten anknüfen. „Die Nerven aus Stahlbetonträgern sind mittlerweile statisch etwa so stabil, wie die Carola-Brücke in Dresden – das Sinnbild deutscher Verfallskultur.“ Ein Metapher, den in Europa niemand versteht.
Das Ende traf die deutschen Nationalisten hart, denn „längst ist die Auswahl des DFB zu einem Abziehbild bundesdeutscher Verhältnisse geworden. Die National-Mannschaft saugt seit vielen Jahren den Zeitgeist mit Wonne auf“. „Das deutsche Aufbauspiel war so träge, wie die Deutsche Bahn im Sommer. Die ließ vor zwei Jahren wissen, dass ihre Fahrpläne geschätzt und nicht berechnet seien. So flankten die Kicker auch in ihren Spielen. Die Spieler übten sich in einer Taktik nach Vorschrift, wie der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer, der längst kapituliert hat und in die innere Emigration gegangen ist.“ Massiv aufrüsten ist das einzige, bei dem die Deutschen noch Weltmeister sind. Panzer, Drohnen und Raketen – damit lässt sich auf dem Rasen kein Titel gewinnen, nicht einmal gegen Treter wie die aus Paraguay.
Nach dem bitteren Ende lief dann auch noch der Kanzler auf und stellte fest, dass die 11 das Land begeistert habe: beleidigend, sarkastisch, unerträglich. „Denn das Team kickte einen Fußball von der Stange, Kreativmomente waren nicht zu sehen – kreative Köpfe mag man in Deutschland nicht, sie werden schnell verdächtigt, etwas im Schilde zu führen.“ Nur nichts wagen, Dienst nach Vorschrift, deutsch, deutsch, deutsch. Strammstehen, Befehle empfangen, Russen hassen. „Eine geradezu depressive Truppe lief da auf –sie repräsentierte ein depressives Land, eine Nation voller Schwermut und Antriebslosigkeit. Wie würde denn auch eine genialische Nationalmannschaft zu einem Land passen können, in dem Genialität als verwerflich betrachtet wird?
„Deutschland ist ein verkorkstes, dysfunktionales Land. Überall Brachen und Baustellen, überall defekte Rolltreppen, Toiletten und Klimaanlagen. Kaputte Leute obendrauf. Allerorten Personal, das mit den Achseln zuckt, weil es längst resigniert und keine Lust mehr hat, sich die Beschwerden von Kunden oder Fahrgästen anzuhören. Ein Land im Wartestand, gewartet wird an Bahngleisen, bei Bestellungen, beim Doktor. Auf bessere Zeiten. Auf geordnete Verhältnisse.“ Und auf den nächsten Krieg, an dem fleißig gestrickt wird. Deutsche Teams mussten sich schon immer an das Klima im Land anpassen. „Das ist den Kickern beim Turnier grandios gelungen. Man könnte auch sagen: Die DFB-Elf hat Deutschland würdig vertreten.“ (overton-baskultur)
(2026-07-09)
WENIG REBELLEN IM STADION
Kicker sind nicht nur Kicker, sondern auch rechte Arschlöcher, angeklagte Vergewaltiger, Rassistenopfer, Sektenfanatiker und linke Spinner. Doch bei der WM halten alle das Maul. Es ist allgemein bekannt, dass im spanischen Team sowohl ein ultrarechter Depp spielt und einer, der sich als Antifaschist bezeichnet, Menschenrechte verteidigt und für kulturelle Vielfalt eintritt. Doch keiner macht das Maul auf, nicht für Schwule im Sport, nicht gegen Rassismus, nichts. Ach waren das noch Zeiten, als es in den USA noch eine Megan Rapinoe gab. Die dürfte zwar bei den Männern nicht spielen, weckt jedoch die Sehnsucht nach irgendeinem männlichen Clon, einer der Rückgrat zeigt, nicht alles einfach nur mitmacht, ein Zeichen setzt. Stellen wir uns vor, Argentinien wiederholt den Titel: der Cup wird übergeben vom glänzenden Glatzkopf in Begleitung von zwei der schlimmsten Faschisten, Trump und Milei – Messi bedankt sich artig und lässt sich millionenfach ablichten. Bei Megan war das anders.
Die bekennende Lesbe nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Machenschaften von Trump in seiner ersten Schlächter-Periode ging. Wir erinnern uns mit Wehmut. Die Rivalität zwischen der ehemaligen US-Fußballerin Megan Rapinoe und Donald Trump eskalierte während der Weltmeisterschaft 2019, als sie erklärte, sie werde das „verdammte Weiße Haus“ (la puta Casa Blanca) nicht besuchen. Zu einem Ehrungsbesuch beim Präsidenten sagte Megan Rapinoe messerscharf: „Ich werde nicht ins verdammte Weiße Haus gehen“. Auch danach tauschten die beiden Antipoden scharfe Kritik zu den Themen Politik, Rassismus und Gleichberechtigung aus. „Was du getan hast ist radikal, ach tu‘s doch nochmal“, hätte der AKW-Liedermacher Mossmann ihr nachgerufen. Doch weit und breit kein Nachmacher in Sicht. Wäre da nicht …
… Ja wäre da nicht zumindest ein stilles Wasser aus dem hohen Norden. Ein Typ den niemand kennt, der keine lauten Töne anschlägt und dennoch für Trump schwer verdauliche Positionen vertritt. Der Mann aus Oslo ist ein Aktivist im Kampf gegen die globale Erwärmung. Es heißt, er nutze die Bühne der Weltmeisterschaft, um die Welt zu sensibilisieren. Nur leider steht das nicht in der Presse und norwegisch verstehen wir ja alle nicht. In Norwegen, dem Land der Kälte und der langen Winter, kommt es immer häufiger vor, dass das Thermometer über dreißig Grad steigt. Die großen Eismassen, die sich im Winter bilden, schmelzen rasch dahin und weichen einem Panorama, das wenig mit den klischeehaften Landschaften des Nordsee-Landes zu tun haben. Die hohen Temperaturen, die während dieser WM herrschen, haben das nordische Team also nicht wirklich überrascht. Es sei daran erinnert, wie ein Wikinger namens Haaland Brasilien mit zwei Toren auf das Eis gelegt hat und seinem Team damit zum ersten Mal in seiner Geschichte den Einzug ins Viertelfinale einer WM bescherte.
In den Reihen der Nordlichter gibt es Leute, die mit der Hitze nicht so gut zurechtkommen wie der Starstürmer, der die Costa del Sol liebt und sich dem Sonnenstich aussetzt. Das gilt für Morten Thorsby, Mittelfeldspieler bei Genua. Er ist ein engagierter Aktivist im Kampf gegen den Klimawandel. Seit Jahren nutzt er seine öffentliche Plattform als Spieler, um die Gesellschaft für die Temperatur-Veränderungen des Planeten zu sensibilisieren. „Wir haben eine brutale Umweltkrise, und ich spiele Fußball. Das macht keinen Sinn“, sagte er einmal. Der 30-Jährige aus Oslo nahm sich vor, seine mediale Präsenz als Kicker zu nutzen, „um für das zu kämpfen, was wirklich wichtig ist“. Das sei das Beste, was er tun könne. „Im Fußball so gut wie möglich zu sein und weiterhin wichtige Themen zu sprechen“. Er startete Initiativen, die ihn im Sportbereich zum Vorbild im Kampf gegen den Klimawandel machten.
FUSSBALL-SCHUHE AUS ZUCKER STATT LEDER
Zunächst tauschte er seine Rückennummer 18 gegen die 2 ein. Der Grund: Das Pariser Abkommen, das 200 Länder geschlossen haben, um den Anstieg der globalen Durchschnitts-Temperatur unter zwei Grad zu halten. Seine Initiativen gingen weiter. 2021 gründete er „We play green“, eine Plattform, um die globale Fußball-Gemeinschaft im Kampf gegen den Klimawandel und den Verlust der Artenvielfalt zu mobilisieren. Dafür wurde ihm der „Green Sports Award“ der BBC verliehen, eine Auszeichnung für Sportler, die ihren Ruhm nutzen, um den Menschen beizubringen, die Natur zu schützen.
Mit seiner Nominierung für die Weltmeisterschaft eröffnete sich Thorsby eine neue Chance. Mit Hilfe eines spanischen Designers spielt er in ökologischen Fußballschuhen, die aus Bananen, Mais, Bambus, Rizinus-Samen und Zuckerrohr hergestellt sind. Er konnte sie bisher nur im Spiel gegen Frankreich tragen, das einzige Spiel, in dem er zum Einsatz kam. Das reichte aus, um das Versprechen einzulösen, mit dem er sich entschlossen hatte, seine Fußballkarriere fortzusetzen. Bleibt abzuwarten, ob er es gemeinsam mit seinem Team schafft, seinen Aktivismus auch ins Halbfinale zu tragen. Morten Thorsby ist beileibe keine Medienfigur wie Megan Rapinoe, doch seine Geschichte ist allemal erzählenswert. (ec-baskultur)
(2026-07-08)
DER ZUFALLS-YANKEE
Der US-Kicker Balogun hat Fußball-Geschichte geschrieben. Kein Ruhmesblatt, eher das Gegenteil. Dass er auf Initiative des Faschisten Trump trotz seiner Roten Karte von der FIFA amnestiert wurde, wird an ihm kleben bleiben. Außerdem hat es ihm und seinem Team wenig genutzt, denn der Star blieb blass, seine Psyche hielt dem Stress nicht stand. Hochmut kommt vor den Fall, sagt ein Sprichwort, will sagen, extreme Arroganz, Selbstüberschätzung und Überheblichkeit unweigerlich zu einem späteren Scheitern oder Gesichtsverlust führen. Selten traf es besser zu. Doch hat der Fall noch eine weitere Dimension.
Die große Ironie des Skandals um die Begnadigung von Folarin Balogun durch die FIFA besteht nämlich darin, dass Balogun eigentlich gar keine US-Staatsbürgerschaft besitzen dürfte. Zumindest nach Ansicht des Protagonisten der „Affäre“, die die WM überschattet hat: niemand anderes als der Faschist Trump. Seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025 hat der US-Präsident versucht, ein wesentliches, durch die Verfassung geschütztes Element der USA abzuschaffen: den Erwerb der Staatsbürgerschaft durch Geburt auf US-Staatsgebiet. In vielen Ländern, wie beispielsweise in Spanien, ist der wesentliche Weg zum Erwerb der Staatsbürgerschaft die biologische Abstammung von einem Staatsbürger, während dies in den USA über den Geburtsort erfolgt (Territorial-Prinzip). Dies ist Teil von Trumps harter Einwanderungspolitik.
Balogun wurde ganz aus Versehen US-Amerikaner. Seine Eltern, nigerianische Einwanderer, die in London lebten, besuchten im Sommer 2001 Verwandte in New York. Mutter Florence war im siebten Monat schwanger. Weil sie kein ärztliches Attest hatte, das die Reise der Schwangeren genehmigte, ließ das Bordpersonal ihres Rückflugs nach London sie nicht an Bord kommen. Florence musste ihr Kind in einem Krankenhaus in Brooklyn zur Welt bringen. Am 3. Juli 2001. Ende August flog die Familie nach Hause nach London. Niemand konnte ahnen, was das für Folgen haben würde. Geschweige denn, dass er einst das Trikot der USA tragen würde, wo er nur wenige Wochen seines Lebens verbracht hatte. Oder dass er nun zum unfreiwilligen Protagonisten des großen Skandals dieser WM geworden ist. Balogun hätte für England spielen können, wo er aufgewachsen ist und das Kicken lernte. Oder für Nigeria, aufgrund der Herkunft seiner Eltern. Doch entschied er sich für das Geburts-Land, weil die Option, auch wirklich zu spielen, größer war.
Wahrscheinlich wusste Trump nichts von dieser Geschichte, bis man ihm von der „ungerechten Roten Karte“ erzählte. Und Trump griff in ein wie im Iran. Make America Great Again – mit allen notwendigen Mitteln und unter dem tosenden Beifall seiner ultranationalistischen Anhängerschaft: Der starke Mann setzt sein Gesetz in der Welt des Fußballs durch und erwirkt die Begnadigung eines der Seinen. „Das ist eine dumme Bemerkung“, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, als er auf das Paradoxon angesprochen wurde, dass Trump sich für einen einsetzte, der nach dem Trump-Kriterien gar keine US-Staatsbürgerschaft haben dürfte. Die Begnadigung von Balogun war ein Pyrrhus-Sieg für Trump, denn in Wirklichkeit häufte er Niederlagen an. Letzte Woche lehnte der Oberste Gerichtshof seine n Plan ab, den Zugang zur Staatsbürgerschaft durch Geburt auf US-amerikanischem Territorium abzuschaffen – trotz der Mehrheit reaktionärer Richter. Und trotz Baloguns Einsatz in der Sturmspitze kassierten die USA im Achtelfinale eine deftige und schmerzliche Niederlage gegen Belgien. (elcorreo-baskultur)
(2026-07-07)
ROTE KARTE ALS NATO-THEMA
Lächerlicher geht es nun wirklich nicht mehr. Nachdem der US-Außenminister Marco Rubio die Aufhebung der Rot-Sperre eines US-Spielers nach Trumps Intervention verteidigt hat, kündigt der Ultra-Politiker an, das Thema werde auch beim NATO-Gipfel in der Türkei besprochen werden.
Angesichts der Äußerungen und des provozierten Skandals zum Thema Rote Karte gegen US-Stürmer Folarin Balogun müsste FIFA-Guru Infantino eigentlich vor Scham in den Boden versinken. Jeder Depp hat eine Meinung dazu und posaunt sie laut hinaus. Darunter der Rechtsaußen Rubio: Die ursprüngliche Entscheidung sei ein Fehler, daher sei es richtig gewesen, diese rückgängig zu machen, sagte der Hardliner vor dem Achtelfinale der USA gegen Belgien. Zeitlupen seien für solche Überprüfungen ungeeignet, argumentierte er. "Sie sollten sich diese Dinge in Echtzeit ansehen." Verstehen soll das wer will. Belgien könne doch sicher nicht wollen, ein Spiel zu gewinnen, über dessen Ausgang anschließend wegen des Fehlens des besten US-Torschützen diskutiert werde, gab Rubio weiter seinen Stuss an die Presse. "Man möchte doch, dass der Gegner in Bestbesetzung antritt, damit der eigene Sieg nicht auf diese Weise getrübt wird." Keine weiteren Kommentare.
WIE TRUMPS ANRUF DIE USA ERNEUT BLAMIERT
Der Außenminister betonte, er sei kein Fußball-Experte – wer hätte es gedacht! Aber nach allem, was er von Fachleuten gehört habe, habe Balogun seinen Gegenspieler nicht absichtlich getroffen. Mit Blick auf die Aufregung um den Fall sagte Rubio, vielleicht versuche jemand, einen "internationalen Zwischenfall" aus der Affäre zu machen. Man werde das Thema am Dienstag beim NATO-Gipfel mit den Belgiern und den anderen Verbündeten ansprechen. Möglicherweise wird auch das frühe Ausscheiden der Türkei zur Sprache kommen. Durchgesickert ist auch, dass es in der NATO Überlegungen gäbe, die WM künftig selbst auszurichten, erstes Opfer wäre Marokko, das 2030 Mit-Ausrichter sein sollte, aber nicht NATO-Mitglied ist. Noch nicht, soll ein NATO-General aus den USA zum Thema gesagt haben.
Die FIFA hatte die Rot-Sperre gegen Balogun nachträglich „zur Bewährung ausgesetzt“, eine Ausleihe aus dem Strafrecht also, was immer das heißen mag. US-Präsident Trump hatte am Montag bestätigt, sich in einem Telefongespräch mit FIFA-Präsident Gianni Infantino persönlich für eine Überprüfung der Entscheidung eingesetzt zu haben. Die Aussetzung der Sperre hatte für große Kritik gesorgt. Der belgische Verband hatte von der FIFA eine schriftliche Erklärung gefordert und Einspruch eingelegt, der jedoch als unzulässig abgewiesen wurde. (baskultur)
(2026-07-07)
MUSSOLINI, HITLER, TRUMP
Der Einfluss der Politik auf den Fußball ist so alt wie die Weltmeisterschaft selbst. Die Trennung zwischen Fußball und Politik existierte nie wirklich, Fälle von Einmischung lassen sich bis zu den Anfängen des Turniers zurückverfolgen. Der Fall Trump und sein Anruf bei Infantino, um den Kicker Balogun zu begnadigen, ist nur der jüngste davon. Trump sagte diese Woche, inmitten des Skandals und seines Drucks, die Sperre gegen seinen Landsmann Balogun aufzuheben, er wisse nicht, was eine rote Karte sei. Vielleicht erinnert er sich, gerade 80 geworden ist, einfach nicht mehr daran. Denn FIFA-Präsident Infantino hat ihm vor einigen Jahren im Oval Office eigenhändig eine solche geschenkt.
Das war im August 2018, während der ersten Amtszeit des faschistischen US-Milliardärs. Die USA waren zum Ausrichter der Weltmeisterschaft benannt geworden – ein Ereignis, an dem Trump damals nicht als Präsident teilnehmen wollte. Sein Plan war es, 2020 die Wiederwahl zu gewinnen, nicht erst die von 2024. Damals erklärte Infantino ihm, was eine gelbe und was eine rote Karte ist, und beide scherzten darüber, dass der Präsident sie nutzen könnte, um sie der Presse zu zeigen.
Vielleicht hat Trump damals verstanden, dass er rote Karten nach Belieben vergeben und zurücknehmen konnte, denn genau das ist passiert: Der Präsident übte Druck auf Infantino aus, damit die FIFA die Sperre gegen den US-Amerikaner Balogun wegen einer direkten roten Karte aufhob, damit dieser gegen Belgien spielen konnte. Die FIFA kam den Forderungen des Gastgebers durch eine Ausnahmeregelung nach. Balogun wurde begnadigt, zog sein Trikot an und betrat am Montagabend den Rasen. Inmitten der Kontroverse konnte er die vernichtende Niederlage gegen die Belgier (4:1) nicht verhindern. Der Skandal war gewaltig, hat in weiten Teilen der Fußballwelt Empörung ausgelöst – einschließlich formeller Proteste der UEFA und des belgischen Verbands – und hat Trump mit einigen historischen Episoden politischer Einmischung im Fußball und bei Weltmeisterschaften in Verbindung gebracht.
Die Vorwürfe, dass die Behörden der Ausrichterländer oder die FIFA selbst ihre Position missbraucht hätten, um bestimmte Schlüsselmannschaften des Turniers zu begünstigen, gibt es schon seit der Gründung der Organisation. Zum Beispiel, um den Gastgebern zu helfen: Joao Havelange, der damalige FIFA-Präsident, behauptete, dies sei bei der Weltmeisterschaft 1966 in England geschehen. Oder wie die günstige Schiedsrichterentscheidung, die Spanien bei seiner eigenen Weltmeisterschaft 1982 zugutekam, um gegen Jugoslawien durch einen nicht vorhandenen Elfmeter zu gewinnen, der den Einzug in die nächste Runde ermöglichte. Oder die berüchtigte Schiedsrichterentscheidung, diesmal mit Spanien als Opfer, die es dem Gastgeber Südkorea ermöglichte, im Viertelfinale gegen die iberische Mannschaft zu gewinnen. Fußball hat sich auch mit Politik vermischt, wenn er dazu genutzt wurde, autoritäre Regime zu legitimieren – von der argentinischen Diktatur unter Jorge Rafael Videla im Jahr 1978 über die Weltmeisterschaft unter Putin in Russland 2018 bis hin zu der in Katar 2022.
Direkte Eingriffe aus den höchsten Machtkreisen zur Beeinflussung von Spielen, wie im Fall von Trump, haben eine lange und weit zurückreichende Geschichte. Bereits bei der zweiten Weltmeisterschaft 1934 in Italien nutzte Diktator Mussolini alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel, um seinem Team Vorteile zu verschaffen. Der „Duce“ betrat die Umkleidekabinen und übte Druck auf die Schiedsrichter aus. Die Begünstigungen durch die Schiedsrichter waren so eklatant, dass die FIFA zwei von ihnen auf Lebenszeit sperrte. Der Begründer der Weltmeisterschaft und FIFA-Präsident, der Franzose Jules Rimet, versuchte, sich für die Bedingungen des Wettbewerbs zu entschuldigen. „Dieses Turnier wurde von Mussolini organisiert, nicht von der FIFA“, sagte er. Vier Jahre später, bei der Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich, prägte Adolf Hitler das Turnier auf andere Weise: Es holte sich die besten Spieler aus Österreich, aus der sogenannten „Traumelf“ mit einer ganzen Reihe von Stars jener Zeit. Hitler hatte Österreich bereits vor dem Zweiten Weltkrieg annektiert. Der Trick nützte jedoch nicht viel.
Das Gewicht der Macht machte sich auch bei jener Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien bemerkbar, die das Land unter der Militärdiktatur ausrichtete. Das Turnier fand in den harten Jahren der politischen Unterdrückung und des Staatsterrorismus statt, in denen Zehntausende Menschen ermordet und gefoltert wurden. Das Symbol dieser Praktiken war die „Escuela de Mecánica de la Armada“, ganz in der Nähe des „Monumental“-Stadions, in dem das Finale ausgetragen wurde. Doch die Einmischung der Militärführung ging noch weiter. Argentinien, das damals schließlich seine erste WM gewann, hatte eine katastrophale zweite Turnierphase. Um sich für die KO-Runde zu qualifizieren, musste Peru mit vier Toren Unterschied bezwungen werden, das sich durch seine starke Abwehr auszeichnete. Argentinien gewann 6:0, mit passiver Abwehrhaltung der Peruaner, vielen Ersatzspielern und ohne den großen Star „Cholo“ Sotil, der für den FC Barcelona spielte. Der Sieg war das Ergebnis einer Absprache zwischen der argentinischen und der peruanischen Diktatur. Dem Autor David Yallop zufolge wurde der „Biscotto“ mit 35.000 Tonnen argentinischem Getreide für Peru und 50.000 Dollar für eine Handvoll beteiligter peruanischer Spieler abgewickelt. Ein ehemaliger peruanischer Abgeordneter ging so weit, Peru vorzuwerfen, sich im Austausch für die Auslieferung von dreizehn von der Diktatur gesuchten Häftlingen aus seinem Land absichtlich geschlagen gegeben zu haben.
Bei der folgenden Weltmeisterschaft in Spanien kam es zu einer weiteren Einmischung, diesmal mit geringeren Auswirkungen und noch skurriler. Im Spiel zwischen Frankreich und Kuwait in der Gruppenphase. Das Spiel stand 3:1 für die Franzosen, als Giresse nach einer Vorlage von Platini das vierte Tor erzielte. Die kuwaitischen Spieler protestierten beim sowjetischen Schiedsrichter. Sie behaupteten, einen Pfiff gehört zu haben, sie hätten geglaubt, der französische Stürmer stünde im Abseits. Auf der Tribüne saß Scheich Fahad, Prinz und Bruder des Emirs von Kuwait sowie Präsident des kuwaitischen Fußball-Verbands. Während der Spiel-Unterbrechung begab er sich auf das Spielfeld, umgeben von einer Schar von Guardia Civiles. Er forderte den Schiedsrichter persönlich auf, seine Entscheidung zu revidieren. Zur Überraschung aller tat dieser dies auch. Der Skandal endete mit einer lächerlichen Geldstrafe für Kuwait und einer lebenslangen Sperre für den Schiedsrichter. Von alldem hat Trump sicher keine Ahnung. Ist auch egal, seine Einflussnahme ist nur ein weiteres Argument, die WM definitiv zu boykottieren. (elcorreo-baskultur)
(2026-07-06)
DAS NÄCHSTE SPIEL PEFEIFT TRUMP
Kurz vor Spielende der Partie Mexiko gegen England rief die mexikanische Präsidentin Sheinbaum bei FIFA-Guru Infantino an und bat ihn darum, das Spiel so lange verlängern zu lassen, bis die Mexikanische Elf das drei zu drei erzielt hätte, um dann in die Verlängerung zu kommen. Aus werbetechnischen Gründen sei es unerlässlich, dass die Mexikaner weiter im Turnier blieben. Infantino sagte zu, den Fall sofort zu prüfen. Diese Nachricht, würde sie über die Ticker gehen, wäre eine klassische Fakenews, sehr zum Nachteil der Präsidentin. Keine Medienlüge ist das, was wir heute weltweit in der Presse lesen: Die FIFA hebt nach einem Anruf von Trump bei Infantino die Sperre wegen roter Karte gegen den US-Spieler Balogun auf. Er darf im Achtelfinale gegen Belgien in der Nacht von Montag auf Dienstag spielen. Nicht heimlich, sondern ganz kokett und öffentlich: „Danke, dass Sie eine große Ungerechtigkeit korrigiert haben“, kommentierte der oberste US-Faschist. Wenn nicht ohnehin schon klar – bei der FIFA lässt sich alles kaufen, mit Geld, Einfluss oder Drohung, vom Zuschlag für die Austragung eines Turniers (Beckenbauer 2006) bis zur Rücknahme von Sanktionen.
Mit der Entscheidung im Fall Folarin Balogun hat die FIFA nicht nur ihren Kritikern frisches Futter geliefert, sie rüttelt auch an ihren eigenen Grundfesten. Denn wenn Sperren nicht mehr automatisch als Sperren gelten, droht dem Fußball das pure Chaos, kommentiert ein bekannter Sport-Redakteur, dem es ansonsten egal ist, ob die Teilnehmer-Länder gerade Massaker oder Genozide fabrizieren. In einer sensationellen Wendung der Ereignisse hat die FIFA die Sperre aufgehoben, die sie gegen einen der großen Stars der USA, Gastgeberland der WM, verhängt hatte. Dies ist eine Entscheidung von größter Bedeutung für die USA, die einen historischen Einzug ins Viertelfinale anstreben – koste es was es wolle. Balogun ist schließlich einer der wichtigsten Angreifer und mit drei Toren bester Artillerist seines Teams. Obwohl von der Hautfarbe, die in den USA am meisten diskriminiert wird, steht hinter dem Stürmer die mächtigste Person der weltweit führenden Supermacht: Donald Trump.
Balogun – in England aufgewachsen, aber US-Bürger, da er während einer Reise seiner Eltern in Brooklyn geboren wurde – erhielt im 16-Finale gegen Bosnien-Herzegowina eine rote Karte. Eine umstrittene Entscheidung: Der brasilianische Schiedsrichter übersah einen Tritt von Balogun gegen einen Gegenspieler, doch der VAR griff ein, der Schiedsrichter überprüfte die Szene und entschied rot. Trotz der Beschwerden des Spielers und des US-Teams versicherte die FIFA, gegen die Karte könne kein Einspruch eingelegt werden. Doch nach Trumps Intervention kam die fragwürdige Kehrtwende, die Sperre auszusetzen. Die WM-Regeln verbieten es, gegen eine Entscheidung des Schiedsrichters während des Spiels Berufung einzulegen. Nun ignoriert die FIFA ihre eigenen Regeln. Dazu beruft sie sich auf Artikel 27 ihres Disziplinarreglements berufen, der es erlaubt, eine Strafe auszusetzen, auch wenn die Karte bestehen bleibt. Was gestern unanfechtbar war, wird heute revidiert, nötig ist nur eine Intervention aus den höchsten Kreisen.
Kein Wunder, dass nicht nur in Belgien Fassungslosigkeit herrschte. „Wenn Geld die Fäden zieht, verliert die WM jede Glaubwürdigkeit. Die Regeln anzupassen, um Trump zu gefallen, zu betrügen, um zu gewinnen – welch ein bedauernswertes Bild für die FIFA, die Fußball-WM und die USA“, war eine Reaktion. Der norwegische Trainer, den der Platzverweis nach eigenen Aussagen nicht überzeugt hatte, schloss sich an: „Vielleicht schießt er ein Tor und macht ein gutes Spiel, Belgien wird außer sich sein", sagte Solbakken. "Man wird auch zu der Frage kommen: Was ist mit der nächsten Roten Karte? Was passiert dann? Wird es irgendwo einen Ausschuss geben, der die Rote Karte zurücknimmt? Das ist eine schlechte, schlechte, schlechte Entscheidung, die der Weltmeisterschaft schaden wird – die USA tun mir leid, denn wenn sie gewinnen, wird das immer im Hinterkopf mitschwingen."
US-Minister Marco Rubio hatte nach dem Platzverweis und der Sperre gesagt: „Mit der roten Karte haben sie uns verarscht. Dafür sollte es ein Berufungsverfahren geben, vielleicht ist es schon zu spät.“ Aber nicht für Trump. Der ging in einer Pressekonferenz noch weiter und behauptete offen, der brasilianische Schiedsrichter habe eine fragwürdige Geschichte und sei unfähig für den Beruf. Seit dem peinlichen Friedenspreis der FIFA für den Faschisten ist offensichtlich, dass Trump einen mehr als direkten Draht zum FIFA-Chef hat. Der „Capo“ des Fußballs lässt mit seiner Schmeichel-Kampagne gegenüber dem US-Präsidenten nichts unversucht, den Rassisten und Kriegstreiber auf seine Seite zu ziehen. „Danke an die FIFA, dass sie das Richtige getan und diese große Ungerechtigkeit rückgängig gemacht hat!“, ließ dieser verlauten. Das nächste könnte sein, im Spiel gegen Belgien einen US-Schiedsrichter einzusetzen. Oder die Yankees mit einem Vorsprung ins Spiel gehen zu lassen, als Heim-Bonus. Ab sofort ist alles denkbar. (baskultur)
(2026-07-05)
VERGEWALTIGER
Zu Beginn des Turniers wurde in dieser WM-Kolumne über die verweigerte Einreise des Ghana-Spielers Partey nach Kanada berichtet. Dem wird eine Vergewaltigung vorgeworfen, so verpasste er das erste Spiel seines Teams. Nicht berichtet wurde in der Presse, dass dieser Spieler zu den weiteren Spielen in die USA einreisen durfte – interessant, wer sich um Vergewaltigung schert und wer nicht. Ghana, mit dem Athletic-Liebling Iñaki Williams, kam schließlich in die zweite Runde.
Immer wieder wird Fußball-Profis sexualisierte Gewalt vorgeworfen. Kollegenkritik gibt es selten bis gar nicht. Umso bemerkenswerter ist nun ein verweigerter Handschlag. Ein Taz-Kommentar: Viel ist nicht passiert beim müden 0:0 zwischen England und Ghana am Dienstag in Boston. Aber zwei Szenen gab es dann doch, über die auch am Tag danach noch gesprochen wurde. Da war zum einen die Frage, warum es in der 79. Minute eigentlich keinen Elfmeter für Ghana gegeben hat, nachdem der englische Verteidiger Ezri Konsa den ghanaischen Angreifer Prince Adu im Stile eines Kung-Fu-Kämpfers angesprungen hatte.
Die andere Szene spielte sich schon vor dem Anpfiff ab. Da verweigerte Englands Verteidiger Djed Spence dem Ghanaer Thomas Partey den obligatorischen Handschlag vor dem Spiel. (Beide übrigens afrikanischer Abstammung.) Gegen Partey läuft in England ein Strafverfahren, das Anfang nächsten Jahres vor Gericht entschieden wird. Ihm werden wiederholte sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Partey, der wegen dieses laufenden Verfahrens nicht zum Auftaktspiel Ghanas gegen Panama nach Kanada einreisen durfte, bestreitet die Vorwürfe. Auf Social Media wurde der verweigerte Handschlag schnell zur Szene des Spiels. Wenn sie wirklich eine Protestgeste zeigt, wäre das wirklich außergewöhnlich. Die nun wahrlich nicht seltenen Vergewaltigungs-Vorwürfe gegen Profis werden in der Machoszene des Männerfußballs meist gar nicht kommentiert. Wenn einer wie Spence also zum Ausdruck bringt, dass er etwas dagegen hat, mit jemandem auf dem Feld zu stehen, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, ist das bemerkenswert.
Partey ist nicht der einzige WM-Spieler, gegen den aktuell wegen sexueller Übergriffe ermittelt wird. Der Marokkaner Achraf Hakimi, der mit Paris Saint-Germain gerade zum zweiten Mal in Serie die Champions League gewonnen hat, muss in Frankreich bald vor Gericht erscheinen. Französische Medien berichteten, er habe 2024 nach einem Chat über Instagram eine Frau mit einem Taxi in sein Haus nach Boulogne-Billancourt bei Paris bringen lassen. Noch am selben Tag soll die 24-Jährige bei einer Polizeistation ausgesagt haben, sie sei vergewaltigt worden. Hakimi bestreitet diese Vorwürfe. Er gehört zu den unbestrittenen Anführern der marokkanischen Nationalmannschaft. Aus deren Kreis erfährt er nichts als Unterstützung. Als bekannt wurde, dass Hakimi vor Gericht wird erscheinen müssen, meinte Nationaltrainer Mohamed Ouahbi nur, das Team stehe hinter ihm. Nicht anders ist es im Fall Partey. Auch dieser genießt das volle Vertrauen seines Teams. Die Reihen sind fest geschlossen.
Das ist das übliche Spiel unter Fußballern, die ihre ganz eigene Bro-Culture pflegen. Als längst bekannt war, dass der deutsche Weltmeister Jérôme Boateng am Suizid seiner Ex-Partnerin durch aggressives Cybermobbing zumindest eine Mitschuld trägt, war es für keinen Bayernprofi ein Problem, dass Boateng beim deutschen Rekordmeister mittrainiert hat, obwohl er dort schon länger nicht mehr unter Vertrag stand. Den ehemaligen Kollegen war schlicht egal, dass das Landgericht München Boateng gegen vorsätzlicher Körperverletzung an seiner Frau verwarnt und zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilt hat. Verwunderlich ist das nicht. Viele Profis wachsen mit dem Selbstverständnis auf, Frauen jederzeit zum persönlichen Vergnügen benutzen zu können.
Franck Ribéry, der ach so drollige Lieblingsfranzose des FC Bayern, ging in einem Pariser Luxusbordell ein und aus, ließ sich eine der Frauen, die er dort kennengelernt hatte, des Öfteren nach München einfliegen. Dass sie noch minderjährig war, will er nicht gewusst haben. Nicht selten sind es die Fans, die dafür sorgen, dass diese finstere Spielart der Fußballkultur öffentlich kritisiert wird. Nur weil die Kurvenfans des FC Bayern so lautstark protestiert haben, sagte der Rekordmeister seinem ehemaligen Spieler eine vereinbarte Trainerhospitanz wieder ab.
Superpartys für Superreiche
Und als sich der französische Superstürmer Kylian Mbappé im Dezember 2024 mit später nicht bestätigten Vergewaltigungs-Vorwürfen konfrontiert sah, wurde bekannt, wie ein superreicher Fußballprofi seine freien Tage verbringt. Man hatte für den heute 27-Jährigen einen Kurztrip nach Stockholm arrangiert, einen Nobelklub reserviert und Frauen organisiert, die ihr Handy am Eingang abzugeben hatten, bevor sie zur Party mit Mbappé eingelassen wurden. Dieser brauchte Kritik aus den eigenen Reihen nicht zu fürchten. Es wird genügend Kicker geben, die Ähnliches auch schon getan haben. In Stockholm war Mbappé nicht allein. Sein Kumpel Nordi Mukiele hat ihn begleitet. Der spielte damals bei Bayer Leverkusen, wo sich an der Reise auch niemand gestört hat.
Ultragruppierungen des FSV Mainz 05 prangerten 2024 die Verpflichtung des Japaners Kaishu Sano an. Der war im Sommer jenes Jahres in Tokio festgenommen worden, nachdem eine Frau eine Vergewaltigung durch drei junge Männer angezeigt hatte. Verurteilt wurde er nicht. Nach einer Geldzahlung und einer öffentlichen Entschuldigung wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Jetzt gehört er dem WM-Kader Japans an.
Und dann ist da noch einer, der munter bei der WM rumspringt: Cristiano Ronaldo. Dem wurde vorgeworfen, 2009 in Las Vegas eine Frau vergewaltigt zu haben. Bei all dem Gerede darüber, ob nun Ronaldo oder Messi der beste Fußballer aller Zeiten ist, bleibt kaum Platz für die Berichterstattung über die Vorwürfe, die der Portugiese stets abgestritten hat. Am Ruf Ronaldos kratzten die Vorwürfe, die sich letztlich nicht rechtssicher haben beweisen lassen, sowieso nie. Er ist der reichste Kicker unter der Sonne. „Ich bin wieder da!“, rief Ronaldo nach seinen zwei Toren im Spiel gegen Usbekistan. Oh je!
Eigentlich Grund genug, auf der Stelle die Glotze auszuschalten oder auf das aktuelle Kinderprogramm umzusteigen. Es ist schlicht zum Kotzen, was und wer uns da weltweit präsentiert wird. Und die linke Männerwelt schaut eifrig zu, wie Star-Vergewaltiger ein- und auslaufen in den Stadien der Welt. Interessant wäre zum Beispiel, ob einer der baskischen Pressevertreter Iñaki Williams bei seiner Rückkehr aus dem WM-Urlaub nach Bilbao fragen wird, wie sich das anfühlte, mit einem Vergewaltiger die Umkleidekabine zu teilen. (taz-baskultur)
(2026-07-05)
GOTTESDIENST ODER FUSSBALL-MATCH ?
Es ist nicht zu übersehen: den WM-Titel zu gewinnen scheint auch eine Glaubens-Angelegenheit zu sein. Warum sonst sollten sich so viele Kicker vielfach-bekreuzigen, wenn sie auf den Rasen laufen oder ein Tor machen. Oder mit nach oben gerichteten Händen Allah anrufen. Früher war es der Aberglaube, etwa immer mit dem linken Fuß zuerst aufs Spielfeld zu schreiten. Jetzt ist aus Aberglaube Religion geworden, gepaart mit rechter Ideologie und Geschäft. Strenggläubige Gruppen nutzen die WM für Missionierungs-Kampagnen. Dazu gehört auch der Schweizer National-Stürmer Rubén Vargas, der in der Schweiz Predigten der Freikirche ICF besucht. Missionieren an Schulen, Jesus-Jubel an WM. Zusammen mit WM-Überflieger Johan Manzambi formte er ein Kreuz mit den Zeigefingern. Rubén Vargas posiert als Model für Sportkleider der Initiative Jesus my Goal. Felix Nmecha legt nach seinem Treffer gegen Curaçao symbolisch eine Krone vor Gott ab. Das Freikirchen-Netzwerk hinter Stürmer-Star Vargas. Ein Gastbeitrag aus dem Schweizer Blick.
DER GOTTESKICKER
Rubén Vargas ist Teil des tiefreligiösen Spielernetzwerks „Fussball mit Vision“. Die Gruppe nutzt das Millionenpublikum der WM, um ihren Glauben zu verbreiten. An der WM sind weitere evangelikale Netzwerke aktiv, die Spuren führen zu Dortmund-Star Felix Nmecha. Nach dem Treffer sinkt er auf die Knie. Stürmer Rubén Vargas (27) hebt die Hände zum Himmel, gerade eben hat er zum 1:0 gegen Kanada getroffen. Die Schweiz ist erlöst. Und mit seiner Pose macht Vargas klar: Nicht ihm selbst gebührt der Ruhm, sondern allein Gott. Religiöse Jubelgesten – auch islamische – sind nichts Neues an internationalen Turnieren. Und doch scheinen sie an dieser Fussball-WM so allgegenwärtig wie schon lange nicht mehr. Das ist nicht nur Zufall.
MISSIONIERUNGSKAMPAGNE WÄHREND DER WM
Evangelikale Missionierungs-Netzwerke haben für die WM gezielt Kampagnen gestartet, um ihre Botschaften vor einem Millionenpublikum zu platzieren. Teil eines dieser Netzwerke ist auch Rubén Vargas. Der Stürmer engagiert sich bei „Fussball mit Vision“. Die in Deutschland gegründete Vereinigung von aktiven und ehemaligen Profikickern will den Fussball zur Bühne für ihren Glauben machen. Federführend ist neben Vargas der deutsche BVB-Star Felix Nmecha (25). In den Gruppenspielen formte er auf dem Feld zusammen mit Spielern von Curaçao einen Gebetskreis. Die Bilder gingen um die Welt. Was aussah wie eine spontane Geste, war eine geplante Aktion. Online-Bibelstunden mit BVB-Star: Angesprochen auf den Gebetskreis, sagte Vargas an einer Medienkonferenz: „Ich kenne Felix, wir haben manchmal auch gemeinsame Calls, wo wir als Christen zusammenkommen.“
Diese Online-Meetings finden im Rahmen von „Fussball mit Vision“ statt. Kurz vor der WM 2026 ging das Netzwerk mit einer Kampagne in die Offensive: «Jesus my Goal», Jesus mein Ziel. Fussballspieler sollen mit ihrem Jubel ihren Glauben in die Welt tragen. Auf der Website schreibt „Fussball mit Vision“: „Wir möchten diese besondere Aufmerksamkeit rund um den Fussball nutzen, um auf etwas hinzuweisen, das grösser ist als jeder WM-Titel: die Hoffnung, die wir in Jesus Christus finden.“
„JESUS IST MEIN RETTER“
Als prominente Köpfe der Aktion treten Vargas und Nmecha auf. In einem Video erklären sie: «Stell dir vor, du triffst, aber dein Jubel ist ganz anders. Wir wollen diesen Jubel auf den Fussballplatz bringen.» Dafür haben die Fussballer eine eigene Jubelgeste aus vier Handzeichen kreiert. Vargas sagt im Video: «Jesus ist mein Retter. Ihm verdanke ich alles.» Das wachsende Netzwerk ist auch neben dem Platz aktiv. Es sucht gezielt Kontakt zu jungen Menschen in Schulen, Kirchen und Sportvereinen. Durch das Verteilen von sogenannten „Kicker-Bibeln“ und durch Treffen mit Profi-Fussballern soll Jugendlichen der Glaube vermittelt werden.
Über einen Shop verkauft „Fussball mit Vision“ Sportkleider mit dem Logo von „Jesus my Goal“. Als Models posieren Felix Nmecha und Rubén Vargas. Zur Vereinigung dürfte der Schweizer Stürmer durch seinen ehemaligen Teamkollegen beim FC Augsburg, Felix Uduokha (28), gekommen sein. Dieser ist Mitgründer und Vorstand des Netzwerks und brachte Vargas ab 2019 zum tiefen Glauben. Vorwürfe, die laufende WM für missionarische Zwecke zu missbrauchen, weist die Vereinigung zurück. „Wenn gläubige Spieler ihren Torerfolg nutzen, um Gott zu danken, ist das kein Missbrauch, sondern ein authentischer Ausdruck ihrer Überzeugung“, sagt Ex-Fussballer und „Fussball-mit-Vision-Chef“ Manuel Bühler. Die Spieler hätten das Recht, ihren Glauben öffentlich zu zeigen.
IN JEDEM FUSSBALLTEAM EIN SPIELER
Ähnlich wie „Fussball mit Vision“ geht die britische ultrareligiöse Gruppe „Ballers in God“ (BiG) vor. Sie vertreibt christliche Fanartikel und postet Glaubens-Bekenntnisse von prominenten WM-Fussballern an ihre 780.000 Followerinnen und Follower auf Instagram. Über ihre Mission schreibt „Ballers in God“: „Unser Ziel ist es, in jedem Fussballteam weltweit einen Spieler zu haben.“ Auch bei BiG führen die Spuren zu Felix Nmecha. Er war Gast im Ballers-in-God-Podcast und predigte bei Meetings. Wie weit Rubén Vargas Verbindungen zur Gruppe hat, ist unklar. Fakt ist, dass BiG auf Instagram die christlichen Jubelgesten von Rubén Vargas postete: das Kreuz, das er mit den Händen formte, und den Kniefall vor Gott. Vargas hat die Beiträge gelikt. Auch den Gebetskreis nach dem Spiel zwischen Deutschland und Curaçao feierte „Ballers in God“ auf seinen Kanälen. Die beteiligten Spieler sind Mitglied der Organisation.
KONTAKTE ZU FUNDAMENTALISTEN
Chef von „Ballers in God“ ist der frühere englische Fussballprofi John Bostock (34), der Kontakte zur fundamentalistischen Awakening-Bewegung pflegt. Diese hält Homosexualität für eine krankhafte Abart und bietet Konversionstherapien an. Felix Nmecha bezeichnete Bostock als seinen Mentor. Er geriet in die Kritik, nachdem er Homosexualität als Sünde bezeichnete und auf Instagram einen Beitrag teilte, der den in der LGBTQ-Gemeinschaft gängigen Begriff Pride mit dem Teufel verglich. Nmecha markierte zudem einen Beitrag mit «Gefällt mir», der den Satz enthielt: „Du kannst nicht homosexuell sein und in den Himmel kommen.“ Später distanzierte er sich von den Aussagen. Rubén Vargas fiel bisher nicht mit entsprechenden Äußerungen auf. Seinen Glauben trägt er aber aktiv an die Öffentlichkeit. In Zürich besucht er Predigten von ICF. Kritiker werfen der Freikirche sektenhafte Züge und Homophobie vor. ICF weist das zurück.
Vor einem Jahr liess sich Vargas für eine ICF-Konferenz von Freikirchen-Chef Leo Bigger interviewen. Dort erzählte er, dass ihm die Gottesdienste vor Ort fehlen würden. Online sei er aber oft dabei – „Gott sei Dank kann man das ICF ja live mitverfolgen.“ Vargas war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Er bereitet sich in Vancouver (Kanada) auf den Achtelfinal am Dienstag vor. Als Tempomacher und Doppel-Torschütze ist er ein wichtiger Leistungsträger des Teams. Der Schweizerische Fussballverband (SFV) liess ausrichten, dass der persönliche Umgang mit Religion Privatsache der Spieler sei, solange nicht gegen FIFA-Regeln verstossen werde.
RELIGIONSFREIHEIT AUF DEM PLATZ
Der Welt-Fussballverband verbietet vieles, darunter auch religiöse Slogans. Wer zum Beispiel das Trikot hinaufzieht, um Botschaften auf Kleidungsstücken darunter zu zeigen, wird bestraft. Gleichzeitig gilt auch auf dem Spielfeld Religionsfreiheit. Gebete und Glaubensgesten sind erlaubt, sofern sie das Spielgeschehen nicht verzögern. Diesen Spielraum nutzen evangelikale Spieler: Sie knallen den Ball ins Netz. Und ihre Botschaft in die Welt. (blick-baskultur)
(2026-07-04)
EIN SIEG FÜR PALÄSTINA
„Ägypten hat die Weltmeisterschaft politisiert“, ist nach dem letzten Spiel des 16tel-Finales in der spanischen Ultrarechts-Presse zu lesen. Die übrigen Medien, links wie rechts, erwähnen das Thema gar nicht, auch das Fernsehen bleibt schwarz. Doch wie immer gab es eine Handy-Aufnahme, die über soziale Medien verbreitet wurden. „Ägypten hat die Weltmeisterschaft politisiert“ hört sich an wie ein schlimmer Vorwurf, wo sich die große Mehrheit der WM-Verantwortlichen und Aktiven doch eingeschworen hat auf den unpolitischen Charakter von Sport.
Was war geschehen? Nachdem sich das ägyptische Nationalteam am Freitag gegen Australien für das Achtelfinale der Weltmeisterschaft qualifiziert hatte, sorgte Trainer Hossam Hassan in den sozialen Netzwerken für Aufruhr: auf dem Rasen zeigte er die palästinensische Flagge und widmete den Sieg über Australien dem palästinensischen Volk. Eine politische Botschaft, die selbstverständlich Kontroversen auslöste, da sie das Rampenlicht einer sportlichen Veranstaltung nutzte, um ein in den Vereinigten Staaten äußerst heikles Thema aufzugreifen.
Bis zum Schlusspfiff feierte Ägypten ein Fußballfest. Die „Pharaonen“ gewannen im Elfmeterschießen, nachdem das Spiel nach 120 Minuten unentschieden endete. Eine Glanzleistung, die Ägypten zum ersten Mal in seiner gesamten Geschichte vollbrachte, nachdem das Team zuvor drei Mal (1934, 1990, 2018) in der Vorrunde gescheitert war. All dies stand im Rampenlicht, das der Trainer nutzte, um eine palästinensische Flagge zu entrollen und sie vor den ägyptischen Fans zu schwenken, als das Stadion bereits fast leer war. In der Mixed Zone übermittelte Hassan eine Botschaft der Unterstützung für Palästina: „Ich wünsche allen Palästinensern alles Gute. Mein Herz und meine Seele sind bei ihnen. Seht nur, wie sehr sie sich für uns freuen. Ich danke euch allen für eure Unterstützung. Möge Gott euch Erfolg schenken. Ich widme diesen Sieg dem ägyptischen und dem palästinensischen Volk“, sagte er.
Palästina hatte sich nach Niederlagen in der Qualifikationsrunde nicht für diese Weltmeisterschaft qualifiziert. Trainer Hossam Hassan: „Wir haben es geschafft, zur Ehre der Araber, wir sind ein Teil von ihnen. Herzlichen Glückwunsch an Ägypten, die arabische Welt und Afrika. Natürlich habe ich gebetet, ich habe an die Fans gedacht, während des Elfmeterschießens habe ich gebetet“, berichtete er. „Herzlichen Glückwunsch an die arabischen und afrikanischen Nationen, an unsere palästinensischen Schwestern und Brüder – möge Gott sie beschützen und sich ihrer erbarmen. Dieser Sieg gehört dem ägyptischen Volk. Am Ende haben wir alle geweint. Es war sehr schwer, und wir wollten unser Volk glücklich machen“, schloss der ägyptische Nationaltrainer.
Die FIFA wird den „Vorfall“ unter den Teppich kehren, die bürgerliche Presse zieht willig mit. Sonst könnte es passieren, dass der ägyptische Trainer von der ICA-Polizei in Vorbeugehaft genommen oder über dem „Golf von Amerika“ aus dem Flugzeug geworfen wird, wie dies die argentinischen Militärs mit linken Oppositionellen machten als sie die FIFA-Weltmeisterschaft 1978 organisieren durften. (baskultur)
(2026-07-04)
RASSISMUS NACH WM-AUS
Fußball-Männer wollen gewinnen, um jeden Preis. Für die auf dem Rasen geht es um viel Geld und den Eintrag in die Geschichte des Landes und der Welt – die auf der Tribüne wollen ihre nationalen Fahnen zeigen und sich die Kehle aus dem Hals schreien wie Schweine beim Abstechen. Weil der Gegner auf dem Rasen dieselben Absichten hat, geht das Gewinnen manchmal schief. Dann stellt sich die Frage des Verlieren-Könnens. Unter den Zuschauern können manche gut verlieren, die Schotten, die Basken, die Isländer. Die anderen können es nicht, weil sie sich in ihrem unstillbaren Männerstolz verletzt fühlen: die Uruguayer, die Franzosen, die Argentinier, die Italiener. Auch in Deutschland haben nach dem WM-Aus nicht wenige so genannte Fans neue Kapitel schlechten Benehmens geschrieben. Nach dem Ausscheiden häufen sich rassistische Gewalttaten. Aus Chemnitz wird von Ausschreitungen berichtet. (Foto: deutsche Fans / dpa)
EIN HITLERGRUSS, DROHUNGEN, VERFOLGUNGSJAGD
Dabei geht es nicht zuletzt um die Frage der Schuld für das Ausscheiden. Die Frage scheint in diesem Fall einfach zu beantworten: denn der letzte Elfmeter-Versager hat einen Namen. Jonathan Tah. In den Hintergrund rückt, dass zwei weitere Teamkollegen ihre Elfmeter ebenfalls nicht verwandelten. Der Versager hat nicht nur einen Namen, er hat auch eine Hautfarbe: braun. Tah wurde in Hamburg geboren, seine Mutter ist Deutsche, sein Vater stammt aus der Elfenbeinküste. Stramme Deutsche, weiß wie der Schnee und dumm wie die Nacht sprechen Leuten wie Jonathan Tah die Zugehörigkeit zu Deutschland ab, in rechten Kreisen kursiert oft der Begriff „Pass-Deutscher“. Von einer „pass-deutschen Fußball-National-Mannschaft“ sprach die AfD-Bundestags-Abgeordnete Christina Baum bereits 2022. „Solche Narrative grenzen Spieler mit Migrationsgeschichte aus und schaffen einen Resonanzraum für rassistische Anfeindungen, die sich nach dem Schlusspfiff auch auf den Straßen entladen“, schreibt dazu die taz.
Bei Jonathan Tah steht der Fehlschuss sinnbildlich für das Scheitern. Dass er Deutschland in der Verlängerung mit einem Kopfballtreffer beinahe zum Sieg geführt hatte, der nach Videobeweis aberkannt wurde, zählt nicht mehr. Stattdessen richtet sich der öffentliche Zorn auf ihn, als hätte er alleine gespielt. Das dümmliche Argument wird schnell aus der Kiste gezogen – er sei „nicht deutsch“. Unter seinem Instagram-Beitrag häuften sich rassistische Beleidigungen und Anfeindungen. „WM-Veranstaltungen werden zu Orten rechtsextremer Anfeindungen. So war es schon beim Spiel gegen die Elfenbeinküste. Vor der öffentlichen Spiel-Leinwand in Berlin-Friedrichshain skandierte ein Zuschauer rassistische Parolen. Bei einem Autokorso in Kassel wurde aus einem Auto mit rechter Symbolik ein Hitlergruß gezeigt.
BAUSTELLENZÄUNE ALS WAFFEN
„Von einer rassistischen Verfolgungsjagd nach dem deutschen WM-Aus gegen Paraguay wird aus Chemnitz berichtet. Da kommen Erinnerungen an das Jahr 2018 auf, als es nach dem tödlichen Angriff auf einen Deutschen zu rassistischen Hetzjagden kam. Ein Tiktok-Video aus Chemnitz zeigt eine Gruppe Männer, die rot-weiße Baustellenzäune aus Plastik als Wurfgeschosse benutzen. Das Video wurde vom Recherchekollektiv Vue Critique aufgegriffen. Schon während der TV-Übertragung, so das Recherchekollektiv, wurden Menschen rassistisch und antisemitisch beschimpft, Sitzplätze verweigert. Die Security des Veranstalters griff ein. Die Betroffenen wurden nach Hause geschickt.“ Nach dem Spiel intervenierte eine rechte Gruppe. Die Polizei traf erst nach den Ausschreitungen am Tatort ein. Sie ermittelt wegen des Verdachts der Volksverhetzung und gefährlichen Körperverletzung.
„Zuvor hatte die Security versucht, für Ordnung zu sorgen. Im Raum steht nun der Vorwurf, dass diese die Angegriffenen nicht wirklich geschützt haben. Dem Recherchekollektiv von Vue Critique zufolge berichteten Augenzeug*innen, ein Mitarbeiter der Security habe eine Person aus der rechten Gruppe persönlich gekannt. Er sei darüber hinaus bekannt, einst bei einer ehemaligen Security-Firma aus dem Chemnitzer rechtsextremen Milieu tätig gewesen zu sein.“ Das passt zusammen. Auch der regionalen Tageszeitung Freie Presse und einer Opferberatungs-Stelle liegen solche Berichte vor. Ihrem Aufruf sowie dem öffentlichen Statement der Gruppe „Chemnitz Nazifrei“ folgten in den vergangenen Tagen viele Augenzeug*innenberichte. „Chemnitz Nazifrei“ stellt fest, dass zu solchen antifaschistischen Strukturen ein „Vertrauensverhältnis“ bestehe. Zur Polizei nicht.
Wir sprechen weiter von der Fußball-WM unter dem FIFA-Motto „Fußball vereint die Welt“. Der Vorfall in Chemnitz zeigt, dass die politisch motivierte Ausgrenzung von Sportler*innen mit Migrationsgeschichte ein gesellschaftliches Klima schafft, in dem Rassismus schnell handfeste Folgen hat. Dass das nicht erst seit der USMEKA-WM so ist, zeigen Daten der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball NRW: im Frühjahr 2025 knapp 2. 500 Diskriminierungs-Vorfälle – deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren. Ein Zusammenhang zwischen dem Erstarken rechter Akteure, der politischen Instrumentalisierung des Fußballs und den rassistischen Vorfällen rund um das deutsche Team liegt nahe. (taz-baskultur)
(2026-07-04)
EIN FUSSBALL-TEAM AUSLÖSCHEN
Während der Übertragung des WM-Spiels zwischen Kanada und Südafrika wurde erwähnt, dass der Verteidiger des FC Bayern München, Alphonso Davies, der 1.000. Spieler war, der bei der Weltmeisterschaft 2026 zum Einsatz kam. Tausend Sportler haben an diesem weltweiten Fußballfest teilgenommen – genau so viele sind seit dem 7. Oktober 2023 in der palästinensischen Sportszene getötet worden. Während die Sportwelt wegen der Weltmeisterschaft stillsteht, reißt die Gewalt Israels in Palästina nicht ab, und Sportler bilden für die israelische Armee keine Ausnahme. Der Torwart Salim Al-Ashqar starb, nachdem er bei einer Besorgung erschossen wurde. Seine Frau ist im fünften Monat schwanger. Israel hat in Palästina mehr als 1.000 Sportler getötet, den letzten mitten während der Weltmeisterschaft. (Foto: Salim Al-Ashqar, Archivfoto. / Palästinensischer Fußballverband)
Mehr noch: Die Zahl beläuft sich nach dem jüngsten vom Palästinensischen Fußballverband bestätigten Todesfall auf 1.009 Sportler. Es handelt sich um Khan Younis Salim Al-Ashqar, einen Torwart, der im Laufe seiner sportlichen Karriere hauptsächlich für drei Fußballmannschaften im Gazastreifen spielte: Al-Masdar, Al-Aqsa und in der letzten Saison für Khadamat Khan Younis. Wie der palästinensische Fußballverband mit Bedauern mitteilt, wurde er in der Stadt Al-Qarara, nordöstlich von Khan Younis, tot aufgefunden. Außerdem berichten sie, dass er bald Vater werden sollte, da seine Frau im fünften Monat schwanger ist. Er hatte zudem sieben Schwestern.
PALÄSTINA INTERNATIONAL
Seit 1998 ist der Fußballverband Palästinas offizielles Mitglied der FIFA und kann an internationalen Turnieren wie der WM teilnehmen. Es fällt sicher nicht schwer, sich angesichts der Situation in Gaza – totale Zerstörung – vorzustellen, dass die Trainings- und Spiel-Möglichkeiten praktisch inexistent sind. Dazu kommt, dass Israel nach und nach bereits ein gesamtes Nationalteam ausgerottet hat. IM März 2025 bestritt die Palästina-Auswahl die letzten Qualifikationsspiele zur aktuellen WM, gegen Jordanien und Irak, die sich beide für die WM qualifizieren konnten. Im November 2025 wurde die Auswahl vom baskischen Fußball-Verband zu einem Länderspiel eingeladen, zum Spiel und Solidaritätsfest kamen 54.000 Zuschauer*innen.
Wie der Fußballverband gegenüber der Zeitung „The New Arab“ berichtete, war der Fußballspieler gerade dabei, sein Fahrrad zu besteigen, um eine Gasflasche für seinen Haushalt wieder aufzufüllen, als er von einem in der Nähe stationierten israelischen Panzer unter heftigen Beschuss geriet. Sie fügen hinzu, dass er von einer verirrten Kugel getroffen wurde, die sich in seinem Bauch festsetzte. „Wir sind erschüttert, dass solche Ereignisse weiterhin stattfinden. Wir fordern Gerechtigkeit und Frieden“, verurteilte der Palästinensische Fußballverband. In einer Stellungnahme gegenüber „Al Jazeera“ beschrieb Saadallah Abu Mousa, ein Verwandter von Al-Ashqar, diesen als „einen der besten jungen Männer in unserer Nachbarschaft“ und fügte hinzu, dass er und andere unbewaffnete Zivilisten auf dem Heimweg von der Arbeit von israelischen Panzern beschossen wurden. Auch dieser jüngste Todesfall wurde von Sportvereinen und Persönlichkeiten aus der Sportwelt scharf kritisiert. Dazu gehörten der chilenische Verein Club Deportivo Palestino sowie der türkische Minister für Jugend und Sport.
DIE ISRAELISCHE GEWALT HÖRT NICHT AUF
Zudem tötete die israelische Armee am vergangenen Donnerstagabend bei einem Drohnenangriff in Mawasi zwei Bewohner des Gazastreifens und verletzte sieben weitere, darunter auch Kinder, wie das Nasser-Krankenhaus mitteilte, in das die Opfer gebracht wurden. Bei den Getöteten handelte es sich laut Angaben des genannten Krankenhauses um Mahmoud Abdel Razeq Muhammad Al Breim (43 Jahre) und Yousef Qassem Abu Khater (60 Jahre). Die jüngste Bilanz des Gesundheitsministeriums von Gaza, die heute aktualisiert wurde, jedoch die Todesfälle der letzten Stunden noch nicht berücksichtigt, beziffert die Zahl der Todesopfer bei israelischen Angriffen seit Inkrafttreten des Waffenstillstands im Oktober 2025 auf 1.059. Hinzu kommen 3.429 Verletzte und 788 Leichen, die im gleichen Zeitraum aus den Trümmern geborgen wurden. (naiz-baskultur)
(2026-07-02)
HOMOPHOBIE BEIM MÄNNER-SPORT
Wenn es stimmt, dass 1% der Männer schwul ist, müssten bei der WM von 1248 berufenen Spielern statistisch 12,5 Spieler zu dieser Gruppe gehören. Geoutet hat sich bisher keiner. Sollte einer mit dem Gedanken spielen, dem sei momentan dringend abzuraten, während sich das Geschehen im Macho-Land Mexiko und im schwulen-feindlichen USA abspielt; nur Kanada hat in der Hinsicht weniger Dreck am Stecken. Wo Machos auf dem Feld Krieg spielen und Machos auf den Rängen „mitgehen“, sind schwulenfeindliche Gesten oder Schreie kein Wunder. Mit Unbehagen lesen wir in der taz-WM-Kolumne, dass „Mexikanische Fans im Spiel gegen Ecuador mit homophobem Gebrüll auffallen“. Mit Recht wurde nach dem Spiel nicht nur über den glorreichen Sieg über die späteren Germany-Bezwinger gesprochen, sondern über Machismus. Dabei ist nicht klar, ob es sich bei den Rufen „puto“ direkt um Schwulenfeindlichkeit handelt oder schlicht um eine Beleidigung um jeden Preis. Puta ist im Spanischen die Hure, Puto das männliche Gegenstück.
„Mit ohrenbetäubenden Pfiffen wurde der Anlauf von Hernán Galíndez, dem Torhüter Ecuadors, zum Abstoß begleitet, und als er den Ball trat, war der Schrei puto deutlich zu vernehmen“, weiß die taz zu kommentieren. Was in Mexiko offenbar dazugehört – allen Strafen zum Trotz. Denn: „Die Puto-Rufe waren schon bei der WM 2014 in Brasilien zu hören, Manuel Neuer wurde bei der WM 2018 in Moskau von mexikanischen Fans entsprechend geschmäht. Das gleiche Schicksal ereilte gegnerische Torhüter bei der WM 2022 in Katar, bei allen anderen möglichen Wettbewerben und in Freundschaftsspielen.“ Das spricht für die Beleidigungs-These. Ablehnenspflichtig ist es allemal. „Der mexikanische Fußballverband dürfte die Übersicht verloren haben, wie viele Geldstrafen er dafür schon entrichten musste. Allein für die Vorfälle bei der letzten WM 2022 waren es 114.000 US-Dollar. Sogar Geisterspiele wurden dem Verband schon auferlegt. Erst vergangenen Mai, beim mexikanischen WM-Testspiel gegen Ghana, hatte die FIFA wieder Sanktionen wegen dieser Rufe verhängt und Teilbereiche im Stadion von Puebla für Zuschauer gesperrt.“ Ein Beispiel für den schwächlichen Weltverband. Denn eine Geldstrafe kommt nicht bei den Richtigen an, Spielverbot müsste die antwort sein. Denn ohne Spiel keine Rufe. So einfach. Traut sich Infantino aber nicht, schon gar nicht beim Gastgeber. Also Stillhalten, Kuschen.
FUSSBALLLEGENDEN VERSAGEN
Wir kennen es von zu Hause. Gut gemeinte Fernseh-Kampagnen im Gutmenschen-Ton, gegen Rassismus, Frauenfeindlichkeit: „sei lieb zu deinem Nachbarn dem Türken“ – alles für die Katz, weil Kritik und Empfehlung nicht ehrlich gemeint sind. Homophobie im Fußball ernsthaft zu bekämpfen, würde das ganze System, den Fußball an sich in Frage stellen. Wer will das schon. Also so tun als ob, hier eine Kampagne, dort ein moralisierendes Spruchband. Im schuldfühlenden Mexiko wurden sogar Volkshelden mobilisiert. Weil die Angst groß war, als WM-Gastgeber wieder „verhaltensauffällig zu werden“.Kampagnen wie „Ruft was ihr wollt – aber nichts, was uns aus dem Spiel nimmt“ waren so nutzlos wie Beten. Auch empfehlende Worte des Nationaltrainers Javier Aguirre, eines gestählten Basken, und von der größten Fußballlegende aller zeiten Hugo Sánchez wurden „vom Winde verweht“.
Wenn vom Schimpfwort die rede ist, wird von „el grito“ gesprochen, um das eigentliche Wort zu vermeiden, was übersetzt „der Schrei“ bedeutet. Ebenfalls erfolglos, wie die Partie gegen Ecuador zeigte. „Dass einfach nur von dem Schrei und nicht von Homophobie die Rede ist, beschreibt ein Grundproblem. Es besteht eine Scheu, die Dinge beim Namen zu nennen“, kritisiert die taz – wir schließen uns unumwunden an. Eine andere mexikanische Strategie ist, den Ball ins Aus zu spielen und abzustreiten, das Wort „puto“ habe eine homophobe Note. Auch wenn der Begriff in der Alltagssprache auch für „Feigling“ genutzt wird, geht der Spielzug ins Abseits. Denn die herabwürdigende sexistische Herkunft des Wortes ist nicht zu leugnen.
ABBRECHEN
Wie gesagt: Homophobie und Sexismus unter Fans sind kein exklusiv mexikanisches Problem. „Bei der WM 2018 verhängte die FIFA Strafen gegen Fans aus Argentinien, Peru und Uruguay, die mit explizit diskriminierenden Gesängen auffielen. Homophobe und sexistische Beschimpfungen gehören auch zum deutschen Fußballalltag, auch wenn sie im Profibereich eher selten orchestriert vorgetragen werden.“ Der letzte massive Vorfall geht auf März 2025 zurück, ein Drittligaspiel. Gästefans beschimpften die Schiedsrichterin Fabienne Michel als „Hure“ und sangen: „Die Blonde wird gefickt, olé, olé.“ Da hilft nur Spielabbruch, sagen wir. Aber Giovanni will ja nicht hören. Mal sehen, wie er auf die Ecuador-Vorfälle reagiert. „Nach eigenem Regelwerk, dem sogenannten Drei-Stufen-Verfahren, hätte das Schiedsrichterteam nach den ‘Puto‘-Rufen die Partie unterbrechen müssen“. Stufe zwei wäre eine Aufforderung über die Stadion-Laufsprecher. Stufe drei: die Partie abbrechen. Das wäre ein wahres Novum bei einer WM, passend zur Rekord-WM 2026. Die Kapitalisten hätten eine weitere Werbepause gehabt, die FIFA noch mehr Geld verdient. Ein Kreis hätte sich geschlossen. Mexiko ist eine Runde weiter, daran besteht kein Zweifel. (taz-baskultur) (taz-baskultur)
(2026-07-01)
REISESTRESS IN USMEKA
Neun Stunden Reisezeit für eine Strecke, die eigentlich drei dauern sollte. Das Team Ecuador hat sich beschwert. Die Beschwerde hat ein Problem in Worte gefasst, mit dem viele Teams stillschweigend kämpfen. Bei einer WM, die sich über die USA, Mexiko und Kanada erstreckt, zwingt der Wettbewerb die Teams dazu, mit langen Flügen und stundenlangen Wartezeiten zu leben. Die Erholung bleibt dabei auf der Strecke. Das Ecuador-Team, das auf der Reise nach Mexiko-Stadt eine lange Verspätung hinnehmen musste, sprach Klartext: „Wir haben drei Stunden länger gebraucht als vorgesehen, wir wissen nicht, warum. Aus sechs Stunden Flug und Transfer wurden neun Stunden“. Der Fußballverband legte eine formelle Beschwerde ein. Das sei „weit entfernt von den Prinzipien des Fairplay und der Gerechtigkeit in einer Fußball-WM“. Ein Irrtum, denn in USMEKA geht es nicht um Fairplay, sondern um das größte Sportgeschäft des Planeten. Deshalb wird die WM nicht in einem Land ausgetragen, sondern auf einem halben Kontinent. Von der „Tri“ wurden die Vorfälle vor einem Qualifikationsspiel als „unsportlich“ bezeichnet (Sie verloren 0:2).
DER UNSICHTBARE FEIND
Eine Frage liegt auf der Hand: Kann eine Anreise den Ausgang eines Spiels beeinflussen? Für einen Biomediziner lässt die Antwort keine Zweifel zu. „Spiele werden nicht nur auf dem Rasen ausgetragen, sondern auch auf dem Weg vom einen zum nächsten Spiel entschieden“. Der Unterschied zu Katar ist enorm, das arabische Land ist so groß wie Euskadi und Navarra zusammen. Jetzt sieht die Lage ganz anders aus. Die Entfernungen zwingen zum Fliegen, Routinen umzustellen und die Logistik zu einem Bestandteil der Vorbereitung zu machen. „In Katar haben wir praktisch immer am selben Austragungsort gewohnt. Die Wege waren minimal und die Regeneration deutlich besser. In Katar war die Entfernung zwischen den Stadien in Minuten zu messen, die Fahrten erfolgten mit dem Bus. In USMEKA geht es um Flugstunden zwischen entscheidenden Spielen“.
In einer KO-Phase kann jedes Spiel das letzte sein, jede Stunde zählt. Schlecht schlafen, spät zu Abend essen, weniger Zeit im Hotel anzukommen, zu langes Sitzen –das sind keine Kleinigkeiten, wenn der Körper gerade erst bis an seine Grenzen gegangen ist und nur wenig Zeit hat, um wieder bereit zu sein. „Dieses Phänomen wird im Spitzensport noch immer unterschätzt, es kann die Leistung beeinträchtigen, selbst wenn es keine nennenswerte Zeitumstellung gibt.“ Doch Spieler sind keine ernst zu nehmenden Subjekte, sondern nichts als Maschinen, die die WM-Industrie aufrecht erhalten (wenn sie nicht gerade Messi, Kane oder Mbappe heißen). Teams sind keine gleichberechtigten Teilnehmer, sondern beliebig austauschbare Elemente, Hauptsache das Endspiel findet statt.
Es geht nicht um Jetlag. Sie müssen nicht den halben Planeten umrunden oder die Zeitzone wechseln, damit der Körper es spürt. Das Problem liegt in den Stunden ohne Bewegung, in der Muskelverspannung und in einer fehlenden Erholung. Mehrwöchige Reisen bedeuten viele Stunden im Sitzen. Die WM dauert sechs Wochen. Das verringert die Beweglichkeit der Beine, verschlechtert den Blut-Rückfluss, begünstigt Verspannungen. Auf den Fußball übertragen: Der Körper ist weniger darauf vorbereitet, explosive Belastungen, Tempowechsel, Bremsmanöver, Sprünge oder Sprints zu bewältigen. Das entscheidet in einer KO-Runde. „Die Reise verursacht nicht direkt eine Verletzung, aber sie verringert die Belastbarkeit des Gewebes.“
MUSKELVERLETZUNGEN
Die größte Sorge bereiten Muskelverletzungen ohne Fremdeinwirkung. An Oberschenkel, Waden, Quadrizeps oder Adduktoren. Körperteile, die hoch intensiven Belastungen ausgesetzt sind und sich vollständig erholen müssen, bevor sie wieder beansprucht werden. Die Gegentherapie: Vor der Reise werden Muskeln aktiviert, ohne sie zu ermüden. Gesäß, Oberschenkel, Füsse, Hüfte und Sprunggelenk. Das Ziel ist keine zusätzliche Belastung, sondern das neuro-muskuläre System wach zu halten. Während des Fluges muss Bewegungsmangel vermieden werden. Die Beschwerde Ecuadors geht über einen subjektiven Protest hinaus. Sie hat einen Blick auf eines der (gesundheitlich gesehen) großen Probleme dieser WM geworfen: „Die Reise ist nicht nur Fortbewegung, sondern Teil des Wettbewerbs und der Spielvorbereitung“, so der Biomediziner. Bisher hat sich niemand die Mühe gemacht, welche Teams mehr oder weniger reisen müssen – das Ergebnis wäre vielsagend. Beim Iran-Team wurde sicher alles Denkbare unternommen, um den Erholungswert zwischen den Spielen zu reduzieren – Frage: reist das US-Team mit den selben Hindernissen? (marca-baskultur)
(2026-06-30)
KONGO MIT LUMUMBA
Für die Demokratische Republik Kongo, ehemalige belgische Kolonie, die von ihren Kolonialherren schwer geschunden wurde, ist es die erste Teilnahme an einer Fußball-WM. Dass dem Team heute das vierte spiel bevorsteht, zeugt von ausreichender Qualität, um in eine Zwischenrunde zu kommen und nicht wie die berühmten Teams von Tschechien oder Uruguay die Koffer zu packen. Doch nicht allein die Spieler sind es, die in USMEKA Geschichte schreiben. Auch auf der Tribüne passiert Auffälliges, das zumindest in der spanischen Sportpresse seinen Niederschlag fand. Da ist die Geschichte von Lumumba Vea, dem „lebenden Denkmal“ der Weltmeisterschaft, der sein Kongo-Team regungslos anfeuert. Lumumba Vea verfolgt die Spiele seiner kickenden Landsleute regungslos und mit erhobener Hand, während die übrigen Fans singen und das Team anfeuern.
Mit seiner ganz speziellen Art von moralischer Unterstützung hat der kongolesische Fan Lumumba Vea das erreicht, was sich alle Influencer wünschen: viral zu werden, oder: massenhaft in den sozialen Medien herumgereicht zu werden. Dabei hat der Mann noch einen Hintergedanken, den die große Mehrheit der Fans sicher nicht zu entschlüsseln vermögen. Lumumba – war da nicht noch etwas? Der Kongolese, dessen richtiger Name Michel Nkuka Mboladinga lautet, fällt nicht nur durch seine formelle Kleidung in den Farben der Flagge seines Landes auf, sondern auch dadurch, dass er während aller Spiele seiner Nationalmannschaft regungslos verharrt. In Guadalajara wurde er unter Begleitschutz zum Estadio gebracht, wohin er von der FIFA eingeladen worden war, da er das erste Spiel des Kongo in den USA aufgrund der Gesundheits-Beschränkungen infolge des Ebola-Ausbruchs in seinem afrikanischen Land nicht besuchen konnte.
Vor dem Betreten des Stadions zeigte er sich dankbar dafür, sein Land bei der WM begleiten zu dürfen, und betonte, seine Botschaft bestehe darin, ein Symbol für das kongolesische Volk sichtbar zu machen: Patrice Lumumba, den anti-kolonialistischen Nationalhelden und ersten Staatschef seines Landes nach der Unabhängigkeit von Belgien. Wenn das Geschichts-Bewusstsein nicht ausreicht, hilft ein Blick ins Internet: Patrice Lumumba! Wie konnte dieses Malheur passieren, diesen Mann zu vergessen!
Patrice Émery Lumumba wurde am 2. Juli 1925 in Belgisch-Kongo geboren – übermorgen würde er 101 Jahre alt. Er war von Juni bis September 1960 erster Premierminister des unabhängigen Kongo (heute Demokratische Republik Kongo genannt) und einer der Vorkämpfer der afrikanischen Unabhängigkeits-Bewegung. Zunächst hatte er eine bedeutende Rolle dabei gespielt, das Land 1960 friedlich aus der belgischen Kolonialherrschaft heraus in die Unabhängigkeit zu führen. Kurz darauf wurde das Land durch die so genannte Kongo-Krise in Aufruhr versetzt. Im September 1960 wurde er mit Unterstützung der Vereinigten Staaten (die Monroe-Doktrin gilt auch in Afrika) und der belgischen Regierung durch Joseph Kasavubu als Präsident abgesetzt. Der spätere Diktator Mobutu Sese Seko ließ Lumumba festnehmen und den Behörden von Katanga unter der Leitung von Moïse Tschombé übergeben. Er wurde im Januar 1961 von einem Erschießungs-Kommando des international nicht anerkannten Staates Katanga am 17. Januar 1961 bei Élisabethville ermordet. Als charismatischer Anführer und Opfer im Kampf um die Freiheit des Kongo von der kolonialen Herrschaft wurde er zu einer Symbolfigur des anti-imperialistischen Kampfes in Afrika.
Das also ist die heimliche Botschaft des heutigen Lumumba Vea. Der 49-jährige Kongolese ließ sich mit mexikanischen und kolumbianischen Fans fotografieren, die ihn erkannten, insbesondere mit einer 15-Jährigen, die eine Flagge der DR Kongo trug. Sie wollte ihn persönlich kennenlernen, nachdem sie ihn beim Qualifikationsspiel zur WM im vergangenen März in dieser mexikanischen Stadt gesehen hatte. Lumumba Vea wurde zu einem Symbol des Fußballs seines Landes, indem er die Spiele des kongolesischen Teams beim Afrika-Pokal besuchte und das gesamte Spiel regungslos und mit erhobener Hand verfolgte, während die Fans sangen und die Mannschaft anfeuerten. Wer sich die Mühe macht, Bilder des alten Lumumba mit denen des heutigen Lumumba Vea zu vergleichen, wird eine Überraschung erleben. (marca-baskultur)
(2026-06-29)
MASSE STATT KLASSE
Zu anderen Zeiten waren Weltmeisterschaften nach zwei Wochen bereits zu Ende, die US-ME-KA-Mammut-WM hingegen kommt zu diesem Zeitpunkt (jetzt) erst richtig in Gang. Wie zu erwarten konnten bei der Unzahl von Teilnehmern Team die erste Zwischenrunde erreichen, die selbst nicht daran geglaubt haben: Ägypten, Algerien, Ecuador, Elfenbeinküste, Kanada, Kapverden, Kongo, Norwegen, Südafrika, in alphabetischer Reihenfolge, manche überhaupt zum ersten Mal dabei. Dazu kommt Ghana, dessen portugiesischer Trainer Carlos Queiroz den Charakter des Turniers auf den Punkt brachte: nicht Fußball, sondern Moneyball. Dem ist nichts hinzuzufügen, die aus Einnahmen erwartete Bilanz beträgt das Doppelte im Vergleich zum letzten Event. Von den afrikanischen Teams kamen neun von zehn weiter.
Dem gegenüber stehen die erwarteten und nicht erwarteten Versager. Wo es keine große Hoffnung gab, konnten die Spieler mit erhobenen Haupt das Spektakel verlassen: Haiti, Usbekistan, Irak, Katar, Neuseeland. Das trifft auf die Türkei und Tschechien keinesfalls zu, die Gruppenrunde zu überstehen wäre Pflicht gewesen. Ein frühes Ausscheiden wurde zur Staatskrise, als sich ein Staatspräsident zu scharfer Kritik veranlasst sah, den Rücktritt des Trainers zu fordern – wir sprechen von Korea, aber nicht vom Norden, sondern vom Süden. Für schottische Fans war der Ausgang ohnehin egal, Hauptsache die Fiesta war gut und das Bier billig. Als wahre Helden abreisen konnte das Team von Curacao, dem die halbe Welt ein Weiterkommen gewünscht hätte (begrabt mein Herz am Strand von Curacao). Selbiges gilt für das gebeutelte Team von Iran, das in den wenigen Aufenthalts-Tagen zwischen Mexiko-Hotel und den US-Spielstätten drei bis vier US-Waffenstillstands-Ankündigungen über sich ergehen lassen mussten, die jeweils von israelischen Bomben im Libanon und US-Angriffen „auf strategische Ziele im Iran“ widerlegt wurden. Kicken bei der WM und im Fernsehen zuschauen, wie dein Heimatort niedergemacht wird – da muss Kicken doch Spaß machen.
Den Vogel abgeschossen haben allerdings die als Charrua-Ureinwohner bezeichneten Urus, denen nachgesagt wird, dass sie das Turnier zwei Mal gewonnen hätten – zu Zeiten sicherlich, als Infantino noch nicht geboren war. Wer nicht oft gewinnt, kennt das Gefühl des Verlierens ganz gut und weiß sich ehrenwert ins Schicksal zu fügen. Für die Urus gilt das in keinster Weise, im Gegenteil. Wenn das Versagen erst besiegelt ist, wird nochmal kräftig ausgeteilt. Das war 1966 (zwei Platzverweise in einem Spiel) nicht anders als 2026. Wenn wir schon ausscheiden, dann nehmen wir noch ein paar mit ins Grab – müssen sich einige der südamerikanischen Kicker gedacht haben und schickten zwei Gegenspieler ins Lazarett. „Gestern wurde ich verletzt, nachdem ein Berufskollege aus Frustration, Unzufriedenheit und Traurigkeit über die Situation, in der er sich befand, eine unfaire Aktion gegen mich ausführte“, schrieb der Betroffene (ein Baske) in seinen sozialen Medien. „Es war eine Aktion, die meiner Meinung nach hätte vermieden werden können, weil sie völlig unnötig war.“ Das ist vorsichtig formuliert, Außenstehende hätten die Aktion als „Zusammentreten“ bezeichnet. So funktioniert Fußball. Helden, Tore, Amokläufe. Was Männern eben Spaß macht. Die fahrlässige Körperverletzung war allerdings nicht der Grund dafür, dass der Verband von Uruguay seinen Charter-Rückflug kündigte und den Spielern deutlich machte, dass sie selbst schauen sollten, wie sie nach Hause kommen. (baskultur)
(2026-06-28)
ZU VIEL IST NIE GENUG
Alle Männer auf der Welt lieben die Weltmeisterschaft. Dieses Jahr findet die größte WM seit Napoleon statt. Dennoch fragt sich FIFA-Präsident Giovanni Infantino, wer den Größten hat und ob das Turnier wirklich groß genug ist. Denn die 64 ist eine wunderbare Zahl. Infantino mag sie sehr. Nicht nur, weil sie einen bestechenden Platz zwischen den Zahlen 63 und 65 einnimmt, von 62 und 66 ganz zu schweigen. Nein, sie ist auch eine wahrhaft königliche Zahl. Denn ein Schachbrett hat 64 Felder. Und wie man weiß, hat Fußball viel mit dem Spiel auf diesem karierten Untergrund zu tun. Wie sagt man so schön? Fußball ist wie Schach, nur ohne Damen. Mit diesen Überlegungen versucht eine deutsche Tageszeitung, die Gedankenwelt des umstrittenen Freundes von Trump zu ergründen. Mit einem heimlichen Blick in sein heimliches Tagebuch.
In der Fußballfamilie wird derzeit viel über die Zahl 64 gesprochen. Infantinos Freunde in Südamerika lieben diese Zahl mindestens genauso wie er selbst. Einer von ihnen ist Alejandro Domínguez. Er leitet den Südamerikanischen Fußballverband und wünscht sich nichts sehnlicher, als die Teilnehmerzahl bei der Weltmeisterschaft 2030 zu erhöhen. Es ist vorgesehen, dass in Marokko, Portugal und Spanien 64 Teams um den Titel kämpfen. Denn dann feiern die Weltmeisterschaften ihr hundertjähriges Jubiläum. Erinnern wir uns: Damals kämpften 13 Nationalteams schlichte 18 Tage lang um den Titel, die Europäer mussten wochenlange Dampfer-Reisen auf sich nehmen, Uruguay gewann in Uruguay. Das muss mit neuen Rekorden gefeiert werden. Wäre es nicht großartig, wenn an den Feierlichkeiten zu diesem Anlass 64 statt 48 Nationalteams teilnehmen würden? Infantinos feuchte Träume.
Dieser Mann hat immer alles im Blick. Immer und überall. Und natürlich erst recht bei der Weltmeisterschaft in Nordamerika. Eine deutsche Zeitung behauptet, Zugang zum geheimen Tagebuch des Glatzkopfes gehabt zu haben. Niemand wird es wagen, sich diesen Plänen zu widersetzen. Und schon gar nicht Lichtenstein, Luxemburg, San Marino oder Belize, für die dies eine einmalige Gelegenheit wäre, ebenfalls ein eigenes Kapitel in der Geschichte des Fußballs zu schreiben. Tatsächlich stehen die Pläne bereits fest, auch wenn die weltweite Öffentlichkeit davon noch nichts weiß. Das wissen nur diejenigen, die es wissen müssen. Je kleiner die Fußballverbände sind, desto begeisterter sind sie von der Idee der 64 Teilnehmer. Nur die Europäer (die Kapital-Fraktion) sind nicht so überzeugt. Zu viele Schwarze, Gelbe und Rote, hat jemand zu sagen gewagt. Aus Asien kommt die gewichtige Gegenstimme von Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa. „Dieser Adlige aus Bahrain leitet den asiatischen Fußballverband und war einer meiner Rivalen, als ich vor zehn Jahren den Thron bestieg, von dem aus der Weltfußball regiert wird“, schreibt Infantino in seinem Tagebuch. „Sicherlich hat er noch eine Rechnung mit mir offen; diese Araber haben nie gelernt, zu verlieren.“
Diejenigen, die die Idee eines Turniers mit 64 Mannschaften nicht akzeptieren können oder wollen, erinnert Infantino gerne daran, dass es sich keineswegs um eine dauerhafte Erweiterung der Teilnehmerzahl auf 64 handelt. Es handelt sich um ein einmaliges Jubiläumsturnier. Denn 2034, wenn die Weltmeisterschaft in Saudi-Arabien ausgetragen wird, kann alles wieder anders sein. „Auch die 128 ist eine wunderbare Zahl“, heißt es in Giovannis geheimem Tagebuch. (taz-baskultur)
(2026-06-26)
WO NATIONALISMUS BEGINNT UND AUFHÖRT
Nationalisten sind bekannt dafür, dass ihnen im Stadion der Erfolg des eigenen Teams „über alles geht“. Egal ob gut oder schlecht gespielt, verdient oder nicht gewonnen, der Gegner ist Dreck, die Eigenen sind die Helden. Gleichzeitig sind Nationalisten am ehesten für die Vorstellung empfänglich, dass Ausländer doch besser in ihre Herkunftsländer zurück sollen, um den Einheimischen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern undsoweiter. Aber was sind Ausländer? Etwa auch die im Land Geborenen? Zweite, dritte Generation? Türkinnen und Kurdinnen in der BRD? Was geht in den Köpfen von Schweizer Ultrafans vor, wenn sie auf ihre bunt gemischte Auswahl auf dem Spielfeld schauen? Die ultrarechten Ausländer-Feinde gehen mittlerweile so weit, dass sie alle rauswerfen wollen, egal wie lange sie schon da sind und womöglich im Besitz eines einheimischen Passes sind. Die Rede ist von „Remigration“ – ein schwaches Wort für eine starke Absicht: Deportieren. Die Faschisten der spanischen VOX-Partei fordern Letzteres ohne wenn und aber. Als Feindbild haben sie sich ausgerechnet einen erfolgreichen Fußballer ausgewählt. Sollen sie doch verlieren, solange der auf höchster Ebene mitspielt: Lamine Yamal. Denn weil er Muslim ist, würden ihn Rechtsextreme und -populisten am liebsten ausweisen. Ein Kommentar aus der taz:
Spaniens Ultrarechte hat den Fußball für ihren Kulturkampf entdeckt. Lamine Yamal ist ihr ein Dorn im Auge. „Ein Tor kann nicht über einer Nation stehen“, heißt es auf einem Post den die VOX-Jugend Revuelta kurz nach dem Spiel gegen Saudi-Arabien veröffentlichte. Dort hatte der 18-jährige Stürmer des FC Barcelona, der Sohn eines marokkanischen Vaters und einer Mutter aus Äquatorialguinea ist, Geschichte geschrieben. Er schoss das 1:0 und wurde damit nach Pelé der zweite Spieler der mit nur 18 oder weniger Jahren sein erstes WM-Tor erzielte. Und mehr noch: Nach dem dürftigen Auftritt gegen Kap Verde, bei dem die Spanier mit einem torlosen Unentschieden vom Platz gingen, gab der Treffer Yamals dem amtierenden Europameister das Selbstvertrauen zurück.
Alles prima. Nein, eben nicht. Denn Yamal feierte das Tor mit einer der im Islam üblichen knienden Verbeugung vor Gott. Eine Geste, die so mancher christliche Spieler in Form einer Bekreuzigung auch im Repertoire hat. Doch im Fall Yamal stört dies. „Spanien ist christlich und nicht muslimisch“, hieß es prompt in so manchem Post in den Netzwerken. Eine Vereinigung christlicher Universitäts-Studenten ging noch einen Schritt weiter: „Beten wir für die Konversion Yamals zum Christentum“, twitterte sie. Andere veröffentlichten Fotomontagen, in denen sich Yamal vor einem Schweineschinken oder einen christlichen Altar verbeugt.
Yamal stört die Rechtsextremen
Bereits vor der WM tauchten mit künstlicher Intelligenz erzeugte Videos in den Netzwerken auf. Dort verkündete der Nachrichtensprecher des staatlichen Senders TVE, dass Yamal nicht in die USA einreisen dürfe, da er von Washington des „radikalen Islamismus“ beschuldigt würde. In Zeiten, in denen sich die rechtsextreme VOX die „prioridad nacional“ – frei übersetzt so viel wie „Spanier zuerst“ – auf die Fahne geschrieben hat und dies in den Regionen, in denen sie gemeinsam mit der konservativen Partido Popular regiert, gar in den Koalitionsvertrag hat aufnehmen lassen, stören Yamal und der Fankult rund um ihn. Denn der 18-Jährige gehört für VOX zu den acht Millionen nicht von spanischen Eltern stammenden Menschen, die „remigriert“ werden müssen. Egal, ob sie einen spanischen Pass besitzen oder nicht. Während viele Fans darauf warten, dass der nach einer schweren Verletzung noch immer nicht 100 Prozent einsetzbare Barcelona-Star wieder voll auf die Beine kommt, um Spanien zum Erfolg zu führen, wäre für die Rechte genau dies der Horror.
Mehrfach im Visier
Es ist nicht das erste Mal, dass Yamal heftigen Angriffen ausgesetzt ist. Nach dem Freundschaftsspiel gegen Ägypten, Ende März 2026, kritisierte der junge Fußballer die islamfeindlichen Gesänge, die im Stadion in Cornellà zu hören waren. „Wer nicht hüpft, ist ein Muslim“, skandierten unzählige Fans, die auch die ägyptische Nationalhymne ausbuhten. Yamal reagierte auf Instagram: „Ich bin Moslem, und sich im Stadion über eine Religion lustig zu machen, zeugt von Ignoranz und Rassismus.“ Doch damit nicht genug. „Lamine Allah Yamal“ – wie er von vielen in den Netzwerken seither genannt wird – zeigt, wo immer er kann, seine Solidarität mit Palästina. Bei der Meisterschaftsfeier des FC Barcelona führte er eine Palästinafahne mit. Spaniens Rechte steht stramm hinter Israel.
Doch Yamal ist nicht nur Spanier, er ist auch Katalane. Er wuchs im einfachen Arbeiterviertel Rocafonda der Industriestadt Mataró, 30 Kilometer nordwestlich von Barcelona auf. Seine Geste, die er mit den beiden Händen nach jedem Tor zeigt, steht für 304, die Postleitzahl seines Viertels, das zu einem Großteil von Immigranten bewohnt wird. Als Immigrantensohn steht Yamal unter intensiver Beobachtung der „waschechten“ Katalanen, die für die Unabhängigkeit eintreten. Da genügt es nicht, dass er der Landessprache mächtig ist – auch wenn er sich auf Spanisch wohler fühlt. Ein „Viva España“ nach dem Sieg gegen Saudi-Arabien galt vielen als so etwas wie ein Landesverrat des FC-Barcelona Stürmers. Yamal nahm es sportlich und postete auf Instagram, wo ihm 44,5 Millionen folgen: „Hier bin ich. Auf geht’s Spanien. Danke an alle für die Unterstützung. Immer mit Gott.“ Er erhielt 9,5 Millionen „likes“. (taz-baskultur)
(2026-06-25)
SEXISTISCHE FRAUENBILDER
Mit Künstlicher Intelligenz werden Fan-Frauen erzeugt, die mit zusätzlichen Stereotypen sexualisiert werden. Das muss vielleicht genauer erklärt werden. Bei der WM 2026 – der ersten, die im Boom der künstlichen Intelligenz stattfindet – kursieren in den sozialen Netzwerken gefälschte „Fancams“ oder Videos mit künstlichen Bildern, die angebliche Fans in Stadien zeigen. Diese künstlichen Frauen werden nach normativen und sexualisierten Schönheitsidealen dargestellt und stellen deshalb eine gefährliche Version von Manipulation dar.
Die Agentur EFE Verifica (EFE sucht die Wahrheit) hat mehr als zwanzig Social-Media-Konten ausfindig gemacht, die regelmäßig solche Inhalte veröffentlichen – einige sogar täglich. Dabei sind die Videos immer nach dem gleichen Schema aufgebaut: mit KI erzeugte Frauen in den typischen Trikots verschiedener Länder, vor Stadion-Kulissen und im Stil einer „WM-Fancam“ (Fan-Kamera). Zudem sind sich die befragten Experten einig, dass es nicht nur um die Authentizität der einzelnen Videos geht, sondern um die Form geschlechts-spezifischer Desinformation, die Frauen zu Objekten macht und nationale Stereotypen durch synthetische oder synthetisch anmutende Bilder verstärkt. Auf den ersten Blick scheinen es einfache virale Videos zu sein, doch hinter ihnen verbirgt sich mehr als nur Unterhaltung: eine Darstellungsform, die bestimmte weibliche Körper zu Blickfängen macht und alte Stereotypen unter einem neuen Deckmantel verstärkt. Die auf digitale Frauenfeindlichkeit in sozialen Netzwerken spezialisierte Soziologin Elisa García Mingo ist der Ansicht, dass es sich um „geschlechts-spezifische Desinformation“ handelt, da nicht nur gefälschte oder synthetisch wirkende Bilder präsentiert werden, sondern auch eine typische Darstellung von Frauen.
DIGITALE OBJEKTE UND GESCHLECHTSSPEZIFISCHE DESINFORMATION
García Mingo warnt, dass die Einteilung dieser angeblichen Frauen nach Ländern das Problem verschärft, da „rassistische, kulturelle und geschlechts-spezifische Stereotypen nicht nur reproduziert, sondern sogar noch verstärkt werden“. Noemí Morejón, Professorin an der Universität Loyola Andalucía sowie Expertin für Desinformation, weist darauf hin: wenn Frauen zu „Sammlerstücken“ werden (wie es bei diesen nach Ländern sortierten Videos der Fall ist), verstärkt die KI „ein Gefühl, das ein bestimmter Teil der Bevölkerung als normal ansieht“. Klassische Muster von Frauenbildern. Sexistische Muster. „Dieses Problem hat bei Psychologen Alarm ausgelöst, da so die Vielfalt der Frauen verzerrt dargestellt wird und Schönheits-Ideale verkauft werden, die für Menschen unmöglich zu erreichen sind“. Im Prinzip nichts anderes als die bisherige Praxis der Werbung mit unerreichbar schönen Frauenkörpern (teilweise auch Männerkörper, die dann in Richtung Herkules, Rocky, Terminator gehen).
Diese Reproduktion künstlicher und normativer Körper steht im Zusammenhang mit anderen Risiken der generativen KI, wie beispielsweise ihrer Fähigkeit, Inhalte zu produzieren, die unrealistische Ideale verstärken, sowie deren Folgen. Wenn optische Lügen zur Norm gemacht werden. Ein Bericht des Center for Countering Digital Hate (Zentrum zur Bekämpfung von digitalem Hass) warnt davor, dass sechs beliebte KI-Tools in 41% der Tests schädliche Inhalte im Zusammenhang mit Ess-Störungen generierten und dass Bildgeneratoren in 32% der Fälle Inhalte produzierten, die unrealistische Körperideale verherrlichten.
GEFÄLSCHTE AMATEURVIDEOS ALS VIRALER BLICKFANG
Wie bei generativer Desinformation üblich, geht diese oft Hand in Hand mit aktuellen Ereignissen. In diesem Fall bietet die Weltmeisterschaft eine ideale Bühne, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das Format ist immer dasselbe, wenn auch mit kleinen Abweichungen: eine „spontan“ gefilmte junge Frau, ein Stadion-Hintergrund und eine aufgepinselte Nationalflagge oder ein Nationaltrikot. In allen Fällen dreht sich die Logik des Videos nicht um das Spiel, sondern um den Körper der Frau als Blickfang bei einem Männersportwettbewerb.
Alejandro Martín, Professor und Forscher an der Polytechnischen Universität Madrid, erklärt, dass jegliche Inhalte, die mit aktuellen Themen in Verbindung stehen, „in sozialen Netzwerken immer mehr Sichtbarkeit erzielen werden“ und dass das Ziel dieser Accounts meist darin besteht, Aufrufe zu generieren, um darüber Profit zu machen: diese gefälschten „Fancams“ zielen über die Viralität hinaus darauf ab, aus einer falschen Erzählung Kapital zu schlagen. „Die Frage ist, wie das erfolgt. Die Videoclips leiten auf kostenpflichtige Websites und Plattformen wie OnlyFans oder Fanvueu, sogar Telegram weiter, die kostenpflichtige Inhalte dieser angeblichen Frauen anbieten. Sie dienen als Anziehungspunkt für eine spätere Kapitalisierung“, erklärt Morejón.
EINFACHES ERSTELLEN EINER GEFÄLSCHTEN „FANCAM“
Die Analyse zeigt, dass die Erstellung solcher Videos keine fortgeschrittenen technischen Kenntnisse erfordert und für die breite Öffentlichkeit immer leichter zugänglich wird. Der Prozess kann mit einem KI-generierten Bild beginnen, das auf der Grundlage einer detaillierten Vorgabe erstellt wurde – eine vermeintliche Zuschauerin im Stadion, ein bestimmtes Trikot, eine bestimmte Fahne, realistisches Aussehen – und anschließend mit einem anderen Tool fortgesetzt wird, dass das Bild den Eindruck macht, als wäre es ein echtes „Fancam“-Video von der WM. Martín weist darauf hin, dass es bereits „eine Vielzahl von Optionen“ zur Erstellung solcher Inhalte gibt und dass viele davon direkt online über kostenpflichtige Dienste funktionieren. „Es ist extrem einfach, es gibt viele Online-Dienste zur Erstellung von Bildern und Videos. Man muss nur 7, 10 oder 30 Euro bezahlen und kann Videos nach Belieben erstellen“, erklärt er. (naiz-baskultur)
(2026-06-24)
NEGER SIND AUCH NUR MENSCHEN
Kicker von afrikanischem Ursprung haben es ungleich schwerer, in der Fußballwelt zu bestehen. Während weiße Spieler als Schwule beleidigt werden, sind Afrikaner die Affen, nicht selten wurden Bananen auf das Spielfeld geworfen. In einigen Sprachen existieren unterschiedliche Begriffe für die Farbe schwarz und schwarze Personen, in anderen nicht. Im Deutschen gibt es Schwarze und Neger, das Englische unterscheidet zwischen black, negro und nigger. Baskisch, Spanisch und Französisch hingegen machen keine Unterschiede und begnügen sich mit einem Wort für Farbe und Mensch: beltza, negro, noir. Neben despektierlichen Begriffen existieren auch biologistische oder soziale Zuordnungen, die den rassistischen Blick deutlich machen. Die Nazis haben dies mit ihrer so genannten Rassenlehre auf die Spitze getrieben. Auch wenn das Bewusstsein über rassistische Begriffe mittlerweile etwas geschärft wurde … in der spanischen Sprache werden von Rassismus betroffene Leute mit dem unsäglichen Wort „rassifiziert“ bedacht; und im Fußball ist es bis heute üblich, von einem „rassigen“ Spiel zu sprechen – dabei müssen keine Afrikaner beteiligt sein. Und nicht nur das.
Rade Bogdanovic, ehemaliger jugoslawischer Nationalspieler in Diensten von Atlético Madrid und Werder Bremen, kommentierte im Auftrag des serbischen Fernsehsenders RTS das Spiel Belgien gegen Iran (0:0). Dabei machte er rassistische Bemerkungen, indem er behauptete, schwarze Spieler könnten sich im Spiel nicht 90 Minuten lang konzentrieren. „Auf diesem Niveau, als letzter Verteidiger, einen Ball in einer Standardsituation zu verpatzen und schließlich vom Platz gestellt zu werden … Ich habe immer gesagt, dass diese Spieler – und ich bin kein Rassist –, aber schwarze Spieler haben nicht die nötige Konzentration, um länger als 60 bis 80 Minuten durchzuhalten“, sagte der ehemalige Nationalspieler während des am Sonntag ausgetragenen Spiels in seiner Rolle als Sportanalyst beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Die Äußerung des 56-jährigen Bogdanovic bezog sich auf den Platzverweis in der gegen den 23-jährigen Belgier von kongolesischer Herkunft Nathan Ngoy. Der verlor in der 67. Minute nach einem Abwehrfehler den Ball und beging ein Foul. Weil er der hinterste Spieler war, erhielt der Verteidiger von Standard Lüttich regelgerecht die rote Karte. Der Jugoslawe, der seine Karriere 1987 in Sarajevo begann und 2004 in den Vereinigten Emiraten beendete, versuchte, seine umstrittenen Äußerungen zu rechtfertigen, die auch in der belgischen und internationalen Presse Beachtung fanden. „Ich habe mit ihnen gespielt. Wenn wir Spiele bestritten haben, mussten wir manchmal unsere eigenen Spieler im Auge behalten, damit sie keinen Fehler machten“, fügte er hinzu.
Der Moderator der Sendung forderte den Ex-Fußballer auf, seine Äußerungen zu überdenken, doch Bogdanovic machte keine Abstriche. „Wenn wir ins Detail gehen wollten, könnten wir das tun. Auch sie machen Fehler. Natürlich verallgemeinere ich nicht, aber den meisten fehlt es an Konzentration, und dann kommt es zu solchen Situationen“, beharrte er. Es ist nicht das erste Mal, dass der Serbe rassistische Äußerungen tätigt. Bereits 2019 vertrat er die Ansicht, dass der damalige Leistungsabfall von Borussia Dortmund mit der Entscheidung des Trainers zusammenfiel, „gegen Ende der Saison vier Schwarze in der Abwehr aufzustellen“. (marca-baskultur)
(2026-06-24)
EIN ZOO IN LISSABON
Portugal spielt bei der WM gegen Usbekistan, die Republik Kongo und Kolumbien. Alle drei Länder haben den Kolonialismus erfahren. Nicht von den Portugiesen, doch ein Zusammentreffen zwischen den ehemaligen Ausbeutern und den Ausgebeuteten hätte durchaus stattfinden können. Doch Angola, Mozambik und Sao Tomé waren trotz Massen-Turnier nicht vertreten. Die Kapverden allerdings, und Brasilien selbstverständlich. Heute schwer vorstellbar, dass die Portugiesen dafür verantwortlich sind, dass in dem riesigen Land die Hälfte der Bevölkerung aus Afrika abstammt. Ebenfalls nicht vertreten bei Trump und Infantino ist die portugiesische Ex-Kolonie Guinea Bissau von der westafrikanischen Küste, etwas größer als der ebenfalls Kolonialstaat Belgien und damit eher einer der Zwerge unter den afrikanischen Ländern.
Zufall oder nicht, der Tag des viel gefeierten Erfolgs der Lusitaner gegen Usbekistan war gleichzeitig Jahrestag eines Ereignisses, an dem Portugal und Guinea Bissau beteiligt waren. Mit sehr unterschiedlichen Rollen, geprägt von der kolonialen Beziehung. Vor 86 Jahren, am 23. Juni 1940 wurde In Lissabon ein Zoo eröffnet. Doch nicht irgendein Tiergefängnis wie wir alle schon welche erlebt haben. Eröffnet wurde ein „Menschenzoo“. Denn im Rahmen der Weltausstellung in Portugal (im Zweiten Weltkrieg war Portugal neutral) wurden Menschen der heute zu Guinea-Bissau gehörenden Bissagos-Inseln öffentlich zur Schau gestellt, um das politische Projekt des Diktators Salazar zu veranschaulichen. Die traditionellen Tanz- und Musikvorführungen der entführten Eingeborenen mussten auf einer eigens für diesen Anlass angelegten tropischen Wiese stattfinden. (Auf dem Foto sind philippinische Ureinwohner in einem "Zoo" in Spanien zu sehen). Das berichtet Hasan G. López Sanz in „Exotismus und koloniale Bildung. Der Guineer als Kuriosität auf den Ausstellungs-Messen in Valencia, 1942–1948“. Der Menschenzoo von Lissabon war keine Ausnahme, auch in Frankreich gab es solche Einrichtungen, die den kranken Hirnen von Rassisten entsprungen waren. Und sicher nicht nur in Frankreich. Vorher schon in Spanien, dort standen Eingeborene aus Südamerika und von den Philippinen zur Auswahl. (baskultur)
(2026-06-23)
FRAUEN-WAHLRECHT
Solange es eine extra Nachricht wert ist, dass eine Frau ein Spiel der Männer WM leitet, müssen wir davon ausgehen, dass im Fußball (und in der Welt) etwas nicht stimmt. Denn wäre es Normalität, müsste es nicht als Sensation dargestellt werden. Wie viele Männer haben bei den Frauen-WMs gepfiffen ohne Brimborium. Was ist also los? Eine Schiedsrichterin bei einem Männerspiel ist immer eine Besonderheit in einer Welt, zu deren Normalität es gehört, dass Frauen vergewaltigt werden, und dass Femizide zwar beklagt, aber letztendlich doch hingenommen werden.
Katia García wird „schon“ die dritte Frau sein, die ein Spiel bei einer Männer-WM leitet. Die Mexikanerin tritt damit in die Fußstapfen einer Französin und einer US-Amerikanerin. In Kansas City wird Katia García, Jahrgang 1992, Mexiko-Stadt, am Donnerstag das Spiel zwischen Tunesien und den Niederlanden leiten und damit die dritte Frau sein, die ein Spiel im wichtigsten Männer-Sportereignis des Globus leitet. Stephanie Frappart hatte bei der WM 2022 in Katar das Gruppenspiel Deutschland gegen Costa Rica geleitet, die US-Amerikanerin Tori Penso wiederholte die Erfahrung am vergangenen Donnerstag mit dem Spiel zwischen der Tschechischen Republik und Südafrika.
Bemerkenswert ist Garcias Arbeit, weil sich 22 und mehr Männer ihren Entscheidungen unterwerfen müssen, ob sie für richtig befunden werden oder nicht. Männer, die zu Hause ihren Ehefrauen Befehle geben, die Teams aufstellen oder mit dem Kicken Millionen verdienen. Sie wird gelbe und rote Karten verteilen, sich anschreien lassen müssen, und Elfmeter pfeifen, obwohl ihr 10 Machos an die Wäsche gehen. Katias Vorteil ist, dass alles vor den Augen der Weltöffentlichkeit geschieht, was manchem Macho das Adrenalin reduziert.
Die mexikanische Schiedsrichterin, die als erste Frau ein Spiel des Gold Cups der Männer und als zweite in der mexikanischen Liga leitete, kam auch bei der Frauen-WM 2023 sowie bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris zum Einsatz. Zu ihrem Team gehören eine mexikanische Landsfrau, ein Spanier und ein Paraguayer. Bei der WM war Katia García bereits als vierte Schiedsrichterin bei den Spielen Niederlande – Japan, England – Kroatien und USA – Australien im Einsatz. Auch die Kollegin Tori Penso soll noch einmal zum Einsatz kommen (Ecuador / Deutschland).
Trotz Fortschritten für Frauen bei der WM darf mit Recht gefragt werden: aber wie lange noch? Im Austragungsland USA ist eine mächtige Lobby-Gruppe aktiv, die ultrarechte Heritage Foundation, die in ihrem Programm stehen hat, das Frauen-Wahlrecht solle abgeschafft werden. Nicht untypisch für Faschisten. Müßig zu erwähnen, dass das Umfeld der Trump-Regierung dieser Foundation nahesteht, oder: dass sie Einfluss hat auf die Regierungs-Politik. Was soll aus den Schiedsrichterinnen werden, wenn Frauen das Wahlrecht aberkannt wird? Eine sekundäre Frage, die aber dennoch im Raum steht. (marca-baskultur)
(2026-06-22)
EIN KLASSENGEGENSATZ
Fußball ist ein Arbeitersport, dort liegt seine Geschichte, bis heute kommen die meisten Kicker aus dem Arbeitermilieu. Vor allem die fußballerischen Entwicklungsländer stellen dies bis heute unter Beweis. Der Klassencharakter setzt sich auch unter den bei der WM teilnehmenden Ländern durch, Millionen verdienende Stars gegen unbekannte Fast-Amateure. Dennoch haben erstere nicht immer die Nase vorn. In den Club-Stadien dominiert die Arbeiterklasse nach wie vor die fußballerische Klassen-Gesellschaft, doch in den WM-Stadien hat sich definitiv die Elite durchgesetzt. Stellen wir uns einen Arbeiter aus Haiti vor, der sich den Traum verwirklichen will, sein Team einmal bei der WM zu sehen. Nicht im Traum, weder Reise, noch Hotel, noch Eintrittskarte sind erschwinglich. Das bleibt den oberen Zehntausend des Landes vorbehalten (falls sie von der US-Ausländerbehörde überhaupt ins Land gelassen werden), den Reichen, dem Bürgertum, den Kapitalisten. Deutlich wird das Thema bei der Kontroverse um die Ticketpreise für die WM, bei der die FIFA selbst den Schwarzhandel betreibt. 125.000 Dollar für den Besuch des Finales sind schätzungsweise für weniger als 1 Prozent der Weltbevölkerung erschwinglich; bei durchschnittlich 1.500 Dollar für ein Spiel der Vorrunde erweitert sich der Kreis minimal.
Die Schwarzhändler tragen heutzutage keine Pappschilder mehr vor sich her und nähern sich den Eintritt-Suchenden nicht mehr heimlich in der Umgebung des Stadions, um Tickets zu schwindelerregenden Preisen anzubieten – bei der WM 2026 tragen die Schwarzhändler Krawatte und den offiziellen FIFA-Ausweis. Denn es ist der Verband selbst, der einen „Marktplatz“ eingerichtet hat, auf dem Spielkarten weiterverkauft werden können. Die FIFA behält 15% vom Verkäufer und 15% vom Käufer ein und setzt keine Preisobergrenzen für Eintrittskarten fest, die die Organisation vorher selbst zu einem extrem hohen Startpreis verkauft hat. Doppelt verdienen ist der Traum eines jeden Kapitalisten. Ein weiteres Fenster auf der offiziellen FIFA-Website ermöglicht den „Last-Minute-Kauf“ – dabei handelt es sich um all jene Tickets für WM-Spiele, die noch nicht verkauft wurden und deren Preise dynamisch sind, das heißt, sie schwanken je nach Nachfrage. Das Problem ist, dass der Startpreis so hoch war, dass man für ein Spiel wie Australien gegen die Türkei keine Tickets für weniger als 496 Dollar finden kann – und das, obwohl es in Vancouver stattfindet, wo die Preise relativ niedriger waren.
Kommen wir nun zum Highlight: den tatsächlichen Ticketpreisen für das WM-Finale. Offiziell kann eine Eintrittskarte für das Finale für 125.928 Dollar in der „Trophy Lounge“-Zone gekauft werden, in der dem Käufer ausdrücklich versprochen wird, dass er so viel essen und trinken darf, wie er möchte. Na wenigstens das! Die günstigsten Eintrittskarten für dieses Finale im MetLife-Stadion in New Jersey, in Zone 303, also im dritten Rang, kosten satte 8.514 Dollar. Auf dem Sekundärmarkt sickerte die Information durch, dass zwei Tickets für 2 Millionen Dollar verkauft wurden, doch dafür gibt es keine konkreten Belege.
Schätzungen zufolge sind die Ticketpreise doppelt so hoch wie in Katar, doch der Unterschied könnte noch größer sein. In der Praxis variieren die Ticketpreise je nach Nachfrage und können in Zeiten hoher Nachfrage steigen oder in Zeiten geringer Nachfrage sinken. Dieses Modell wird bereits bei nordamerikanischen Sport-Veranstaltungen wie dem Super Bowl angewendet. Doch gilt das nur in der Theorie. In der Realität ist bei dieser Weltmeisterschaft noch kein „Ausverkauft“ zu verzeichnen, was den fairen Preis einer Veranstaltung belegen würde. Für das WM-Debüt Spaniens gegen Kap Verde wurde recherchiert, wie viel eine Eintrittskarte kostet. Die günstigste kostete 684 Dollar, ganz oben im Mercedes-Benz-Stadion, und die Preisspanne reicht weit über 1.000 Dollar hinaus. Behauptet wird, dass die üblichen Weiterverkaufs-Plattformen wie Viagogo, StubHub und HelloTickets dieselben Preise haben wie das offizielle „Marktplatz“-Portal, das mit den üblichen Weiterverkäufern konkurriert.
Bei der WM 2022 in Katar nahm die FIFA durch den Ticketverkauf insgesamt 824 Millionen Euro ein, fast eine Milliarde also. Bei der WM 2026 rechnet der Verband mit 2,604 Milliarden – drei Mal so viel. Das Beste daran ist: Als Infantino befragt wurde, erklärte er, die Ticketpreise für die Weltmeisterschaft seien vergleichbar mit denen anderer Sportveranstaltungen in den USA. Genau das ist das Problem. Die FIFA schließt damit all jene Fans von der Weltmeisterschaft aus, die aus dem Rest der Welt anreisen, um ihre Auswahlteams zu unterstützen, deren Kaufkraft geringer ist als die der Amerikaner und die zusätzlich zum Ticketpreis noch die Kosten für Anreise, Unterkunft, Transport vor Ort und Verpflegung tragen müssen. Arbeiter*innen aller Länder: holt euch den Fußball zurück! By any means necessary, um es mit Malcolm X zu formulieren. (mu.dep-baskultur)
(2026-06-21)
DER VERRÜCKTE DES TURNIERS
Der argentinische Trainer des WM-Teams Uruguays sorgt mit seinem exzentrischen offiziellen Foto für Aufsehen beim Turnier –er ließ sich ablichten, ohne in die Kamera zu schauen, mit den Händen in den Taschen. Stöbert man auf der Website der Weltmeisterschaft 2026, versuchen alle Protagonisten, seien es Spieler oder Trainer, auf dem offiziellen Profil-Foto ihre beste Pose zu zeigen. Messi ein breites Lächeln, obwohl er diesen verlorenen Blick hat, den er bekommt, wenn er keinen Ball zwischen den Füßen hat; Cristiano mit gestreckter Brust besonders imposant; Lamine Yamal mit seiner wilden Frisur begeistert, dass die Kamera auf ihn gerichtet ist. Doch inmitten von Hunderten von Fotos und Posen sticht eine Ausnahme hervor: ein Mann, der auf den Boden schaut, die Hände in den Taschen hat und den Kopf schüttelt, als die Fotografen ihn bitten, aufzublicken. Das ist Marcelo Bielsa, vor 70 Jahren in Rosario, Argentinien geboren. Derzeit ist er Auswahl-Trainer von Uruguay und der Inbegriff eines Volkshelden der Weltmeisterschaft.
„Ich muss keine Erklärung abgeben. Das Foto wurde so aufgenommen, wie es aufgenommen wurde – ich bin kein Model. Ich stand den Fotografen gegenüber, das war das Foto, das sie von mir gemacht haben. Wir sind nicht verpflichtet, uns wie Models zu verhalten, um Ansprüche zu erfüllen, die jeglicher Grundlage entbehren. Ich habe nichts Falsches getan“, verteidigte sich der Argentinier, als er auf seine ungewöhnliche Pose angesprochen wurde. Er hatte genug von all dem Trubel, und der eigenwillige Trainer brauchte Zeit, um sein Team wieder auf Kurs zu bringen, denn obwohl sie die Gruppe H anführt, gab es beim Debüt ein glanzloses Unentschieden gegen Saudi-Arabien. Dennoch ist der ehemalige Trainer Chiles bei der Weltmeisterschaft 2010 zu einer Art Symbol für die Fans geworden, zu einem Anführer, dem man folgt, zu einem Vorbild, zu dem man aufschaut.
Denn obwohl dem Mann aus Rosario Äußerungen zugeschrieben wurden, in denen er die Organisation des Turniers kritisiert habe – die jedoch nicht der Wahrheit entsprechen oder aus einer seiner früheren Reden herausgegriffen wurden –, hat die aggressive Welt des Internets anhand seiner Person eine ganze Geschichte über den Niedergang des modernen Fußballs in Nordamerika geschaffen. Etwa das Übermaß an Kapitalismus oder die Tatsache, dass der Fußball nun den Eliten und nicht mehr den Zuschauern auf den Tribünen gehört. Einige Prominente haben seine Weigerung gelobt, sich für das offizielle Foto ablichten zu lassen, obwohl nach wie vor unklar ist, ob er aus sozialem Engagement handelte oder ob es ein Ergebnis seiner exzentrischen Haltungen war.
Eigenarten und Besonderheiten, die der Trainer auch im Ausklang seiner Karriere nicht hinter sich gelassen hat. Ganz im Gegenteil. Seit er im Mai 2023 das Uruguay-Team übernommen hat, gab es ständig Reibereien mit Spielern, Funktionären und der Presse. Um ein Beispiel zu nennen: Nach einem der letzten Freundschafts-Spiele seiner Schützlinge im Vorfeld des Turniers berief er eine fast zweistündige Pressekonferenz ein, nachdem das Team mit 5:1 gegen die USA seines Schülers und Landsmanns Mauricio Pochettino verloren hatte. Vor den Mikrofonen bezeichnete er sich selbst als „toxisch“, „schüchtern, besessen und mechanisch“: „Der Umgang mit mir macht denjenigen, der mit mir zu tun hat, schlechter“, sagte er vor den Medien des südamerikanischen Landes, die mit der Forderung nach seinem Rücktritt gekommen waren und ihn schließlich mit dem Bedürfnis nach einer psychologischen Beratung wieder verließen.
Das genaue Gegenteil dessen, was sich bei seiner Ankunft in der mexikanischen Stadt Playa del Carmen abspielte, dem Quartier von Uruguay, wo er sechs Fragen in knapp 36 Sekunden beantwortete. Knappe Ein-Wort-Antworten, die die Anspannung verdeutlichten, unter der der Trainer in den letzten Wochen vor der WM stand, als die Nicht-Nominierung von Stürmerstar Luis Suárez und die schlechten Ergebnisse darauf hindeuteten, dass er schließlich zurücktreten würde. Doch beim Debüt gegen Saudi-Arabien war Bielsa im Hard Rock Stadium in Miami dabei und saß auf der Kühlbox, wie er es schon in Marseille getan hatte, denn seiner Meinung nach verschlimmern die Sitze auf der Trainerbank seine chronische Rückenverletzung.
Man könnte sagen, dass die Figur den Menschen verschlungen hat, aber es gab nie einen Menschen, nur den „Verrückten“ Bielsa – eine Trainer-Legende, der jedoch mit so vielen Kontroversen und lapidaren Aussagen aufwartet, dass man eine Enzyklopädie bräuchte, um sie alle zusammenzutragen. Einer der auffälligsten Vorfälle ereignete sich 2012, in seiner zweiten Saison als Trainer von Athletic Bilbao, als er täglich bis zu vier Mal aus Argentinien anrief, um sich über den Stand der Bauarbeiten im Trainingszentrum des baskischen Vereins zu informieren. Als er zur Saisonvorbereitung nach Bilbao zurückkehrte, gefiel ihm das Ergebnis nicht, und er gab zu, den Bauleiter angegriffen zu haben. „Ich zeige mich selbst an, weil ich ihn an der Brust gepackt und gewaltsam vom Gelände entfernt habe“, sagte er.
In England, als er 2019 Leeds trainierte, ordnete er an, dass ihm auf dem Trainingsgelände ein Bett und eine Küche eingerichtet wurden, um es nachts nicht verlassen zu müssen. Leeds war auch der Ort seiner vielleicht umstrittensten Entscheidung: In einem für den Aufstieg entscheidenden Spiel, ging ein Spieler des Gegners verletzt zu Boden. Seine Mitspieler warteten darauf, dass Leeds den Ball fair ins Aus spielt, die setzten das Spiel fort und erzielte das 1:0. Das Tor löste wegen der Unsportlichkeit eine Schlägerei auf der Tribüne und Rangeleien zwischen den Spielern aus. Inmitten des Chaos reagierte Marcelo Bielsa entschlossen und rief seinen Spielern wiederholt zu: „Give the goal! Give the goal!“ Nach der Wiederaufnahme des Spiels blieben die Spieler von Leeds regungslos stehen. Der Gegner erzielte den endgültigen 1:1-Ausgleich. Leeds verpasste den Aufstieg, Bielsa’s Aktion ging um die Welt und wurde später mit dem FIFA-Fairplay-Preis ausgezeichnet. Der argentinische Trainer argumentierte bei einer Pressekonferenz ganz einfach: „Der englische Fußball ist für seine Fairness bekannt, daher muss ich nichts erklären. Wir haben das Tor einfach zurückgegeben.“ Trotz allem ist Bielsa einer der einflussreichsten Trainer des 21. Jahrhunderts, und auf amerikanischem Boden hat er sicherlich noch das eine oder andere Ass im Ärmel, sei es mittels Exzentrik oder einen fußballerischen Geniestreich. (correo-baskultur)
(2026-06-20)
FUSSBALL-PSYCHOTHERAPIE IN NEW YORK
Die WM-Therapie des ehemaligen Real-Sociedad-Spielers Zuhaitz Gurrutxaga: „Mit Humor schließe ich Frieden mit dem Fußball“. Der einstige aggressive Innenverteidiger von Real Sociedad aus Donosti, der aus psychischen Gründen seine Karriere beenden musste, hat inmitten in der aktuellen Weltmeisterschaft seinen Monolog nach New York gebracht, in dem er seine Missgeschicke erst sichtbar macht und dann darüber lacht. – Die Weltmeisterschaft in UMK hat begonnen, wir befinden uns in einem hübschen Theater in Sunnyside, Queens, der Protagonist des Abneds trägt ein blau-weißes Fußball-Stirnband. Er würde „txuri urdin“ sagen, blau-weiß auf Baskisch, aber in New York wird das niemand verstehen, und nur wenige haben eine Ahnung, was der Club Real Sociedad San Sebastián ist. Mit etwas Glück weiß es vielleicht einer der vielen Mexikaner in diesem hispanisch geprägten New Yorker Stadtteil, wenn sie sich an den Spieler Carlitos Vela erinnern.
Der Schauspieler präsentiert einen Monolog, der auf halbem Weg zwischen Selbsthilfe und Selbstparodie, zwischen Humor und Drama liegt. Er heißt Zuhaitz Gurrutxaga (Zuhaitz bedeutet auf Baskisch Baum). Vielleicht erinnern Sie sich nicht an ihn, aber dieser junge Mann mit leichtem „Hipster“-Look – gepflegtem Schnurrbart, die goldene Casio-Uhr am Handgelenk – war Profifußballer. Er spielte tatsächlich beim baskischen Club Real. Er wurde sogar Vizemeister in der Saison 2002–2003, in der das Team aus San Sebastián kurz davor stand, Real Madrid den Meistertitel streitig zu machen. „Vizemeister“ ist der Titel der Show. So heißt auch das Buch, in dem er seine Geschichte erzählt: wie ein vielversprechendes Talent des baskischen Fußballs, ein aggressiver Innenverteidiger, der in Donostia und in den spanischen Nachwuchs-Teams aufstieg, seine Karriere aufgrund psychischer Probleme entgleisen sah. Heute lacht er über all das, aber nur halbherzig: Er hat keine Lust, auch nur bei einem Freundschaftsspiel mitzumachen.
„Ich würde eine Weltmeisterschaft nicht überstehen“, sagt Gurrutxaga in New York, wo er seinen Monolog an mehreren Abenden im Thalia-Theater aufgeführt hat, das auf spanischsprachige Programme spezialisiert ist. „Ich hatte die technischen und taktischen Fähigkeiten, um in der Primera División und auf hohem Niveau zu spielen“, versichert der ehemalige Fußballer, der mit Spanien die U16-EM gewann und bei der U17-WM Dritter wurde, zusammen mit Teamkollegen wie den späteren Weltmeistern Xavi Hernández und Iker Casillas. „Aber mir fehlten die mentalen Qualitäten“, fügt er hinzu. „Wahrscheinlich war ich zu sensibel für ein so feindseliges Umfeld.“ Fußball war Gurrutxagas Leidenschaft, wie die so vieler Jungen aus Elgoibar, seinem Heimatort. Viele träumen davon, das Trikot von La Real zu tragen, doch fast immer bleibt der Traum nur ein Traum. Er hat es geschafft – und es wurde zum Albtraum. „Wenn ich heute an einem Fußballplatz vorbeikomme, ist das der letzte Ort, an dem ich bleiben möchte“, sagt er. Bei einer WM im Elfmeterschießen antreten zu müssen – für so viele ein Moment des Ruhms? „Allein der Gedanke daran dreht mir den Magen um.“
Gurrutxaga wurde zuerst von Trainer Javier Clemente eingesetzt (der unglückliche Erinnerungen an die Weltmeisterschaft weckt), im Profiteam von La Real. Am Tag seines Debüts in der Primera División meldete der junge Innenverteidiger den gefürchteten Jimmy Hasselbaink, jenen niederländischen Angriffsriesen von Atlético Madrid, komplett ab. Gurrutxaga weckte große Hoffnungen. Doch kurz vor der Saisonvorbereitung jener großartigen Saison von Real lief etwas schief. Auf einer Reise mit Freunden rauchte er einen Joint, der ihm übel auf den Magen schlug. „Ich dachte, ich wäre verrückt geworden“, erzählt er in seinem Monolog vor dem New Yorker Publikum. Der Kater nach diesem Joint war unerträglich, sein Kopf drehte sich unaufhörlich. Tatsächlich war dies nur der Auslöser für die psychischen Probleme, die sich von da an bei ihm anhäuften: Angstzustände, Depressionen und eine schwere Form der Zwangsstörung.
Gurrutxaga, der vielversprechende Innenverteidiger, wurde zu einem Wrack. Jetzt, in dem kleinen Theater in Queens, lacht er darüber und bringt das Publikum ebenfalls zum Lachen. Wie er vor dem Training ununterbrochen den Backofen, den Kühlschrank und die Wasserhähne in seiner Wohnung ein- und ausschaltete – und zwar immer fünf Mal. Wie er nach Hause zurückkehren musste, um noch einmal alles zu überprüfen, fünf Mal bei jedem Gerät. Wie er alle Linien mit dem linken Bein zuerst überqueren musste – was für einen Spitzenfußballer praktisch unmöglich ist. Wie er davon besessen war, sich durch die Berührung anderer Menschen anzustecken. Wie er jahrelang keinen Sex hatte, weil er glaubte, sich unweigerlich mit AIDS anzustecken. Damals erwischte ihn die das Programm „Was das Auge nicht sieht“ der Fußballsendung „Der Tag danach“ dabei, wie er sich zwanghaft die Hände mit Creme einrieb – eine seiner Verrücktheiten.
„Ich wurde zum unsympathischsten Spieler der Ersten Liga“
„Ich wurde zum unsympathischsten Spieler der Primera División; ich wollte keine Autogramme geben, um die Stifte von Fremden nicht anfassen zu müssen“, sagt er. „Stellt euch das mal vor: Ein Innenverteidiger, der Angst hat, den Stürmer zu berühren“, erklärt er unter dem Gelächter des Publikums. „Mal sehen, wie ich euch erzähle, dass ich Fußballer bei Real war und mir wünschte, wir würden die Meisterschaft verlieren“, fährt er fort. Seine größte Angst war der Jubel, sich mit Leuten und Fans zu umarmen. Je besser seinem Team spielte, desto schlechter ging es ihm. „Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, Meister zu werden.“ Sein Abstieg in die Hölle fiel mit einem Moment des Ruhms für den Verein seines Herzens zusammen. Unter diesen Umständen ging seine Karriere den Bach runter. Er kam in der gesamten Saison nur auf 91 Spielminuten und landete schließlich auf einer langen Odyssee in Vereinen der zweiten und dritten Liga, während Psychologen ihm halfen, aus dem Tief herauszukommen.
„Der Humor hat mir sehr geholfen, er hat es mir ermöglicht, mich wieder mit dem Fußball zu versöhnen“, sagt er heute. Ein Teil seiner Therapie sind diese Monologe. Mit ihnen und mit seinem Buch, das er in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Ander Izagirre verfasst hat, macht er die psychischen Probleme sichtbar, unter denen er gelitten hat und die auch im Spitzensport keine Ausnahme sind. Im Fußball ist das Thema immer weniger ein Tabu: Persönlichkeiten wie Weltmeister Andrés Iniesta – der mit Depressionen zu kämpfen hatte – haben darüber gesprochen. Während Gurrutxaga nun in New York seine Geschichte erzählt, rollt der Ball in den Stadien der USA. Nichts geht über die Weltmeisterschaft. Auch nicht, was den Druck auf die Spieler angeht. „Ich glaube, dass große Spieler auch deshalb Erfolg haben, weil sie mental stark sind“, sagt Gurrutxaga. „Aber es gibt auch Leute, die daran scheitern.“
„Meine Botschaft an Spanien nach dem Unentschieden gegen Kap Verde wäre: Es ist in Ordnung, zu lachen, wenn es schlecht gelaufen ist“, Zuhaitz Gurrutxaga, ehemaliger Fußballspieler
Dieser Druck lastet nun auf den Spielern Spaniens, nach dem katastrophalen Start gegen Kap Verde, der Zweifel an einem Favoriten aufkommen ließ. Was würde er ihnen sagen? „Meine Botschaft wäre, dass man die Dinge relativieren kann und dass es in Ordnung ist, zu lachen, wenn es schlecht gelaufen ist“, antwortet er. „Sonst blockiert man sich selbst“, fügt er aus eigener Erfahrung hinzu. „Im Fußball braucht es mehr Humor.“ Gurrutxaga hat seinen Monolog bereits vor Tausenden von Fußballern vorgetragen. Viele haben ihm privat geschrieben, um ihm mitzuteilen, dass ihnen Ähnliches passiert ist. Das erste Mal, dass ein Club ihn engagierte, um die Stimmung im Kader zu heben, war Athletic Bilbao unter Trainer Marcelo Bielsa (die Bilbainos verloren das Spiel anschließend – „vielleicht der beste Dienst, den ich für Real Sociedad geleistet habe“, scherzt Gurrutxaga). Aber er berichtete auch der spanischen Nationalmannschaft von seinen Erfahrungen, bevor diese zu den Olympischen Spielen nach Paris reiste. Und sie kehrten mit der Goldmedaille zurück. Der Trainer der „La Roja“, Luis de la Fuente, sollte sich das merken. (elcorreo-baskultur)
(2026-06-19)
FEST DER VÖLKERFREUNDSCHAFT
Die Alarmglocken läuteten schon, noch bevor die Schiedsrichter-Pfeifen ertönten. Die USA haben Fans aus der Elfenbeinküste, der Demokratischen Republik Kongo, dem Senegal, Haiti und dem Iran die Einreise verweigert. Trump versuchte, das letztgenannte Land aus dem Turnier auszuschließen. Und da er seinen Wunsch nicht durchsetzen konnte, sorgte er dafür, dass die Spieler des iranischen Teams immer in Mexiko untergebracht werden und für alle Spiele einzeln zu einem der Austragungsorte des Turniers in den Vereinigten Staaten anreisen müssen. Mit allen denkbaren Bodychecks und Schikanen verbunden.
Usbekistan und sein Trainerstab wurden bei ihrer Ankunft in New York durchsucht und mit Metalldetektoren abgetastet. Der irakische Stürmer Aymen Hussein wurde – für mehrere Stunden – von US-Einwanderungsbeamten festgehalten, wie Reuters und die New York Times berichteten. Und der Teamfotograf wurde von Donald Trumps Grenzpolizei direkt abgeschoben. Das gleiche Schicksal ereilte Omar Artan, einen der FIFA-Schiedsrichter für diese Weltmeisterschaft. Der somalische Schiedsrichter musste in sein Heimatland zurückkehren, nachdem ihm unmittelbar nach der Landung in Miami das Visum verweigert wurde. Zu schwarz für die Vereinigten Staaten des Rassismus – entsprechend der Neudefinition von MAGA: Make Asshole Great Again. (baskultur)
(2026-06-19)
SCHWARZ UND MUSLIM
Heute hat das US-Team sein zweites Spiel, erneut soll gewonnen werden, dem geliebten Präsidenten ein verspätetes Geburtstags-Geschenk zu machen. Noch sind sie keine Titel-Favoriten, aber schließlich handelt es sich um das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, in dem aus „Tellerwäschern Millionäre werden“, anarchistische Gewerkschafter und kritische Forscher-Ehepaare auf dem elektrischen Stuhl exekutiert werden.
Die Vereinigten Staaten sind jenes Land, in dem der unschuldige 14-jährige George Stinney auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. Vor 82 Jahren, am 16. Juni 1944, wurde der junge Afroamerikaner in South Carolina hingerichtet. Etwas für das Guiness-Buch der Rekorde: George war der jüngste Mensch, an dem die Todesstrafe vollstreckt wurde. Er wurde beschuldigt, zwei weiße Mädchen getötet zu haben, obwohl er beteuerte, unschuldig zu sein. Da der Stuhl für den Jungen zu groß war, musste er sich auf eine Bibel setzen, um durch den Stromschlag hingerichtet zu werden. Eine Untersuchung ergab später, dass er unschuldig war. Von den 80.000 Zuschauern, die das Spiel gegen Australien verfolgen, wird vielleicht einer diese Geschichte kennen, maximal zwei. George blieb es erspart, in Korea oder Vietnam verheizt zu werden. Ein schwacher Trost.
Dem MAGA-Präsidenten kann es nicht besonders gefallen haben, dass im ersten Spiel in der US-Startelf sieben Schwarze standen und nur vier waschechte Arier – zu viele Obamas sind keine schöne Visitenkarte, wie der deutsche Rassist Merz es ausdrücken würde. Auffällig war zudem, dass auch kein Latino-Name auf der Liste stand, ganze drei sind im Gesamt-Aufgebot. Die Migrations-Behörde leistet ganze Arbeit, der Coach zieht mit. Berichtet wurde über die Schikanen gegen schwarze Fußballspieler und die Angst, als Lateinamerikaner ins Stadion zu gehen. Keinerlei Überraschung: Willkommen bei Trumps WM.
Den schwarzen und islamischen Zuschauer*innen geht es nicht besser. Die USA haben Fans aus der Elfenbeinküste, der Demokratischen Republik Kongo, dem Senegal, Haiti und dem Iran die Einreise verweigert. Die Delegation von Usbekistan und ihre Spieler wurden bei ihrer Ankunft in New York stundenlang durchsucht und schikaniert. Und ein somalischer Schiedsrichter wurde sofort nach seiner Ankunft in Miami abgeschoben, obwohl er von der FIFA ausdrücklich nominiert war, Spiele zu leiten. „Die Behörden haben weder öffentlich noch privat Garantien gegeben, dass Fans, die sich versammeln wollen, um die Spiele zu verfolgen oder ins Stadion zu gehen, sicher sein werden“, sagt Carlos de las Heras von Amnesty International. Und die mächtige FIFA hält ihr Maul. (baskultur)
(2026-06-18)
WISSEN WER GEWINNT
Die Wettbüros machen das Geschäft des Jahres und auch in Freundeskreisen werden ganz heimlich große Geldscheine in die Wettkasse gelegt. Alle Fußball-Begeisterten haben einen Tipp, wer Weltmeister wird: entweder das Team mit gleicher Nationalität oder irgendein anderer Sympathieträger, von Curacao bis Südkorea. Doch dann gibt es noch die eiskalten Rechner, die sich womöglich nicht einmal für Fußball interessieren, geschweige denn eine Ahnung haben, wer gerade in Form ist und wer nicht. Zum Beispiel ein gewisser Wirtschafts-Wissenschaftler mit deutschem Pass. Er sagt voraus, wer gewinnt. Witzigerweise lag der Mann mit seinen Berechnungen schon dreimal richtig – wer also auf der suche ist nach dem ultimativen Tipp mit Gewinngarantie, sollte sich an JK halten.
Denn mit seinem Modell prognostizierte Joachim Klement bereits die Sieger der Fußball-WM-Ausgaben von 2014, 2018 und 2022. Dabei ist er kein ausgesprochener Kenner der Szene. Eigentlich wollte der Ökonom Prognosen von anderen Ökonomen ad absurdum führen und entwarf aus diesem Grund ein Prognose-Modell für Fußball-Weltmeisterschaften. Er ging davon aus, dass sich auf Grundlage solcher Kalkulationen keine seriöse Vorhersage treffen lässt – und hatte wider Willen Pech mit seinem Vorhaben. Oder Glück, denn er traf drei Mal ins Schwarze. „Ökonomen überschätzen sich permanent“, sagte Klement einst im Interview mit dem Kickerblatt „11 Freunde“. Diese Leute glaubten, Prognosen aufstellen zu können, von denen sie keine Ahnung hätten – beispielsweise für Fußballergebnisse. Da Klement sich daran störte, entwickelte er sein Modell. Anfangs sei es eine „Schnapsidee“ gewesen. „Doch dann ist der größte anzunehmende Unfall passiert: Ich lag richtig. Und dann lag ich wieder richtig. Und dann lag ich nochmal richtig.“
Klement sagte mithilfe seines Modells folgende Fußball-Weltmeister korrekt voraus: Deutschland 2014, Frankreich 2018 und Argentinien 2022. Wie hat er das geschafft? Das Modell basiert auf vier wirtschaftlichen und sportlichen Faktoren, die in die Berechnung einfließen. Dazu zählen die Bevölkerungsgröße als Maß für den Talentpool eines Landes und der Wohlstand beziehungsweise das Brutto-Inlands-Produkt pro Kopf als Indikator für eine erfolgreiche Nachwuchsförderung. Weitere Faktoren sind das Klima als Voraussetzung für Fußballtraining und für Spiele über das ganze Jahr verteilt sowie die Fifa-Weltrangliste – sie soll die Stärke der Spielergeneration einer Nation abbilden.
„Alle sozio-ökonomischen Faktoren werden zusammengenommen und geben ein Stärke-Ranking für jedes Team“, sagt Klement. „Wenn mir diese Daten ausreichen würden, dann wäre das Ergebnis sehr einfach. Das aktuell stärkste Team, Frankreich, würde die Weltmeisterschaft gewinnen.“ Klement jedoch zieht jedoch verschiedene weitere Faktoren heran und kommt dadurch zu einem anderen und überraschenden Ergebnis: Laut dem Modell des Ökonomen gewinnen die Niederlande die Fußball-WM 2026. Wenn das kein todsicherer Tipp ist. Also Männer, verwettet eure Häuser, mit allem, was drin ist. Ihr könnt sicher sein, dass es am 18. Juli zwei Häuser sein werden. Eine Gewinn-Garantie will natürlich niemand übernehmen. (baskultur)
(2026-06-17)
RUMBLE IN THE JUNGLE
Die Demokratische Republik Kongo (kolonisiertes Land) trifft auf Portugal (Kolonialmacht). Die heutige DRK hieß nicht immer so. Das Land hat bereits an einer Weltmeisterschaft teilgenommen, allerdings unter einem anderen Namen und mit einer anderen Flagge. – In der Demokratischen Republik Kongo, Hauptstadt Kinshasa (nicht zu verwechseln mit dem Kongo, Hauptstadt Brazzaville), ist heute Feiertag. Die Nationalmannschaft gibt ihr Debüt gegen Portugal und lässt zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft die blaue Flagge des Landes mit rotem Streifen und gelbem Stern wehen. Die Älteren werden sich allerdings daran erinnern, dass das Land bereits unter anderen Farben und einem anderen Namen an einer Weltmeisterschaft teilgenommen hat.
Im Jahr 1971 beschloss der kongolesische Diktator Mobutu Sese Seko, der nach dem Sturz und Mord am anti-kolonialen Führer Patrice Lumumba bereits seit zehn Jahren an der Macht war, den Namen des Landes in Zaire zu ändern und die Nationalflagge durch eine grüne Flagge mit einem gelben Kreis in der Mitte zu ersetzen, aus dem der Arm einer schwarzen Person herausragt, die eine brennende Fackel hält. Für Mobutu war der Sport das beste Propagandamittel, um im Ausland die Vorzüge seines Regimes zu vermarkten. Und als sich sein Nationalteam im Dezember 1973 für die Weltmeisterschaft in Deutschland im folgenden Sommer qualifizierte, lautete der Befehl klar: Man musste eine gute Figur machen.
Nach den Teilnahmen Ägyptens 1934 und Marokkos 1970 sollte Zaire der erste Vertreter Schwarzafrikas bei einer Weltmeisterschaft sein. Zu Beginn des Jahres gewannen sie den Afrika-Cup, die Stimmung stieg, doch die Auslosung war nicht gnädig und zwang sie in eine Gruppe mit Schottland, Jugoslawien und Brasilien. Beim Debüt gegen die Schotten trugen sie ihr charakteristisches gelbes Trikot mit dem Leopardenmotiv und waren fest entschlossen, dem schottischen Nationaltrainer Willie Ormond seine arroganten Worte vor dem Spiel heimzuzahlen: „Wenn wir Zaire nicht schlagen können, sollten wir unsere Koffer packen und nach Hause fahren.“ Obwohl sie gut mithielten, unterlagen sie schließlich mit 0:2. Doch vor dem zweiten Spieltag geriet alles aus den Fugen.
Mobutu, der seine Fußballer großzügig beschenkt hatte, als sie sich für die Weltmeisterschaft qualifizierten, richtete einen Fonds für Gehälter der Spieler ein, die darauf hofften, durch ihre Teilnahme am Turnier einen Batzen Geld zu verdienen. Doch die zahlreichen Staats- und Verbandsfunktionäre, die das Team nach Deutschland begleiteten, gaben innerhalb weniger Tage alles selbst aus. „Als wir uns qualifiziert hatten, empfing er uns in seinem Haus und schenkte jedem ein Auto und ein Haus. Mobutus Generäle waren so neidisch auf die Geschenke, die wir erhalten hatten, dass er jedem von ihnen ein Auto kaufen musste, damit sie den Mund hielten“, erklärte Mwepu Ilunga, Verteidiger jenes Teams von Zaire, viele Jahre später.
AUSGELACHT UND BEDROHT
Als das Team davon erfuhr, weigerten sie sich zunächst, weiterzuspielen, taten es dann aber doch gegen Jugoslawien, um eine Farce zu inszenieren, die mit der bis dahin höchsten Niederlage bei einer Weltmeisterschaft endete: 9:0. Zaire war zum Gespött der Welt geworden. Das konnte Mobutu nicht hinnehmen. Er nannte sich selbst „den allmächtigen Krieger, der dank seiner Ausdauer und seines unerschütterlichen Siegeswillens von Sieg zu Sieg eilen und eine Spur des Feuers hinter sich lassen wird“. Als ob eine 0:9-Niederlage vor den Augen der ganzen Welt nicht schon genug wäre, um den Stolz eines Diktators zu verletzen. „Nach dem Spiel schickte er seine Leibwächter, um uns zu bedrohen. Sie sperrten alle Journalisten aus und sagten uns, sollten wir gegen Brasilien mit mehr als drei Toren Unterschied verlieren, werde keiner von uns nach Hause zurückkehren“, erinnerte sich Ilunga in einem Interview mit der BBC.
22. Juni 1974. Dritter Spieltag der Weltmeisterschaft. Die Spieler, bedroht. 36.000 Zuschauer, die vom Drama nichts ahnten. Dann kam jene Szene, die wir alle schon tausendmal gesehen haben. Brasilien führt mit 0:2 und bekommt einen Freistoß nahe der Strafraumgrenze zugesprochen. Rivelino macht sich bereit, der Schiedsrichter pfeift, und der afrikanische Spieler mit der Rückennummer 2 rennt auf den Ball zu und tritt ihn weg. Gelbe Karte, Gelächter im Publikum und ein rassistischer BBC-Kommentar: „Ein seltsamer Moment afrikanischer Unwissenheit“. Die Nummer 2 von Zaire war Mwepu Ilunga. Er wusste ganz genau, was er tat: Mit allen Mitteln überleben. Brasilien schoss ein weiteres Tor, Zaire rettete sich vor dem Ultimatum, seine Spieler kehrten in ihr Land zurück – ohne auch nur ansatzweise das versprochene Geld zu sehen und mit dem unangenehmen Gefühl, den Diktator verärgert zu haben.
Mobutu vergaß den Fußball schnell und fand einen anderen Weg, die Welt dieses Scheitern vergessen zu lassen: Er organisierte den größten Boxkampf aller Zeiten. In den frühen Morgenstunden des 30. Oktober 1974 besiegte Muhammad Ali in Kinshasa entgegen aller Erwartungen George Foreman bei einer Veranstaltung, die unter dem Namen „Rumble in the Jungle“ in die Geschichte eingehen sollte und die die Welt dazu zwang, ihren Blick auf dieses riesige Gebiet in Zentralafrika zu richten, das heute die Demokratische Republik Kongo ist und das 52 Jahre später erneut an einer Weltmeisterschaft teilnehmen möchte. Unter einem anderen Namen und mit einer anderen Flagge. Und ohne rassistische Kommentare aus Europa. (baskultur)
(2026-06-17)
DIE ANDAUERNDE UNSCHULDSVERMUTUNG
Nach fast einer Woche WM haben wir uns fast schon daran gewöhnt, dass Spieler und Fans aus vielen Ländern bei der Einreise in die USA schikaniert, stundenlang verhört, erniedrigt oder gar nicht reingelassen werden. Es war zu befürchten und ist eingetreten, charakteristischer Teil der Yankee-Völkerfreundschaft. Umso überraschender war die Nachricht, dass nun auch Kanada auf diesen Spuren wandelt. Einem Spieler aus Ghana wurde definitiv die Einreise verweigert. Allerdings tun sich beim Blick auf die Hintergründe der Verweigerung Abgründe auf. Dem im spanischen Villareal tätigen Kicker wird ein halbes Dutzend Vergewaltigungen vorgeworfen, die in nächster Zeit in England auch verhandelt werden sollen. Grundsätzlich gilt zwar die Unschulds-Vermutung, dennoch kann den kanadischen Behörden kein Vorwurf gemacht werden. Im Gegenteil: in der Vergangenheit hat sich mehrfach gezeigt, dass die Fußballwelt viel zu unsensibel mit Sexismus und Sexisten umgeht.
Beginnen wir mit dem Ghana-Verband, der angesichts der Vorwürfe hätte Abstand nehmen können, den Spieler mitzunehmen. Aber egal. Weiter mit der spanischen Sportpresse: obwohl er ein Jahr in der spanischen Liga spielte, war niemand in der Lage, über die Vorwürfe aus der Zeit in England zu berichten, das ist gezieltes Verschweigen. Die öffentliche Rücksicht auf die Beklagten ist unerträglich, verschiedene Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit haben dies unter Beweis gestellt. Das schrecklichste Beispiel war der Brasilianer Dani Alves, der schließlich wegen Vergewaltigung auch verurteilt wurde. Nach weniger als zwei Jahren ist er schon wieder aus dem Knast entlassen, mit Geld lässt sich auch eine Freilassung erkaufen. Hoch aktuelles Beispiel ist der Spanier Rafa Mir, der vor wenigen Tagen zu acht Jahren verurteilt wurde, wegen Vergewaltigung. Gegen einen Kicker von Real Madrid läuft seit einem Jahr ein Verfahren, wenn Fans ihn von der Tribüne aus als Vergewaltiger titulieren, erhalten sie vom Ligaverband Stadionverbot. Das Thema wird mit allen Mitteln heruntergekocht. Die Liste ist länger, in Spanien, in Deutschland …
Warum gerade Fußballer? Weil es dieselben Idioten sind wie Nicht-Fußballer. Erschwerend kommt hinzu, dass sie nicht damit umgehen können, im Rampenlicht zu stehen, berühmt zu sein, verehrt zu werden. Vielen steigt der Ruhm in den Kopf, sie fühlen sich mächtig, verlieren die Kontrolle und denken, sie können ihre eigenen Regeln schreiben. Fußball ist ein Macho-Sport, Mädchen und Frauen müssen den Helden zu Füßen liegen und es als Ehre betrachten, „genommen“ zu werden. Dass diese Machos und Vergewaltiger zu Helden gemacht werden, dürfen oder müssen auch viele Medien in ihre Leistungs-Bilanz aufnehmen. Und Kinder schauen zu, kleine Jungen beobachten genau, wie ihre Stars agieren, sie werden imitiert, der Teufelskreis scheint nicht aufzuhalten.
„Ich werde dich ficken, mir ist egal, ob dein Freund dabei ist, du solltest eigentlich gerade den Boden schrubben“ – die Worte stammen von einem Kicker aus dem süd-spanischen Elche, sie galten der Schiedsrichterin, mit deren Entscheidung er nicht zufrieden war. Aus dem Spielbericht geht hervor, dass ein Spieler des Heimteams und dessen Trainer versuchten, in die Umkleidekabine der Schiedsrichterin einzudringen, sie musste sich einschließen. Die einen drohen, die andern tun es. Was in der Presse als „schwerer Vorfall“ bezeichnet wird, verschwindet sofort wieder aus den Berichten. Dabei ist es eine beleidigende Normalität auf vielen Sportplätzen, jedes Wochenende. Der Weg ist lang von Elche nach Kanada, doch die Verbindungs-Linie ist gerade und direkt. Und unerträglich wie ICE. Denn ICE war nicht der Anfang, es ist einer von vielen Schritten, die auf Massen-Vergewaltigungen in der Kolonialzeit zurückgehen. Jene, die heute alle Personen mit dunkler Haut zurückschicken wollen, halten brav ihr Maul, wenn es um dieses männlich-sexistische Kapitel europäischer Eroberer im Namen der Kirche geht in den heute von Ausschluss betroffenen Ländern. (baskultur)
(2026-06-16)
KOLONIAL-DUELLE
Bei der WM wiederholen sich die Kolonial-Geschichten. Mit Spanien und Deutschland auf der einen und Curacao und den Kapverden auf der anderen Seite. Während auf der Insel Curacao die Niederländer gewütet haben, waren es im Archipel die Portugiesen. In beiden Fällen war Sklavenhandel, mörderischer Sklavenhandel.
Die Kapverdischen Inseln könnten Teil von Mauretanien sein, oder von Senegal; denkbar wären auch Guinea Bissau oder Gambia. Tatsächlich ist es nach langer Kolonialgeschichte ein unabhängiger Staat. Bis Mitte des 19. Jhs waren die Kapverden ein bedeutender portugiesischer Umschlagplatz für den Sklavenhandel in die Vereinigten Staaten von Amerika, die Karibik und nach Brasilien. Mit der Abschaffung des Sklavenhandels im Jahr 1867 nahm das wirtschaftliche Interesse am Archipel ab. Erst Mitte des 20. Jhs gewann es wieder an Bedeutung. Aufgrund wirtschaftlichen Niedergangs und ständiger Dürren auf dem Archipel wanderten seit Beginn des 20. Jhs immer mehr Bewohnerinnen aus der Kolonie aus. Die portugiesische Kolonisierung begann 1462 auf der Insel Santiago mit dem Anbau von Zuckerrohr und Baumwolle. Zu Beginn des 16. Jhs wurden auf der Insel Fogo Weinplantagen angelegt. Die Kolonie wurde 1541 von berberischen Piraten und zwei Mal von Francis Drake angegriffen.
Der Kampf um die Unabhängigkeit: Ab den 1950er Jahren, mit dem Aufkommen der Unabhängigkeits-Bewegungen der afrikanischen Völker, schloss sich die Kolonie Kap Verde dem Befreiungskampf von Portugiesisch-Guinea an, dem heutigen Guinea-Bissau. 1956 gründete der kapverdische Intellektuelle Amílcar Cabral im Exil in Conakry die Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit von Guinea und Kap Verde (PAIGC). Er wurde 1973 ermordet. Dank der Nelkenrevolution im April 1974, die Diktatur in Portugal stürzte, begann der Entkolonialisierungs-Prozess. Im Gegensatz zu den Entwicklungen auf dem Kontinent war der antikoloniale Kampf auf den Inseln eher symbolisch gewesen, mit einer geringen Präsenz der PAIGC. Als die Verhandlungen begannen, forderten die Guerillakämpfer die Vereinigung beider Gebiete zu einem einzigen Staat, was auf den Inseln eine Gegenreaktion auslöste, wo sich die Befürworter einer eigenständigen Unabhängigkeit mobilisierten. Schließlich erlangte Kap Verde am 5. Juli 1975 die Unabhängigkeit. Kap Verde und Guinea-Bissau bildeten getrennte Länder, die von derselben marxistisch orientierten Einheitspartei, der PAIGC, regiert wurden. Aristides Pereira wurde zum ersten Präsidenten des neuen Landes. Der Plan zur politischen Vereinigung von Kap Verde mit Guinea-Bissau scheiterte 1980 aufgrund des Militärputsches in letzterem Land. 1990 begann mit dem Ende des Einparteiensystems ein Übergang, zuvor hatte sich die PAICV von marxistischen Ideen distanziert. 1992 verabschiedete das Land eine demokratische Verfassung.
Mehrfache Weltmeister gegen WM-Neulinge. Bereits vor dem Spiel hatten die Kicker-Könige bereits gewonnen, bei Wetten, Journalisten und Vorhersagen. Doch die Zwerge wuchsen, die Potenten enttäuschten. Die „tüchtigen“ Deutschen hatten dennoch Erfolg, die roten Spanier zahlten mit einem Remis ihren Kolonial- und Überheblichkeits-Tribut. Weitere Kolonisierten warten auf ihre Chance und Wiedergutmachung. Zum Beispiel Senegal und Frankreich. Die Europäer nutzten das afrikanische Land – na wozu? Zum Sklavenhandel. Heute stehen sich Kolonialisten und Sklaven-Nachfahren gegenüber.
(2026-06-15)
EIN RASSISTISCHER SCHIEDSRICHTER
Rassistische Geste eines Schiedsrichters bei der Weltmeisterschaft? Die FIFA untersucht den Vorfall. Der Australier Shaun Evans machte mit seiner rechten Hand eine Geste, die in den letzten Jahren häufig von weißen Rassisten und Faschisten verwendet wurde. Der australische Schiedsrichter Shaun Evans zeigte diese umstrittene Geste vor dem Spiel Deutschland gegen Curaçao. Als die Kamera auf
den VAR-Raum gerichtet war, um die Schiedsrichter des Spiels vorzustellen. Dort saßen ein Marokkaner und sein kolumbianischer Assistent. Hinter ihnen stand Shaun Evans, der, wie auf dem Bildschirm zu sehen war, Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand aneinanderlegte. Eine Geste, die in den letzten Jahren häufig von weißen Supremacisten verwendet wurde, weshalb der Weltfußball-Verband Ermittlungen aufgenommen hat.
Es besteht die Möglichkeit, dass die Geste ein Scherz unter Freunden war, oder, dass sie rassistischen Charakter hatte. Das wird die FIFA in den nächsten Tagen herauszufinden versuchen. Vorerst ist Evans damit in den sozialen Netzwerken berühmt geworden, wo alle möglichen Kommentare über den Australier zu lesen waren. Die „OK“-Geste, wie sie traditionell in verschiedenen Kulturen bekannt ist, hat seit einem Jahrzehnt eine negative Bedeutung, seit die Anti-Defamation League (ADL) diese Geste in ihre Liste der „Hass-Symbole“ aufgenommen hat. Bislang stand diese Geste in den meisten englischsprachigen Ländern für Zustimmung, Einverständnis und dass alles in Ordnung ist. Ein regelrechtes „OK“. Doch 2017 hob der australische weiße Faschist Brenton Tarrant seine politischen Forderungen auf eine neue Ebene, indem er während seines Prozesses wegen der Ermordung von 50 Menschen bei einem Amoklauf in Moscheen in Christchurch, Neuseeland, genau diese Geste machte.
Gegenüber den mehrheitlich schwarzen Spielern beider Teams – bei Curaçao alle, bei Deutschland etwa die Hälfte – war keine negative Haltung zu erkennen. Aber machen wir uns nichts vor. Die Geste passt zur Veranstaltung, vor allem zum arroganten und ultrarechten Präsidenten und seiner Arschkriecher-Gesellschaft von der FIFA. Die Untersuchung wird nichts ergeben. Denn würde sie etwas ergeben, wäre das Ergebnis peinlich und müsste gedeckelt werden. Die Welt ist voller Faschisten – warum sollen ausgerechnet die Schiedsrichter eine Ausnahme darstellen?
(2026-06-14)
ZWERGE GEGEN RIESEN
Mal ehrlich: zu welchem Land gehört diese Flagge? Das weiß, ohne Tricks, sicher nicht eine von hundert! Von den Kollegen aus der
Kneipe hatte keiner eine Ahnung. Wo die Welt so groß ist, größer als die Fußball-WM. Und die FIFA hat Blähungen. Sie sind Resultat eines unstillbaren Macht- und Geld-Hungers. Was waren das für Zeiten, als sich 1966 ganze 16 Länderteams auf den Weg nach England machten, um im so genannten „Mutterland des Fußballs“ einen Cup auszuspielen. Zehn Teilnehmer kamen aus Europa, vier aus Süd- und einer aus Nord-Amerika. Die Kontinente Asien und Afrika waren mit einem Vertreter präsent, ausgerechnet Nordkorea. Diese 16er-Zeiten sind definitiv vorbei, weil daraus nicht genug Kapital zu schlagen ist. Vorübergehend wurde die Zahl auf 48 erhöht, das Dreifache. Aber nur vorübergehend. Denn es wird weiter gebläht, oder besser gesagt: das Turnier wird aufgebläht. Schon die nächste Ausgabe soll mit 64 Elementen stattfinden. Ein Alptraum. Aber einer mit System. Multinationale Konzerne und Fernseh-Gesellschaften spülen Milliarden von Dollars in die Kassen.
Aufblähung hat zur Folge, dass die Kolonial-Kontinente besser repräsentiert sind, seit Marokko den vierten Platz errang, steht die „Dritte Welt“ nicht mehr ausschließlich für Rekordergebnisse. Zwerge dürfen sich messen mit Riesen, die weiterhin den Profitkuchen unter sich aufteilen. Bestes Beispiel ist das Treffen von Deutschland und Curaçao. Wo das liegt? Bei dieser Frage erhöht sich die Trefferquote womöglich auf zwei von hundert. Nein, nicht in der Südsee! Ein Kollege tippte auf die Nähe von Madagaskar – ebenfalls Panne! Viel zu schlecht kennen wir alle die Kolonial-Geschichte, die alles andere als Vergangenheit ist. Zu welchem Lehrplan sollte das auch gehört haben. Nachsitzen, Nachhilfe.
Curaçao ist neben einem leckeren Likör mit Organgengeschmack und blauer Tönung eine 444 QKM große Insel vor der Küste von Venezuela – Malta hat 316 QKM. Curaçao ist alles zusammen: Kolonie, autonomes Land, Teil eines Königreichs. Wie du und ich gehören die dort lebenden Insulaner*innen zu Europa. Denn der Kolonialismus ging nie zu Ende. Die Insel ist seit 6.000 Jahren besiedelt. Eine zweite indigene Kultur bildete sich nach einer zweiten Besiedelungswelle vor 3.500 Jahren aus. Dann kamen 1499 die Spanier und alles wurde anders. Unter der Führung von Alonso de Ojeda landeten sie auf der Insel, die sie „Insel der Riesen“ nannten, da die Körpergröße der dort lebenden Arawak-Eingeborenen sie beeindruckte. Die Eroberer deportierten die Ureinwohner zur Zwangsarbeit auf das Festland, 1527 begannen sie mit der Besiedelung, bis 1634 eine Expedition von Johan van Walbeeck Curaçao für die Niederländische Westindien-Kompanie (WIC) eroberte. Unter Generaldirektor Jacob Pieters Tolck wurde die Insel Zentrum des karibischen Sklavenhandels und blieb dies bis ins 18. Jahrhundert. Seit 1675 war Curaçao Freihafen. 100.000 Sklaven wurden zwischen 1658 und 1729 von der WIC nach Spanisch-Amerika verkauft. Nach 1713, als die Engländer dominierten, nahm der Sklavenhandel von Curaçao rapide ab. Sklaven wurden freigelassen und bildeten eine neue soziale Schicht. 1816 fiel die Insel wieder an die Niederlande. Um 1840 waren 40% der Einwohner Sklaven. Nach den Briten (1834) und den Franzosen (1848) schafften am 1. Juli 1863 auch die Niederlande die Sklaverei ab.
Aus Spanien ausgewiesene Juden machten als Sephardische Familien im 18. Jh einen Gutteil der Elite der Insel aus. Mitte des 18. Jhs dominierten jüdische Kaufleute den Handel. Ende des 18. Jhs waren nur 18% aller Schwarzen und Mulatten auf der Insel freie Personen, alle anderen waren Sklaven. Ab 1860 verlor Curaçao wirtschaftlich an Bedeutung, das änderte sich erst mit den Entdeckungen von Erdöl in den 1930er Jahren. Heute basiert die Wirtschaft auf den vier Säulen Erdöl, Hafen, Tourismus, Offshore-Banking – also nicht auszuschließen, dass die FIFA, Trump, Aznar und Infantino dort Schwarzkonten unterhalten. Die strategische Bedeutung der Insel mit dem größten natürlichen Innenhafen der westlichen Hemisphäre wurde unter Beweis gestellt, als ein großes Militär-Landemanöver stattfand. An der Übung „Joint Caribbean Lion 2006“ nahmen Soldaten aus Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Großbritannien und den Vereinigten Staaten teil.
Curaçao hat rund 150.000 Einwohner*innen, die Mehrheit von Sklaven-Abstammung, mindestens 26 davon sind Fußballer. Sie sind katholisch und sprechen Papiamentu. Nochmal so viele leben in den Niederlanden, gut möglich, dass beim ersten Spiel der Oranje einer aus Curaçao dabei ist. Die Einwohnerschaft Curaçaos besteht aus einer Vielzahl von Ethnien. Die meisten sind Nachkommen ehemaliger Afrika-Sklaven, 6% sind weiße Niederländer und Nachfahren von sephardischen Juden, die aus Spanien und Portugal vor der Inquisition flohen. Daneben von der Ölindustrie angeworbene Gastarbeiter aus Asien, Südamerika und der Karibik. Wenige Insulaner stammen von den Arawak Ureinwohnern ab. 2005 stimmte die Bevölkerung Curaçaos bei einem Referendum über den künftigen Status der Insel ab, wobei sich die Mehrheit für den Status als autonomes Land innerhalb des Königreichs der Niederlande entschied: Curaçao wird ein autonomes Land innerhalb des niederländischen Königreichs (67,83 %); Curaçao wird Teil der Niederlande (23,61%); Unabhängigkeit vom Königreich (4,82%); Curaçao bleibt Teil der Niederländischen Antillen (3,74%).
Curaçao ist nach Bevölkerung gerechnet der kleinste WM-Teilnehmer aller Zeiten und somit der erklärte Angstgegner der Deutschen bei dieser WM. Sollte das Spiel verloren gehen oder nur unentschieden enden, wäre ein kollektiver Suizid die Folge. 80 Millionen gegen 300.000 ist wie Madrid gegen Gernika oder Paris gegen Arcachon. Gegen Sklaven zu verlieren oder gegen deren Nachkommen ist keine deutsche Stärke. Das Spiel werde ich zu Hause im Fernsehen anschauen. Weil „die Mannschaft“ eines der wenigen Teams ist, dem sie zutrauen, es könnte Spanien oder Frankreich stoppen, sind meine Kneipenfreunde für die Deutschen. Das werde ich mir nicht antun. Die Europäer haben eine große Kolonialschuld zu begleichen, heute besteht eine große Chance, damit zu beginnen. Das Wort „Curaçao“ stammt vermutlich aus der Sprache der indigenen Arawak. Bon bini na Kòrsou! – Herzlich willkommen in Curaçao!
(2026-06-13)
Der Neinsager
Das Kicker-Spektakel hat begonnen, im Azteken-Land Mexiko, von einer militärischen Intervention bedroht vom imperialistischen Nachbarn an der Ostgrenze, offenbar sind die sieben Bundesstaaten, die die Yankees mit einem Krieg dem revolutionären Mexiko 1848 abnahmen, nicht genug. Am Anfang des 2026er-Spektakels standen drei Rote Karten, die das Eröffnungsspiel zu Gunsten der Gastgeber entschieden. Rote Karten, die besser im Vorfeld zum Einsatz gekommen wären: gegen den ultrarechten US-Präsidenten, seine rassistische Migrations-
Behörde – rote Karten, so rot wie die Stripes in der Flagge, zu der künftig auch Grönland und Teile von Kanada gehören sollen.
Die wenigen Aufrufe zum Boykott der größten Ultra- und Macho-Veranstaltung der Neuzeit waren vergebens. Deshalb ist Nachkarten angesagt, von hinten in die Beine treten, ohne Rücksicht auf Funktionärs-Kreuzbänder und Fernseh-Menisken. Mein Name ist Abitro, als Spielverderber wurde ich in diesem Medium beauftragt, den Finger auf die Wunde zu legen und Dinge so zu benennen, wie sie sind. Ohne Rücksicht auf Oberschenkel-Zerrungen und Schienbeinbrüche. Die Freund:innen aus der Eck-Kneipe im Barrio haben mich davor gewarnt. Mit einer solchen Kolumne könne ich mir nur Feinde, keineswegs jedoch Freunde machen. Die Warnung hat ihre Wirkung verfehlt und zusätzlich motiviert. Bleibt zu hoffen, dass daraus kein erzwungener Wohnsitzwechsel erfolgen muss. Die nackte Wahrheit hat keinen Preis, schon gar nicht im rebellischen Baskenland.
Trotz aller Bedenken sollte ich den Kollegen meine Turnier-Favoriten nennen, einige meiner ältesten Trink-Genossinnen haben sogar Wetten abgeschlossen. Unter Druck gab ich zu, wenn überhaupt auf Curacao zu setzen, die alte holländische Kolonie in der heutzutage umkämpften Karibik. Die Möglichkeit, Deutschland in eine mentale Lebenskrise zu stürzen, ist mehr als verlockend. Mit denen habe ich noch ein paar Rechnungen offen: Mein Urgroßvater wurde im Ersten Weltkrieg verheizt, obwohl er kein Kaiserlicher war, meinem Opa passierte dasselbe im Zweiten. Dass er kein Nazi war, tröstete meine Mutter wenig – Leerstellen in der Familien-Chronik. Dass Spanien und Frankreich auf keinen Fall Erfolg haben sollten, versteht sich für eine echte baskische Seele von alleine. Das Veto gegen unsere Selekzioa (auf allen Ebenen) wiegt schwer. Dennoch stellt es die Begeisterung für den Fußball nicht in Frage. Zerrissene Gemüter. Das herausragende Ereignis dieser WM wäre aus meiner Sicht, wenn sich Iran und die USA in einem hypothetischen Viertel-Finale gegenüber ständen und Iran die Oberhand behielte. Sicher schade um den mutigen Schiedsrichter, der umgehend an die Wand gestellt würde. Vielleicht würden einige dann doch noch bereuen, nicht auf radikalen Boykott gesetzt zu haben.
Es ist unerträglich, zu sehen, wie jeden Tag Bomben auf Teheran geworfen werden, nicht aus Mitleid mit den Ayatollahs, dort leben Menschen wie in Donosti, Gaza und Beirut. Schlimmer als die Bomben ist die vorherrschende Scheinheiligkeit zwischen Washington, Toronto und M-City, mit der eine verlogene Normalität projiziert wird. Weder in Russland 2018 oder Katar 2023 gab es würdeverletzende Grenzkontrollen gegen ungeliebte Gäste. Trumps Rassisten hingegen stehen an jedem Flughafen, verhören Spieler und Funktionäre zehn Stunden lang und entscheiden über die Köpfe des Weltverbandes hinweg, welche Schiedsrichter pfeifen dürfen und welche nicht. An iranische Spielbesucher ist gar nicht erst zu denken, bleibt die Frage, ob die – sicher bis an die Zähne bewaffneten – iranischen Kicker die Grenze passieren dürfen. Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer, alte nord-amerikanische Konquistadoren-Strategie. In der Apotheke habe ich mir ein Anti-Brech-Mittel besorgt, das ansonsten ungewohnten Flugpassagieren kotzfrei durch die Lüfte hilft. Ich werde es für die nächsten sechs Wochen zu Hause am Computer brauchen.
ABBILDUNGEN:
(*) aktuelle Fußball-Presse
(ERST-PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-06-13)
