Zinemaldia in Donostia
Zinemaldia, das Internationale Film-Festival fand erstmals 1953 statt und erlebt im September 2024 seine 72. Ausgabe. Hauptpreis der Jury ist die Goldene Muschel (Concha de Oro), abgeleitet vom Namen der Donosti-Bucht “La Concha“, Wahrzeichen der Stadt. Daneben wird die “Silberne Muschel für die beste Regie“ vergeben. Seit 1986 wird jährlich zusätzlich der Donostia-Preis an Schlüsselpersonen aus der Filmbranche verliehen, deren Lebenswerk gewürdigt werden soll, 2024 ist Pedro Almodovar an der Reihe.
Direktor des Filmfestivals Zinemaldia in Donostia-San Sebastian ist seit 2011 José Luis Rebordinos. 2026 soll seine letzte Festival-Regie sein. In einem Interview gibt er Auskunft über die Bedeutung des Festivals für die Filmbrache im Baskenland. Schauspieler Javier Bardem bezieht politisch Position.
José Luis Rebordinos bekräftigt, dass die diesjährige Ausgabe die qualitativ Beste ist, zusammen mit der des Jahres 2012, zum 60-jährigen Jubiläum. Mit Genre-Filmen und solche mit sozialem Inhalt als Hauptthemen des Programms engagiert er sich weiterhin für die Branche und für neue Talente. Nach dem Festival 2026 wird Rebordinos zurücktreten. (1)
"Von den zwölf Ausgaben, die ich geleitet habe, ist diese zusammen mit der 60. Jubiläums-Ausgabe die stärkste, sowohl was die Präsenz von Persönlichkeiten als auch das Niveau der offiziellen Film-Auswahl betrifft", meint der 1961 in Orrereta-Renteria geborene Rebordinos zu Beginn des Interviews. Was die Anwesenheit berühmter Persönlichkeiten angeht, hebt er folgende Namen hervor: "Cate Blanchett, Pedro Almodóvar, Tilda Swinton, Javier Bardem, Monica Belucci, Isabel Huppert, Pamela Anderson, Andrew Garfield, Sean Baker, Leos Carax, Françoise Ozon und Costa Gavras".
"Wir waren schon immer ein großes Filmfestival", fährt er fort. "Wir brauchen Glamour, weil das Publikum das will, und das ist gut so. Und wenn der Glamour intelligent ist ... Die Bevölkerung hat das Gefühl, das Festival gehöre ihr. Im Oktober oder November halten mich die Leute auf der Straße an, um mir ihre Meinung zu sagen. Jemand sagt zu mir: 'Was für ein gutes Festival dieses Jahr'. - 'Ah ja, haben Ihnen die Filme gefallen?' frage ich zurück. 'Ich war noch nicht im Kino. Aber all die Leute, die gekommen sind', bekomme ich zur Antwort. Oder andersherum. 'Dieses Jahr war es nicht so gut‘. - 'Ach nein, dir haben die Filme nicht gefallen', sage ich. 'Ich gehe nicht ins Kino, aber es keine Berühmten gekommen'. Es ist auffällig, dass ein Teil der Bevölkerung das Festival auf der Straße erlebt, das macht es lebendig. Das ist schön, und das ist auch ein Teil des Festivals".
"Die offizielle Auswahl ist in diesem Jahr von großen Namen geprägt, das war das Ziel. Ich denke, dass die wichtigen Filme im Allgemeinen nicht enttäuschen werden", versichert er.
Zinemaldia stützt sich auf zwei Säulen: Genre und soziales Kino. "Das ist kurios, weil Genre-Filme auf den großen Festivals früher nicht zu sehen waren. Sie galten eher als zweitklassig. Seit 8 bis 10 Jahren zeigen alle großen Festivals – darunter Cannes, Berlin, Venedig und Donostia-San Sebastian – mehr Genre-Filme. Ich habe 22 Jahre lang das Horror and Fantasy Film Festival geleitet, wir sind ein Festival, das dem Genre-Film viel Aufmerksamkeit schenkt. Warum kommen Horror, Komödien und Musicals an? Weil sie Mustern folgen, die sich wiederholen, das ist einfacher für das Publikum. Natürlich gibt es gute und schlechte Filme. Für mich sind gute Genre-Filme solche, die über die Konventionen des Genres hinausgehen. Ein Film wie 'El Llanto' (2) zum Beispiel ist ein sehr guter Horrorfilm, aber nach und nach entdeckst du, dass er über etwas Wichtiges spricht. Es ist nicht nur ein Horror-Spielzeug, um uns zu erschrecken und zu amüsieren, sondern spricht über ein Thema, das uns alle derzeit sehr beschäftigt. Das ist die Art von Genre-Film, die mich interessiert. Bei 'El Llanto' hatte ich furchtbare Angst, ich habe Schreie ausgestoßen – es gefällt mir, im Kino diesen schrecklichen Emotionen ausgesetzt zu sein, im richtigen Leben hingegen absolut gar nicht", erzählt er.
Eines der Ziele, die sich die Festivalleitung gesetzt hat, ist die Suche nach neuen Talenten. "Wir sind das kleinste der großen Festivals und das letzte des Jahres. Das macht es schwieriger für uns, große Premieren zu bekommen, obwohl wir in diesem Jahr mehrere haben. Wir bringen gerne neue Talente heraus, John Crowley hat hier angefangen, an einem Wettbewerb für neue Regisseure teilzunehmen. Und Florence Pugh hat gerade in Toronto gesagt, dass Zinemaldia ihr Lieblingsfestival ist. Lady Macbeth trat hier an, als sie noch niemand kannte, und das Publikum entdeckte eine unglaubliche Schauspielerin. Sie war sogar in der engeren Auswahl der Preisvergabe und hat es nicht geschafft. Für sie war es eine wunderbare Erfahrung. 'Ich habe dort angefangen und habe Andrew Garfield empfohlen, dorthin zu gehen', sagte sie. Das ist eine schöne Geste", stellt Rebordinos zufrieden fest.
Geschlechterfrage
Zwei Jahre sind vergangen, seit sich auf Initiative des Zinebi-Festivals Bilbao die verantwortlichen Frauen baskischer Filmfestivals trafen. "Wir tragen die Festivals zwar maßgeblich, aber an den Positionen der Macht und Sichtbarkeit befinden wir uns nicht", stellten die Teilnehmerinnen fest. "Das Zinemaldia-Festival hatte noch nie eine Regisseurin, und ich bin überzeugt, dass der Zeitpunkt gekommen ist. Wenn nicht etwas sehr Ungewöhnliches passiert, wird es im Jahr 2027 eine Direktorin geben, das wäre logisch. Es wird eine andere und erfolgreiche Leitung sein, da bin ich mir sicher", sagt Rebordinos. Alles deutet darauf hin, dass die Entscheidung zwischen Lucía Olaciregui und Maialen Beloki fallen wird. Beide sind derzeit stellvertretende Direktorinnen des Zinemaldia Festivals.
Zinemaldia ist das einzige Festival der Kategorie A, das mehr Frauen als Männer im Leitungs-Ausschuss hat. "Im leitenden Ausschuss sitzen drei Frauen und zwei Männer. In der Auswahl-Kommission sind wir sechs Frauen und sechs Männer. Und von den neun Abteilungen werden sieben von Frauen geleitet. In der Belegschaft gibt es deutlich mehr Frauen. Das hat sich auf natürliche Weise so entwickelt", sagt der aktuelle Direktor.
Das Festival erstellt jährlich einen Bericht über die Geschlechter-Verhältnisse in der Filmbranche. "Daraus können wir zum Beispiel ersehen, dass es unter den Film-Studierenden viele Frauen gibt. Aber wenn ansteht, die ersten Spielfilme zu drehen, verschwinden sie. Bisher war das immer so. In diesem Jahr sind jedoch in der offiziellen Auswahl fast so viele Filme von Frauen wie von Männern. Der Unterschied liegt höchstens bei einem oder zwei.“
“Wir sehen immer mehr Qualitätsfilme, die von Frauen inszeniert werden. Warum? Weil die meisten europäischen Regierungen, darunter auch die spanische, Maßnahmen ergreifen, um die Präsenz von Frauen in der Branche zu fördern. Bei der Beantragung von Zuschüssen für einen Film, gibt es mehr Punkte für die Beteiligung von Frauen. Über diese Maßnahmen lässt sich wie über alles andere streiten, aber wir kommen aus einer Situation der Ungerechtigkeit. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, die Situation einer gesamten Struktur zu verändern. Ich wage zu behaupten, dass diese Realität in 8 bis 10 Jahren verschwunden sein wird. Sind wir auf dem richtigen Weg? Ich denke ja. Gibt es noch viel zu tun? Ja. Ist das Problem gelöst? Nein", sagt Rebordinos.
Der Zinemaldi-Chef ist gegen Quoten. "Wir wenden Quoten nur am Anfang an, wenn der Film noch in Arbeit ist. Wenn er fertig ist, beurteilen wir den Film. Meine weiblichen Kolleginnen würden das Quotensystem nicht akzeptieren, sie würden es für eine mackerhafte und patriarchalische Vision halten. Nein, lasst uns dafür kämpfen, dass es genauso viele Frauen wie Männer gibt. Wenn Frauen den gleichen Zugang haben wie Männer, werden wir irgendwann Gleichberechtigung haben".
"Es gibt drei Themen, die sowohl von der Gesellschaft als auch vom Festival angesprochen werden müssen. Erstens die Genderfrage: wie viele Frauen verlieren durch männliche Gewalt ihr Leben? Zweitens die Nachhaltigkeit: die Welt geht vor die Hunde. Und drittens die soziale Ungleichheit: wie viele Menschen sprechen über Armut aus einer selbst erlittenen Armut? Niemand. Wohlhabende Filmemacher tun das. Was ist los? Filmschulen kosten 8.000 bis 10.000 Euro im Jahr. Ich komme aus einem einfachen Stadtviertel und in meiner Kindheit konnte niemand von uns auf die Filmhochschule gehen. Es muss sich etwas ändern und wir haben angefangen darüber zu reden: Was können wir tun, damit alle sich ausdrücken können, damit alle ihre eigene Geschichte erzählen können? Wir diskutieren darüber, weil wir daran interessiert sind und weil die Gesellschaft es verlangt", fährt er fort.
Baskisches Kino
Rebordinos hat keinen Zweifel: "Das baskische Kino erlebt einen sehr guten Moment. Und wer mich kennt, weiß, dass ich keiner bin, der sich leicht schmeicheln lässt. Wenn ich der Meinung wäre, dass etwas schlecht läuft, weiß ich nicht, ob ich es ansprechen würde, aber ich würde nicht das Gegenteil behaupten. Die baskische Regierung leistet hervorragende Arbeit, ETB (Euskal Telebista, das öffentliche baskische Fernsehen) arbeitet gut, die Zusammenarbeit der beiden bestehenden Produzenten-Verbände ist sehr wichtig und läuft nicht schlecht, das Festival von Donostia-San Sebastián leistet seinen Beitrag, und das Wichtigste ist, dass wir viele Talente haben, was seit der Gründung der Kurzfilm-Förderung Kimuak deutlich zu sehen ist (3).
Alle baskischen Beteiligten ziehen in die gleiche Richtung, und das ist etwas, das in Madrid sehr hilfreich ist. Ich merke das. Oder wenn es um Festivals geht, die baskischen Filmen Aufmerksamkeit schenken. Wir haben gerade den Film 'Marco' von Jon Garaño und Aitor Arregi bei den Film-Festspielen in Venedig gesehen. Das gab es vorher nicht. Das Interesse an unserem Kino ist da. 'Marco' wird am 28. September unsere Sektion 'Perlas' (Perlen) abschließen, die sechzehn internationale Filme umfasst".
"Die große Herausforderung in den kommenden Jahren liegt darin, neue Regisseur*innen und Produzent*innen zu finden ... wir müssen den Pool erneuern, wir müssen uns immer wieder um die neuen Generationen kümmern. Ich weiß aus Gesprächen, die wir geführt haben, dass die baskische Regierung hiervon überzeugt ist. Ich bin optimistisch, was die Zukunft des baskischen Kinos angeht. Für die bescheidene Größe unseres Landes – manchmal sind wir uns dessen nicht bewusst – bringen wir Filme und audiovisuelle Produktionen von höchster Qualität, großer Vielfalt und einer akzeptablen Anzahl hervor.
Talente gibt es, aber keine Industrie, die Produktion ist immer an bestimmte Projekte gebunden, wird Rebordinos gefragt.
“Eine kleine Industrie gibt es wohl, aber sehr klein. Ein lokaler Produzent wie Koldo Zuazua ko-produziert mit Movistar. Im Baskenland, mit einer baskischen Regisseurin und einem baskischen Schauspieler. Es gibt eine Reihe von Produktionsfirmen, die ganz normal arbeiten, nur haben wir nicht die Struktur wie Madrid. Am Anfang hat die Produktionsfirma Moriarti Filme über lokale Themen auf Baskisch gedreht. Jetzt machen sie einen auf Andalusisch, eines Tages werden sie ihn auf Englisch machen. Das ist normal, so ist die Welt nun einmal. Ich glaube, dass es im Rahmen unserer Möglichkeiten eine Industrie gibt, wie wir sie noch nie hatten. Und die eingeführten Steuer-Erleichterungen werden diesen Produktionsfirmen beim Überleben helfen, sie werden in der Lage sein, einen Service für Produktionen aus dem Ausland zu bieten".
Persönlich scheinen Rebordinos die zwölf Jahre an der Spitze des Zinemaldia-Festivals nicht allzu viele Spuren hinterlassen zu haben. "Das einzige, was mich etwas weniger geschickt macht, ist mein Alter, die körperliche Kraft lässt nach. Jedes Jahr ist ein Abenteuer, ich genieße das Festival. Ich höre nicht auf, weil ich müde wäre. In einem bestimmten Moment musst du wissen, dass es besser ist, aufzuhören. Am Besten, wenn es gut läuft. Es bedarf neuer Personen. Du kannst nicht ein Leben lang an einem Job festhalten. Ein Festival zu leiten ist heikel, du brauchst Kontakte, Wissen über die Kino-Welt, aber auch eine Vision des Lebens. Es gibt Dinge, die du nicht ganz verstehst oder zwar verstehst, die aber nicht deine eigene Welt sind. Es ist wichtig, dass eine Person kommt, die näher am aktuellen Geschehen dran ist", kommentiert er.
Vermächtnis
Nach der Zinemaldi-Ausgabe 2026 wird Rebordinos zurücktreten. Auf die Frage nach seinem Vermächtnis, sagt er: "Ich denke, wir haben gute Arbeit geleistet, ich gehe nicht bescheiden durchs Leben. An was sollen sich die Leute erinnern, wenn sie an mich denken? Ich möchte von meinen Freunden und den Menschen, die ich liebe, in Erinnerung behalten werden ... Diego Galán (Direktor von Zinemaldia 1986 bis 1989 und von 1995 bis 2000) hat uns davon überzeugt, dass das Festival uns gehört. Und wir begannen, ins Kino zu gehen. Das war der erste Schritt, damit es wachsen konnte, es war ein sehr kleines Festival, obwohl es für mich schon ein Mythos war. Dann kam Mikel Olaziregi (Zinemaldia Direktor 2001 bis 2010). Er hat es international bekannt gemacht.“
“Wenn man im Kulturbereich 40 Mitarbeiter und ein Budget von 9,5 Millionen hat, muss man mit der Standhaftigkeit eines Unternehmens arbeiten, dessen Ziel es nicht ist, Geld zu verdienen, aber genauso wichtig ist es, kein Geld zu verlieren. In dieser Hinsicht haben wir gute Arbeit geleistet. Außerdem haben wir die Filmindustrie nach San Sebastian gebracht. Wir sind von mehr als 500 Akkreditierungen auf mehr als 2.000 gewachsen. Es wird gekauft und verkauft, hier treffen sich Investoren auf weltweit höchstem Niveau. Und drittens sind wir ein Festival, das das ganze Jahr über aktiv ist. Wir sind ein dritter Teil der Elias-Querejeta-Filmschule (4) und arbeiten mit dem Kulturzentrum Tabakalera und der Filmoteca Vasca (5) zusammen. Auf diese Weise können wir die menschlichen Ressourcen, die wir haben, produktiv einsetzen. All die Kontakte sind nicht nur für die neun Tage, die das Festival dauert", erklärt er.
Eine der großen Herausforderungen des Festivals ist die Anwesenheit ausländischer Presse.
"Es kommen fast tausend Journalist*innen, was nicht schlecht ist. Wir haben nicht wie andere an Interesse verloren, aber wir haben das von mir gesetzte Ziel nicht erreicht", räumt er ein. Ein weiteres Problem ist nach wie vor die Finanzierung. "Wir kommen über die Runden, aber es ist immer knapp. Manchmal ist es einfacher, für andere Forderungen zu stellen als für sich selbst. Bevor ich gehe, will ich versuchen, eine wirtschaftliche Vereinbarung für vier Jahre zu treffen, damit die Person, die die Leitung übernimmt, etwas entspannter beginnen kann".
Polemik mit Johnny Depp
Die diesjährige Anwesenheit von Johnny Depp in Donostia, nach der Kontroverse im Jahr 2021, bekräftigt Rebordinos Position von damals. "Er wurde nicht wegen Missbrauchs angeklagt, sondern wegen Verleumdung. Und er hat Amber Heart dieselben Vorwürfe gemacht. Ich weiß nicht, ob er ein Missbrauchs-Täter ist, keine Ahnung, aber er wurde nur in der Presse beschuldigt. Depp sagte einmal zu mir: ‘Sie haben gesagt, dass meine Unschuldsvermutung respektiert werden sollte, und dafür danke ich Ihnen'. Ich bin weder ein Polizist, der ermittelt, noch ein Richter, der urteilt. Und ich werde dies auch nie tun. Selbst wenn sie mich in den Netzwerken kreuzigen, werde ich niemals ein Werturteil fällen, solange es keinen Gerichtsbeschluss gibt. Muss eine Einladung aufgehoben werden, wenn eine Anschuldigung vorliegt? 'Yo sí te creo’ (ich glaube dir), lautet eine aktuelle Kampagne zur Unterstützung von Frauen, die einen sexuellen Übergriff anzeigen. Nein, weder glaube ich ihnen, noch glaube ich ihnen nicht. Eine Frau, die eine Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs erstattet, muss unsere ganze Unterstützung erhalten, polizeilich, psychologisch, aber es reicht nicht aus, zu sagen, sie sei vergewaltigt worden. Es tut mir leid. Die fortschrittlichsten Kreise der Gesellschaft, die für die Rechte der Frauen gekämpft haben und kämpfen, stehen auch für die Unschulds-Vermutung, gegen Lynchjustiz. Natürlich weiß ich, dass die Justiz sexistisch ist. Wir sollten dafür kämpfen, sie zu ändern. Aber wir können uns nicht zu Polizisten und Richtern machen. Denn am Ende gewinnen immer die Mächtigen", schließt er. (1)
Javier Bardem, Donostia-Preisträger 2023
Auf der Pressekonferenz wenige Stunden vor der verspäteten Verleihung des Donostia-Preises aus dem Jahr 2023 nahm Javier Bardem Bezug auf die Situation in Gaza. “Ich bin glücklich über den Preis, aber angesichts des Zustands der Welt nicht in Feierlaune“. Bardem (Las Palmas de Gran Canaria, 1969) konnte den Donostia-Preis 2023 nicht entgegen nehmen wegen des Streiks der Schauspieler*innen und Drehbuch-Autor*innen in Hollywood. (6)
Javier Bardem ist hinlänglich bekannt dafür, dass er sich in kritische Debatten einmischt und kein Blatt vor den Mund nimmt. Ein Journalist fragte ihn, ob er es jemals bereut habe, politisch Stellung bezogen zu haben. “Angesichts von Ungerechtigkeit kannst du nicht schweigen. Ich kann mich nicht selbst zensieren, denn dann gewinnen die anderen. Je mehr wir uns zurückziehen, desto mehr Boden gewinnen die Täter. Was in Gaza geschieht, ist inakzeptabel, schrecklich und unmenschlich“, beklagte er. Die israelische Regierung, die radikalste in der Geschichte des Landes, begeht Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die vom Internationalen Strafgerichtshof untersucht werden. Die Angriffe der Hamas am 7. Oktober waren grausam und rücksichtslos, aber sie rechtfertigen nicht die massive Bestrafung der palästinensischen Bevölkerung. Die Straflosigkeit der israelischen Regierung muss sich ändern. Länder wie die USA oder Deutschland müssen ihre Logik ändern. Wir können dem nicht tatenlos gegenüberstehen.“
“Die derzeitige israelische Regierung repräsentiert weder die jüdische Gemeinschaft noch die israelische Gesellschaft. Es gibt viele Stimmen gegen sie, es gibt auch soziale Unruhen“, bemerkte er. Angesichts dessen wies er auf die Notwendigkeit hin, “die Verurteilung und den Prozess gegen Netanjahu und die Hamas durch ein Strafgericht zu fordern. Wir brauchen eine gesellschaftliche Stimme, um der Straffreiheit und der bedingungslosen Unterstützung ein Ende zu setzen. Sie beflügelt den Missbrauch. Das ist eine dringende Situation, ebenso wie Uganda und Sudan, Länder, über die nicht gesprochen wird, und auch die Ukraine, die stärker präsent ist. Und ebenso erschreckend ist die Klimasituation. Das ist der Punkt, wir sollten wissen, dass wir uns für eine Seite entscheiden müssen.“
Drei Jahrzehnte
Dieses Jahr ist es 30 Jahre her, dass er die Silberne Muschel gewonnen hat. Bardem erhielt den Preis 1994 als bester Schauspieler für seine Leistung in dem Film “Días contados“ (Die Tage sind gezählt) des Regisseurs Imanol Uribe aus San Sebastian. Im Hinblick auf den Moment, in dem er den Donostia-Preis erhielt: “Es freut mich, dass jemand der Meinung ist, ich sei eines Preises würdig. Man tut, was man kann, aber eine Auszeichnung ist das Sahnehäubchen auf dem Kuchen. Vor dreißig Jahren hat es mich schwer überrascht, ich dachte, ich hätte es nicht verdient. Daran hat sich nichts geändert, ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich mehr Aufmerksamkeit verdiene als viele andere Menschen.“
Der Schauspieler gewann 2007 den Oscar als bester Nebendarsteller für seine Rolle eines psychopathischen Killers in “No Country for Old Men“. Er ist auch bekannt für seine Rollen in Filmen wie “Jamón, jamón“, “Carne trémula“, “Los lunes al sol“, “Mar adentro“ und “El buen patrón“, “Antes que anochezca“, “Biutiful“ und “Being the Ricardos“. Er spielte die Hauptrolle des Antagonisten Raoul Silva im James-Bond-Film “Skyfall“ (2012), für den er Nominierungen als bester Nebendarsteller erhielt. Barden erhielt sechs Goyas, einen Golden Globe, einen BAFTA, den Preis des Filmfestivals von Cannes für den besten Darsteller und einen Screen Actors Guild Award. Er hat mit Regisseuren wie Denis Villeneuve, Darren Aronofsky, Ridley Scott, Asghar Farhadi, Pedro Almodóvar, Woody Allen, Milos Forman, Michael Mann und John Malkovich gearbeitet. (6)
Der diesjährige Gewinner der Concha de Oro
Die gefragte Goldene Muschel (Concha de Oro) von San Sebastian gewann im Übrigen der Regisseur Albert Serra mit seiner Darstellung der Schönheit und Grausamkeit des Stierkampfes. Sein umstrittener Film “Tardes de soledad“ (Nachmittage der Einsamkeit) gewann beim 72. Zinemaldi Film-Festival, der Schauspielpreis ging an Patricia López Arnaiz aus Vitoria-Gasteiz für ihre Rolle in “Los destellos“ (Die Blitze). Albert Serras (Bañolas, Girona, Katalonien 1975) Präsentation wurde von knapp einem Dutzend Tierschützern begleitet, die von PACMA und Podemos Euskadi aufgerufen wurden und während der Vorführung seines Dokumentarfilms vor dem Kursaal demonstrierten. Es war das erste Mal, dass sich der katalanische Regisseur um die Goldene Muschel bewarb, das reichte zum Gewinn. Diese Auszeichnung ergänzt den Goldenen Leoparden, den er in Locarno für “Història de la meva mort“ und den Preis der Jury in Cannes für “Liberté“ erhielt.
Von Kritikern und internationalen Festivals gelobt, in Frankreich verehrt und von der spanischen Öffentlichkeit ignoriert, liefert Serra Argumente für Stierkampf- und Anti-Stierkampf-Fans gleichermaßen. Er verfolgt den Matador Andrés Roca Rey in der Intimität seines Hotelzimmers und bei den Transporten zur Stierkampf-Arena mit seinem Cuadrilla. Insgesamt 14 Stierkämpfe filmte er in Arenen wie Las Ventas, Maestranza und Vista Alegre, aus denen er sechs Stiere auswählte, die der Stierkämpfer im Laufe von zwei Stunden tötet. Viele erwarteten einen Dokumentarfilm gegen den Stierkampf, doch der Regisseur von "Honor de cavalleria" bekennt sich zu seiner "Faszination für den Mut und das Engagement" derer, die jeden Nachmittag ihr Leben riskieren. Der stets provokante Serra hob die künstlerische Bedeutung des Stierkampfes hervor. Auch wenn es mehr als zehn Jahre her ist, dass das katalanische Parlament den Stierkampf verboten hat, rechtfertigt der bekannteste katalanische Regisseur diese fragwürdige Schlächterei. Das er einen guten Film gemacht haben kann, steht auf einem anderen Blatt.
ANMERKUNGEN:
(1). Der Artikel basiert auf einem Interview der Tageszeitung Gara: “Con la del 60º aniversario, es la edición más fuerte por presencias y por la Sección Oficial“ (Neben der 60. Jubiläums-Ausgabe ist es die stärkste Ausgabe in Bezug auf die Einladungen und die offizielle Film-Auswahl), 2024-09-20 (LINK)
(2) El llanto (Der Schrei). Regisseur Pedro Martín-Calero, 2024. Genre: Horror, Intrige. Premiere: Festival Zinemaldia Donostia- San Sebastián 2024.
Nominiert für die 'Concha de Oro' (Goldene Muschel), bester Film.
(3) Kimuak (baskisch: Keim oder Ableger) wurde 1998 mit dem Ziel gegründet, die Produktion baskischer Kurzfilme zu fördern und international zu verbreiten.
(4) Elías Querejeta Zine Eskola ist ein internationales Zentrum für Denkansätze, Forschung, experimentelle Praxis und pädagogische Innovation hinsichtlich der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Kinos. Es wurde 2017 gegründet und hat seinen Sitz in Donostia-San Sebastian.
(5) Filmoteka Vasca: Die Baskische Filmbibliothek wurde 1978 von mehreren Regisseur*innen yusammen aus dem Bedürfnis heraus gegründet, das audiovisuelle Erbe des Baskenlandes zu bewahren.
(6) “Tengo alegría pero no espíritu de celebración tal y como está el mundo“ (Ich bin froh, habe aber keinen Grund zum Feiern, so wie die Welt aussieht), Tageszeitung Gara, 2024-09-20 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Zinemaldia 2024
(2) Zinemaldia 2024
(3) Zinemaldia 2024 (gara)
(4) Zinemaldia 2024 (gara)
(5) Zinemaldia 2024 (gara)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-09-26)
